Die Gartenlaube (1872)/Heft 51

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Verschiedene
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
aus: Vorlage:none
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage: {{{AUFLAGE}}}
Entstehungsdatum: 1872
Erscheinungsdatum: 1872
Verlag: Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer: {{{ÜBERSETZER}}}
Originaltitel: {{{ORIGINALTITEL}}}
Originalsubtitel: {{{ORIGINALSUBTITEL}}}
Originalherkunft: {{{ORIGINALHERKUNFT}}}
Quelle: commons
Kurzbeschreibung: {{{KURZBESCHREIBUNG}}}
{{{SONSTIGES}}}
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
Die Gartenlaube (1872) 831.jpg
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


Inhaltsverzeichnis

[831]

No. 51.   1872.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich bis 2 Bogen.    Vierteljährlich 15 Ngr. – In Heften à 5 Ngr.



Was die Schwalbe sang.


Von Friedrich Spielhagen.


(Fortsetzung.)


„Ja, Du! der Du ihrer Mutter das Leben unmöglich gemacht hattest,“ entgegnete Gotthold, zu Brandow gewandt. „Oder dachtest Du, der Schlag, den Du auf die Mutter führtest, träfe nicht auch das Kind? an dem schnöden Gift, das Du jener in den Becher des Lebens träuftest, würde sich dieses nicht den Tod trinken? Du kannst es nicht gedacht haben, denn auf diese Liebe von Mutter zu Kind, von Kind zu Mutter hattest Du Deinen ganzen Plan gebaut; Du hast das Band, das Beider Seelen verband, für stark genug gehalten, Dein ganzes Schandgewebe von Lug und Trug, Verrath und Gewaltthat daran zu knüpfen. Noch einmal: wenn es stirbt – Du hast es getödtet. Mache Dir das klar, Mann, wenn Du kannst. Es ist so entsetzlich, daß Alles, was Du sonst gethan, harmlos dagegen ist; es ist so furchtbar, daß Du daran zur Besinnung kommen mußt.“

Gotthold machte ein paar Schritte durch das Gemach; dann blieb er wieder vor seinem Gegner stehen, der, den Kopf in beide Hände gestützt, zusammengesunken dasaß.

„Brandow, sie sagen, als ich damals, von Deiner Klinge niedergeworfen, vor Dir am Boden lag, habest Du noch einmal zugeschlagen. Es ist mir immer unmöglich gewesen, es zu glauben; es wird mir selbst jetzt noch schwer; aber, wie dem sei, ich kann Jemand, der hülflos am Boden liegt, er sei, wer er sei, und habe gethan, was er gethan, nicht den Todesstreich versetzen; aber die Hand kann ich einem Unwürdigen auch nicht reichen, es sei denn, daß er die seine hülfebittend nach mir ausstreckt. Denke daran, Brandow! vielleicht kommt der Moment früher, als Du jetzt für möglich hältst.“

Gotthold hatte das Gemach verlassen; Brandow saß noch in derselben Stellung, in sich zusammengesunken, mit stieren Augen vor sich nieder auf den Teppich blickend. Ein ödes Lächeln irrte durch sein bleiches Gesicht. „Das war eine schöne Predigt,“ murmelte er; „so recht erbaulich! Das hat er von seinem Vater, der Pfaffensohn! Und ich sitze hier, und lasse mich schlecht machen von dem elenden Schwätzer, dem verdammten Heuchler, und schleudere ihm nicht Alles, was er gesagt, zurück in sein scheinheiliges Gesicht! Pah!“

Er sprang auf und irrte durch das Gemach.

„Narretei, und abermals Narretei! Sie hat den Farbenkleckser nicht erst seit heut’ und gestern, sie hat ihn immer geliebt; sie hat es sich nie vergeben können, daß sie sich zu mir herabgelassen, die hoffährtige Prinzeß! Ich wußte es ja seit dem ersten Tage! Und das hätte ich ruhig einstecken sollen? thun sollen, als merkte ich es nicht? zufrieden sein sollen mit den Brocken, die mir hingeworfen wurden? Daß ich ein Narr gewesen wäre! Keiner an meiner Stelle hätte es gethan! und ich habe nur gethan, was Jeder an meiner Stelle gethan hätte! was Tausende thun, die noch nicht einmal meine Entschuldigung haben! Alma wäre schon längst ihrem albernen Manne weggelaufen, wenn ich sie hätte haben wollen, wenn ich nicht immer abgeredet hätte! Aber das wäre ja just das rechte Wasser auf ihre Mühle; läuft doch ihr ganzer Jammer darauf hinaus, daß ich es ihnen nicht leichter gemacht habe. Und hab’s ihnen doch jetzt leicht genug gemacht! Ich Narr, ich Narr! wie hätte ich sie zappeln lassen können, wie könnte ich sie zappeln lassen, wäre es nicht um das verdammte Geld! Sie haben mir den Stein in den Weg geworfen, daß ich darüber stolpern sollte, und ich habe ihnen den Gefallen gethan; und nun stehen sie da und triumphiren!“

Er lief in dem Gemache hin und her, wie ein gefangenes Raubthier.

„Aber es ist noch nicht aller Tage Abend. Es fehlte nicht viel, und ich hätte geflennt über das sentimentale Gerede, als ob Alles die lautere Wahrheit wäre, als ob sie das Kind nicht erzogen hätte, mich zu hassen, als ob es eine Spur von mir hätte, und nicht ebenso gut sein Kind sein könnte, und wahrscheinlich sein würde, wäre er schon damals der edle Hausfreund gewesen, als der er sich jetzt gerirt. Ich habe mich in’s Bockshorn jagen lassen, wie ein dummer Junge. Es kam zu plötzlich; ich war nicht darauf gefaßt; und daß der Hinrich sich wieder eingefunden hat, war ein schändlicher Streich. Wer hätte das denken können, nachdem der Kerl einmal die Dummheit begangen, allen Verdacht auf sich zu laden, und ich ihm hinterher noch die Hölle so heiß gemacht! Er soll es entgelten wenn er mir wieder einmal über den Weg läuft, der Schurke; er soll es entgelten! er und der salbadernde Pfaffensohn, und der alte Schnurrant und der verfluchte Jude und sie – sie –“

Er trat vor den großen Trumeau, der den Fensterpfeiler des Gemaches bedeckte.

„Ich war ihr nicht gut genug; so? Andere denken anders in diesem Punkte. Die Sache ist: ich hatte mich zu billig verkauft. Ein Kerl, wie ich, hätte ganz andere Ansprüche machen können; kann noch jeden Augenblick ganz andere Ansprüche machen, wenn ich auch eben aussehe, wie gestern Abend der Don Juan, als ihn der Teufel holte. Aber es ist nur das grüne Glas und die elende Beleuchtung.“

[832] Ein Klopfen an die Thür unterbrach ihn in seinem finstern Selbstgespräch. Es war ein Diener, der fragen sollte, ob Herr Brandow nicht bald wieder in den Speisesaal komme.

„Sogleich!“ sagte Brandow.

Er warf noch einen Blick in den Spiegel. „Ich sehe am Ende doch jämmerlich aus. Gleichviel! oder um so besser! Sie werden denken, ich ängstige mich für morgen, und desto leichter auf den Leim gehen, die Gimpel! und morgen Mittag habe ich meine Dreißig- oder Vierzigtausend im Beutel und – alles Andere ist nur Tand.“




34.


Der klarste Septembermorgen leuchtete über der alten Hansestadt, auf deren vielgewundenen Straßen es heute noch ganz besonders still war, so still, daß die Dienstmädchen, die müßig in den offenen Hausthüren standen, ungestört hinüber und herüber ihr jammervolles Schicksal beklagen konnten. War es denn nicht auch zu schändlich, an dem zweiten Tage – dem Haupttage, wo alle Welt und selbst der kleine Lehrbursche vom Schuster Bank draußen war – das Haus hüten zu müssen? Und vorhin war der Wagen von Fuhrmann Kopp zum sechsten Mal leer zurückgekommen und hielt jetzt bei Apothekers um die Ecke; aber die Fräulein machten immer einen so schrecklichen Staat und könnten nie fertig werden; es sei eine Sünde und Schande, wenn man bedächte, daß andere ehrliche Mädchen, die den Wagen gewiß nicht warten lassen würden, nicht einmal zu Fuß hinauslaufen dürften; aber wenn die Katze nicht zu Hause sei, tanzten die Mäuse über Tische und Bänke.

Die lustigen Dirnen, die sich einander immer mehr genähert hatten, faßten sich an den Händen und begannen, auf dem holperigen Pflaster aus dem Sonnenschein in den Häuserschatten, aus dem Schatten in den Sonnenschein herumzuwirbeln, und ließen sich dann mit Gekreisch los und flohen jede in ihre Thür, als jetzt aus dem stillen großen Nachbarhause der fremde Herr trat.

Gotthold hatte die ganze Nacht mit Cäcilien und dem alten Boslaf bei Gretchen gewacht, und die gute Stine war ab- und zugegangen. Ein paar Mal hatten sie geglaubt, der letzte Augenblick sei da; aber immer war die kleine röchelnde Brust, die Cäcilie an ihren Busen gedrückt hielt, wieder frei geworden, und sie hatte das holde Geschöpf aus ihren Armen wieder auf das Kissen gleiten lassen können, das kaum weißer war, als das zarte bleiche Gesicht. Nach Mitternacht hatte das Fieber ein wenig nachgelassen, und der Arzt, der am frühen Morgen schon gekommen, hatte gesagt, daß die Gefahr leider noch nicht vorüber sei, ein paar ruhigere Stunden aber in Aussicht ständen, und er dringend bitte, man möge diese Pause benutzen, um sich neue Kraft zu schöpfen, die man ja so nothwendig brauche.

Er hatte dabei den alten Boslaf angesehen; der alte Boslaf hatte freundlich gelächelt und gemeint, der Herr Doctor solle sich nur nicht um ihn sorgen; er sei das Nachtwachen gewohnt, und werde bald vollauf Zeit zum Schlafen haben. Aber Cäcilie, die voll zärtlicher Sorge für den alten Mann war, welchen sie jetzt immer nur Vater nannte, hatte darauf bestanden, daß er sich niederlegte; und auch Gotthold hatte sie fortgeschickt. Sie würde bis Mittag mit Ottilie Wache halten; sollte Gretchens Zustand sich verschlimmern, solle er sofort benachrichtigt werden.

Und da schritt er nun durch die stille Straße nach seiner Wohnung und sah die Mädchen, die lachend auf der stillen Straße tanzten, und sah den Sonnenschein, der um die altersgrauen Giebel so freundlich spielte, und die Schaar weißer Tauben, die unter dem leuchtend blauen Himmel ihre lustigen Kreise zog. Wie war sie so schön, die lichte Welt! wie rein und balsamisch die mildwarme Luft, die er in vollen Zügen einsog! wie schritt er trotz der durchwachten Nacht so leicht dahin! wie pulste ihm trotzalledem das Leben so kräftig in den Adern! und doch sollte das Dunkel siegen und der Tod! Wenn das Kind starb – Gotthold blieb schaudernd stehen – er hatte es so deutlich vor sich gesehen, das dunkle kleine Grab. Aber es war ja nur eben ein trübes Spiel seiner Phantasie; Gretchen lebte ja noch; sie würde genesen, sie hatte sich ja, das zarte Geschöpf, durch diese Schreckensnacht durchgerungen, und er durfte sich wohl sagen, daß er es war, der sie dem Leben wieder gerettet. So mußte sie denn auch ihm leben, mußte mit zarten reinen Händen den Schlußstein fügen in den Bau seines Glückes. War ihm doch bis hierher Alles über Erwarten gelungen! hatte doch selbst der Zufall ihm seine gnädigste Miene gezeigt! Wie hätte er noch vor wenigen Tagen auch nur zu hoffen gewagt, daß ihm der Gegner so schnell, so ganz in seine Hände geliefert werden, und er im Stande sein würde, zu sagen: dies soll geschehen, und so soll es geschehen; so, ohne Lärmen, ohne daß auch nur ein Unbetheiligter davon erfährt! Heute Abend bereits sollte der Unglücksmann nach Dollan zurückkehren, um das Geld, das er geraubt, zu finden, und morgen durch Wollnow an die Klostercasse abliefern zu lassen; und heute Abend sollte auch das Schiff nach England segeln, das seinen Gesellen mitnahm, der freiwillig erklärt hatte, hier sei seines Bleibens doch nicht mehr, und er gehe lieber heute als morgen nach Amerika, zumal wenn ihn die Herren so reichlich aussteuerten, wie sie ihm gesagt, und von ihnen wisse er, daß sie ihre Zusage hielten. So mußte denn binnen vierundzwanzig Stunden spätestens Alles geordnet und geebnet sein zu einer Basis, auf der man ruhig weiterbauen konnte.

Ein schwerer eiliger Schritt, der, in der Nähe seiner Wohnung, durch die menschenleere Gasse ihm entgegenkam, ließ Gotthold vom Boden aufschauen.

„Was giebt es, Jochen?“

„Er ist fort,“ sagte Jochen athemlos, „ich wollte eben zu Ihnen.“

„Seit wann?“

„Es wird schon eine Stunde oder so her sein; er sagte, er sei müde und wolle ein Bischen schlafen, während Clas und ich zu Frau Müller hinabgingen, die uns zum Frühstück eingeladen hatte. Na, Herr Gotthold, und da haben wir denn stillgesessen, und sie hatte eine frische Mettwurst, und wir dachten an nichts Arges, und unterdessen ist der Kerl zwei Stock hoch zum Fenster hinaus in den Garten, der ja an die Stadtmauer stößt, und die Pforte ist nie verschlossen und wir – können wirklich nicht dafür. Wenn ein Mensch einen nicht gerade ansehen kann, wie soll man da einem Menschen ansehen, daß er solche Kniffe im Kopf hat!“

„Eine Stunde, sagtest Du?“

Jochen nickte.

„Wo ist Clas?“

„Nach dem Hafen hinunter; es wäre doch eine Menschenmöglichkeit, daß er schon an Bord gegangen, um sich da ein wenig umzuthun.“

Gotthold schüttelte den Kopf. „Das ist äußerst unwahrscheinlich, nachdem, wie er weiß, Alles verabredet ist.“

„Was sollen wir thun, Herr Gotthold?“

„Lauf’ zu Herrn Wollnow und sag’ ihm, was geschehen, und daß ich zum Rennen hinaus wäre; und komme mir nach, so schnell Du kannst.“

Jochen blickte erstaunt auf. „Ja, wahrhaftig, Herr Gotthold, das wäre eine Menschenmöglichkeit; er hat gestern den ganzen Abend von nichts als dem Rennen gesprochen.“

Gotthold hatte bereits ein paar Schritte gethan, als Jochen hinter ihm herkam.

„Sie sind mir doch nicht bös, Herr Gotthold? und meinem Clas-Bruder?“

„Ihr guten dummen Kerls!“

Jochen sah sehr gerührt aus und wollte ohne Zweifel noch etwas sagen; aber Gotthold drückte ihm die grobe ehrliche Hand und eilte die Straße hinab dem Thor zu, vor welchem in nicht allzuweiter Entfernung von der Stadt der Rennplatz sich befand.

Er kannte den Weg nur aus der Beschreibung, aber derselbe war heute nicht wohl zu verfehlen. Je näher er dem Thore kam, desto zahlreicher wurden die Menschen, welche sich Alle eifrig nach derselben Richtung bewegten; die Vorstadtstraße, die man passiren mußte, hatte ein festliches Gewand angelegt. Die sehr bescheidenen, im Grün der Gärten halb versteckten Landhäuser waren heute mit Kränzen und Teppichen geschmückt; hie und da schauten unter schattigen Bäumen über staubbepuderte Ligusterhecken ein alter Herr oder ein Gärtner oder eine Kinderfrau mit dem Baby auf dem Arm bedauernd oder schadenfroh auf die in der Sonnenhitze Vorübereilenden. Manchmal rasselte auch einer jener langen, mit vier oder sechs Sitzen hintereinander versehener Holsteiner Wagen vorüber; leer, wenn er herein, mit Menschen überfüllt, wenn er hinausfuhr; und zwischen den glücklichen Insassen und den staubgequälten Fußgängern fehlte es selten, hinüber und herüber, an landesüblichen Witzworten.

[833] Gotthold hatte schon viele der Fußgänger überholt und eilte noch immer rastlos weiter. Es war ja freilich kaum zu hoffen, daß er oder Jochen den Mann in einer so großen Masse Volkes finden würden, zumal er sich offenbar nicht würde finden lassen wollen; aber daß sie ihn nur auf der Rennbahn suchen könnten, daran zweifelte er keinen Augenblick; und wie er jetzt auf der Spur des Flüchtlings dahineilte, wurde ihm immer banger um’s Herz, je klarer er sich alle die schlimmen Folgen machte, die nun hereindrohten. War Hinrich geflohen, um nicht wiederzukommen, um wieder der Herr seines Schicksals zu werden, und Brandow erfuhr es rechtzeitig, so würde er Alles zurücknehmen, was er zugegeben; der Kampf begann auf’s Neue, und mit einem Gegner, der nicht mehr überrascht werden konnte; wollte Hinrich nur eine Gelegenheit suchen, sich zu rächen, so war bei der brutalen Energie des Mannes Brandow keinen Augenblick mehr seines Lebens sicher, und zugegeben auch, daß Brandow ganz der Mann war, sich seiner Haut zu wehren, – es war doch Alles in Frage gestellt, was errungen schien, in erster Linie das Geheimniß, in welches das jammervolle Geschick der geliebten Frau einer frech-neugierigen Welt gegenüber sich bis jetzt so glücklich hatte hüllen dürfen.

Und immer schneller eilte Gotthold dahin; hoffend, nun bald sein Ziel erreicht zu haben; aber er bog aus einer der gartenumgebenen Straßen in die andere, die Vorstadt schien kein Ende nehmen zu wollen. Es sei noch eine halbe Stunde bis zum Rennplatz, erwiderte man ihm auf seine Frage.

Ein leichtes, von zwei wundervollen Pferden gezogenes offenes Wägelchen kam hinter ihm her und flog an ihm vorüber; er glaubte, das Gesicht des jungen eleganten Mannes, der den Sitz hinter dem Kutscher inne hatte, schon gesehen zu haben. Der junge Mann wandte sich nach ihm um, klopfte dann eifrig seinem Kutscher mit dem Stöckchen auf die Schulter; der Wagen hielt; der junge Mann sprang heraus und kam im schnellsten Schritte zu Gotthold zurück, mit der Hand winkend und schon von Weitem rufend: „Treffe ich Sie endlich!“

Eine Minute später saß Gotthold an der Seite des jungen Fürsten Prora; die Pferde griffen wieder aus, und bestäubte Fußgänger und Ligusterhecken, Gärten, Villen, Scheunen flogen rechts und links vorüber.

„Sie glauben nicht, wie ich mich freue!“ sagte der Fürst, Gotthold’s Hand noch einmal drückend; „oder Sie werden es glauben müssen, wenn ich Ihnen sage, daß ich eigens um Ihrethalben von Berlin, wo ich mit Schinkel in den wichtigsten Conferenzen über mein neues Waldschloß saß, herüberkomme, um Sie, von dessen Abreise aus Rom mir Graf Ingenheim geschrieben, und dessen Aufenthalt in unserer Gegend man mir aus Prora berichtet, zu suchen, zu sehen, zu sprechen, zu überreden, zu gewinnen – enfin: Sie müssen mir mein Waldschloß al fresco ausmalen. Ich will es; und wenn Ihnen das, wie ich annehme, kein Grund ist, nicht Nein zu sagen: Schinkel selbst will es, und da werden Sie wohl Ja sagen müssen. Er will Sie, niemand Anders als Sie; ‚ich kenne Niemand, von dem ich so überzeugt sein darf, daß ich mich mit ihm verständigen werde,‘ sagte er und war entzückt, als ich ihm sagen konnte, daß ich die Ehre Ihrer persönlichen Bekanntschaft längst gemacht und den köstlichsten Winter in Rom mit Ihnen verlebt habe. Ach, das göttliche Rom! aber Sie Tausendkünstler sollen es mir wiederzaubern, an die Wände meines nordischen Schlosses; in dem Speisesaale will ich nur römische, zum mindesten italienische Landschaften; alle heiter, sonnig, wie Sie sie so köstlich malen können, Sie ernster Mensch; und was die heimischen Landschaften angeht, die wir für den Waffensaal projectirt haben, so will ich Ihnen da gar nicht hineinreden. Das soll Ihnen ganz überlassen bleiben; da können Sie in Melancholie schwelgen trotz dem Dänenprinzen; vor Allem aber sollen Sie Ja sagen – wollen Sie?“

Der lebhafte junge Mann hielt die Hand hin, und ein Schatten flog über sein feines, liebenswürdiges Gesicht, als Gotthold einzuschlagen zögerte. Wie gern, wie freudig wäre er sonst einem so schönen, so ehrenvollen, so bedeutenden Rufe gefolgt, der ihm Alles zu erfüllen versprach, was sein Künstlerherz nur begehren konnte; aber jetzt, aber heute –

„Sie wollen nicht?“ sagte der junge Fürst traurig.

„Ich will, gewiß will ich,“ erwiderte Gotthold, die dargebotene Hand in tiefer Bewegung drückend; „ob ich können werde, das ist die Frage, die ich mir selbst stelle, und die ich in diesem Augenblicke kaum mit Ja zu beantworten vermag. Verzeihen Sie, Durchlaucht, wenn ich in Räthseln spreche; aber es giebt Stunden, Zeiten, wo wir uns nicht selbst gehören, wo wir unter dem Banne eines Schicksals stehen, dessen Gang wir weder beschleunigen, noch aufhalten können, und dessen Entscheidung wir jedenfalls erst abwarten müssen, bevor wir uns selbst frei genug zu irgend einer Entscheidung fühlen dürfen.“

„Ich verstehe Sie gewiß nicht ganz,“ erwiderte der Fürst; „aber ich glaube zu verstehen, daß irgend etwas, das gewiß keine Bagatelle ist, auf Ihnen lastet; daß Sie ein großes Unglück gehabt haben, oder ein großes Unglück fürchten müssen; und da liegt denn die Frage so nahe, daß Sie sie mir verzeihen werden: ist es möglich, daß Ihnen Jemand helfen kann, und kann ich dieser Jemand sein?“

„Ich danke Ihnen, Durchlaucht; aber ich werde es wohl allein durchfechten müssen.“

„So will ich nicht weiter in Sie dringen; aber ich stehe jederzeit zu Diensten, vergessen Sie das nicht.“

Sie waren unterdessen zwischen den Häusern herausgekommen; vor ihnen auf dem unendlichen Wiesenplane in geringer Entfernung lag der Rennplatz mit seinen hohen Tribünen, der kleinen Stadt von Buden und Zelten, den langen Reihen der neben einander aufgefahrenen Wagen, dem dunkeln Gewimmel der schaulustigen Menge. Ein Reiterschwarm sprengte vorüber in sausendem Galopp; einer der Herren zügelte nicht ohne Mühe den schäumenden Renner und kam an den Schlag.

„Wie, Plüggen, Sie nicht dabei?“ rief der Fürst.

„Noch im letzten Augenblick Reugeld bezahlt, Durchlaucht, im letzten Augenblick! Zu sehr überzeugt, daß es heute gerade kommen würde, wie auf dem Derby vor vier Jahren. Mal in – ah, Gotthold, bon jour, bon jour! Dein Freund Brandow macht heut’ ein glänzendes Geschäft, verteufelt glänzend!“

„Wie weit sind sie denn? ich komme doch nicht zu spät?“

„Gott bewahre, Durchlaucht; das heißt, sie müssen in zehn Minuten hier sein. Wollte eben bis zum vorletzten Hinderniß; alle Welt da – furchtbare Spannung. Gerade wie auf dem Derby vor vier Jahren, als der Hurry Harry von Robin Hood aus der Drury-Lane –“

„Dann halten Sie sich nicht auf, Plüggen! à revoir heute Abend; fort!“

Gustav von Plüggen zog, mit einem etwas langen Gesicht, den Hut, warf sein Pferd herum und jagte seinen Gefährten nach.

„Sie kennen also auch diesen Brandow?“ sagte der Fürst. „Schade um den Menschen; hätte, glaube ich, das Zeug zu einem brillanten Reitergeneral gehabt: klarer Kopf, scharfes Auge, nie um Auskunftsmittel verlegen, und dabei persönliche Bravour bis zur Tollkühnheit; so, in diesen zahmen bürgerlichen Verhältnissen, ward aus ihm, fürchte ich, nichts viel Besseres als ein mauvais sujet. Aber schändlich ist es doch, daß sie ihm zum Tort das Stück Sumpfland in die Bahn gezogen haben. Ich höre, es ist nur geschehen, um den anderen Pferden wenigstens eine Chance zu geben, da man allgemein der Ansicht ist, daß ein Pferd von der Schwere des Brownlock das Moor nicht passiren kann.“

„Er wird es passiren, Durchlaucht,“ sagte Gotthold; „Sie können darauf eine Million verwetten.“

„Wie kommt Saul unter die Propheten?“ rief der Fürst lachend. „Seit wann sind wir denn solche Kenner in horse-flesh? da müssen Sie mir zur Seite bleiben und mir als Einbläser dienen, wenn ich, notorischer Dilettant in diesen edeln Künsten, Gefahr laufe, durch die Lücken meiner Einsichten zu brilliren.“

„Ich bin überzeugt, daß Durchlaucht –“

„Sie wollen mich los sein, ich verstehe. Nun, ich bin auch schon sehr zufrieden, daß ich Sie gesehen und gesprochen habe. Ich bleibe noch drei Tage in Sundin, hernach eine Woche in Prora, wo Sie durchaus mein Gast sein müssen, selbst in dem Fall, mit dessen Vorstellung ich mir vorläufig die gute Laune nicht verderben will, daß Sie für mein Waldschloß keinen Pinselstrich malten. Hier wären wir; Sie kommen doch wohl sicher mit hinauf? Man kann die Sache am besten von oben sehen, und Ihnen einen guten Platz zu verschaffen, müssen Sie mir mindestens erlauben.“

Der Wagen hielt. Der Fürst sprang herab und begann, [834] ohne Gotthold’s Antwort abzuwarten, die Treppe der Tribüne hinaufzusteigen. Gotthold mußte dem liebenswürdigen Freunde, der es nicht anders erwartete, folgen; oben würde sich schon leicht Gelegenheit finden, sich ohne Unhöflichkeit zu beurlauben.

Treppe und Tribüne waren überfüllt; aber man beeiferte sich, dem Fürsten, der allgemein beliebt war, Platz zu machen, damit er zu ein paar Sitzen auf der vordersten der Bänke gelangen könne, welche man eigens für ihn und seine Begleitung leer gelassen hatte. „Ich glaube, Sie thun doch am besten, mir zu folgen,“ rief der Fürst, über die Schulter gewandt, lachend Gotthold zu; „Sie sehen, es ist hier wie auch sonst noch auf der Welt des Zeus: Alles weggegeben!“ Aber Gotthold konnte bereits nicht anders, als von der gegebenen Erlaubniß Gebrauch machen. Die schmale Gasse, welche sich in dem Gange zwischen den Sitzreihen für den Fürsten geöffnet, hatte sich längst wieder geschlossen; ja, man drängte noch hinterher, um möglichst in die Nähe des Fürsten zu kommen, und bald sah sich Gotthold umgeben von der glänzendsten Versammlung älterer und jüngerer Damen der Landaristokratie im höchsten Staat, von weißköpfigen alten Edelleuten, besternten Würdenträgern der Civilbehörden, hohen Militärs, Aller Mienen dankbar lächelnd und Alle sich neigend und beugend gegen den jungen Fürsten, der, sich selbst nach allen Seiten neigend und verbeugend, die ihm dargebrachte Huldigung lächelnd entgegennahm.

„Durchlaucht kommt gerade in dem rechten Moment; wir werden sogleich die Ersten dort hinter jener Hügelwelle auftauchen sehen; darf ich Durchlaucht mein Fernrohr anbieten?“ schrie der alte Graf Grieben mit seiner krähenden Stimme.

„Danke, danke; ich möchte Sie nicht berauben, die Sache geht Sie näher an als mich; das Ziel ist doch, wie alle Jahre, hier vor den Tribünen?“

„Ei gewiß, Durchlaucht, da kommen sie!“

Der Fürst hatte nun doch für einen Moment das Fernrohr von dem alten Herrn genommen; auf der Tribüne entstand ein Rauschen und Rascheln, und „da kommen sie!“ – „bitte, sitzen bleiben!“ ertönte es von allen Seiten; und Aller Augen, bewaffnete und unbewaffnete, suchten jetzt nur noch die langgestreckte Hügelwelle, welche Graf Grieben dem Fürsten bezeichnet hatte und auf der jetzt in der That gleichzeitig drei bewegliche Punkte sichtbar wurden, die mit für die gewaltige Entfernung großer Geschwindigkeit den Hügel hinabglitten und bereits wieder in einer Senkung des Terrains verschwunden waren, als auf genau derselben Stelle abermals vier oder fünf bewegliche Punkte erschienen, um ebenso den Hügel hinabzugleiten und in der Terrainsenkung zu verschwinden. Aber das Interesse des Publicums haftete fast ausschließlich an den ersten drei Punkten. Aus der Zeitintervalle zwischen dem Auftauchen dieser und der folgenden vier – von den Nachzüglern ganz zu schweigen – war schon jetzt mit Sicherheit zu schließen, daß nur aus ihnen der Sieger hervorgehen konnte; und obgleich man auch durch das schärfste Glas nur eben constatiren mochte, daß die drei beweglichen Punkte in vollster Carrière daherjagende Reiter seien, nannte man doch bereits mit aller Bestimmtheit zwei Namen; über den dritten Reiter war man zweifelhaft; Einige meinten, es sei Baron Kummerrow auf dem Hengist, während Andere auf des Grafen Zarrentin Rebecca, geritten von dem jüngeren Baron Breesen, wetteten.

„Aber die zwei Anderen, Durchlaucht, die zwei Anderen sind mein Curt und der Karl Brandow!“ schrie, feuerroth vor Aufregung und mit den Händen gesticulirend, der alte Graf Grieben so laut, daß man es auf der ganzen Tribüne hören konnte.

Graf Grieben! Karl Brandow! Wie ein Lauffeuer flogen die Namen von Mund zu Mund die Tribüne hinauf, die Tribüne und die Treppe hinab und lief über die wimmelnde Menge unten, die auf den Fußspitzen stand und die Köpfe reckte: Graf Grieben! Karl Brandow auf dem Brownlock!

Karl Brandow! Es durchschauerte Gotthold seltsam. Das war der Name, der, wie eines bösen Zauberers Wort, sein Leben verödet und verwüstet; der Name, an den sich für ihn so viel schlimmes Gedenken geknüpft hatte von der Jugendzeit her, und der früher und später und nun gar in diesen letzten Tagen ihm der Inbegriff alles Dessen gewesen war, was in dem Labyrinth der Menschenbrust gegen die Götter des Lichts sich aufbäumt und empört. Und hier klang ihm der Name entgegen von allen Lippen: Karl Brandow, Karl Brandow! wie eines Mannes, dessen Nahen schon Heil und Segen ausströmt; und schöne Augen leuchteten und aristokratische Hände bewegten schon ungeduldig die spitzenbesetzten Tüchlein, mit denen sie dem Sieger Willkommen winken wollten. Hatte der Mann, dem so ein ganzes Volk in athemloser Spannung entgegenharrte, vielleicht Recht gegen den einsamen Träumer, wenn er Alles und Jedes daransetzte, sein glänzendes Ziel zu erreichen: Geld und Ehre und Frauengunst? konnte man ihm, der so kühn jedes Hinderniß nahm, zumuthen, daß er sich durch eine fromme Rücksicht aus seiner Bahn lenken ließ? konnte man ihm, der sein Leben unbedenklich in die Schanze schlug, wenn um einen geringeren Preis der Sieg nicht feil war, konnte man es ihm verdenken, wenn er es mit dem Wohl und Wehe, ja mit dem Leben Anderer nicht so genau nahm, wie man es von dem ruhigen Bürger verlangt und verlangen kann?

Solche wunderliche Gedanken schossen durch Gotthold’s Gehirn, während seine Blicke, wie die Blicke aller der Tausende, an der Stelle des Terrains hafteten, welche von den Kundigen in seiner Nähe als diejenige bezeichnet wurde, auf der die Reiter wieder zum Vorschein kommen mußten. Und da waren sie auch schon – jetzt als Reiter auch dem unbewaffneten Auge wohl erkennbar, – und „Graf Grieben und Karl Brandow!“ schallte es von Neuem. Denn nur zwei Reiter tauchten zu gleicher Zeit auf, während der dritte bereits so viel Terrain verloren hatte, daß er volle dreißig Secunden später erschien. Auf ihn war nicht mehr zu rechnen. Bei der rasend schnellen Pace, in welcher die Pferde liefen, konnte eine verlorene Secunde nicht wieder eingebracht werden, geschweige denn die Ewigkeit von dreißig! Es handelte sich nur noch um den Brownlock und die Bessy, die beiden Pferde, auf die man vom ersten Moment an sein Augenmerk gerichtet, auf die man hinüber und herüber bis zum letzten Augenblick ungeheure Summen gewettet. Würde der Brownlock siegen? würde die Bessy es davontragen? Niemand wagte es zu entscheiden, Niemand mehr eine Wette anzubieten oder anzunehmen; man wagte kaum noch zu sprechen, sich zu regen, so hatte die ungeheure Spannung Alle gefesselt. Stand doch die Zunge der Wage, ohne auch nur im Mindesten hinüber und herüber zu schwanken! War die Bessy, wie man allgemein behauptete, das schnellere Pferd, so hatte Brandow’s allbekannte Reitkunst den Unterschied auszugleichen gewußt; Kopf an Kopf – man konnte die mehrfach sich schlängelnde Bahn von der Tribüne aus so deutlich wie die Linie auf einer Landkarte verfolgen – sprangen die Pferde über die viertletzte, die drittletzte, die vorletzte Hürde; Schenkel an Schenkel nahmen die Reiter das letzte Hinderniß, eine sechs Fuß hohe Mauer, daß ein Ruf der Bewunderung durch die wogende Menge brauste. Und dann wieder athemlose Stille. In der nächsten Minute mußte es sich entscheiden. Hinter der letzten Hürde folgte eine Strecke von ungefähr fünfhundert Schritten vollkommen ebenen Terrains; dann kam das durch bewimpelte Stangen ringsum markirte, mehrere Morgen große Moorland. Gewann der Brownlock auf dem ebenen Terrain nicht einen namhaften Vorsprung, so war er verloren, denn die Bessy – das wußte man – ging leicht wie ein Reh über das Moor, und der Brownlock blieb entweder stecken oder mußte einen Umweg machen, der ihm wieder seinen Vorsprung und dann ganz gewiß den Sieg kostete.

Aber der Brownlock gewann keinen Vorsprung, nicht einen Fuß, nicht einen Zoll; Kopf an Kopf jagten sie über die erste Hälfte, und jetzt kam die Bessy vor, eine halbe, eine ganze Pferdelänge, zwei, drei, ein halbes Dutzend Pferdelängen. – Die auf den Brownlock gewettet, wechselten die Farbe, aber auf der Bessy stand die hundertfache Summe; sie warfen sich triumphirende Blicke zu; zu sprechen hatte Keiner die Zeit; schon näherte sich die Bessy dem Rande des Moores: man sah, wie ihr Reiter sich im Sattel wandte, die Entfernung zwischen ihm und dem Nebenbuhler zu taxiren; und jetzt jagte er links ab, am Rande des Moores hin – „famoser Junge,“ schrie der alte Graf Grieben; „breiter, Durchlaucht, breiter da; aber festerer Grund, und hat ja Zeit! Der Brownlock kann’s nicht mehr holen, hurrah!“ rief der enthusiastische alte Herr, seinen Hut schwenkend. Und „Hurrah, hurrah!“ schallte es durch die leicht bewegliche Menge, die eben noch dem Brownlock zugejubelt hatte; „Bessy siegt, Brownlock verliert! Hurrah!“


(Schluß folgt.)


[835]
Die Gartenlaube (1872) b 835.jpg

Eine Robinsonade auf dem Korallenriff.
Nach einer Skizze von M. E. Plankenau.

[836]
Eine zahme Robinsonade.

Aus meinem Tagebuche, von M. E. Plankenau.

(Mit Abbildung.)


Am 23. Mai 1867 verließen wir mit unserm Schooner „Ricardo“ den Hafen von New-York und segelten wohlgemuth nach dem sonnigen Süden. Unser Ziel war Baracoa, am Ostende der Insel Cuba gelegen, wo wir eine Ladung der vielbegehrten Tropenfrüchte für New-York einnehmen wollten.

Den treuen Lesern der Gartenlaube ist unser kleines Fahrzeug schon bekannt; es ist dasselbe, in dem ich jenen furchtbaren Hurricane erleben sollte, den ich schon im Jahrgange 1870, Seite 153, geschildert habe. Am Bord befand sich fast die nämliche Bemannung; der alte Capitain führte das Schiff, und sein treuester Begleiter, der riesige Neufundländer Hund, von dem er stets behauptete, daß er jeden Curs genau kenne, war ebenfalls anwesend; nur eine Persönlichkeit war überzählig und doch der Liebling Aller: Mary, des alten Graukopfs jüngstes Töchterlein, ein blondköpfiger Backfisch und ein Wildfang von reinstem Wasser. Die hellen Röckchen derselben waren überall im Schiffe zu sehen, und an Mary lag es sicherlich nicht, wenn sie noch nicht hoch oben auf den Masten geflattert hatten; das aber erlaubte „Pa“ nicht, trotz der inständigsten Bitten, und Mary mußte sich begnügen, auf dem Bollwerke sitzend, sehnsüchtig nach der luftigen Höhe unserer Mastbäume oder in die Ferne zu schauen und mit den Häckchen gegen die Planken zu trommeln.

Um die Kette der Bahama-Inseln zu passiren, hatten wir den Caicos-Canal gewählt, in dessen Mitte, zwischen den Inseln Acklin und Inagua, sich ein gefährliches Hinderniß befand, ein Korallenbau, das Hogsty-Riff. Am Abend des 4. Juni mußten wir ganz in der Nähe desselben sein und hielten doppelt scharfe Wacht, während unser Schooner, vor einer günstigen Ostbrise leicht zur Seite geneigt, mit gleichmäßigem Rauschen die Fluth durchschnitt. Es war stockfinster geworden, und ein leichter Dunst ließ uns zuweilen kaum eine Schiffslänge weit irgend Etwas erkennen; dennoch hielten wir die Gefahr nicht für groß, da bis unmittelbar zum Riffe für uns genügende Wassertiefe vorhanden war und wir bei so günstigem Winde, sobald das weiße Wasser der Brandung durch die Nacht leuchtete, unsern Schooner sofort umlegen und das Hinderniß umsegeln konnten.

Der Capitain war selbst nach vorn gegangen; nach einem letzten Rundblicke und einem scharfen Hinausforschen in die Dunkelheit wandte er sich eben zurück, als plötzlich gerade unter uns ein kurzes dumpfes Rumpeln das ganze Fahrzeug erbeben machte. Einen Moment standen wir wie gelähmt – selbst der Unerfahrene begreift sofort die volle Bedeutung dieses Geräusches – dann sprangen wir instinctiv nach dem Tauwerk der Segel. Umwenden war unsere einzige Rettung; aber ehe noch der vorwärtsschießende Schooner dem Drucke des Steuers gehorchen konnte, ertönte schon das ominöse Rumpeln von Neuem; ein langer Wellenkamm hob uns empor, trug uns eine Strecke vorwärts und setzte, sich in glänzenden Schaummassen überrollend, den Schooner so unsanft auf festen Boden nieder, daß wir fast Alle das Deck maßen. Der vordere Topmast brach mit lautem Krachen und kam mit seinem Tauwerk prasselnd von oben; schwerfällig fiel das Fahrzeug zur Seite: wir saßen fest, mitten auf dem Hogsty-Riff.

Der plötzliche, jede weitere Bewegung hemmende Stoß hatte endlich auch Mary aus dem festen Schlummer glücklicher Jugend erweckt, und weiß wie eine Schneeflocke wirbelte sie an Deck und zu ihrem „Pa“. Ein Blick gab ihr die Gewißheit, daß wir gescheitert waren, aber zu hoch und trocken zum Ertrinken lagen; ein zweiter gab ihr die für eine angehende Dame noch schrecklichere Gewißheit, daß sie sich in einer überaus tropischen Nachtkleidung befinde, und schnell und stumm, wie sie gekommen, flog sie wieder davon und tauchte in die Kajüte hinab. – Nachmals habe ich mit der lieben jungen Freundin noch oft recht herzlich über dies kleine Intermezzo gelacht, von dem sie immer schelmisch behauptete, es sei ein Traum überreizter Phantasie gewesen; denn in so stockfinsterer Nacht lasse sich überhaupt nichts sehen, nicht einmal die mächtige Brandung, viel weniger ein kleines Mädchen. Dieser Vorwurf mußte immer treffen, denn es war und ist unbegreiflich, daß wir nicht eher „weißes Wasser“ sahen, als bis das Schiff mitten drin war.

Besonders gefährlich war unsere Situation vorläufig keineswegs, wir hatten weder Sturm, noch schwere See; zuweilen nur hob sich eine lange Welle an der Außenseite des Riffes und rollte schäumend und rauschend über dasselbe hinweg, unsern Schooner rüttelnd und schaukelnd, oder auch einige Fuß weiterschiebend. Ohne weiteres Zögern machten mir uns nun während der Nacht daran, das Cargo über Bord zu werfen, um unser Fahrzeug möglichst zu erleichtern.

Als der Tag graute, war unser Werk kaum halb gethan, erschöpft hielten wir inne, um zu rasten und Umschau zu halten. Etwa hundert Schritt westlich von uns lag eine kleine Insel mit einem räthselhaften verfallenen Gemäuer; sie war vollständig öde, nur Tausende von Seevögeln umschwärmten ihren gemeinschaftlichen Ruheplatz. Wir hatten einen sogenannten Key vor uns, ein Inselchen, welches den Abschluß auf dieser Seite des Korallenriffes bildete. Dieses selbst erstreckte sich in einer zwischen vielleicht zweihundert und fünfhundert Fuß schwankenden Breite und an vielen Stellen kaum vom Wasser bedeckt in weitem Bogen nach Osten, dann nach Süden und krümmte sich endlich wieder nach Westen, wo in weiter Ferne ein zweiter Key das Ende des hufeisenförmigen Riffes bezeichnete. Innerhalb desselben befand sich eine ruhige Lagune, in welcher nur hier und da die Farbe des Wassers eine Untiefe verrieth und welche nach Westen hin, zwischen den beiden Inseln hindurch, eine bequeme und sichere Aus- und Einfahrt hat. Im Uebrigen war nichts zu sehen als Himmel und Wasser.

Der Schooner lag mitten auf dem hier kaum dreihundert Fuß breiten, fast ebenen compacten Felsen an der nördlichen Biegung des Walles und während der Ebbe in durchschnittlich zwei Fuß Wassertiefe. Auf improvisirter Leiter konnten wir über Bord steigen und bequem das ganze Fahrzeug umwaten; es hatte nirgends schlimme Beschädigungen erlitten, nur das Ruder war angesprungen und aus seiner unteren Befestigung gelöst, ebenso ein Theil der Kupferung vom Schiffsbauche abgerissen. Nach kurzer Orientirung fuhr der Capitain mit einem Theil der Leute im Boote nach der nahen Insel, und wir dehnten, in dem klaren warmen Wasser umherwatend, unsere Untersuchungen indessen auf größere Strecken des Riffes aus und zwar zum Nachtheil unserer Fußbekleidung, der von dem scharfkantigen Gestein übel mitgespielt wurde.

Mary, welche mit dem Hunde allein an Bord geblieben war, nahm sich unterdessen die, wie ihr dünkte, durch die Verhältnisse gerechtfertigte Freiheit, flink wie ein Eichhörnchen in den Wanten der sehr schräg liegenden Masten emporzuklettern – natürlich nur in der liebenswürdigen Absicht, uns vor sich etwa nahenden Haifischen zu warnen. Leider hatte sie den Spruch nicht beachtet: Bedenke das Ende! Als es Zeit wurde, wieder herabzusteigen, war dies leichter gedacht als gethan. Die Höhe erschien ihr auf einmal ganz ungeheuer, und wenn das Aufsteigen auch den Reiz der Neuheit hatte, das Niedersteigen auf schmaler schwankender Strickleiter und mit den so hinderlichen Röckchen schien doch gar zu schwierig; so saß sie denn rathlos oben auf den Kreuzhölzern, die sich lange schon wundern mochten ob des seltenen Besuches. Es war eine verzweifelte Situation für die arme Mary und sie fühlte sich immer unbehaglicher in ihrer selbstverschuldeten Gefangenschaft; endlich blieb nichts Anderes übrig, als den Wildfang herabzuholen – und sie hielt mich merkwürdig fest umschlungen während der Niederfahrt. Der anlangende „Pa“ durfte sich wohl mit der Versicherung begnügen, daß sein unternehmendes Töchterchen zum ersten und letzten Male einen Mast bestiegen habe. –

Die Insel war vortrefflich geeignet, uns als Stapelplatz für die noch vorhandene Ladung zu dienen; in dem ruhigen flachen Wasser war die Ueberführung letzterer, welche zum größten Theil aus Bauholz bestand, nicht schwierig. Konnten wir den Schooner nach seiner Erleichterung nicht wieder flott machen, so blieb [837] nichts übrig, als im Boote nach der Insel Inagua zu segeln und von dort Hülfe zu holen.

Am folgenden Tage war der Rest der Ladung auf dem Eiland geborgen und wir begannen uns dort häuslich einzurichten. Unser kleines Reich umfaßte nur wenige Acker Land. Von einem flachen sandigen Strande, welcher nach Westen sich ungefähr zweihundert Schritte weit als eine schmale niedrige Sandzunge fortsetzte, erhob sich ein kleines länglich rundes Plateau, dessen ebene Oberfläche vielleicht zehn Fuß über Fluthmarke lag und spärlich mit Gras und niedrigem Gestrüpp bewachsen war; nur zwei dünne, kaum mannshohe Cedern bemühten sich auf diesem Sandhaufen einen Wald darzustellen. Das schon erwähnte Gemäuer erwies sich als ein niedriger, massiv aus Korallengestein aufgemauerter halbverfallener Thurm, von dessen ehemals wahrscheinlich trichterförmig vertiefter Zinne eine noch vorhandene enge Durchlaßöffnung das aufgefangene Regenwasser nach einer dicht daneben befindlichen sauber ausgemauerten Cisterne geleitet hatte. Durch einen Hurricane war das gesammte Bauwerk wahrscheinlich zertrümmert, die Cisterne in Folge dessen längst überflüssig. Auch Spuren von früheren Schiffbrüchigen fanden wir: einen Feuerheerd, Stücke von eisernen Faßreifen, ein verrostetes Messer, zerbrochene Thonpfeifen, Fetzen von Segeltuch und am Westende des Plateaus drei einsame Gräber. Ein Theil der Thurmtrümmer war an diesem in Form einer rohen Mauer aufgebaut und mochte Unglücklicheren, als wir waren, einen kümmerlichen Schutz gewährt haben. Uns wurde es nicht schwer, mit dem prächtigen Baumaterial, welches wir gerettet hatten, eine geräumige Hütte zu errichten und sie ganz behaglich auszustatten; ehe noch die Sonne zu Rüste ging, waren wir eingezogen. Während nun unser Abendessen am Feuer brodelte, schauten wir nach Neuigkeiten aus. Eine Menge schöner, wenn auch vielfach beschädigter Muscheln, Seeigelskelete, Schwämme, Seesterne von allen Formen und die Reste anderer wunderbarer Meeresbewohner waren überall am Strande von den Wellen ausgeworfen und wir halfen Mary eifrig beim Einsammeln derselben, immer neue und schönere Exemplare entdeckend. Auf der westlichen Sandbank waren große Massen von jenem schwimmenden Meerkraut, dem Sargasso, aufgehäuft, welches oft Wiesen von ungeheurer Ausdehnung bildet und mit den Strömungen fast alle Meere durchwandert – gleichsam als der ewige Jude der Pflanzenwelt.

Die erwähnte Landzunge schien auch der Schlafplatz für eine Unzahl von Seevögeln zu sein, welche sich allmählich einstellten und uns in dichten Schwärmen umkreisten. Ein Paar riesige Fregattvögel segelten, in stolzer Ruhe ihre mächtigen Schwingen breitend, hoch über der uns umwirbelnden Sippschaft; einen reizenden Gegensatz hierzu bildete eine wunderschöne zierliche Seeschwalbe, perlgrau mit schwarzem Köpfchen, welche so zutraulich war, daß sie unermüdlich von einem zum andern flatterte, eine Zeit lang über unseren Köpfen schwebend uns mit neugierigen klugen Augen musterte und dann mit leisem „Schirp! Schirp!“ wieder davon flog. – Nach und nach zogen die lärmenden Vogelschaaren ab; sie mochten wohl eingesehen haben, daß für sie und uns die Insel zu klein sei, und so durften wir auf eine ungestörte Nachtruhe hoffen.

Leider aber sollten wir das Thierleben unseres Asyles in noch viel unangenehmerer Weise kennen lernen, denn es gab auch noch Bewohner, die, selbst wenn sie Flügel gehabt hätten, uns schwerlich das Feld geräumt haben würden. Wohl hatten wir am Tage schon eine Menge der originellen Einsiedlerkrebse gesehen und waren genöthigt gewesen unsere Provisionen vor ihren beharrlichen Angriffen in Sicherheit zu bringen; auch die spinnengleichen Laufkrabben hatten wir in großer Anzahl vorgefunden – was aber nun folgen sollte, überstieg alle Begriffe.

Während die Schatten der Nacht sich um uns ausbreiteten, verzehrten wir gemüthlich unser Abendbrod. Mary, welche etwas aus der Hütte holen wollte, sprang in fliehender Eile wieder heraus, sich mit einem Satz auf ein Faß rettend vor den „ekelhaften Dingern“. Die Laterne zeigte uns bald die schöne Bescheerung. Die ganze Hütte wimmelte von Einsiedlerkrebsen und Laufkrabben, welche ganz ungestört ihren Einmarsch gehalten hatten; unsere Lagerstätten, Kleidungsstücke und sonstigen Utensilien waren mit den Eindringlingen bedeckt. Und immer neue Schaaren rückten heran, die ganze Insel war lebendig; in kleinen und großen Abtheilungen, wie Soldaten marschirten sie mühsam durch den weichen Sand, über Stock und Stein, langsam aber sicher vorwärtskommend: ein Heer von Gewappneten, von denen jeder mit seinem weichen Hinterleibe in einer irgendwo aufgelesenen ihm passenden Muschel saß, welche er gewissenhaft überall mit sich herumschleppte und in welche er sich bei drohender Gefahr auch mit dem gepanzerten Vorderleibe sofort zurückzog und die Oeffnung mit der einen großen querüber gelegten Scheere verschloß. Sie kamen vom Thurm, von umherliegenden Trümmern, sogar vom Ende der Insel nach unserem Lager in zahlloser Menge mit ihren Muscheln von Wallnuß- bis fast zur Faustgröße; über sie hinweg, neben ihnen vorüber rasselten wie leichte Cavallerie Hunderte von flinken Laufkrabben mit ihrer urkomischen Seitwärtsbewegung; wir hatten vollauf zu thun uns der Plagegeister zu erwehren.

Der Eingang zur Hütte wurde unten durch vorgenagelte Bretter abgeschlossen und an Dach und Hinterwand ringsum Sand aufgeschüttet, dann erst befreiten wir das also abgesperrte Innere gründlich von den unangenehmen Nachtgästen. Als wir uns endlich zur Ruhe begeben konnten, hörten wir mit schadenfrohem Behagen, wie das unermüdliche Heer, nach Zugängen suchend, in dichten Massen auf den Dachwänden über uns herumkrabbelte, bis zum Giebel aufstieg und von dort zuweilen wie eine förmliche Krabbenlawine lustig wieder hinabkollerte.

Am nächsten Morgen erblickten wir einen großen englischen Dreimaster kaum zwei Meilen entfernt, welcher unter vollen Segeln nach Norden steuerte, ohne sich um uns zu kümmern. Doch waren wir recht wohl bemerkt worden, denn als das Fahrzeug eine Wendung machte, da ließ der schlaue Brite ein großes Stück Segeltuch über das Hintertheil hinabhängen, um den dort befindlichen Namen des Schiffes zu verdecken.

Während wir dem davonsegelnden Fahrzeuge nachschauten und sein Verhalten lebhaft erörterten, hatte sich auch der Koch zu uns gesellt und vergaß beim Zuhören ganz das angerichtete Frühstück. So wurde uns denn auch noch die Ueberraschung, unsere Plagegeister an diesem in voller Thätigkeit zu finden – wäre die Kaffeekanne nicht so unzugänglich gewesen, so hätten wir in ihr statt des aromatischen Trankes sicherlich verbrühte Krabben und eine entsprechende Bouillon gefunden.

Unser schwarzer Kochkünstler begann in seiner Verzweiflung einen tragikomischen Vernichtungskrieg gegen seine speciellen Feinde zu führen, bis endlich die kluge Mary vorschlug, dieselben in die so wie so unbrauchbare Cisterne zu werfen. Diese eignete sich vortrefflich zum Krabbenzwinger, da sie nach oben sich verjüngte und ihre glatten Wände unersteiglich schienen. Wir begannen denn auch sofort die Jagd auf unsere Peiniger; der Koch ersann sogar geistreiche Fallen, indem er allerlei Gefäße mit Ködern versah oder mit Speckschwarte ausrieb, dieselben an leicht zugänglichen Orten aufstellte und, wenn sie voller Krabben waren, in die Cisterne entleerte. So warfen wir dieselben scheffelweise hinab, ohne uns jedoch Ruhe zu verschaffen; zu zahllos war das Heer unserer Feinde – der freundliche Leser möge dies daraus schließen, daß in meinem Tagebuche regelmäßig die lakonische Bemerkung wiederkehrt: „Die Krabben fressen uns fast auf.“

Am nächsten Tage entdeckten wir wieder ein Segel, welches von Osten her sich uns näherte; wir erkannten bald einen winzigen Schooner, dessen ganzes Aussehen verrieth, daß er mit Wreckers besetzt war, welche uns ganz sicherlich Hülfe brachten. Diese berühmten Wreckers der westindischen Inseln sind kühne, verwegene Männer, welche mit dem untrüglichen Instinct vielerfahrener Seeleute im wildesten Sturm mit ihren kleinen Fahrzeugen hinauseilen nach gefährlichen Orten, um gestrandetes Gut zu bergen. Sie kennen ihre ganze Inselwelt genau, alle Canäle, Bänke, Riffe, und schweifen rastlos umher, dabei auch fischend, Schildkröten jagend, versunkene Schätze hebend, oder Kaufmannsgüter transportirend, und führen ein unglaublich wildes, gefahrvolles Abenteurerleben. Ihre eigentliche Heimath sind die Inselchen der Florida-Riffe.

Der kleine Schooner – die „Evelina“ von Nassau, Capitain Nilson – segelte, von kundiger Hand geführt, bis dicht an die Insel, warf Anker und sandte ein mit Farbigen besetztes Boot herüber, in welchem sich ein Weißer befand: das Ideal eines stahlharten Seemannes, von hünenartiger Gestalt, mit einem prächtigen, von schneeweißen Locken umflatterten Kopf und freundlichen [838] blauen Augen. Nach kurzer Begrüßung und einer Schilderung des Unglücksfalles fuhren wir zum Schooner. Das Resultat der Untersuchung war ein günstiges: wenn kein Sturm ausbräche, würden wir spätestens bei der nächsten Springfluth loskommen, er (der Capitain) wolle uns mit seiner Mannschaft helfen; wir hatten dafür zweitausend Dollars Gold zu zahlen.

Da der beste Weg vom Riff herunter nach der Lagune führte, war es zunächst geboten, unser Fahrzeug umzudrehen, da wir es rückwärts nicht wohl bewegen konnten. Es begann nun eine emsige Thätigkeit: Anker und Kabel wurden ausgebracht, mächtige Flaschenzüge herbeigeschafft und daran verankert, Stützen und Böcke zum Schieben und Heben an der einen Schiffsseite befestigt und endlich der gesammte Apparat bei günstigem Wasserstande in Thätigkeit gesetzt. Leider stieg die Fluth noch nicht hoch genug und wir konnten mit äußerster Anstrengung vorläufig nur sehr geringe Erfolge erzielen. Doch sollte uns bald ausreichende Hülfe werden. Von Westen näherten sich drei Segel, welche das erfahrene Auge des Capitains der „Evelina“ sogleich als Wreckers erkannte, bald tauchte auch im Süden ein viertes auf und am nächsten Morgen fanden sich noch zwei weitere Fahrzeuge ein. Die kleine Flotte ankerte dicht an der Insel; die Führer derselben einigten sich schnell über ihren Antheil am Rettungsgelde und waren nun mit ihrer ganzen zweckentsprechenden Ausrüstung und ungefähr sechszig Leuten bereit, das Werk zu fördern.

Während die Schaar unserer Hülfstruppen ihre umsichtigen Vorbereitungen traf, segelten wir in unserem Boote am Riffe entlang, um uns diesen wunderbaren Korallenbau näher anzusehen. Die Nachkommen der kleinen Baumeister, die vor Jahrtausenden schon ihr Werk begonnen hatten, waren namentlich an der Außenseite des Riffes noch in voller Thätigkeit. Es war ein seltener Genuß, in das krystallklare Wasser wie in einen Zaubergarten hinabzuschauen, während wir langsam dahinglitten: die vieltheiligen Korallenzweige schimmerten in wunderbar duftiger Farbenpracht, Seeanemonen leuchteten wie einzelne Blüthen herauf, große und kleine Fische, mit den lebhaftesten Farben gezeichnet und oft höchst seltsam geformt, schlüpften zwischen dem Gestein hin und her. Seefedern, Sterne, Igel, Walzen von allen Größen und Formen und viele andere unnennbare Gestalten, welche man kaum für Thiere halten konnte, trieben dort ihr Wesen; häßliche nackende Polypen hingen in Spalten und Löchern und ließen ihre langen Fangarme spielen, unzählige Muschelthiere bis zur Größe eines Kopfes klebten am Gestein, aber der schmutzige Ueberzug ihrer Gehäuse ließ die Schönheit derselben, wie wir sie in Sammlungen bewundern, kaum ahnen. Die meisten derselben ließen sich in der Tiefe schwer vom Felsen unterscheiden; nur den wohlgeübten Tauchern, welche wir von den Wreckers requirirten, hatten wir es zu danken, daß wir eine reiche Auswahl prächtiger und tadelloser Muscheln zum Andenken mit uns nehmen konnten.

Bei den umsichtig getroffenen Vorkehrungen und den vielen Kräften, die uns zu Gebote standen, wurde es uns nicht mehr schwer, den Schooner während der nächsten hohen Fluth vorsichtig in die richtige Lage zu bringen und Alles zum Ablauf vorzubereiten. Die Anker und Kabel waren von Neuem ausgelegt worden, und da am folgenden Tage sich auch noch eine frische Ostbrise erhob, rückten wir nun mit jeder Welle erfreulich vorwärts, obgleich das Fahrzeug zuweilen recht unsanft aufsetzte und bedenklich arbeitete. Nach einigen Stunden schon erreichte der Bug das genügend tiefe Wasser der Lagune, und jede herankommende Welle schob den Kiel weiter vom Riff herunter. Kühn geworden, setzten wir endlich das Vordersegel; wuchtig legte sich der Wind gegen die Fläche desselben, uns mit ganzer Kraft helfend, und plötzlich, als wieder eine neue große Welle über das Riff rollte, da dröhnte wieder das dumpfe Rumpeln, das uns vor neun Tagen so ominös in die Ohren geklungen war, von unten herauf, und unter Jubelgeschrei glitt der Schooner wie vom Stapel in’s tiefe Wasser und schaukelte sich bald ruhig vor seinem Anker.

Allerdings war das Gebäude ziemlich gelockert und wir mußten eifrig pumpen, um das eindringende Wasser zu bewältigen, bald aber schlossen sich die Fugen wieder zum größten Theil, und am nächsten Tage konnten wir uns wohlgemuth einschiffen. Die Wreckers brachten uns die noch vorhandene Ladung wieder im Raume unter und schafften uns sogar die in seichtem oder tiefem Wasser verstreut umherliegenden schweren Stücke wieder herbei, so daß wir schließlich fast die Hälfte unseres Cargos noch retteten.

Wir nahmen nun Abschied von unserer Insel. Auf der Höhe des Thurmes befestigten wir in toller Laune ein weithin sichtbares Brett, auf welchem mit Oelfarbe kurz und bündig die Umstände unseres Verweilens verzeichnet waren, und auf die Rückseite dieser Votivtafel schrieben wir, auf Mary’s besonderen Wunsch, mit riesengroßen Buchstaben: „Beware of crabs!“ (Hütet Euch vor Krabben!) Das gutherzige Mädchen hatte nämlich den Gedanken nicht ertragen können, daß die armen Krabben, die uns doch nicht mehr schaden konnten, wie die bekannten beiden Löwen, im Zwinger einander bis auf die erborgten und gestohlenen Muscheln auffressen sollten; sie hatte deshalb ein paar lange Bretter schräg in die Cisterne geschoben, an welchen die Gefangenen schon lustig emporkletterten und bald, wenn sie nämlich Erinnerungsvermögen besaßen, vergeblich nach unserer Fleisch- und Kartoffelschüssel suchen konnten.

Am nächsten Tage segelte unsere kleine Flotte nach der Insel Inagua, wo wir beim Consul im Hafenstädtchen Mathewtown unsere Geschäfte abwickelten und von den Wreckers im besten Einvernehmen schieden. Dann nahmen wir mit Hülfe einiger Handwerker die nothwendigsten Reparaturen vor und lagen endlich nach wenigen Tagen wohlbehalten im kleinen, aber wunderschönen Hafen von Baracoa, unserem Bestimmungsorte.




Der Commerzienrath von Jena.


Charakterbild aus der Zeitepoche des Herzogs Karl August von Weimar.


Als die deutschen Fürsten auf dem Wiener Congresse saßen und gelegentlich die Rede auf die Merkwürdigkeiten ihrer Länder kam, soll Herzog Karl August von Weimar behauptet haben, er habe in seinem Lande nicht blos den gescheidtesten, sondern auch den närrischsten Mann.

Daß er mit dem Ersteren keinen Andern meine, als seinen Geheimrath, Johann Wolfgang von Goethe, wußten Alle gleich zu errathen. Wer aber war dessen närrisches Gegenstück? Bis gen Wien war freilich der Name des Mannes noch nicht gedrungen, aber in des Herzogs eigenem Lande und noch eine gute Strecke darüber hinaus kannte man den Mann, den Karl August meinte, den alten Wilhelmi in Jena, recht wohl, wenn auch nicht nach seiner Person, so doch nach seinen Reden und Werken.

Das Leben dieses Mannes ist, wenigstens in seiner Vaterstadt Jena, fast zur Legende geworden. Und wenn die Legende sich wesentlich auf dem Wege der mündlichen Ueberlieferung bildet, so waren hier die Grundlagen für dieselbe in der That gegeben. Denn die derben Schlag- und Stichwörter, in welchen die Eigenart des Mannes sich darstellte, eignen sich weit mehr zu einer mündlichen Fortpflanzung in geschlossenen Cirkeln als zu einer schriftlichen Wiedergabe. Die letztere würde, wenn sie streng sich an die Wahrheit halten wollte, wesentlich in Gedankenstrichen aufgehen müssen. Indeß ist die Totalerscheinung des Mannes eine höchst charakteristische, das Gepräge der ganzen Zeit wiedergebende. Es ist eins der vielen jetzt fast ausgestorbenen Originale, welche unsere alle scharf individuelle Entwicklung verwischende Zeit zu erzeugen nicht mehr im Stande ist. Rechnet man dazu die eigenthümlichen Beziehungen dieses Originals zu Karl August, welche uns das gleichfalls originelle Wesen dieses bedeutungsvollen, der Geschichte angehörigen Fürsten reflectirt, so erscheint eine kurze Reproduction dieser Erscheinung aus Weimars classischer Zeitepoche nach verschiedenen Richtungen gerechtfertigt. Wer war also Wilhelmi?

Es kann uns diese Frage Niemand kürzer und drastischer beantworten, als Wilhelmi’s Grabstein, der noch wohlerhalten auf dem unteren älteren Theile des Jenaischen Friedhofs steht. Es ist dieses Grabmonument gleichsam eine steinerne Visitenkarte, welche der Todte der lebenden Nachwelt in folgenden Worten vorhält:

[839] „Ich Immanuel Christian Wilhelmi, geboren am 3. September 1745, war Hofapotheker, Commerzienrath, auch einmal Posthalter, lebte beunruhigt von manchen Zweifeln, starb aber nicht unvorbereitet. Unwissenheit und Irrthum über das Jenseit ist das Loos der Menschen. Auf einen allmächtigen und allgütigen Gott vertrauend, habe ich aber einundachtzig Jahre gelebt und werde nun zu Staub und Asche.“

Die andere Seite aber meldet uns:

„Redlichkeit, Freundschaft, Liebe und Wein war sein Element und Wohlthun seine Uebung.“

Für noch Viele der Vorübergehenden steigt beim Anblick des Grabsteins aus der Erinnerung wieder das äußere Bild des drolligen Selbstbekenners auf. Sie sehen dann ihn deutlich in der Hofapotheke, auf der nordwestlichen Ecke des Marktes, im Fenster liegen, die hohe weiße Zipfelmütze über das Haupt tief herabgezogen, so daß von dem Gesicht fast nichts übrig bleibt, als die lange, mächtig große Nase, deren rosiger Anhauch durch den Contrast der weißen Mütze wesentlich gehoben wird, während unterhalb derselben der lange Stiel einer Thonpfeife hervorragt und auf der stark entwickelten Unterlippe bequem sich schaukelt. Durch die aufgeblasenen Dampfwolken aber dringt noch der stechende Blick von zwei lebhaften, großen Augen.

Dann taucht auch eine Erinnerung aus der eigenen Kindheit auf. Dann schreitet derselbe Mann, diesmal im Dreimaster oder niedrigen Hute, mit einer mächtigen Brustkrause, die aus der langen sogenannten Bratenweste hervorquillt, mit Kniehosen und kurzen Wadenstiefeln, an seinem Rohrstocke durch das alte Johannisthor, hinter ihm drein eine lärmende Schaar Kinder, welche ihn mit lautem Rufen „Wilhelmi! Commerzienrath!“ verfolgen, bis derselbe sich endlich derb fluchend umwendet, um – einen Regen von Zuckerplätzchen unter die Schaar seiner jugendlichen Verfolger zu werfen.

Dann sehen die noch lebenden Zeitgenossen auch wieder im Geiste die bekannte niedrige, breitspurige Jagdkalesche mit den Allstedter Rapphengsten auf dem Markte vor der Hofapotheke halten, in welcher der „alte Herr“, der allverehrte Fürst, in seinem Lande herumzufahren pflegte. Dann steigt dieser selbst in seiner wohlbekannten Pekesche mit der breitgestreiften Schirmmütze von dem Wagensitze. Und nun treten wir schon ein in den Sagenkreis, der sich um beide Personen gezogen hat. „Herzog Karl August geht zu Tische bei seinem Hofapotheker.“ Dies wäre etwa die Ueberschrift des ersten Capitels dieser Sagenreihe. Es war nicht das erste Mal, daß der Herzog bei einem seiner Unterthanen zu Gaste ging, geladen oder ungeladen, wie es Laune, Zufall oder Absicht eingaben. So trat er denn auch diesmal mit einer Selbsteinladung bei Wilhelmi ab.

„Hm! Hoheit müssen fürlieb nehmen mit einer schlichten Bürgermahlzeit!“ meinte Wilhelmi, dabei schlich aber ein pfiffiges Lächeln über sein Gesicht.

„Ich lasse mir nicht bange werden, Du wirst schon nichts Schlechtes essen,“ erwiderte der Herzog.

Als nun Mittagszeit gekommen war, trat Jungfer Rose, die Köchin und zugleich das Factotum des einer Hausfrau entbehrenden Hauses, mit einer mächtigen, dampfenden Schüssel herein, welche sie auf den Tisch setzte. Es waren Klöße von der bekannten großen, runden Thüringer Sorte. Aber welch verdächtige Farbe! Da war nichts zu spüren von der sonstigen blendenden Weiße. Tiefschwarz wie das Erdreich glotzten sie aus der Schüssel. Als sie dann auf dem Teller lagen, widerstanden sie hartnäckig nach allen Richtungen der Bearbeitung durch die Gabel. Weit hartnäckiger noch war der Widerstand, welchen sie der Arbeit der Zähne entgegensetzten. Der begleitende General von Seebach gab zuerst die Arbeit auf und schaute verlegen nach dem Herzog.

„Gelt,“ herrschte der Gastgeber ihn an, „an so ein Essen seid Ihr in Weimar drüben nicht gewöhnt. Die armen Bürger in Jena müssen froh sein, wenn sie’s noch alle Tage haben. Die Steuern und Abgaben, die wir zahlen müssen, damit Ihr drüben in Herrlichkeit und Freude leben könnt, werden alle Tage größer; da können wir kein Weizenmehl zu den Klößen nehmen.“

Karl August fand hierauf das Essen gar nicht so unschmackhaft und wußte sein Kloßexemplar glücklich hinunterzubringen. Seebach nahm dann auch seinerseits die Arbeit mit Todesverachtung wieder auf. Zuletzt löste aber doch beim Dessert der Commerzienrath Wilhelmi den Bürger Wilhelmi ab.

Der Herzog aber sann darauf, den ihm gespielten Streich seinem Gastgeber zu entgelten. Er war in solchen Dingen nicht lange verlegen. Als er andern Morgens vor der Hofapotheke wieder vorfuhr, um sich für die genossene bürgerliche Mahlzeit zu bedanken, sah Wilhelmi wieder in seinem stereotyp gewordenen Negligé zum Fenster heraus. Er lüftete ehrerbietigst die weiße Zipfelmütze.

„Komm herunter, Du kannst mit nach Deinem Garten fahren. Aber mach’ schnell!“

Wilhelmi erschien alsbald in der Thür, um sich wegen seiner Morgentoilette zu entschuldigen. „Steig nur auf! In Jena kennen sie Dich schon. Am Garten setze ich Dich ab!“

Ehe sich’s Wilhelmi recht versah, saß er schon auf dem niedrigen Wagensitze neben dem Herzoge. So komisch das Bild sich ausnahm: Wilhelmi in Zipfelmütze, Schlafrock, Unterhosen und Pantoffeln neben Seiner Hoheit dem Herzoge von Weimar, den Jenensern fiel es weiter nicht auf, sie hatten Wilhelmi nicht zum ersten Male so gesehen. Fort ging es also in gestrecktem Trabe durch die Johannis- und Wagnergasse zum Erfurter Thore hinaus. Als man an die Oelmühle kam, der gegenüber der Garten Wilhelmi’s lag, schickte der Letztere sich an, abzusteigen, aber die Pferde sausten in noch rascherem Tempo dort vorüber immer weiter das Mühlthal hinaus. Wilhelmi wetterte und fluchte, der Herzog schüttelte sich vor Lachen, daß der letzte Rest der bürgerlichen Klöße seiner Verdauung entgegenging.

Also zog nach zwei Stunden Wilhelmi in Schlafrock und Pantoffeln durch’s Kegelthor ein in die Residenz des Landes. Am Schloßhofthor wurde er vom Herzog gnädigst entlassen. Spornstreichs rennt er unter möglichster Vermeidung der inneren Stadt nach dem nächst gelegenen „Gasthof zum Erbprinzen“. Der Herzog hat ihn noch mit dem Blick verfolgt und schickt sodann an alle weimarischen Bekannten die Meldung, daß ihr Freund, der Commerzienrath Wilhelmi von Jena, im „Erbprinzen“ sie zum Frühstück erwarte, gleichzeitig läßt er an alle Fuhrwerksbesitzer die Weisung ergehen, Wilhelms kein Geschirr zu verabfolgen. Man kannte auch in Weimar die Gastfreundschaft und Noblesse des alten Wilhelmi und es beeilten sich deshalb seine Freunde, dem an sie ergangenen Rufe Folge zu leisten. Wilhelmi hatte sich indessen in einen Winkel des Gastzimmers zurückgezogen und harrte vergebens auf den Wagen, der ihn wieder heimwärts bringen sollte. Statt dessen kam nur die lange Reihe der guten Freunde mit dem Anspruche auf das Frühstück. Wilhelmi mußte nun wohl oder übel die Galacour in Schlafrock und Pantoffeln abhalten und, dem freigebigen Zuge seines Herzens folgend, ein auserwähltes Frühstück geben, dem er in der weißen Zipfelmütze präsidirte. Dann fuhr ein geschlossener Hofwagen vor, der den gefoppten Commerzienrath, der gaffenden Menge diesmal entzogen, wieder nach Jena in seine Hofapotheke beförderte.

Das war die Revanche Karl August’s für die schwarzen Klöße Wilhelmi’s. Die mündliche Chronik erzählt noch weiter von dergleichen dem Charakter jener „guten alten Zeit“ angemessenen Späßen.

So war – um wenigstens noch eines Erwähnung zu thun – Wilhelmi einmal zu einem Hofmaskenball eingeladen und hatte dabei mit Karl August gewettet, daß er in seiner Maske nicht werde erkannt werden. Er hatte sich’s Geld kosten lassen und einen der schönsten Maskenanzüge, einen Türken mit weitem seidenem Kaftan, der die Eigenart seiner Figur am besten verbarg, requirirt. Der Herzog hatte indeß leicht ausgekundschaftet, in welchem Gasthofe Wilhelmi abgestiegen war, und hatte die Kellner instruiren lassen, daß sie gelegentlich der Beihülfe beim Anziehen ihm einen Zettel auf den Rücken anhefteten, auf welchem mit Fracturschrift stand: „Commerzienrath Wilhelmi aus Jena.“ Der breite Kaftan bot hierzu eine geeignete Fläche und Wilhelmi gab dem Kellner, welcher behauptete, eine im Rücken aufgegangene Naht noch zustecken zu müssen, ein anständiges Trinkgeld.

In der sicheren Hoffnung, daß unter dem Turban und Seidentalar so leicht Niemand den Commerzienrath von Jena erkennen würde, trat er mit der Majestät eines Großsultans in den Maskensaal. Noch hatte er aber kaum einige Schritte [840] gethan, als es schon hinter seinem Rücken laut kichernd rief: „Commerzienrath Wilhelmi von Jena.“ „Wollt Ihr still sein, Ihr verfl–“ herrschte sich umdrehend der entlarvte Sultan den beiden neckischen, ihn verfolgenden Damenmasken zu. Schon aber rief man von der andern Seite vom Rücken her seinen Namen wieder, von allen Seiten umschwirrte ihn der „Commerzienrath Wilhelmi“. Endlich raffte er den Kaftan zusammen und ergriff vor seinem eigenen Namen die Flucht. Da zog aber die ganze Schaar der Masken lachend und rufend hinter ihm drein. Wie ein gehetztes Wild rannte er tobend und fluchend im Saale umher, bis er sich endlich durch eine Ausgangsthür rettete. Er hat nie wieder sich auf eine Wette mit dem Herzog eingelassen.

Wilhelmi spielte trotz der Späße, die man sich mit ihm erlaubte, noch keineswegs die Rolle eines Hofnarren. Er vergalt, wie wir bereits erfuhren, sehr oft mit gleicher Münze und entfaltete gegen Hoch und Niedrig die gleiche aus dem mächtigen Wahrheitsdrange seiner Natur hervorgehende Rücksichtslosigkeit. So nahm er, als er einstmals an den Hof bestellt war, wegen eingetroffenen fürstlichen Besuchs aber nicht gleich vorgelassen und deshalb ein Kammerdiener beauftragt wurde, ihn zu unterhalten und mit Wein zu regaliren, dies sehr schief, stand auf und ging mit den Worten: „Wenn Ihr mich jetzt nicht brauchen könnt, könnt Ihr ein andermal auch auf mich warten,“ zum Schlosse hinaus. Daß aber der Mann da eine verletzende Zurücksetzung empfand, wo die Hofleute Alles in bester Ordnung gefunden hätten, giebt uns wohl das Recht zu dem Schluß, daß beide Männer, der Herzog und der Bürger, ihre sehr häufigen Zusammenkünfte nicht blos zu Spaßmachereien benutzten, sondern daß wohl weit öfter der praktische Kopf und das grundehrliche Herz des Bürgers in ernsten Sachen vom Herzog zu Rath gezogen worden sei. Der Kern Wilhelmi’s ist zu tüchtig, um in ihm nur einen originellen und gutmüthigen Sonderling von derbster Sorte sehen zu dürfen.

Mit der Studentenschaft Jena’s stand Wilhelmi auf dem vertrautesten Fuße. Mehr als einmal trat er für ihre Interessen ein, gab den „armen Luders“ unter ihnen, um in seiner Sprache zu reden, Freitische und schoß ihnen, meist auf Nimmerwiedersehn, die Collegiengelder vor. Die Studentenschaft hielt es deshalb einmal an der Zeit, ihm öffentlich ihren Dank zu votiren. Man bringt ihm deshalb eines Abends ein Fackelständchen. Nach der Rede des Sprechers ertönte der hellerleuchtete Marktplatz von einem hundertfachen „Wilhelmi hoch! Hoch Wilhelmi!“ In der alten Hofapotheke blieb aber Alles still. „Standrede!“ rief endlich eine Stimme. „Standrede!“ wiederholte der Chorus der Fackelträger. Ohne Erfolg. In der Hofapotheke blieb’s stumm. Die „illuminirte“ Studentenschaar ließ sich aber so leicht nicht abspeisen, und die Rufe nach einer Rede drangen immer lebhafter hinauf nach den dunkeln Fenstern der Apotheke. Endlich, als der Sturm sich durchaus nicht legen wollte, erschien die bekannte weiße Zipfelmütze am Fenster. „Ruhe!“ gebot der Führer des Haufens. Rings Todtenstille. Da senkte sich droben die bekannte große Unterlippe nieder und unter der mächtigen Nase hervor quollen jene vier inhaltsschweren Worte, welche uns aus der ersten Ausgabe von Götz von Berlichingen als der Gruß des Letzteren an den Trompeter des kaiserlichen Executors bekannt sind, obwohl sie in den Cottaschen Goetheausgaben stets nur als ebensoviel Gedankenstriche sich präsentiren. Und als die Worte gesprochen waren, – schloß das Fenster sich wieder zu. Ueber den Markt hin brauste dröhnendes Gelächter und ein „Bravo Wilhelmi! Hoch Wilhelmi!“ ließ erkennen, daß man in Jena die kurze und bündige Standrede richtig zu würdigen verstand.

Hinter dieser grotesk-komischen Außenseite verbargen sich aber große innere Tugenden des Mannes. Nie verheirathet, machte er alle Bedürftigen zu seinen Kindern, und es war, als ob er darum nur ledig geblieben sei, daß dem Wohlthatsdrange seines Herzens keine Schranken gesetzt blieben. Alles, was bedrängt war und bei Behörden und sonst keine Hülfe mehr fand, ging in letzter Instanz zu Wilhelmi. Und in der That gelang es seiner großen Beliebtheit und ausgebreiteten Bekanntschaft, seiner Unerschrockenheit und am letzten Ende – seiner unwiderstehlichen Grobheit, Ziele zu erreichen, die auf dem gewöhnlichen Instanzenwege nicht zu erreichen waren. Um einer armen Mündel ihr in Frage gestelltes Vermögen zu retten, wandte er sich selbst nach Weimar an „Canzler, Räthe und Assessoren“, und es klingt ebenso muthvoll, als rührend, wenn er am Schlusse seines Gesuchs schreibt: „Sie sind die Herren, die am Ruder sitzen. Helfen Sie einer armen Waise und wenn es nur noch fünf Thaler herauszuholen wären, um dem Kinde ein Röckchen machen zu lassen.“

Alle Knauserei war ihm auf’s Tiefste verhaßt, Gastfreundschaft war die Losung des Hauses. Dieser Charakterzug kam namentlich bestimmend in Geltung bei Errichtung seines originellen Testaments.

Darin heißt es wörtlich: „Meinen Bruder und nächsten Intestaterben, den Hofbuchbinder W., habe ich recht lieb und würde ihm mein Vermögen am liebsten gönnen, wenn ich ihn damit glücklich zu machen wüßte; da ich aber überzeugt bin, daß er, wenn er auch mein ganzes Vermögen erhielte, doch nicht einen Bissen mehr essen oder ein Glas Wein mehr trinken würde, so würde seine Ruhe nur gestört werden, und ich werde daher zur Bezeigung meiner brüderlichen Liebe ihm nur ein Vermächtniß aussetzen.“

In diesem Testamente setzte er dann zu seinem Universalerben seinen früheren Provisor Rittler ein, nicht blos wegen der treuen Anhänglichkeit, die derselbe ihm bewiesen, sondern weil derselbe „in seiner Jugend auch ein armes Schindluder gewesen sei“. Wilhelmi wurde nämlich, um dies hier zu erwähnen, von der früheren Besitzerin der Apotheke, einer kinderlosen Wittwe, adoptirt. Er hatte als armer Currendschüler oft vor ihrem Hause gesungen und durch seine helle Stimme sich ihr Herz erobert. Mit Rücksicht darauf setzte er deshalb auch den Currendschülern ein Legat von vierhundert Thalern aus, wogegen dieselben verpflichtet sein sollten, jährlich an seinem Sterbetage ein paar Lieder an seinem Grabe zu singen.

Der Commerzienrathstitel, den er von seinem Herzoge erhielt, war deshalb auch nicht blos ein Ausfluß persönlicher Zuneigung. In dem Bestallungsdecrete heißt es vielmehr, er solle ihm beigelegt sein „mit Rücksicht auf die ihm nachgerühmte patriotische Gesinnung, welche derselbe bei verschiedenen Gelegenheiten zum Besten dortiger Stadt und des Armuths daselbst zu Tage gelegt, auch in der Hoffnung, daß er seine bekannte Devotion gegen Uns und Unser Herzoglich Haus fortsetzen und sich noch fernerhin um das Publicum verdient zu machen suchen werde“.

Die Summe seiner inneren Eigenschaften machte ihn denn auch, wie es in einem ihm zu Ehren gedruckten Liede heißt, „hochbeliebt bei Großen und bei Kleinen“ und verschaffte ihm gleichsam das Recht, nach Herzenslust grob zu sein und zu injuriiren. Jedenfalls hielt Karl August große Stücke auf Wilhelmi, nicht blos seiner Späße, sondern seines durchaus ehrlichen freimüthigen Charakters und seines sehr praktischen Verstandes wegen, der in schwierigen Fragen meist das Rechte traf.

Nur Einer war es, dessen Freundschaft sich Wilhelmi nie gewinnen konnte, das war sein großer Antipode – Goethe. Die sensible Natur und der feingebildete Geist des Letzteren, vielleicht auch die namentlich in der letzten Zeit seines Lebens stark zur Entwickelung gekommene Hocharistokratie seines Wesens wurden durch die Ausbrüche der elementaren Natur Wilhelmi’s empfindlich abgestoßen, und so erzählt sich die Legende, daß Beide sich geflissentlich auswichen, während die realistische Natur des Herzogs die Nähe des wunderlichsten seiner Unterthanen mit Vorliebe suchte.

Das Todesjahr Karl August’s (1828) war auch das Todesjahr Wilhelmi’s. Der letzten ihnen testamentarisch auferlegten Liebespflicht, „ihm einen Grabstein und zwar keinen lumpichten, sondern einen, der ihm und ihnen keine Schande macht, setzen zu lassen mit einer von ihm selbst verfertigten Grabschrift, die man versiegelt in seinem Pulte finden werde,“ sind, wie wir bereits andeuteten, seine Erben nachgekommen.

Nur an dem Stile der Grabschrift hat man wahrscheinlich mit Rücksicht auf Ort und Oeffentlichkeit gemodelt.

Wir wollen dagegen der Nachwelt das Original dieser Grabschrift nicht vorenthalten. Die im „Pulte“ vorgefundene versiegelte Grabschrift lautete folgendermaßen: „Ich Immanuel Christian Wilhelmi lebte voll von Zweifeln, aber nicht unordentlich; ich sterbe unschlüssig, aber nicht unvorbereitet. Unwissenheit und Irrthum sind Eigenschaften der menschlichen Natur. Ich vertraue auf einen Allmächtigen und Allgütigen Gott, erbarme Dich meiner; so habe ich über 79 Jahre gelebt, da heißt es, fahre hinunter in die unterirdische Erde und werde zu [841] Staub und Asche in der kühlen Erde, so lebt ewig Freundschaft, Lieb’ und Wein.“

So war also der fröhliche Lebemann, der Verehrer von Lieb’ und Wein, der rücksichtslose Humorist, am Ende seines Lebens noch unter die Zweifler und Philosophen gegangen.

Ob er aber auch „hinuntergefahren in die unterirdische Erde“, er konnte dort nicht lange ruhen. In den langen, dunkeln Gängen der Hofapotheke, die rings um das Hinterhaus derselben führen, ging er noch lange um als schreckendes und drohendes Gespenst für – uns Kinder. Und das war eine gute Zeit danach. Da hatte indeß der „alte Ritter“ die Apotheke auch wieder seinem treuen Provisor und Schwiegersohn Osann vermacht, dessen Lehrherr noch Wilhelmi war, und Haus und Gänge hallten wieder von den sonst drin ungewohnten Klängen lauter Kinderstimmen. Noch immer gehörte die Gastfreiheit zur Signatur des Hauses, und so sammelte sich um die beiden blühenden Söhne die ganze Schaar der Nachbarskinder, und wenn nun der Lärm und das Toben auf Flur und Gängen zu toll wurde, so rief es aus einer der vielen finsteren Stellen der bedeckten Holzgalerie, namentlich da, wo es hinaufging nach den Kräuterkammern, mit hohler Stimme plötzlich uns zu: „Ruhe, Ihr Rangen! Wilhelmi ist da!“ – und der Lärm verstummte wie durch ein Zauberwort. Eduard, der aufgeweckte älteste Sohn des Hauses,[1] wollte zwar herausgefunden haben, es sei die verstellte Stimme der alten Christiane, die uns immer die großen Butterbrode strich, oder Wilhelm’s, des langen Stößers; aber er hatte nicht Recht. Wir sahen von dem dunkeln Raume ganz deutlich die Figur des alten Commerzienraths mit Schlafrock und Zipfelmütze und mit der nach uns gerichteten drohenden Rechten sich abheben.

Fr. Helbig.


  1. Derselbe starb früh als Docent der Geschichte in Gießen in Folge ein gräßlichen Unfalls.




Die Kometen und die Erde.
Von Dr. Hermann J. Klein.


Die Kometen haben in früherer Zeit den Völkern große Angst und neuerdings den Gelehrten viel Kopfzerbrechen verursacht. Heute weiß man ganz genau, daß die Schweifsterne keine Zuchtruthen Gottes sind, daß sie auch zu Seuchen und Kriegen in keinerlei Beziehung stehen, aber ihr Wesen an und für sich hat viel Räthselhaftes für uns. Es sind in der That seltsame Weltkörper, diese Kometen. Unangemeldet steigen sie aus den Tiefen der Himmelsräume zu unserer Sonne hernieder, glänzen eine kurze Zeit am nächtlichen Firmamente und verlieren sich dann auf Nimmerwiedersehen. Nur eine ganz kleine Anzahl dieser „Gaststerne“ kehrt regelmäßig nach Ablauf einer gewissen Jahresreihe zurück; aber ihre heutigen Bahnen sind, wie hervorragende Astronomen glauben, vielleicht nicht die ursprünglichen, sondern im Laufe der Zeit durch die Anziehung der Planeten unsers Sonnensystems entstanden. Diese Kometen würden also hiernach gewissermaßen Eroberungen unseres Sonnensystems sein.

Obgleich die Zahl der mit bloßem Auge sichtbaren Kometen nicht groß ist, so muß doch aller Wahrscheinlichkeit nach die Menge dieser im Weltraum herumschwärmenden Himmelskörper eine beträchtliche sein; in der nächsten Umgebung unseres Sonnensystems circuliren gewiß Tausende. Man schließt dies daraus, weil überhaupt nur diejenigen Kometen für uns sichtbar sind, welche der Sonne und Erde verhältnißmäßig sehr nahe kommen, während andrerseits gar kein Grund zu der Annahme vorliegt, daß in größeren Entfernungen keine Kometen vorhanden seien. Man hat sich früher viel mit der Frage herumgeplagt, ob die Erde mit einem Kometen zusammenstoßen könne und welches die Folgen davon sein würden.

Da diese Gestirne aus allen Richtungen her sich gegen die Sonne hin bewegen und da ihre Anzahl beträchtlich ist, so kann die Möglichkeit eines Zusammentreffens mit der Erde nicht in Abrede gestellt werden. Die Rechnung zeigt, daß die Wahrscheinlichkeit eines solchen centralen Zusammenstoßes indeß außerordentlich gering ist, selbst eine sehr beträchtliche Annäherung eines Kometen an die Erde ist sehr unwahrscheinlich, und fände sie je statt, so könnte sie in Folge der raschen Bewegung beider Himmelskörper nur ganz kurze Zeit dauern. Wenn die Erde mit einem Kometen zusammentreffen soll, so muß sich dieser gleichzeitig an der Stelle befinden, welche unser Planet eben einnimmt. Der Astronom Weiß in Wien hat diejenigen Kometen zusammengestellt, bei welchen diese Bedingungen ziemlich nahe erfüllt waren, und was hat er gefunden? Weiter Nichts, als daß um dieselbe Zeit zahlreiche Sternschnuppen wahrgenommen worden sind. Sternschnuppen haben aber bekanntlich noch keinem Menschen etwas zu Leide gethan, ja zum großen Aerger der Naturforscher kommen sie niemals auf den Boden herab, sondern verschwinden Meilen hoch in der Luft.

Aber die Schweife der Kometen? Es ist wahr, diese sind in vielen Fällen von ganz respectablen Dimensionen, und wenn auch die kleinen Kometen keine Lichtschweife zeigen, so besitzen doch in anderen Fällen manche „Haarsterne“ Besen – wie die Chinesen die Kometenschweife nennen – von zwanzig Millionen Meilen Länge. Die Wahrscheinlichkeit, daß unsre Erde mit einem solchen Kolosse zusammentreffen könne, ist nicht ganz Null; aber wir dürfen uns über die Folgen einer solchen Katastrophe beruhigen. Die Rechnungen der Astronomen haben nämlich ergeben, daß der Fall schon dagewesen ist und Niemand etwas davon bemerkt hat. Die Kometenschweife sind keine compacten Körper, sondern Wesen von großer Feinheit, die wahrscheinlich aus Staub- und Dampftheilchen bestehen und deren durchschnittliche Dichtigkeit weit geringer ist als die unserer Luft in großer Höhe.

Der Kopf, die Nebelhülle mit dem Kerne, ist der wichtigste Theil des Kometen, von ihm geht der Schweif aus und zwar ist es merkwürdig, daß sich die Nebelhülle sammt dem Schweife in dem Maße vergrößert, als sich der Komet der Sonne mehr und mehr nähert. Daneben erkennt man mittelst kräftiger Fernröhre auch noch andere Veränderungen an den Kometenköpfen, z. B. ein Hin- und Herschwenken heller Lichtstrahlen, die fontainenartig mit dem Kerne aufsteigen, kurz, die Kometenköpfe erscheinen uns in der Sonnennähe stets im Zustande großartiger Revolutionen und diese nehmen an Ausdehnung ab, wenn der Komet sich wieder von der Sonne mehr und mehr entfernt. Solche gewaltige Veränderungen können aber nach unserem heutigen Wissenszustande nicht wohl als ohne Lichtentwicklung vor sich gehend gedacht werden, und in der That hat man mittelst des sogenannten Spectroskops gefunden, daß die Kometen eignes Licht aussenden, daß sie bis zu einem gewissen Grade selbstleuchtend sind. Das Spectroskop hat uns sogar auch über die Natur der Substanzen belehrt, welche in den Kometen glänzen, und wir wissen, daß der Kohlenwasserstoff dort eine große Rolle spielt.

Es ist sehr schwierig, die zahlreichen an den Kometen wahrgenommenen Erscheinungen zusammenzufassen und eine ihnen genügende Theorie der physischen Beschaffenheit dieser Himmelskörper aufzustellen. Mehrere Forscher haben sich bereits daran versucht, aber Keiner mit solchem Erfolge wie der Leipziger Astronom Zöllner.

Ich müßte nun eigentlich dem wißbegierigen Leser eine Auseinandersetzung dieser Theorie geben; allein das ist eine außerordentlich schwierige Sache, wenn ich dabei nicht gewisse Vorkenntnisse voraussetzen will, was ich gegenüber der Mehrzahl der Leser nicht darf. Ich will daher den Kelch, welcher die Beziehungen zwischen Masse, Temperatur und Aggregationszustand (Verbindung der Theile) der Körper enthält, an dem Leser vorbeigehen lassen und gleich bemerken, wie Zöllner gezeigt hat, daß eine tropfbar flüssige Masse, welche sich durch den Weltraum bewegt, in der Nähe der Sonne alle diejenigen Erscheinungen darbieten muß, welche uns die Kometen in der That zeigen. Die Licht- und Schweifentwickelungen dieser Gestirne betrachtet Zöllner als Wirkung elektrischer Processe. Zur Erklärung der Kometenschweife macht dieser Gelehrte die Annahme einer bestimmten Sonnenelektricität, worauf auch gewisse andere Thatsachen hinweisen, und andererseits zeigt er, daß auf den Kometen eine ununterbrochene elektrische Erregung stattfinden müsse als Folge der ungeheuren Verdampfungs- und Siedeprocesse, welche die Sonnenwärme [842] daselbst hervorruft. Wenn man nun annimmt, daß die aus den flüssigen Kernen der Kometen entwickelten Dämpfe die gleiche Art von Elektricität besitzen wie die Sonne, so müssen diese Dampftheilchen abgestoßen werden und, schweifartig, eine von der Sonne abgewandte Richtung erhalten. Das findet bei den Kometen in Wirklichkeit statt, wie schon der alte römische Philosoph Seneca wußte. Der sagte: „Die Kometenschweife fliehen vor den Sonnenstrahlen.“ Auch die ungeheure Geschwindigkeit, womit sich bisweilen die Kometenschweife entwickeln, hat Zöllner als übereinstimmend mit seiner Theorie nachgewiesen, sowie er nicht minder das räthselhafte Penduliren der hellen Streifen oder Sectaren in den Kometenköpfen auf eine Wirkung der Elektricität zurückführt. Ich muß aber hier von der Zöllner’schen Kometentheorie abbrechen, um nicht zu sehr in’s Fachwissenschaftliche hinein zu gerathen; wer sich darüber weiter belehren will, den verweise ich auf mein Buch „Kosmologische Briefe“.

Nach dem Mitgetheilten wird keiner der geneigten Leser der Meinung sein, auf den Kometen lebten menschenähnliche Bewohner. Selbst wenn man von dem revolutionären Zustande der rohen Materie in jenen Weltkörpern absieht, so würden schon die großen Extreme von Hitze und Kälte, welchen die Kometen auf ihrem langen Laufe um die Sonne ausgesetzt sind, die dortige Existenz lebendiger Wesen von höherer Organisation sehr bedrängen. Der große Komet von 1843 z. B. kam der Sonne am 27. Februar jenes Jahres so nahe, daß die Hitze, der er ausgesetzt war, vierundzwanzigmal stärker sein mußte als diejenige im Brennpunkte jener riesigen Glaslinse, mit welcher Parker Carneol, Achat und Bergkrystall schmolz. Während des ganzen fünfzehnten und sechszehnten[WS 1] Jahrhunderts, als derselbe Komet sich in seiner größten Entfernung von der Sonne befand, war er dagegen einer so grausenhaften Kälte ausgesetzt, daß die Temperatur unsers Nordpols dagegen als recht angenehm erscheinen muß. Dasselbe Gestirn wurde am 27. Februar 1843 siebenundvierzigtausendmal stärker von der Sonne erleuchtet als unsere Erde; zu anderen Zeiten hat es Jahrhunderte hindurch finstere Nacht.

Daß unter solchen Verhältnissen an eine Bewohnbarkeit der Kometen nicht wohl gedacht werden kann, ist klar; auch besitzen gewisse „Haarsterne“ die üble Eigenschaft, daß sie sich von Zeit zu Zeit zu zertheilen pflegen, was ebenfalls für lebendige Wesen auf ihnen eine gewisse Unbequemlichkeit mit sich bringen müßte. Solche Zertheilungen kommen bei den Kometen thatsächlich vor, der sogenannte Biela’sche Komet z. B. hat sich im December 1845 fast unter den Augen der Astronomen in zwei Theile getrennt, die gleich fix und fertig waren, wohl mit Kopf und Schwanz versehen. Beide Gestirne entfernten sich mehr und mehr von einander, so daß am 11. Februar 1846 ihre größte Entfernung bereits vierzigtausend Meilen betrug, also fast dem Abstande unseres Mondes von der Erde gleichkam. Im Spätsommer 1852 kehrten beide Kometen der Uranusberechnung gemäß zur Sonne zurück, und es fand sich, daß ihre Entfernung voneinander bereits auf dreihundertfünfzigtausend deutsche Meilen gestiegen war. Mit Interesse erwarteten die Astronomen die weitere, für uns wahrnehmbare Rückkehr im Frühjahre 1866; allein die Kometen – kamen nicht. Es ist das der erste Fall dieser Art, den man kennt. Auch im gegenwärtigen Jahre sind die Kometen nicht wieder aufgefunden worden, obgleich sie, falls vorhanden, recht wohl hätten wahrgenommen werden können. Dafür aber hat man gegen Ende November eine außerordentlich große Anzahl von Sternschnuppen gesehen, und diese Sternschnuppen gehören einem Schwarme von kleinen Meteoren an, der sich in derselben Bahn um die Sonne bewegt, welche einst der Biela’sche Komet durchlief.

Wir dürfen daher behaupten, daß unsere Erde damals die Trümmer des Biela’schen Kometen durchwanderte, die bei dieser Gelegenheit als leuchtende Meteore am Himmelsgewölbe sichtbar wurden. Unbelauscht vollziehen sich so die großartigsten Veränderungen über unserm Haupte; wie der Blumenteppich auf grüner Au, so wandeln auch die Himmel ihr Antlitz, und in dem allgemeinen Kampfe widerstreitender Gewalten beharrt allein unvergänglich das leitende Gesetz.




 Ein Wunderborn, das deutsche Herz!

 (Mit Abbildung.)

Ein Wunderborn, das deutsche Herz! Gar schwer ist’s zu ergründen,
Von seiner Lust, von seinem Schmerz der Urquell schwer zu künden.
Es schwärmt so gern, in aller Fern’ die Welten zu ermessen,
Und kann doch seiner Kindheit Stern in keiner Welt vergessen.

5
Der Kindheit Stern, er wandelt mit, wohin das Ziel es locke; –

Da plötzlich hemmt den kühnsten Ritt die kleinste Abendglocke.
Aus ihren sanften Klängen webt das Heimweh seinen Schleier,
Auf dem das Herz hinüberschwebt zur Heimathabendfeier.

Und mahnet gar die Sternennacht an seiner Weihnacht Sterne,

10
Dann ist im Nu der Lauf vollbracht heim aus der weit’sten Ferne.

Die Lichter glänzen allerwärts, wo Kinderstimmen locken –
So komm auch du, mein altes Herz, und laß uns mit frohlocken!

Im Waldthal schläft die graue Stadt; wie aus Urvätertagen
Sie treu ihr Bild bewahret hat, seh’ ich die Giebel ragen;

15
Die Gassen noch so eng und krumm, wie ich sie einst verlassen, –

Und also schleich’ ich wiederum lustspähend durch die Gassen.

O, wie wird mir’ die Seele froh! Kein Wandel ist im Lieben!
Gottlob, die Kinder sind noch so wie ihre Lust geblieben!
Derselbe Baum, derselbe Tisch voll Christkind-Herrlichkeiten,

20
Dieselben Aeuglein fromm und frisch – durch alle, alle Zeiten!


So kehr’ auch ich als Kind zurück! – Ich such’ mein kleines Bette –
Ich schlafe nicht – verschlief ja leicht des Wächters Ruf und Mette!
„Ihr Kinderlein, wacht auf, wacht auf! Lieb Christkind kommt gegangen,
Die Kirchenthür steht mächtig auf, Euch Alle zu empfangen!“

25
Hui, auf! Und rasch in das Gewand, das Festgewand, das warme!

Das Kirchenlichtlein in der Hand, Gesangbuch unter’m Arme,
So ziehen wir die Gass’ entlang, ach, Vater, Mutter, Alle!
Wie heilig hallt der Glockenklang, wie strahlt die Kirchenhalle!

Da wimmelt’s in den Gassen hell, da grüßt’s von allen Seiten,

30
Die hohen Dächer glänzen grell, die Erker, die beschneiten,

Der Bildstock und das Feuerfaß am Brunnen eingefroren –
Doch mich durchwärmt mit Wonne Das: „Lieb Christkind ist geboren!“

Und nun hinein in’s Gotteshaus mit feierlichem Herzen!
O, wie sieht’s da erst herrlich aus von Lichtlein und von Kerzen!

35
Und wie erschallt „die neue Mär“, die uns beseligt heute:

„Vom Himmel hoch da komm’ ich her!“ – da weine ich vor Freude.

Und gar der Heimgang! Licht an Licht der Dämmerung entgegen!
Aus allen Fenstern jubelnd bricht des Christkinds Morgensegen:
Dort gucken bei dem Lichterschein und singen fromme Weisen

40
Und pochen mit den Fingerlein die Kindchen bei den Greisen.


Du Wunderborn, du deutsches Herz, wie schwer auch zu ergründen,
Dich wollen wir doch allerwärts als unsern Stolz verkünden!
Du schwärmst so gern, in aller Fern’ die Welten zu ermessen,
Und kannst doch deiner Kindheit Stern in keiner Welt vergessen!

 Friedrich Hofmann.




Der Fürst und die Bürgerstochter.


(Schluß.)


In Bezug auf eine Bemerkung Pückler’s über die poesielose Nüchternheit des öffentlichen protestantischen Gottesdienstes enthält der zuletzt erwähnte Brief Marlitt’s noch eine bezeichnende Stelle. „Als Kind,“ schreibt sie, „konnte mir nichts Schrecklicheres widerfahren, als wenn meine Großeltern mich in die weißangestrichene Kirche in den beengenden Glasstuhl mitnahmen – ich langweilte mich entsetzlich, und meine ersten Eindrücke vom Gottesdienste waren demnach eher geeignet, allen Aufschwung in mir zu ersticken und mir gegen Das einen Widerwillen einzuflößen, was doch mein Halt, meine Stütze in späteren Zeiten werden sollte. Wir sind

[843]
Die Gartenlaube (1872) b 843.jpg

Christmette im Waldstädtchen.
Originalzeichnung von R. Püttner.

[844] in das Extrem gefallen. Für den ausschweifend gewordenen Heiligencultus hat die Reformation eine bedenkliche Dosis Nüchternheit und Prosa eingetauscht. Ich weiß, dieser Ausspruch genügt den orthodoxen Lutheranern, mich in Bann und Acht zu thun; aber ich kann mir nicht helfen, ich will doch tausendmal lieber den lateinischen Text einer Messe anhören, den ich nicht verstehe, als die groben, schwunglosen Verse der meisten unserer protestantischen Kirchenlieder, von denen ich mir obendrein gefallen lassen muß, daß sie irgend eine unerträglich gellende Frauenstimme oder eine völlig ungestimmte männliche Kehle neben mir mitsingt.“ Ein Blick auf den erwachenden Frühling schließt diesen Brief vom 2. April. „Möchten Sie bald wieder recht gesund werden! Auf meinem Fensterbrette blühen Veilchen, und drüben auf dem Berge, über Wiesen und Büsche gebreitet, liegt der erste leise Duft des Frühlingskleides; tausend Hoffnungen öffnen da draußen die Augen, und wir kranken Menschenkinder wollen nicht zurückblicken, sondern hoffen, hoffen! Schreiben Sie bald, mein verehrungswürdigster Correspondent.“

Für die körperlich leidende und vollauf beschäftigte Dichterin, deren zu Ende geführte Schöpfungen der Verleger oft mit bangender Sehnsucht erwartete, war das Schreiben solcher ausführlichen Briefe sicher keine geringe Anstrengung, und es offenbart sich uns hier, bei aller charakterstarken Entschiedenheit ihrer Aeußerungen, ein überwältigender Zug echter Milde und Weiblichkeit, das selbstverleugnende Mitgefühl einer zarten und weichen Frauenseele. Die plötzlich in ihr stilles Leben getretene Beziehung stellte ihr nur Aufgaben und bot ihr im Ganzen doch wenig Befriedigendes und Erquickendes. Aber man sieht, das Bild des kranken und hochbejahrten Mannes auf dem fernen Schlosse, der ihr wiederholt von seinem Schmerzenslager geschrieben, daß er nach ihren Briefen lechze, daß der Hauch ihrer Briefe ihm nicht blos Labung, sondern Lebensluft in den Tagen der Krankheit und des Alters sei, dieses Bild einer brechenden Kraft war es, das wie ein Hülferuf sich vor ihre Seele und wie eine ernste Mahnung vor ihr Gewissen gestellt. Sie wollte sich nicht widerstrebend abwenden, wo sie hülfreich sein, mit ihrem Worte trösten und lindern konnte. „Immer werden meine Episteln freilich nicht so umfangreich ausfallen,“ schreibt sie einmal, „denn ich habe mit meiner Feder viel nachzuholen im Interesse meiner geliebten ‚Gartenlaube‘ – aber Sie haben mir gesagt, daß Sie leidend sind und ein wenig Zerstreuung von meiner Antwort erwarten, und da pochte die neu übernommene Pflicht denn doch zu energisch an meine Seele.“ Der eigenthümlich unruhige und ungestüme Greis auf Branitz aber war durch das ihm gebrachte Opfer eines mehr gegenständlich gehaltenen schriftlichen Austausches keineswegs befriedigt. „Denken Sie sich in mir,“ so schreibt er, „einen achtzehnjährigen Jüngling mit einem oft zu gefühlvollen Herzen und einer sehr lebhaften Einbildungskraft, der heute doch verurtheilt ist, unter der Maske eines dreiundachtzigjährigen alten Greises umherzugehen.“ Je mehr die Briefe seiner neuen Correspondentin ihn „entzückten“ und eine „wahre Zaubermacht“ auf ihn ausübten, um so heftiger klagte er über eingetretene Unterbrechungen, um so hartnäckiger drang er auf eine persönliche Bekanntschaft und zwang die Schriftstellerin zu persönlichen Erschließungen und Selbstgeständnissen über ihr Leben und Denken, die unverkennbar nicht aus Neigung zu derartigen Mittheilungen, sondern immer nur als Antwort auf erhobene Vorwürfe und in der Absicht gegeben sind, die Abweisungen zu begründen, unsanfte Verletzung und Betrübniß dem Leidenden fern zu halten. Wir können diesem nun für uns sehr reizend gewordenen, aber für die Schreiberin gewiß oft recht peinlichen Hin und Wieder hier nicht schrittweise folgen, sondern heben nur noch einige der interessantesten Punkte daraus hervor.

Schon in seinem vierten Briefe entwirft Pückler eine anziehende Schilderung seines neuen Branitzer Parks und ladet Marlitt zu einem Besuche desselben ein; einige Tage, vielleicht auch länger, würde sie es schon aushalten und solle „auf den Händen getragen werden“. Marlitt antwortet, indem sie den Vorwurf, daß sie ihn verkenne, mit dem Bemerken zurückweist, er habe sich eine naive, arglos-treuherzige Menschenfreundlichkeit, ein blindes Zutrauen bewahrt, das ihr abhanden gekommen. „Mit sorgloser Güte laden Sie mich z. B ein, nach Branitz zu kommen. Wie, wenn ich nun im persönlichen Umgange das unausstehlichste Geschöpf von der Welt wäre? Wenn ich Ihnen während der Tage meines Dortseins durch Widerspruchsgeist, häßliche Launen und dergleichen weibliche Schwächen Ihr schönes Schloß zu einem Orte des Schreckens machte? Das können Sie doch nicht wissen, der Sie mich nur aus zwei Werken und einigen wenigen Briefen kennen. ‚Das Papier ist geduldig,‘ sagt der Volksmund und Mirza Schaffy singt: ‚Merk’ Dir, daß oft der gröbste Schlingel die allerzärtlichsten Verse macht.‘ … Uebrigens danke ich Ihnen von ganzem Herzen für die freundliche Einladung, aber kommen – kann ich nicht. Ich bin zu leidend, um so weit reisen zu dürfen, auch kann ich weder meine Thüringer Berge, noch meine gesammte Häuslichkeit einschachteln und mitnehmen – mein Herz ist so eigensinnig, ohne diese Umgebung nicht mehr leben zu wollen – und, was würden Ihre stolzen Hirsche und Rehe für Augen machen, wenn ein Menschenkind, mit völlig demokratischer Weltanschauung hinter der Stirne, in Ihrem aristokratischen Park umherwandeln wollte! … Ist es denn überhaupt absolut nöthig, daß wir uns persönlich kennen lernen? Ich sage entschieden: Nein. Sympathie und Antipathie sind zwei hochwichtige Factoren im Menschenverkehr; sie wirken um so mächtiger, als sie, in einem geheimen Versteck der Menschenseele ungeahnt lauernd, urplötzlich hervortreten, und uns ein ‚Für und Wider‘ octroyiren, dessen Gründe wir uns meist nicht einmal enträthseln können. – Heine sagt einmal: ‚die Schriftsteller sind wie die Johanniskäfer – in der Ferne leuchten sie, und, nahe gesehen, sind sie armselige graue Käfer.‘ Ohne ‚das Leuchtende‘ auch nur im Entferntesten beanspruchen zu wollen, frage ich Sie dennoch: warum wollen Sie den grauen Käfer durchaus in der Nähe sehen? Wenn der persönliche Verkehr einen Mißklang zwischen uns wirft, ist mir die Freude unseres Briefwechsels verloren, denn wir sind wohl Beide nicht fähig, uns dann noch schriftlich etwas vorzulügen. Also – lassen wir’s beim Alten, nicht wahr? Ich will Ihre getreue Correspondentin bleiben, und wenn meine Briefe wirklich die Macht haben, Sie ein wenig zu erheitern, will ich so viel und so oft schreiben, als es Ihnen wünschenswerth.“

Nach sechsmonatlicher Correspondenz schreibt der alte Fürst in höchst erregtem Tone, daß das längere Ausbleiben einer bis jetzt nicht erfolgten Antwort ihn noch leidender an Seele und Körper gemacht, so daß er eine Badereise nach Wildungen nicht habe antreten können, wohin er seine Equipagen nebst mehreren Dienern schon vor vier Wochen vorausgeschickt, ohne ihnen folgen zu können. Er bittet flehentlich um eine Nachricht, es würde ihn so herzlich erfreuen, der Freundin bei näherer Bekanntschaft gute Dienste leisten zu können. Ob sie ihm denn verbieten würde, ihr von Wildungen aus seine alte Hülle in Person vorzustellen, falls er die Reise dorthin noch unternehmen könne? „Ach, es ist doch traurig, sich zu Jemand magnetisch hingezogen zu fühlen und ihn doch nicht sehen zu sollen! Es geht damit wie mit dem Glauben. Nur was man selbst gesehen, glaubt man. Bitte, lassen Sie mich sehen und glauben!“ Wer irgend lebhaft die Situation sich vorstellt, wird das Befremdende dieser stürmischen Ergüsse aus der Feder des bereits so hinfällig gewordenen Achtzigers fühlen. Aber gerade dieser letztere Punkt milderte bei der Empfängerin das Peinliche des Eindrucks und es überwog bei ihr das Gefühl des Schreckens; der Gedanke, wehe gethan, Leiden, vielleicht Gefahr verursacht zu haben, veranlaßte sie zu warmen Aeußerungen herzlichster Besorgniß.

Dann aber kommt sie zu dem in Aussicht gestellten Besuche und sagt: „Was Ihre Anfrage bezüglich einer persönlichen Zusammenkunft betrifft, so sage ich Ihnen nochmals kurz und bündig Folgendes: Ich bin schwerhörig, einsilbig im Gespräch, und körperlich so leidend, daß ich an das Zimmer gefesselt bin. Schreckt Sie auch diese Erklärung, die jedweden Reiz im persönlichen Umgange nothwendig ausschließen muß, nicht zurück, so hören Sie weiter. Ich lebe in ganz einfachen bürgerlichen Verhältnissen; das enge, kleine Haus, das ich bewohne (Marlitt hatte damals ihr eigenes schönes Besitzthum auf der Höhe noch nicht bezogen), umschließt zwar eine glückliche Familie, es genügt ferner meinen Ansprüchen vollkommen; aber einen hocharistokratischen Gast in sich aufzunehmen, dazu ist es nicht angethan. … Ich habe mich auch viele Jahre lang auf den Parquets aristokratischer Salons bewegt, habe Hofluft geathmet und fast ausschließlich mit Personen verkehrt, die gar keinen Begriff von jener bürgerlichen Einfachheit hatten und deshalb den Anspruch an mich erhoben, dieselbe auch zu vergessen. Es ist mir trotzdem sehr leicht geworden, [845] in meine Familienverhältnisse zurückzukehren, denn das ist ja der Boden, dem ich entsprossen, dem ich angehöre mit allen Fasern meiner innersten Natur; ich bin sofort wieder in ihm eingewurzelt und werde ihn nur verlassen in dem Augenblicke, wo ich sterbe. Wenn ein Aristokrat diesen Boden betritt, so geschieht es stets unter inneren Opfern – eine gewisse Scheu wird ihm immer anhangen, wenn ihn das Beengende berührt; das mit der Muttermilch empfangene und durch die Erziehung befestigte Vorurtheil läßt sich wohl verleugnen, nie aber ertödten – ich habe die Erfahrung unzählige Male gemacht. Wenn ich mir denke, Sie könnten später auch nur einmal mit Mißbehagen an die Stunde zurückdenken, die Sie in meinem Familienkreise verlebt, so dreht sich mir das Herz um. Das ist die Stelle, wo ich verwundbar bin, das ist mein Stolz, das ist das Gefühl, welches meine Felicitas beseelt, in dieser Beziehung ist der genannte Charakter identisch mit meiner eigenen Seele.“

„Ich begreife eigentlich nicht, weshalb Sie eine persönliche Zusammenkunft so consequent verlangen. Hat nicht ein Briefwechsel, wie wir ihn angefangen, tausendfachen Reiz? Ich lasse Sie in meiner Seele lesen, wie es vor Ihnen Niemand gedurft hat – und auch Sie sagen, daß Sie vollkommen wahrhaftig mir gegenüber sind –, nun wohl, bedarf es zu diesem geistigen Austausch der vier irdischen Augen, die sich gegenseitig anblicken? Ist es nicht ein köstliches Gefühl, zu wissen, daß draußen in der weiten Welt ein Mensch lebt, dem ich durch ein starkes geistiges Band gewissermaßen angehöre, und sind dazu die zwei Hände nöthig, die sich in Wirklichkeit berühren?. … Und nun noch Eins. Es kommen Viele, sehr Viele aus aller Herren Ländern, die meine kleine Person kennen lernen wollen – sie Alle werden zurückgewiesen, weil ich so zu sagen mit der äußeren Welt abgeschlossen habe – würde es nicht eine Ungerechtigkeit und Inconsequenz sein, wollte ich Ihnen allein gestatten, mich zu besuchen? Nach Allem, was ich Ihnen hier erschöpfend auseinandergesetzt habe, sage ich schließlich – lediglich um die Beschuldigung der Grausamkeit meinerseits zurückzuweisen –, ich lege Ihnen nichts in den Weg, wenn Sie nach Arnstadt kommen wollen; aber ich gebe Ihnen wiederholt zu bedenken, daß Sie damit eine Lebensfreude, die uns Beiden gehört, muthwillig auf’s Spiel setzen. Und nun – ich habe es freilich nicht verdient – bitte ich um möglichst rasche Antwort. Ich ängstige mich sehr um Ihren leidenden Zustand. Lassen Sie Gnade für Recht ergehen und beruhigen Sie mich durch einige Zeilen.“

Der Brief Pückler’s, welcher zu dieser Antwort geführt, war gewiß schon ein Product hochgespannter Erregtheit und die liebreich tröstende Antwort hatte ihn beruhigt. Trotzdem erfolgte einige Wochen später von Wildungen ein viel stärkerer Ausbruch verzweifelten Schmerzes. Schwach sei er nach seiner Ankunft sogleich zur Post geeilt und habe dort drei Briefe von Damen vorgefunden, aber keine von der Thüringer Freundin – er nennt sie in seinen wechselnden Anreden bald „Geliebte Freundin“, bald „Liebe Eugenie“, bald „Verehrte Dichterin“, auch einmal „Räthselhafte Herrin“. „Ich bin hierher gesandt worden, um gesund zu werden, aber dies kann nicht gelingen, wenn Sie mein Herz so tief bekümmern. Von Ihnen, das fühle ich, hängt meine Genesung ab. Tag und Nacht schweben Sie und Ihre Schöpfungen meiner Einbildungskraft vor. Thun Sie nun, was Ihnen gut dünkt“ etc. Die Antwort Marlitt’s ist wiederum, besonders durch einen Anflug schalkhafter und feiner Ironisirung interessant. „Was hat mir,“ so beginnt sie, „mein Correspondent für einen Brief geschickt! Wahrhaftig, ein Actenstück des Rechtsverfahrens aus den Zeiten der heiligen Vehme oder der französischen Revolution kann sich an lakonischer Kürze damit nicht messen. Sie wollen nur nicht mehr schreiben – und ich habe darauf zu erwidern, daß ich Ihnen dies ganz und gar nicht verdenke, da unser Briefwechsel zu einer Quelle des Aergers und der Aufregung für Sie geworden. Ehe wir jedoch zu dem feierlichen Acte des Schlusses unserer Correspondenz schreiten, müssen Sie mir noch gestatten, einen Ihrer Vorwürfe zu entkräften. Mein Herz stammt nicht aus der Periode der Steinzeit, auf einen solch antediluvianischen Standpunkt sollte der feine galante Semilasso eine Dame denn doch nicht stellen – eher vielleicht, wenn einmal der Vergleich aufrecht erhalten werden soll, fällt seine Entstehung in die Bronzezeit, wo man bereits die Metalle zu schmelzen und ineinander zu mischen verstand. Herz und Verstand sollten nie neben einander gehen: der Menschenseele bleiben in dem Falle nur zwei Arten der Entwickelung, die der Härte und Schroffheit oder der Charakterlosigkeit. Mischt man jedoch die zwei Elemente, so entsteht ein schönes Gleichgewicht; das Herz schlägt ruhig unter dem Einfluß des Verstandes und die zersetzende Schärfe und Härte des letzteren mildert sich am warmen Herzschlag. Ich hätte von Herzen gern ein Brieflein nach Wildungen geschickt, allein der vernünftige Gedanke, daß Ihre Aerzte eine so lebhafte Correspondenz unmöglich in das Badeprogramm aufgenommen haben können, hielt mich zurück. Dies zu meiner Vertheidigung! Und nun mache ich Ihnen einen Vorwurf, und zwar den der Undankbarkeit. Sie sagen selbst, daß Sie drei Briefe von Damen auf der Post vorgefunden – ist das nicht genug? Mußte ich denn durchaus als Nr. 4 dabei sein? Nun, die Nichte, die Italienerin und die Dritte können sich gratuliren, daß die Thüringerin dieses Mal die Säumige war; über ihrem Haupte hat sich das Gewitter entladen, das möglicher Weise drohend über den Häuptern Aller geschwebt hat.“

Bemerkenswerth sind auch noch die zwei folgenden Stellen in einem Briefe Marlitt’s: „Sie werfen mir Stolz und Gefühllosigkeit vor. Stolz bin ich, das ist wahr; allein von diesem ‚schlimmen Fehler‘ werde ich nicht lassen, denn er ist mein Hort, mein Schild in den verschiedensten Lebenslagen gewesen, und wenn er in diesem Kampfe verletzende Härten angenommen hat, die einen gerühmten Glanzpunkt der Weiblichkeit, ‚die Hingebung‘, schmälern, so kann ich das nicht ändern, und, aufrichtig gestanden, ich habe auch keine Lust dazu. Aber gefühllos bin ich nicht – mit dieser Beschuldigung haben Sie mich tief verletzt.“ „Ich soll Ihnen Specielles über mich und meine Häuslichkeit sagen – zu diesem kleinen Familienbilde genügen wenige Striche. Ich lebe mit meinem guten, alten Papa, meinem Bruder – einem geistreichen Manne – meiner jungen, sehr begabten Schwägerin, die vermöge ihres Scharfblicks mich und meine innere Welt wohl besser kennt als ich selbst, in ungetrübter Harmonie und in einem Hause; ein kleiner siebenjähriger Knabe, das einzige Kind meines Bruders und mein Abgott, schließt den engen Kreis. Meine Familie trägt mich auf den Händen und bestärkt mich somit in meinem Einspinnungssystem – ich bedarf des Umgangs mit Menschen außerhalb meiner vier Wände niemals. Die Lieben, mit denen ich zusammenlebe, könnten mir vielleicht auch bezeugen, daß ich nicht gefühllos bin. Arnstadt, meine weitere Umgebung, ist eine Kleinstadt, so ziemlich nach jeder Richtung hin; aber für mein Herz hat es den Vorzug, meine Vaterstadt zu sein. Diese kleinbürgerlichen Verhältnisse sind eng verknüpft mit meinen Erinnerungen aus der Kindheit, wenn sich auch mein Geist völlig losgelöst hat von dem Boden der Geselligkeit!“

Hiermit seien unsere Mittheilungen geschlossen. Schon am 1. November 1868 klingt die so lebhaft geführte Correspondenz nach kaum zehnmonatlicher Dauer in einigen sanften Schwingungen aus. Wahrscheinlich ist sie durch die steigende Krankheit und Körperschwäche des Fürsten unterbrochen worden, durch das allmähliche Erlahmen seines riesigen Widerstandes gegen die Machtgebote der sinkenden Lebenskraft. Bedenken wir noch einmal, daß die Briefe unserer Dichterin ohne den leisesten Gedanken an eine spätere Veröffentlichung gewechselt wurden, so erschließen sie unserem Blicke ein in rührenden Gegensätzen sich bewegendes Bild voll anmuthigen Zaubers, einen hellen Streifen freundlichen Sonnenglanzes, der sich mild und erwärmend durch das frostige Abenddunkel eines schwindenden Lebens schlang. Einem Manne, der viel genossen und viel Außerordentliches erlebt, der mit Recht von sich selber sagte, daß er einst auch viel gesündigt habe, sehen wir das seltene Glück beschieden, daß alles Bedürfen seiner besseren Natur, Alles, was rein, echt, gut und edel in ihm war, sich noch dicht am Rande seines Grabes mit dem jungfräulichen Hauche einer harmonisch und rein gestimmten Seele in idealem Verkehr berühren durfte. Wie Manches in den Briefen des greisen Fürsten auch wunderlich erscheinen mag, es tritt uns in der gesammten Correspondenz nicht ein einziger Zug entgegen, der als klein oder gewöhnlich selbst den sprödesten Zartsinn verletzen könnte. Der Briefwechsel zwischen der demokratisch gesinnten Bürgertochter und dem hinsterbenden Fürsten stellt vielmehr dem Geiste und der Denkungsart unseres neugeborenen Zeitalters ein gar schönes und ehrenvolles Zeugniß aus.

A. Fr.




Hierzu die „Allgemeinen Anzeigen zur Gartenlaube“, Verlag von G. L. Daube & Comp.
[846]
Blätter und Blüthen.


Meschhed Ali. Die fortschreitende Civilisation beginnt die meisten Gegenden und Gegenstände der Romantik und Poesie zu entkleiden, so daß die Journalisten ihren Lesern gegenüber, die in unserm Jahrhundert, dem nüchternen, noch nach Außergewöhnlichem verlangen, einen harten Stand haben. Indessen wer sucht, der findet immer noch Manches, was den literarischen Commis voyageurs entgangen. Diese Behauptung will ich durch nachstehende flüchtige Skizze illustriren. Sollte trotzdem wider Erwarten eine solche Skizze schon existiren, nun, dann habe ich mich einfach blamirt – ich lasse es darauf ankommen!

Etwa sechsunddreißig Stunden südlich von Bagdad liegt ein Ort, der, ziemlich verborgen vor aller Welt, erst seine Bedeutung durch den dort befindlichen Begräbnißplatz eines Propheten erhielt, den die Geschichte als den Concurrenten Muhammed’s, des Propheten, bezeichnet. Es ist Ali, der Schwiegersohn Muhammed’s, und der Ort, wo er begraben wurde, trägt den Namen Meschhed Ali (Meschhed bedeutet Begräbnißplatz eines Heiligen). Dieses Meschhed Ali ist das Mekka Persiens, denn nach der Meinung der Perser ist Ali der wahre, unverfälschte Prophet; der Engel habe sich nämlich bei der Verkündigung gefälligst geirrt und sei zu Muhammed gegangen, was ja leicht möglich, da es dazumal keine Adreßkalender gab. Jeder Perser, der nun selig werden will, glaubt dies sicher zu erreichen, wenn er alle seine Kostbarkeiten dem begrabenen Ali vermacht, und so sind denn schon länger als zwölfhundert Jahre dort jene unglaublichen Schätze, bestehend in Perlen, Gold und Diamanten, in der Kuppel der Moschee, in der daselbst befindlichen Schatzkammer aufgehäuft worden, die ihres Gleichen suchen.

Die Perlen allein wiegen nach der Versicherung des dortigen Schatzmeisters siebenzig Kantar (etwa achttausendfünfhundert Pfund). Die beiden Minarets der Moschee, die Kuppel derselben und zahllose Verzierungen an den Wänden außerhalb sind mit Goldplatten bedeckt, die Hängelampen im Innern und viele andere Kostbarkeiten mit Diamanten besäet. Da auch den Türken jener Ali heilig, so greifen sie diese Schätze nicht an, sondern lassen die Perser immer noch mehr herbeischleppen. Eine ähnliche Moschee befindet sich zwölf Stunden westlich vom ehemaligen Babylon, genannt Meschhed Hussein, wo Hussein, der Sohn Ali’s, begraben liegt.

Was in diesen und noch manchen anderen Moscheen an Schätzen ungenützt verborgen, davon hat man gar keinen Begriff und man muß es selbst sehen, um es zu glauben. Es wird sich dem Leser, nachdem er von der großen Hungersnoth in Persien gehört, unwillkürlich der Gedanke aufdrängen, daß die Perser sich wohl hätten vermittelst dieser Schätze Brod in Menge verschaffen können. Jawohl – aber man wolle bedenken, daß es kaum bigottere Menschen giebt als die Orientalen, gleichviel ob von der Secte der Schiiten oder der Sunniten. Sie würden es als das größte, todwürdigste Verbrechen ansehen, geheiligte Schätze anzugreifen, selbst wenn sie dadurch dem Hungertode entgehen könnten.

Außerdem kommt dabei noch ein Factor mit in Rechnung, das ist der ausgeprägteste Fatalismus, der sich durch vollkommene Passivität dem Schicksale gegenüber charakterisirt, der dem Orientalen gebietet, die Hände in den Schooß zu legen, wenn das Unglück an ihn herantritt, anstatt dasselbe nach Kräften abzuwehren. Kismet, Schicksal, sagt der Orientale, wenn ihm sein Haus abbrennt, und sieht ruhig zu, seinen Tschibuk rauchend. Kismet und wieder Kismet! Dieser Fatalismus entspricht gar zu sehr dem phlegmatischen Temperament, der Schlaffheit und Dummheit dieses Volkes, als daß man es darin zu bekehren vermöchte. Der Begriff von Sinn und Unsinn ist überhaupt bei dieser Sorte von Menschenkindern, sobald ihre Religion oder ihre Sitten und Gewohnheiten mit in’s Spiel kommen, sehr verwirrt. Es giebt allerdings aufgeklärte, d. h. bis zu einem gewissen Grade aufgeklärte Orientalen, bei denen die Glaubensartikel noch einige geheime Zusatzartikel anti-koranischen Inhalts enthalten, die, wie ja auch in der Politik Aehnliches stattfindet, die einzigen sind, denen gemäß gehandelt wird. So giebt es z. B. Türken, die einen Nordhäuserkümmel zu jenen geistigen Genüssen rechnen, die nicht zu verachten sind. Diese sogenannten Kümmeltürken, auch Jungtürken, befinden sich jedoch bisjetzt noch in der Minorität; der Charakter, die Anschauungsweise der meisten Islamiten spotten jeder besseren Einsicht; es ist überhaupt ein Volksstamm, der aus Mangel an geistiger und physischer Kraft seinem gewissen Untergange entgegengeht, denn er vermag der andrängenden Civilisation nicht zu widerstehen.

H. v. M.




Ein Epiker. Es ist eine Reihe von Jahren her, daß einer unserer ältesten Mitarbeiter, Ludwig Storch, über ein neues Epos, das damals von Julius Grosse erschienen und „das Mädchen von Capri“ betitelt war, folgendermaßen schrieb: „Unserer Ueberzeugung nach ist das ‚Mädchen von Capri‘ eins der besten Erzeugnisse der neuen deutschen Poesie überhaupt, und in der lyrisch erzählenden Gattung ist seit ‚Hermann und Dorothea‘ nichts, das diesem Werk Grosse’s gleich käme, erzeugt worden. Ein echtes, gesundes Flügelkind jener wunderbaren Verbindung des antiken Geistes mit der modernen Weltanschauung ist es vom Schöpferhauche Homer’s und Goethe’s gleich stark durchglüht.“ Ein größeres Lob konnte dem Dichter nicht ausgesprochen werden, der inzwischen rüstig fortgearbeitet und in einer ganzen Reihe neuer Epen, wie in dem prächtigen, farbenfrischen Hochlandsidyll „Gundel vom Königssee“, in den mit orientalischen Farben tief gesättigten und phantastisch ausgestatteten Dichtungen „Tamarena“ und „Farek Musa“, in dem erschütternden Liebesdrama „Owaja“ u. A. auf’s Neue seine Meisterschaft in der Naturmalerei jeder Art, in der lebensvollen Schilderung eigenthümlicher Charaktere und in der Beherrschung volltönender, melodisch hinreißender Rhythmen gezeigt hat. Schon das verdiente die höchste Anerkennung in einer Zeit, da die Poesie im eigentlichsten Sinne des Wortes weniger und weniger gepflegt wird und die meisten Talente auf dem Gebiete der Erzählung sich der geschmeidigeren und gefügigeren Prosa zugewendet haben, wenn auch nicht zugleich und ganz besonders hervorgehoben werden müßte, daß gerade Grosse vor Vielen zu den unermüdlichsten Pflegern des wirklich Idealen und wirklich Schönen im Reiche der Kunst zählt. Um so lieber zeigen wir unsern Lesern an, daß die meisten Epen Grosse’s in einer von Künstlern, wie Thumann, Marschall, Watter, reich illustrirten und sechs mäßige Bände umfassenden Prachtausgabe (Berlin, Lipperheide) unter dem Titel „J. Grosse’s Erzählende Dichtungen“ soeben erschienen sind. Die Sammlung wird sicher auf dem Weihnachtstisch eines jeden Hauses, wo noch echte Poesie gepflegt wird, eine willkommene und würdige Gabe sein.




Janus. Wir wollen das alte Jahr nicht verstreichen lassen, ohne hier ein Wort der Empfehlung über Rudolf Gottschall’s neueste Gedichtsammlung „Janus. Friedens- und Kriegsgedichte“ zu sagen. Dieselbe weist ein lyrisches Repertoire auf, welches, was die Fülle der einzelnen Rubriken und den Reichthum innerhalb derselben betrifft, unter den ähnlichen Sammlungen der Gegenwart ausgezeichnet zu werden verdient. Fesselnd durch die Bedeutsamkeit ihres Gedankengehalts und die monumentale Kraft ihres Ausdrucks, bekunden diese Gedichte fast durchweg einen hohen rhetorischen Schwung und sind somit eine würdige Bereicherung der modernen Lyrik.




Kleiner Briefkasten.

X. in Breslau. Die in dem Artikel „Bühnen-Erinnerungen. I. Bogumil Dawison“ (Gartenlaube Nr. 43 des laufenden Jahrgangs) erwähnte Scene aus Schiller’s „Räubern“ zwischen Franz und Hermann ist durchaus echt und authentisch. Lesen Sie gefälligst die Mannheimer Ausgabe von 1788 (4. Act, 8. Scene) nach, welche das wahre und erste Original Schiller’s repräsentirt. Da haben Sie genau die Situation unseres Artikels! Nach dieser Ausgabe inscenirt man noch heute fast ausnahmslos das Stück. In späteren Editionen wurde die Scene häufig in Wegfall gebracht. Cotta ist hierin, wie in manchen anderen Punkten, nicht Autorität. Auch Heinrich Kurz hat in seine „Kritische Ausgabe Schiller’s“ (Hildburghausen, Bibliographisches Institut. 1868) diese Scene (2. Bd., S. 184) aufgenommen.

Anna-Marie M.….a. Die uns eingesandten Arbeiten, in Versen und in Prosa, beweisen sämmtlich Geist und dichterische Empfindung, namentlich aber eine feurig sprudelnde Phantasie. Ihre humorvollen Briefe haben uns höchlich amüsirt. Wenn wir trotzdem von Ihren Arbeiten leider keinen Gebrauch machen können, so hat das seinen Grund in der Ueberfülle des uns vorliegenden Materials. Aber wir sollen den Ofen mit den Kindern ihrer Muse speisen? Nicht doch! Haben Sie Erbarmen mit denselben! Oeffnen Sie die Maske der Pseudonymität und uns damit einen Weg, auf dem wir die Kinder an das Mutterherz zurückführen können!

W. v. M. in H. In Erwiderung Ihrer Anfrage in Betreff unseres beliebten Mitarbeiters F. Brunold empfehlen wir Ihnen dessen höchst ansprechende Novelle „Fern der Heimath“ Und die gehaltvollen „Gedichte“ zur Lectüre, zwei Werke voll Geist und Gemüth. Daß Brunold’s „Gedichte“ eine größere Anerkennung verdienen, als sie bisher im Allgemeinen gefunden haben, beweist unter Anderem der Umstand, daß ihre sangbare und melodiöse Form eine Reihe von bewährten Musikern zur Composition von zahlreichen Liedern dieser Sammlung veranlaßt hat.




Die zweite Quittung über die für den Weihnachtsbaum der Ueberschwemmten an der Ostseeküste eingegangenen Liebesgaben erfolgt in der nächsten Nummer.

Die Redaction.




An unsere Freunde.


Wir sind in der angenehmen Lage, den Lesern der Gartenlaube in Deutschland und jenseit der Meere heute schon mittheilen zu können, daß der nächste Jahrgang unserer Zeitschrift folgende Erzählungen veröffentlichen wird:

„Glückauf“ von E. Werner, Verfasser des mit so vielem Beifall aufgenommenen Romans „Am Altar“.
„Der Loder“ von Herman Schmid und eine größere Erzählung von E. Marlitt,

denen sich kleine Novellen von E. Wichert („Schuster Lange“), Werber („Ein Meteor“) etc. anschließen werden.




Wir bitten die Bestellungen für den nächsten Jahrgang recht zeitig aufzugeben.

Leipzig, im December 1872.

Die Redaction und Verlagshandlung.


Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: echszehnten