Die Gartenlaube (1874)/Heft 11

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1874
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[171]

No. 11.   1874.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich bis 2 Bogen.    Vierteljährlich 16 Ngr. – In Heften à 5 Ngr.



Die zweite Frau.
Nachdruck verboten und
Uebersetzungsrecht vorbehalten.
Von E. Marlitt.


(Fortsetzung.)


15.


Eben noch der Schauplatz der aufregendsten Scenen, lag das „Thal von Kaschmir“ jetzt wieder unter jener traumhaften, leise durchsummten Stille, wie sie dem heißen Sommernachmittage auf dem Lande eigen ist. Von dort, wo der steinerne Schwan einen Wasserstrahl in das Brunnenbecken goß, scholl schwaches Plätschern, und aus dem Gebüsche steckte ein metallisch schimmernder Glanzfasan seinen grünen Federbusch, um über die Kiesfläche vor dem Hause unter leisem, geisterhaftem Geräusche hinzuhuschen. Nach dem letzten Verrollen des Fahrstuhles weit drüben hätte man meinen mögen, häßliche, aufregende Schattenbilder einer Laterna magica seien für einen Augenblick an dem Hause mit dem Bambusdache vorbeigeflogen, ein solch unberührter Frieden breitete sich wieder darüber hin – aber dort quer über dem Wege lag noch der weithin geschleuderte Pfahl, und auf der Veranda dräute der verhängnißvolle Pulverhaufen, den der in lautloser Majestät hinter dem Hause hervorkommende Pfau erstaunt beguckte. Auf der kühlen Brunnenfluth des Beckens schwammen weiße Rosenblätter, flockig und so massenhaft, als habe der von Rosengesträuch halb verstrickte, wasserspeiende Schwan sein Gefieder abgeschüttelt. Die junge Frau tauchte ihre schmerzende Hand hinein, und jetzt erschrak sie selber, so unförmlich und rothflammend erschien das verletzte Glied zwischen den schwimmenden Blättern.

„Gnädige Frau, da müssen wir Compressen auflegen,“ sagte Frau Löhn – sie kam aus dem indischen Hause, und über dem Arme hingen ihr weiße Leinwandstreifen. … Sie bekreuzte sich nicht und schlug auch nicht die Hände zusammen bei dem Anblicke; das war nicht ihre Art – dennoch hatte diese barsche Frau, die ihren unzerstörbaren Gleichmuth, ihre innere Kälte und Herzlosigkeit stets selbst mit einer förmlichen Genugthuung hervorhob, etwas an sich, was Liane auffiel – ihre kräftigen Hände schlugen vor innerer Aufregung, als sie ein Stück Leinen in das Wasser tauchte. „Ja, ja – das ist schon so die Mode in Schönwerth,“ sagte sie mit einem Seitenblicke auf das feurige Mal, „ein Schlag auf die Hand, daß man meint, es bleibt kein Knochen heil, oder ein wüthiger Griff an so eine arme kleine Kehle –“

Die junge Frau sah ihr erstaunt in das Gesicht; aber Löhn rang eben den Leinwandfleck aus und schleuderte einen sprühenden Tropfenregen auf den Kies.

„Die da drin liegt, könnte was erzählen,“ setzte sie dumpf hinzu und zeigte mit der triefenden Hand hinter die Glasthür des indischen Hauses. „Ich sage immer, für die Frauenzimmer ist das Schloß dort ein schlimmer Boden“ – sie sprach dasselbe aus wie der Hofprediger – „und wie Sie angekommen sind, gnädige Frau, so fein, so ‚zärtlich‘ – da haben Sie mir in der Seele leid gethan.“

Ihr geschärfter Blick fuhr über das Gebüsch hin und den Weg entlang, aber kein unberufener Zeuge war zu entdecken – nur ein kleiner Affe glitt von einem Baumwipfel auf das benachbarte Bambusdach und hockte auf den First nieder. … Frau Löhn nahm behutsam die verletzte Hand aus dem Wasser und legte die Compresse darauf – tief darüber hingebückt, sagte sie mehr vor sich hin: „Ja, da liefen sie dazumal Alle im Schlosse zusammen – ich meine vor dreizehn Jahren – und in der Küche hieß es, vor der rothen Stube – da lag der gnädige Herr schon halb und halb im Sterben – hatten sie ‚Die aus dem indischen Hause‘ todt gefunden, der Schlag hätte sie gerührt; hm ja, so jung und so schmächtig und so schneeweiß – solche Leute rührt der Schlag nicht, gnädige Frau. … Und nachher wurde sie auch gebracht, und dem Manne, der sie trug, hing sie über dem Arme wie ein armes weißes Lämmchen, das sie erschlagen haben – er hat sie für todt da hineingetragen und auf die Stelle gelegt, wo sie noch liegt – nach dreizehn Jahren. … Ich bin neben ihm hergegangen; ich bin zwar hart – nein, gnädige Frau, in der Stunde will ich einmal die Wahrheit sagen – ich bin nicht hart; ich hab’ gar ein dummes, weichmüthiges Herz in der Brust, und dazumal gar, da hab’ ich gemeint, es würde mir in Stücken zerrissen, als die arme Frau unter meinen Händen die Augen wieder aufschlug und sich sogar vor der alten Löhn fürchtete und meinte, sie sollte wieder – gewürgt werden –“

Liane stieß einen Laut des Entsetzens aus – Frau Löhn aber rannte ein Stück Weges entlang und sah über den Garten hinweg; dann umkreiste sie das Haus und kehrte beruhigt zurück.

„Wer‚A‘ sagt, muß auch ‚B‘ sagen,“ fuhr sie mit gedämpfter Stimme fort, „und hab’ ich wir einmal das Herz über die Lippen laufen lassen, da kann ich nicht mitten drin aufhören. Der Doctor – auf gut Deutsch gesagt, ein Halunke – meinte, die blauen Flecken an dem schneeweißen Hälschen kämen von Blutstockungen – ja, Blutstockungen! Zehn Finger sind’s gewesen, die sich da festgekrallt hatten, zehn Finger, sage ich, gnädige Frau.“

[172] „Wer hat es gethan?“ fragte Liane mit stockendem Athem. Jedem andern Menschen hätte sie vielleicht klug durch ein entschiedenes Verbot das schlimme Geheimniß in die Brust zurückgedrängt, um nicht Mitwisserin zu werden – aber diese ernsthafte Frau, die dreizehn Jahre lang mit Aufbietung aller Willenskraft und geistigen Stärke eine eiserne Maske vorgehalten, imponirte ihr und riß sie hin durch die Art und Weise, wie sie halb widerwillig, halb überwältigt von innerer Bewegung, für einen Moment die Riegel vor ihrer Seele wegschob.

„Wer es gethan hat?“ wiederholte Frau Löhn mit einem funkelnden Blicke. „Die Hände, die immer gleich nach der Hetzpeitsche greifen wollen, die Finger mit den Nägeln, die sich so einwärts biegen, als wollten sie nur immer zusammenscharren und als könnten sie nie genug kriegen. … Gnädige Frau, er ist ein Teufel! –“

„Er muß sie bitter gehaßt haben –“

„Gehaßt?“ lachte die Beschließerin fast gellend auf. „Ist das Haß bei einem Manne, wenn er sich auf den Boden wirft und um Erbarmen heult und winselt? … Ja, ja – wer möchte es dem gelben, vertrockneten Gerippe noch ansehen, daß er wie von der Furie besessen hinter so einem armen Weibe hergewesen ist! … Da auf der Veranda habe ich gestanden und habe durch’s Fenster mit angesehen, wie er vor ihr auf den Knieen gelegen hat. Mit den Händen hat sie nach ihm gestoßen und geschlagen und ist nachher an mir vorbeigeflogen in die Nacht hinaus. Dazumal war er noch flink auf den Beinen – er hat sie durch den ganzen Garten gehetzt; aber sie war ja nur so eine Feder – wie ein Schneeflöckchen war sie. Sie war längst wieder drin und hatte den Schlüssel umgedreht und lag vor der Wiege, wo der kleine Gabriel schlief – da kam er erst wieder an. Ich habe in meiner dunklen Ecke erst geflucht und nachher gelacht – keine drei Schritte weit von mir hat er gestanden und wüthend mit der Faust auf das Holzgitter geschlagen; aber es half Alles nichts – er mußte abziehen.“

Lianen erschien plötzlich die ganze Scenerie um sie her anders beseelt – die Frau erzählte so lebendig. Sie sah das junge Weib auf flüchtigen Füßen den Teich umkreisen, Angst und Abscheu in dem schönen, zurückgewendeten Gesichte – und hinter ihr ihn, den Mann der Formen, den kalten Höfling mit der impertinenten Zunge, als halb wahnwitzigen Verfolger – wie war das möglich? … Unwillkürlich trat sie einen Schritt vom Brunnen weg, um einen Einblick in das indische Haus zu gewinnen; aber hinter den Fenstern und der Glasthür hingen unbeweglich die steifen, bunten Matten.

„Ja, nicht wahr, Sie haben Mitleid mit ihr, gnädige Frau?“ fragte die Beschließerin den Blick auffangend. „Es ist jetzt seit zwei Tagen immer gar still drin; sie schläft viel – um’s kurz zu sagen – sie schläft dem Tode entgegen; keine vier Wochen mehr, da ist Alles vorbei.“

„War denn Niemand da, der sie beschützte?“ fragte die junge Frau mit feuchtem Auge.

„Wer denn? … Der sie über’s Meer gebracht hatte, der selige gnädige Herr, der steckte viele Monate in der rothen Stube: da hingen die Rouleaux herunter und kein Fenster durfte aufgemacht werden, und wenn ihm die Angst kam, da ließ er auch noch die Läden vorschlagen und steckte Papierschnitzel in die Schlüssellöcher, daß – der Teufel ja nicht hereinkommen könnte. … Er ist ein grundgescheidter Herr gewesen; aber mit der Krankheit hat er auf einmal Alles schwarz gesehen, und daß das nicht besser wurde, dafür haben zwei gesorgt – der mit dem geschorenen Kopfe und der Andere, den sie vorhin fortgefahren haben. Da hat’s geheißen, er sei krank, weil er den Heidentempel im indischen Garten gebaut habe, und weil sein Herz an ‚der Straßentänzerin‘ hing – und er hat’s geglaubt. … Du lieber Gott, was Alles kann man aus einem Menschen machen, wenn er krank ist und es ihm dunkel im Kopfe wird! Hat er aber einmal nach der Frau gefragt, die ihm doch das Liebste auf der Welt gewesen ist, da haben sie gesagt, sie sei untreu geworden und fände Gefallen an einem Anderen – pfui, wie ist dazumal gelogen und betrogen worden! … Und sie haben Alle mitgespielt, wie sie waren im Schlosse – Gott verzeih’s ihm – mein verstorbener Mann auch. Er war Kammerdiener beim seligen gnädigen Herrn, und wäre um Amt und Brod gekommen, wenn er nur gemuckst hätte.“

Das auszusprechen, mochte ihr sehr schwer werden und einen inneren Kampf kosten, denn zum ersten Male fuhr sie mit der Hand über die Augen, um eine Thräne wegzuwischen. „Und da habe ich mir auch ein bitterböses Gesicht einstudirt und alle Welt grob angeschnurrt, und die Frau im indischen Hause war mir ein Dorn im Auge, und ihr Kind erst recht. … So ist’s gekommen, daß ich den Gabriel aus der Taufe heben mußte, und daß sie mich gewählt haben, die kranke Frau zu pflegen. … Nicht wahr, gnädige Frau, ich kann gut Komödie spielen? Es sieht ganz natürlich aus, wenn ich den Gabriel drüben im Schlosse anfahre und in den Ecken ’rumstoße. … Ach, und er ist mein Herzblatt, mein Augentrost – ich könnte mein Herzblut tropfenweise für ihn hingeben. Habe ich ihn doch auferzogen vom ersten Athemzuge an, und Thränen genug geweint über das arme Köpfchen, aus dem mich die Augen doch immer so geduldig und liebevoll ansahen, wenn ich auch noch so hart that!“ ihre Stimme brach; jetzt weinte sie in der That bitterlich in ihre Schürze.

„Und er ist doch einer von ihrer Familie,“ setzte sie nach einer kurzen Pause sich bezwingend hinzu und ließ mit einer trotzigen Geberde die Schürze fallen. „Er ist doch ein Mainau, so wahr die Sonne da oben steht – und wenn der selige gnädige Herr ihn auch nie mit einem Auge hat sehen dürfen – sein Kind ist und bleibt der Gabriel.“

„Das Alles hätten Sie dem jungen Herrn sagen sollen, als er die Erbschaft antrat,“ sagte Liane ernst.

Die Beschließerin prallte förmlich zurück und hob die Hände heftig protestirend. „Gnädige Frau – dem?“ fragte sie, als höre sie nicht recht. „Ach, das ist nicht Ihr Ernst! Wenn der junge gnädige Herr den Gabriel nur von der Seite ansieht, da zittere ich schon – hu, der Blick geht mir durch Mark und Bein! … Es ist ja wahr, der Herr Baron ist sonst sehr gut. Er thut viel für die Armen und leidet kein Unrecht, das auf der Hand liegt; aber – er will Vieles nicht sehen; er läßt sich nicht gern stören in seiner Lebensfreude, und da geht’s – husch – über Manches weg, was ganz anders untersucht werden müßte. … Er weiß ja doch auch, weshalb die Kranke immer so aufschreit, wenn die Frau Herzogin vorbeikommt –“ sie verstummte.

„Nun, weshalb?“ fragte Liane gespannt.

Die Beschließerin sah sie verlegen von der Seite an. „Je nun – der junge Herr Baron sieht seinem Onkel so ähnlich, daß Unsereins manchmal darauf schwören möchte, der verstorbene gnädige Herr sei leibhaftig wieder da. … Und da ist er einmal am indischen Hause vorbeigegangen und hat die Frau Herzogin am Arme gehabt“ – sie sah sich scheu um – „und die sieht ihn ja immer mit Augen an, als wollte sie ihn verbrennen – ich bin ja nicht dabei gewesen, ich weiß es ja nicht – aber die kranke Frau hat in ihrem Kopfe gemeint, der da draußen sei ihr Liebster, und hat in heller Eifersucht aufgeschrieen – seitdem ist sie immer so unruhig, wenn die Hoheit vorbeireitet. … Das beweist doch, wie lieb sie den verstorbenen Herrn gehabt hat – aber der Herr Baron sagt immer nur: ‚die Frau ist wirr im Kopfe‘, und damit ist die Sache abgemacht. … Nein, er rührt keinen Finger, und wenn der liebe Gott nicht ein Einsehen hat, da muß mein armer Junge ohne Gnade in drei Wochen fort in die geistliche Dressur – und nachher wird er unter die Heiden geschickt; da ist er ihnen freilich nicht mehr im Wege.“

„Das geschieht aber doch nur, weil es der Verstorbene gewünscht hat.“

Die Beschließerin sah der jungen Frau mit einem langen, sprechenden Blicke in die Augen. „Ja, so sagen sie drüben im Schlosse, aber – wer’s glaubt! Haben Sie den bewußten Zettel gelesen?“

Liane verneinte.

„Ich glaub’s – wer weiß, wie er aussieht! … Sehen Sie, gnädige Frau, an dem Abende, wo Sie unversehens in das indische Haus kamen und so liebevoll mit dem Gabriel waren, da habe ich innerlich aufgejubelt und habe gedacht: endlich schickt unser Herrgott seinen guten Engel. Der Engel sind Sie auch geblieben – ich habe es vorhin erst wieder gesehen, wo Sie so muthig vor der ganzen schrecklichen Gesellschaft dem armen Jungen beistehen wollten; aber durchdringen werden Sie in dem Hause nie. Dahinein paßt nur Eine, wie die selige gnädige Frau, die gleich mit beiden Füßen stampfte und den Schloßleuten [173] Alles an den Kopf warf, was ihr eben in die Hände kam, und wenn es Stahl und Eisen und spitzige Messer und Scheeren, waren. … Und da will ich lieber still sein und von dem, was ich weiß, nichts weiter auf Ihr gutes, sanftes Herz legen, denn – Sie haben für sich selber zu kämpfen, schwer zu kämpfen, wenn Sie nur ein ganz kleines Stückchen Heft in der Hand behalten wollen. … Er, der alte böse Mann, wühlt unter Ihren Füßen wie ein Maulwurf – er will Sie um jeden Preis wieder hinausbeißen – und der Andere, der Sie nach Schönwerth gebracht hat – seien Sie mir nicht böse, gnädige Frau, aber es muß heraus – der wird Sie nicht schützen, nicht halten. Das wissen und sehen wir Alle. Wenn ihm das Treiben des alten Herrn zu bunt wird, da kehrt er Schönwerth den Rücken, macht drei Kreuze und fährt in die weite Welt hinein – was hinter ihm bleibt, das ist ihm sehr einerlei und – die arme junge Frau dazu.“

Eine flammende Röthe ergoß sich über Lianens Gesicht – welche Rolle spielte sie in diesem Hause! Die gerade, ungeschminkte Ausdrucksweise der Frau zeichnete ihre zweifelhafte, unwürdige Stellung in schreckhaft klaren Umrissen. „Das wissen und sehen wir Alle,“ hatte sie eben gesagt – sie war ein Gegenstand der mitleidigen Beobachtung. Der ganze Stolz der „Trachenbergerin“, aber auch die gekränkte Frauenwürde wurde in ihr lebendig. Aeußerlich wenigstens durfte sie die Demüthigungen, die sie erleiden mußte, nicht zugestehen. „Das Alles geschieht in Folge eines Uebereinkommens zwischen dem Baron und mir, liebe Frau Löhn; darüber haben Andere kein Urtheil,“ sagte sie freundlich gelassen und hielt der Frau, die betroffen schwieg, die Hand hin, um über die Compresse einen trockenen Leinwandstreifen binden zu lassen. … Am äußersten Ende des Weges erschien eben auch die abgesandte Hofdame mit Leo, „um sich im allerhöchsten Auftrag der Frau Herzogin nach der armen Patientin umzusehen“ – wie sie sich beim Näherkommen ausdrückte.

Die Beschließerin verschwand für einen Augenblick im indischen Hause, während Liane in Begleitung der Hofdame und Leo an der linken Hand führend nach den Ahornbäumen zurückkehrte. Sie schauerte in sich zusammen, als sie dort „dem gelben vertrockneten Gerippe“ im Fracke mit jedem Schritte näher kam, als sie die bleichen Hände mit den nervös auf dem Tische spielenden Fingern sah, die mit einem wüthenden Griff ein Menschenleben nahezu erdrückt hatten. … Ob diese Finger nicht auch mörderisch die Kehle der Frau gepackt hätten, die jetzt, rasch hinter ihr herkommend, in das Jägerhaus ging, wenn ihm die Ahnung gekommen wäre, daß sie um sein schwarzes Geheimniß wisse, ja daß sie es eben verrathen? Der Mann hatte einen dunklen Schatten, zwei unablässig nach dem Tag der Enthüllung, der Sühne ausspähende Augen neben sich, ohne es zu wissen. Wer hätte das hinter dem mürrischen Steingesicht, in der so ruhig und derb daherkommenden Gestalt gesucht, die jetzt, als sei kein einziges jener fürchterlichen Worte über ihre Lippen geschlüpft, den Anwesenden, und auch Lianen, unbefangen eine Platte voll Erfrischungen präsentirte!




16.


Das Geräusch der wegfahrenden herzoglichen Equipagen war längst verrollt. Auf einen „bittenden Befehl“ der Herzogin hatte Mainau sein Pferd vorfahren lassen, um sie ein Stück Weges zu begleiten; zugleich war dem Hofprediger die Auszeichnung zu Theil geworden, im Fond neben die fürstliche Frau befohlen zu werden – die Prinzen mußten sich mit dem Rücksitz begnügen. Die Hoheit war offenbar in sehr glücklicher Stimmung – sie wußte ja nicht, daß sich bei diesem Anblick manche Faust in der Residenz insgeheim ballen würde – wer hätte ihr das sagen sollen? Und wenn auch – bah, was lag ihr an der Meinung im Volke, wenn es galt, ihre Kirche zu verherrlichen? Die regierende Linie des herzoglichen Hauses war nicht katholisch – der Erbprinz und sein Bruder wurden im protestantischen Glauben erzogen; dagegen war die Seitenlinie, welcher die Herzogin entsprossen, im Schooß der alleinseligmachenden Kirche verblieben. Die zumeist protestantische Bevölkerung des Landes war deshalb nie sehr erbaut gewesen von der Wahl des Regierenden, welche die bigotteste der Durchlauchtigsten Cousinen auf den Thron gehoben hatte. Es währte auch damals nicht lange, da war der Caplan des wenig begüterten Seitenzweiges Hofprediger geworden, und wenn nicht die Hand des Todes jäh dazwischen gegriffen hätte, dann wäre – so raunte man sich zu – ein Glaubenswechsel auf dem Throne unausbleiblich gewesen; denn der Herzog hatte seine Gemahlin abgöttisch geliebt und sich ihrem Einfluß in allen Stücken blindlings unterworfen. … Wie das personificirte Glück und Unheil saßen sie bei der Abfahrt von Schönwerth nebeneinander, die rosenfarbene, heiterlächelnde Fürstin und der schwarze Priester mit dem eigenthümlich erblaßten Gesicht, der heute für alle verschwenderisch gespendete Huld und Gnade nur ein finsteres Lächeln hatte.

Mit der Verbeugung gegen die Herzogin hatte sich Liane zugleich von Mainau verabschiedet und ihn gebeten, sich für heute ganz in ihre Appartements zurückziehen zu dürfen, was er ihr vom Pferd herab mit spöttisch zuckenden Mundwinkeln ohne Weiteres zugestanden. … Nun war sie allein – der Hofmarschall hatte Leo reclamirt, um nicht so einsam am Abendtisch zu sein, falls Mainau in der Stadt bleiben werde – allein, sich selbst überlassen, in ihrem blauen Boudoir. Sie hatte einen weißen Schlafrock übergeworfen und sich, weil ein stechender Kopfschmerz sie folterte, von der Kammerjungfer das schwere Haar vollständig lösen lassen – das brachte ihr stets Erleichterung.

Trotz dem Kopfweh und mit der verbundenen, heftig schmerzenden Hand hatte sie sich doch einen kleinen Tisch vor die Chaise longue getragen, um an Ulrike zu schreiben; aber mitten in dem Erguß war sie gezwungen gewesen, die Feder hinzuwerfen und mit vor Schmerz zusammengebissenen Zähnen sich auf das Ruhebett hinzustrecken.

Da lag sie, den Kopf auf der untergelegten linken Hand, in das blaue Polster geschmiegt, stundenlang unbeweglich und sah die glänzenden Atlasfalten der gegenüberliegenden Wand alle Tinten der Abendbeleuchtung, vom glühenden Purpur bis zum flimmernden Goldgelb wiederspiegeln. Ueber den Busen herab fiel ihr ein breiter Strom des wogenden Haares und lag drunten auf den blauen Cyanen des Teppichs; diese vollen, schweren Ringel konnte der letzte Abendstrahl noch erreichen – sie funkelten fast dämonisch, wie jenes rothe Metall, das die Gnomen eifersüchtig hüten. … So still und gelassen sie sich auch äußerlich verhielt, so fieberhaft jagte ein Reigen von Gedanken durch ihr aufgeregtes Gehirn. Sie mußte an „die luftige, aus Spitzen zusammengewobene Seele“ denken, die mit Messern und Scheeren um sich geworfen hatte – diese jasminduftende Valerie war das Schooßkind bei Hofe gewesen, der böse alte Mann sprach nur in vergötternder Ekstase von ihr, und Mainau – nun, er hatte diese Frau nie geliebt; er gedachte ihrer nur unter dem beißendsten Hohn – es war wohl auch nur eine Convenienzheirath, und zwar eine total verunglückte gewesen. Aber er, der sonst jede irgendwie drückende Fessel rücksichtslos abwarf, er hatte auch hier stillgehalten. Er war, wenn ihm „das Treiben zu bunt“ geworden, in die weite Welt gegangen, und nur der Tod, nicht das scheidende Wort war zwischen diese Ehe getreten – und das Alles, um den Eclat zu vermeiden! … Welcher Widerspruch in dem Manne, der in Bezug auf Verirrungen, wie Liebesabenteuer, Duellgeschichten, tolle Wetten, nicht die geringste Rücksicht auf das Urtheil der Welt nahm – er fürchtete sich wie ein Kind vor jedem Schritte, der einen begangenen Irrthum, einen Mißgriff seines Verstandes gleichsam documentiren und vielleicht ein wenig Spott und Schadenfreude bei seinen Standesgenossen hervorrufen konnte. … Diese Schwäche berücksichtigend, hatte sie auch heute der Herzogin gegenüber eigenmächtig, aber in der schonendsten Form die bevorstehende Trennung angedeutet, und so war es ihm sicher erwünscht gewesen, denn er war mit der größten Ruhe auf ihr Bestreben eingegangen. … Nicht lange mehr dauerte die Qual, dann war sie wieder daheim – freilich ohne Leo. Bei diesem Gedanken preßte sie die Augen tiefer in das Kissen; sie hatte das Kind unbeschreiblich lieb, und jetzt schon nagte der Trennungsschmerz an ihr; aber selbst ihm konnte sie das Opfer nicht mehr bringen, zu bleiben, jetzt wo sie einen Blick in die Vergangenheit des Hofmarschalls gethan und täglich, stündlich die Fortwirkung seiner Sünden mit ansehen mußte, ohne einschreiten oder auch nur sprechen zu dürfen. … Ein Schauder, wie Fieberschütteln, rieselte durch die weich, in plastischer Schönheit sich hinschmiegenden Glieder der jungen Frau – ihr graute selbst vor der Luft, die sie [174] in Gegenwart des Mannes mit den mörderischen Händen noch einathmen mußte.

Inmitten dieser Vorstellungen berührte ein leises Geräusch ihr Ohr – war es doch, als müsse dort an der Thür „das gelbe vertrocknete Gerippe“ im Fracke impertinent lächelnd stehen und mit den dünnen, verkrümmten Fingern die Falten der Portière zurückraffen – sie fuhr mit einem schwachen Schreckenslaute empor.

„Ich bin’s, Juliane,“ sagte Mainau unter dem blauen Behange hervortretend. … Ich bin’s – als ob das nicht noch erschreckender für sie gewesen wäre! – Seit dem Momente, wo er sie zur Trauung abgeholt, hatte er ihre Zimmer nicht wieder betreten. – Sie sprang auf und griff nach der Klingelschnure.

„Weshalb?“ fragte er, ihre Hand erfangend.

Unter glühendem Erröthen schüttelte sie das Haar nach dem Nacken zurück und suchte es zu verbergen, indem sie mit dem Rücken hart an die Wand trat. „Ich brauche Hanna für einen Augenblick,“ sagte sie kurz und grollend.

Er lächelte. „Du vergissest, daß unsere heutige Damenwelt in dieser Haartracht selbst auf der Promenade erscheint – und dann, wozu diese Etikette? Habe ich nicht das unbestrittene Recht, ohne Anmeldung hier eintreten und nach meiner kranken Frau sehen zu dürfen, wann ich will?“ – Er strich langsam über das seidenglänzende Haargewoge, das sich trotz aller Bemühungen der jungen Frau doch wieder über Schulter und Arm ergoß, und wie eine Tunika aus Goldgewebe das weiße Kleid bedeckte. – „Welche Pracht!“ sagte er.

„Eine etwas verblaßte Schattirung der Trachenberg’schen Familienfarbe,“ versetzte sie bitter lächelnd, während ihre Linke mit einer kalten Geberde hinabglitt, um seine Hand abzuwehren.

Er stand einen Augenblick betroffen, wobei seine Wangen sich leise färbten – an Ton und Ausdruck mußte er erkennen, daß sie nur einen seiner rücksichtslosen Aussprüche wiederhole; er sann offenbar darüber, wo sie ihn gehört haben könne. „Ich habe den Arzt mitgebracht, Juliane,“ sagte er nach momentanem Schweigen rasch über eine sichtlich unangenehme Empfindung hinweggehend. „Darf er hereinkommen?“

„Ich möchte ihn nicht bemühen. In Rudisdorf waren wir nicht gewohnt, den Arzt um jeder Kleinigkeit willen zu consultiren – er wohnte viel zu entfernt und –“ sie brach ab, wozu denn abermals bekennen, daß sie zu arm gewesen und aus Ersparniß zum Selbstarzt geworden seien! „Das frische Brunnenwasser hat seine Schuldigkeit vollkommen gethan,“ setzte sie rasch hinzu.

„Er soll Dich auch nicht durch eine Untersuchung der Hand belästigen – zu meiner großen Beruhigung sehe ich, ja, daß sie Dir zu schreiben gestattet,“ antwortete er mit einem Blicke auf die Schreibutensilien und den daneben liegenden angefangenen Brief an Ulrike. „Ich will nur den Folgen der Gemüthsbewegung vorgebeugt wissen – ich habe eben gesehen, daß Dich eine Art Nervenschauer schüttelte.“

Er hatte also schon länger hinter der Portière gestanden und sie beobachtet. … Warum mit einem Male die Besorgniß, nachdem er bei dem Vorfalle selbst und auch später die verletzendste Kälte und Theilnahmlosigkeit an den Tag gelegt? – „Deshalb?“ betonte sie mit halbem Lächeln, den Kopf über die Schulter nach ihm wendend. „Du scheinst zu vergessen, daß ich eine ganz andere Lebensschule durchmachen mußte, als die meisten meiner Standesgenossinnen – ich müßte nicht Ulrikens Schwester, nicht meines Bruders ‚Famulus‘ gewesen sein! Wir haben wirklich nie Zeit gehabt, in aristokratischer Weise unsere Nerven zu berücksichtigen und zu verhätscheln; wir haben uns derb abgehärtet, wie es Diejenigen müssen, die innerlich unabhängig bleiben und ihre geistige Bewegung ungehemmt sehen wollen. … Ich bitte Dich, den Doctor schleunigst zu entlassen – er wartet doch wohl draußen?“ Sie sprach die letzten Worte hastig, aber mit Nachdruck – er konnte nicht mißverstehen, daß sie auf diese Weise seinen „Krankenbesuch“ abzukürzen wünsche.

„Er wartet nicht draußen, und wenn auch, er könnte sich das ruhig gefallen lassen – der gute Mann sitzt drüben im Gartensalon und läßt sich seine Flasche Burgunder schmecken,“ versetzte er spöttisch und trat tiefer in das Zimmer – seine Augen glitten über die Wände hin. „Ach sieh da! Das blaue Boudoir – aufrichtig gestanden, meine ganze Antipathie – ist merkwürdig wohnlich und traulich geworden. Die mattweißen Elfenbeingruppen vor den blauen Atlasbehängen machen einen malerischen Eindruck; sie beleben das Zimmer, wie die weißen Azaleenbäume dort im Fenster. … Und daß hier auch einmal ein Tisch steht! – Ja, siehst Du, das ist’s gewesen, was mich immer so angewidert hat – dieses stundenlange, sybaritische, faule Versinken Valerie’s in diesem gleißenden Polsterwerke.“

Er warf einen Blick durch die weit zurückgeschlagene Thür des anstoßenden Salons. „Und wo malst Du denn, Juliane? Ich sehe keinerlei Arrangement – doch nicht in der Kinderstube?“

„Nein, ich habe mir das Cabinet neben meinem Ankleidezimmer dazu eingerichtet.“

„Den engen, kleinen Winkel, der, wie ich mich erinnere, nicht einmal eine vortheilhafte Beleuchtung hat? Wie kommst Du auf diese merkwürdige Idee?“

Sie sah ihm fest und voll in das Gesicht. „Ich glaube, Die, welche die Kunst in ihrer Heiligkeit erfassen, haben einige Fühlfäden mehr in der Seele – sie sind sehr empfindlich in unsympathischer, feindlicher Atmosphäre –“

„Und ziehen sich beleidigt zurück – das geht gegen meine Ansichten vom Damendilettantismus. Ich habe doch Recht, wenn ich auch heute dahin bekehrt worden bin, daß es Ausnahmen giebt. … Was soll denn aber nun im Winter werden? Das Cabinet ist nicht heizbar.“

„Im Winter?“ wiederholte die junge Frau in staunendem Schrecken – sie faßte sich jedoch rasch. „Ach so – Du hast wahrscheinlich nicht bemerkt, daß im Rudisdorfer Gartensalon ein prächtiger Kamin steht – trotz der Glasfronte läßt sich der große Raum doch sehr gut heizen, und wird es ja zu kalt, dann bewohne ich mit Ulrike in der Bel-Etage ein hübsches, warmes Eckzimmer, das Du nicht kennst.“

Eine tiefe Gereiztheit glomm in dem Blicke, welchen er an der vollkommen ruhig dastehenden Gestalt seiner jungen Frau niedergleiten ließ – nur an dem Heben und Senken des Busens konnte er bemerken, daß sie in fast athemloser Spannung sprach.

„Sitzt die Schrulle wirklich so fest da drin?“ fragte er langsam und berührte mit dem Zeigefinger leicht ihre weiße Stirn.

„Ich weiß nicht, was Du mit diesem Worte bezeichnen willst,“ versetzte sie, mit kühlem Ernste zurückweichend – sie strich unwillkürlich über die Stelle, die er berührt hatte, als gelte es, einen Makel wegzuwischen. „Für Schrullen ist mein Kopf wohl noch zu jung – ich nehme mich auch sehr in Acht vor dem innerlichen Cajoliren irgend einer kleinlichen, einseitigen Liebhaberei. … Du brachtest aber diese ‚Schrulle‘ in Verbindung mit meiner Rückkehr nach Rudisdorf – ist sie nicht unser Beider Wunsch und Wille?“

„Ich meine, Dir heute bereits das Gegentheil versichert zu haben,“ sagte er – es war ein angenommener Gleichmuth, mit dem er die Achseln zuckte – sie wußte, daß er bei dem nächsten widerspruchsvollen Wort ihrerseits auffahren würde, aber sie ließ sich nicht einschüchtern.

„Zuerst allerdings,“ gab sie zu; „aber später, im Beisein der Herzogin, hast Du Dich vollkommen einverstanden erklärt“ –

Er lachte auf, so bitter und schallend, daß sie erschrocken verstummte. „Ich glaube wohl, daß es Deinem verletzten Stolz und Hochmuth eine köstliche Genugthuung gewesen wäre, wenn ich in jenem Deinerseits wirklich an den Haaren herbeigezogenen Moment erklärt hätte: ‚Diese Frau will sich um jeden Preis von mir losmachen – ich bitte sie aber fußfällig, mich nicht zu verlassen; sie wirft mir Alles, was ich ihr biete, vor die Füße und kehrt lachenden Muthes in ihre alte Armuth und Entbehrung zurück, lediglich um sich – zu rächen!‘ … Schöne, junge Frau, eine solche eclatante Revanche vor solchen Ohren, wie sie heute begierig auf jedes Deiner Worte lauschten, gestattet kein Mann seiner Frau, selbst wenn er – sie lieben sollte.“

Lianens heiße Wangen erblaßten vor innerer Aufregung – sie war tief beleidigt – auf seine letzten Worte hörte sie gar nicht mehr; sie wolle sich rächen, hatte er gesagt.

„Mainau, ich bitte Dich ernstlich, nicht in so ungerechter und verletzender Weise vorzugehen,“ unterbrach sie ihn mit

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Die Gartenlaube (1874) b 175.jpg

Abgabe der Beichtzettel. Originalzeichnung von Mathias Schmid in München.

[176] fliegendem Athem. „Rache! Ich habe dieses Gefühl nie kennen gelernt und weiß bis zu diesem Augenblicke nicht, in welcher Weise es wohl die Menschenseele erschüttern mag; aber ich denke mir, jeder Racheanwandlung muß wohl eine Leidenschaft vorangehen, und ich wüßte nicht, daß mein Aufenthalt in Schönwerth eine solche, sei es nach welcher Richtung hin, in mir erweckt hätte. … Der Hofmarschall hat mich oft tief gekränkt – ich habe Dir aber selbst erklärt, daß ich den Kranken in ihm berücksichtige und so viel wie möglich seine Angriffe mit ruhigem Blute zurückweise. … Und Dir gegenüber? Wie könnte ich Kränkungen rächen wollen, die keine sein sollen, und deshalb für mich auch keine sind? – Wir können uns beiderseits kein tiefes Weh zufügen.“

„Juliane, hüte Dich! In diesem Augenblicke ist jedes Deiner Worte ein wohlüberlegter Messerstich – Du weißt es sehr genau, daß Du verbittert bist.“

„Das verneine ich entschieden,“ sagte sie ruhig und unbeirrt; „verletzt und entmuthigt bin ich, aber nicht verbittert. Entmuthigt deshalb, weil mir mein Wirken in Deinem Hause vorkommt, als ob ich Wasser mit Sieben schöpfe – auch bei Leo’s Erziehung drängt sich mir diese Ueberzeugung auf – es wird mir von anderer Seite zu viel entgegengearbeitet. … Ich habe eben angefangen, über die Angelegenheit an Ulrike zu schreiben.“

„Ah, das ist ja die beste Gelegenheit, mich zu informiren,“ rief er, rasch an den Tisch tretend.

„Das wirst Du nicht thun, Mainau,“ sagte sie ernst, aber mit bebenden Lippen und legte die Hand protestirend auf seinen Arm, der nach dem Briefe griff.

„Das werde ich sicher thun,“ versetzte er, heftig ihre Hand abschüttelnd. „Ich habe das unbestrittene Recht, Briefe meiner Frau zu lesen, die mir verfänglich erscheinen. … Sieh in den Spiegel dort, Juliane! Solche erblaßte Lippen hat das böse Gewissen. … Ich werde Dir den Brief vorlesen.“

Er trat in das Fenster und las laut, mit sarkastischer Betonung: „‚In vierzehn Tagen spätestens komme ich nach Rudisdorf – für immer, Ulrike! … Da steht dieser Erlösungsschrei so kalt und nüchtern auf dem Papier – er wird Dir keine Vorstellung davon geben können, wie sonnig es in mir geworden ist, seit ich weiß, daß ich wieder mit Dir und Magnus zusammenleben werde.‘ – Armes Schönwerth!“ schaltete er mit bitterem Spott ein. – „‚Glaube ja nicht, daß die Lösung eine gewaltsame ist; sie vollzieht sich in richtiger Consequenz zwischen zwei Seelen, die bis in alle Ewigkeit nicht zusammen gehören, von denen die eine aber das Aufsehen bei den Menschen fürchtet, während die andere zurückbebt vor jedem in die Stille der Häuslichkeit fallenden zornigen Wort – der Bruch geschieht mithin leise, unhörbar – die scandalsüchtige Welt bleibt sicher unbefriedigt. … Eines Tages wird die Baronin Mainau aus Schloß Schönwerth verschwunden sein, lautlos verschwunden aus den Räumen, in denen sie kurze Zeit als ‚Schattenherrin‘ gewaltet, aus dem Gedächtniß der Leute, die ihre unhaltbare Stellung vom ersten Augenblicke an begriffen und in der kaum Eingetretenen zugleich die Scheidende gesehen und bemitleidet haben. … Und Deine Liane? Man hatte sie nicht mit der Wurzel dem heimischen Boden entnommen, sie wird nach kurzer Unterbrechung weiter wachsen unter dem Sonnenschein Eurer Augen – meinst Du nicht, Ulrike? … Du weißt, ich habe es immer grausam gefunden, eine Pflanze abzuschneiden und mit der Wunde in eiskaltes Wasser zu stellen – und jetzt ist dieses Mitgefühl erst recht lebendig in mir geworden; ich weiß, wie das wehe thut. Einige kecke Triebe und Schößlinge meiner Seele lasse ich verwelkt in Schönwerth zurück – das allzu kühne Vertrauen auf die eigene moralische Kraft und das unkluge Herausfordern der Gesellschaft, die auch nicht einen Hauch von Lebensodem für mich und meine Anschauungen hat – diese Lehre kann mir nicht schaden. … Sieh, ich mußte damals, als er auf der Terrasse zu Mama sagte: ‚Liebe kann ich ihr nicht geben, ich bin aber auch gewissenhaft genug, in ihrem Herzen keine wecken zu wollen,‘ hinabgehen und ruhig den Ring in seine Hand zurücklegen; nicht um der versagten Liebe willen – dazu hatte ich ja kein Recht; ich brachte ihm ja auch noch kein solches Gefühl entgegen – sondern weil die letzten Worte eine grenzenlose Eitelkeit bekunden‘“ – das Blut schoß dunkel in Mainau’s Gesicht; heftig die Unterlippe zwischen die Zähne klemmend, hielt er im Lesen inne und warf über das Papier hinweg einen tiefgereizten und doch unsicheren Blick auf seine Frau.

In dem Augenblicke, wo er vom bösen Gewissen gesprochen, hatte sie ihre Arme ruhig unter dem Busen verschränkt; und so stand sie noch; nur war es, als recke sich die schlanke Gestalt unter seinem Blicke noch stolzer auf; ein feiner, schöngewölbter Fuß erschien unter dem Kleidsaume und stemmte sich fest auf den elastischen Cyanenteppich – eine Stellung, welche die sonst so graciös geschmeidige Erscheinung neu und fremd machte – aber die dunkelblonden Wimpern lagen tief auf ihren Wangen; ohne es gewollt zu haben, sagte sie dem Manne dort eine häßliche Wahrheit in das Gesicht; er mußte sich schämen, und sie erröthete mit ihm.

Er trat dicht an sie heran. „Du hast vollkommen Recht mit Deinem Urtheil,“ sagte er scheinbar beherrscht; „ich bin ja nicht blind gegen diese meine große Schwäche – und wenn ich mir jetzt denke, daß Du mit Deinem fein unterscheidenden Ohr, mit Deiner scharfen Kritik eine so plumpe Aeußerung von mir gehört hast, so – steigt mir das Blut in’s Gesicht. … Aber nun, Du gestrenge Richterin, mache ich Dir auch einen Vorwurf – ich war eitel; Du aber warst falsch, als Du – Verachtung im Herzen – die Lippen schlossest und mit mir gingst –“

„Lies noch einige Zeilen,“ unterbrach sie ihn bittend, ohne aufzusehen.

Er ging nach dem Fenster zurück – es dämmerte stark. – „‚Ich wußte, daß ich nach einem solchem Ausspruche aus seinem Munde nie und nimmer in Versuchung kommen würde, auch nur einen Funken von Sympathie für ihn zu empfinden‘“ – las er mehr für sich – „‚und daß ich dennoch mit ihm ging und zum zweiten Male das heilige Ja am Altare entwürdigte, das machte mich zur Mitschuldigen bei einem ungeheuren Frevel – und dafür giebt es keine Beschönigung, denn ich hatte die urtheilslosen Backfischjahre längst hinter mir.‘“ –


(Fortsetzung folgt.)




Die wahren Blutsauger.


Von Brehm.


Die Vampirsage, welche, Dank der fortdauernden Pflege des Aberglaubens, trotz ihrer Wahnwitzigkeit und Abscheulichkeit noch in unseren Zeiten und selbst von sogenannten Gebildeten für wahr gehalten wird, findet auch in der Naturgeschichte der Thiere nicht die geringste Begründung. Wohl hat man einigen Fledermäusen den Namen Vampire gegeben, dies aber ist erst in Folge des Vampirglaubens geschehen; denn die Kenntniß blutsaugender Fledermäuse ist nicht so alt wie jener Aberglaube. Mich kümmert es herzlich wenig, wie viel Antheil die griechischen Pfaffen an der Befestigung und Verallgemeinerung des, wie man sagt, von ihnen ausgehenden Afterglaubens haben; ich will nur die Fledermäuse von dem Verdachte freigesprochen wissen, daß sie es gewesen seien, welche einem so hirnlosen Wahne Vorschub geleistet haben könnten.

Unter den Fledermäusen, welche bekanntlich über die ganze Erde sich verbreiten, giebt es thatsächlich einige, welche mit der Gier eines Raubthieres an dem Blute anderer Säugethiere und verschiedener Vögel sich erlaben. Obschon die meisten Mitglieder dieser arten- und gestaltenreichen Ordnung durch ihre eifrigen Kerbthierjagden zu wahren Wohlthätern der Pflanzenwelt und dadurch für uns zu überaus nützlichen Geschöpfen werden, lassen sich andere doch Eingriffe in das Besitzthum des Menschen zu schulden [177] kommen, indem sie in Obst- und Weingärten einfallen und hier unter Umständen beträchtlichen Schaden verursachen, und ebenso werden andere dadurch wenigstens lästig, daß sie die Hausthiere anzapfen und unter Umständen selbst Menschen angreifen. Von den letztgenannten Fledermäusen will ich hier sprechen.

Während bei den übrigen Flatterthieren meist nur das Ohr und damit das Gehör eine hohe Entwickelung erlangt hat, bemerkt man bei den Blattnasen, welche ziemlich allgemein im Verdachte des Vampirthums stehen und theilweise als Blutsauger erkannt worden sind, eigenthümliche Wucherungen auf der Nase in Form häutiger Aufsätze, deren Gestalt mannigfachem Wechsel unterworfen ist, im Wesentlichen aber aus einem mehr oder minder entwickelten Hautblatte besteht. Wenn dasselbe vollständig ist, wird es zusammengesetzt durch das sogenannte Hufeisen, den Längskamm und die Lanzette, wogegen es in seiner einfachsten Form als eine quer über die Nasenspitze gehende Hautfalte sich zeigt. Hinter den Nasenlöchern kommen außerdem vielfach eigenthümliche Vertiefungen und Löcher und um die Nasenfalten auf Lippen und Wangen Fleischwarzen vor, welche eine bestimmte Rolle spielen müssen, da sie erfahrungsmäßig den Thieren wichtiger als die Augen sind. Höchst wahrscheinlich schärfen sie den Geruchs- und Gefühlssinn; doch liegt hierüber ein Schleier, welcher bis jetzt noch nicht gelüftet werden konnte. Zur Verschönerung des ohnehin nicht ansprechenden Fledermausgesichts tragen weder die Hautblätter noch die Warzen bei, verhäßlichen im Gegentheil das Thier auf das Höchste. Wer sonst Lust hat, sich mit unfruchtbaren Deuteleien abzugeben, mag annehmen, daß der Ausdruck des Vampirgesichts bereits auf sein unheimliches Treiben hindeute; wer ruhiger und vernünftiger urtheilt, wird in den Hautblättern Organe von außerordentlich feinem Bau, also bewunderungswürdige Gebilde erkennen müssen.

Blattnasen giebt es in allen Erdtheilen und ebensowohl in heißen wie in gemäßigten Gegenden. Auch unser Vaterland besitzt in den Hufeisennasen zwei Arten der Gruppe, zu denen sich in Süd-Europa noch mehrere gesellen; doch erlangt die Familie erst in dem heißen Gürtel der Erde ihre volle Entwickelung. Insbesondere scheint Süd-Amerika alle Bedingungen zu erfüllen, welche das Leben einer Blattnase angenehm machen können; hier leben mindestens die größten und die blutgierigsten Arten. Gleichwohl darf man nicht wähnen, daß das Vampirthum nur in Süd-Amerika üblich sei; neuere Beobachtungen haben im Gegentheile festgestellt, daß auch asiatische Blattnasen Blutsauger sind, ja daß selbst unsere deutschen Arten dann und wann, vielleicht öfter als wir vermeinen, ein lebendes Wesen anzapfen. Zur Beruhigung meiner Leserinnen, unter deren Mißfallen die Fledermäuse ohnehin schwer zu leiden haben, darf ich versichern, daß, bis jetzt wenigstens, noch kein einziger Fall eines rücksichtslosen Angriffes unserer einheimischen Blutsauger auf Menschen bekannt geworden ist, diese vielmehr die üble Gewohnheit ihrer Zunft nur an andern Mitgliedern ihrer Ordnung und höchstens ausnahmsweise noch an einer schlafenden Taube oder einem träumenden Huhne bethätigen. Minder rücksichtsvoll gegen den Gebieter der Erde zeigen sich die Blutsauger Süd-Amerikas, und wahrscheinlich sind es gerade die an Größe die unserigen nicht übertreffenden Arten, denen man die Hauptschuld aufzubürden hat. Wenigstens verzehren die größeren Arten, diejenigen, denen man den Namen Vampire gegeben hat, nach neueren Beobachtungen erwiesenermaßen Kerbthiere und Früchte und sind bis jetzt beim Blutsaugen noch nicht ertappt worden.

Die Berichte und Klagen über das Blutsaugen der Fledermäuse gehören zu den ältesten Nachrichten, welche wir über Amerika haben. Früher weiß man nichts von Vampir- und Fledermausgeschichten; denn die Angaben Herodot’s von großen Fledermäusen in Arabien, welche „auf der in Sümpfen wachsenden Pflanze Casia sich aufhalten, sehr stark sind und fürchterlich schwirren, so daß die Leute, welche die Casia sammeln, ihren ganzen Leib und das Gesicht bis auf die Augen mit Leder bedecken müssen, um sie von ihrem Leibe abzuhalten“, tragen den Stempel der Unwahrheit an der Stirn und beziehen sich vielleicht auch nur auf Flederhunde, welche ihrer Größe halber den Leuten aufgefallen sein können. Dagegen weiß Geßner bereits von Blutsaugern zu erzählen.

„In Darienen der Landschafft des newen Lands,“ sagt er, „worden die Hispanier in der Nacht von den Flädermäußen geplaget, welche, so sie einen schlaffenden vnversehens gebissen hatten, blutet er sich zu todt, dann man hat etliche von diesem Schaden todt gefunden. So dieses Thier einen Hanen oder Henne vnder offenem Himmel gefunden, hefftet es ihm den Angel in seinen Kamm vnd bringt ihn vmb, als Petrus Martyr schreibet. In mehrertheils Orten Parie oder Indie haben die Hispanier Flädermäuß, so nicht kleiner dann die Turteltauben gewesen, gefunden, welche angehends der Nacht auf sie schossen vnd sie mit irem vergifften Bisß taub machten also, daß sie da hinweg zu fliehen gezwungen worden, als obgenannter ausweiset. Solche Flädermäuß sollen auch in Vraba, der grösten Insel deß newen Lands in einem Maß gefunden werden, nicht kleiner dann die obgenannten, thun auch gleichen schaden, als etliche Hispanier erfahren haben. Ancisus der Vogt oder Feldtherr, so dann ausgeworffen war, als ich ihn fraget von diesem vergifften Bisß, sagt er mir, daß er Sommerszeit, als er von Hitz wegen den Schenkel entdeckt, von einer Flädermauß in eine Versen gebissen war, welches jm nicht mehr Schaden gebracht hab, dann wenn er von einem andern vnvergifften Thier verletzt worden. Andere sagen, der Bisß sei gantz vergifft, aber mit Meerwasser bestrichen, werde er von stund an heil, als der obgenannte lehret.“

Genauere Berichte giebt der Spanier Azara, welcher die Blutsauger „Beißer“ nennt. „Zuweilen,“ bemerkt er, „beißen sie sich in dem Kamm und in den Kinnlappen der schlafenden Hühner ein, um ihnen Blut auszusaugen, und die Hühner sterben daran gewöhnlich, zumal wenn die Wunden, wie fast immer geschieht, sich entzünden. Ebenso beißen sie Pferde, Esel, Maulthiere und Kühe und zwar regelmäßig in die Seiten, die Schultern oder in den Hals, weil sie dort mit Leichtigkeit sich festhalten können. Dasselbe thun sie mit den Menschen, wie ich bezeugen kann, weil ich selbst viermal in die Zehen gebissen worden bin, während ich unter freiem Himmel oder in Feldhäusern schlief. Die Wunde, welche sie mir beibrachten, ohne daß ich es fühlte, war rund oder länglich rund und hatte eine Linie im Durchmesser, aber so geringe Tiefe, daß sie kaum die ganze Haut durchdrang. Man erkannte sie an den aufgetriebenen Rändern. Meiner Schätzung nach betrug das Blut, welches nach dem Bisse floß, etwa dritthalb Unzen. Allein bei Pferden und anderen Thieren mag die Menge gegen drei Unzen betragen, und ich glaube, daß sie schon wegen des dicken Felles größere und tiefere Wunden an ihm hervorbringen. Das Blut kommt weder aus den Hohl- noch aus den Schlagadern, denn bis dahin dringt die Wunde nicht ein, sondern blos aus den Haargefäßen der Haut, aus denen sie unzweifelhaft es schlürfen und herausziehen. Obgleich die mir beigebrachten Bisse einige Tage ein wenig schmerzten, waren sie doch von so geringer Bedeutung, daß ich weder ein Mittel dagegen anzuwenden brauchte, noch am Gehen verhindert wurde. Weil diese Fledermäuse aber keine Gefahr bringen, blos in jenen Nächten Blut saugen, in denen ihnen andere Nahrung fehlt, fürchtet und verwahrt sich Niemand vor ihnen.“

Man sieht, daß Geßner’s Gewährsleute, ebensowohl wie Azara, das Blutsaugen noch wahrheitsgemäß schildern und sich kaum Uebertreibungen zu Schulden kommen lassen. Solche finden sich erst später in verschiedenen Berichten, und zwar, wie ich bemerken will, auch in solchen der neuesten Zeit. Verschiedene Reisende erzählen mit ersichtlichem Behagen wahre Schauergeschichten von Vampiren, unzweifelhaft einzig und allein in der Absicht, ihren gutwilligen und gläubigen Lesern gelindes Gruseln zu verursachen. Ich will nur einen dieser Berichte hier folgen lassen, uns zu beweisen, wie unverantwortlich auch sogenannte Naturforscher sich über das Blutsaugen der Fledermäuse auslassen.

„Am unangenehmsten,“ so will Appun seine Leser glauben machen, „wurden die in leerstehenden Hütten zugebrachten Nächte, wo alle Bewohner derselben beschäftigt waren, meine Anwesenheit zur Erhaltung ihres kostbaren Lebens zu benutzen. Die Vampire beschränkten sich nicht auf eine oberflächliche Kenntnißnahme meiner Person, sondern waren so rücksichtsvoll und vorsorglich in ihrer eigenthümlichen Weise, nach meinem Puls zu fühlen und eine Untersuchung meines Blutes anzustellen. Es gehört lange Gewohnheit dazu, unter so erschwerenden Umständen in Schlaf zu fallen. Ich hatte es jedoch bald so weit gebracht, mich durch dergleichen harmlose Vorkommnisse nicht stören zu lassen, woraus mir nur der einzige Nachtheil entsprang, daß ich meist, nach einer [178] in einer einsamen Hütte auf diese Weise verlebten Nacht, Morgens beim Erwachen meine Kleider und Hängematten voller Blut fand, das aus kleinen an meinen Fingern und Zehen befindlichen Wunden, weiche von Vampiren verursacht waren, hervorströmte. Ich wurde einst in einer solchen Hütte an sieben Stellen, an Fingern und Zehen während der Nacht gebissen und verlor dabei eine solche Menge Blut, daß dasselbe eine förmliche Lache unter meiner Hängematte bildete, wodurch ich mich so schwach fühlte, daß ich mich ungesäumt von meinen Leuten eine Entfernung von zwanzig Stunden zurücklassen mußte, wo ich in Folge des großen Blutverlustes mehrere Tage lang darnieder lag.“

Man braucht nicht in Südamerika gewesen zu sein, um diese Erzählung zum Mindesten für höchst übertrieben zu erklären. Außer Appun haben auch noch andere und jedenfalls glaubwürdigere Reisende jahrelang in Südamerika sich aufgehalten, sorgfältig Blutsauger beobachtet und ähnliche Erfahrungen nicht gesammelt. Gerade diejenigen Reisenden, welche nicht allein den erforderlichen Willen, sondern auch die nöthigen Kenntnisse besaßen, um Fledermäuse beobachten zu können, versichern übereinstimmend, daß nur äußerst selten ein Blutsauger auch an Menschen sich wagt. „Obgleich wir,“ bemerkt Humboldt, „in den Ländern, wo die vampirähnlichen Fledermausarten häufig sind, so manche Nacht unter freiem Himmel geschlafen haben, sind wir noch nie von ihnen gebissen worden.“ Auch Rengger, welcher viele Jahre lang in Paraguay lebte, kennt nur das von Azara angeführte Beispiel, daß Menschen von Blattnasen angezapft worden sind und ebenso wenig haben Burmeister und Hensel etwas Aehnliches in Erfahrung gebracht. Gleichwohl läßt sich die Thatsache, daß die Blattnasen schlafenden Menschen Blut aussaugen, nicht bezweifeln; die Anzahl der Leute, welche von ihnen geschröpft worden sind, ist jedoch sehr gering, und Jeder, welcher durch die Thiere einen kleinen Aderlaß erhielt, verfehlt nicht, seine gerechte Entrüstung an den Tag zu legen. Bates verlebte elf Jahre in Brasilien und wurde von Fledermäusen oft behelligt, auch von Vampiren gebissen. Während seines Aufenthaltes in Caripe wohnte er in einem Zimmer, welches seit mehreren Monaten nicht gebraucht und an verschiedenen Stellen offen war. In der ersten Nacht bemerkte er nichts Ungewöhnliches, in der zweiten dagegen wurde er durch das Rauschen erweckt, welches ein im Innern des Raumes hin- und herfliegender, zahlreicher Schwarm von Fledermäusen verursachte. Als unser Forscher die von den Thieren ausgelöschte Lampe wieder angezündet hatte, fand er das Zimmer von ihnen erfüllt. Sie flüchteten, weil er mit einem Stocke nach ihnen schlug, kehrten aber bald wieder zurück und umgaukelten das Licht in dichtem Gedränge. In der folgenden Nacht fanden sich mehrere in der Hängematte ein, Bates griff einige von ihnen, welche auf ihm herumkrabbelten, und warf sie gegen die Mauer des Zimmers. Bei Tagesanbruch fand er an sich eine unzweifelhaft von Blutsaugern herrührende Wunde und ließ nunmehr von den Negern das Dach untersuchen, welches jenen zur Zufluchtsstätte gedient hatte. Die Schwarzen fingen mehrere Hundert ein und brachten die meisten von ihnen um.

Aus allen Angaben dieser glaubwürdigeren Reisenden geht also mit nicht anzuzweifelnder Bestimmtheit hervor, daß der Mensch selbst dann keine Gefahr läuft, wenn die Blutsauger sich mit ihnen zu schaffen machen, und daß alle die schauderhaften Berichte kaum mehr als ein Körnlein Wahrheit enthalten. Ein nicht näher bezeichneter Reisender ließ sich mit vollster Absicht schröpfen, um die Vampire dabei beobachten zu können. Einer von diesen erschien um Mitternacht in seinem offenen Schlafzimmer, segelte geräuschlosen Zuges von einem Ende des Raumes zum andern, nahete sich sodann dem Ruhenden, flatterte anfänglich unter dem Betthimmel hin und her, verkürzte nach und nach seine Windungen, schwebte mehr und mehr hernieder, kam dicht über ihn und bewegte seine Fittiche außerordentlich schnell, jedoch ohne jedes Geräusch, dem erwähnten Opfer eine höchst angenehme Kühlung zufächelnd, hierauf senkte er sich vollends herab. Der Erzähler versichert, daß er den Augenblick, in welchem der Vampir biß, nicht bestimmen konnte, so schmerzlos war der Biß und so angenehm das Fächeln mit den Schwingen. Nach und nach fühlte er doch ein leises Schmerzgefühl, wie wenn ein Blutegel sich angesaugt hätte, griff zu und erwürgte den Blutsauger. Diese Erzählung scheint glaublich, weil andere Beobachter, wenn auch nicht an sich selbst, so doch an Thieren Aehnliches beobachtet haben. Doch bemerkt Rengger ausdrücklich, daß er das Fächeln für unmöglich erachte, weil Fledermäuse nicht zu gleicher Zeit saugen und ihre Fittiche bewegen können, er auch stets gesehen habe, daß sie, wenn sie auf die Pferde sich niedersetzen, die Flügel einziehen.

In Gegenden, wo Blutsauger häufig sind, verrathen sie ihre Anwesenheit vornehmlich an Reit- und Lastthieren, und namentlich in der kalten Jahreszeit, in welcher ihnen die Kerbthiere fehlen, bemerkt man die Bisse sehr regelmäßig. Zum Ansaugen wählen sie stets bestimmte Stellen, vor allen solche, wo die Haare des Thieres einen Wirbel bilden und sie nicht bis auf die nackte Haut kommen können. Burmeister fand die meisten Bißwunden am Widerrist, besonders bei solchen Thieren, welche daselbst nackte blutrünstige Stellen hatten. Ein zweiter Lieblingsplatz ist die Schenkelfuge am Becken, wo die Haare auseinanderstehen, doch auch unten am Beine beißen sie gern, seltener dagegen am Halse und nur ausnahmsweise am Kopfe, an der Nase und an den Lippen. So lange der Gaul oder Esel wach ist, läßt er die Fledermäuse nicht heran, wird bei ihrem Kommen unruhig, stampft, schüttelt sich und verscheucht den Feind, welcher ihn umschwirrt. Schlafende Thiere aber lassen sich ruhig besaugen. Wie Vampire beißen, läßt sich nicht mit völliger Sicherheit angeben. Man weiß nur, daß sie sich mit halbgeöffneten Flügeln niedersetzen, die Haare etwas auseinander schieben, das warzige Kinn niederdrücken und nun zu saugen beginnen. Die Wunde ist ein kleines, flaches Grübchen, welches wie eine scharfe Stichwunde aussieht. Man bemerkt an ihr keinen Eindruck von Zähnen wie bei Bißwunden, der Rand dagegen ist immer sehr aufgelockert und angeschwollen. Je nach dem Theile des Körpers hat sie eine Tiefe von ein bis zu zwei Linien, reicht aber niemals bis auf die Haut hindurch und auf die Muskeln. Die Schnittfläche ist nicht senkrecht gegen die Oberfläche der gebissenen Stelle gerichtet, wie sie bei Wunden durch Eckzähne der Fall sein würde, sondern geht im Ganzen parallel.

„Man könnte,“ bemerkt Hensel, „ähnliche Wunden hervorbringen, wenn man die Haut etwas mit einer Kneifzange in die Höhe ziehen und nun mit einem Messer, das wie beim Rasiren etwas über die Haut führe, die Stelle wegschneiden würde. Durch einen solchen Schnitt oder Biß, mit welchem immer ein Stoffverlust verbunden ist, wird eine große Anzahl feiner Hautgefäße durchschnitten, und es tritt sofort eine reichliche und lange dauernde Blutung ein.“ Nach Beschaffenheit der Wunde glaubt Hensel, daß sie nur durch die Schneidezähne gewisser Arten hervorgebracht werden könne, und scheint deshalb geneigt, die meisten Blattnasen von dem Verdachte des Vampirthums freizusprechen.

Rengger glaubt nicht, daß die Blutsauger sogleich vermittelst eines Bisses den Saumthieren die Wunde beibringen, vermuthet vielmehr, daß sie vorher durch Saugen mit den Lippen die Haut unempfindlich machen, wie dies durch Aufsetzen von Schröpfköpfen geschieht, und dann erst mit den Zähnen eine kleine Oeffnung zu Stande bringen, durch welche sie ihre ausdehnbare Zunge bohren. Hierdurch erzeugen sie die trichterförmige Einhöhlung. Die Wunde hat an und für sich nichts Gefährliches; da jedoch zuweilen vier, fünf, sechs und noch mehr Fledermäuse in der nämlichen Nacht ein Saumthier ansaugen und dies sich oft mehrere Nächte hinter einander wiederholt, werden die Thiere durch den Blutverlust, welchen jene unmittelbar und mittelbar verursachen, sehr geschwächt und haben außerdem daran zu leiden, daß die Schmeißfliegen gern in solche Wunden ihre Eier ablegen und dann sehr bösartige Geschwüre hervorrufen.

Hensel nimmt an, daß die Blutsauger Südamerikas, da das Pferd hier nicht einheimisch ist, ursprünglich auf einen andern Nahrungszweig angewiesen sein müssen. Die größeren Thiere des Waldes sind durch ihre Lebensweise, zum Theil auch durch ihre Geschicklichkeit vor den Bissen der Blutsauger geschützt; es bleibt daher nur die Annahme übrig, daß letztere kleine warmblütige Thiere, Mäuse, Vögel und dergleichen fangen, um ihnen das Blut auszusaugen, und daß sie blos in Ausnahmefällen auf Pferde und Maulthiere gehen. Diese Annahme ist unzweifelhaft richtig, wie auch daraus hervorgeht, daß man Blutsauger beobachtet hat, welche andere Arten ihrer Ordnung anzapften.

Kolenati brachte aus einer Höhle Mährens mehrere Hufeisennasen und Ohrenfledermäuse mit sich heim, ließ die ganze Gesellschaft in seinem Arbeitszimmer umherfliegen und sich selbst [179] eine Ruhestätte suchen, übernachtete sodann mit den Fledermäusen, um sie genauer beobachten zu können, und fand, daß die Beiden zu sehr verschiedenen Zeiten flatterten, die Hufeisennasen seinem Gesichte auch fast bis zum Berühren sich näherten. Als er wenige Tage später die Gefangenen einem Freunde vorführen wollte, bemerkte er zu seiner nicht geringen Ueberraschung, daß mehrere Hufeisennasen bis auf die Flügelspitzen und Flügel aufgefressen und eine von ihnen am Kopfe furchtbar verstümmelt war. Blutige Nasen und angeschwollene Bäuche verdächtigten die noch vollzählig versammelten Ohrenfledermäuse als Mörder der Verschwundenen, und Untersuchung des Magens einer Getödteten beseitigten jeden etwa noch bestehenden Zweifel. Eine weitere Nachforschung ergab aber, daß auch die Ohrenfledermäuse gelitten hatten; denn Kolenati bemerkte auf ihren Flatterhäuten frische Wunden mit schwammig aufgetriebenen Rändern. Hier mußte also folgender Fall eingetreten sein: Die Ohrenfledermäuse waren, während sie ruhten, von den Hufeisennasen angefallen und angezapft worden, hatten sich aber der Blutsauger bemächtigt und sie einfach aufgefressen.

Günstiger für die Blutsauger gestaltet sich die Sache, wenn sie sich kleiner Fledermäuse bemächtigen können. Hierbei lassen sie es dann nicht einmal beim Blutsaugen bewenden, sondern verzehren nachträglich auch das gepackte Opfer. Dies hat neuerdings Blyth in Erfahrung gebracht. In der Vorhalle seines Wohnhauses in Indien bemerkte dieser Forscher eine ziemlich große Fledermaus und beschloß, sie zu fangen. Während der Jagd ließ die Fledermaus eine andere, nach Blyth’s Vermuthung ihr Junges, fallen. Dasselbe wurde also zunächst ergriffen und einstweilen in einem Taschentuche untergebracht. Bald darauf glückte es auch, die größere Fledermaus, eine Leiernase, zu erlangen, und nunmehr ergab der erste Blick auf die beiden Gefangenen, daß man es mit zwei gänzlich verschiedenen Arten zu thun hatte. Das vermeintliche Junge wies sich als eine andere Fledermaus aus, und eine genauere Untersuchung zeigte, daß sie am Halse verwundet und geschröpft, auch durch den Blutverlust bis zum Aeußersten geschwächt worden war. Als Blyth am nächsten Tage beide Fledermäuse in einem Käfige wieder zusammenbrachte, stürzte sich die blutsaugende Leiernase mit der Raubgier eines Tigers auf ihr Opfer, packte dieses wieder hinterm Ohre, versuchte wiederholt mit ihm davon zu fliegen und hing sich endlich, als sie die Flucht nicht bewerkstelligen konnte, an den Hinterbeinen auf, sog von Neuem Blut, so lange solches floß, und fraß sodann die Verwundete bis auf den Kopf und einige Theile der Glieder auf.

Nach diesen Beobachtungen hätten wir es also in den Blutsaugern einfach mit Raubthieren zu thun, welche ihre Beute mehr oder weniger ebenso behandeln wie ein Tiger oder Puma die seinige und nur in Ermangelung kleiner Beutethiere größeren für sie unbezwinglichen Geschöpfen Blut abzapfen. Das unheimliche Gebahren der Vampire verliert somit durch die Aufklärung dieser Thatsache sehr viel von seinem Abschreckenden und Entsetzlichen.




Ein Diamantendiebstahl in Kairo.*[1]


Von Adolf Ebeling.


Wenn man von dem Esbekih-Platze in die sogenannte Muskih, die Hauptstraße von Kairo, eintritt, so bemerkt man gleich links unter den ersten Häusern mehrere elegante Juwelierläden, die in ihrer Ausstattung und Einrichtung ganz an einen europäischen in Paris, Wien oder Berlin erinnern. Der zweite von ihnen gehört den Gebrüdern Rochmann, die seit langen Jahren in Kairo ansässig sind und weit verbreitete Geschäftsverbindungen vorzüglich nach Kleinasien und Constantinopel haben. Hinter den blanken Schaufenstern des geräumigen Ladens liegen goldene Uhren und Ketten, Ringe, Schmuck und Geschmeide aller Art, und die Vorübergehenden drängen sich hinzu und betrachten neugierig und sehnsüchtig alle die Herrlichkeiten, ganz wie bei uns zu Hause.

Das eigentliche Geschäft der Gebrüder Rochmann besteht übrigens im Handel mit Edelsteinen, namentlich mit Brillanten, wie denn bekanntlich dieser Handel in Kairo außerordentlich großartig betrieben wird. Edelsteinhändler aus allen Hauptstädten Europas kommen hierher oder senden ihre Agenten, die sich mit den aus Ostindien und Brasilien angekommenen in directe Verbindung setzen und oft Einkäufe zu fabelhaften Preisen machen. Auch werden in Kairo selbst viele Edelsteine verbraucht, schon der Harems wegen, deren Bewohnerinnen bei festlichen Gelegenheiten oft dergestalt mit Schmuck überladen sind, daß Kopf, Hals, Busen und Arme in allen Regenbogenfarben glänzen.

Gegen Ende des Decembers vorigen Jahres hatte sich I.-Pascha, einer der reichsten hohen Herren am Hofe des Vicekönigs, bei den Gebrüdern Rochmann anmelden lassen, um für die Braut seines Sohnes einen Brillantschmuck zu bestellen und zu diesem Zwecke die Steine selbst auszusuchen. Dergleichen ist in Kairo nichts Ungewöhnliches, und es handelt sich dann in der Regel um einige hunderttausend Franken; deshalb beeilten sich auch die genannten Juweliere, wenigstens für eine Million Brillanten zur Auswahl vorräthig zu haben. Später mußte der Pascha nach Suez reisen und ließ den Herren Rochmann sagen, er könne erst in einigen Wochen zurückkommen; sie sollten bis dahin nur Alles in Bereitschaft halten. Diese thaten, wie ihnen geheißen, ließen auch die Steine unbesorgt in dem wohlverschlossenen Schrank ihres Ladens, wie sie seit Jahren und oft bei doppelt und dreifach größeren Quantitäten gethan hatten. An die Möglichkeit eines Diebstahls oder gar eines Einbruches, ohnehin etwas Unerhörtes in Kairo, dachten sie natürlich nicht; denn schon die Localität selbst bot die vollkommenste Sicherheit.

Der Rochmann’sche Laden besteht nämlich, wie die meisten größeren Läden auf der Muskih, aus einem einzigen Raum, der hier allerdings durch eine Zwischenwand in zwei Hälften abgetheilt ist, aber dieser Raum ist von festen, massiven Mauern umgeben und hat nur eine Thür nach der Straße als alleinigen Ein- und Ausgang. Diese Thür und die Fenster zu beiden Seiten sind durch einen auf- und niedergehenden Verschluß aus Eisenplatten, zu welchem noch starke querliegende Eisenstangen kommen, gut verwahrt, und außerdem liegt Nachts auch vor diesem Laden, nach hiesiger Sitte, ein Wächter im Freien vor der Thür, was Letzteres, nebenbei bemerkt, von den neuangekommenen Fremden stets als etwas sehr Curioses betrachtet wird. Mittags schließen die Gebrüder Rochmann ebenfalls ihren Laden auf eine Stunde, wie die meisten ihrer Collegen auf der Muskih, um zum Frühstück zu gehen, aber der Wächter, ein schwarzer Nubier in weißem Turban und weißem Gewande, sitzt dann getreulich auf einer kleinen Matte vor dem Hause.

So waren die Herren Rochmann auch an jenem verhängnißvollen Decembertage fortgegangen; der Aeltere kam indeß aus irgend einem unwesentlichen Grunde etwas früher zurück, schloß die Ladenthür auf und trat ein, während der Nubier den eisernen Verschluß in die Höhe zog. Herr Rochmann bemerkte anfangs nichts Ungewöhnliches, als er sich aber an sein Bureau setzt, sieht er plötzlich die Schrankthür geöffnet, und zwar gewaltsam erbrochen; er stürzt hin und der erste Blick überzeugt ihn, daß ein verhältnißmäßig nur kleiner Kasten, der aber die bewußten Brillanten enthielt, verschwunden ist. Auch sonst fehlen einige Päckchen mit Edelsteinen, und schließlich hat man aus den Ladenfenstern noch einige werthvolle Schmucksachen mitgenommen.

Mittlerweile ist der Bruder gekommen, und Beide sind in den ersten Minuten fast sprachlos vor Schreck und Entsetzen. Sie fassen sich jedoch bald und untersuchen zunächst die Mauern des Ladens, finden aber keine Spur von einem Einbruch. Der [180] Nubier, ein alter zuverlässiger Diener des Hauses, hat nichts gehört und nichts gesehen und weiß von nichts. Sie forschen weiter umher und fühlen auf einmal, daß eine der Steinplatten unter ihren Füßen wackelt und darauf noch eine. Sie heben beide Platten ohne Mühe in die Höhe. … sie meinen zu träumen, denn sie finden ein großes dunkles Loch im Boden, das ihnen als Lösung des Räthsels entgegenstarrt. Durch dieses Loch, das auf einen unterirdischen Gang schließen läßt, mußten die Diebe in den Laden eingedrungen sein. Aber wohin führte dieser Gang? Kellergewölbe giebt es nicht auf der Muskih, wie es überhaupt keine Keller in den alten Häusern Kairos giebt, die sämmtlich auf höchstens zwei bis drei Fuß tiefen Fundamenten ruhen, und die Fußböden der Erdgeschosse bestehen durchweg aus viereckigen, etwa anderthalb Fuß im Quadrat haltenden Steinfliesen.

Schon war in der Nachbarschaft der Einbruch bekannt geworden. Polizeimannschaft kam und umstellte das Haus, um die Neugierigen abzuhalten, und man schritt zur näheren Untersuchung. Man leuchtete in den unterirdischen Gang hinab, aber Keiner wollte sich hinein wagen, denn es konnte ja möglicher Weise noch Jemand darin versteckt sein. Die Herren Rochmann boten Geld, um das Wagestück zu unternehmen, hundert Franken und mehr; endlich fand sich ein beherzter Araber, der es für sechs Pfund Sterling zu thun versprach. Dies wurde angenommen. Der Araber versah sich mit Waffen, Feuerzeug und einer Kerze und stieg oder kroch vielmehr in den dunkeln Schlund hinab. Man wartete und wartete, fast eine Viertelstunde, der Araber kam nicht wieder. Schon erschöpfte man sich in allerlei Muthmaßungen, als er plötzlich von der Straße aus zur Thür wieder hereintrat, und nun war auch der Schlüssel des Mysteriums gefunden. Der Araber war behutsam fortgekrochen, weiter und weiter, durch verschiedene Windungen des langen Ganges und endlich in einem nach hinten und ziemlich entfernt liegenden Hofe wieder an’s Tageslicht gekommen. Der Gang mündete in einem halbverfallenen Bretterverschlage, der natürlich leer war, aber die Aufklärung des Ganzen kam jetzt von allen Seiten.

Man erinnerte sich, wie ungefähr drei Monate früher einige Griechen und Italiener jene Bretterbude gemiethet und dort ein arabisches Kaffeehaus etablirt hatten. Zu einem solchen Etablissement gehört in Kairo nicht viel, und man muß dabei nur ja nicht an ein europäisches Kaffeehaus, oder gar an ein Café auf einem Pariser Boulevard denken. O nein, einige alte Matten und Teppiche, auf denen sich die Gäste mit gekreuzten Beinen niederlassen und ihren Tschibuk rauchen, ein Dutzend Tassen, ein Kessel für das kochende Wasser, ein steinerner Mörser, um darin die gerösteten Bohnen zu Mehl zu zerstampfen, und endlich die Kanne, um durch einfachen Aufguß den Trank zu bereiten – diese Gegenstände genügen zur Ausrüstung eines solchen Kaffeehauses. Daß trotzdem dieser Trank, ohne alle weitere Zuthat, köstlich ist, bezweifelt gewiß mehr als eine meiner Leserinnen; dem ist aber doch so, man muß nur dazu eben in Kairo sein.

Die neuen Wirthe hatten übrigens nur geringen Zuspruch, denn sie vernachlässigten ihre Kunden, die nach und nach wegblieben, zumal in den kleinen Nebengassen der Muskih derartige Kaffeehäuser in großer Menge zu finden sind. Man bemerkte auch, daß sie viele Tonnen kommen ließen, man wußte nicht, ob mit Wein oder Bier, die sie aber nicht ausschenkten, sondern, wie es schien, wieder an andere Debitanten verschickten. So trieben sie es mehrere Monate lang und Niemand bekümmerte sich weiter um sie.

Aber diese sauberen Patrone waren nur Kaffeewirthe zum Schein; Nachts gingen sie an ihr eigentliches Geschäft, und wir wissen schon, an welches. Sie hatten das Terrain mit großem Geschick ausgekundschaftet und danach ihren Plan gemacht. Die Bretterbude lag von dem Hause der Juwelenhändler kaum sechszig Fuß entfernt, es war also möglich, durch einen unterirdischen Gang dahin zu gelangen. Die Arbeit war allerdings eine gewaltige und mit unendlichen Hindernissen verbunden, aber als Lohn winkte dafür die reiche Beute im Rochmann’schen Laden. Fast drei volle Monate gruben und wühlten sie unverdrossen, wie einer von den Verbrechern sofort bei seiner späteren Verhaftung gestanden, Nacht für Nacht, und dabei hing stets das Damoklesschwert der Entdeckung über ihrem Haupte. Zuerst arbeiteten sie sich unter der Gasse durch, natürlich in der nöthigen Tiefe, um jedem Einsturze vorzubeugen, dann stießen sie auf eine alte Mauer, die sie nicht durchbrechen konnten, sondern in einem Winkel umgehen mußten, um dann wieder die alte Richtung einzuschlagen; darauf stellte sich ihnen eine zweite, aber dünnere Mauer entgegen, die sie mit Brechstangen bewältigten, und so näherten sie sich mehr und mehr ihrem Ziele.

Die lose Erde, die so leicht zur Verrätherin hätte werden können, wurde sorgfältig in die erwähnten leeren Fässer geschüttet und dann am hellen Tage durch Fuhrleute an verschiedene Adressen fortgesandt; viele dieser Fässer gingen sogar als Frachtgut per Eisenbahn nach Alexandrien und Suez.

Ingenieure, die später als Sachverständige zur Besichtigung des Baues gerufen wurden, haben ein Gutachten dahin abgegeben, daß sie denselben nicht besser und zweckmäßiger hätten anlegen können, wenn sie damit beauftragt worden wären. Es war ein wirkliches Tonnengewölbe im Kleinen, neunundzwanzig Meter lang bei einem Durchmesser von zwei und einem halben Fuße; Querpfeiler, Stützen und Ständer, nichts fehlte, um den Gang so solid und sicher wie möglich zu machen. Auch die Richtung war auf das Genaueste berechnet, und doch grenzt es fast an’s Wunderbare, daß die Diebe gerade unter jenen zwei Steinplatten in den Boden eingedrungen sind, da sie nur wenige Fuß weiter, rechts oder links, unter verschiedenen schweren Möbeln, einen sehr starken Widerstand gefunden haben würden.

Freilich erinnerte sich jetzt auf einmal der ältere der beiden Brüder, daß wenige Tage vor dem Einbruche ein Herr in den Laden gekommen war, um eine Uhr zu kaufen. Dieser Herr, der gut französisch sprach und auch sonst den Eindruck eines Mannes von Stande machte, ließ während des Gesprächs seinen schweren Spazierstock wie zufällig oder wie spielend mehrere Male auf die Steinplatten fallen und wiederholte dies scheinbar unschuldige Manöver auch, als er die Uhr bezahlte und fortging. War dies ein Zeichen für die unten lauernden Diebe, um ihnen diejenigen Steinplatten anzuzeigen, die sich am besten für den Durchbruch eigneten? Damals beachtete Herr Rochmann diesen Umstand kaum; jetzt kam er ihm auf einmal mit doppeltem Gewichte in Erinnerung.

Der Verlust, den die Juweliere durch den Einbruch erlitten, war leicht festgestellt und durch ihre Geschäftsbücher nachgewiesen, er betrug in runder Summe siebenundzwanzigtausendfünfhundert Pfund Sterling, also gegen siebenhunderttausend Franken. Sie erbaten sich eine Audienz beim Vicekönige, die sie auch sofort erhielten, und sie hatten wenigstens den Trost, daß ihnen das Versprechen gegeben wurde, alle Mittel aufzubieten, um die Diebe zu entdecken.

Die Polizei von Kairo ist, wie man dies auch bei dieser Gelegenheit wieder gesehen hat, keineswegs so mangelhaft, wie man es vielleicht in einem Lande, das in so mancher andern Hinsicht noch weit hinter Europa zurücksteht, glauben möchte. In vorliegendem Falle ging sie wenigstens sehr behutsam und geschickt zu Werke, wie man sagt, auf directe Instruction des Vicekönigs. Daß ein Einzelner die complicirte und freche That nicht vollbracht haben konnte, lag auf der Hand; vermuthlich war es eine ganze Bande (die vier Griechen und Italiener, die das Kaffeehaus gemiethet hatten, waren ja den Bewohnern der Gasse bereits bekannt), und nach vollbrachter That hatten sich dann die Diebe den gestohlenen Schatz getheilt und sich sehr wahrscheinlich getrennt. Hierauf basirte die Polizei ihre Operationen.

Gleich nach Entdeckung des Einbruchs ging kein Dampfer mehr von Alexandrien, von Port-Said oder Suez – die beiden letzteren Städte sind die Endpunkte des neuen Suez-Canals – in See, der nicht einige Agenten zur Ueberwachung der Passagiere an Bord gehabt hätte. In Kairo selbst hatte man nach einigen stillen Nachforschungen, die ohne Resultat geblieben waren, die Sache scheinbar fallen lassen, so daß sie im Volke bald in Vergessenheit gerieth und daß auch Andere, die wohl noch daran dachten, aber nach Verlauf von zwei Monaten gar nichts mehr davon hörten, der Ansicht wurden, den Dieben sei ihre Flucht geglückt und die Bestohlenen hätten sich in ihr Schicksal zu ergeben.

Aus Neapel, Marseille, Paris, London, Triest, Wien und [181] anderen großen europäischen Städten liefen dann und wann telegraphische Nachrichten an die Polizeidirection in Kairo ein, die aber sämmtlich nur die Vergeblichkeit aller Nachforschungen meldeten; auch die Depeschen aus Constantinopel, Smyrna, Damascus etc. besagten nichts Anderes, so daß man auch in den Hof- und Regierungskreisen bereits der Befürchtung Raum gab, daß alle aufgewendeten Mühen und Kosten umsonst gewesen seien.

Da plötzlich kam Licht in die dunkle Sache und zugleich volles Licht; man hatte einen der Diebe gefaßt und noch einen und später fünf, also vermuthlich die ganze Bande oder doch jedenfalls die Haupträdelsführer. Zuerst meldete dies eine kurze Depesche aus Triest vom 7. Februar, also fast zwei Monate nach dem Einbruche, und schon am 13. Februar traf ein Agent mit zwei der Schuldigen in Alexandrien ein. Dieser brachte die folgenden näheren Details.

Ende Januar waren in Triest drei Griechen mit dem Lloyddampfer von Brindisi angekommen und hatten sich bei einem italienischen Schneider in der Nähe des Fischmarktes einlogirt. Der Eine von ihnen war bald darauf weiter gereist und zwar, wie er sagte, nach Paris. Die Männer hatten nichts Verdächtiges, schienen Geld zu haben, obwohl sie nicht verschwendeten, und brachten den Tag außer dem Hause zu. In Triest kommen ohnehin täglich Angehörige aus aller Herren Ländern, namentlich aus Aegypten, Kleinasien und der Türkei, an. Die Geschichte des Diamantendiebstahls war übrigens auch in Triest bekannt geworden; sie hatte in mehreren dortigen Zeitungen gestanden, und auch der Schneider hatte sie gelesen. Zufällig begegnet er eines Morgens einem der Griechen, geht ihm unbemerkt nach und sieht ihn in einen Juwelierladen am Corso eintreten. Neugierig wartet er, bis Dieser wieder herauskommt, und folgt ihm dann bis zu einer Osterie am Fischmarkte, wo der Grieche seinen Gefährten trifft, ein heimliches Gespräch mit ihm anknüpft, Goldstücke aus der Tasche zieht, dieselbe zählt und mit dem Andern theilt.

Hatte dies den Verdacht des Schneiders erregt, oder hatte er schon vorher allerlei Muthmaßungen gehabt? – genug, er spricht noch an demselben Tage mit einem Freunde davon; dieser geht zu dem Juwelier am Corso und erfährt, daß am Morgen ein Grieche, der sich für den Dragoman eines Engländers ausgegeben und auch dessen Adresse im Hôtel de la Ville zurückgelassen, einen kleinen Brillanten für sechszig Pfund Sterling verkauft habe. Mit dieser Nachricht geht der Schneider, von seinem Freunde begleitet, auf die Polizei; sie finden dort einen der geheimen Agenten aus Kairo, und noch an demselben Abende wurden die beiden Griechen im Hause des Schneiders verhaftet. In einem Ledergürtel, den der Eine von ihnen auf dem bloßen Körper trug, fand man eine Menge großer und kleiner Brillanten, beinahe den vierten Theil des gestohlenen Schatzes. Alles Leugnen war vergebens, und sie wurden in sicheren Gewahrsam gebracht. Ein anderer Agent reiste sofort nach Paris, um auch den Dritten aufzufangen; wie Einige behaupten, hätten die beiden Griechen, als sie sich verloren sahen, sogar die Adresse ihres Complicen angegeben. Auch dieser wird glücklich in Paris zur Haft gebracht, und als die zwei Agenten mit ihren drei Gefangenen in Alexandrien ankommen, führt man ihnen einen verdächtigen Italiener vor, der bei der Zusammenführung mit den Dreien sofort seine Schuld gesteht. Den Fünften, gleichfalls einen Italiener, arretirte man zwei Tage darauf in Suez, wo er sich schon auf dem Dampfer befand, um sich nach Bombay einzuschiffen. Nur der ungünstige und heftige Wind, der einen Sturm im Rothen Meere fürchten ließ, hatte die Abfahrt des Dampfers um einige Tage verzögert, sonst wäre dieser Dieb wahrscheinlich entkommen. Auch er trug Diamanten bei sich im Werthe von einigen hunderttausend Franken. Die Gebrüder Rochmann, die sofort ihre Steine wieder erkannten, kamen auf diese Weise bald wieder in den Besitz von drei Viertheilen des gestohlenen Gutes, und auch das letzte Viertel (natürlich nach Abzug kleinerer von den Dieben bereits verausgabter Summen) hofft man noch aufzufinden, da man nach einer neueren Depesche aus Constantinopel auch dort einen verdächtigen Menschen arretirt hat, der sich über den Besitz mehrerer großer Brillanten nicht ausweisen konnte.

Als die Nachricht von dem glücklichen Fange der Diebe in Kairo bekannt wurde, herrschte große Freude unter der arabischen Bevölkerung, namentlich unter den Bewohnern der Muskih, für die es eine Ehrensache geworden war, jeden Verdacht einer möglichen Theilnahme, der sich anfangs ziemlich laut geltend machte, von sich abzuwälzen. Die Polizeidirection von Kairo verdient aber gerechte Anerkennung für die geschickte Vertheilung ihrer Agenten in drei Welttheilen, denen es, allerdings von günstigen Umständen unterstützt, gelungen war, in so weiter Entfernung der Diebe habhaft zu werden. Diese sollen nun nach einem Verhöre in Alexandrien, über das noch nichts bekannt geworden ist, das aber gewiß noch viele interessante Details enthalten wird, an ihre betreffenden Regierungen ausgeliefert werden, um die verdiente Strafe zu erleiden.




Ein classischer Fluß.


„Auf Deinen Wanderungen an der Küste der Adria hast Du es sicherlich nicht unterlassen, dem hochinteressanten Flusse Timavus, der Dir aus der Aeneis bekannt ist, einen Besuch abzustatten?“

So fragte mich im vergangenen Jahre mein väterlicher Freund und ehemaliger Lehrer, den ich in seinem Heim, einer Stadt Mitteldeutschlands, aufgesucht hatte.

Leider war mir aus der Aeneide nichts in Erinnerung geblieben als die ersten fünfundzwanzig Verse, welche ich einst als Schüler pro poena auswendig lernen mußte, ferner das „Quos ego“ (Wart’, ich will Euch! etc.), mit welchem Neptun die Winde zur Ruhe verweist, und schließlich die bewußte Höhlen-Scene, in welcher der fromme Aeneas mit Frau Dido eine Civilehe schließt. Glücklicher Weise hatte ich aber den Timavo, wenn auch nur von den Fenstern des Eisenbahnwagens (zwischen Triest und Monfalcone) aus, gesehen, und ich brauchte daher die an mich gestellte Frage nicht direct zu verneinen. Dem pädagogischen Scharfblick meines Lehrers war es aber nicht entgangen, daß es mit meinen Virgilreminiscenzen einigermaßen hapere; die Aeneide wurde herbeigeholt und die betreffende Stelle ausgesucht. Sie findet sich im ersten Buche.

Aeneas mit genauer Noth dem von Juno und Aeolus veranstalteten Sturm entronnen, rastet mit der Mannschaft von sieben geretteten Schiffen in einer Bucht der libyschen Küste und beklagt bei Hirschziemer und Wein aus Trinacria sein und seiner Gefährten Loos. Da tritt zu Jupiter, dessen Kopf von Regierungssorgen schwer ist, Venus, die Mutter des troischen Helden, und liest dem Vater der Götter und Menschen den Text:

„Was hat mein Aeneas so Großes an Dir zu verschulden,
Was die Trojaner vermocht, daß ihnen, den Leidenerschöpften,
Gänzlich der Erdkreis jetzt um Italias willen gesperrt wird?
      
Jetzo verfolget die Männer, die so viel Jammer erduldet,
Immer dasselbe Geschick; wann endest Du, König, die Mühsal?
Konnte doch einst Antenor, umringenden Griechen entronnen,
Tief in illyrische Bucht und das innerste Reich der Liburner
Ohne Gefahr eingeh’n und umschiffen den Quell des Timavus,
Wo aus der Mündungen neun bei lautem Getöse des Berges
Dieser zum Meer vorbricht und die Flur umbrauset mit Brandung.
Gleichwohl gründete jener Pataviums Stadt“ – – –
 (Virgil’s Werke. Deutsch von Dr. Wilhelm Binder.)

Diese Stelle, natürlich im Original, mußte ich lesen; die Fehler, die ich mir beim Lesen der Verse zu Schulden kommen ließ, und die mein verehrter Lehrer vor fünfzehn Jahren streng geahndet haben würde, corrigirte er mit Milde, und schließlich nahm er mir das Versprechen ab, den interessanten Ort zu besuchen, sobald ich Gelegenheit dazu haben würde.

An einem klaren Frühlingsmorgen des vergangenen Jahres trat ich meine Entdeckungsreise von Triest aus an. Weniger die Furcht vor den Verfolgungen der Juno und des Aeolus, als der Mangel einer Schiffsgelegenheit bestimmte mich, den Landweg einzuschlagen, und so fuhr ich denn mit dem nach Italien gehenden Frühzuge ab, und nach kurzer schöner Fahrt, immer am Meere hin, rief der Schaffner: „Station Monfalcone, fünf [182] Minuten!“ Ich eilte in’s Freie. Ohne mich mit der Besichtigung Monfalcones und seiner Thermen aufzuhalten, wanderte ich auf der nach Triest zurückführenden Landstraße wohlgemuth in den thaufrischen Morgen hinein. Die gutgehaltene Straße, welche sich anfangs zwischen fruchtbaren Gärten und Weingeländen, später zwischen Sumpfwiesen hinwindet, führte mich in dreiviertel Stunden an die Quellen des Timavo, und ich empfand die Freude, welche den erfaßt, der classischen Boden betritt.

Und classischer Boden ist die Umgebung des Timavo, denn nicht nur Virgil, sondern wohl an zwanzig Schriftsteller des Alterthums erwähnen den merkwürdigen Fluß. Er spielt bereits in den Sagen von den Wanderungen der Veneter eine Rolle; an seinem Ufer errichteten


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Die Genügsame.
Originalzeichnung von Prof. Siegert.


sie dem aus dem Hercules-Mythus bekannten thracischen Diomedes, gewissermaßen als dem Patron der Pferdezucht, einen Tempel und umgaben diesen mit einem heiligen Hain, in welchem windschnelle Rosse gezogen wurden. Am Timavus tränkte der Dioskure Castor sein Roß Cyllarus; hier stritten zu Wasser die Argonauten mit den Euganeern, und es wäre ihnen übel ergangen, wenn nicht der Gott Glaucus ermuthigend sein Haupt aus dem Wasser emporgestreckt hätte. Noch im Ausgange des Alterthums bis in das Mittelalter hinein fanden sich sowohl am Timavus als auch an anderen Punkten der adriatischen Küste mannigfache Anklänge an die Argonautensage. Man zeigte einen Berg der Medea, in welchem nach dem Volksglauben eine schöne Zauberin (ähnlich der Frau Venus im Hörselberg in Thüringen) hauste, und ein Vorgebirge bei Durazzo in Albanien hieß noch um das Jahr 1107 das Cap Jason. Jetzt erinnert nichts mehr, kein Ortsname, keine Schiffersage an die Fahrt der Argoschiffer, aber vielleicht ist es den Bemühungen eines Schliemann vorbehalten, aus dem Grundschlamm des Timavo den Toilettekasten der Medea oder das Messer, mit welchem sie ihren Bruder Absyrtos abschlachtete, auszugraben.

Der Timavo würde auch dann, wenn er nicht durch die hellenische Heroensage eine Weihe empfangen hätte, allein durch seinen Anblick auf jeden, der ein Auge für Naturschönheit hat, einen unauslöschlichen Eindruck machen. Nicht in der Weise anderer Flüsse, die, aus zusammenrieselnden Wasseradern gebildet, sich meilenweit als schwache Bäche hinziehen, tritt er an das Licht, sondern er quillt, wenn auch nicht mit gewaltigem Brausen, wie Virgil singt, aus drei (nicht mehr neun) Spalten des Karstgebirges, durchfließt in ebensoviel Armen eine neunhundertachtzig Meter lange Strecke und ergießt sich dann als breiter Strom in den Meerbusen von Monfalcone.

Um einen Ueberblick über den Timavo zu erhalten, müssen wir von dem an dem rechten Ufer gelegenen Dörfchen San Giovanni ein paar hundert Schritte bergauf steigen; wir haben alsdann den gewiß seltenen Genuß, einen Fluß von seiner Quelle bis zu seiner Mündung überblicken zu können, einen Fluß, der so mächtig ist, daß er unmittelbar nach seinem Ursprunge eine große Mühle treibt und kleineren Segelschiffen Ankergrund gewährt.

Zudem war ich bei meinem Besuche des merkwürdigen Punktes von dem herrlichsten Wetter begünstigt. Eine mäßige Bora hatte kurz zuvor die Atmosphäre gereinigt; spiegelglatt lag die See, auf welcher sich winzig wie Möven die weißen Segel der Fischerbarken bewegten; scharf abgegrenzt streckten sich die Landzungen in die blinkende Fläche, und vom jenseitigen Ufer der Bucht grüßte die alte Aquileja herüber. Lange saß ich auf einem Felsblocke versunken in den Anblick des wunderbaren Flusses, und erst die höher steigende Frühlingssonne, deren Tücke im Süden mit Recht gefürchtet wird, bewog mich den Schatten einer Osteria aufzusuchen, wo ich mit dunklem Terrano (Landwein) den Argonauten, dem Trojaner Antenor, dem Sänger Virgil und nicht zuletzt meinem väterlichen Freunde in der Heimath ein reichliches Trankopfer brachte.

Der Timavo ist eines jener Naturwunder, mit denen das österreichische Küstenland und Krain so reich ausgestattet sind. Die Stalaktitengrotte von Adelsberg ist weltberühmt, auch der Zirknitzer See, in dem man fischt, jagt und erntet, ist in weiten Kreisen bekannt, aber die zahlreichen andern Höhlen, die Wasserfälle, die plötzlich verschwindenden und unvermuthet wieder zu Tage tretenden Gewässer, welche das steinige Karstgebirge zu einem der interessantesten von Europa machen, sind noch lange nicht gehörig gewürdigt worden, und doch übertreffen sie an Großartigkeit die meisten der in diese Kategorie gehörenden Naturschönheiten, welche an der breiten Touristenstraße liegen.

Zu jenen soeben erwähnten Flüssen gehört auch unser Timavo, denn sein Wasser ist kein anderes, als das durch unterirdische Zuflüsse verstärkte Wasser der Reka, welche am Mont Lissatz entspringt und bei dem vier Meilen von San Giovanni entfernten Dorfe San Canziano im Grunde eines tiefen Felsentrichters verschwindet.

Ob der Timavo in der That mit der Reka im Zusammenhange stehe, darüber war man lange im Zweifel, bis ein weiser Mann, dessen Namen ich der Nachwelt leider nicht überliefern kann, auf den Einfall kam, in die Reka bei San Canziano Korkstöpsel werfen zu lassen und am Timavo aufzupassen, ob dieselben dort wieder zu Tage kommen würden. Dies geschah [183] und die schwierige Frage war gelöst. Ueber die Richtung des unterirdischen Laufes der Reka, sowie über die Zuflüsse, welche sie empfängt, ist indessen bis heute noch nichts Bestimmtes ermittelt worden.

Es war einige Tage nach der Timavo-Expedition, als ich mich in Begleitung einiger Landsleute nach dem auf dem Karstplateau gelegenen, vier Stunden von Triest entfernten San Canziano auf den Weg machte.

Aus der Steinwüste des entwaldeten und darum wasserarmen Gebirges erhebt sich San Canziano wie eine Oase. Die für den Karst charakteristischen Dollinen (so heißen auf Slovenisch trichterförmige, durch Einsenkungen entstandene Mulden) nehmen um das


Die Gartenlaube (1874) b 183.jpg

Der Feinschmecker.
Originalzeichnung von Prof. Siegert.


Dorf herum gewaltige Dimensionen an, und ihre Wände sind mit frischem Grün anmuthig bekleidet. In der Osteria wies man uns den Weg nach der Behausung des Mannes, dem es obliegt, den Fremden die unterirdischen Wunder von San Canziano zu zeigen. Der Führer, ein alter, einäugiger Mann, der außer seiner Muttersprache, der slovenischen, auch italienisch und deutsch sprach, hieß uns in wohlgesetzter Rede willkommen, und nachdem er sich mit einer Pechfackel und einem Bündel Talgkerzen versehen hatte, traten wir unsere Wanderung an.

Oberhalb des Dorfes verschwindet die Reka (slavische Bezeichnung für „Fluß“), nachdem sie einige Mühlen gespeist hat, zum ersten Male, um einige hundert Schritte weiter unten im Grunde einer tiefen Dollina auf kurze Zeit wieder zum Vorscheine zu kommen, Abermals verschwindet das Wasser, durchbricht dann die Wand eines über hundert Meter tiefen Trichters und stürzt in den Grund desselben, wo es sich zum letzten Male verliert, um erst wieder als Timavo zu Tage zu kommen. Der letzte und tiefste Trichter ist zugänglich gemacht worden. Auf steil abwärts führendem Pfade gelangten wir an eine mit einer Thür versehene Mauer, durch welche der Zugang zu dem Schlunde abgesperrt ist. Unser Führer öffnete die Thür, und nachdem er uns zur Vorsicht ermahnt hatte, stiegen wir in die Tiefe. Vorsicht ist allerdings nöthig, und wer von Schwindel nicht frei ist, der thut besser, die Fahrt zu unterlassen. Es sind wohl Stufen gelegt und an den gefährlichsten Stellen Holzgeländer angebracht, doch sind die Stufen so schmal und steil, zudem glatt und schlüpfrig, daß sie dem Fuße keinen sicheren Halt gewähren, und was das Geländer anbelangt, so war es so morsch, daß uns der Führer selbst warnte, uns desselben zu bedienen. Wir stiegen behutsam hinab. Hin und wieder rasteten wir und sandten einen Blick in die Tiefe, aus welcher dumpfes Brausen empordrang; dann wieder ruhte unser Auge mit Behagen auf dem jungen Grün, mit welchem die fast senkrechten Wände bedeckt waren. Blütheneschen, Hopfenbuchen, verwilderte Feigenbäume, Eichen und wilde Rosen wurzelten in den Felsenspalten. Jeder Vorsprung war mit saftigem Graswuchse überzogen, und über den grünen Rasen hoben Veilchen, Potentillen, Schlüsselblumen und goldgelbe Aurikeln ihre Köpfchen empor.

Bevor wir noch auf dem Grunde des Trichters ankamen, gelangten wir an den Eingang einer Grotte. Eine Menge wilder Tauben (Columba livia, Stammmutter unserer Haustaube), die hier nisten, flogen bei unserer Annäherung erschreckt auf und stiegen dann in die Höhe, bis sie unserm Auge wie weiße in der Luft schwebende Flaumfedern erschienen und schließlich ganz entschwanden. Die Grotte zieht sich über eine Viertelstunde lang in mannigfachen Windungen in den Berg hinein; aber die Stalaktitengebilde, welche von der Wölbung niederhängen, sind durch das häufig eindringende Wasser verstümmelt und verunreinigt, so daß ein weiteres Vordringen auf dem schlüpfrigen Pfade nicht lohnend genug ist.

Nach kurzer Rast in der Vorhalle der Grotte kletterten wir die letzte Strecke hinunter und standen bald Alle auf einem Felsblocke, der sich über das brausende Wasser erhebt. Uns gegenüber erblickten wir eine tiefe, breite Spalte, welche die Wand des Trichters ihrer ganzen Länge nach durchzieht. Hier stürzt die ganze Wassermasse der Reka senkrecht herab; noch einmal stellt sich ihr ein Felsenvorsprung hemmend in den Weg, dann fällt sie schäumend unter donnerähnlichem Getöse auf den Boden des Kessels, umwogt brandend die glattgewaschenen Steinblöcke und verliert sich nach Westen hin gurgelnd in die unbekannte Tiefe. – Nachdem wir uns hinlänglich Zeit gegönnt hatten, um das erhabene Schauspiel recht zu genießen, kletterten wir wieder in die Höhe. Aber noch einmal machte unser Führer Halt und zwar vor einem natürliche Stollen, welcher dem Anscheine nach in horizontaler Richtung in den Berg hineinführte. Er entzündete die mitgebrachte Fackel und gab Jedem von uns eine brennende Talgkerze in die Hand; dann legte er sich nieder und kroch ohne Weiteres in die Höhle hinein. Nach einigem Zaudern folgten wir auf Händen und Füßen kriechend nach; aber um die Wahrheit zu gestehen – Jeder von uns wäre wohl gern nach einer Minute wieder umgekehrt, wenn dies nur möglich gewesen wäre; das Gestein, auf welchem wir vorwärts krochen, wurde nämlich schlüpfriger und schlüpfriger, und die anfangs horizontale Richtung des Ganges schien allmählich in die verticale übergehen zu wollen, so daß wir jeden Augenblick befürchteten, kopfüber in die Tiefe zu fahren. Dazu die drückende Luft, der Dampf der [184] Talglichter und die Felskanten, die unsere Köpfe bedrohten – mit Einem Worte, die Lage war höchst unerquicklich. Glücklicher Weise endete unsere Maulwurfspartie schon nach wenigen Minuten; Tageslicht blendete unsere Augen; Wasserstaub besprengte unsere Gesichter; noch ein paar Fuß weiteren Kriechens, und wir befanden uns auf einem schmalen Felsenrande, wenige Armeslängen entfernt von dem Wasserfalle, da, wo er aus dem Gestein hervorbricht.

Die erhabene, fast grauenerregende Schönheit des Punktes, gesteigert durch das die menschliche Rede übertönende Gebrause des Wassers und das ängstliche Flattern der von uns aufgescheuchten Tauben, versetzte uns in jene Stimmung, in welcher der Mensch sich seiner Ohnmacht gegenüber der furchtbaren Gewalt der Elemente bewußt wird.

Wie wir gekommen, begaben wir uns zurück, und nach wenigen Minuten Steigens standen wir wieder am Rande des Schlundes. In der Osteria zeichneten wir unsere Namen in das zerrissene und beklexte Fremdenbuch ein und wanderten dann wohlgemuth, aber müde und hungrig nach dem eine Stunde entfernten Dorfe Corgnale, dessen Tropfsteinhöhle die Adelsberger Grotte in mancher Beziehung übertrifft, und die wohl auch ein Plätzchen in der Gartenlaube verdiente.

R. Baumbach.




Winter-Studien.


3. Das Eis und die Eisblumen.

Die Edda, die Bibel unserer heidnischen Vorfahren, hat uns den im Nordosten hausenden Frostriesen Hymir, der alljährlich die Natur in Schlaf versetzt, bis Freyr, der Sonnengott, mit seinen strahlenden Waffen den Eispanzer zertheilt und die Schlafende mit seinem Kusse erweckt, in seiner ganzen Majestät geschildert, in jenem Sange, welcher die Abgesandten der Asen zu ihm kommen läßt, um seinen großen Braukessel zu borgen. Die furchtsamen Boten hatten sich hinter den Säulen seines Saales und hinter den Kesseln versteckt, als der grimmige Reifriese heimkam:

Er trat in den Saal, die Gletscher dröhnten,
Ihm war, da er kam, der Kinnwald gefroren.

Da er wußte, wo sich die Abgesandten versteckt hatten, so brauchte er blos einen seiner eiskalten Blicke auf diese Hüllen zu richten, und

Die Säule zersprang von des Riesen Sehe,
Und entzweigebrochen sah man den Balken,
Acht Kessel fielen und einer nur,
Ein hart gehämmerter, kam heil herab.

Die im Norden bis zur Verwendbarkeit in der poetischen Schilderung bekannte, Alles zersprengende Macht des Frostes, die wir zu unserem Leidwesen so oft an geborstenen Wasserleitungsröhren studiren müssen, war den Griechen so auffallend, daß man ein vom Froste gesprengtes Erzgefäß im Tempel des Aeskulap zu Pantikapäum als große Merkwürdigkeit aufbewahrte. Ein Dichter besang es in Versen, welche die gelehrten Geographen Eratosthenes und Strabo der Aufbewahrung würdig gehalten haben:

Wenn der Sterblichen Einer nicht glaubt, was bei uns sich ereignet,
 Nun, so lern’ er es selbst, schauend dies Wassergefäß,
Welches nicht als schönes Geschenk den Göttern der Priester
 Stratios, sondern als Mal grimmiger Kälte gesetzt!

In der That ist die unwiderstehliche Ausdehnungskraft des Wassers im Augenblicke seines Erstarrens nicht nur eines der wirksamsten Zerstörungsmittel, mit welchem die Natur ihre eigenen Schöpfungen bedroht, sondern auch eine der merkwürdigsten Ausnahmen von der Regel, daß sich die Stoffe um so mehr zusammenziehen, je kälter sie werden. Immerfort arbeitet der Keil des gefrierenden Wassers in den Felsritzen der Alpen, um sie abzutragen, wie er die Gefäße der Pflanzen auseinandertreibt, in denen der Frühjahrssaft vorzeitig pulsirte. Doch sind die Gewächse in ihrer Widerstandsfähigkeit gegen Frost und in ihrem Wärmebedürfniß außerordentlich verschieden. Einige keimen mitten im Eise; die Christwurz drängt um Weihnachten ihre großen weißen Blüthen durch den Schnee; die handlangen Triebe der Polarweide entfalten ihre Blüthenkätzchen, während der untere Theil des Stengels im starren Frost liegt. Den weit verbreiteten Glauben, daß der Frost die Gewächse nicht im Augenblicke des Gefrierens, sondern in dem des allzu schnellen unvorsichtigen Aufthauens tödte, hat Professor Göppert vor zwei Jahren als Irrthum erwiesen, und dies sehr augenfällig an den Blüthen einiger tropischen Orchideen gezeigt, die sich in Folge ihres Indigogehalts beim Absterben blau färben, diese Färbung aber zur Zeit des Erfrierens und nicht erst beim Aufthauen annehmen.

Man hat in älteren Zeiten zahlreiche Versuche angestellt, um die große Sprenggewalt des gefrierenden Wassers darzuthun. Die Physiker der Florentiner Akademie brachten eine kupferne Kugel mit 0,67 Zoll dicken Wandungen, Huygens im Winter 1667 ein sehr starkes eisernes Kanonenrohr, der Artilleriemajor William zu Quebeck sogar Bomben von acht Zoll Wandstärke durch gefrierendes Wasser zum Zerspringen; ich habe im Gegensatze hierzu eine mit Wasser gefüllte Medicinflasche ganz bleiben sehen, während ein dünner Eiscylinder zwei Zoll hoch über die Mündung emporgetrieben wurde. Der französische Naturforscher Boussingault beschloß im Winter 1870 bis 1871 sich zu überzeugen, wie weit die Ausdehnungskraft des gefrierenden Wassers gehen werde. Er wählte ein Gefäß aus dem widerstandsfähigsten Material, das er auftreiben konnte, eine Gußstahlkanone, deren Wandungen einen Druck von mehreren hundert Atmosphären aushalten konnten, füllte das Rohr bis zur Mündung mit Wasser und verschloß es mit einem Schraubenstöpsel, nachdem er eine kleine Stahlkugel hineingeworfen hatte. Und wie er vorhergesehen, so geschah es: das Wasser in diesem Rohre blieb flüssig, obwohl es einer Kälte bis zu zwanzig Grad Celsius ausgesetzt wurde. Er vermochte zwar nicht, sich hiervon durch den Augenschein zu überzeugen, da das Wasser beim Lüften des Stöpsels natürlich sofort erstarrte, aber die Stahlkugel verrieth durch ihr völlig unbehindertes Rollen während des Versuchs den Zustand des Wassers im Rohre.

Man ersieht hieraus, daß der Gefrierpunkt des Wassers durch mechanischen Druck erniedrigt werden kann, daß er also keineswegs unveränderlich ist. Bei einem Körper, der sich im Augenblick des Erstarrens ausdehnt, konnte man dies eigentlich nicht anders erwarten, aber man hat sonst nicht daran gedacht, bei der Bestimmung des Gefrier- und Schmelzpunkts des Wassers, wie bei seinem Siedepunkt üblich, zu sagen: „Null Grad unter gewöhnlichem Atmosphärendruck“. In neuerer Zeit ist aber die Wandelbarkeit des Gefrier- und Schmelzpunktes zum Ausgangspunkte zahlreicher Versuche und Betrachtungen geworden, die zur Erklärung wichtiger Naturerscheinungen dienen. Schnee, der bei großer Kälte fällt, ballt sich, wie wir gesehen haben, nicht nur nicht zu Flocken, sondern er verhält sich auch den Versuchen, einen Schneeball daraus zu machen, gegenüber wie trockener Sand. Auf der Straße wirkt er wie aufgestreutes Colophonium, um die Wagenräder ein quietschendes Concert vollführen zu lassen, welches sich vom warmen Ofen aus leidlich gut anhört. Der Schnee hingegen, welcher in Flocken bei einer nicht unter Null herabgegangenen Temperatur fällt, läßt sich schon durch einen einfachen Händedruck in ein Mittelding von Schnee und Eis verwandeln, „er ballt“, wie die liebe Jugend mit Freuden und Schmerzen empfindet, letzteres wenn so ein wohlgezielter Eisball ein Loch in den Kopf geschlagen hat. Wer eine Presse und entsprechende Formen besitzt, kann aus solchem Schnee Gestalten beliebiger Art, Weingläser, Schalen und dergleichen pressen, die aus klarem Eise gefertigt scheinen, und unter dem Drucke ihre Form ändern. Dasselbe gelingt mit gröblich zerschlagenem Eise, wenn es nicht kälter als Null ist, am besten also in einem geheizten Zimmer. Das Eis und der aus lauter Eisnadeln bestehende Schnee erweist sich als scheinbar völlig plastisch. Aehnliche Erscheinungen hatte man längst mit großem Erstaunen an dem Gletschereise bemerkt, welches bekanntlich aus dem Schnee entsteht, der sich in den Einsattelungen im Gebirge in ungeheuer hohen Schichten ansammelt. Unter dem Einflusse der wärmeren Luft und Sonnenstrahlen sickert der anfangs lockere Schnee allmählich [185] zusammen, die einzelnen Eisnadeln und Sternchen verbinden sich zu größeren Körnern, zu einer zusammenhängenden härteren Masse, die der Gebirgsbewohner Firnschnee (von fern, vorjährig) nennt. Aus dieser Masse entsteht bei fortdauernder Einwirkung wärmerer Luft das klare Gletschereis, welches sich in seinem abschüssigen Bette ganz wie eine zähflüssige Masse abwärts bewegt, obwohl es an seiner Oberfläche durch das Entstehen zahlreicher krachender Sprünge von seiner Sprödigkeit Zeugniß ablegt.

Das Räthsel dieses scheinbaren Widerspruches löst sich durch den Einfluß des mechanischen Druckes auf den Schmelzpunkt des Eises, wie wir ihn eben in dem Boussingault’schen Versuche kennen gelernt haben. Erstarrt das Wasser unter seinem Einflusse schwerer, so muß fertig gebildetes Eis durch Druck wieder zum Schmelzen gebracht werden können. Professor Mousson in Genf hat dies umständlich nachgewiesen und gezeigt, daß man noch bei achtzehn Grad Kälte Eis schmelzen könne, wenn man einen Druck von mehreren tausend Atmosphären anwendet. Was durch starken Druck noch bei großer Kälte möglich ist, muß bei geringerem vor sich gehen, wenn das Eis bereits auf den Schmelzpunkt erwärmt ist. Dies ist der Fall des ballenden Schnees, dessen Eisnadeln schon unter dem Einflusse des Handdrucks eines Kindes oberflächlich schmelzen. Da das entstandene Schmelzwasser aber genau Null Grad oder gar ein klein wenig kälter ist, so gefriert es in den Zwischenräumen, wo es dem Drucke entweichen kann, augenblicklich von Neuem und verkittet die einzelnen Nadeln dadurch zu einer glasigen Masse. Im Innern des Gletschers geschieht dasselbe unter dem Einflusse des eigenen gewaltigen Druckes; die Eismasse kann sich allen Unebenheiten des Bodens anpassen, da in ihrem Innern ähnliche Verschiebungen der Theile durch Schmelzung und Wiederzusammenfrieren wie in dem Innern des Schneeballes vor sich gehen.

Diese zuerst von Faraday studirte Erscheinung, welche der englische Physiker Hooker das Wiedergefrierungsvermögen (Regelation) des Eises genannt hat, und welches zu einer scheinbar vollkommenen Plasticität des Eises führt, kann besonders leicht an einigen ohne Vorrichtungen und Apparate anstellbaren Versuchen studirt werden, die Bottomley vor etwa zwei Jahren bekannt gemacht hat. Diese Versuche gelingen, richtig angestellt, immer, und da sie wie ein paar Zauberstücke aussehen, werden sie vielen Leuten besonderes Vergnügen machen. Man legt in einem geheizten Zimmer ein cylindrisches Stück Blockeis als Brücke auf die Ränder zweier nahe zusammengerückten Holzschemel, so daß der mittlere Theil des Eises sich frei über einem darunter gestellten Holzeimer befindet. Eine Schlinge von feinstem Eisen- ober Messingdraht, wie er in jeder Eisenwaarenhandlung zu kaufen ist, wird darauf um das Eis gelegt und unten das Gewicht mehrerer Kilogramme (je dünner der Draht, je weniger brauchen es zu sein) daran gehängt. Man wird darauf die Schlinge allmählich in das Eis einschneiden und tiefer sinken sehen, wie wenn der Seifensieder mit einem Draht die Seife in kleinere Blöcke zerschneidet, und endlich wird Gewicht und Schlinge in den Eimer fallen. Das wäre nun nicht weiter auffallend, denn man wird sagen, der Draht habe sich einfach durchgeschmolzen, aber das Sonderbare ist, daß der Eisblock nach dem Versuche ebenso unzerschnitten erscheint, wie zuvor, und an jeder andern Stelle gerade so leicht zu zerbrechen sein würde, wie in der Durchgangsebene des Drahtes, die übrigens durch eine Menge ganz feiner Luftbläschen sehr deutlich bezeichnet bleibt.

Zu einem anderen Versuche, der noch lehrreicher ist, bedürfen wir eines sogenannten Durchschlages, dessen Boden von einem recht feinfädigen Drahtsiebe gebildet wird, wie es sich in den meisten Haushaltungen finden dürfte. Wir legen dasselbe gleichfalls über die beiden Schemelränder, auf den Drahtboden ein passendes Stück Eis, auf dem ein Brett mit mehreren Kilogrammen lastet. Wir werden sodann das Eis allmählich unterhalb des Drahtnetzes wie einen Brei hindurchgedrückt sehen, aber es dabei stets als hartes mit dem oberen Theile fest zusammenhängendes Stück befinden. Wenn es ganz hindurch ist, sieht man, daß es aus so vielen Eiscylindern wieder zusammengefroren ist, als es Maschen des Netzes passirt hat; es erscheint in seiner ganzen inneren Masse durch seine Luftbläschenröhren gleichsam gemustert, einem Fliegenauge unter dem Mikroskope ähnlich. Das Eis schmilzt also überall, wo es gegen die Drahtfäden drückt; das Schmelzwasser entweicht in die Rinnen und verkittet dieselben da, wo es dem Drucke nicht weiter ausgesetzt ist, durch Gefrieren. Mit Fäden oder Haarsieben lassen sich, beiläufig bemerkt, wegen der geringen Wärmeleitungsfähigkeit derselben diese Versuche nicht ausführen. In dem Versuche mit dem Drahtsiebe gewahren wir ganz besonders deutlich, wie das Eis in Folge einer Reihe von Schmelzungs- und Wiedergefrierungsprocessen unter dem Einflusse mechanischen Druckes das Verhalten eines weichen Breies annimmt, und werden es nun nicht mehr auffallend finden, daß sich die Gletschermasse, einem solchen ganz ähnlich, bei warmer Sommertemperatur thalwärts bewegt und sich dabei fortwährend allen Unebenheiten ihres Bettes anschmiegt.

Wir dürfen nicht verhehlen, daß die obige Erklärung der Regelationserscheinungen ihrem Entdecker Faraday nicht hat genügen wollen, namentlich in Anbetracht der Leichtigkeit, mit welcher Eisstücke unter Wasser bei Anwendung des geringsten Druckes zusammenfrieren. Wenn man in einer Schale mit heißem Wasser, so heiß, daß es die Hand eben noch ertragen kann, zwei Eisstücke – man darf sie nicht zu klein nehmen, da sie sehr schnell abschmelzen – einander nähert, so genügt ein sehr geringer Druck, um sie mitten im heißen Wasser zusammenfrieren zu lassen. Auf diese Weise frieren Eisberge, in wärmeres Meer gelangt, zu ganzen Ketten zusammen, und das Aneinanderhängen der Schneeflocken in warmer Luft hat denselben Grund. Da nun die Erniedrigung des Eisschmelzpunktes durch einen ganzen Atmosphärendruck noch nicht den hundertsten Theil eines Thermometergrades beträgt, so glaubte Faraday dieses unter warmem Wasser beinahe schon durch bloße Berührung erfolgende Zusammenfrieren nicht auf Rechnung des mechanischen Druckes setzen zu dürfen, und suchte die vereinigende Kraft vielmehr in einer Art Oberflächenwirkung des Eises, welche das Erstarren des Schmelzwassers bewirkt, ähnlich wie ein in überkältetes Wasser geworfener Eiskrystall augenblicklich dessen Erstarren bewirkt. Es ist aber nicht abzusehen, warum ein kleiner Druck nicht dieselbe Wirkung wie ein größerer ausüben sollte, besonders wenn durch das warme Wasser die Eisoberfläche genau auf den Schmelzpunkt erwärmt worden ist.

Man hat bis vor Kurzem geglaubt, daß das Flußeis eine in seinem Innern gestaltlose Masse sei; allein neuere von Tyndall angestellte Versuche haben das Gegentheil wahrscheinlich gemacht. Wenn man ein kräftiges Brennglas so gegen ein dickes Stück Flußeis richtet, daß der Brennpunkt in das Innere der durchsichtigen Masse fällt, so sieht man auf dem Wege des Lichtstrahls kleine metallglänzende Punkte entstehen. Beobachtet man diese Pünktchen, während die Sonnenstrahlen weiter in die für die Wärmestrahlen sehr durchlässige Eismasse geworfen werden, mit einer starken Loupe, so bemerkt man, daß es linsenförmige Höhlungen sind, um welche sich sechs Blätter bilden, deren Ränder zackig werden wie Farnkrautblätter. Der ganze Weg des Lichtes im Eise erscheint mit sehr kleinen, aber nicht weniger zierlichen Eisblumensternchen bedeckt, deren Bildung man verfolgen kann, und die sich alle in Flächen ausbreiten, welche den beiden Gefrierungsflächen des Eises parallel sind. Die metallglänzenden Linsen im Mittelpunkte dieser Eisblumen sind luftleere Räume, welche dadurch entstehen, daß das Schmelzwasser einen geringern Raum einnimmt als das vorher dort vorhandene Eis, wovon man sich überzeugen kann, wenn man solches mit Eisblumen gefüllte Eisstück unter heißem Wasser zergehen läßt; es steigen dann kleine Luftbläschen unter diesen Hohlräumen empor. Man nimmt an, daß diese Eisblumen, die hierbei gleichsam aus der ganzen Masse einzeln herausgeschmolzen werden, schon vorher in demselben vorhanden seien und nicht erst entstehen, sondern nur sichtbar gemacht werden.

Auch die gefrorne Fensterscheibe gebietet uns, zu schließen, daß das Flußeis nicht gestaltlos sein könne. Denn die dünne Schicht des Wassers, welche sich auf die Fenster unserer Wohnung niederschlägt, gefriert immer und zuweilen in überraschend schönen Krystallbildungen. Man muß hier übrigens zwei Fälle unterscheiden, nach denen dieser Fensterschmuck sehr verschieden ausfällt, den Fall nämlich, in welchem der Wasserdampf der Luft spärlich vorhanden ist, und sich direct in fester Form auf die


Hierzu die „Allgemeinen Anzeigen zur Gartenlaube“, und eine zweite Beilage: „Shakespeare’s Werke“ von Grote in Berlin.

[186] den Winden ausgesetzte und daher kältere Tafel abscheidet, und den häufigeren, wo sich der Dampf in Masse als Flüssigkeit niederschlägt und erst dann gefriert. Im ersteren Falle, der nur in ungeheizten Zimmern bei stärkerer Kälte eintritt, gleichen die Krystallbildungen dem Reife, zierliche Bäumchen auf trockenem Glasgrunde bildend. Im zweiten häufigeren Falle sind die Eisblumen glasiger und aus längeren Nadeln gebildet. Man sieht dieselben häufig auf dem feuchten Grunde ziemlich schnell vorwärtswachsen, und kann hier recht studiren, wie die ersten Krystallnadeln die Lage und Richtung der folgenden bestimmen. Da diese Krystallisation gewöhnlich am untern Fensterrande, wo sich die erste Feuchtigkeit sammelt, beginnt, so wachsen die Eispflanzen hübsch vom Grunde aus, wie es sich gehört, und nicht von den Seiten, und obwohl es nicht ein und dieselben Krystallnadeln sind, die vom Grunde bis zum obern Rande der Scheibe wachsen, so scheinen sie doch alle von diesen untern auszustrahlen, da sie von ihnen in ihrer Bildung und Lage bestimmt wurden. Daraus entstehen dann oft überraschend schöne Palmen- und Schilfdickichte, der Traum des Winters vom Frühling, wie Gaudy singt:

Der Blumen Dolden schmiegen sich an’s Fenster
Starr, wunderseltsam, silberhell am Saum,
Sie sind der todten Blüthen Eisgespenster,
Sie sind des Frühlings, des verschlafnen, Traum.

Oder wie es ein österreichischer Dichter ausgedrückt hat:

Der Schmuck, den unsrer Fenster
Befrorne Scheiben tragen,
Das sind der Blumen Gespenster,
Die ihren Mörder verklagen.

Man hat diesen Schmuck so schön gefunden, daß es in Mode gekommen ist, statt der Fenstervorsetzer, die untern Scheiben mit künstlichen Eisgespenstern zu verzieren, die im Sommer aushalten. Das Geheimniß besteht darin, eine starke Auflösung von Glaubersalz in Wasser, der etwas Dextrin und Glycerin zugesetzt wird, auf die Scheibe zu gießen, und dann abtropfen und krystallisiren zu lassen. Trifft man das Verhältniß gut, so kann man eine solche Scheibe von einer echten gefrorenen gar nicht unterscheiden, und man sieht den Krystallisationsproceß in wenigen Minuten vollendet.

Carus Sterne.




Blätter und Blüthen.


Ablieferung des Beichtzettels. Unser Bild stammt aus deutschem Alpenlande. Der Gebirgler hält Alles fester in seinem vom Weltsturmlauf abgeschlosseneren Leben, die Sitten und Gewohnheiten des Alltags, die durch den Glauben geweihten Gebräuche der Kirche, ja das Leben selbst mit seiner Gesundheit in frischer Berg- und Waldesluft. Die Erfahrung lehrt, daß dieses in unserem Landvolke allgemein herrschende conservative Element unter bestimmten Umständen eine große Tugend sein kann; wie sehr es aber auch dem Mißbrauche bloßgestellt ist, das lehrt sie auch.

Die Nothwendigkeit der Beichte vor dem Abendmahle ist ein altchristlicher Glaubenssatz, an welchem nur wenige Confessionen und Secten gerüttelt haben, wie die englische Episkopalkirche, die schottische Presbyterialkirche, Herrnhuter, Socinianer etc. Luther verwarf zwar die Ohrenbeichte, behielt aber die Privatbeichte, als biblisch begründet, ebenso bei, wie er dem Predigtamte „die Gewalt der Schlüssel“, das heißt die Macht der Sündenvergebung wahrte. Dagegen erklärte er die Ablegung der Beichte vor dem Genusse des Abendmahls als nicht für absolut nothwendig. Auffällig ist, daß er, der durch Tetzel’s Ablaßeinnahmen zur Reformation hingerissen wurde, selbst das Beichtgeld (Beichtgroschen, Beichtpfennig) nicht abschaffte, obwohl er es, wie in der alten Kirche, auch nur als freiwillige Gabe angesehen wissen wollte. Allerdings war dieses Beichtgeld für die kümmerliche Stellung vieler Pfarrer eine unentbehrliche Einnahme, und es ist noch heute – die reformirte Kirche hat es längst abgeschafft – in einzelnen Ländern lutherischer Confession ein nicht zur Ruhe gebrachter Verhandlungsgegenstand.

In der römisch-katholischen Kirche ist jeder Gläubige verpflichtet, wenigstens ein Mal des Jahres, und zwar in der österlichen Zeit, vom Aschermittwoch bis zum dritten Trinitatisfeste, zu Beicht und Abendmahl zu gehen. Früher gehörte auch da das Beichtgeld zu den Stolgebühren oder geistlichen Accidenzien, und da es Uebung wurde, sich vom Geistlichen die Ablegung der Beichte schriftlich bezeugen zu lassen, so verband man mit der Ablieferung dieser Beichtzettel die Ablieferung des „Ostergroschens“ oder „Osterpfennigs“, womit häufig zugleich die Abgabe des Zehnten verbunden worden sein mag. Zehnten und Beichtgeld als Stolgebühr sind in der katholischen Kirche längst abgeschafft; aber das fromme Volk auf dem Lande und in den Bergen behält den Ostergroschen als freiwillige Gabe bei und entrichtet ihn nach alter Gewohnheit auch in der Form von Naturalgaben. Bestimmung der Kirche ist es, daß alle diese freiwilligen Opfer nicht von den Geistlichen für sich, sondern ausschließlich zu „Almosen“ verwendet werden sollen.

Unserem Künstler stand offenbar nicht diese ernste Belehrung vor Augen, als er die Gestalten unseres Bildes entwarf. Der eingangs angedeutete Mißbrauch mit des Volkes Festhalten am Gewohnten mag ihm eine wohl häufig wiederkehrende Scene vor Augen geführt haben, angesichts welcher er nicht hat unterlassen können, den sprüchwörtlich „guten Magen der Kirche“ dem an Gut und Geist so armen Volke gegenüber recht anschaulich zu machen.




Literarisches der Gartenlaube. Marlitt’s neueste Erzählung „Die zweite Frau“ ist heute schon in das Holländische und Französische übersetzt; englische und italienische Uebertragungen werden vorbereitet. Drei dramatische Bearbeitungen desselben Romans sind der Redaction der Gartenlaube bereits angezeigt; wie viele unangezeigte noch außerdem verarbeitet werden, können wir natürlich nicht verrathen. Von derselben Verfasserin erschienen vor Kurzem die vielbegehrten Romane „Gold-Else“, „Alte Mamsell“ und „Gisela“ in neunter, sechster und vierter Auflage. – Den vielen Freunden der Werner’schen Erzählung „Glück auf“ dürfte es von Interesse sein, zu erfahren, daß vorige Woche die Buchausgabe dieses Romans auf den literarischen Markt gekommen ist. – Auch von dem Hillern’schen Romane „Aus eigener Kraft“ erscheint im Laufe dieses Jahres eine französische Uebersetzung.




Kleiner Briefkasten.


M. M. in Pest. In der Gartenlaube selbst können wir derartige Geschäftsangelegenheiten nicht verhandeln. Geben Sie Ihre genaue Adresse an, und wir werden Ihnen dann das Nöthige mittheilen.



Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. * Verschiedene europäische Zeitungen, unter ihnen auch einige deutsche, brachten bereits im Januar einzelne Notizen über diesen Diebstahl, aber ohne nähere und vorzüglich amtlich beglaubigte Details. Der vorliegende Bericht ist nach den Erzählungen zuverlässiger Augenzeugen und Bewohner der Muskih, hauptsächlich aber nach den Mittheilungen Elias Effendi’s, des ersten Beigeordneten des Polizeidirectors von Kairo, niedergeschrieben, der sehr gut französisch spricht und sich zu diesem Zwecke dem Verfasser mit der liebenswürdigsten Bereitwilligkeit zur Disposition gestellt hat.
    E.