Die Gartenlaube (1874)/Heft 31

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1874
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Inhaltsverzeichnis

[491]

No. 31.   1874.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich bis 2 Bogen.    Vierteljährlich 16 Ngr. – In Heften à 5 Ngr.



Gesprengte Fesseln.
Nachdruck verboten und
Uebersetzungsrecht vorbehalten.
Von E. Werner.


(Fortsetzung.)


Reinhold saß am Flügel und phantasirte. Das Gemach war nicht erhellt, nur das voll hereinströmende Mondlicht schwebte über dem Meere von Tönen, das hier aufbrauste, als ob der Sturm in seinen Wogen wühle, sie bald anschwellend zu Bergeshöhe, bald wieder eine Abgrundtiefe entschleiernd. Jetzt quollen die Melodien empor, leidenschaftlich, glühend, berauschend, und dann auf einmal zuckte es jäh dazwischen, wie schneidende Dissonanzen, wie grelle Mißlaute. Das waren die Töne, mit denen Rinaldo schon seit Jahren im Reiche der Musik herrschte, mit denen er die Menge zur Bewunderung fortriß, vielleicht weil sie jenem dämonischen Elemente eine Sprache liehen, das in der Brust eines Jeden schlummert, und dessen sich wohl schon Jeder einmal, halb mit Grauen und halb mit süßem Schauer, bewußt geworden ist. Es lag in diesen Melodien auch etwas von dem wilden Stürmen von Genuß zu Genuß, von dem jähen Wechsel zwischen fieberischer Aufregung und tödtlicher Ermattung, von dem Ringen nach Betäubung, die, ewig gesucht, nie gefunden wurde, und doch klang immer und immer wieder etwas Mächtiges, Ewiges hindurch, das nichts gemein hatte mit jenem Elemente, das mit ihm kämpfte, sich darüber erhob, um schließlich doch wieder darin unterzugehen. –

Aus den Gärten stiegen die Orangendüfte empor und flutheten herein durch die weit geöffneten Balconthüren und wehten berauschend hin durch das Gemach. Klar, voll unendlicher Schönheit und unendlichen Friedens lag der Mondesglanz über der ewigen Stadt, und im bläulichen Nebeldufte verschwand die dämmernde Ferne. Träumerisch rauschte die Fontaine dort unten inmitten der Blüthenbäume, und das Licht, das in den fallenden Tropfen glänzte, erhellte jetzt auch in vollster Klarheit die ganze Reihe der Gemächer mit ihren Kunst- und Marmorschätzen; es beleuchtete das Bild in dem reich vergoldeten Rahmen, so daß die dämonisch schöne Gestalt da oben zu leben schien, und fiel auf das Antlitz des Mannes, dessen Stirn inmitten all dieser Schönheit und all dieses Friedens so schwer umdüstert blieb.

Freilich, es lagen Jahre zwischen jenen langen nordischen Winternächten, in denen der junge Künstler seine ersten Compositionen schuf, und dieser duftigen Mondnacht des Südens, in welcher der hochgefeierte Rinaldo das Hauptthema seiner Oper in unendlichen Variationen wiederholte, und wohl noch vieles Andere, was schwerer wog, als die Jahre allein. Und doch versank das Alles in dieser Stunde. Leise kam die Erinnerung gezogen und ließ längstvergangene Tage wieder aufleben, längstvergessene Bilder wieder hervortreten, das kleine Gartenhaus mit seinen alterthümlichen Möbeln und der dürftigen Weinranke über dem Fenster, das armselige Stückchen Gartenland mit den wenigen Bäumen und Gesträuchen und den hohen gefängnißartigen Mauern ringsum, das enge, düstere Haus mit dem so tief gehaßten Geschäftszimmer. Matte farblose Bilder – und doch wollten sie nicht weichen, denn über ihnen schwebten lächelnd ein paar große tiefblaue Kinderaugen, die dem Vater nur dort geleuchtet hatten, und die er hier, in dieser Umgebung voll Poesie und Schönheit, vergebens suchte. Er hatte sie so oft gesehen in dem Antlitze seines Kindes, und dann auch einmal noch – anderswo. Die Erinnerung daran war freilich halb verweht, fast vergessen, hatten sie sich ihm doch nur auf einen Augenblick gezeigt, um sich dann wieder zu verschleiern, wie sie es jahrelang gethan, aber diese Augen waren es doch, die ihm allein vorschwebten, als sich jetzt aus dem Wogen und Wallen der Töne eine zauberisch süße Melodie emporrang. Es sprach ein unendliches Sehnen daraus, ein Weh, das die Lippen nicht aussprechen wollten, und es schlug die Brücke hinüber zu der fernen, fernen Vergangenheit. Jetzt hatte der Genius die Fesseln gesprengt, die ihn damals drückten und einengten; jetzt stand er oben auf der einst erträumten Höhe. Was Leben und Glück, was Ruhm und Liebe nur zu geben vermochten, das war ihm zu Theil geworden, und jetzt – wie ein Sturm brauste es wieder empor aus den Tasten, wild, leidenschaftlich, bacchantisch, und daraus hervor klagte immer wieder jene Melodie mit ihrem ergreifenden Weh, mit ihrem ruhelosen, nie gestillten Sehnen.




„Ich fürchte, unser Signor Capitano hält es nicht lange aus in Mirando. Es ist gefährlich, daß er hier fortwährend seine See vor Augen hat; er blickt mit einer solchen Sehnsucht darauf hin, als wolle er uns je eher je lieber davonsegeln.“

Mit diesen Worten wandte sich Marchese Tortoni an seinen Gast, der während der letzten Viertelstunde fast gar keinen Antheil am Gespräche genommen hatte und den der junge Wirth soeben auf einem verstohlenen Gähnen ertappte.

„Nicht doch!“ verteidigte sich Hugo. „Ich fühle mich nur so grenzenlos unbedeutend und unwissend bei all’ diesen idealen Kunstgesprächen, bin so tief durchdrungen von dem Gefühle dieser meiner Unwissenheit, daß ich mir soeben in aller Eile das ganze Commando während eines Sturmes wiederholte, um mir die [492] tröstliche Ueberzeugung zu verschaffen, daß ich doch auch noch irgend etwas verstehe.“

„Ausrede!“ rief der Marchese. „Sie vermissen das weibliche Element hier, das Sie so sehr verehren und das Sie nun einmal nicht entbehren zu können scheinen. Leider kann mein Mirando Ihnen diesen Reiz noch nicht bieten. Sie wissen, ich bin unvermählt und habe mich bisher noch nicht entschließen können, meine Freiheit zu opfern.“

„Noch nicht entschließen können, Ihre Freiheit zu opfern,“ parodirte Hugo, „mein Gott, das klingt ja ganz entsetzlich. Wenn Sie wirklich die höchste Stufenleiter irdischen Glückes noch nicht erstiegen haben, wie die eigentliche Lesart lautet –“

Glauben Sie ihm nicht, Cesario!“ fiel Reinhold ein. „Mein Bruder ist mit all’ seiner Ritterlichkeit und Galanterie doch im Grunde eine Eisnatur, die so leicht nichts erwärmt. Er tändelt mit Allen – Empfindung hat er für Keine; der jedesmalige Roman, den er Liebe, gelegentlich auch wohl Leidenschaft zu nennen beliebt, dauert gerade so lange, wie er am Lande ist, und verweht mit der ersten frischen Brise, die seine ‚Ellida‘ wieder heraustreibt in’s Meer. In seinem Herzen hat sich noch nie etwas geregt.“

„Abscheuliche Charakteristik!“ rief Hugo, seine Cigarre fortwerfend. „Ich protestire feierlichst.“

„Willst Du etwa behaupten, sie sei ungerecht?“

Der Capitain lachte und wandte sich an Tortoni. „Ich versichere Ihnen, Signor Marchese, daß ich auch unverbrüchlich treu sein kann – meiner schönen blauen Wellenbraut da draußen“ – er wies nach dem Meere hinüber –, „der habe ich mich nun einmal angelobt mit Herz und Hand. Sie allein versteht es, mich immer wieder von Neuem zu fesseln und festzuhalten, und wenn sie mir auch hin und wieder erlaubt, in ein Paar schöne Augen zu blicken, eine ernstliche Untreue duldet sie nicht.“

„Bis Du einmal doch in ein Paar Augen blickst, die Dich lehren, daß Du auch nicht gefeit bist gegen das allgemeine Loos der Sterblichen,“ sagte Reinhold, halb scherzend, halb mit einer Bitterkeit, die nur dem Bruder allein verständlich war. „Es giebt solche Augen.“

„O ja, es giebt solche Augen,“ wiederholte Hugo mit einem beinahe träumerischen Ausdrucke in das Meer hinausblickend.

„Wie, Signor, der Ton klang ja äußerst bedenklich,“ neckte der Marchese. „Sind Sie vielleicht doch schon den bewußten Augen begegnet?“

„Ich?“ der Capitain hatte den augenblicklichen Ernst schon wieder abgeschüttelt und war ganz wieder der alte Uebermuth. „Thorheit! Ich hoffe noch ziemlich lange dem ‚allgemeinen Loose der Sterblichen‘ zu trotzen. Sie hören es ja.“

„Schade, daß Sie hier so gar keine Gelegenheit finden, diesen heroischen Entschluß zu bewahrheiten,“ meinte Cesario. „Die einzige Nachbarschaft, die wir haben, schließt sich in einer Weise ab, die es gar nicht bis zu einer Versuchung kommen läßt. Die junge Signora zumal –“

„Eine junge Signora? Wo?“ Hugo fuhr aufgeregt in die Höhe.

Der Marchese zeigte nach einem Landhause hinüber, das, kaum eine Viertelstunde entfernt, halb versteckt in einem Olivenwalde lag.

„Dort drüben die Villa Fiorina ist schon seit mehreren Monaten bewohnt. Wie ich höre, sind es sogar Landsleute von Ihnen, Deutsche, welche sich dort für den Sommer niedergelassen haben; aber sie scheinen sich vollständigste Einsamkeit und Unsichtbarkeit zum Gesetze gemacht zu haben. Es wird Niemand dort empfangen, Niemand angenommen. Besuche aus S., die Bekanntschaften aus der Heimath geltend machten, wurden ohne Ausnahme zurückgewiesen, und da die Familie sich auch bei ihren Spaziergängen größtentheils auf den Park und die Terrasse beschränkt, so ist die Unnahbarkeit eine vollständige.“

„Und die Signora? Ist sie schön?“ fragte Hugo in lebhaftester Spannung.

Cesario zuckte die Achseln. „Das kann ich beim besten Willen nicht sagen. Ich sah sie nur flüchtig und in ziemlicher Entfernung ein einziges Mal. Eine schlanke jugendliche Gestalt, ein Kopf voll schöner goldblonder Flechten; das Gesicht war mir leider nicht zugewandt, und ich ritt auch ziemlich schnell vorüber. “

Ohne das Gesicht gesehen zu haben? Signor Marchese, ich bewundere Ihren Stoicismus, verwahre mich aber feierlich gegen die Zumuthung, ihn irgendwie nachzuahmen. – Bis heute Abend bringe ich Ihnen und Reinhold die Nachricht, ob die Signora wirklich schön ist oder nicht.“

„Das möchte Ihnen doch schwer werden,“ lachte der Marchese. „Sie hören es ja, der Eintritt ist nicht zu erlangen.“

„Bah, als ob mich das hinderte!“ rief Hugo übermüthig. „Jetzt fängt die Sache erst an interessant zu werden. Eine unzugängliche Villa, eine unsichtbare Dame, die noch dazu blond und eine Deutsche ist – das werde ich untersuchen, gründlich untersuchen. Schon meine Pflicht als Landsmann gebietet mir das.“

„Gott sei Dank, daß Sie ihn auf diese Spur gebracht haben, Cesario,“ sagte Reinhold. „Nun stört uns hoffentlich sein mühsam verhaltenes Gähnen nicht mehr, wenn wir von Musik reden. Ich wollte so noch Einiges über die Partitur mit Ihnen sprechen.“

Der junge Marchese war aufgestanden und legte jetzt wie bittend die Hand auf seine Schulter.

„Nun, und die Oper? Bleiben Sie unerbittlich bei Ihrem Ultimatum stehen? Ich versichere Ihnen, Rinaldo, es ist fast unmöglich, all die Aenderungen bis zum Herbste durchzuführen; ich habe mich selbst davon überzeugt. Man wird einen neuen Aufschub verlangen müssen, und Publicum und Gesellschaft warten nun bereits seit Monaten.“

„So warten sie noch länger.“ Es klang eine hochmüthig schroffe Abweisung in den Worten.

„Wie ein Dictator gesprochen,“ bemerkte Hugo. „Bist Du immer so souverain dem Publicum gegenüber? Das Bild, das Maestro Gianelli von Dir entwarf, scheint doch einige treffende Züge zu besitzen. Ich glaube, es war wirklich nicht so unbedingt nothwendig, das ganze Opernpersonal, inclusive Eccellenza den Intendanten, so in Verzweiflung zu bringen, wie Du es diesmal gethan hast.“

Reinhold hob den Kopf mit dem ganzen Stolze und der ganzen Rücksichtslosigkeit des verwöhnten, gefeierten Künstlers, der gewohnt ist, seinen Willen als ein Gesetz befolgt zu sehen, und dem ein Widerspruch gleichbedeutend mit Beleidigung ist.

„Ueber mein Werk und dessen Ausführung verfüge ich. Entweder man hört die Oper in der Gestalt, wie ich es wünsche, oder man hört sie nicht. Ich habe ihnen die Wahl gelassen.“

„Als ob es eine Wahl gäbe!“ meinte Cesario achselzuckend, indem er sich zu einem der Diener wandte, um ihm einen Auftrag zu geben, und die Brüder auf einige Minuten allein ließ.

„Leider scheint es hier keine zu geben,“ sagte Hugo, dem jungen Wirthe nachblickend. „Und Marchese Tortoni hat Dich auch mit auf dem Gewissen, wenn Du schließlich noch ganz und gar verdorben wirst durch die unsinnige Vergötterung, die man mit Dir treibt. Der leistet das Möglichste darin, wie überhaupt Dein ganzer Verehrerkreis! Sie setzen Dich ja wie einen Dalai Lama in die Mitte und gruppiren sich ehrfurchtsvoll um Dich herum, um den Aeußerungen Deines Genius zu lauschen, auch wenn es diesem Genius gelegentlich einmal belieben sollte, seine begeisterte Umgebung zu maltraitiren. Schade um Dich, Reinhold. Sie treiben Dich damit unfehlbar zu der Klippe, an der schon so manche bedeutende Kraft gescheitert ist – zur Selbstvergötterung.“

„Nun, daß dies vorläufig noch nicht geschieht, dafür sorgst Du schon,“ entgegnete Reinhold sarkastisch. „Du scheinst Dich jetzt ganz ausgezeichnet in der Rolle des getreuen Eckhard zu gefallen und probirst sie bei jeder Gelegenheit; sie ist aber die undankbarste von allen; gieb sie auf, Hugo! Sie sagt Deiner Natur ganz und gar nicht zu.“

Der Capitain runzelte die Stirn, aber er blieb vollkommen ruhig bei dem Tone, der einen Anderen leicht gereizt hätte, warf die Vogelflinte über den Rücken und ging hinaus. Nach wenigen Minuten schon befand er sich draußen am Meere, und als der frische Seewind erst seine Stirn kühlte, da war es auch schon wieder aus mit dem ganzen Ernste des Herrn Capitain; er schlug richtig den Weg nach der Villa Fiorina ein.

Die Wahrheit zu sagen, begann sich Hugo bereits zu langweilen in Mirando und in der vorwiegend künstlerischen Atmosphäre, welche die Neigung des Marchese und die Gegenwart seines Bruders dort schufen. Die paradiesische Lage der Besitzung war dem mit der Schönheit der Tropenwelt vertrauten Seemanne nichts Neues, [493] und die Einsamkeit, der sich Reinhold mit einer fast krankhaften Sehnsucht hingab, sagte Hugo’s lebensfroher Natur durchaus nicht zu. Freilich lag das von Fremden schon reich bevölkerte S. in ziemlicher Nähe, aber man konnte doch nicht allzu oft hinüberfahren und dadurch dem jungen Wirthe zeigen, daß man bei ihm die Geselligkeit vermisse. Da kam denn diese vermuthlich schöne und jedenfalls geheimnißvolle und interessante Nachbarschaft äußerst gelegen, und Hugo war sofort entschlossen, sie sich zu Nutze zu machen.

„Das halte ein Anderer aus mit diesen Künstlern und Kunstenthusiasten!“ sagte er ärgerlich, während er den Weg am Meere entlang verfolgte. „Den halben Tag lang sitzen sie am Flügel, und während der übrigen Zeit sprechen sie von Musik. Reinhold bewegt sich ewig in Extremen. Mitten aus dem wildesten Leben, aus den unsinnigsten Aufregungen stürzt er sich Hals über Kopf in diese ideale Einsamkeit und will nichts weiter hören und wissen als nur seine Musik; mich soll nur wundern, wie lange das anhält. Und dieser Marchese Tortoni? Jung, schön, reich, aus dem edelsten Geschlecht, weiß dieser Cesario mit dem Leben nichts Besseres anzufangen, als sich monatelang in die Einsamkeit seines Mirando zu vergraben, den Dilettanten in großem Stile zu spielen, und dem Reinhold mit seiner maßlosen Vergötterung den Kopf noch mehr zu verdrehen. Da verstehe ich meine Zeit doch besser anzuwenden!“

Bei diesen letzten mit großem Selbstgefühle gesprochenen Worten blieb der Capitain stehen, denn das Ziel seines Ganges war vorläufig erreicht. Vor ihm lag die Villa Fiorina, überschattet von hohen Pinien und Cypressen und wie vergraben in blühenden Gesträuchen. Das Haus selbst schien prachtvoll und geräumig zu sein, aber die Hauptfront, sowie die nach dem Meere hinaus gelegene Terrasse waren so dicht umrankt und umgeben von Rosen- und Oleandergebüschen, daß selbst der Falkenblick Hugo’s es nicht vermochte, die duftige Schutzwehr zu durchdringen. Eine hohe, von Schlingpflanzen überwucherte Mauer umschloß die parkartigen Gartenanlagen, die in dem Olivenwalde endigten, der die Besitzung umgab. Sie mochte, nach der Großartigkeit der ganzen Anlage zu urtheilen, wohl früher das Eigenthum einer vornehmen Familie gewesen sein, dann, wie so viele ihres Gleichen, öfter den Besitzer gewechselt haben, und jetzt reichen Fremden zum vorübergehenden Aufenthalt dienen. Jedenfalls gab sie an Schönheit der Lage dem viel gepriesenen Mirando des Marchese Tortoni nicht das Geringste nach.

Der Capitain hatte seinen Feldzugsplan bereits entworfen; er musterte daher nur flüchtig die Umgebung, machte einen vergeblichen Versuch von der Seeseite her einen freieren Blick auf die Terrasse zu gewinnen, maß für alle Fälle mit dem Auge die Höhe der Gartenmauer und schritt dann geradeswegs nach dem Eingange, wo er die Glocke zog und ohne Weiteres die Herrschaft zu sprechen verlangte.

Der Pförtner, ein alter Italiener schien für dergleichen Fälle schon seine Instruction zu haben, denn ohne nur nach dem Namen des Fremden zu fragen, erklärte er kurz und bündig, die Herrschaft nehme keine Besuche an, und er bedaure, daß sich der Signor umsonst bemüht habe.

Hugo zog kaltblütig seine Karte hervor. „Man wird eine Ausnahme machen. Es handelt sich um eine wichtige Angelegenheit, die durchaus persönliche Rücksprache erfordert. Ich werde inzwischen hier warten, da ich jedenfalls werde empfangen werden.“

Er ließ sich ruhig auf die Steinbank nieder, und diese unerschütterliche Zuversicht imponirte dem Pförtner dermaßen, daß er wirklich an die Wichtigkeit der vorgeblichen Mission zu glauben begann. Er verschwand mit der Karte, während Hugo, ganz unbekümmert um die etwaigen Folgen, das Resultat seines kecken Manövers abwartete.

Dieses Resultat war ein über Erwarten günstiges, denn schon nach kurzer Zeit erschien ein Diener, der den Fremden, welcher sich mit einem deutschen Namen eingeführt, auch in dieser Sprache anredete, und ihn ersuchte, einzutreten. Er führte den Capitain in einen Gartensaal und ließ ihn dort allein, mit der Versicherung, der Herr werde sogleich erscheinen.

„Glück muß der Mensch haben,“ sagte Hugo, selbst ein wenig erstaunt über dieses unerwartet schnelle Gelingen. „Ich wollte, Reinhold und der Marchese könnten mich jetzt sehen. Mitten in der ‚unzugänglichen‘ Villa, in Erwartung des Herrn und Gebieters derselben, und nur einige Thüren weit von der blonden Signora. Das ist vorläufig genug für die ersten fünf Minuten, und das hätte nicht einmal mein genialer Herr Bruder fertig gebracht, vor dem doch sonst alle Thüren springen. Jetzt heißt es aber selbst genial sein, im Lügen nämlich. Was in aller Welt sage ich diesem Edlen, bei dem ich mich in einer wichtigen Angelegenheit habe anmelden lassen, ohne je eine Sylbe von ihm gehört zu haben, so wenig als er von mir? Ah bah! Irgend Jemand hat mir auf irgend einer meiner Fahrten irgend einen Auftrag gegeben. Im schlimmsten Falle kann ich mich doch nur in der Person geirrt haben, inzwischen ist die Bekanntschaft eingeleitet, und das Uebrige ergiebt sich von selbst. Ich werde die Improvisation ganz nach der Persönlichkeit des Betreffenden einrichten, jedenfalls gehe ich nicht von der Stelle, ohne die Signora gesehen zu haben.“

Er nahm Platz und begann in vollster Gemüthsruhe die Umgebung zu betrachten. „Meine verehrten Landsleute scheinen in der That der glücklich situirten Minderheit anzugehören, die jährlich über einige Zehntausende verfügt. Die ganze Villa nebst Park zum ausschließlichen Gebrauche gemiethet – die Einrichtung mit großen Kosten vervollständigt, denn diesen Comfort findet man nicht hier im Süden – die eigene Dienerschaft mitgebracht; ich sah nicht weniger als drei Gesichter da draußen, denen die urgermanische Abkunft auf der Stirn geschrieben steht. Jetzt ist nur die Frage, ob wir es mit der Aristokratie oder mit der Börse zu thun haben. Das Letztere wäre mir lieber, ich kann da doch wenigstens einige mercantilische Beziehungen geltend machen, während ich vor einem hohen Adel in der ganzen Nichtigkeit des Bürgerlichen – – wie, Consul Erlau?“

Mit diesem in grenzenlosem Erstaunen hervorgestoßenen Ausrufe prallte Hugo von der Schwelle zurück, auf der jetzt die wohlbekannte Gestalt des Handelsherrn erschien. Der Consul war freilich im Laufe der Jahre sehr gealtert, das einst so volle dunkle Haar erschien grau und spärlich; die Züge trugen den Ausdruck eines unverkennbaren Leidens, und auch das freundliche Wohlwollen, das sie sonst belebte, war, für den Augenblick wenigstens, einer kalten Gemessenheit gewichen, mit der er sich dem Gaste näherte.

„Herr Capitain Almbach, Sie wünschen mich zu sprechen?“

Hugo war bereits Herr seiner Ueberraschung geworden und augenblicklich entschlossen, diesen ganz unerwartet günstigen Zufall nach Kräften zu benutzen. Er nahm all seine Liebenswürdigkeit zusammen.

„Herr Consul, ich bin Ihnen sehr dankbar – ich hoffte in der That kaum, von Ihnen persönlich empfangen zu werden.“

Erlau ließ sich nieder und lud ihn mit einer Handbewegung zum Sitzen ein.

„Ich habe auch auf ärztliche Anordnung Besuche zu meiden; bei der Nennung Ihres Namens aber glaubte ich eine Ausnahme machen zu müssen, da es sich vermuthlich um meine Eigenschaft als Vormund Ihres Neffen handelt. Sie kommen im Auftrage Ihres Bruders?“

„Im Auftrage Reinhold’s?“ wiederholte Hugo ungewiß. „Wie so?“

„Es ist mir lieb, daß Herr Almbach keine persönliche Annäherung versucht hat, wie er sie schon einmal schriftlich versuchte,“ fuhr der Consul noch immer in dem Tone kühler Zurückhaltung fort. „Er scheint trotz unserer absichtlichen Zurückgezogenheit den gegenwärtigen Aufenthalt seines Sohnes zu kennen. Ich bedaure aber, Ihnen mittheilen zu müssen, daß Eleonore durchaus nicht gesonnen ist –“

„Ella? Sie ist hier? Bei Ihnen?“ fuhr Hugo mit solcher Lebhaftigkeit auf, daß Erlau ihn mit äußerster Befremdung anblickte.

„War Ihnen das nicht bekannt? Dann, Herr Capitain, darf ich wohl fragen, was mir eigentlich die Ehre Ihres Besuches verschafft?“

Hugo überlegte einen Augenblick, er sah wohl, daß der Name Reinhold’s, der ihm die Thüren geöffnet, doch die schlimmste Empfehlung war, die er hier mitbringen konnte, und faßte danach seinen Entschluß.

„Ich muß zuvörderst einen Irrthum aufklären,“ entgegnete er mit vollster Offenheit. „Ich komme weder als Abgesandter [494] meines Bruders, wie Sie zu vermuthen scheinen, noch bin ich überhaupt in seinem Interesse oder mit seinem Wissen hier. Ich gebe Ihnen mein Wort darauf, er hat augenblicklich noch keine Ahnung davon, daß seine Gattin und sein Sohn sich in seiner Nähe, daß sie sich überhaupt in Italien befinden. Mich dagegen“ – hier hielt es der Capitain doch für angemessen, etwas Dichtung in die Wahrheit zu mischen – „mich dagegen führte ein Zufall auf die Spur, von deren Richtigkeit ich mich vorerst zu überzeugen wünschte. Ich kam, um meine Schwägerin zu sehen.“

„Das würde wohl besser unterbleiben,“ meinte der Consul mit auffallender Kälte. „Sie werden begreifen, daß ein solches Zusammentreffen für Eleonore nur peinlich sein kann –“

„Ella weiß am besten, wie ich von jeher zu der ganzen Angelegenheit gestanden habe,“ unterbrach ihn der Capitain. „und sie wird mir sicher die erbetene Unterredung nicht versagen.“

„Nun wohl, so thue ich es im Namen meiner Pflegetochter,“ erklärte Erlau bestimmt.

Hugo stand auf. „Herr Consul, ich weiß, daß Sie Vaterrechte über meinen Neffen und auch wohl über seine Mutter erworben haben, und ehre diese Rechte. Deshalb bitte ich Sie um die Gewährung dieser Zusammenkunft. Ich werde meine Schwägerin mit keinem Worte, mit keiner Erinnerung verletzen, wie Sie es zu fürchten scheinen, nur – sehen möchte ich sie doch wenigstens.“

Es lag in den Worten eine so warme ernste Bitte, daß der Consul schwankte. Er mochte wohl an die Zeit denken, wo der Muth des jungen Capitain Almbach ihm das beste seiner Schiffe gerettet hatte, und der Dank, den der reiche Handelsherr in überschwenglicher Weise abzutragen bereit war, höflich, aber bestimmt zurückgewiesen wurde. Es wäre mehr als undankbar gewesen, diesem Manne gegenüber auf der schroffen Abweisung zu beharren; er gab nach.

„Ich werde fragen, ob Eleonore zu dieser Unterredung geneigt ist,“ sagte er aufstehend. „Von Ihrem Hiersein ist sie allerdings schon unterrichtet, denn sie war bei mir, als ich Ihre Karte empfing. Ich bitte nur um einige Augenblicke Geduld.“

Er verließ das Zimmer; es vergingen wohl an zehn Minuten ungeduldigen Harrens, da endlich wurde die Thür von Neuem geöffnet und ein Damenkleid rauschte auf der Schwelle. Hugo ging rasch der Eintretenden entgegen.

„Ella! Ich wußte, daß Sie mich nicht –“ Er stockte plötzlich, die zum Willkommen ausgestreckte Hand sank langsam nieder, und der Capitain stand wie angewurzelt.

„Sie scheinen mich kaum mehr zu erkennen,“ sagte die junge Frau, die vergeblich auf eine Vollendung des Grußes wartete. „Habe ich mich denn so sehr verändert?“

„Ja – sehr,“ bestätigte Hugo, dessen Auge noch immer in maßlosem Erstaunen an der Gestalt der vor ihm stehenden Dame hing. Der kecke, übermüthige Seemann, der sich sonst jeder Lage des Lebens, jeder Ueberraschung gewachsen zeigte, stand hier stumm, verwirrt, fast bestürzt da. Freilich, wer hätte das auch je für möglich gehalten!

Das also war aus der einstigen Gattin seines Bruders geworden, aus der scheuen furchtsamen Ella, mit dem blassen unschönen Gesichtchen und dem linkisch schüchternen Wesen! Jetzt erst sah man es, was jene Kleidung gesündigt hatte, in der Eleonore Almbach immer nur wie die Magd und nie wie die Tochter des Hauses erschien, und was jene unendliche Haube, die, wie für die Stirn einer Sechszigjährigen gemacht, Tag für Tag das Haupt der noch so jugendlichen Frau bedeckte. Das Alles war verschwunden bis auf die letzte Spur. Das helle duftige Morgengewand ließ die schlanke, noch immer mädchenhaft zarte Gestalt in ihrer ganzen Schönheit hervortreten, und der überreiche Schmuck der blonden Flechten, die jetzt unverhüllt getragen wurden, umgab in seiner ganzen schweren, goldschimmernden Pracht das Haupt. Das Gesicht der „blonden Signora“ hatte Marchese Tortoni freilich nicht gesehen, aber Hugo sah es jetzt, und während dieses secundenlangen Anschauens fragte er sich immer wieder, was denn eigentlich mit diesen Zügen vorgegangen sei, die einst so starr und leer waren, daß man ihnen den Vorwurf der Stumpfheit gemacht, und die nun so beseelt und durchgeistigt erschienen, als sei ein Bann von ihnen genommen und irgend etwas Niegeahntes darin zum Leben erwacht. Freilich lag es noch um den Mund wie ein Zug leisen, nicht überwundenen Schmerzes, und die Stirn überschattete eine Schwermuth, die sie früher nicht gekannt, aber die Augen suchten nicht mehr verschleiert und scheu den Boden; jetzt waren sie klar und voll aufgeschlagen, und sie hatten wahrlich nichts eingebüßt von der einstigen Schönheit. Ella schien es gelernt zu haben, das, was ihr die Natur gegeben, nicht mehr ängstlich vor fremden Blicken zu verstecken. Als sie achtzehn Jahre alt war, fragte ein Jeder achselzuckend: „Wie kommt diese Frau an die Seite dieses Mannes?“ Mit achtundzwanzig war sie eine Erscheinung, die mit jeder Anderen in die Schranken treten konnte. Wie schwer mußten der Druck und die Fesseln des Elternhauses auf der jungen Frau gelastet haben, wenn wenige Jahre, in freieren edleren Umgebungen verlebt, genügt hatten, um die einstige Hülle bis auf den letzten Rest abzustreifen und dem Schmetterlinge die Flügel zu lösen. Die fast unglaubliche Veränderung bewies, was die einstige Jugenderziehung verschuldet.

„Sie wünschten eine Unterredung mit mir, Herr Capitain?“ begann Ella, indem sie sich auf die Ottomane niederließ. „Darf ich bitten?“

Worte und Haltung waren so sicher und unbefangen, wie die einer vollendeten Weltdame, die einen Besuch empfängt, aber auch fremd und kühl, als habe sie nicht die geringste Beziehung zu diesem Besuche. Hugo verneigte sich; es lag noch eine helle Röthe auf seiner Stirn, als er, der Einladung folgend, an ihrer Seite Platz nahm.

„Ich bat darum – der Herr Consul glaubte mir in Ihrem Namen diese Unterredung versagen zu müssen, aber ich bestand auf der directen Anfrage bei Ihnen. Ich hatte ein besseres Vertrauen zu Ihrer Güte, gnädige Frau.“

Sie sah ihn groß und fragend an. „Sind wir uns so fremd geworden? Warum geben Sie mir diesen Namen?“

„Weil ich sehe, daß mein Besuch hier als ein unberechtigtes Eindringen angesehen wird, das man nur um des Namens willen, den ich trage, nicht entschieden zurückweist,“ versetzte Hugo mit einiger Bitterkeit. „Schon Herr Consul Erlau ließ mich das fühlen, und hier mache ich zum zweiten Male die Erfahrung. Und doch kann ich auch Ihnen nur wiederholen, daß ich ohne Auftrag, selbst ohne Wissen – eines Anderen hier bin und daß dieser Andere bis zur Stunde noch keine Ahnung von Ihrer Nähe hat.“

„Nun so bitte ich Sie, diese Nähe auch ferner ein Geheimniß bleiben zu lassen,“ sagte die junge Frau ernst. „Sie werden begreifen, daß ich nicht wünsche, meine Anwesenheit verrathen zu sehen, und S. ist immerhin weit genug entfernt, um das möglich zu machen.“

„Wer sagt Ihnen denn, daß wir unseren Aufenthalt in S. genommen haben?“ fragte Hugo etwas betreten über die Sicherheit dieser Annahme.

Sie wies nach den auf dem Tische liegenden Zeitungen. „Ich las heute Morgen, daß man dort zwei der ersten musikalischen Berühmtheiten erwartet. Die Nachricht ist verspätet, wie ich sehe, und Sie sind jedenfalls Gast Ihres Bruders.“

Hugo schwieg; er hatte nicht den Muth, ihr zu sagen, um wie vieles näher ihr der einstige Gatte war, und die Zeitungsnotiz konnte er sich leicht erklären, da er von der bevorstehenden Ankunft Beatricens wußte. Man war eben gewohnt, sie und Reinhold stets zusammen zu nennen, und wenn dieser auch jetzt noch in Mirando weilte, so setzte man sein Kommen doch als bestimmt voraus, sobald sie in S. eingetroffen. Im Grunde war es ja auch ein verabredetes Zusammentreffen zwischen den Beiden, ableugnen ließ sich das nicht.

„Aber weshalb dieses Verbergen?“ fragte er, den gefährlichen Punkt ganz unberührt lassend. „Sie sind es doch nicht, Ella, die eine etwaige Begegnung zu scheuen oder zu fliehen hat?“

„Nein! Aber meinen Knaben will ich um jeden Preis schützen vor der Möglichkeit einer solchen Begegnung.“

„Mit seinem Vater?“ Hugo legte einen vorwurfsvollen Nachdruck auf das letzte Wort.

„Mit Ihrem Bruder – ja!“

Der Capitain sah überrascht auf. Der Ton klang eiskalt, und starr und eisig lag es auf dem Antlitze der jungen Frau, das auf einmal den Ausdruck eines unbeugsamen Willens zeigte, wie ihn Niemand in dieser lieblichen Erscheinung gesucht hätte.

[495] 
Die Gartenlaube (1874) b 495.jpg

Gabelantilopen in der Prairie.
Originalzeichnung von Moritz Hoffmann in Berlin.

[496] „Das ist hart, Ella,“ sagte Hugo leise. „Wenn Sie sich unnahbar machen – ich begreife es nach dem, was geschehen ist, warum aber auch den Knaben? Reinhold versuchte es schon einmal, sich seinem Kinde zu nähern – Sie wiesen ihn zurück –“

Ella unterbrach ihn, „Sie haben mir gesagt, daß Sie ohne Auftrag kommen, Hugo, und ich glaube Ihnen; dann aber braucht dieser Punkt nicht weiter zwischen uns erörtert zu werden. Lassen wir ihn ruhen! – Ich war sehr überrascht, Sie hier in Italien wieder zu sehen. Gedenken Sie lange hier zu bleiben?“

Der Capitain folgte, wenn auch mit einiger Betroffenheit, dem gegebenen Winke. Es war ihm doch noch gar zu ungewohnt, daß seine junge Schwägerin, die er fast nur als stumme scheue Zuhörerin gekannt, so vollständig das Gespräch beherrschte und es mit so großer Sicherheit und Unbefangenheit auf einen anderen Gegenstand hinüberzuleiten wußte, wenn der frühere ihr peinlich wurde.

„Wohl länger, als ich anfangs glaubte,“ sagte er, ihre Frage beantwortend. „Mein Aufenthalt war ursprünglich nur auf kurze Zeit bestimmt, aber ein Sturm, der uns auf offener See ergriff, hat meine Ellida so zugerichtet, daß ich nur mit Mühe den nächsten italienischen Hafen erreichte und vorläufig noch nicht daran denken kann, die Fahrt wieder aufzunehmen. Die Arbeiten am Schiffe werden Monate erfordern, und mein Urlaub ist somit in’s Ungewisse verlängert worden. Ich ahnte freilich nicht, daß ich Sie hier finden würde.“

Ueber das Antlitz der jungen Frau flog ein Schatten.

„Wir sind auf ärztlichen Befehl hier,“ erwiderte sie ernst. „Ein Brustleiden nöthigte meinen Pflegevater, den Süden aufzusuchen; seine Gattin ist schon seit mehreren Jahren todt, und Sie wissen ja, daß er kinderlos ist. Ich war längst in die Rechte einer Tochter getreten; da war es wohl selbstverständlich, daß ich auch die Pflichten derselben übernahm. Die Aerzte bestanden durchaus auf diesen Ort, der in der That die günstigste Wirkung zu üben scheint, und so sehr ich wünschte, gerade Italien zu vermeiden, so konnte ich es doch nicht über mich gewinnen, den Kranken, dem meine Nähe Bedürfniß geworden war, allein reisen zu lassen. Wir glaubten jeder peinlichen Begegnung vorzubeugen, wenn wir die Stadt vermieden, in der – Signor Rinaldo lebt, und uns hier die einsamste und abgelegenste der Villen zu möglichster Zurückgezogenheit auswählten. Die Maßregeln waren umsonst, wie ich sehe; Sie waren kaum in meiner Nähe, als Sie auch bereits meinen Aufenthalt entdeckten.“

„Ich? Ja freilich,“ sagte Hugo in unwillkürlicher Verlegenheit. „Und Sie machen mir einen Vorwurf daraus?“

Ella lächelte. „Nein! Aber gewundert hat es mich, daß Capitain Hugo noch so viel Interesse für die kleine Cousine und ehemalige Spielgefährtin hegte, um so hartnäckig auf einem Wiedersehen zu bestehen, das ihm anfangs verweigert wurde. Wir glaubten uns hinreichend gegen fremde Besuche gesichert zu haben. Sie wußten dennoch den Eingang zu erzwingen, und das zeigt mir, daß ich auch schon in meinem früheren Leben Freunde besessen habe. Bis heute bezweifelte ich das, aber es ist doch eine Gewißheit, die mir wohl thut, und dafür danke ich Ihnen, Hugo.“

Sie hatte die Augen klar und voll zu ihm aufgeschlagen, und mit einem reizenden Lächeln, welches das Gesicht unendlich lieblich erscheinen ließ, streckte sie ihm jetzt vertraulich die Hand entgegen. Aber der freundliche Dank fand keine Antwort – die Stirn des Capitains brannte in glühender Röthe, und urplötzlich sprang er auf und stieß ihre Hand zurück.

(Fortsetzung folgt.)




Das edelste Jagdthier der Prairie.


Die Freude, Gabelantilopen in der Wildniß zu sehen, wurde auch mir zu Theil, als ich, von Vinita im Indianergebiet nach Junction-City heraufkommend, längs der Kansas-Pacific-Eisenbahn nach Denver reiste. Ich beschreibe das wirklich schöne Thier, wie ich es selbst sah.

Die arten- und formenreiche Familie der Antilopen, welche bekanntlich für Afrika ganz besonders charakteristisch ist, hat in Amerika, und zwar ausschließlich in der Nordhälfte dieses Continents, nur zwei Vertreter aufzuweisen, nämlich die noch wenig bekannte langhaarige Ziegenantilope der Hochgebirge und die Gabelantilope (Antilocapra americana) der Ebenen, auch Gabelgemse, Prongbuck-Kabri, bei den Amerikanern schlechtweg Antilope genannt.

Wenig größer als unser Reh, ist die Gabelantilope minder schlank gebaut und von stattlicherer Figur, die sie im Verein mit der ansprechenden Färbung zu einer so anmuthigen Erscheinung macht. Die Hauptfärbung ist ein schönes Rostisabell, von dem sich die weiße Zeichnung des Bauches und der Körperseiten, ein Spiegelfleck der Hinterschenkel und zweier Schilder an der Vorderseite des Halses scharf abheben. Ebenso schön ist der an den Seiten und Lippen weiße Kopf gezeichnet, indem die Oberseite desselben von einem braunschwarzen Längsfelde, die hintere Wangengegend von einem dreieckigen schwarzen Flecke bedeckt wird. Am Hinterhalse verläuft ein schwarzbrauner mähnenartiger Kamm. Beide Geschlechter sind fast gleichgefärbt, aber die Hörner erreichen beim Thiere selten über fünf Zoll Länge oder fehlen zuweilen ganz, während sie beim Bock über elf Zoll lang werden. Das sehr dichtstehende, harte und brüchige Haar ist im Winter länger.

Die Antilope ist Standwild und lebt in Rudeln, die sich in den Wintermonaten oft zu Heerden von mehreren Hundert Stücken vereinigen und umherstreifen, theils um reichere Weideplätze, theils um in der trockenen Jahreszeit Wasser aufzusuchen. So lange Grünfutter vorhält, bedarf die Antilope des Wassers nicht, kommt aber da, wo sie es haben kann, regelmäßig zur Tränke. Ihre Nahrung besteht aus Gras und den niedrigen Gewächsen der Prairie, welche auch dürr und verdorrt nicht verschmäht werden.

Die Gabelantilope übertrifft an Schnelligkeit alle anderen Vierfüßler Nordamerikas und steht ihren afrikanischen und asiatischen Verwandten ebenbürtig zur Seite. Ihr ungemein scharfes Gesicht und die äußerst feine Witterung unterrichten sie von jeder nahenden Gefahr, und da eine ruhende Antilopenheerde ihren Standort ebenso klug auszuwählen versteht, wie die Windrichtung geschickt zu benutzen weiß, so ist sie auch ohne ausgestellte Wachposten gut gesichert. Ueberdies unterscheiden Antilopen sehr wohl zwischen Verdächtigem und Unverdächtigem. So kümmern sie sich wenig um weidende Rinder oder Pferde, und selbst den heranbrausenden Eisenbahnzug lassen sie oft ziemlich nahe kommen; aber einen herumstreifenden Wolf werden sie selten übersehen, und es bedarf der ganzen Kriegslist Isegrims, um Antilopen zu beschleichen. Destomehr fallen ihm Junge und Alte bei hohem Schnee zum Opfer.

In Anbetracht dieser besonders scharfen Sinnesbegabung, bei der das Gehör übrigens nachsteht, ist es erklärlich, daß die Antilopenjagd ebenso schwierig wie mühselig ist und ebensoviel Geduld als Ausdauer erfordert. Nur ausnahmsweise wird es möglich, das scheue Wild an der Tränke auf dem Anstande zu erlegen, aber die gewöhnlichste Jagdweise bleibt einzig und allein die Pürsche, wobei der Jäger lediglich auf seine Geschicklichkeit im Anschleichen resp. Kriechen auf der baum- und strauchlosen Prairie angewiesen ist.

Um zu einer solchen Jagdstätte zu gelangen, hatte ich die von Vinita bis Denver an fünfhundert englische Meilen lange Strecke zurückzulegen, welche von der Station Ellesworth aus durch das Herz der Prairie führt, die man in der ganzen Großartigkeit ihrer Einförmigkeit während achtzehn bis zwanzig Stunden genießt. Es ist erklärlich, daß ein Trupp Antilopen, eine langsam dahin galoppirende Bisonheerde, eine Ansiedelung munterer Prairiehunde und dergleichen für den Reisenden aus dem Osten bei Weitem anziehender sind, als die unbedeutenden Stationsorte mit ihren sich unverändert wiederholenden „Saloons“, „Liquor-Stores“, Restaurants etc.

Ein glücklicher Zufall führte mich auf der Plattform des Waggons mit einem ausgezeichneten deutschen Reisenden, Grafen A., zusammen, der mit mir die von der aufgehenden Sonne magisch [497] beleuchtete Kette der Felsengebirge in stiller Bewunderung betrachtete. Wir wurden bald bekannt, und unsere gemeinschaftlich geschmiedeten Jagdpläne erfüllten sich in Denver schneller und günstiger, als wir erwartet hatten, indem sich uns einer der erfahrensten Jäger Colorados, Rudolph Borcherdt, freiwillig zum Begleiter anbot.

Borcherdt betrieb mit Geschick die Ausstopfekunst und war eine jener nach deutscher Beurtheilung wunderbaren Persönlichkeiten, wie sie nur der Westen hervorbringt. In Deutschland forstmännisch ausgebildet, hatte er die neue Welt als Trapper, Jäger, sammelnder Naturforscher und Händler weit und breit durchstreift und bewohnte jetzt ein kleines Haus am Plattefluß, wenige (engl.) Meilen von Denver. Dort erwartete er uns an einem Octobermorgen und zwar jagdmäßig gerüstet. Seine Lenden umschloß ein dicht mit Patronen gespickter Ledergurt, und auf der linken Schulter ruhte eine Büchse, deren Größe uns anfangs in Erstaunen setzte. Bei näherer Besichtigung zeigte sich aber das sechszehn Pfund schwere Jagdgeräth als ein äußerst solid gearbeiteter Hinterlader nach Bennington’s System und allen an die Prairiejagd gestellten Anforderungen entsprechend. In erster Linie gehört dazu eine das gewöhnliche Maß bei Weitem überragende Tragfähigkeit und Treffsicherheit. Bei verhältnißmäßig sehr kleinem Caliber und entsprechendem konischem Geschoß betrug die Pulverladung der Patrone nicht weniger als achtzig Gran, woraus sich die unverhältnißmäßige Stärke des Laufs und Solidität der ganzen Arbeit erklärte. Die auffallendste Eigenthümlichkeit der in London gebauten Waffe bestand indeß in einem über dem Laufe angebrachten stockförmigen Fernrohre, welches zehn äußerst scharfe, etwas über einen halben Zoll im Durchmesser haltende Linsen enthielt, deren vorderste mit einem schwarzen Linienkreuze bezeichnet war, dessen Brennpunkt beim Zielen als Korn diente. Selbstverständlich erforderte die Führung dieses eigenthümlich construirten Gewehrs große Uebung. Borcherdt hatte daher auch in der Nähe seines Hauses einen Schießstand errichtet, in welchem ausgestopfte Hirsche als Scheiben dienten.

Nachdem wir Haus, Schießstand und das Ausstopfelaboratorium besichtigt, eine höchst primitive selbsterrichtete Erdhütte, welche außer einem Chaos von Jagdtrophäen, Elkgeweihen, Bison- und Antilopenköpfen etc. auch Charly, den Prairierenner, beherbergte, wurden unter Borcherdt’s Führung die oftmals tiefen und reißenden Flußbetten des damals wasserarmen Platteflusses überschritten.

An einem Biberbau vorüber, von dessen Betrachtung wir uns schwer trennen konnten, ging es in die offene Prairie hinaus, welche, im Westen von der imposanten Kette der Felsengebirge begrenzt, herrliche Landschaftsbilder entfaltet.

Mit Ausnahme einzelner Flüge fröhlicher Alpenlerchen schien die Natur wie ausgestorben, und wir begannen schon daran zu zweifeln, daß wir in dieser Einöde jemals Antilopen antreffen würden, als Borcherdt, der, neben dem Kutscher sitzend, auf dem durch Regengüsse oft stark zerrissenen und mitunter steil abfallenden Wege unser Gefährt leitete, plötzlich die Pferde anhielt. Sein Falkenauge hatte ein Rudel ruhender Antilopen entdeckt, welches wir zu sehen uns vergeblich anstrengten, denn unseren noch ungeübten Augen erschien die Stelle, wo sie liegen sollten, ebenso braungelb wie die übrige Landschaft. Mittelst des Fernrohrs glückte es uns indeß, die gewünschten Objecte aufzufinden. Borcherdt hatte Recht; es waren neun Stück, die uns, obwohl noch in eintausendfünfhundert Schritt Entfernung, doch bemerkt zu haben schienen und sich einzeln erhoben, um zu äugen. Wahrscheinlich hatten sie uns längst beobachtet, waren aber offenbar erst durch das Stillhalten des Wagens mißtrauisch geworden.

Der Wagen setzte sich unverzüglich wieder in Bewegung, und zwar nach einem tiefen Regenbett hin, welches uns als Deckung dienen sollte und wo wir schnell ausstiegen. Das plötzliche Verschwinden des Wagens hatte das Mißtrauen der Antilopen noch mehr erregt, aber sie überließen sich auf’s Neue der Ruhe, als das Gefährt ihnen wieder sichtbar wurde und sich langsam in abweichender Richtung fortbewegte. B. hatte dies im Voraus erwartet und erzählte uns, daß Antilopen einen Wagen, der sich ihnen in Bogenlinien nähert, nicht selten auf Schußweite herankommen lassen, während sie vor dem Reiter oder Fußgänger regelmäßig fliehen. – Wir schlichen inzwischen in dem Rinnsale gebückt und vorsichtig vorwärts, als B., der vorankroch und zuweilen Auslug hielt, sich plötzlich niederwarf, worin wir ihm sofort schweigend folgten. Flüsternd theilte er uns mit, daß keine 200 Schritt rechts von uns ein anderes Rudel stehe, welches größeren Erfolg verspreche. Wir machten unsere Büchsen fertig und krochen weiter, bis Borcherdt Halt winkte. Vorsichtig über den Rand des Regenbettes blickend, hatten wir auf nicht weiter als hundertundfünfzig Schritt fünfzehn stattliche Antilopen vor uns, die theils ruhten, theils äßten, uns aber ihre weißen Spiegel zukehrten, also keinen sicheren Schuß erlaubten. Die Aufregung und der Wunsch, die herrlichen Geschöpfe noch länger zu beobachten, waren natürlich groß, als sie plötzlich Witterung bekamen, blitzschnell aufsprangen und langsam forttrabten. Schon wollten wir ihnen Kugeln nachsenden, aber Borcherdt suchte es zu verhindern. Nach einer kurzen Strecke machte das Rudel wirklich Halt und äugte nach der verdächtigen Stelle, wo wir bis jetzt noch ungesehen verborgen lagen. Dieser Moment mußte natürlich benützt werden. Beim Knall unserer Büchsen eilte das Rudel rechts abschwenkend in Sturmeseile dahin, hielt nochmals, für unsere deutschen Büchsen bereits unerreichbar, auf Augenblicke an, die Borcherdt benutzte, um ihm seine Kugeln nachzusenden. Es entwickelte sich dadurch ein höchst anziehendes Jagdbild, welches, für den Schützen aus dem fernen Osten ebenso neu wie ungewohnt, doppelten Reiz erhielt und die vollste Waidmannsbegeisterung in uns erweckte. Borcherdt, in knieender Stellung, seinen Sechszehnpfünder vor sich in der Gabel, ließ die fliehenden Antilopen, welche für das bloße Auge zusehends kleiner wurden, nicht zu Athem kommen und sandte ihnen selbst dann noch seinen Gruß nach, als ihre weißen Spiegel kaum mehr thalergroß erschienen. Konnte von einem sicheren Schusse bei einer Entfernung von tausend bis fünfzehnhundert Schritt auch nicht mehr die Rede sein, so ließ sich die Wirkung der Kugeln doch noch gut beobachten; je nachdem dieselben einschlugen, machte das Rudel, wie auf Commando, plötzliche Schwenkungen, oder wenn es überschossen wurde, Kehrt, um in anderer Richtung dahinzustürmen, bis es dem bloßen Auge ganz entschwand. – Unsere erste Salve war übrigens nicht wirkungslos geblieben: zwei Antilopen hatten sich – ein sicheres Zeichen ihrer Verwundung – vom Rudel getrennt, blieben aber für uns verloren, weil wir keinen Hund besaßen, und ohne einen solchen, davon überzeugten wir uns bald, mußten die Erfolge stets sehr zweifelhaft bleiben.

Wir beorderten nach diesem ersten Versuche unseren Wagen durch Zeichen nach einer Senkung hin, in welcher zwei bis drei Bäume, die einzigen soweit das Auge reichte, weithin Wasser anzeigten, und langten, bei der steigenden Sonnenhitze, ziemlich ermattet bei einem kleinen Tümpel an, dessen schmutziges, grünliches Wasser nicht eben sonderlich einlud, aber trefflich mundete. Wir rasteten hier eine kurze Zeit, verzehrten ein kaltes Frühstück und plauderten bei einem gemüthlich dampfenden Pfeifchen über Jagd und Prairieleben. Dabei wurden natürlich auch die Klapperschlangen nicht vergessen, und Borcherdt erzählte uns, daß sie sehr häufig seien; er scheue sie aber wenig und pflege sie stets mit der Hand zu fangen, was uns allerdings etwas übertrieben erschien. Als wir unseren Marsch wieder aufgenommen hatten und eine Niederlassung jener interessanten Murmelthiere passirten, die den Namen Prairiehunde führten, machte Graf A. plötzlich einen Seitensprung, den ich instinctiv wiederholte. Eine an drei Fuß lange Klapperschlange war die Ursache. Langsam und unheimlich glitt sie dahin, aber schon im nächsten Augenblicke hatte sie Borcherdt mit Zeigefinger und Daumen im Nacken gefaßt und zeigte uns das giftige Scheusal in seiner ohnmächtigen Wuth sich loszuwinden. Bei weit aufgesperrtem Rachen entquollen ihren Giftzähnen je drei und vier Tropfen der klaren, sherryfarbenen tödtlichen Flüssigkeit, während die Hornringe am Schwanzende ein sonderbares spinnradartiges Schnurren hervorbrachten, bis ein Schnitt mit dem Bowiemesser erst den unheimlichen Tonapparat, dann den Kopf unmittelbar hinter den Giftzähnen abtrennte.

In der Nähe von Colonien der Prairiehunde, den sogenannten Hundedörfern, begegnet man Klapperschlangen am häufigsten. Auffallender Weise stellen sie den Prairiehunden nicht nach, sondern beide so verschiedene Geschöpfe und mit ihnen ein kleiner Kauz, die Prairieeule, als Dritter im Bunde, bewohnen in größter Eintracht die weitverzweigten Gänge der unterirdischen Bauten, gewiß ein Beispiel von Zusammenleben zwischen Säugethier, [498] Vogel und giftigem Reptil, wie es im Haushalte der Natur nicht zum zweiten Male vorkommt. – Gern hätten wir noch länger an dem Hundedorfe verweilt, dessen zahlreiche Bewohner kläffend auf den fußhohen Erdhügeln saßen, um bei der leisesten Bewegung in die dort mündende Hauptröhre zu verschwinden; aber der Jagdeifer trieb uns vorwärts.

Wir bekamen bald eine Antilopenheerde in Sicht, welche jedoch schon auf zwölfhundert Schritt das Weite suchte, und beobachteten später mit unseren Gläsern eine andere, welche über fünfzig Stück zählte und bei der es in Folge der Brunstperiode lebhaft herging. Man sah, wie alte Böcke mit einander kämpften, die Thiere trieben, welche ihrerseits wiederum Zudringlichkeiten abwehrten, kurzum es war ein fortwährend wechselndes, für den naturkundigen Beobachter ungemein anziehendes Bild, von dem wir uns nur trennten, um unsere Jagd in ähnlicher Weise, wie bisher, fortzusetzen.

Als es endlich Zeit wurde, an den Heimweg zu denken, schritten wir nach der Stelle, wohin wir den Wagen dirigirt hatten, als uns das Jagdglück abermals hold war. Wir wollten eben um den vorspringenden Ausläufer eines steil abfallenden Regenbettes biegen, als wir unerwartet einem kleinen Trupp Antilopen gegenüberstanden, ein Anblick, bei dem wir uns lautlos niederwarfen. Wir waren aber bereits gesehen worden, und die Thiere galoppirten, unseren Weg kreuzend, wie sie es gewöhnlich thun, an uns vorüber. Sie wandten uns dabei ihre Breitseiten zu, und als wir schossen, brachen zwei Thiere zusammen. Meine Kugel war zu niedrig gegangen und hatte der Antilope beide Hinterläufe zerschmettert. Wir eilten also, um sie abzufangen, was sich indeß weit schwieriger erwies, als wir je erwartet hatten; denn trotz der furchtbaren Verwundung lief das arme Thier noch so schnell und wußte dabei so geschickte Seitenwendungen zu machen, daß es nur Borcherdt’s stählernen Gliedern gelang, es einzuholen und niederzustoßen.

Nachdem wir unsern Wagen glücklich aufgefunden und die Beute abgeholt hatten, traten wir die Heimfahrt an.

Die untergehende Sonne färbte das öde Gelbbraun der Prairie von Orange bis Braunroth, während die Kette der Felsgebirge mit einem sanften Violett übergossen wurde, gegen welches das zauberhafte Purpurroth der schneeigen Spitzen und Hörner wunderbar contrastirte, bis diese wechselnden Bilder mit dem Eintritte der Dämmerung mehr und mehr verblaßten und endlich ganz entschwanden. Erfüllt von ihnen und in Stillschweigen versunken, erweckte uns der Ruf des Prairiekauzes und das Geheul der Cayote aus unseren Träumereien. Bald vernahmen wir auch Hundegeheul – wir näherten uns einer einsamen Farm. Borcherdt sprang ohne Zögern unter die anscheinend wüthenden Hunde, öffnete das schwere Gatter und ging in das Haus, um über eine Fuhrt des Platteflusses Erkundigungen einzuziehen. Wir hörten, daß dieselbe einige Meilen oberhalb liege, aber der Farmer hielt auch hier den Uebergang für nicht allzu schwierig und ließ sich bereit finden, uns, auf einem Pferde voranreitend, den Weg zu zeigen. Beim sanften Scheine des Mondes lag bald das glitzernde ansehnlich breite Flußbett, von mächtigen Bäumen eingefaßt, vor uns, und wir erreichten ohne Unfall das andere Ufer, obschon uns das Wasser an tiefen und reißenden Stellen, die wegen des steinigen Grundes den Pferden gefährlich zu werden drohten, oft bis in den Wagen gedrungen war. Auf geebnetem Wege eilten wir nun ohne Aufenthalt Denver zu, wo wir, erwartet von unseren deutschen Bekannten, gegen Mitternacht eintrafen.

Bei den besonderen Schwierigkeiten, welche mit der Antilopenjagd verknüpft sind, erklärt es sich übrigens, daß man so Wenige trifft, welche diesem Waidwerke, dem edelsten, das Nordamerika besitzt, huldigen, und Leute wie Borcherdt, der sich rühmen konnte, Hunderte dieser Thiere erlegt zu haben, gehören auch im Westen zu den Ausnahmen.

Alt eingefangene Gabelantilopen sollen unzähmbar sein, aber junge, mit der Flasche künstlich aufgezogene gewöhnen sich vollständig an Haus und Menschen und werden vollkommen zahm; doch ist ihre Aufzucht mit Schwierigkeiten verbunden. Man sieht deshalb nur höchst selten Gabelantilopen in Gefangenschaft, und in Europa können bis jetzt nur die zoologischen Gärten in London, Antwerpen und Berlin auf den Besitz dieser Seltenheit stolz sein. Nach dem herrlichen Pärchen im Berliner Garten, der sich unter Bodinus’ Leitung so mächtig entwickelte, hat der Thiermaler Moritz Hoffmann in Berlin das lebensvolle Bild entworfen, in welchem wir unseren Lesern eine naturgetreue Darstellung des interessanten Thieres vorführen.

O. F.




Der Heimgang eines Dichters.


Fritz Reuter ist todt! In vielen Tausend Herzen haben diese Worte einen schmerzvollen Widerhall gefunden; von Mund zu Mund ging die Trauerbotschaft und manches Auge hat sich mit Thränen gefüllt bei dieser Kunde. Er ist todt der Mann, der dem deutschen Volke ein so reiches Erbe in seinen Werken hinterlassen hat; sein treues, gutes Auge leuchtet seinen Freunden nicht mehr; sein Herz, das so reich an Liebe war, welches für alles Gute und Edle so warm schlug, steht still für immer – er ist heimgegangen, der Dichter, der an Gaben so reich begnadet war.

Ich will in diesen Zeilen nicht Reuter’s Verdienste würdigen, denn sie liegen in seinen Werken unantastbar versiegelt; ich will den Heimgang eines echten deutschen Dichters schildern, der mit jedem Gedanken, mit jedem Pulsschlage seines braven Herzens fest in seinem Volke wurzelte; ich will dem Freunde, dessen Hand so lieb und innig zu drücken verstand, einen letzten Gruß zurufen.

Die Stelle, welche Reuter in der deutschen Literatur einnimmt, ist ihm freudig von allen Denen eingeräumt, welche den Klang seiner Sprache verstehen – seine Werke sind liebe Freunde geworden in Palast und Hütte; der Volkesmund hat aus ihnen geschöpft. Seine Gestalten haben Fleisch und Blut gewonnen; sie leben fort und werden noch oft bald schalkhaft, bald wehmüthig lächelnd, an uns herantreten, als wüßten sie, wie lieb wir sie gewonnen haben.

Fritz Reuter ist todt! Noch vermag ich den Gedanken kaum zu fassen, und es ist mir, als müßte ich zu ihm eilen auf die Terrasse in seinem Garten, wo er, seit Ostern schon an einem Herzübel leidend, den schönen Frühling und die Blumenpracht des Sommers in seinem Rollstuhle begrüßte, da zu gehen ihm nicht mehr gestattet war. Wie warm drückte er die Hand, wie lieb blickte sein Auge, wie durchzuckte mich die ganze Fülle seiner Herzensgüte, wenn seine Hand mir schmeichelnd durch den Bart hinstrich und seine Lippen so freundlich sagten: „Mein lieber alter Fritze!“ Noch hatte sein Geist trotz seines Leidens seine volle Frische bewahrt. Er nahm an Allem das regste Interesse; er scherzte und lachte.

Dort saß er unter den schattenden Zweigen einer Eiche, in einer kleinen Grotte, welche sein treuer Diener und Gärtner Möller in den Felsen gemeißelt, um den Kranken gegen Wind und Zug zu schützen. Frei glitt von dort sein Auge hin in das stille und liebliche Johannisthal, und wenn dann auf der nahen, zur Wartburg hinführenden Chaussee Fremde hinwanderten und dem Dichter durch Schwenken der Hüte und Wehen mit Tüchern einen Gruß zuriefen, dann glänzten seine Augen und mit rührender Bescheidenheit sprach er noch leise: „Die guten Menschen!“

Von der Eiche, die ihm den Schatten gab, waren bei dem Aushauen der Grotte zwei kräftige Wurzeln abgeschnitten und mehr als einmal sagte er: „Die Wurzeln sehen mich wie zwei Augen an. Wenn ich hingehe, wird auch die Eiche hingehen.“ Die Eiche stand noch wenige Tage vor seinem Tode in vollem, frischem Grün, und heute, an dem Tage, an dem er in die Erde gebettet ist, färben sich ihre Blätter, und halb vertrocknet steht sie da, als wollte sie keinem Menschen weiter Schatten geben.

Die Gefahr seines Leidens kannte er nicht, obschon sie seiner treuen und so innig geliebten Gattin nicht verborgen war. Monatelang wechselte sein Zustand. Seine kräftige Natur schien sich immer wieder durchringen zu wollen; die Hoffnung auf Genesung keimte wieder empor, und nur, wenn er die Hand seiner Gattin erfaßte und mit seiner weichen Stimme sagte: „Meine liebe [499] Luising“, dann schimmerte wohl das Gefühl der Bangigkeit aus seinen Augen, daß er von der getrennt werden könne, mit der sein ganzes Leben, sein Denken und Fühlen so innig verbunden war, die ihm in trüben und guten Stunden treu und lieb zur Seite gestanden, die ihn gepflegt und gehütet, wie nur eine Mutter ihr Kind hüten kann. Täglich kam sein treuer und tüchtiger Arzt, Dr. Wedemann zu ihm, und wenn derselbe auch das mehr und mehr dahinschwindende Leben nicht aufzuhalten vermochte, da trotz aller Bemühungen der seit Monaten fehlende Appetit nicht wiederkehren wollte, so brachte er ihm doch jedesmal Beruhigung und neue Hoffnung mit.

Noch war es ihm vergönnt, seine Lieblinge, die auf der Terrasse stehenden schönen Rosen, blühen zu sehen; noch freute er sich über die prachtvoll blühende Glycinia chinensis, die seit Jahren nicht eine so reiche Blüthenfülle gezeigt hatte, und noch sah er die prächtig blaue Blume der Clematis Bachmanni, die an dem Balcon seiner Villa sich emporrankt.

Am Donnerstag Morgen, drei Tage vor seinem Tode, ließ er sich zum letzten Male in seinem Rollstuhle auf die Terrasse fahren, dann legte er sich nieder um auszuruhen – er sollte sein Bett nicht wieder verlassen. Die heißen und schwülen Tage hatten seinen Zustand verschlimmert, aber noch am Freitage und Sonnabend war keine ernstliche Besorgniß für sein Leben vorhanden, denn ähnliche Tage, an denen er während seiner Krankheit an das Bett gefesselt war, waren öfter vorgekommen. In der Nacht vom Sonnabend zum Sonntage und vor Allem am Sonntage selbst nahm sein Leiden schnell zu, und nur zu bald war die Hoffnung abgeschnitten.

An Pflege fehlte es dem Kranken nicht – was Menschenmacht zu leisten vermochte, ist geschehen; seine Gattin wich nicht von seiner Seite. Die Diaconissin, Schwester Telesphora, unterstützte sie in ihrer stillen und bescheidenen Weise auf das Beste. Dr. Wedemann war fast unablässig bei dem Kranken und Reuter’s langjähriger Freund, der Gerichtsrath Fischer, gab ihm den Freundeszuspruch.

Die Herzensthätigkeit des Kranken wurde schwächer und schwächer. Seine Leiden waren erträglich, nur wenige Male, wenn die Brust nach Athem rang, drängten sich die leisen Klageworte:„Mein Gott!“ über seine Lippen. Sein Geist war noch immer klar und frisch, obschon das Gefühl des nahen Todes ihn erfaßt hatte. Als er seine Gattin fragte, wohin sie ihn nach seinem Tode bringen lassen werde, und sie ihm erwiderte, in ihr Zimmer, welches wie ein Heiligthum geschmückt und mit Andenken von ihm und an ihn erfüllt ist, da ergriff er tiefbewegt ihre Hand und rief: „meine Luising, das wolltest Du thun!“

Allmählich ging sein Geist in einen halbträumenden Zustand über, aus dem er dann und wann wieder zu voller Klarheit erwachte. Die beste und unvergeßliche Gestalt seiner Werke, der Inspector Bräsig, schien wie zum Abschiede vor ihm aufzutauchen, denn mit geschlossenen Augen daliegend sprach er leise: „Da bin ich Dich über!“ dieselben Worte, welche Bräsig zu Habermann spricht. Und als er dann nach einiger Zeit leise, halb fragend rief: „Gedenken, gedenken?“ und seine Lebensgefährtin schluchzend seine Hand küßte und rief: „Ja, immer in Liebe und mit Dank!“ da öffneten sich seine Augen und ruhten still auf der Gefährtin.

Der Abend nahte. Das Herz wurde schwächer und schwächer. Als der Arzt wieder zu ihm in’s Zimmer trat, sprach er: „Herr Doctor, ein schwerer, schwerer Kranker!“ Er fühlte das Nahen des Todes. „Friede, Friede, Friede!“ rief er nach einiger Zeit, als wollte er noch einmal der Welt das als Vermächtniß zurufen, was er stets gewünscht, als empfände er, daß auch auf ihn der Friede sich herabsenkte nach einem Leben, das so reich an Kampf, an Schmerzen und auch an Freuden gewesen war.

Schwerer und schwerer athmete seine Brust; die Müdigkeit des ewigen Schlafes legte sich auf seine Augen. Den Kopf etwas zur Seite wendend, sprach er: „Luising, lulle mich in Schlaf!“ Es waren seine letzten Worte. Nach kurzer Frist hatte sein Herz zu schlagen aufgehört – am Sonntag den 12. Juli, Nachmittags fünf und ein halb Uhr.

So war der Heimgang eines Dichters, der in den Herzen von vielen Tausenden für immer leben wird. Draußen im Garten dufteten die Rosen und weißen Lilien, und die Clematis an dem Balcon ließ wie zur Trauer ihre Hunderte von Blüthen niederhängen. Die Stille des Todes war eingekehrt in das Haus, welches der Geschiedene sich vor noch nicht zehn Jahren so schön erbaut, in welchem sein Mund so manches heitere Wort gesprochen, in dem er so manchem Freunde die Hand gedrückt.

Um acht Uhr trugen wir den Todten aus seinem Schlafzimmer, in welchem er geschieden war, in das Zimmer seiner Gattin, um ihn dort niederzulegen, wie sie ihm versprochen hatte. Keine fremde Hand rührte ihn an. Dr. Wedemann, der Gärtner, die Schwester Telesphora und ich, wir trugen ihn, und als wir ihn dort halb zwischen Blattpflanzen und Blumen auf das letzte Lager gebettet, drängte sich uns unwillkürlich die Frage auf: ist er wirklich todt oder schläft er nur? So still und friedlich lag er da, der Tod hatte keinen seiner Züge verzerrt; kein starrer Ausdruck lag auf dem Gesichte – ein Hauch der Verklärung und der Poesie war über das liebe Gesicht ausgegossen.

Fritz Reuter ist todt! Diese Trauerkunde trug der Telegraph noch an demselben Abende fast durch ganz Deutschland hin, und schon am folgenden Morgen brachte er von allen Seiten die Beweise zurück, wie viel Liebe und Verehrung der Geschiedene genossen. Der Großherzog von Weimar, sowie die Großherzogin und deren Töchter, welche Reuter so manchen Beweis ihrer Liebe gegeben, gehörten mit zu den Ersten, welche durch den Telegraphen ihren Schmerz und ihre Theilnahme aussprachen. Und so ging es fort, Stunde um Stunde, während wir mit der tiefgebeugten Gattin des Todten zum neuen Friedhofe der Stadt Eisenach hinausfuhren, um für den Geschiedenen einen stillen und ruhigen Fleck Erde zur letzten Wohnung auszusuchen. Und wir fanden ihn. Nicht in Reihe und Glied mit den übrigen Todten, denn auch im Leben war er nicht in Reihe und Glied mit den Menschen gegangen, sondern er hatte zu ihren Geistesführern gehört im besten und edelsten Sinne. Er war stets einer der Ersten gewesen, wenn es ein gutes Werk auszuführen galt, und bescheiden war er dann zur Seite getreten. In einer stillen, friedlichen Ecke, wo zwei Wege des Friedhofs sich treffen, in dem Schatten von jetzt noch jungen Bäumen, die aber in wenigen Jahren ihre Zweige schützend und schirmend über das Dichtergrab ausbreiten werden, in einem traulichen Winkel, wie Reuter ihn so sehr geliebt, wurde der Begräbnißplatz erworben.

Wenn es für die Lebensgefährtin des Todten, die noch immer nicht fassen konnte, daß ihr Fritz nicht mehr lebte, daß sie nicht mehr zu ihm eilen konnte, um seine Hand zu erfassen, in diesen schweren, bitteren Stunden einen Trost geben konnte, so war es der, daß die Beweise der Liebe und Anerkennung für den Geschiedenen sich mit jeder Stunde häuften. Reicher ist wohl selten ein Dichter mit Lorbeerkränzen und Blumen bedacht worden; sie kamen nicht von Freunden und Bekannten allein, sondern als ferne Grüße von Vielen, die er durch seine Werke erfreut. Nannten doch Manche nicht einmal ihren Namen. Sie wollten nur ein Zeichen ihrer Anerkennung und Liebe geben; sandte doch selbst ein Tertianer aus Höxter, der Reuter’s Dichtungen gelesen, dem Todten einen Lorbeerkranz. Und wieder waren der Großherzog von Weimar und dessen Gemahlin nicht die Letzten, die für das Dichtergrab einen Lorbeerkranz und Palmenzweig schickten. Und so viele auch kamen von allen Seiten, ein Jeder, der den Geschiedenen kannte, mußte still sagen: er hat es verdient als Dichter und Mensch, denn ein braveres Herz hat selten geschlagen.

Der letzte schwere Tag, der Mittwoch, der Tag der Beerdigung brach an. Schon am Dienstag war der Todte in den Zinksarg gelegt, der ihn aufnehmen sollte. Am Mittwoch wurde dieser in den einfach schönen Sarg von Eichenholz gestellt, hatte Reuter die Eichen doch stets so gern gehabt. Wie ein Schlafender lag der Todte auf dem weißen Kissen. Mit Cedernzweigen und den Blüthen der weißen Lilie und der Clematis war sein Haupt und Körper umkränzt; aus des Dichters eigenem Garten hatte sein treuer Gärtner sie gepflückt. Noch hatte die entstellende Hand des Todes sich nicht an ihn gewagt; noch war sein Gesicht ebenso friedlich und mild; es schien um Jahre jünger geworden zu sein und glich wieder in auffallender Weise den Bildern seiner noch kräftigen Manneszeit. Aus hohen Cedern und Palmen hatten wir eine Laube um den Sarg gebaut – darinnen ruhte er so still. Schlief er wirklich nur? Wollte sein Mund noch einmal zu einem Gruße sich öffnen? Täuschte dieser Friede des Todes doch selbst seine treue Lebensgefährtin, denn mehr als einmal beugte sie sich über ihn, als ob sie auf seinen Athem [500] lauschen wollte, mehr als einmal fragte sie: „Ist er auch wirklich todt?“ Und doch hatte sie selbst, als er geschieden war, die Augen ihm zugedrückt, weil sie diesen letzten, schweren Liebesdienst keiner fremden Hand überlassen wollte.

Seine Freunde und zahlreiche Fremde kamen, um ihn noch einmal zu sehen, und auch sein Freund Gustav Freytag, der gekommen war, um ihm das letzte Geleit zu geben, der vorher aber durch Krankheit in seiner Familie wieder zurückgerufen wurde, trat noch einmal an den offenen Sarg, um ein Bild des Friedens mit sich zu nehmen. Der Bruder und die Schwester der schwer gebeugten Gattin waren schon vorher aus Mecklenburg gekommen, um ihr beizustehen in ihrer Trauer und den Todten noch einmal zu sehen.

Der schwere Augenblick, in welchem der Sarg für immer geschlossen werden mußte, kam und noch einmal geleiteten wir die fast gebrochene Frau zum letzten Abschiede von ihrem Fritz. Da sah das Auge, wie schwer sich trennt, was so innig und treu in Liebe verbunden gewesen; da zeigte sich, welche unsagbar tiefe Kluft den Tod von dem Leben trennt, wie fest das Band, welches zwei gute Menschen verbunden. Schimmerte doch an dem Finger des Todten noch der Ring, der sie einst zum Glücke vereint und ein treues Symbol desselben geblieben war. Ihr Wunsch war es, daß er ihn mitnehme in die Erde; sie hatte ihm denselben ja einst geschenkt und wollte von dem Todten die Gabe nicht zurückfordern. Noch drängt mir die Erinnerung an diesen letzten Abschied, wie sie sich über ihn beugte, um ihn fest zu halten, obschon sie ihn lassen mußte, wie sie die liebe Hand so innig küßte, die Thräne in das Auge; noch klingt ihr letzter Ruf: „Lebewohl, lebewohl!“ in dem Ohre wieder, wie ein neues Gelöbniß, das sie mit unzertrennbaren Fesseln an den Todten bindet. Fast mit Gewalt mußte ich sie fortführen.

Der Sarg wurde geschlossen; die Lichter auf den Kandelabern, welche zu Haupten und zu Füßen desselben standen, wurden angezündet. Die, welche dem Dichter das letzte Geleit zum Friedhofe geben wollten, kamen. Der Großherzog ließ sich durch den Commandant der Wartburg, von Arnswald, und den Freiherrn von Loën aus Weimar vertreten; Reuter’s Freund und Verleger Hinstorff war von Wismar herbeigeeilt. Die Burschenschaften Jenas, die Germanen, Arminen und Teutonen, hatten Deputirte gesandt, da Reuter selbst einst der Burschenschaft in Jena angehört. Die aufgelöste Burschenschaft Germania in Wien hatte ein Telegramm geschickt. Des Todten Neffe, August Reuter, war aus Mecklenburg gekommen, ebenso der Bürgermeister aus Reuter’s Vaterstadt Stavenhagen, von Bülow, um einen Kranz von Eichenblättern von der Fritz Reuter-Eiche auf dem Sarge niederzulegen; die Stadt Eisenach ließ sich durch ihren Oberbürgermeister und die Ersten ihrer Behörden vertreten; alle Freunde des Verstorbenen fanden sich ein, und die Zahl derselben war groß, denn er hatte wohl keinen Feind.

Reuter’s alter und treuer Freund, der Rath Fischer, geleitete des Dichters Lebensgefährtin aus Reuter’s Arbeitszimmer durch den von Trauernden dichtgefüllten Salon in den kleinen, stillen Tempel, in welchem der Sarg, mit Lorbeerkränzen und Blumen reich geschmückt, inmitten des frischen Grün stand. Dorthin traten auch Die, welche dem Geschiedenen am nächsten gestanden. Reuter’s alter Freund, der Generalsuperintendent Petersen aus Gotha, war gekommen, um die Rede am Sarge zu halten, und mit Thränen im Auge, auf’s Tiefste erschüttert durch des Freundes Heimgang, sprach er feiernde, erhebende und tröstende Worte.

Als er geendet und im stillen Gebete die Anwesenden sich gesammelt, erfaßten wir nahestehenden Schriftsteller August Becker aus Eisenach, Hermann Oelschläger aus Leipzig, Schuldirector Kreyenberg aus Iserlohn und ich, von Bürgern Eisenachs unterstützt, den Sarg, um den geschiedenen Dichter hinauszutragen. Und als wir mit ihm aus dem Hause auf die Terrasse traten, die sein Lieblingsplatz gewesen war, stimmte der Sängerchor Mendelssohn’s Lied „Es ist bestimmt in Gottes Rath“, welches der Geschiedene im Leben so gern gehört, an, und wir trugen ihn bis an den Rand der Terrasse, um ihn hier den Trägern zu übergeben.

Vor der Villa hatte sich das ganze Officiercorps der Garnison Eisenachs mit der Militärmusik aufgestellt, um sich dem Zuge anzuschließen; dort standen zu gleichem Zwecke die Schüler der beiden Gymnasien und viele Bekannte des Geschiedenen, welche in dem Hause nicht mehr Platz gefunden hatten.

Vor der Gartenpforte harrte der offene, mit schwarzem Zeuge ausgeschlagene und von vier mit schwarzen Decken überhängten Pferden gezogene Leichenwagen, der den Sarg zum Friedhofe fahren sollte. Reuter hatte früher den Wunsch ausgesprochen, nach gut mecklenburgischer Sitte beerdigt zu werden, und so wurde der Sarg von keinem Tuche bedeckt, sondern stand unverhüllt in seinem reichen Blumenschmucke da.

Wohl hatte sich die Frage aufgedrängt, ob die Orden, mit denen der Geschiedene von mehreren Fürsten geehrt war – es möge nur der prächtige bairische Maximiliansorden, mit dem zugleich der Adel verknüpft war, und die große goldene Medaille, welche der Großherzog von Mecklenburg ihm verliehen, hier erwähnt werden –, auf den Sarg gelegt werden sollten. Im Geiste Reuter’s hatten wir es unterlassen, da sein bescheidener Sinn nie eine Zurschaustellung geliebt. So sehr er sich auch über die Beweise der Anerkennung gefreut, die Orden selbst haben nie seine Brust bedeckt. Und konnte der Sarg einen schöneren Schmuck tragen, als den Lorbeerkranz, der dem Dichter gebührte? Er ist sein schönster und höchster Orden.

Um fünf Uhr Nachmittags setzte sich der Trauerzug in Bewegung. Voran schritt die Militärmusik. Dem Sarge folgten des Todten Neffe, gar manche seiner Freunde und Verehrer, die Deputation der Burschenschaften, welche die Lorbeerkränze, die auf dem Sarge und dem Wagen nicht mehr Platz gefunden hatten, in der Hand trugen, die Schüler der Gymnasien. Siebzehn Wagen beschlossen den langen Zug.

Auch die Gattin des Geschiedenen nahm im Wagen, von Freunden geleitet, an diesem letzten schweren Gange Theil. Sie hatte ihrem Fritz einst versprochen, ihn bis zum Grabe zu geleiten, wenn er vor ihr scheiden sollte, und die echte Liebe hält immer Wort. Mit der Kraft einer starken Seele, in dem Bewußtsein, dem Geschiedenen zu jeder Stunde in treuer Liebe zur Seite gestanden zu haben, hielt sie sich zu diesem Gange aufrecht.

Und als der Trauerzug sich langsam durch die Stadt hinbewegte, deren Straßen von Teilnehmenden erfüllt waren, da zog Mancher still den Hut ab, weil er wußte, daß ein echter Dichter und guter Mensch begraben wurde.

Auf dem Friedhofe, den der Zug erst um sechs Ubr erreichte, hielt der Generalsuperintendent Petersen die Grabrede. An den Worten „den Aufrichtigen läßt der Herr es gelingen“ und an Uhland’s Zuruf: „Frisch, Frei, Fröhlich, Fromm“, entwickelte er in ergreifender Weise, was der Geschiedene gewesen, als Dichter, als Freund, als Gatte und Mensch. Nach ihm gab der Diaconus Hasert aus Eisenach dem Todten den letzten Segen. Der Chor sang das Lied: „Ach, bleib mit Deiner Gnade“. Die Freunde und Bekannten traten noch einmal an das offene Grab, um eine Handvoll Erde hinabzuwerfen und den letzten stillen Gruß ihm nachzusenden – Fritz Reuter ruhte in der Erde. –

Blau und wolkenlos wölbte sich der Himmel über dem Friedhofe; aus der Ferne blickte die alte Wartburg herüber. Der Geschiedene war ja auch ihr Freund gewesen, denn oft war er zu ihr emporgestiegen; zehn Jahre lang hatte er an ihrem Fuße gewohnt. –

So war der Heimgang eines Dichters und braven Mannes. Mehr Liebe als Reuter hat selten ein Mensch mit sich in das Grab genommen. Nun liegt er still und in Ruhe da. Bald wird der Hügel über ihm mit frischem Grün und Blumen geschmückt werden, und seine Gattin, die ihm eine so liebevolle Pflegerin war, die kein anderes Lebensziel gekannt als ihn, wird mit derselben Liebe den Hügel und die Blumen pflegen, und dann wird auch für sie die Blume des Friedens sich öffnen.

In seinen Werken hat Fritz Reuter sich ein Denkmal gesetzt, welches dauernder denn Erz und Stein ist. In den Herzen seiner Freunde wird die Erinnerung an ihn unangetastet bleiben, so lange sie schlagen, und alle, welche ihn kannten, werden noch oft sagen: „er war ein guter Mensch.“ Dem deutschen Volke hat er in seinen Dichtungen ein reiches und schönes Erbe hinterlassen, und sollte ihm dieser Erbe nicht dafür danken? Auf seinem Grabe ist der Ort, um diesen Dank niederzulegen. Möge bald ein Denkmal dort jedem Fremden sagen, daß das deutsche Volk seine Dichter liebt!

Friedrich Friedrich.
[501]
In und um Tirols Oberammergau.
1. Das Passionsspiel zu Brixlegg.


Es ist außerordentlich wohlthuend, von einem Völkchen, das wir Alle lieb haben, das durch sein Land, seine Geschichte, seine Sitten, Tracht, durch sein kerniges, ursprüngliches Wesen uns zu sich hinzieht und über das dennoch seit langer Zeit so viel des Betrübenden, Besorgniß und Bedauerniß Erregenden berichtet wird, endlich einmal wieder Etwas zu erfahren, das Zeugniß für die Unverwüstlichkeit einer von Haus aus gesunden Volksseele ablegt.

Daß es dem Alpenvolk Tirols nicht an Begabung fehlt, daß es nur unter allzulang geübter geistiger Verwahrlosung leidet, ist allbekannt. Trotz des besten Willens von gewisser Seite, Alles, was wie „irdische Lust“ aussieht, mit Stumpf und Stiel auszurotten, ist dies doch noch nicht in dem Maße gelungen, daß nicht wohlhabendere Thäler, in welche die Sonne breiter hinein scheinen kann, sich die Freude an allerlei Künsten bewahrt hätten. Zurückgegangen ist freilich Vieles. So wissen wir, daß eines der Kennzeichen der geistigen Frische des Gebirgsvolks, das Schnaderhüpfl-Improvisiren sammt diesem lebensvollen Volksgesang selbst, aus vielen Thälern, wo beides früher blühte, verschwunden und nur in wenigen noch erhalten ist; aber erhalten ist es eben doch noch, und ebenso steht der alte Sängerruf der Tiroler wenigstens in der Fremde noch aufrecht; und daß auch in anderen Künsten, wie in der Bildschnitzerei, Gepriesenes in Tirol geleistet wird, gehört ja auch zu den tröstlichen Anzeichen der noch nicht ganz ruinirten Gesundheit der alten Volksseele. Das beste Zeugniß für dieselbe ist die erst jetzt auch außerhalb Tirols allgemeiner bekannt werdende Begabung des dortigen Landvolks für mimische Kunst und die sich rasch verbreitende Liebe zu theatralischen Darstellungen. In fast allen größeren Tiroler Dörfern findet man Bauernkomödien, welche Rittergeschichten, Heiligengeschichten, Possen zur Darstellung bringen. „Des Judenwirths Roßknecht“, welcher in der Gartenlaube erst jüngst (Nr. 22) als „ein Bauerndramaturg im Hochgebirge“ unsern Lesern vorgestellt worden ist, hat seine Bühne in Brixlegg im Saale des Gasthauses zum goldenen Hirsch aufgeschlagen.

In früherer Zeit waren auch die Passionsspiele in Tirol ziemlich allgemein verbreitet; sie wurden aber theils wegen der in sie eingelegten, die Leidensgeschichte profanirenden, burlesken Rollen, theils wegen ihrer Ausartung in Rohheit mit obligater Schlägerei verboten, und bekanntlich blieb als Ueberrest aus alter Zeit nur das Passionsspiel zu Oberammergau in Oberbaiern. Seit dem Jahre 1868 hat man nun auch die Aufführung von Passionsspielen wieder vorgenommen, und zwar wiederum in Brixlegg.

Dieser Fortschritt und Erfolg des Unternehmungsmuthes ist wahrhaft erfreulich. Der alte Tirolerfreund Ludwig Steub, der nach früherem vergeblichem Trachten darnach gerade im Eröffnungsjahre des Passionsspiels in Brixlegg eine schöne Unterkunft fand, drückt seine Genugthuung darüber sogar in den tiefgefühlten Worten aus: „Hin und wieder geschieht es doch, daß dem Menschen schon hienieden ein Wunsch in Erfüllung geht.“ Und mit ehrlichstem Wohlgefallen hat er dann der ersten Passionsaufführung beigewohnt.

Ich lasse hier das reizende Brixlegg, wie seine nächste und weitere Umgebung ungeschildert, um der Passionsaufführung unsere Aufmerksamkeit ausschließlich zuzuwenden. Nur Das möchten wir noch vorausschicken, daß die Lage von Brixlegg in dem gesegneten Unterinnthale und an der Eisenbahn von Kufstein nach Innsbruck, sowie an der Mündung volkbelebter Thäler, wie des Ziller- und Alpbachthals, den dortigen Passionsspielen nicht nur ein starkes Publicum aus der Nähe sichert, sondern auch aus weitester Ferne leichter zuführt, als dies für das vom Weltverkehr abgelegene Oberammergau möglich ist. Wie da, sind auch dort die Spieltage große Volksfesttage, welche mit Musik begrüßt, gefeiert und beschlossen werden.

Der erste Festmorgen ist da. Schon um sieben Uhr wimmeln die Gassen und rauscht die Musik. Den Beginn des Spiels verkünden drei Kanonenschüsse. Da eilen auch wir zur Brücke am Alpbach, denn dort ist für die Passionsspiele aus Brettern in großem Maßstabe ein Theatergebäude in Gestalt eines Rechtecks von achtundvierzig Fuß Breite und hundertzweiundfünfzig Fuß Länge erbaut, welches gegen dreitausend Personen faßt, obwohl Bühne und Orchester fast ein Drittheil des ganzen Gebäudes in Anspruch nehmen. Zwei Logen und gegen rückwärts sich zweckmäßig erhöhende Sitzbänke bilden die verschiedenen Rangclassen der Plätze.

Die Bühne und der Zuschauerraum sind vollständig gedeckt, sodaß man gegen Sonne und Regen geschützt ist, ein entschiedener Vorzug vor der Anlage des Oberammergauer Theaters. Vor der Mittelbühne ist ein geräumiges Proscenium angelegt, an dessen beiden Seiten die Häuser des Pilatus und des Hohen Priesters sich finden. Um Licht auf die Bühne zu bringen, hat man das Dach über dem Proscenium erhöht und mit Glas gedeckt. Zu beiden Seiten der Mittelbühne laufen Seitengassen aus, deren Wände entsprechend bemalt sind. Der innere Vorhang enthält ein perspectivisches Gemälde der Stadt Jerusalem und bildet den geeignetsten Hintergrund der Vorbühne, auf welcher gespielt und gesungen wird, während gleichzeitig hinter demselben das Stellen der lebenden Bilder, die Verwandlung der Decorationen für die nächste Vorstellung vom Publicum ungesehen vorgenommen werden kann.

Der äußere Vorhang stellte 1868 nach L. Steub’s Schilderung „das Dorf Brixlegg mit seiner Kirche, dem Herrenhause und anderen namhaften Gebäuden, den Hüttenwerken, dem Bahnhof und zwei dampfenden Zügen, sowie die gesammte Berglandschaft wahrheitsgetreu vor Augen.“ Er bittet um milde Beurtheilung desselben, da Anton Windhager, damals Gehülfe im nahen Bade Mehren, ihn umsonst gemalt habe. Die übrigen Decorationen stammten damals von Franz Staudacher, Tischlermeister und Maler zu Rattenberg, her.

Jene erste Aufführung hatte die Finanzen der Gesellschaft in den Stand gesetzt, für die Aufführung von 1873 nicht nur das Theatergebäude zu erweitern und zu verbessern, sondern auch namentlich für Decorationen und Costüme bedeutende Summen zu verwenden. So sind die Decorationen von einem der gesuchtesten Theatermaler Tirols, Joseph Bartinger in Innsbruck, gefertigt, und die prachtvollen Costüme, ganz wie in Ammergau nach den Gemälden Albrecht Dürer’s ausgeführt, hat man von Fumagalli in Innsbruck für viertausend Gulden angekauft. Bei dieser Gelegenheit mag gleich bemerkt werden, daß die Verwaltung des Theaters in den Händen eines Comités liegt. Die Proben leitet ein schlichter Bauersmann Andrä Obinger.[1] Musik und Chor dirigirt ebenfalls ein Dilettant, Dr. Leiter, ein Beamter bei der Servitutenablösungscommission aus dem nahen Rattenberg. Aller fünf Jahre sollen Passionsspiele veranstaltet werden; für 1873 hatte man alle Montage der Monate Juni, Juli, August und September festgesetzt und das Spiel begann Vormittags halb zehn Uhr und dauerte, durch eine anderthalbstündige Pause unterbrochen, bis Nachmittags fünf Uhr. Derartigen Anordnungen ist, wenn sie sich einmal bewährt haben, ihr Bestand auch für die künftigen Zeiten gesichert.

Was nun Text und Musik zum Passionsspiel betrifft, so ist Beides in Oberammergau für dreihundert Gulden angekauft worden.[WS 1] Es hat mir aber geschienen, als ob ersterer an Schwung der Sprache und Adel des Ausdrucks dem zu Oberammergau bedeutend nachstehe. Entweder haben die Ammergauer den Concurrenten in Brixlegg ihren Text nicht in seiner letzten vollkommenen Gestaltung abgetreten oder die Brixlegger Acteurs haben ihn für sich mundrecht gemacht. Denn derartige landläufige Ausdrücke, wie sie Pilatus den Juden gegenüber gebraucht: „Nun, so geht und laßt mich in Zukunft ungeschoren!“ kamen in Ammergau nicht vor. Ebenso hatte man in Ammergau störende sprachliche Incorrectheiten, wie Verwechselung der Casus, schlechte Aussprache der Vocale, worin besonders der Chorführer etwas [502] leistete, starkes Hervortreten des Dialektes etc., nicht zu bemerken Gelegenheit. – Der musikalische Theil des Passionsspiels steht dem zu Ammergau würdig an der Seite, wenn er denselben nicht gar übertrifft. Der

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Schloß Matzen.
Nach der Natur aufgenommen von R. Püttner.

Gesang ist entschieden besser; er wird zum größten Theile von Innsbrucker Gesangskräften vorgetragen.

Das Passionsspiel zerfällt bekanntlich in drei große Aufzüge mit sechszehn Scenen oder „Vorstellungen“ – und jede Vorstellung besteht aus drei vereinigten Theilen unseres modernen Bühnenwesens: sie ist Oper in den Arien, Duetten und Gesammtgesängen des Chors; sie ist Schauspiel in den gesprochenen Scenen der eigentlichen Handlung; und sie ist, sozusagen, reine Mimik in den zwischen die Vorträge des Chors und die dramatischen Scenen eingeflochtenen lebenden Bildern aus der Geschichte des alten Testaments, welche deshalb angebracht sind, um deren inneren allegorischen und prophetischen Zusammenhang mit der Passion zu zeigen. Eine ausführliche Schilderung des Passionsspiels, nach einer Oberammergauer Aufführung, hat Herman Schmid in Nr. 34 und 35 der Gartenlaube von 1860 mitgetheilt.

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Brixlegg
vom Bahnhof aus gesehen.
Nach der Natur aufgenommen von R. Püttner.

Nachdem die Ouverture beendet und der äußere Vorhang aufgezogen ist, so daß wir die zweite Gardine mit dem Bilde von Jerusalem, welche das Proscenium abschließt, vor uns haben, treten von beiden Seiten die entsprechend costümirten Schutzgeister hervor; in der Mitte derselben erscheint der Chorführer oder Prologsprecher, welcher declamatorisch das jeder Vorstellung vorhergehende, den alttestamentlichen Typus zu derselben bietende lebende Bild erklärt, worauf die Schutzgeister in Solo- und Chorgesängen diese Erklärung fortführen und beenden. In der Regel hebt sich schon am Ende der Declamation des Chorführers der Vorhang der eigentlichen Bühne, auf welcher die lebenden Bilder gestellt sind, weshalb dann die singenden Schutzgeister, um die Aussicht [503] auf die Bühne nicht zu beeinträchtigen, sich zu beiden Seiten der geöffneten Bühne aufstellen; nach Beendigung ihres Gesanges und vor dem Beginne der Handlung selbst gehen sie zu beiden Seiten ab.

Die Zahl der singenden Schutzgeister in Brixlegg ist zwölf. Die lebenden Bilder unterscheiden sich von denjenigen, welche man gewöhnlich

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Rattenberg am Inn.
Nach der Natur aufgenommen von R. Püttner.

sieht und wie man sie auch in Ammergau fand, dadurch, daß einzelne Personen sich marionettenartig bewegen und so dem Bilde größere Deutlichkeit und mehr Leben geben. So wird z. B. bei dem Vorbilde zum Verrathe des Judas „der Verkauf des Joseph durch die Brüder“ vollständig mimisch dargestellt. Joseph wird zunächst aus der Grube herausgezogen, hierauf von den mittlerweile kommenden Kaufleuten betrachtet und, nachdem Juda durch Handschlag den Handel abgeschlossen und ein anderer Bruder das Kaufgeld in Empfang genommen hat, abgeführt. Bei dem Typus auf den Tod Christi, „der Brudermord des Kain“, knieen zunächst beide Brüder betend vor ihren Altären, von denen der Rauch aufsteigt; hierauf springt Kain auf und schlägt seinen Bruder todt. Diese Art der Darstellung lebender Bilder ist wahrscheinlich aus den weltlichen Komödien herübergenommen, bei welchen jedesmal der ganze nachfolgende Act von denselben Personen, die auch bei der wirklichen Handlung auftreten, mimisch vorgeführt wird.

Was die einzelnen Rollen anlangt, so ist die Judasrolle die schwierigste. Sie ist, da dem Judas in der Bibel wenig Worte

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Blick auf Rattenberg von der Veste aus.
Nach der Natur aufgenommen von R. Püttner.

in den Mund gelegt werden frei bearbeitet und psychologisch fein angelegt. Judas wird durch den Geiz ganz gegen sein besseres Ich dem Meister Schritt für Schritt entfremdet, bis er endlich den Verrath selbst ausführt. Er zeigt seinen Geiz zuerst bei der Salbung Jesu durch Magdalena; später tritt er allein auf und entwickelt in einem Monolog, daß, da Christus, wie sich immer mehr zeige, doch kein irdischer König werde, der ihm eine gute Versorgung für sein Alter verschaffen könne, er doch am besten thue, ehe noch der Haß der Juden auch die Jünger treffe, sich zurückzuziehen. Ein Mitglied des hohen Raths bringt ihn dann unter Versprechung glänzender Aussichten in die Zukunft und durch das Versprechen der dreißig Silberlinge zum Entschlusse des Verraths, den Judas unter der Bedingung zusagt, daß man Christo nicht an’s Leben gehe. Er wird hierauf in die Versammlung des hohen Raths geführt, wo er mit sichtlicher Hast das Geld in Empfang nimmt. Später erscheint er noch beim Abendmahl, sodann am Garten Gethsemane, wo er Christum den Feinden überliefert. Nachdem Christus zum Tode verurtheilt ist, tritt bei Judas die Reue ein. Das Geld, nach dem vorher sein ganzes Streben ging, verursacht ihm die größte Qual; er stürzt mit demselben herein in die Versammlung des hohen Raths und wirft es hin mit den Worten: „Da nehmt das verfluchte Geld zurück und gebt ihn los!“ Später tritt er nochmals allein im Zustande der Verzweiflung in einer wüsten Felsengegend auf und spricht einen ergreifenden Monolog. Schließlich will er, nachdem er den Tag seiner Geburt verwünscht, an einem auf der Landschaft stehenden Baume seinem „verfluchten Leben“ ein Ende machen. Da fällt der Vorhang.

Die Judasrolle ist gut besetzt in der Person des Wachtmeisters vom Hüttenamt zu Brixlegg, Anton Unterberger; besonders ist seine Mimik eine ganz vorzügliche. Sein Costüm ist gelbroth, ebenso Bart und Haar, und giebt seiner Erscheinung schon insofern etwas Abstoßendes.

Nicht minder gut wird die Christusrolle von einem Schauspieler Georg Bachmeier, angeblich aus Freising, gespielt, der auch völlig dialektfrei spricht. Der Text für seine Rolle ist größtentheils biblisch; übrigens strengt die Christusrolle physisch [504] am meisten an. Die Kreuztragung, die Kreuzigung, wobei Christus doch mindestens fünfzehn Minuten am Kreuze hängt, und die Abnahme vom Kreuze sind mit starker körperlicher Anstrengung verbunden.

Die Petrus- und Johannesrollen sind mit zwei Hüttenarbeitern aus Brixlegg, Johann Georg Huber und Johann Eger, besetzt; sie bieten wenig Erwähnenswerthes. Eine Art Mephistorolle spielt ein Mitglied des hohen Rathes, Moloch mit Namen, der, an Geist den übrigen Rathsmitgliedern weit überlegen, in der Versammlung die besten Rathschläge zum Untergange Christi zu geben weiß, der den Judas gewinnt, den Pöbel gegen Christum aufhetzt, Joseph von Arimathia und Nicodemus, die gegen das Todesurtheil sprechen, so weit bringt, daß sie die Rathsversammlung verlassen, der endlich Christus am empfindlichsten zu verspotten weiß. Auch diese Rolle ist gut besetzt.

Unter den Frauenrollen steht die der Maria obenan. Sie wird gespielt von Marie Gutveger, einer Müllerstochter aus Brixlegg, und hat nur Schmerzensscenen zur Darstellung zu bringen. Eine hübsche Erscheinung ist die Magdalena. Eine Rolle, welche man in Oberammergau bei der letzten Vorstellung weggelassen hat, die der heiligen Veronica, welche nach der Legende dem Herrn auf dem Kreuzeswege den Schweiß vom Gesichte abtrocknete und später auf ihrem Tuche das Bild des dornengekrönten Hauptes Christi erblickte, ist in Brixlegg beibehalten worden. Auf die übrigen Rollen einzugehen, würde zu weit führen.

Manche Vorstellungen werden, wie in Ammergau, mit Aufbietung eines zahlreichen Personals gegeben. Ich erinnere nur an den Einzug, die Gefangennahme Christi, die Verhöre vor den Hohenpriestern und dem Pilatus, den Kreuzesgang Christi, wobei Greise, Weiber und Kinder jeden Alters auftreten. Besonders anschaulich sind: die Austreibung der Wechsler und Taubenkrämer, wobei den Letzteren die Tauben von der Bühne aus fortfliegen, die in parlamentarischer Ordnung verlaufenden Verhandlungen des hohen Raths, das Passahmahl und die Fußwaschung, zu welcher letzteren, da dabei wenig gesprochen wird, der Brixlegger Dirigent eine besondere musikalische Einlage componirt hat, und die Kreuzigung, die freilich in ihrem ganzen Verlaufe, wie sie dargestellt wird, nach den Gesetzen der Aesthetik nicht auf die Bühne kommen dürfte.

Bei einem Vergleiche der Brixlegger Passionsspiele mit denen zu Ammergau ergiebt sich das Resultat, daß erstere diesen noch nicht ganz ebenbürtig sind. Die Haltung der Spieler in Ammergau ist noch eine würdigere, das Zusammenspiel ein präciseres, die Auffassung der Rollen bei allen Spielen eine tiefere und innigere. Damit soll aber nicht gesagt sein, daß das Brixlegger Passionsspiel deshalb noch gar nicht sehenswerth sei. Derjenige Besucher, der eine derartige Bühnenleistung noch nicht zu sehen Gelegenheit hatte, wird sicher ganz befriedigt das Theater zu Brixlegg verlassen. Nur muß er bei Anlegung des kritischen Maßstabes immer bedenken, daß die Spieler größtentheils Bauern sind und Kunstleistungen zur Darstellung bringen, die ihrer Entstehung nach dem Mittelalter angehören, die aber gerade deshalb mit dem gegenwärtigen Volksleben in Tirol in vollem Einklange stehen.[2]

Bernhard Heinzig.




Epische Briefe.[3]


Von Wilhelm Jordan.
I.


An Sie zunächst sind diese Briefe gerichtet, meine verehrten Zuhörer, die Sie während zwölf Jahren in hundertundeinunddreißig Städten den Rhapsodieen aus meinem Doppel-Epos von den Nibelungen, „Sigfridssage“ und „Hildebrant’s Heimkehr“ gelauscht haben. Viele von Ihnen werden sich erinnern, so Manches, was sie hier gedruckt finden, schon gehört zu haben. Denn überall ward ich ausgefragt nach den Quellen der Sage, die ich benutzt, nach den echten Resten unseres altheidnischen Epos, nach dem Verhältniß meiner Dichtung zum Nibelungenliede des Mittelalters, nach der Entstehung dieses letzteren, nach dem Wesen und Ursprunge des Epos überhaupt. Meinen gesprächsweise gegebenen Antworten folgte dann nicht selten die Aufforderung, diese Fragen aus der Wissenschaft der Poesie auch in öffentlichem Vortrage zu behandeln.

Eben diese in vielen Städten zwischen meine poetischen Recitationen eingeschalteten Prosavorträge will ich nun in etwas erweiterter Gestalt und so schlicht und faßlich, wie es der Gegenstand irgend erlaubt, vor Ihnen Allen zugleich wiederholen.

Hierzu habe ich mir die einzige auf Erden vorhandene Rednerbühne ausgebeten, die es mir möglich macht, auch ohne jahrelang wiederholte Reisen wieder vernommen zu werden bei allen Deutschen von der Düna und Newa bis jenseits des Rheins, von der Kieler Bucht bis an das Adriatische Meer, von den Berner Alpen bis zur Themse und dem Essenwalde Manchesters, und drüben, jenseits des Oceans vom Michigansee bis zum mexicanischen Meerbusen, vom Hudson und Schuylkill bis zum goldenen Thore der Bai von San Francisco. Denn an allen diesen Orten habe ich die Gartenlaube, das deutsche Weltblatt, dem zur Zeit keine andere Nation ein ähnliches an die Seite zu stellen hat, fast gleichmäßig verbreitet gefunden.

Es ist eine mit Wehmuth vermischte Beigabe meines schönen Berufs, von so manchem theuer und unvergeßlich gewordenen Anhänger und Gastfreund auf Nimmerwiedersehen zu scheiden. Diesen über die halbe Erde zerstreuten lieben Freunden und Ihnen allen, meine verehrten Zuhörer, zuvor meinen herzlichsten Dank und Gruß durch dieses Blatt – und nun zur Sache.




In meinen Rhapsodieen war ich bestrebt gewesen, Ihrer Einbildungskraft Schauplätze, Personen und Handlungen zu vergegenwärtigen, Ihr Ohr zu gewinnen durch Sprachmusik, Ihr Herz zu bewegen durch Mitleid, Furcht und Hoffnung.

Hier will ich verzichten auf dieses Poetenrecht und mich im schlichten Lehrton an Ihren Verstand wenden. Statt Ihnen das Epos selbst zum Genuß zu bieten, nehme ich in diesen Briefen Ihre Aufmerksamkeit in Anspruch für dessen Geschichte. Nicht das fertige Kunstwerk, sondern die Vorbedingungen der Kunst, durch welche es zu Stande kommt, sollen Sie beschäftigen.

Diese Umkehrung meiner Aufgabe erinnert mich an eine vor vielen Jahren in Düsseldorf erlebte Scene. Mit einer noch jugendlichen Freundin hatte ich in der dortigen Gemäldeausstellung eben ein großes neues Bild betrachtet. Als wir fortgingen, sagte mir die junge Dame:

„Es ist mir unbegreiflich, wie man eine solche Menge von Gestalten aus seiner Phantasie heraufbeschwören kann. Vollends Zauberwerk dünkt es mir, daß der Maler die Erscheinungen seines Innern mit solcher Genauigkeit sieht, daß er sie mittelst einigen Farbstoffes zu umkleiden vermag mit dem Scheine handgreiflicher Wirklichkeit.“

Einiges Wunder,“ gab ich zur Antwort, „ist wirklich im Spiel. Was in jedem Kunstwerke nur angeborenes Talent hinzuthun kann, das läßt sich eben so wenig erschöpfend erklären, wie methodisch nachahmen. Aber einen anderen und nicht geringen Theil jener Zauberei kann ich Ihnen begreiflich machen. Begleiten Sie mich zu einem solchen Hexenmeister!“

Wir traten in das Atelier Tidemand’s, des berühmten norwegischen Meisters. Auf seiner Staffelei stand ein großes [505] Bild, nahezu vollendet. Den Mittelpunkt einer gestaltenreichen und dramatisch bewegten Gruppe bildete darauf ein schwer verwundeter Mann, der von anderen getragen wurde.

Anfangs waren die Blicke meiner Begleiterin nur von diesem Gemälde gefesselt. Dann aber schaute sie umher – und nun malte sich in ihren Zügen in rascher Folge Entsetzen, Aerger, Enttäuschung, und bald umspielte ihre feinen Lippen ein Lächeln der Verachtung.

Denn hier erblickte sie menschliche Gliedmaßen und Körpertheile von Gyps, dort Puppen und Gestelle, behangen mit allerlei Zierrath und Gewandung von den ärmlichsten bis zu den reichsten Stoffen; hier aufgeschlagene Costümbücher, dort schauderhaft getreue anatomische Zeichnungen der Musculatur und Knochenstellung von Armen und Beinen, Schultern und Hüften; hier einen hölzernen Gliedermann, welcher an Schnüren von der Zimmerdecke herabhing, genau in derselben Haltung wie der verwundete Mann auf dem Bilde und bis auf den letzten Faden übereinstimmend gekleidet, wie er dort gemalt war; dort endlich das für sie Allerentsetzlichste: ein auf den Maler wartendes lebendiges Modell, ein Frauenzimmer, in gleicher Tracht wie die weibliche Hauptfigur des Gemäldes und dieser frappant ähnlich, so gut es der Meister auch verstanden hatte, ihren etwas gewöhnlichen Gesichtsausdruck hochtragisch zu veredeln.

„O, hätten Sie mir das nicht angethan!“ rief meine Begleiterin. „Meine schönste Illusion, meinen Glauben an die schöpferische Macht des Genius, haben Sie mir unbarmherzig vernichtet. Die göttliche Kunst haben Sie mir aufgelöst in mühselige Menschenarbeit, welche mit kleinlichem Ameisenfleiße von Plunder- und Kehrichthaufen Schalenbröckchen zusammenträgt, um sie aneinander zu leimen und uns damit vorzulügen, daß der Mensch aus sich heraus die Natur verschönert wiedergebären könne.“

Was meinen Sie, verehrter Freund? Hatte ich wirklich unrecht gethan, meine junge Freundin einzuführen in die Werkstatt des Meisters? Hatte sie etwas wirklich Werthvolles verloren an ihrer Illusion? Ist ihr die Malerei für immer verleidet, der Maler für immer herabgedrückt geblieben zum bloßen Sammler und Abschreiber, seit ihm der Nimbus eines Hexenmeisters vom Kopfe verschwunden war?

Im Gegentheil, sie ist seitdem längst genesen zu einer ungleich würdigeren, wenn auch minder überschwänglichen Vorstellung von seiner Kunst. Sie weiß nun, daß das Bilden aus ewig vorhandenem Stoffe und mit ewig vererbten Kräften, offenbar wie das Sonnenlicht und dennoch wie dieses auf tiefstem Grunde ein göttliches Geheimniß, ein weit höheres und edleres Wunder ist, als die geträumte stofflos waltende Magie. Er hat nichts bei ihr eingebüßt, als das werthlose Staunen des Aberglaubens an eine mittellose Schöpfung aus Nichts.

Unter ganz derselben Illusion hatte unsere Poesie so sehr und so lange gelitten, daß sie ihrem Untergange nahe gekommen war. Beinahe zur Fabel war es ihr geworden, daß auch von ihren Aufgaben die höchste darin bestehe, durch die Gesammtheit der ihr eigenthümlichen Mittel Bilder und Gestalten zu wirken, wie Malerei und Sculptur, nur freilich, im Unterschiede von diesen beiden, durchaus nur bewegte Bilder und Gestalten. So hatte sie es verlernt, auch eine bildende Kunst zu sein, und zwar die bildende Kunst für die Einbildungskraft des Hörers.

Nur noch die Musik war auch theilweise hineingerathen in eine ähnliche Lage durch die rückenmarkzehrende Fortepianokrankheit, durch die beinahe siegreiche Verbreitung des albernen Wahnes, daß man kaum vollgültigen Anspruch habe auf den Namen eines gebildeten Menschen, wenn man nicht einige Clavierfähigkeit besitze, daß man dafür aber durch Clavierspiel auch schon ein Musiker sei.

Alle übrigen Künste sind gegen die Dichtkunst dadurch in entschiedenem Vortheile, daß Niemand auch nur ihre Schwelle betreten kann, ohne in eigener Vorschule bedeutende Schwierigkeiten überwinden gelernt und eine Reihe vorbereitender Stufen überstiegen zu haben. In ihrer nur mühsam und in vielen Lehrlingsjahren zu erwerbenden Technik besitzen Baukunst, Bildhauerkunst und Malerei eine heilsam abschreckende Schutzwehr gegen Dasjenige, was keine Kunst erdulden kann, ohne ihren Zwecken entfremdet und tief erniedrigt zu werden: gegen den verderblichen Andrang der Dilettanten und Pfuscher. Jeder halbwegs Vernünftige begreift, daß man Architekt, Bildhauer, Maler entweder ganz oder gar nicht sein müsse. Eines der drei nur nebenbei sein zu wollen, hat etwas unmittelbar Lächerliches.

Die Dichtkunst hingegen hat das Unglück, daß die überwältigende Mehrzahl ihrer Jünger aus Nebenbeipoeten besteht.

Das Darstellungsmaterial der Dichtkunst ist die Sprache. Jeder besitzt sie, wenn auch in sehr verschiedenem Umfange, da man bekanntlich mit etwa fünfhundert Wörtern ausreicht für das gewöhnliche Lebensbedürfniß, ja das Gesammtlexikon der meisten Menschen eine noch geringere Zahl enthält, während Goethe über zehntausend, Shakespeare über fünfzehntausend gebraucht hat.

Jeder Gebildete hat die Sprache verwenden gelernt zu Aufgaben, welche denen der Poesie nahe kommen und zuweilen wirklich in ihr Gebiet eintreten. Man darf sogar behaupten, es sei nicht möglich zu reden ohne einige Poesie. Seit große Dichter die Sprache in ihrer höchsten Ausbildung weiten Kreisen geläufig gemacht, sind sogar die Anfangsgründe poetischer Technik fast Gemeingut geworden. Die Zahl Derer, welche insofern wirklich schon Dichter sind, als sie eine Empfindung in passenden Worten auszudrücken, ein Erlebniß verständlich zu erzählen wissen, ist seitdem freilich angeschwollen zur Legion. Wo jedoch jenseits dieser umstürmten Schwelle des äußern Vorhofs der wirkliche Tempel und wo sein Allerheiligstes beginne, welche Bedingungen die Poesie zu erfüllen habe, um auch für sich den Namen einer Kunst zu verdienen, woher allein sie den Gehalt schöpfen könne, um ihr fast eingebüßtes heiliges Erbamt wieder mit Würde und Erfolg zu bekleiden: das war fast in Vergessenheit gerathen. Die Stimmen der Wenigen, die es noch wußten, wurden überschrieen vom lärmenden Schwarm, der sich einbildete, ihm habe der Zuruf Uhland’s gegolten:

Singe, wem Gesang gegeben,
In dem deutschen Dichterwald,

was denn alsbald sämmtliche Raben und Papageien mit ihrem Concert zu befolgen sich berufen fühlten. Man vergaß, daß mit dem Steigen des allgemeinen Niveaus der Sprachgeläufigkeit die Linie, wo die Sprach-Kunst beginnt, dreifach höher emporgerückt und neunfach schwerer erreichbar geworden. Denn zur Sprachfertigkeit auch des Gebildeten hat sich jederzeit die Sprachgewalt des Dichters zu verhalten wie etwa zu der Geschicklichkeit, eine Lithographie sauber anzustreichen aus bereitstehendem Tuschkasten, die Farbenallmacht eines [[Lessing und Achenbach, wie zu der Fingergewandtheit, welche – um mit Shakespeare zu reden – nach Tisch ein Männchen zu kneten versteht aus Käserinde oder einen gabelförmigen Rettig menschenähnlich zu schnitzen, die Gestaltungskraft eines Thorwaldsen, oder die Meißelführung, mit der ein Dannecker entzückende Schönheit athmen läßt aus der dem Beschauer zugekehrten Fußsohle seiner Ariadne.

In gerechtem Unmuthe über die Blindheit, die hingebende Arbeit des ewig ringenden Künstlers nicht sehen zu wollen, die bedeutendsten Dichterleistungen einer mühelosen Zauberkraft zuzuschreiben und diese für das alleinige Wesen des Genies zu halten, hat einer unserer Großen ausgerufen: „Genie und immer nur Genie! Was ist Genie? Genie ist Fleiß!“

Es war das freilich ein Irrthum, aber als solcher in seinem Munde liebenswürdiger und ergreifender als die unanfechtbarsten und schönsten Weisheitssprüche, ein Irrthum naiven und selbstverleugnenden Verkennens jener angeborenen Sicherheit, welche dem Fleiße des Genies stets die Richtung giebt auf die erhabensten Ziele der Kunst und des Zeitalters. Es war von einer einfachen, aber fast vergessenen Wahrheit die losgerissene und dadurch falschgewordene Hälfte. Denn ohne das angeborene Auge, welches keine Erscheinung anders erblicken kann, als sub specie aeterni, als Abspiegelung und Gestaltung des Ewigen, wird auch der riesigste Fleiß mit seiner Kärrnerarbeit nichts zusammenbringen als bestenfalls Haufen von Steinen und Kies für künftig einmal bauende Könige.

An allen großen Dichtern ohne Ausnahme zeigt es die Geschichte der Poesie, daß nur die Zusammenfassung alles Höchsten und Besten im Streben und den Kenntnissen bedeutender Zeitalter, verbunden mit der Verarbeitung eines massenhaften Stoffes durch riesigen Fleiß, dichterische Leistungen von dauerndem Werthe möglich macht. Was also forderte unser Zeitalter der herrschenden [506] auf das gesammte Leben angewendeten Wissenschaft von seinen Poeten? Die Poesie der wissenschaftlichen Erkenntniß. Um euern Vorgängern mit Aussicht nachzueifern, das rief es ihnen zu, müßt ihr vertraut sein, wo möglich auch mit der Methode, zum wenigsten aber mit den Ergebnissen jeder Wissenschaft, nicht um selbst etwas zu leisten in den einzelnen Fächern, sondern um die hellsten Strahlen des wahren Zeitbewußtseins in einem Brennpunkte zu vereinigen, und damit eure poetischen Bilder zu entzünden, um Vergleiche, Anschauungen, enthüllte Geheimnisse und Gesetze des Lebens und der Natur aus allen Gebieten herbeizuziehn, um überblicksweise mehr zu wissen von Allem als jeder Andere und so mit Sicherheit den Zukunftspunkt des Horizontes anzuzeigen, nach welchem die Nation zu steuern, das Ideal zu offenbaren, das sie im Laufe der kommenden Geschlechter zu erfüllen habe.

Gleichwohl war für diejenige Poesie, von der allein hier die Rede ist, für die Sprachkunst, welche sich zu ihrer Darstellung des Verses bedient, so ziemlich das Gegentheil zur herrschenden Meinung geworden. Sie bewegte sich fast ausschließlich auf dem ihr und der Musik gemeinsamen Grenzgebiete der Lyrik. Es war dahin gekommen, daß Poeten die jenen Forderungen zu genügen trachteten, den Verdacht erweckten, keine geborenen Dichter zu sein, weil sie es nicht unternahmen, mittellos aus leerem Genie ein Weltbild zu entwerfen.

Ein Abendgang im säuselnden Haine, bei sinkender Sonne oder Mondbeleuchtung, ein stilles Kämmerchen, ein Blatt Papier nebst Feder und Tinte und allereigenste Eingebungen und Empfindungen: das waren nach herrschendem Begriffe die Requisiten der Poesie. In unserer gewaltigen Epoche des durch wissenschaftliche Erkenntniß triumphirenden Menschengeistes war sie ausgeartet zu einem tändelnden Spiele mit liebenswürdigen Kleinigkeiten. Es war ihr fast schon mythisch geworden, daß auch sie, wie jede andere Kunst, die ungetheilte Kraft, den angestrengten Fleiß eines Lebens für sich allein verlange; daß sie nicht minder als Architectur, Malerei, Sculptur und Musik eine mühselige Technik, eine Schule des Handwerks erfordere und eben deshalb gleich nothwendig wie diese Künste als alleiniger Lebensberuf zugleich ein Gewerbe sein müsse.

Um nun auch in Betreff der Poesie jene falsche und verderbliche Illusion von der aus Nichts schaffenden Wunderthätigkeit des bloßen Genies ausrotten zu helfen, will ich Sie einige Blicke thun lassen in die Werkstatt des Epos.




Blätter und Blüthen.


Opiumhandel und Opiumindustrie. Nicht allein dem Laien, auch Demjenigen, der mit den Dimensionen des Großhandels etwas näher bekannt ist, fehlt häufig der Maßstab für die Bedeutung des Opiumhandels und der Opiumindustrie. Unser Wissen beschränkt sich der Hauptsache nach auf die Thatsache, daß die Orientalen, namentlich die Chinesen, abscheuliche Opiumesser sind, daß selbst das Prügeln mit Bambusstöcken, ja sogar die Todesstrafe diesem Laster keinen Einhalt zu thun vermögen, daß das sittenstrenge, fromme England, die Heimath der Bibelgesellschaften, China wegen seines Opiumhandels im Jahre 1840 bekriegte und daß es gegenwärtig jährlich nahezu für zehn Millionen Pfund Sterling von diesem Gifte an die Chinesen verkauft. Handelt es sich jedoch um diejenigen Quantitäten, welche bei uns verbraucht werden, so fehlen uns die Anhaltspunkte für eine Schätzung, denn es sind scheinbar ungemein kleine Mengen, um die es sich hier handelt. Im Großhandel erreicht der Opiumverbrauch jedoch ungeheure Dimensionen, namentlich seitdem die Medicin mit Vorliebe das Opium und seine Fabrikate verwendet.

Es läßt sich annehmen, und wir greifen unsere Zahl eher zu gering als zu hoch, daß auf dem europäischen Festlande mindestens sechstausend Centner Opium in einem Werthe von sechs Millionen Gulden allein zur Darstellung seiner Pflanzensalze (Alcaloide) verbraucht und daß mindestens ebenso viel zu anderen Arzneizwecken verwandt werden. Aus diesen Ziffern ersieht man die Bedeutung des Opiums für die moderne Medicin. Was würde heute Tabernämontanus sagen, der im sechszehnten Jahrhundert einst mit Entrüstung ausrief:

„Die Landstreicher und verzweifelte Juden haben diesen Saft beständig im Gebrauch und pflegen große Wunderzeichen damit auszurichten, dieweilen sie gar behend alle Schmerzen damit können stillen und widerlegen und ihnen selbst damit ein Ansehen bei dem gemeinen Mann geben. Vor solchen losen Aerzten will ich Jedermann gewarnt haben, daß er solche Leut’, so gar kein Gewissen haben, müßig gehe: denn sie gedenken nur die Schmerzen zu lindern, es gehe nachher wie es wolle.“

Die drei Hauptstapelplätze des continentalen Opiumhandels sind gegenwärtig die chemischen Fabriken von E. Merk in Darmstadt, Dubosc in Paris und F. Jobst in Stuttgart. Die erstere ist unstreitig die bedeutendste. Ihr Begründer ist der als der größte Opiumbrenner berühmte, 1860 verstorbene Heinrich Emanuel Merk. Er betrieb anfänglich die Morphiumfabrikation in einem kleinen Gartenhause und verarbeitete Quantitäten von nur wenigen Pfunden. Heute bedeckt die Fabrik den Raum eines ganzen Stadtviertels, und allein zum Zwecke der Morphiumdarstellung werden täglich fünf Centner Opium, etwa einen Werth von fünftausend Gulden repräsentirend, verarbeitet. Der Gesammtopiumconsum der Fabrik dürfte sich über zweitausend Centner belaufen. Ihr Waarenlager stellt einen Werth von mindestens einer Million Gulden dar, und noch weit höher beläuft sich wohl der Jahresumsatz. In Paris besitzt die Firma eine Filiale. Neben Deutschland sind es vorzugsweise die Schweiz, Italien, Belgien, die Niederlande und Rußland, wo die Fabrik ihre Präparate absetzt. Allein der Absatz nach Italien soll einen Werth von über hunderttausend Gulden repräsentiren.

Dieser überraschende Engros-Betrieb der Darstellung der Opiumpräparate ist besonders darum merkwürdig, weil auch hier durch das Beispiel gezeigt wird, wie jeder Geschäftsbetrieb erst dadurch, daß mit großen Massen gearbeitet wird, zu einem einträglichen wird. Bekanntlich verringern sich die auf das Product entfallenden Kosten in dem Maße, als die Masse des Materials zunimmt. Bei der Opiumindustrie tritt aber der Preis des Rohmaterials der Anwendung dieses für die meisten Zweige der chemischen Industrie geltenden Grundsatzes hindernd entgegen. Einmal sind von dem Opium sehr verschiedene Qualitäten im Handel und die theuereren, diejenigen, welche das meiste Morphium enthalten, sind die einträglicheren, und außerdem ist der Preis des Opiums überhaupt ein so hoher – der Centner kostet gegenwärtig circa tausend Gulden – daß es sich, will man günstige Handelsconjuncturen benützen, um Summen handelt, welche nur wenigen auserwählten Sterblichen zu Gebote stehen. Nur Actiengesellschaften können auf diesem Gebiete der Industrie noch prosperiren.

Bei der Merk’schen Fabrikation kommt noch besonders das Verdienst des Gründers der Fabrik hinzu, welcher eine Methode für die Darstellung der Opiumalcaloide gefunden hat, durch welche die einzelnen Pflanzensalze nicht allein auf das Vollständigste ausgeschieden werden können, sondern welche auch diejenigen Bestandtheile, welche keinen Handelswerth besitzen, auf die einfachste Art entfernt.

Das Opium enthält neben seinen Alcaloiden, dem Morphium, Mekonin, Thebain, Narcein und Codein, nämlich noch mehrere andere zu beseitigende organische Substanzen, namentlich Kautschuk, Gummi, Eiweiß und Porphyroxin, welche die Herstellung eines reinen Productes wesentlich erschweren können, und welche gerade durch die Merk’sche Methode rasch beseitigt werden.

Bei einem guten Opium erhält man aus fünf Centnern mindestens achtzehn Kilogramm Morphium, welche, das Pfund zu hundertsechsunddreißig bis hundertundvierzig Gulden gerechnet, einen Werth von etwas über fünftausend Gulden repräsentiren, fünfhundertzehn Gramm Codein im Werth von zweihundert Gulden, dreihundertsechszig Gramm Thebain im Werthe von siebenhundertzwanzig Gulden, ebensoviel Mekonin im gleichen Werthe, und endlich ergiebt sich eine Ausbeute von zweihundertfünfundachtzig Gramm Narcein im Werthe von fünfhundertsechszig Gulden, so daß sich bei der fabrikmäßigen Ausbeutung des Opiums ein aus Obigem leicht zu berechnender, ansehnlicher täglicher Gewinn ergiebt.

Alles das kömmt in den Handel und wird mit wahrhaft fabelhafter Schnelligkeit consumirt, so daß das, was die verschiedenen bestehenden Fabriken produciren, oft kaum ausreicht, um den Bedarf zu decken. Manchem erscheinen die Zahlen, um welche es sich im Großbetrieb handelt, ungeheuerlich. Es klingt unglaublich, wenn man hört, daß eine Londoner Firma wöchentlich zweitausend Säcke Weizenmehl zu jenen kleinen, unscheinbaren Biscuits verbraucht, welche bei den Damen als Dessert so beliebt sind. An dem Beispiele der Opiumalcaloide, von denen ein kleines Stäubchen bereits seine Wirkung auf den thierischen Organismus ausübt, glaube ich meinen Lesern gezeigt zu haben, zu welchen ungeheuren Ziffern auch die unscheinbarsten Quantitäten anwachsen, sobald es sich um den Bedarf ganzer Länder und Völker handelt.

F. D–ch.




Kleiner Briefkasten.

G. B. in R. Eine bildliche Darstellung des Kissinger Attentates würde bei der durch die Auflage bedingten zeitraubenden Herstellungsweise unseres Blattes den Lesern nur sehr verspätet und wahrscheinlich erst dann zu Gesicht kommen, wenn bereits eine Anzahl anderer illustrirter Zeitungen Abbildungen des traurigen Vorfalls gebracht haben würde. Wir gedenken daher ein solches Bild nur für den Fall zu publiciren, daß wir im Stande wären, etwas wirklich Authentisches zu bieten.

A. M. in Schw. Die Novelle „Sophie Dorothea“ (Gartenlaube, 1862, Nr. 36 ff.), welche, wie Sie richtig bemerken, von Arthur Müller, Rudolph Wellmann u. A. dramatisirt wurde, hat den bekannten Emil Mario Vacano zum Verfasser.

M. H. Ihr Manuscript kann nur dann retournirt werden, wenn Sie uns Ihre volle Adresse angeben.

F. Pf. Ihre Arbeit ist nicht zu verwenden. Das Concept steht zu Ihrer Verfügung. Auch auf Ihre Offerten bedauern wir nicht eingehen zu können.

Unbekannter Einsender in Inowraclaw wird wegen Rücksendung seines nicht zu verwendenden Manuscriptes um Angabe seiner Adresse gebeten.


Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. In demselben haben wir auch unsern „Bauerndramaturg im Hochgebirg“ vor uns, dessen Name in jenem Artikel ungenannt geblieben ist. Herr Obinger schreibt uns selbst, daß er 1870 aus Gefälligkeit die Führung und Besorgung der Laufpferde des Judenwirths übernommen und zwei und ein Viertel Jahr behalten, bis das Passionsspiel ihn ganz in Anspruch genommen. Director des dortigen Localtheaters sei er schon seit siebenundzwanzig Jahren.
    Anmerk. d. Red.
  2. In einem zweiten Artikel werden wir Brixlegg und seine nähere Umgebung schildern und damit die Erklärung von Stadt und Veste Rattenberg, Burg Matzen etc. verbinden.
    Anmerk. d. Red.
  3. Wir glauben unsere Leser auf die hiermit eröffnete Serie von „Epischen Briefen“ aus der Feder Wilhelm Jordan’s noch besonders aufmerksam machen zu müssen. Der durch seine Epen bekannte Rhapsode kommt durch die Veröffentlichung dieser Briefe einem Versprechen nach, welches er gelegentlich seiner Vorlesungen in Deutschland, Rußland, der Schweiz, England und Amerika auf vielfaches Ansuchen seiner Zuhörer wiederholt gegeben hat.
    D. Red.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. vergleiche die dazugehörige Berichtigung