Die Gartenlaube (1874)/Heft 39

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1874
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Inhaltsverzeichnis

[619]

No. 39.   1874.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich bis 2 Bogen.    Vierteljährlich 16 Ngr. – In Heften à 5 Ngr.



Gesprengte Fesseln.
Nachdruck verboten und
Uebersetzungsrecht vorbehalten.
Von E. Werner.


(Fortsetzung.)


Die leidenschaftliche Frau handelte in der That nicht nach Plan und Berechnung, als sie zu diesem letzten, äußersten Mittel griff, um ihre Rache zu kühlen. Ihr Erscheinen in dem Garten Erlau’s galt einzig der gehaßten Gegnerin. Sie fand Ella nicht, aber statt dessen fand sie den Knaben, allein, unbeaufsichtigt, und die Idee wie die Ausführung des Raubes waren das Werk eines Augenblickes. Das Kind folgte anfangs willig der schönen fremden Dame, die es schmeichelnd an sich zog, und als es ängstlich zu werden begann und nach seiner Mutter zurückverlangte, da war es bereits zu spät. Beatrice dachte gar nicht an die möglichen Folgen ihres Schrittes, als sie triumphirend ihre Beute entführte; sie fühlte nur, daß kein Dolchstoß das Herz Ella’s so tief und sicher treffen konnte als der Verlust ihres Kindes, und daß dieser Verlust eine ewig trennende Scheidewand zwischen den beiden Gatten aufrichtete. Das war es, was sie gewollt hatte. Jetzt aber galt es, sich den Raub zu sichern. Gianelli mußte zu der rasch in’s Werk gesetzten Flucht die Hand bieten.

Nun lag bereits mehr als eine Tagereise zwischen dem Kinde und seinen Eltern. Aber einmal mußte doch Halt gemacht werden, einmal mußte diese plan- und ziellose Flucht doch ein Ende nehmen. Die Rache war gelungen, weit über Erwarten – was nun?

Der kleine Reinhold schlief noch immer. Hätte er wenigstens die Züge seines Vaters getragen! Vielleicht hätte ihn das vor allem Bösen bewahrt, aber dieses goldblonde Haar, dieses rosige Antlitz und diese tiefblauen, im Augenblicke freilich geschlossenen Augen gehörten ja der Mutter an, der Frau, die Beatrice haßte, wie sie noch nie etwas auf der Welt gehaßt hatte, und diese Aehnlichkeit war eine furchtbare Gefahr für das schlummernde Kind. Die glühenden Augen seiner Begleiterin hafteten minutenlang starr auf seinem Gesichte, dann auf einmal zuckte sie zusammen, und wie vor ihren eigenen Gedanken erschreckend, riß sie das Auge los von dem Knaben und wandte sich ab.

Da erblickte sie oben auf der Höhe den Wagen, der dem ihrigen folgte. Ein Reisewagen war überhaupt eine Seltenheit auf diesem Wege, und er kam in der gleichen Richtung, kam in vollster Eile. Beatrice errieth sofort, um was es sich handelte. Also ihre Spur war bereits verrathen, und die Verfolger waren ihr auf den Fersen – mochten sie doch! Sie fühlte sich allmächtig, so lange sie das Kind in ihren Händen hatte.

Sich rasch erhebend, gab sie dem Kutscher Befehl, die Pferde zur größten Eile anzutreiben. Er gehorchte, und nun begann eine wilde Jagd zwischen den beiden Wagen. Mehr als einmal vermochten die kräftigen Thiere sie kaum zu halten, mehr als einmal drohte der Hemmschuh zu reißen und die Insassen dem Sturze preiszugeben. Keiner von ihnen achtete darauf, und das Versprechen eines überreichen Lohnes spornte auch die beiden Führer zur Verachtung der Gefahr an. Es war eine rasende, eine tollkühne Fahrt. Felsen und Schluchten schienen zu beiden Seiten vorüberzufliegen; immer höher stieg die Bergwand empor, je mehr sich die Straße senkte; immer näher brauste der Fluß herauf, doch das Viergespann war unleugbar im Vortheile. Die Wagen rollten jetzt beide im Thale dahin, aber der Raum zwischen ihnen wurde mit jeder Minute kleiner – noch einige hundert Schritte, und die Flüchtigen waren eingeholt.

Das erste Gefährt donnerte über die Brücke, die hier die beiden Ufer verband. Jenseit derselben hielt es auf einmal still. Beatrice hatte selbst den Befehl dazu gegeben; sie sah, daß hier kein Ausweichen, kein Entrinnen möglich war, daß sie auf das Aeußerste gefaßt sein mußte. Der Wagen hielt unmittelbar am Rande des Flusses, der reißend schnell dahinschoß; langsam öffnete Beatrice den Schlag, während sie mit der Linken den kleinen Reinhold umfaßte, der von der rasenden Fahrt erwacht war und jetzt ängstlich in die schäumenden, tosenden Wellen blickte, die dicht unter ihm dahinschossen. Er wußte ja nicht, wie nahe ihm die Eltern waren. Jetzt hatte auch der zweite Wagen die Brücke erreicht, und in dem Momente, wo Ella ihr Kind erblickte, war es vorbei mit Besinnung und Ueberlegung. Sie vergaß Reinhold’s Warnung, sich nicht zu zeigen, ihm den entscheidenden Schritt allein zu überlassen, und beugte sich weit aus dem Schlage.

„Reinhold!“ hallte es hinüber – es war ein Ruf unaussprechlicher, bebender Angst, Das Kind schrie auf, als es die Mutter erkannte, und streckte beide Arme nach ihr aus. Laut aufweinend wollte es hinüber zu ihr, aber dieses Wiedersehen wurde sein Verderben. Beatrice war leichenblaß geworden, als sie die Gatten nebeneinander erblickte. Also beisammen! Was sie trennen sollte, das gerade hatte sie vereinigt, und wenn Reinhold in der nächste Minute die Flüchtige erreichte und ihr seinen Sohn entriß, dann waren die Beiden vereinigt für immer, und der Verlassenen blieb nur die Verachtung – oder die Rache.

Aber die Wahl war bereits getroffen. Eine einzige blitzschnelle Bewegung nach dem Strome hin entschied Alles. Beatrice hatte das Kind nicht losgelassen, und mit der Kraft der Verzweiflung riß sie es mit sich hinunter in den Fluthentod. –

[620] Der entsetzlichen That folgte eine Scene unbeschreiblicher Verwirrung. Die Führer der beiden Wagen waren von ihren Sitzen herabgesprungen und liefen rathlos am Ufer hin und her; sie versuchten es gar nicht einmal, eine Hülfe zu bringen, die hier nur mit Aufopferung des eigenen Lebens möglich war. Ella stand auf der Brücke; sie hatte sich nachstürzen wollen, wo sie nicht retten konnte, aber es war bereits eine bessere Hülfe zur Stelle. Die junge Frau sah die Wellen hoch aufspritzen, in denen ihr Liebstes verschwand, sah, wie diese Wellen sich im nächsten Momente auch über dem Haupte ihres Gatten schlossen. Reinhold hatte sich unverzüglich seinem Kinde nachgeworfen, das sich im Sturze von Beatricen losgerissen hatte und das nun in einiger Entfernung auftauchte. Es folgten Minuten einer Qual, gegen die alles zuvor Erduldete doch nur ein Spiel war. Für Ella drängten sich Leben und Tod zusammen in diesen schäumenden, zischenden Wogen, mit denen die beiden Körper rangen, der eine hülflos, fast widerstandlos, der andere sich mächtig emporarbeitend zu dem einen Punkte, den er endlich, endlich erreichte. Der Vater erfaßte sein Kind, riß es an sich und strebte mit ihm vereinigt dem Ufer zu. Jetzt faßte er Fuß auf dem felsigen Grunde; jetzt ergriff er die überhangenden Felszacken, um sich daran zu halten, und nun gewann auch die Mutter Kraft und Bewegung zurück. Sie stürzte den Beiden entgegen. Langsam stieg Reinhold den Abhang empor. Seine Brust keuchte schwer von der furchtbaren Anstrengung; die Arme bluteten, verwundet von dem scharfen Gesteine, an dem er sich gehalten, aber diese Arme umfaßten seinen Knaben, den er seit Jahren zum ersten Male wieder an seine Brust schloß, und halb ohnmächtig zusammenbrechend, legte er das Kind in die Arme der Mutter.




„Also das soll wirklich und unwiderruflich ein Abschiedsbesuch sein?“ fragte der Consul Erlau den Capitain Almbach, der neben ihm saß. „Ihre Abreise kommt ja ganz plötzlich und unerwartet. Was wird Ihr Bruder, was Eleonore dazu sagen? Beide rechneten ganz bestimmt darauf, Sie noch einige Wochen hier zu behalten.“

Auf der sonst so heiteren Stirn Hugo’s lag heute ein Schatten, und in seinen Zügen stand ein fremder, bitterer Ausdruck, als er erwiderte: „Sie werden sich leicht genug in die Trennung finden. Reinhold wird in der steten Nähe von Weib und Kind meine Abwesenheit nicht fühlen, und Ella –“ er brach plötzlich ab. „Lassen Sie es gut sein, Herr Consul! Die Beiden haben viel zu viel mit sich selber und mit ihrem neuerworbenen Glücke zu thun, um nach mir zu fragen.“

„Ja wohl,“ stimmte Erlau bei, „und wer bei dieser Versöhnungsgeschichte am meisten verliert, das bin ich. Jahrelang habe ich Eleonore als mein Kind betrachtet, habe sie und den Kleinen als mein unbestreitbares Eigenthum angesehen und jetzt auf einmal macht der Herr Gemahl seine sogenannten Rechte geltend und nimmt sie mir Beide, ohne daß ich Einspruch dagegen erheben darf. Ich begreife Eleonore nicht, daß sie ihm so ohne Weiteres verziehen hat.“

„Nun, so ohne Weiteres geschah das wohl nicht,“ sagte Hugo ernst. „Er hat Widerstand genug gefunden, und ich glaube kaum, daß er ihn jemals überwunden haben würde ohne jene Katastrophe, die ihnen schließlich Beiden zu Hülfe kam. Er erkaufte sich die Versöhnung mit der Rettung seines Kindes. Ella wäre keine Gattin und keine Mutter gewesen, wenn sie sich auch da noch von ihm abgewendet hätte, als er ihr den Knaben unversehrt in die Arme legte. Der Augenblick sühnte Alles, und Sie wissen ja so gut wie ich, daß die Rettung des Kleinen dem Vater beinahe das Leben gekostet hat.“

„Nun ja, er konnte gar nichts Gescheidteres thun, als nach der Geschichte todkrank zu werden,“ grollte Erlau, der durchaus nicht in sehr versöhnlicher Stimmung zu sein schien. „Das war genug, um Eleonore sofort an seine Seite zu rufen, von der sie dann nicht wieder wegzubringen war, und er ließ sie wohlweislich auch nicht wieder von sich. Man kennt das schon. Gefahr und Angst, Pflege und Zärtlichkeiten ohne Ende! Sie verlangen doch nicht etwa gar, daß ich mich über die Versöhnungsgeschichte freuen soll? Ich wollte, wir hätten die Reise nach Italien unterlassen, dann hätte ich meine Eleonore behalten, und Herr Reinhold hätte sein genial romantisches Künstlerleben hier fortsetzen können. Mir wäre das vollkommen recht gewesen.“

„Sie sind ungerecht,“ sagte Hugo vorwurfsvoll.

„Und Sie verstimmt,“ ergänzte Erlau. „Ich begreife nicht, was mit Ihnen eigentlich vorgegangen ist, Herr Capitain. Ihr Bruder ist außer Gefahr, Ihre Schwägerin die Liebenswürdigkeit selbst; der Kleine hat sich mit vollster Zärtlichkeit an Sie angeschlossen, Ihnen aber scheint der Humor ganz und gar abhanden gekommen zu sein, seit bei uns hier Alles in Versöhnung und Liebe schwimmt. Sie spielen keinem Menschen einen Streich mehr, Sie ärgern Niemanden mehr mit Ihren Neckereien und Einfällen; kaum daß man noch hin und wieder ein Scherzwort von Ihnen hört. Ich fürchte, Ihnen steckt auch irgend etwas im Kopfe oder gar im Herzen.“

Hugo lachte laut, aber ein wenig gezwungen auf:

„Warum nicht gar! Ich halte es nur nicht aus, so lange auf dem festen Lande zu bleiben und meine See zu entbehren. Diese mondenlange Unthätigkeit peinigt mich. Gott sei Dank, daß sie endlich ein Ende nimmt! Morgen früh reise ich, und in wenigen Tagen bin ich wieder draußen auf den Wellen.“

„Nun, dann stieben wir ja recht hübsch nach allen Himmelsrichtungen auseinander,“ meinte der Consul, der noch immer nicht seiner Gereiztheit Herr zu werden vermochte. „Sie segeln nach Westindien, Ihr Bruder und Eleonore wollen gleichfalls fort; ich gehe nach H. zurück – eine allerliebste Einsamkeit, die mich dort zu Hause erwartet! Herr Reinhold hatte zwar die Gnade, mir zu versprechen, daß ich seine Frau und das Kind von Zeit zu Zeit sehen solle. Von Zeit zu Zeit! Als ob mir das genügen könnte, nachdem ich sie jahrelang jede Minute um mich gehabt habe. Freilich jetzt hat ja der Herr Gemahl und Vater darüber zu bestimmen; ich bin überzeugt, er läßt sie keine acht Tage von sich; er ist jetzt gerade so überschwenglich in der Zärtlichkeit, wie er es einst in der Rücksichtslosigkeit war.“

Es hatte fast den Anschein, als ob der Gegenstand des Gespräches dem Capitain peinlich sei, denn er brach es rasch ab, indem er sich erhob und sich von dem Consul verabschiedete, zwar herzlich, aber doch etwas kurz und hastig. Erlau sah ihn sichtlich ungern scheiden; denn so groß das Vorurtheil war, das er noch immer gegen Reinhold hegte, so entschieden war er für Hugo eingenommen, und wäre dieser der reuig Zurückkehrende gewesen, der Consul hätte die Versöhnung wohl mit günstigerem Auge angesehen, als er es jetzt that, wo jedes Gerechtigkeitsgefühl in dem Schmerze über die bevorstehende Trennung von seinem Lieblinge unterging. Es tröstete den alten Herrn nur wenig, daß er die wiedergewonnene Gesundheit mit nach Hause nahm; sein Haus kam ihm jetzt unendlich verödet vor, und er seufzte tief auf, als die Thür sich hinter seinem Gaste geschlossen hatte.

Hugo kehrte inzwischen in die Wohnung seines Bruders zurück, die er noch immer theilte. Sein Zimmer befand sich in Folge der Vorbereitungen zur Abreise bereits in der größten Unordnung. Er hatte Jonas befohlen, einzupacken und Alles für morgen früh vorzubereiten, und der Matrose war dieser Weisung auch zum Theil nachgekommen, denn die Koffer standen geöffnet auf dem Fußboden, und die Reise-Effecten lagen auf Tischen und Stühlen umher. Vom Packen aber schien vorläufig keine Rede zu sein, denn Jonas saß noch in vollster Gemüthsruhe auf dem Deckel des großen Reisekoffers und neben ihm die „kleine Annunziata“, die er sich vermuthlich zur Hülfe bei dem schwierigen Geschäft herbeigeholt hatte. Die Unterhaltung zwischen den Beiden war trotz der noch immer sehr mangelhaften deutschen Sprachkenntnisse der jungen Italienerin in vollem Gange, und dabei hatte Jonas ganz ungenirt den Arm um sie gelegt und war soeben im Begriff, ihr einen Kuß zu rauben, der nicht der erste zu sein schien und auch wohl nicht der letzte gewesen wäre, wenn das Erscheinen Hugo’s nicht der ferneren Vertraulichkeit ein Ende gemacht hätte.

Das Pärchen fuhr bei dem unvermutheten Oeffnen der Thür erschreckt in die Höhe. Annunziata faßte sich zuerst. Sie flüchtete mit einem leichten Aufschrei an dem Capitain vorüber in das Vorgemach, wo sie verschwand, und überließ ihrem Gefährten die Aufklärung der Situation. Jonas aber stand vor Schrecken starr und steif wie eine Bildsäule und sah, ohne sich zu rühren, seinen Herrn an, der jetzt vollends eintrat und die Thür hinter sich schloß.

„Heißt das die Koffer packen?“ fragte er. „Also so [621] weit bist Du nun glücklich mit Deinen Mitleids-Exercitien gekommen?“

Jonas seufzte tief auf. „Ja, Herr Capitain, ich bin so weit,“ versetzte er resignirt.

Das Geständniß wurde mit einer so unendlich komischen Zerknirschung gethan, daß Hugo mühsam ein Lächeln unterdrückte; dennoch sagte er mit ernster Miene:

„Jonas, ich habe nie geglaubt, daß ich dergleichen an Dir erleben würde. Es ist nur ein Glück, daß Du ein Mensch von Grundsätzen bist, die Dir nicht erlauben, aus solchen Thorheiten Ernst zu machen. Die Grundsätze über Alles! Unsere ‚Ellida‘ ist segelfertig; morgen reisen wir nach dem Hafen ab, und wenn wir aus Westindien zurückkehren, hast Du Dir die Liebesgeschichte aus dem Sinne geschlagen, und die Annunziata hat inzwischen einen Andern genommen –“

„Das wird sie bleiben lassen,“ fuhr Jonas wüthend auf. „Ich bringe mich um und sie dazu, wenn sie mir so etwas anthut.“

„Willst Du das Umbringen nicht auch auf mich ausdehnen?“ fragte Hugo kaltblütig. „Du scheinst mir ganz in der Laune dazu. Bis zum Küssen bist Du gekommen, das steht fest. Ich habe es mit diesen meinen Augen sehen müssen, wie der Matrose Wilhelm Jonas von der ‚Ellida‘ ein Frauenzimmer geküßt hat, und ich dächte, mit dieser haarsträubenden Thatsache wäre Alles zu Ende.

„Bewahre,“ sagte Jonas trotzig. „Damit fängt es erst an – jetzt kommt das Heirathen.“

„Heirathen willst Du auch noch?“ fragte der Capitain im Tone der tiefsten Empörung. „Ein Frauenzimmer willst Du heirathen? Aber so bedenke doch, Jonas, daß die Frauenzimmer an allem Schlimmen schuld sind, daß alles Unheil auf der ganzen Welt nur von ihnen stammt, daß der Mann nur Ruhe und Frieden hat, wenn er fern von ihnen ist, daß –“

„Herr Capitain,“ erwiderte ihm der Matrose, der gegen allen Respect seinem Herrn mitten in die Rede fiel, als er seine eigenen Worte aus dessen Munde vernahm. „Herr Capitain – ich war ein Dummkopf.“

„So? Deine Annunziata scheint Dir bereits einen hohen Grad von Selbsterkenntniß beigebracht zu haben, und das ist um so bewundernswerther, als die Sprache in Eurem Verkehre nur eine sehr untergeordnete Rolle spielt. Deine Auserkorene spricht das Deutsche noch herzlich schlecht, und Du hast vom Italienischen nicht viel mehr als ihren Namen begriffen. Freilich, ich habe ja vorhin gesehen, wie vortrefflich Ihr Euch zu helfen wißt. Eure Conjugation des ‚amare‘ war, wenn auch nicht gerade grammatikalisch richtig, doch äußerst verständlich.“

„Ja wohl, wir wissen uns zu helfen,“ sagte Jonas voll Selbstgefühl. „Wir verstehen uns überhaupt immer, und in der Hauptsache haben wir uns gleich verstanden. Ich habe sie gern, sie will mich, und wir heirathen einander.“

„Punctum!“ vollendete Hugo. „Und was wird unter so bewandten Umständen aus unserer Abreise?“

„Nach Westindien gehe ich noch mit, Herr Capitain,“ versicherte Jonas eifrig. „So über Hals und Kopf können wir doch nicht heirathen und meine Braut bleibt indeß bei der jungen Frau Almbach, die versprochen hat, für sie zu sorgen. Wenn ich aber zurückkomme, dann, meint Annunziata, müßte das Seefahren ein Ende nehmen. Sie meint, wenn sie einen Mann nähme, dann müßte er auch bei ihr bleiben und nicht jahrelang auf allen möglichen Meeren umhersegeln. Wir könnten ja irgendwo eine kleine Gastwirthschaft anlegen, dann wäre ich nicht so weit von der See entfernt und hätte immer noch Verkehr mit meinen Cameraden – meint Annunziata.“

„Deine Annunziata scheint sehr viel zu meinen,“ bemerkte der Capitain. „Und Du fügst Dich als bekehrter Weiberfeind und gehorsamer Bräutigam natürlich unbedingt dieser ‚Meinung‘ Deiner Zukünftigen. Für diese Fahrt also soll die ‚Ellida‘ noch die Ehre haben, Dich zu ihrer Besatzung zählen zu dürfen? Später hat sie sich einen andern Matrosen zu suchen und ich mir einen andern Diener?“

„Ja, später freilich,“ sagte Jonas kleinlaut. „Wenn nicht – wenn Sie nicht auch – Herr Capitain – Sie sollten doch lieber auch heirathen.“

„Bleib’ mir vom Leibe mit Deinen Vorschlägen!“ rief Hugo, ärgerlich auffahrend. „Ich dächte, es wäre vorläufig genug, daß Du unter den Pantoffel geräthst. Jetzt packe die Koffer und nimm Abschied von Deiner Annunziata! Denn morgen in aller Frühe geht es fort. Ich – habe auch noch Abschied zu nehmen.“

Die letzten Worte klangen so eigenthümlich gepreßt, daß Jonas verwundert aufschaute. Er wußte, daß es nicht die Art seines Herrn war, sich den Abschied irgendwo und irgendwie schwer zu machen, und doch hörte sich das an, als werde ihm das Lebewohl diesmal recht von Herzen schwer. Zum Glück befand sich der Matrose in der gleichen Lage; deshalb grübelte er nicht viel nach, sondern machte sich an das Einpacken, während Hugo nach den Zimmern hinüberging, die jetzt seine Schwägerin bewohnte. Einige Minuten stand er regungslos vor der geschlossenen Thür, als wage er es nicht einzutreten; dann auf einmal legte er wie mit einem plötzlichen Entschluß die Hand auf den Drücker und öffnete.

Ella saß am Schreibtisch. Sie war allein und im Begriff, einen soeben vollendeten Brief zu schließen, als ihr Schwager eintrat und sich ihr rasch näherte.

„Haben Sie sich in Deutschland angemeldet?“ fragte er, auf den Brief deutend, „Consul Erlau wird ganz H. aufrührerisch machen mit seiner Verzweiflung darüber, daß er ohne Sie und den Kleinen zurückkehren muß.“

Die junge Frau legte die Feder bei Seite und stand auf. „Es thut mir weh, daß der Onkel sich so unendlich schwer in die Trennung findet,“ entgegnete sie. „Ich habe bereits nach Kräften für einen Ersatz gesorgt und brieflich eine seiner Verwandten gebeten, meine Stelle in seinem Hause einzunehmen, da mich jetzt andere Pflichten rufen. Seinen Wunsch, mich nach H. zu begleiten und für die erste Zeit unsern Aufenthalt dort zu nehmen, konnte ich um Reinhold’s willen nicht erfüllen. Wir haben der dortigen Gesellschaft schon einmal Anlaß gegeben, sich eingehend mit uns zu beschäftigen; wenn wir jetzt zurückkehren, wäre der peinigenden Neugier und Theilnahme kein Ende, und Reinhold bedarf noch so sehr der Schonung. Er erträgt noch nicht die leiseste Hindeutung auf das Vergangene, ohne sich gefährlich aufzureizen. Wir müssen durchaus einen andern, ruhigern Aufenthalt suchen.“

„Jedenfalls ist es ein Glück, daß Sie ihn bestimmt haben, überhaupt nach Deutschland zurückzukehren,“ sagte Hugo. „Er ist der Heimath lange genug entfremdet gewesen, in seinem Leben wie in seinem künstlerischen Schaffen. Es ist Zeit, daß er endlich einmal wieder im Vaterlande Wurzel faßt.“

Ella lächelte. „Das predigen Sie ihm und mir täglich, und Sie selber sehnen sich doch wieder ruhelos in’s Weite? Gestehen Sie es nur, Hugo, Sie können den Tag Ihrer Abreise kaum erwarten, und es wird Ihnen schwer genug, die wenigen Wochen noch hier bei uns auszuhalten.“

„Die Schwierigkeit ist bereits gehoben,“ warf Hugo mit erkünstelter Unbefangenheit hin. „Ich reise schon morgen.“

„Morgen?“ rief Ella halb verwundert, halb erschreckt. „Aber Sie versprachen ja doch bis zu unserer eigenen Abreise hier zu bleiben.“

Der Capitain beugte sich tief über die auf dem Tische liegenden Papiere und Briefschaften, als suche er etwas darin.

„Das – hat sich inzwischen geändert. Ich habe Nachrichten von der ‚Ellida‘ erhalten, die mich sofort abrufen. Sie wissen ja, bei uns Seeleuten pflegt dergleichen schnell und unerwartet zu kommen. Ich wollte es Ihnen und Reinhold soeben mittheilen und Ihnen zugleich Lebewohl sagen, denn ich muß bereits in aller Frühe fort.“

Er hatte das Alles hastig hervorgestoßen, ohne aufzublicken. Die Augen der jungen Frau hafteten ernst und forschend auf seinem Antlitze.

„Hugo, das ist ein Vorwand,“ sagte sie bestimmt. „Sie haben keine Nachrichten erhalten, wenigstens keine so dringenden. Was ist geschehen? Warum wollen Sie fort?“

„Sie inquiriren mich ja wie ein Criminalrichter,“ scherzte Hugo mit einem Versuche, den Ton des alten Uebermuthes wiederzufinden. „Seien Sie vorsichtig, Ella! Sie haben es mit einem verstockten Sünder zu thun, der durchaus nichts eingestehen will.“

„Ich sehe aber doch, daß irgend etwas vorgefallen ist, das [622] Sie forttreibt,“ sagte Ella unruhig. „Und ich habe längst schon bemerkt, daß etwas zwischen uns getreten ist, das Sie Reinhold und mir mit jedem Tage mehr entfremdet. Seien Sie aufrichtig, Hugo! Was haben Sie gegen uns? Weshalb wollen Sie uns jetzt verlassen?“

Sie war ihm näher getreten und hatte bittend, aber in vollster Unbefangenheit ihre Hand auf seinen Arm gelegt. Auf dem Antlitze des Capitains lag eine tiefe Blässe, während er stumm zu Boden blickte; jetzt endlich hob er langsam das Auge.

„Weil ich es nicht länger aushalte,“ brach er plötzlich mit vollster Heftigkeit aus. „Ich habe Ihrer Versöhnung mit Reinhold so lange das Wort geredet, und nun sie da ist und ich das täglich und stündlich mit ansehen muß, nun fühle ich erst, wie wenig Talent zum Heiligen oder zum platonischen Schwärmer eigentlich in mir ist. Ich muß fort, wenn ich nicht zu Grunde gehen will. – Mein Gott, Ella, so sehen Sie mich doch nicht so an, als ob sich auf einmal ein Abgrund vor Ihnen aufthäte! Haben Sie denn wirklich keine Ahnung davon gehabt, wie es in mir aussieht, und was mich diese letzten Wochen an Ihrer Seite gekostet haben?“

Ella war schon bei den letzten Worten zurückgewichen, und ihr Erbleichen, der Ausdruck tödtlichen Schreckens in ihrem Gesichte gaben bereits die Antwort, noch ehe sie die Lippen zur Erwiderung öffnete.

„Nein, Hugo, davon hatte ich keine Ahnung,“ entgegnete sie mit bebender Stimme. „Ich glaubte im Anfange unseres Wiedersehens eine flüchtige Tändelei zurückweisen zu müssen. Daß es jemals Ernst bei Ihnen werden könnte, das habe ich nie für möglich gehalten.“

„Ich auch nicht,“ sagte Hugo dumpf, „Ich habe im Anfange auch geglaubt, ich könnte dieses Gefühl weglachen und wegspotten wie alles Andere, und nun ist es doch Ernst geworden, so bitterer Ernst, daß ich auf dem Wege war, den Bruder hassen zu lernen, der ganzen Welt zu grollen, daß mir die letzte Zeit hier zu einer Hölle wurde – vielleicht wird es da draußen auf der See besser, vielleicht auch nicht. Aber fort muß ich, je eher, je lieber.“

Es lag etwas so Wildes, Leidenschaftliches in den letzten Worten, und das ganze Wesen Hugo’s verrieth so deutlich die mühsam niedergehaltene innere Qual, daß die junge Frau nicht den Muth fand zu einer herben Erwiderung; sie wandte sich schweigend ab. – Nach einigen Minuten trat der Capitain wieder an ihre Seite.

„Wenden Sie sich nicht von mir, Ella, wie von einem Verbrecher!“ sagte er mit aufquellender Weichheit. „Ich gehe ja, vielleicht auf Nimmerwiederkehr, und die Stunde meines Geständnisses ist auch zugleich die des Abschiedes. Ich hätte es Ihnen freilich ersparen, Ihnen nicht auch noch das Herz mit dem schwer machen sollen, was mir das meinige abdrückt. Weiß Gott, ich hatte den redlichen Willen, zu schweigen und bis zum Abschiede Stand zu halten; aber man ist doch am Ende auch nur ein Mensch, und als Sie mich baten zu bleiben und mich so freundlich ansahen, da war es vorbei mit der Selbstbeherrschung. Reinhold hat es mir ja selbst prophezeit, daß ich noch einmal den Augen begegnen würde, die allem Spotte und allem Leichtsinne ein Ende machen würden. Das Unglück war nur, daß ich sie gerade in dem Antlitze seines Weibes finden mußte. Wäre das nicht gewesen, ich hätte um dieser Augen willen der ganzen Freiheit und Unabhängigkeit Lebewohl sagen, hätte zum ruhigen, gesetzten Ehemanne werden, hätte meine ganze Natur verleugnen können, und da wäre es doch am Ende schade gewesen um den alten Hugo Almbach – deshalb hat der Himmel wohl ein Einsehen gehabt und ‚Nein‘ gesprochen.“

(Fortsetzung folgt.)




Ein Thüringer Dichter.
Von Albert Traeger.

„Ich kann mein Thüringen nicht lassen;
Italien ist schön. Wer wüßt’ es nicht?
Da lacht ein ewig heit’rer blauer Himmel
Und prangt die Erde in des Edens Glanz.

5
’s ist aber doch mein Wald nicht, meine Luft,

Thüringer Waldluft nicht, das Herz erweiternd,
Die ich muß athmen, wenn ich leben soll,
Wie uns’re Steinforelle uns’res Wassers
Bedarf, um zu gedeih’n.“

               A. Rost. (Das Wundermädchen aus
                              der Ruhl.)


Kaum Einen Deutschen wird es geben, der, wenn seine Mittel einen sommerlichen Ausflug gestatten, nicht einmal den Thüringer Wald und dabei auch Weimar, die Stätte unserer schönsten und heiligsten Erinnerungen, besucht hätte. Auf der linken Seite wird der mit dem herrlichen Doppelstandbilde unseres Dichterpaares geschmückte Theaterplatz von einer Restauration begrenzt, die namentlich vor und nach den Vorstellungen stets überfüllt ist. Sobald das Wetter den Aufenthalt im Freien gestattet, bietet der Vorbau ein anmuthiges, lebensvolles Bild. Hier erfrischen sich die von allen Seiten herbeiströmenden Fremden; hier sitzt an den streng gehüteten Stammtischen ganz Weimar: der Bürger, der Beamte, der Künstler, vor allem Maler und Musiker, unter der ungeweihten, kurzhaarigen Menge selbst dem wenig geübten Auge leicht unterscheidbar. Hier zeigt sich zuweilen auch die feine hofmännische Erscheinung des Generalintendant von Loën, das Muster eines Cavaliers und eines Theaterbeherrschers, dabei ein hochgebildeter Mann, der sein ganzes Leben dem Dienste der Fürsten und der Musen geweiht und bereits 1848 in Dessau ein conservatives Witzblatt „Die Extrapost“ herausgegeben und einen zu früh vergessenen Roman „Welt und Bühne“ geschrieben hat. Hier verkehrt auch der Capellmeister Lassen, ein ebenso feinfühliger und geschmackvoller Componist wie thatkräftiger Dirigent, dem namentlich Richard Wagner sehr viel und noch vor Kurzem die Vorführung von „Tristan und Isolde“ in unübertroffener Vollendung zu verdanken hat.

Zu den Getreuesten aber zählt ein Mann, der die Sonnenhöhe des Lebens bereits überschritten, und auf dessen edlen, von ergrauten Locken umwallten Zügen geistige Arbeit und körperliches Leiden tiefe Spuren eingegraben hat. Der mühsame Gang, die gichtgelähmten Hände lassen ihn noch älter erscheinen, als er ist, bis er spricht und mit jugendlicher Lebhaftigkeit und unverfälschtester Thüringer Mundart die Unterhaltung nicht mehr in’s Stocken gerathen läßt. Er kennt Jedermann und ist Allen bekannt.

Einmal, im Sommer 1871, saßen wir zusammen, als er ein auf dem Tische ausliegendes illustrirtes Blatt zur Hand nahm, darin blätterte, dann las und endlich so sich vertiefte, daß er Alles um sich vergessen zu haben schien. Ich sah, wie seine Züge sich belebten, sein Auge leuchtete, und als er endlich, von innerer Aufregung emporgeschnellt, mit ungewohnter Behendigkeit sich erhob, das Blatt einsteckte und mit den Worten „Ein Stoff, ein prächtiger Stoff!“ fast davon eilte, begriff ich, daß heute keine nähere Auskunft von ihm zu erlangen war.

Sie sollte mir erst ein Jahr später werden. Der 23. Juni 1872 brachte Weimar ein Bühnenereigniß ersten Ranges. „Der ungläubige Thomas, Charaktergemälde in fünf Aufzügen“ von Alexander Rost, ward zum ersten Male aufgeführt. Leipzig, der Schauplatz der Handlung, hatte diesmal den Vorrang gehabt, und da der dortige Erfolg ein glänzender, waren die Erwartungen in der Vaterstadt des Dichters auf das Höchste gespannt, und sie wurden übertroffen. Weimar, die Residenz des ersten constitutionellen deutschen Fürsten, der auf seine Nachfolger die unverbrüchlichste Achtung vor der Verfassung vererbt, wo die Lehre des edlen Herder, des mannhaften Röhr noch immer lebendig fortwirkt, ist politisch und religiös durchaus freisinnig. Ort und Zeit waren der Dichtung besonders günstig. Mit stets wachsendem Antheil und Verständniß folgte die dichtgedrängte Menge den Kämpfen des Dr. Christian Thomasius, Professors der Rechte zu Leipzig, des berühmten Aufklärers, der zuerst seine Vorlesungen in deutscher Sprache hielt und den Hexenprocessen im Kampfe gegen die Schaar der Dunkelmänner, geführt von

[623]
Die Gartenlaube (1874) b 623.jpg

Alexander Rost.
Nach einer Photographie auf Holz gezeichnet von Adolf Neumann.

Benedict Carpzow, berüchtigten Andenkens, ein Ziel setzte. Und als der siegreiche Held der Freiheit und des Gedankens, vortrefflich von Emil Claar gespielt, mit dem Rectoratspurpur der neugegründeten Hochschule Halle geschmückt, die ergreifenden Schlußworte gesprochen:

„Vater im Himmel, Dir ist Alles offenbar,
Du siehst ins Herz, Du weißt, ich glaub’ an Dich
Aus meiner Seele tiefstem, tiefstem Grunde.
Und wer da liest, was ich gedacht, geschrieben,
Der weiß, daß ich mir immer treu geblieben,
Anbetend ihn, den laut mein Mund bekennt.
Und drum will ich mit frohem Muth es tragen,
Wenn selbst noch in der Enkel spätesten Tagen
Die Welt mich den ‚ungläub’gen Thomas‘ nennt –“

da brach ein wahrhaft tobender Jubel los, der sich in endlosen Hervorrufen des Dichters Luft machte. Der Dichter aber leistete diesen ebenso wenig Folge wie den nicht minder zahlreichen und stürmischen Beifallsbezeigungen während der Aufführung, obschon er auf der Bühne war. Ein gebrochener Mann saß er zwischen der ersten und zweiten Coulisse, Thränen der Freude und des Schmerzes im Auge. Wider den Willen des Arztes hatte er das Siechbett verlassen; er mußte getragen werden und konnte sich seinen Weimaranern, den geliebten Thüringer Landsleuten allen, nicht zeigen; das nahm ihm die schönere Hälfte seines gerechten Triumphes hinweg.

Ueberall hat das Drama die gleiche Begeisterung erweckt, auf dem Nationaltheater in Berlin eine lange Reihe von Aufführungen erlebt und seinen Weg über die deutschen Bühnen noch nicht vollendet. Gegenwärtig bereitet es Dr. Hugo Müller für sein Residenztheater in Dresden mit größter Sorgfalt vor, und auf dem Laube-Theater in Wien steht es für nächsten Winter zu erwarten. –

Alexander Rost ist am 22. März 1816 zu Weimar geboren; sein Vater war großherzoglicher Kammerrevisor, seine Mutter, Therese, eine geborene Trillhof aus Jena. So ist er ein echter Thüringer und in jeder Faser mit seinem schönen Heimathlande verwachsen, das er niemals verlassen hat und dessen Waldluft er nicht gegen den blauen Himmel Italiens vertauschen würde. Seine Jugend fällt in die Ausgänge der großen Zeit Weimars, so daß sein empfängliches Gemüth tiefe Eindrücke und mannigfache Anregung erhielt. Ostern 1836 bezog er die Universität Jena, die Rechte zu studiren. Vor Allem aber fesselten ihn der freimüthige Lehrer der Geschichte Luden und O. L. B. Wolff, der Literarhistoriker und Dichter, hochberühmt zugleich als Improvisator, das glänzendste und eigenartigste Talent, welches Deutschland bis jetzt auf diesem Gebiete hervorgebracht hat. Er wurde bald Rost’s Freund und Berather bei seinen poetischen Versuchen und Arbeiten; denn der Student dichtete auch, nicht so wie beinahe jeder Deutsche unter solchen Verhältnissen, nein, [624] mit der vollen Ueberzeugung und dem ganzen Eifer eines wahrhaften innerlichen Berufes.

Und bald nachdem er das Staatsexamen gut abgelegt, bestand er noch eine Prüfung, die nur von Wenigen und nicht allzu häufig so glücklich überwunden wird. Ziemlich die ganze Universität Jena befand sich am 17. April 1841 im Hoftheater zu Weimar. „Kaiser Rudolph in Worms oder der deutsche König und die deutsche Maid, romantisches Volksbild aus dem Mittelalter in fünf Acten“ von Alexander Rost, hieß die Zauberformel, welche zu dieser und den nächsten Vorstellungen eine wahre Studenten-Wallfahrt veranlaßte. Wußten sie doch, daß die Dichtung in ihrer Mitte entstanden, und betrachteten sie doch daher den jugendlichen Dichter noch immer als einen der Ihren. Der Enthusiasmus der Jenenser Burschen und der nicht minder lebhafte Beifall der Hauptstadt flochten dem gemeinsamen Lieblinge den ersten vollen Kranz. Der Jurist ließ sich noch nicht davon berauschen, sondern arbeitete an mehreren Justizämtern und dem obersten Landesjustizcollegium pflichtgetreu weiter. Als aber das Drama „Landgraf Friedrich mit der gebissenen Wange“, zuerst in Leipzig am 17. September 1847 und in Weimar am 2. Januar 1848, durch die erschütternde Handlung und die gewaltige dichterische Kraft überall die nachhaltigste Wirkung übte, verließ Rost den Staatsdienst und wandte sich ganz der geliebten Dichtkunst zu. „Dornen und Lorbeer“ heißt von da ab sein Geschick.

Seine ferneren Dramen sind: „Das Regiment Madlo“ (zuerst in Weimar am 27. Decbr. 1857 aufgeführt), das die letzten Jahre des dreißigjährigen Krieges darstellt, mit der Proclamirung des Friedens endet und würdig an Schiller’s Wallenstein sich anschließt. „Ludwig der Eiserne oder das Wundermädchen aus der Ruhl“ (zuerst in Weimar am 8. Jan. 1860 aufgeführt), dem die schöne Volkssage: „Landgraf, werde hart!“ zu Grunde liegt, ist poetisch das anmuthigste Werk des Dichters, ein verklärender Lobgesang auf sein heißgeliebtes Thüringen, voll bestrickenden Duftes und stimmungsvoller Weihe. Die erste Begegnung Ludwig’s mit Walpurgis in der mitternächtigen, mondbeleuchteten Waldschlucht braucht den Vergleich mit Shakespeare’s berühmtesten Liebesscenen nicht zu scheuen. „Oberst Hans Georg von Madlo“ und „Meinhard Vogelgesang, Waldschmied in der Ruhl“ gehörten zu den letzten neuen Rollen, die Eduard Genast, der ehrwürdige Veteran der großen Zeit, schuf und mit ebenso großer Hingebung wie Meisterschaft spielte; der bekannte Otto Lehfeld ward sein nächster Erbe. „Berthold Schwarz oder die deutschen Erfinder“ bringt mit staunenswerthestem, genialem Geschicke den Erfinder des Schießpulvers und den der Buchdruckerkunst, Johannes Gutenberg, Beide verbunden durch innigste Freundschaft und den gemeinsamen sieggekrönten Kampf gegen die Mächte der Finsterniß, gleichzeitig auf die Bühne. Noch durchzuckt es mich in der Erinnerung, wie bei der ersten Aufführung zu Weimar, am 18. December 1864, dem Blitze gleich in das übervolle Haus das Wort einschlug, das Berthold Schwarz dem Unterweisung in der Alchymie heischenden Kaiser Ruprecht entgegenruft: „Die Freiheit ist der wahre Stein der Weisen.“ –

Alexander Rost zählt, der Anlage nach, unter unsere bedeutendsten dramatischen Dichter und wird an theatralischem Instinct und Sicherheit der Bühnenwirkung von keinem der Heutigen übertroffen. Ein widriges Geschick und frühzeitiges körperliches Leiden haben ihm die harmonische Durch- und Ausbildung erschwert, und so erklärt es sich, daß in den einzelnen Dichtungen Manches von verschiedenem Werthe sich findet und vielleicht keine den Eindruck eines innerlich vollendeten Kunstwerkes macht; mit größtem Unrecht aber haben hier und da unfruchtbare ästhetische Stelzengänger abfällig darüber geurtheilt. Der äußere Erfolg hat den Rost’schen Stücken ein ganz entgegengesetztes Zeugniß ausgestellt; sie sind sämmtlich auf den deutschen Bühnen eingebürgert, die namhaftesten Darsteller sind mit Vorliebe darin aufgetreten, und „Friedrich mit der gebissenen Wange“ war eine der herrlichsten Gestalten des unersetzten Emil Devrient.

Rost’s Jugend fällt in die Blüthezeit des Schiller-Cultus, und die Spuren davon sind in seinen Werken unverkennbar, vornehmlich in den durchgängig leichtflüssigen, volltönenden und zwanglos gereimten Versen, in dem idealen Aufschwunge, der glühenden Begeisterung für Vaterland, Recht und Freiheit und dem gewaltigen sittlichen Pathos. Die höchsten Aufgaben und die am tiefsten einschneidenden Conflicte des Menschengeschlechts bilden den steten Vorwurf des Dichters, der sich nie „mit Kleinigkeiten abgegeben“ und nimmer der flüchtigen Laune des Tages gehuldigt hat. Alle seine Dichtungen schildern ausnahmslos den Kampf einer emporsteigenden neuen Zeit gegen das Widerstreben der niedersinkenden alten. Die Worte Kaiser Rudolph’s in dem ersten Stücke:

„Seht Ihr die Pfeiler der Tyrannenmacht,
Der trotzigen, in Schutt und Asche sinken?
Dort oben aus den glüh’nden Trümmern schwebt
Ein gold’ner Phönix in des Himmels Weiten,
Und mit der Flamme blut’gem Glanz erhebt
Sich Euch die Morgenröthe bess’rer Zeiten –“

sind die Parole für alle folgenden bis zum „Ungläubigen Thomas“, und jener „goldene Phönix“ ist das Bild des Banners geblieben, das Alexander Rost in treuen Händen seinem Volke unentwegt vorangetragen hat. Er ist einer unserer ersten und unerschütterlichsten Vorkämpfer gegen die Ueberreste des mittelalterlichen Junker- und Pfaffenthums. Lange, ehe dieser Kampf zum Bewußtsein der Menge gelangt und das Volk in denselben eingetreten, haben die Rost’schen Verse die Hörer aus der schlaffen Erstarrung des politischen Winterschlafes aufgerüttelt. Dies sei ihm unvergessen, wenn einst aus der Morgenröthe unserer Tage die volle Sonne der Freiheit emporsteigt, deren Glanz er, ein begeisterter Seher, vorahnend schon geschaut.

Dieser Sonnenglanz ist auch der einzige, der sein Leben durchleuchtet und erwärmt hat. Nachdem er den Staatsdienst verlassen, fand er die nächste Zuflucht und Unterstützung bei seinem Bruder, der Bürgermeister in Remda war. Allein nach wenigen Jahren schon ward dieser von einer schmerzhaften unheilbaren Krankheit ergriffen, und nun mußte der Dichter für ihn sorgen, was er bis an das langwierige Ende des unsäglich Leidenden mit selbstlosester Aufopferung gethan. Dabei blieb er die einzige Stütze seiner alten Mutter, einer vortrefflichen Frau, deren letzte Jahre die kindliche Liebe und die dichterischen Erfolge des Sohnes verschönten. Anfangs 1870 drückte er ihr mit bitterem Schmerze die müden Augen zu.

Seinen schweren Pflichten voll zu genügen, war er unbeweibt geblieben; bald nach dem Tode der Mutter aber reichte ihm ein junges Mädchen, Henriette, die Tochter des Steindruckereibesitzers Walther in Weimar, die Hand. Eine glühende Verehrerin des Dichters, hatte sie ihn schon längere Zeit während seines andauernden Gichtleidens sorglich gepflegt, und so erfreut sich denn der Hartgeprüfte noch spät am Lebensabend des reinen Glückes, welches edle Weiblichkeit allein zu gewähren vermag.

Rost ist Pensionär der Deutschen Schillerstiftung – dieses traurige Wort sagt Alles. Die meisten seiner Stücke sind in einer Zeit entstanden, da die Tantième noch ein frommer Wunsch war, und heute noch fehlt ihm gänzlich das kaufmännische Talent, welches zur Verwerthung des dichterischen in diesen Tagen so unerläßlich. Er ist eine harmlose, liebenswürdige Natur von ungeheuchelter Bescheidenheit und offenherzigem Biedersinn. Gesellig und voll naturwüchsigen Humors, hat er auch den schwersten Leiden stets muthig zu trotzen vermocht. Bewunderungswürdig ist die Leichtigkeit seines Schaffens. Manches hat er wie Grabbe am Wirthshaustisch, das Meiste aber im anmuthigen Parke zu Weimar bei Blumenduft und Nachtigallenschlag gedichtet, der in vielen seiner Verse weht und widerhallt.

Alexander Rost ist nicht blos ein vortrefflicher Dichter, er ist ein treuer und tapferer Sohn seines Vaterlandes, an dem er mit inniger Liebe hängt. Deutschland ist seine Mutter, Thüringen seine Braut. Und nicht umsonst hat er gelebt und geschaffen; er sieht sein Ideal der Verwirklichung nahe, die abgelebten Gebilde der Vergangenheit stürzen in sich zusammen; wie die Helden seiner Dramen steht er bereits auf der Schwelle der schöneren Zukunft und darf mit dem Kaiser in „Berthold Schwarz“ ausrufen:

„Es ist was Großes – was Unendliches!
Ich fühl’ es, wie ein Hauch der Weihe weht
Es um mich her – und meine Zeit ist’s, die
Das Herrliche gereift zum Licht des Tages,
Und in dem Schooße meines Vaterlands
Hat Alles sich entsponnen und bereitet.“




[625]
Störungen in der telegraphischen Correspondenz.


Unterbrechungen durch Feuchtigkeit, Menschenhand, Drahtbruch, Stürme. – Bäume als Stützpunkte. – Unterirdische Drähte, ihre Isolation und die ihnen drohenden Gefahren. – Die Kabel.


Wenn der Aufgeber einer Depesche dieselbe dem Annahmebeamten übergeben, die Gebühren entrichtet und ihm vielleicht auch noch überflüssiger Weise die sofortige aufmerksamste Beförderung derselben ganz besonders an’s Herz gelegt hat, dann geht er befriedigt und mit der frohen Hoffnung von dannen, seine Depesche werde nun binnen kürzester Zeit die Adreßstation erreichen, ohne irgend welchen Fährlichkeiten ausgesetzt zu sein. Diesen süßen Wein muß ich ihm jedoch rauben; denn in der That gleicht der Weg, welchen eine Depesche von der Hand des gebenden bis vor das Auge des nehmenden Beamten zurückzulegen hat, dem Marsche einer Patrouille in Feindesland durch eine fortlaufende Reihe von Hinterhalten. Der telegraphische Betrieb ist einer zahllosen Menge von Störungen unterworfen, verursacht bald durch die harmlosesten Zufälle, bald durch gewaltige Naturerscheinungen, gegen welche der unwissende, schwache Mensch trotz beharrlicher Anstrengung stets vergebens ankämpft.

Einige der dem telegraphischen Verkehre drohenden Gefahren, sowie die gegen dieselbe angewendeten Mittel will ich im Folgenden versuchen etwas näher zu beleuchten, wobei ich in der Hauptsache meinen Aufzeichnungen aus den Vorträgen meiner verehrten Lehrer, der Herren Dr. Brix und Rechnungsrath Weber in Berlin, folgen werde.

Schon die Anlage einer oberirdischen Leitung – worunter im Gegensatze zu den durch die Erde, die Binnengewässer und das Meer geführte (subterrestrischen, subaquatischen und submarinen) Leitungen eine an Stangen und anderen Stützpunkten durch die Luft geführte verstanden wird – ist gar nicht so leicht und schnell ausgeführt, wie dies nach Vorstellung sehr Vieler geschehen könnte.

Die vornehmsten an eine Telegraphenleitung zu stellenden Anforderungen sind, daß sie gut isolirt sei, dem Strome einen bequemen Weg bieten und die nöthige Dauerhaftigkeit besitze. Die Frage der Billigkeit kommt erst in vierter Linie in Betracht.

Eine Leitung ist dann gut isolirt, wenn sie dem elektrischen Strome nirgends gestattet, seiner Neigung nachzugeben, zur Erde, unserem großen elektrischen Reservoir, zurückzukehren, wenn sie ihn also in ungeschwächter Stärke fortführt. Um dies zu können, darf die Leitung ihrer ganzen Länge nach keine Stelle enthalten, an welcher eine leitende Verbindung zwischen dem Drahte und der Erde vorhanden wäre. Eine solche wird aber hergestellt nicht nur durch Metall – wenn z. B. von mehreren Drähten der oberste gerissen ist und unter Berührung der übrigen zur Erde herniederhängt –, sondern auch durch Feuchtigkeit und feuchte Luft an der hölzernen Stange herab, welche letztere ja bis 1,7 Meter tief in den Boden eingegraben wird. Es verbietet sich demnach, sofern man nicht den Draht seiner ganzen Länge nach mit einer isolirenden Substanz, wie Kautschuk und Guttapercha, überziehen will, von selbst, denselben direct an den Stangen zu befestigen, weil sonst der Strom bei feuchtem Wetter schon an der ersten Stange zur Erde zurückkehren würde. Die Construction dieses Mittelgliedes nun, welches den nicht isolirten Draht von den allein als Stützpunkte dienenden Stangen trennt, hat den menschlichen Erfindungsgeist lange Zeit ungemein in Anspruch genommen, bis es im Jahre 1858 dem Telegraphendirector von Chauvin in Berlin gelang, diese Aufgabe endgültig zu lösen.

Die seit 1862 in der preußischen, seit 1868 in der norddeutschen Telegraphenverwaltung ausschließlich verwendete Chauvin’sche Doppelglocke erfüllt alle an eine guten Isolator zu stellenden Anforderungen: das Material, Porcellan, gehört zu den schlechtesten Leitern; ihre Construction ist dauerhaft genug, um dem oft sehr bedeutenden Drahtzuge Widerstand leisten zu können, und ihre Form derart, daß nicht nur bei Regen und Schnee, sondern auch bei Nebel und Thau, welche die Isolation am meisten erschweren, zwischen der äußeren und inneren Glocke ein vollkommen trockener Raum sich befindet, welcher dem elektrischen Strome den Uebergang von dem Drahte über die nasse Stange unmöglich macht oder doch ganz bedeutend erschwert. Es ist nämlich über den inneren, cylinderförmigen Theil des Isolators eine zweite, ihn ganz bedeckende Glocke gesetzt, welche eine Wärme-Ausstrahlung des inneren Cylinders und somit ein Bethauen desselben ganz unmöglich macht. Bis jetzt hat man weder in der Höhlung der inneren, noch in der der äußeren Glocke eine zusammenhängende Feuchtigkeitsschicht nachweisen können, und somit ist bei der Eigenschaft des galvanischen Stromes, nur einen ununterbrochenen Weg benutzen zu können, die Gefahr, derselbe könne über diese Isolatoren hinweg sich der aufgezwungenen Dienstbarkeit durch die Flucht entziehen, vollständig beseitigt. Leider aber machen sehr oft Spinnen das Innere dieser Glocken zu ihrer Wohnung, überziehen dieselben mit ihre feinen, dichten Netzen und machen dadurch die durch die Construction erlangten Vortheile illusorisch: Regen, Nebel und Thau pflanzen sich mit Hülfe dieser Gespinnste bis in das Innere fort und öffnen so dem Strome einen Weg zur Erde.

Bedenkt man nun, wie sehr eine Depesche durch Verkürzung oder Verlust eines oder mehrerer Zeichen entstellt werden kann, und wie oft sich solche feine Fäden dem Auge des Revisors entziehen mögen, so wird man nicht gleich jede Depeschenverstümmelung auf das Conto „Nachlässigkeit der Beamten“ setzen dürfen.

Es überziehen sich aber auch die Glocken sehr häufig, besonders in der Nähe chemischer Fabriken, mit metallischen Niederschlägen, welche selbstverständlich den Strom noch besser leiten als einfach feuchte Niederschläge; denn das Leitungsvermögen des Eisens ist z. B. siebenundsechszig Millionen Mal größer als dasjenige des Quellwassers bei gleichen Dimensionen der leitenden Massen. Ebenso befördert der in der Nähe von Bahnhöfen anfliegende Steinkohlenruß das Entweichen des Stromes aus der Drahtleitung.

Zwar werden sämmtliche Isolatoren alljährlich ein oder mehrere Mal sorgfältig gereinigt, aber dennoch ist deren fortdauerndes Freibleiben von leitenden Stoffen nicht zu erreichen.

Unglücklicher Weise besitzen die hoch oben an den Stangen befindlichen Glocken auch noch eine absonderliche Anziehungskraft für die steinwerfende Jugend von Stadt und Land, welche sich zu ihren Uebungen meist abgelegene Orte aussucht, sodaß etwaige Opfer der edlen Kunst nicht sofort bemerkt und ausgewechselt, und dadurch leicht entstehende Störungen beseitigt werden können.

Eine andere, nie versiechende Quelle von Betriebsstörungen ist der eiserne Leitungsdraht.

Obgleich man in Deutschland denselben nur in der Stärke von 5,4 bis 4 Millimeter (solche von 6 und 2,7 nur ausnahmsweise) benutzt und ihn vor der Uebernahme auf eine absolute Festigkeit von 4386 Kilogramm pro Quadratcentimeter prüft, kommen doch – besonders im Winter bei einer großen Belastung mit Schnee und Eis – Drahtbrüche nicht selten vor. Sobald aber ein Draht gebrochen ist, hat die Correspondenz auf der betreffenden Leitung natürlich sofort ein Ende, und man hat von Glück zu sagen, wenn die beiden Enden nicht mit den übrigen Drähten in Berührung stehen und auf der Erde aufliegen, wodurch eine Correspondenz bis zur Wiederherstellung des Schadens ganz unmöglich gemacht wird. Denn dann steht dem Strome der bequemste Weg zur Flucht offen, und er zögert nicht, ihn zu benutzen, sodaß die entfernte Station keine Spur von ihm erhält. Hingegen setzt derselbe, je nach der Größe des Widerstandes, welchen die Fehlerstelle darbietet, die Apparate der gebenden Station mehr oder weniger in Bewegung, sodaß dem arbeitenden Beamten die gegebenen Zeichen plötzlich auf dem nebenstehenden Apparate, wie von einem äffenden Echo, zurückgegeben werden.

Der galvanische Strom begnügt sich aber auch mit minder bequemen Wegen, um von einem Drahte zu dem andern und vielleicht durch Vermittelung lebender Bäume oder feuchter Stangen zur Erde zu gelangen.

Wird z. B. auf zwei gleichlaufenden Leitungen gearbeitet, und erscheinen die auf dem einen Apparate gegebenen Zeichen auf den drei anderen, an den beiden Enden der Leitungen eingeschalteten Apparate, anstatt blos auf einem, dem mitarbeitende Apparate correspondirenden, so sind die beiden Leitungen in Berührung miteinander gerathen, entweder direct, das heißt sie [626] haben sich verschlungen, oder durch irgend einen Drachenschwanz, eine Peitschenschnur, die zu großem Leidwesen der Betheiligten an den Drähten hängen geblieben ist und beim Eintritte feuchten Wetters durch die daran sich ansetzende Nässe zum Leiter wird.

Vermag schon eine solche Kleinigkeit so unangenehme und oft nicht leicht zu beseitigende Betriebsstörungen zu verursachen, so ist dies bei einer bedeutenderen Beschädigung der Linie in erhöhtem Maße der Fall. So brachen die Stürme des vergangenen Winters an verschiedenen Orten Telegraphenstangen um und setzten dadurch mehrmals die Betriebsfähigkeit ganzer Linien in Frage. Denn eine brechende Stange reißt sehr oft noch die Nachbarstangen mit um, und dadurch entsteht unter den Drähten, deren Zahl manchmal bedeutend ist, ein heilloser Wirrwarr, dessen Beseitigung dem Wiederhersteller keine leichte Aufgabe bietet. Unter Anderm war eines schönen Morgens die westliche von der östlichen Hälfte Deutschlands durch den Bruch einer ganzen Stangenreihe fast vollständig getrennt; nur auf Nebenlinien konnte die Correspondenz unter bedeutender Verzögerung vermittelt werden.

Die Nordoststürme, welche vor einigen Jahren die Küsten der Ostsee verwüsteten, hatten auch die telegraphischen Verbindungen zwischen bedeutenderen Plätzen fast ganz unterbrochen, sodaß z. B. die Correspondenz von Hamburg nach Berlin über Dresden geleitet werden mußte.

So ist Gott Aeolus des Telegraphen Feind; freilich sind es andere Elemente noch mehr.

Die Wechselwirkung von Hitze und Kälte, Trockenheit und Nässe schädigt ebenfalls am meisten die Stangen, dieses kostbarste Linienmaterial. Fortwährend schutzlos allen Einflüssen der Witterung und des Bodens preisgegeben, würden sie binnen Kurzem den allseitigen Angriffen erliegen, wenn sie nicht besonders zubereitet, nämlich mit antiseptischen (fäulnißwidrigen) Stoffen durchtränkt würden. Von diesen werden besonders drei verwendet: Kupfervitriol, Zinkchlorid und kreosothaltiges Theeröl. Die verschiedenen Methoden der Durchtränkung (Imprägnirung) eingehend zu beschreiben und ihre Vortheile abzuwägen, würde uns hier zu weit führen. Die deutsche Reichstelegraphenverwaltung hat sich neuerdings wieder der Durchtränkung à la Boucherie mit Kupfervitriol zugewendet und mehrere Anstalten erbaut, wo die Stangen in großen Massen derartig durchtränkt werden.

Zur Verwendung lebender Bäume als Stützpunkte für die Leitung schreitet man nur selten und ungern. Die Gefahr der Beschädigung der Isolatoren und des Drahtes, sowie der Ableitung des Stromes zur Erde ist bei dem fortwährenden Schwanken der Bäume zu naheliegend, als daß man dieselben in ausgedehnterem Maße benutzen könnte. Nur in der Provinz Preußen ist die Leitung auf einer längeren Strecke an Bäumen fortgeführt, und wieder wurde dies nur durch eine andere geniale Erfindung von Chauvin’s ermöglicht. Seine Pendel-Isolatoren sind noch heute mustergültig. In Java freilich ist man durch die alles todte Holz zerstörenden weißen Ameisen gezwungen, nur in den Wipfeln belaubte Palmen anstatt der Stangen zu benutzen. Dabei fällt aber auch die Gefahr weg, daß der Draht die lebenden Aeste berühren und hierdurch dem Strome ein Weg zur Erde geöffnet werden könne.

In Deutschland verwendet man zu Stangen meist das Holz der Kiefer, welches sich durch seinen geraden gleichmäßigen Wuchs hierzu um besten eignet und überall leichter zu bekommen ist als Lärchenholz, welches allerdings eine größere Dauerhaftigkeit besitzt. Die kiefernen, mit Kupfervitriol durchtränkten Stangen sollen laut Nachrichten aus Frankreich und Belgien, wo man die Boucherie-Methode schon seit dreißig Jahren anwendet, eine durchschnittliche Dauer von fünfzehn Jahren erreichen, während die mit Chlorzink oder Theeröl getränkten eine bedeutend längere Dauer aufweisen.

Aus dem Vorhergehenden erhellt, daß alle oberirdischen Leitungen vermöge ihrer Construction zu sehr vielen Betriebsstörungen Anlaß geben. Man ist daher in richtiger Würdigung aller dieser der Correspondenz auf Luftleitungen drohenden Gefahren schon seit dem Beginne der gewaltigen Entwickelung der Telegraphie darauf bedacht gewesen, Mittel und Wege zu finden, um diese Gefahren zu vermeiden. Am leichtesten schien dies erreichbar, wenn man die Leitungen über der Erde ganz aufgab und dieselben in die Erde verlegte. Freilich mußte man dann die Drähte ihrer ganzen Länge nach isoliren, das heißt mit einer möglichst schlecht leitenden Substanz umgeben, um dadurch den galvanischen Strom am Entweichen zu hindern. Zu diesem Zwecke konnte man nur Stoffe benutzen, welche elastisch genug waren, um die mancherlei oft sehr scharfen Krümmungen des in die Erde verlegten Drahtes ohne Gefahr für ihre relative Festigkeit mitzumachen, und zugleich dicht genug, um der Feuchtigkeit, die allzeit bereit ist, dem gefangenen Strome bei seiner Flucht zur Erde behülflich zu sein, den Zutritt zu den Drahtadern zu verwehren. Endlich darf der zu verwendende Stoff auch nicht allzu empfindlich gegen Temperaturschwankungen sein, sodaß seine isolirenden Eigenschaften darunter litten.

Alle diese Momente schränken die Auswahl gewaltig ein, und in der That sind bis jetzt nur drei Stoffe zur Isolation unterirdischer Drähte mit Erfolg verwendet worden, nämlich Guttapercha, Kautschuk und Asphalt. Die im Jahre 1842 von Jacobi in Petersburg gelegte erste unterirdische Telegraphenleitung, wobei man die Drähte mit in geschmolzenes Wachs, Harz und Talg getauchtem Zwirn oder gleich präparirter Baumwolle umwickelt hatte, konnte ihren Zweck durchaus nicht erfüllen.

Die Constructionen der mittelst der erstgenannten drei Substanzen isolirten Drähte sind ebenso complicirt wie verschieden. Die Verwendung der Guttapercha wurde zuerst 1847 von Werner Siemens vorgeschlagen, welcher zugleich die hierzu erforderlichen Maschinen erdachte. Um dem Sprödewerden der Guttapercha in der Kälte vorzubeugen, mischte man ihr fünf Procent Schwefel bei, erzeugte dann aber durch die Berührung dieser vulcanisirten Guttapercha mit dem Kupfer Schwefelkupfer, welches in Verbindung mit der übrigen keine isolirende, sondern leitende Substanz wurde. Diesem ersten mißglückten Versuche haben aber Praxis und Wissenschaft so viele vom Glücke mehr begünstigte folgen lassen, daß die jetzt construirten Drähte an Isolirfähigkeit kaum etwas zu wünschen übrig lassen.

Es genügt aber nicht, daß man die isolirten Drähte einfach in die Erde legt und nun ihrem Schicksale überläßt; man muß dieselben auch vor Beschädigungen von mancherlei Art sorgfältig schützen. Bei der ersten Anlage unterirdischer Leitungen hatte man nicht daran gedacht, vielleicht auch der zur Isolation verwendeten Guttapercha eine absolute Unzerstörbarkeit zugeschrieben; kurz, man hatte den isolirten Draht einfach zwei Fuß tief in die Erde gegraben. Allein diese geringe Tiefe schützte die Leitung noch nicht vor Verletzungen durch Hacke und Spaten der Eisenbahnarbeiter; Maulwürfe und Feldmäuse zeigten eine seltsame Leidenschaft für Guttapercha, die sie massenhaft verzehrten; die Isolirmasse war nach kurzer Zeit spröde und brüchig geworden, hatte sich sogar theilweise vom Metalle abgelöst, und so sah man alsbald die Nothwendigkeit ein, die Drähte durch eine weitere Umhüllung vor den eben erwähnten ungünstigen Einflüssen zu schützen. Zu diesem Zwecke hat man wieder sehr verschiedene Methoden angewendet; man umwickelte die Drähte mit Hanfband, oder legte sie in hölzerne Rinnen, oder zog sie durch Bleiröhren, die sich beim Durchgange durch eine Drahtpresse fest an dieselben anlegten, oder durch stärkere eiserne Röhren. Alles dies brachte wieder zahlreiche Unzuträglichkeiten mit sich, und so verwendet man jetzt zu den unterirdischen Leitungen in Deutschland Kabel, die sich nur durch die geringere Stärke der äußeren Schutzdrähte von den Submarinekabeln unterscheiden. Die Construction derselben ist kurz folgende:

Mittelst sinnreich eingerichteter Maschinen umwickelt man die zu einem Bündel vereinigten Guttaperchadrähte in entgegengesetzter Richtung mit zwei Lagen sorgfältig getheerten Hanfes, um sie dadurch vor einer Verletzung der isolirenden Umhüllung zu schützen. Da aber diese Hanflagen wieder durch allerlei Thiere etc. leicht beschädigt werden können, so umspinnt man die Kabel mit noch einer Lage mehr oder weniger starker Eisendrähte, welche aus dem besten Eisen hergestellt sein müssen. Die Anzahl und Stärke dieser Schutzdrähte richtet sich nach dem Zwecke, welchem das Kabel dienen soll; unterirdisch zu verlegende Kabel werden weniger und schwächerer Drähte bedürfen als Fluß- und Küstenkabel, weil diese durch Wellenschlag, Reibung am Grunde und schleppende Schiffsanker bedeutend mehr in Bezug auf ihre absolute Festigkeit in Anspruch genommen werden als jene, welche nur vor gefräßigen Thieren und unvorsichtigen Arbeitern gesichert zu [627] werden brauchen. Da nun ferner mit der Stärke und Anzahl der Schutzdrähte zwar die Festigkeit, aber auch das Gewicht des Kabels steigt, hierdurch aber das Legen desselben umständliche und kostspieliger wird, so macht man bei den Tiefseekabeln, welche an ihrem Lagerpunkte von mehreren tausend Fuß Tiefe vom Wellenschlage und von Schiffsankern nicht mehr incommodirt werden, die Schutzhüllen von Eisen so schwach wie möglich.

Die Meerkabel haben mit ungemein vielen Gefahren zu kämpfen. Bald zerstört das Meerwasser die eisernen Schutzdrähte; bald lassen sich Gourmands von Seethieren die getheerten Hanfstränge gut schmecken, mit welchen die Guttaperchadrähte und öfters auch die Schutzdrähte umwickelt sind; bald werden die Kupferdrähte durch allzu scharfe Biegungen zerbrochen. Ein ungünstiges Zusammentreffen von Umständen kann bewirken, daß durch einen einzigen so geringfügigen, von außen kaum bemerkbaren Fehler das ganze Kabel auf längere Zeit unbrauchbar, die Correspondenz zwischen zwei Welttheilen unterbrochen wird.

Und wie ungemein schwierig und kostspielig ist es, den Ort eines Fehlers zu bestimmen und ihn zu beseitigen! Während man bei einer Luftleitung jede bedeutendere Unregelmäßigkeit beim ersten Blick bemerkt und sie mit verhältnißmäßig geringer Mühe beseitigen kann, erfordert dies bei submarinen noch mehr als bei unterirdischen und Flußkabeln sorgfältige, oft nicht leichte Berechnungen und verwickelte Operationen. Hat man aber glücklich die Fehlerstelle in Händen und wechselt das fehlerhafte Kabelstück gegen ein fehlerfreies aus, so ist sehr oft die Löth- oder Splißstelle wieder eine neue Fehlerquelle geworden. Letzteres gilt überhaupt von allen Verbindungsstellen ober- oder unterirdischer Leitungen, weil der metallische Contact sich fast nie so innig herstellen läßt, als er bei einer aus einem Stück bestehenden Leitung vorhanden sein würde. Deshalb wird auch auf die Verbindungen z. B. von ober- mit unterirdischen Leitungen die größte Sorgfalt verwendet, ohne daß man dabei Isolationsfehler absolut vermeiden könnte.

Am empfindlichsten gegen jede Stromschwankung ist der Typendrucktelegraph von Hughes, weil in Folge derselben einzelne Theile des Apparates weniger präcis arbeiten und mithin ganz falsche Zeichen gedruckt werden, während der Schreibapparat von Morse durch solche kleine Unregelmäßigkeiten sich nicht so leicht beirren läßt.

Welche unvorhergesehene Gefahren der telegraphischen Correspondenz drohen, lehrt folgendes Beispiel: Auf einer größern Station waren eines Morgens sämmtliche Leitungen in Berührung mit der Erde; eine Untersuchung stellte fest, daß die Fehlerstelle innerhalb der unterirdischen Stadtleitung zu finden sei. Man grub nach und fand, daß die Kupferdrähte an einer Stelle ihrer Guttaperchahülle völlig entkleidet waren durch heißes Wasser, welches aus einer Fabrik von Rechtswegen in einer eisernen Röhre, ziemlich tief unter dem Kabel, hätte durchströmen sollen, einen Riß in der Röhre aber dazu benutzt hatte, der Telegraphenverwaltung diesen Schabernack zu spielen.

Aehnliches ist in anhaltend heißen Sommern vorgekommen in den früher verwendeten eisernen Kasten, in welche unterirdische und Flußkabel behufs Verbindung mit den oberirdischen Leitungen geführt wurden. Das Eisen, als guter Wärmeleiter, theilte die äußere Hitze dem Innern mit, und das verursachte ein Abschmelzen der Guttapercha von den Kupferdrähten, wodurch diese unter sich in Contact kamen. Jetzt fertigt man diese sogenannten Ueberführungssäulen aus Holz, wodurch der eben berührte Uebelstand vermieden wird.

Aus dem bisher Gesagten dürfte erhellen, daß im Ganzen die Luftleitungen wegen der Nothwendigkeit zahlreicher Stützpunkte für den Draht bedeutend schwerer gut zu isoliren sind als die unter Erde und Wasser geführten, daß aber etwaige Fehler, deren Vorkommen niemals absolut zu vermeiden sein wird, bei letzteren weit schwieriger aufzufinden und mit größeren Kosten zu beseitigen sind als bei ersteren, abgesehen von dem höheren Herstellungspreis. Man zieht es aber vor, sichtbare Feinde zu bekämpfen, seien sie auch zahlreicher, als unsichtbare, denen so äußerst schwer beizukommen ist, und in Anbetracht dessen dürfte es wohl für die nächste Zeit bei der allgemeinen Verwendung oberirdischer und ausnahmsweisen Construction unterirdischer Leitungen sein Bewenden haben.

Nun haben wir zwar bisher schon zahlreiche Feinde des galvanischen Stromes und mithin der telegraphischen Correspondenz kennen gelernt – möge es nur die Erde, unsere größte Wohlthäterin, die uns netto die Hälfte aller Telegraphenleitungen erspart, verzeihen, daß ich sie in mancher Beziehung mit dazu gerechnet habe! –, aber den gefährlichsten Feind habe ich noch gar nicht erwähnt; er ist so aller Tücken und Ränke voll, und seine Feindseligkeiten sind so verschiedenartig, daß wir ihm vielleicht später ein besonderes Capitel widmen werden: es ist die statische oder Reibungselektricität.




Ein Gang durch Meiningen.


Eine unserer kleinen thüringischen Residenzen, die seit Jahren im fleißigen Aufraffen aus alten Zuständen begriffen war, ist mitten in diesem redlichen Streben von einem furchtbaren Verhängnisse ergriffen und in Tausenden ihrer Bürger auf Jahre zurückgeworfen worden: vom Kern der Residenzstadt Meiningen liegt das gewerbfleißigste Dritttheil, die Heimstätte von dritthalbtausend Menschen, in Asche.

Auf drei Millionen Gulden wird allein der Verlust an Wohnhäusern, Seiten- und Hintergebäuden geschätzt. Ein Katastercontroleur berichtet uns, daß die Gesammtzahl aller dieser Häuser und Nebengebäude, Scheunen, Schuppen, Ställe etc. fast sechshundert erreiche; die Summe der verbrannten Wohnhäuser giebt der Meininger Magistrat zu zweihundertsiebenzehn Hausnummern an. Und da die Versicherungsanstalten kaum viel mehr als ein Dritttheil der Verlustsumme decken werden – denn viele der älteren Häuser in den engen Gassen waren unversichert –, so ist es offenbar, daß nicht die Stadt, nicht das Herzogthum, ja nicht die Thüringer Ländchen zusammen, die schon durch die vielbeklagte Vertheilung der Reichslasten unmäßig bedrückt sind, hier allein Hülfe schaffen können. Deshalb wird hier die allgemeine Hülfe zur Pflicht, und daß diese Pflicht in Deutschland gefühlt wird, dafür spricht die Rührigkeit, mit welcher man von allen Seiten mit den Gaben der Liebe herbeieilt.

Ein Unglück dieser Art ist nicht mit Zahlen zu bemessen, sondern nach der Schwierigkeit für die Betroffenen, sich wieder aufzuraffen. Städte wie Hamburg oder Chicago, deren Lage schon eine Reichthumsquelle ist, lassen nach wenigen Jahren, spätestens nach Jahrzehnten keine Spur ihrer Riesenfeuersbrünste mehr bemerken, während unsere kleinen, auf geringe Hülfsmittel der Natur angewiesenen Städte die Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges noch heute nicht ganz verwunden haben. Als die Eisenbahn die Städte des Werrathals an den Weltverkehr heranzog, hatte Meiningen die Einwohnerzahl noch nicht wieder erreicht, zu welcher es sich in der Blüthezeit seines Gewerbefleißes vom Ende des Mittelalters bis etwa 1630 emporgeschwungen hatte. Die Barchentweberei war damals seine ergiebigste Einnahmequelle gewesen. Aus Schutt und Trümmern erhob es sich wieder, aber jeder neue Krieg zehrte das schwer Errungene wieder auf, bis endlich die neue Zeit die alten Hemmschuhe des Fortschritts zerbrach und zu neuen Hoffnungen belebte, die nun wieder einen Stoß erlitten haben.

Jedenfalls hat die Stadt in diesem Augenblicke so viel Theilnahme auf sich gezogen, daß unsere Leser, namentlich in entfernteren Kreisen, gern uns auf einem Gange dahin folgen werden.

Da, wo die Werra aus ihrer bis dahin vorherrschend westlichen Richtung in die rein nördliche umbiegt, liegt in einem engen Thale, wie in einem vom üppigsten Wiesen- und Baumgrün geschmückten Garten, die uralte Stadt. Kaiser Heinrich der Erste war es, der ihr den ersten Mauergürtel umlegte, und desselben Namens der Zweite schenkte ihr die zwei Thürme ihrer Stadtkirche, deren Grundfesten heute noch stehen. Meiningen wird wohl bald sein tausendjähriges Stadtjubiläum feiern können.

Der Ort war offenbar auf einem „durch Bergzüge und [628] Gewässer zwischen Nord und Süd Deutschlands für Krieg und Verkehr wichtig gestellten Punkt“ angelegt und hieß deshalb auch, wie die Veste Koburg die fränkische Krone und die Heldburg die fränkische Leuchte, sonst das fränkische Thor (Porta Franconiae). Einen andern Namen erwarb der Stadt die Grundgestalt ihres alten Kerns, der Altstadt (Wasserstadt oder alte Ringmauerstadt); denn auch eine Neustadt entstand im Norden der alten, wo die Berge mehr zurücktreten und Raum boten für die heutzutage überall üblichen modernen Anlagen breiter und freundlicher Straßen voll geschmackvoller und ansehnlicher Gebäude.

Der Altstadt Meiningens standen für ihren Weltverkehr nur zwei Thore offen: das obere Thor, das nach Franken, und das untere, das nach Thüringen und Hessen führte, und beide waren und sind verbunden durch die untere und obere Marktstraße, die beide in das Herz der Stadt, den Markt, münden. Das wiederholt sich in mehreren Werrastädten. Parallel mit dieser Hauptstraße und dem Lauf der Werra durchziehen die Altstadt in ihrer ganzen Länge von Süd nach Nord links die lange Gasse und rechts die untere und obere Freitagsgasse und, vom Markt an, die Schuhgasse, und alle sind wiederum durch meist enge Quergäßchen verbunden. Da nun, noch von Zeiten der alten Befestigung her, gegen Westen die Werra und der Mühlgraben die Stadtgrenze bilden, auf den übrigen Seiten aber zwei parallellaufende Canäle sammt einem mit Kastanien, Obstbäumen und Gärten besetzten hohen Damme bogenförmig die Stadt begrenzen, so stellt dieses Gesammtbild der Altstadt eine Harfe vor, deren Saiten die vier langen Straßen sind, und davon heißt Meiningen die Harfenstadt. Arme Harfe! Von deinen Saiten ist keine mehr ganz, die Brandsturmnacht des fünften September hat sie alle zerrissen.

Wer den Bewohnern eines Ortes in’s Herz blicken will, muß prüfen, wie von ihnen die sie umgebende Natur behandelt wird. Wenn sie jedes Fleckchen Erde zu einem Gärtchen benutzen und jeden Garten auch mit Blumen und Schmucksträuchern zwischen den Obstbäumen und Kohlbeeten ausstatten, dann findet man bei ihnen sicherlich Herzensgüte und Bildung, die auch in Städten ohne Reichthum gar wohl zu Hause sein können. Meiningen ist ein solcher Ort. In seinem Thale und an den Terrassen seiner beiden Bergreihen hinan grenzt Garten an Garten; ich glaube meinem landeskundigen Freunde Brückner auf’s Wort, daß man deren weit über vierhundert zählt, von denen viele ihre Stätte durch Gartenhäuschen und selbst durch reizende Villen kennzeichnen. Und wie dankbar ist die Natur! Sie lockte Schaaren beschwingter Sänger herbei, die Ohr und Herz der Menschen erfreuen; vor Allem aber gesellte in entzückender Menge zur Harfe sich die Nachtigall.

Es ist wohl kein zu kühner Sprung, wenn wir bei solchen Sängern auch an menschliche denken und überhaupt solche Menschen, von denen der Dichter sagt, daß die Stätte, die sie betraten, für alle Zeiten geweiht sei. Wie alle unsere kleinen sächsisch-ernestinischen Residenzen in Thüringen und Franken, erfreut auch Meiningen sich des Vorzugs, mehr als eine solche Stätte zu hüten. Wir dürfen einen Riesenschritt in die Vergangenheit wagen, um beim Ersten zu beginnen. Eine Stunde von Meiningen, werraaufwärts, steht noch das einst glänzende Hennebergische Grafenschloß Maßfeld, in welchem schon 1207 die Dichtkunst Pflege fand, denn damals ward Wolfram von Eschenbach hier zum Ritter geschlagen, und Bitterolf war der Grafen Vasall. Auch später schlossen die Künste und Wissenschaften sich ihrem eifrigsten Pfleger, dem Fürstenhofe, an, der seit 1680, wo einer der sieben Söhne Ernst’s des Frommen das Herzogthum Meiningen stiftete, hier seinen Sitz behielt. Eine Glanzzeit führte, meist ohne andere Lockmittel als die seiner ausgezeichneten Persönlichkeit, Herzog Georg herbei. Zu dem heimischen Dichter Ernst Wagner gesellte sich damals Alles, was zur „Bettenburger Tafelrunde“ gehörte, vor Allen Jean Paul. Der viel zu früh gestorbene Liebling seiner Vaterstadt, der Patriot und Philolog August Henneberger[WS 1], erzählt in einem besondern Schriftchen, das ihm zu Liebe nicht vergessen werden sollte, gar anmuthig das cordiale Verhältniß zwischen dem Fürsten und dem Dichter, wie oft der Herzog ihn vor seiner Wohnung im zweiten Stock des Amthor’schen Hauses in der untern Marktstraße zum Spaziergang abgerufen oder sich zu ihm und seiner liebenswürdigen Frau zu Gast geladen. Wer blickt nicht gern zu einem solchen Fenster empor, aus welchem so oft Jean Paul’s: „Gleich, Durchlaucht!“ erklungen? Jetzt schmückt die eherne Büste des Dichters den schönen Raum, wo einst der Dichter mit dem Fürsten ging. –

Noch bis 1847 besaß Meiningen das rührendste, ein lebendes Denkmal für Schiller. Wer bis damals am untern Stock des Eckhauses der Schloß- und untern Marktstraße vorbeiging, konnte stets an demselben Fenster eine Matrone sitzen sehen, deren Anblick einen sinnigen Beobachter nicht gleichgültig lassen konnte. Es war Schiller’s Schwester Christophine, die Gattin des Sprachforschers und Bibliothekars Hofrath Reinwald, die am 31. August 1847, neunzig Jahre alt, hier starb. Ihr ganzes Leben, ihre ganze Umgebung war Brudercultus, nicht blos daheim im Stübchen, sondern auch draußen im Berggarten am Marienweg, auf der nördlichen Seite von der Stadt. Dort hat das treue Schwabenherz viele Obstbäume gepflanzt, die aus des Vaters Baumschule auf der Solitüde bezogen waren; die wärmste Pflege aber fand des Bruders Lieblingsbirn, „das Stuttgarter Geißhirtle“. Ganz in der Nähe, am Saume eines Kiefernwaldes, steht ein Berghäuschen, in welchem Schiller mehrere Scenen seines Don Carlos gedichtet, und in dem Häuschen zeigt man noch ein Wandschränkchen mit einer Thür, auf deren Rückseite Schiller selbst eine Scene aus Don Carlos mit Bleistift skizzirt hat. – Lassen wir uns endlich auch einen Gang nach Bauerbach nicht verdrießen, denn dort sehen wir noch wohlerhalten die Stube, in welcher der seinem Herzog Karl aus Stuttgart glücklich entflohene Dichter auf dem Gute der Frau von Wolzogen als „Doctor Ritter“ Sicherheit und Ruhe fand. Seit dem 10. November 1859 schmückt das Haus die Inschrift: „Hier lebte und dichtete Friedrich Schiller vom December 1782 bis 20. Juli 1783.“

Stätten, wo Werke unserer Literatur, wie der „Titan“ und die „Flegeljahre“, „Fiesco“, „Cabale und Liebe“ und „Don Carlos“, theils vollendet, theils vollständig geschaffen, theils begonnen worden sind, verdienen wohl, von allen Deutschen als nationale Wallfahrtsorte geehrt zu werden. – Wir müssen viele Namen verschweigen, die auch auf anderen Feldern, in der Musik, in Malerei und Bildhauerei, in der Tonkunst und in den Wissenschaften, einen guten Klang haben; nur an den Naturforscher Bechstein erinnern wir noch, an die Maler Reinhart und Schröter, an Tonkünstler, wie die beiden Bach, Zöllner und Kummer, an den alpenkundigen Schaubach und an Ludwig Bechstein, der um die deutsche Sagen- und Märchenkunde sich vor Vielen verdient gemacht hat. Jetzt wohnt Friedrich Bodenstedt dort, und häufiger als je hat Meiningen in letzter Zeit für seine „classische Bühne“ die Anerkennung der Presse gefunden.

Aus der Pflege solcher einzelner, hervorragender Größen läßt sich mit Recht schließen, daß auch den Bildungsanstalten aller Art die rechte Sorge zugewandt wurde; und so ist es. Die Gelehrtenschulen stehen in Flor, Alterthums-, naturforschende und andere Vereine regen zu erhöhter Thätigkeit an, und die reichen Sammlungen im Residenzschlosse (Bibliothek, Naturaliensammlung etc.) stehen dem allgemeinen Gebrauche offen. Hinsichtlich der Bürger- und Volksschulen leistet Meiningen selbst für Thüringen Musterhaftes. – Dies Alles konnte auf das bürgerliche Gewerbsleben nicht ohne Einfluß bleiben, und so ist namentlich seit der Vollendung der Werrabahn auch in diese Schichten des arbeitenden Volkes ein neuer, frischer Geist gefahren, der mit den alten Schranken der Vorurtheile gebrochen hat. Nur ein Erbe aus alter Zeit ist der Stadt geblieben und hat viel zu der verheerenden Wirkung des großen Brandes beigetragen. Wie alle Städte in dem fruchtbaren Werrathale, trieb nämlich Meiningen von alten Zeiten her neben den kleinbürgerlichen Gewerben vorzugsweise Ackerbau und Viehzucht und behielt aus alter Gewohnheit die landwirthschaftlichen Gebäude vollständig auch innerhalb der Altstadt bei. Spricht auch das langandauernde Glück, das die Stadt vor jeder größern Feuersgefahr behütet hatte, und der Umstand, daß die Altstadt vom Wasser nicht blos von allen Seiten um-, sondern in allen Längsgassen durchflossen ist, entschuldigend für die alte Gewohnheit, so hat doch die Versäumniß, ohne den Zwang der Noth das gefahrdrohende Uebel zu beseitigen, sich um so fürchterlicher gerächt.

Um unseren Lesern einen Begriff von der Raschheit des Brandes und dem Umfange seiner Verheerung zu geben, müssen sie uns auf einem Gange durch die Stadt vor dem Ausbruche desselben begleiten. Wir gehen vom obern Thor durch die obere [629] Marktstraße auf den Markt und nehmen an der nordwestlichen Ecke der Stadtkirche, die frei auf der untern Hälfte der östlichen Seite desselben steht, festen Stand. Hier sehen wir in der Mitte zwischen der Kirche und der nördlichen Markthäuserfronte den Marktbrunnen, von einem Kranze von Akazien schön umgeben; die westliche Seite schmücken das große Landschaftsgebäude (Ort der Landtagssitzungen) und daneben das stattliche alte, mit dreizehn Erkern und gothischem Schmucke verzierte Rathhaus. Zur Linken desselben öffnet sich die Schlundgasse, welche zur (oben bereits genannten) langen Gasse führt; eine Apotheke bildet ihr Eckhaus nach der Marktseite. Dem Chore der Kirche gegenüber mündet östlich die Caplaneigasse auf den Markt, im nordöstlichen Winkel des Marktes gehen nach Osten die Salzmannsgasse, nach Norden die lange Schuhgasse aus, mit welcher parallellaufend uns gegenüber die untere Marktstraße sich ausdehnt, während im nordwestlichen Winkel des Marktes die Metzengasse beginnt und sich westlich zur langen Gasse hinzieht.

Der Markt wie die beiden Marktstraßen gewähren den wohlthuenden Anblick mittelstädtischer Wohlhabenheit, denn hier stehen, außer den genannten und anderen öffentlichen Gebäuden, die großen Geschäftshäuser der Kaufmannschaft, Kaufläden, Buchhandlungen, Apotheken, Gasthöfe und die ansehnlichsten Privathäuser; dagegen umfaßt der ganze große Complex östlich von der untern Marktstraße und nördlich von der Salzmannsgasse die Hunderte von kleineren Häusern, nach denen Alles drängt, was auf billige Wohnung halten muß. Hier wohnt der kleine Handwerker, welcher seine Werkstatt wo möglich in der Familienstube haben kann, und der Bauhandwerker, welcher früh auf die Arbeit geht, dem die Frau oder ein größeres Kind das Mittagsessen im Henkeltopf zur Werkstelle trägt, und der erst wieder am Abend des Anblicks der Seinigen froh wird. Hier wohnen Hunderte, denen Stube, Kammer und Küche das gesammte Hab und Gut birgt, Handarbeiter, Eisenbahnbedienstete, Lehrer, Zöglinge der verschiedenen höheren Schulen, Subalternbeamte, Briefträger etc. Wer von diesen Allen kann an die Versicherung seines Mobiliars etc. denken? Und doch verlieren sie Alles, wenn sie Das verlieren, was ihr Stübchen birgt. Und dieses Schreckensbild thut sich nun vor uns auf.

In der zweiten Hälfte der nördlichen Seite der Schlundgasse, nach der langen Gasse hin, brach am Sonnabend, den 5. September, spät Nachmittags zwischen vier und fünf Uhr in einem Bäckerhause das Feuer aus – und ergriff sofort eine danebenstehende und von unten bis oben gefüllte Scheune. Diese furchtbare Brandstoffmasse entfaltete im Nu eine Flamme, welche die Hintergebäude des Rathhauses und des Landschaftshauses ansteckte und so mit einem Schlag die Lohe bis zum Markte trug. Die tüchtige Meininger Feuerwehr stand anfangs allein im Kampf gegen das Feuer, das schon bis zur Metzengasse Herr war, ehe die nächste Nachbarhülfe herbeikam.

Noch hielt man sich jenseits des Marktes und im ganzen Nordosten der Alstadt für sicher, und Alles half, wo es konnte. Vor Allem wurden die werthvollen Sachen, Archiv- und Actenstücke aus Rath- und Landschaftshaus nach der andern Seite des Marktes in die Häuser zwischen der Salzmanns- und Caplaneigasse geborgen und auch anderes geflüchtete Gut dort und auf dem Markt niedergelegt. Aber während der Telegraph nach allen Seiten hinaus Hülfe rief und Extrazüge der Eisenbahnen die Feuerwehren der Werrastädte von Coburg bis Eisenach in stürmischer Hast herbeitrugen, hatte das Flugfeuer schon drei Straßen übersprungen und hinter einem Eckhause der engen Metzengasse seine ausgiebigste Nahrung gefunden: die ebenfalls vollgefüllten Scheunen und Stallungen der Hofmetzgerei.

Bis zu diesem Augenblicke wäre es für die Bewohner des nordöstlichen Stadttheils noch möglich gewesen, ihre fahrende Habe zu retten. Aber noch immer hielt man sich dort für sicher, bis das neue Flugfeuer seinen vernichtenden Lauf begann. Viele dort wohnende Beamte halfen eifrigst und völlig unbesorgt um das Ihre in ihren Bureaux mit bergen, während ihre Wohnungen schon in hellen Flammen standen; ja, es kam vor, daß die Leute zum Fenster heraus nach dem Stand des Feuers fragten, indeß ihnen das Dach über den Köpfen zu brennen anfing. Denn als nun jene Scheunen aufloderten, hatte die Gluth längst den Südwestwind, der das Verderben weiter tragen sollte, zum Sturm verwandelt, der Feuerregen fegte über die Dächer dahin, und wo er ein offenes Bodenloch fand, da fand er auch neue Nahrung, sodaß das Feuer bald allwärts wie vom Himmel zu fallen schien. Da machte die Sorglosigkeit plötzlich der gräßlichsten Verwirrung Platz, und es begann die allgemeine Flucht mit dem Einzigen, was noch zu retten war: mit dem nackten Leben.

Jede Vorausberechnung verhöhnend, sprang das Feuer nicht nur aus der Metzengasse zur linken und von da sofort zur rechten Seite der untern Marktstraße, sondern über den breiten Markt hinüber zu den so sicher geglaubten Häusern der östlichen Marktseite, und nicht nur alles auf den Markt gerettete Gut, sondern all die aus dem Rath- und Landschaftshause geborgenen, zum Theil unersetzlichen Schätze an Urkunden und anderen landes- und stadtgeschichtlichen Kunst- und Werthsachen gingen vollständig zu Grunde. Und als nun auch die nördliche Häuserreihe der Salzmannsgasse aufleuchtete, stand der Verheerungsweg in den Nordost-Stadttheil offen und war dessen Schicksal besiegelt.

Von da an konnte es für die herbeigeeilten Feuerwehren der Werrabahn-Städte von Coburg bis Eisenach nur noch gelten, das wüthende Element auf den Herd zu beschränken, den es sich erobert hatte, ein Kampf, den sie mit echtem Heldentrotze bestanden. Und welchem Feinde waren sie gegenüber gestellt! So intensiv war die Hitze des sturmdurchwühlten Flammenmeers, daß dreistöckige Häuser zu reinen Aschenhaufen zusammengefressen wurden, aus deren Mitte die Schornsteine als schauerliche Denksäulen emporragten.

Das sind die Schlachten, die das Verhängniß der Bürgerwohlfahrt liefert: alle Schrecken des Kriegs mitten im Frieden. Schwerlich haben die „Zweiunddreißiger“, das Regiment des Landes, auf allen Zügen der „zweiundzwanzigsten Division“, von Wörth bis Sedan und von Orléans bis Le Mans, eine wildere Verwüstung vor Augen gehabt, als ihre Garnisonstadt sie ihnen zeigt – jetzt nach ihrer Heimkehr von den Manövern.

Ja, es ist ein Stück Krieg des Schicksals, und so wird die Kriegsentschädigung aus den treuen Händen des in Kampf und Sieg geeinten deutschen Volkes auch hier nicht fehlen. Und wer jenseits der Meere mit uns sich des neuen deutschen Reiches freut, wird das deutschgebliebene Herz auch für diese Kriegsgeschädigten sprechen lassen. Wohl hat die schamlose Feder eines deutschen Correspondenten in amerikanischen Zeitungen die Deutschen als „fechtende Handwerksbursche“ beschimpft, „die überall nur bettelten und nie selber gäben“; diese Lüge ist zu offenbar, um Männer zu täuschen. Diese werden stets Den verachten, der seine eigene Nation schmäht, und eine Nation achten, die sich so, wie die deutsche, die Achtung der Welt errungen hat.

Friedrich Hofmann.




Bei den Fjeldlappen.


Nordisches Culturbild, von Dr. P. G. L–tz.[WS 2]

Als man mich im vorigen Jahre nach Norwegen schickte, um die Moose dieses sumpf- und bergreichen Landes für die Herbarien der Mitglieder des Kryptogamischen Reisevereins einzutragen, war das, worauf ich am meisten gespannt war, die Begegnung mit den Lappen.

Wenn für uns das Interessanteste das ist, was von dem, was wir zu sehen gewohnt sind und kennen, am meisten abweicht, so giebt es wohl in Europa nicht leicht ein interessanteres Object als dieses Nomadenvolk der norwegischen Hochgebirge, die biederen Stammverwandten unserer ritterlichen Ungarn.

Auf der Rückfahrt nach dem Süden versäumte ich nicht, den Aufenthalt in Tromsö zu benutzen, um das Lappenlager daselbst zu besuchen. Es liegt im Tromsdale, circa anderthalb Stunden vom Landungsplatze entfernt. Die lange Trockenheit hatte den sonst ziemlich bodenlosen Weg durch den Wald einigermaßen gangbar gemacht, und so war es eine vergnügliche Abendwanderung, [630] die ich dahin unternahm. Um vom Landungsplatze nach dem Eingange des Thales zu gelangen, muß man eine niedrige Bodenanschwellung übersteigen. Je höher man an derselben emporsteigt, desto herrlicher und imposanter thun sich die Gebirge vor dem Blicke auf. Es sind wilde, edelgeformte Zacken

Die Gartenlaube (1874) b 630.jpg

Fjeld-Lappen in Festtracht vor ihren Zelten.
Nach norwegischen Skizzen.

mit schrecklichen Wänden, kühnen Spitzen, weiten Schneefeldern, welche den Mittelgrund des Bildes einnehmen, zu beiden Seiten von öden Fjelden flankirt, jenen endlosen langgezogenen sanftwelligen Bergflächen, die so charakteristisch für Norwegens Hochgebirge sind.

Vorn liegt Tromsö auf einer flachen Insel, deren Höhe angenehmer Birkenwald bedeckt, deren Seiten Saatfelder, Wiesen und Höfe einnehmen, während unten die hölzerne Stadt mit der hölzernen gothischen Kirche sich malerisch ausdehnt. Auf dem Meeresarme endlich, welcher die Insel vom Festlande trennt, bewegt sich der verschiedenartigsten Schiffe und Kähne buntes Gewimmel. Da ich mich nicht enthalten konnte, eine Farbenskizze dieser wunderlichen Fernsicht meinem Skizzenbuche einzuverleiben, so wurde es zehn Uhr, ehe mir das Gebell der gelben, zottigen Hunde die Nähe des Lappenlagers verkündete.

Diese Lappen sind schon halbcultivirte Nomaden; die meisten Fremden, welche das Dampfschiff bringt, besuchen sie, und sie sind speculativ genug, den Tag, wo das Dampfschiff anlandet, die Heerde von dem Hochgebirge zu holen, der reichen Engländer

[631]
Die Gartenlaube (1874) b 631.jpg

Die Fjeld-Lappen auf ihrer Sommer-Alm am Eismeer.
Nach einer norwegischen Abbildung.

[632] gewärtig, welche diesem Schauspiele nachgehen. Heute war ich der einzige Fremde, welchen der Wind hierher verweht, und wurde denn auch meiner Würde gemäß empfangen. In einer aus Birkenprügeln errichteten Verzäunung weideten gegen fünfhundert Rennthiere: wie ich vernahm, etwa der vierte Theil des Besitzstandes, über welchen das Familienhaupt gebietet. In den mannigfaltigsten Stellungen lagerten oder standen die schönen Thiere mit den sanften, klugen Augen umher, und jauchzend und plaudernd sprang eine Anzahl Kinder und Erwachsener zwischen denselben ab und zu; die Buben warfen den Kühen den Lasso um’s Genick, das Geweih war noch zu jung und noch mit Fell überzogen; dann wurden sie an einem der umherliegenden Birkenklötze festgebunden und von den Mädchen gemolken. Die Böcke, oft mit den kolossalsten Geweihen, sodaß man kaum begriff, wie das Thier dieses Gewicht tragen konnte, standen oder lagerten, von dieser Procedur unbehelligt, zwischen den anderen. Die Thiere waren ziemlich scheu, ließen sich nicht gern anrühren, auch nicht von den Lappen; sie wechselten eben das Haar, und über dem jungen ließ sich das alte leicht in dicken Büscheln ausraufen. Zwischen den braunen Thieren befand sich eine ganze Anzahl weißer.

Doch auch der männlichen Heerde blieb es nicht erspart, ihren Tribut zum Besten der Familie zu zahlen, wenn nicht in Milch, so doch in Blut; denn mit Verwunderung sah ich, daß auch einem Bocke die Schlinge über das Genick fiel und denselben an den Block fesselte. Afrajo, der Familienälteste, stieß ihm das Messer mit raschem Stoße in’s Herz und ließ es daselbst stecken. Mit unendlich hülfeflehendem Blicke seiner großen Augen blickte das arme Thier umher, bis es nach kurzer Frist wankte, in die Kniee sank und bald verendete. Es wurde dann rasch ausgeweidet, das Blut sorgfältig gesammelt und ein Theil das Fleisches zum Mahle bestimmt. Ich lud mich dazu ein.

Es waren echte Gammen, welche von den hier ansässigen Leuten bewohnt wurden, nicht die leichten Sommerzelte, welche die Lappen sonst auf ihren Wanderungen in der guten Jahreszeit begleiten. Diese Familien schienen wenigstens den ganzen Sommer hier zuzubringen und haben sich deshalb zu festen Wohnsitzen bequemt. Auf gekrümmten Hölzern sind Rasenstücke aufgebaut, und so ein halbkugeliger Erdhaufen aufgeschichtet, welcher in seinem Innern den Wohnraum birgt. Das Ganze ist etwa von Manneshöhe. In der Mitte ist der Feuerherd, über dem ein großer Kessel hängt; eine weite Oeffnung in der Decke gestattet dem Rauche den Abzug. Der Raum unter dem Rasendache ist am Boden mit weichen Rennthierfellen belegt und dient den Familiengliedern und den Hunden zur Lagerstatt. Die wenigen Geräthe, deren eine Lappenfamilie bedarf, sind unter den Zelten untergebracht, die in der Nähe der Gamme stehen; solcher Zelte bedienen sich die Lappen indessen nur bei schlechtem Wetter; jetzt waren es blos einige Stangengerüste, an denen allerlei Kleidungsstücke und Geräthe hingen.

Während das Mahl bereitet wurde, trieb ich mich noch außen herum und plauderte mit den Leuten, so weit es das beiderseitige gebrochene Norwegisch gestatten wollte. Allerlei kleine Gegenstände wurden mir zum Kaufe angeboten: Komager, die spitzen Schnabelschuhe aus Rennthierfell, sowie ganz zierlich geschnitzte Löffel aus Rennthierhorn u. s. f.; auch mit Rennthiermilch ließ ich mich bewirthen, die, indem sie durch einen Haarballen gegossen ward, nothdürftig von Haaren und Schmutz befreit wurde. Es ist eine köstliche, feste, aromatische Milch, von der aber jede Kuh nur äußerst wenig giebt.

Nun war es zum Abendessen Zeit, und die Familie versammelte sich in der Hütte; mir wurde der Ehrenplatz gegenüber der Thür angewiesen; zu meiner Rechten saß der Familienälteste, ein häßlicher, schmutziger Lappe von unangenehmem Gesichtsausdrucke, zu meiner Linken Prinzessin Gula, ein gar nicht häßliches Lappenmädchen von kleiner Gestalt und angenehmem Gesichte. Leider war die entsetzlich schmutzige Kleidung von abgeschabten Rennthierfellen wenig geeignet, ihre Reize zu erhöhen. Rechts und links folgten noch mehr Familienglieder, nächst der Thür saßen die Kinder zweifelhaften Geschlechts. Die älteren Frauenzimmer tragen einen grobwollenen Unterrock, die Kinder gehen ebenso gekleidet. Zwischen die Menschen drängten sich die Hunde; wir schienen im engern Familienkreise zu sein, die nächste Gamme schien dem Gesinde anzugehören.

Zuerst wurde nun ein Stück vom Bug des Thieres in dem brodelnden Kessel kaum halbgahr gesotten, von Prinzessin Gula auf ihrer Schürze zerlegt und an die einzelnen Glieder der Familie vertheilt. Auch ich bekam mein vollgemessen, gerüttelt und geschüttelt Maß und fand das Fleisch sehr wohlschmeckend, abgesehen davon, daß das Salz fehlte. Darauf wurde in die Fleischbrühe vom Blute des Thieres gethan, dann Milch, zerschnittene Stücke von Herz, Leber und Lunge und ein wenig Mehl; zuletzt wurde das Ganze abermals gekocht; als dieses Gemisch fertig war, ward es in hölzernen Näpfen an die Einzelnen vertheilt und mit gleicher Begierde wie das Fleisch, größtentheils mit den Fingern vertilgt. Auch diesem Gerichte konnte ich meinen Beifall nicht versagen, nur daß ich die gleiche Ausstellung wie bei dem vorigen zu machen hatte, nämlich in Betreff des Mangels an Salz.

Für die Bewirthung wie für die Kleinigkeiten, die ich gekauft hatte, waren die Forderungen nur mäßig. Auch die reichen Engländer werden nicht stärker geschröpft, wie ich früher aus den Preisen der von ihnen gekauften Sachen ersah.

Mitternacht war nun nicht allzu fern, aber es war doch nicht Nacht; zwar die Zeit der vollen Mitternachtssonne war vorüber, und das Gestirn tauchte schon fast seine volle Scheibe unter den Horizont, aber es blieb hell und warm. Die Rennthierheerde wurde nun aus der Fenz entlassen; die gesättigten Familienglieder mit den ihnen zugehörigen Hunden eilten jauchzend voraus, langsam folgte die Heerde und kletterte unter Grunzen und häufigem Stillstehen an den Berghängen empor – ein schöner Anblick, wie sich die Heerde an demselben zerstreute, von den kläffenden Hunden zusammengehalten, aufgescheucht vorwärts getrieben; das bekannte eigenthümlich knisternde Geräusch der Kniekehlen machte sie dem Ohre noch aus ziemlicher Ferne vernehmbar.

Kurz darauf hatte ich Gelegenheit, den echt nomadischen Lappen in ihren Eiswüsten einen Besuch zu machen und in ihren Sommerzelten auszurasten. Es war auf einem Ausfluge nach dem Sulitelma. Dieser Umstand war für uns Ursache, einem in der Nähe befindlichen Lappenlager einen Besuch abzustatten. Wir glaubten das Ziel noch weit und wollten nun eine förmliche Entdeckungsreise arrangiren: ein Pferd für’s Gepäck, Decken und Felle, um nöthigenfalls im Freien zu übernachten – alles das sollte herbeigeschafft werden. Es war aber gerade die Zeit der Heuernte; die Leute hatten wenig Zeit, und die dortigen Pferde sind weit von den berühmten norwegischen Bergpferden in Hardanger etc. verschieden, werden zudem wie Kindbetterinnen geschont. Sich selbst legen die Leute alle möglichen Anstrengungen auf, aber dem geliebten Gaul darf nichts passiren. Wir wurden daher an die Lappen gewiesen; diese seien vertraut mit Weg und Steg im Gebirge und den Pfaden über die Gletscher und Abgründe, bei ihnen könnten wir auch Rennthiere für’s Gepäck miethen.

Wir mußten nach unserm Ziel ein Stück über den Langvandsee rudern. Wenn es irgendwie weitere Entfernungen gilt, scheinen dem Normann die Füße ganz ungeeignete Beförderungsmittel; obgleich das Seeufer keine irgend bedeutenden Terrainhindernisse bot, führte doch kein Weg an demselben auch nur bis zum nächsten, etwa eine Stunde entfernten Nachbar, und nun ging’s durch das Langvandsthal hinan. Der See bietet keine besonderen Naturschönheiten, er ist rings von langgestreckten Fjelden umgeben, jenen sanften, endlos gedehnten Gebirgsformen, welche das nordische Hochland charakterisiren und aller kühnen Formen bar sind; aber an diesen Bergen, welche den See umgeben, donnern von allen Seiten ungeheure Wasserfälle herab; die Mulden des Hochgebirges sind von Ketten großer Seen ausgefüllt, oben wie in den tieferen Thälern läßt der Wasserreichthum keinen Fußbreit ebenen Landes frei, alle Tiefen sind mit Seen bedeckt; erst wo das Land ansteigt, findet der Fuß Raum. Diese Seen entleeren Gewässer in den Langvand, und sie stürzen in imponirenden Massen theils über sanfter geneigte Abhänge in raschem Schusse herab, theils donnern dieselben über Felswände in schauerliche Rotunden hinunter, die sie sich selbst gewühlt haben. Mehrere dieser Fälle würden in besuchten Gegenden Ziel mancher Wallfahrten von Naturschwärmern werden, zumal ob der ungeheuren Wassermassen, die sie zu Thale senden. Hier donnern sie Jahr aus, Jahr ein ihre gewaltige Melodie, ohne daß ein Mensch derselben lauscht.

[633] An einem dieser Fälle kletterten wir denn empor durch dichten Wald und üppiges Kraut, welches den Boden bedeckte. Riesige Fichten, Balsambirken und der Vogelbeerstrauch waren hier die drei einzigen Vertreter baumartiger Vegetation.

Nicht lange hatten wir zu steigen, so lag die Waldregion hinter uns, und wir bogen nun in ein ödes Hochthal ein; die Vegetation schwand mehr und mehr; die todte Erde, das nackte Gestein behielten die Oberhand über die spärliche Grasnarbe; öde Steinhalden, Uten, ziehen sich von den Berghängen herab. Schneezungen leckten von den Schneefeldern des Hochgebirges herein, und schon verkündete das Bellen der Hunde die Nähe der Lappländer und ihrer Heerde. In der That kamen sie eben vom Gebirge herab, an dreihundert Stück, und bald wurden uns auch die Zelte sichtbar, denen sie zustrebten.

Ehe wir dieselben erreichten, wurde uns aber auch bereits die Zwecklosigkeit unseres Besuches klar, denn wo sich das Langvandsthal nach dem Hochgebirge öffnet, schaute finster und imponirend die gewaltige Gestalt des Sulitelma herein; wir sahen seine scharfe Schneide mit ihren Zacken, die gewaltige Felswand, mit der er zum Gletscher abstürzt, in scheinbar unmittelbarer Nähe vor uns.

Es war noch früh am Tage, baldiges Einbrechen der Nacht nicht zu besorgen; also wurde frisch an die Besteigung des gewaltigen Berges gegangen. Die Resultate dieser Wanderung werden an anderm Orte eine breitere Darlegung finden. Hier sei nur erwähnt, daß Nebel uns hinderte, die Spitze zu erreichen, daß wir den ungeheuren Gletscher blos ein Stück weit begehen konnten, welches sich zwischen den verschiedenen Häuptern des Sulitelma ausbreitet. Endlich senkte sich der Nebel von der Bergspitze herab und drohte uns den Weg völlig zu verdunkeln, indem er uns mit seinem finstern Schleier umhüllte. Trostlose Wanderung in dunklem, feuchtem Nebel durch die endlosen, gedehnten einförmigen Schnee- und Felswüsten des nordischen Hochgebirges! Als wir uns dann wieder in’s Thal herabsenkten und sich der Nebel in Regen auflöste, boten uns die Zelte der Lappen eine willkommene Station.

Die beiden Zelte sind in der einen unserer Abbildungen dargestellt; über einige Birkenstangen, die sich oben kegelförmig zusammenneigen, ist grobes Segeltuch gespannt; es bedeckt das Stangengerüst nicht ganz, sondern läßt oben eine weite Oeffnung zum Ausgange des Rauches frei; auf dem Boden breitet sich das Segeltuch noch eine Strecke neben dem Zelte hin und gewährt der spärlichen Habe der Familie eine nothdürftige Decke; die eine Seite des vieleckigen Zeltes bildet die Thür. Das Segeltuch ist über eine Anzahl Querstäbe gespannt und kann so leichter emporgehoben werden. Nach der Windseite hin ist die Bedeckung doppelt, und auch über das Rauchloch ist nach dieser Richtung hin noch ein Fetzen Tuch gehängt, um das Einblasen des Windes in das Zelt zu verhüten. Das Innere trägt die einfache Einrichtung der Gammen: ein eiserner Kessel über dem Feuerherde, rings um das Feuer weiche Rennthierfelle, auf denen die Menschen und Hunde lagern. Wir trafen eine zahlreiche Familie im Innern des Zeltes und fanden kaum noch Platz, uns am Feuer zu lagern und zu wärmen. Eine Mutter zahlreicher Kinder, welche wie die Orgelpfeifen den ehelichen Segen des Himmels priesen, bildete den Mittelpunkt der Gruppe.

Unterdeß war der Termin gekommen, wo zwei Glieder der Familie zwei andere ablösen und die Wache über die Rennthierheerde im Gebirge übernehmen mußten; pfeifend riefen sie ihre Hunde an sich und zogen mit ihnen dem Hochgebirge entgegen. Immer muß diese Wache stattfinden, bei Tage wie bei Nacht, selbst in dem fürchterlichsten Wetter; kein Glied der Familie, das den Dienst leisten kann, ist davon ausgeschlossen; jedes trifft die Reihe, jedes hat dann seine eigenen Hunde, welche es selbst aufgezogen und die nur ihm gehorchen, und zieht mit ihnen zu den eisigen Höhen, um die scheuen, nur halbzahmen Thiere zusammenzuhalten und den Wolf zu verscheuchen.

Letztere Gefahr hat seit einigen Jahren bedeutend abgenommen; der Wolf, den die Lappen früher aus abergläubischer Furcht nicht schossen, sondern nur verscheuchten, wird jetzt von denselben erlegt, da sie gern die von der Regierung festgesetzte Prämie verdienen. Noch mehr aber wurde die Zahl dieser Raubthiere vermindert durch eine epidemische Krankheit, welche unter denselben grassirte. In Folge dieser Verminderung der Wölfe haben sich die wilden Rennthiere, sowie die Elke bedeutend vermehrt, wozu außerdem noch die trefflichen Gesetze über die Schonung nützlicher Thiere viel beitragen.

Um die Gäste zu ehren und zu erwärmen, bereitet die Hausfrau einen Kaffee – o Cultur, die alle Welt beleckt! Kaffee in einem Lappenzelte, im norwegischen Hochgebirge, an der lappländischen Grenze! Ich hörte jedoch, daß dieses Genußmittel vielen Eingang unter den Lappen gefunden hat, und es mag wohl zum Theil einen willkommenen Ersatz für den Branntwein bilden. In einem ganz modernen Theekessel wurde das Wasser gewärmt, alsdann der Kaffee gemahlen und hineingethan, das Gebräu (Gott sei Dank, ohne es durchzugießen) in Kaffeetassen gegossen, die vorher vor unseren Augen ausgespült wurden, Rennthiermilch hinzugesetzt und das Ganze uns präsentirt. Es war eine willkommene Erquickung. Der Regen wollte nicht aufhören, und meine beiden normannischen Begleiter hatten keine Lust aufzubrechen, sondern plauderten mit den Leuten, welche des Normannischen leidlich mächtig waren. Einige Männer beschäftigten sich mit Schnitzereien zur Reparatur von Hausgeräthen; halbwüchsige Kinder beiderlei Geschlechts bewunderten uns; die Scene wiegte mich in sanften Schlaf, in dessen Armen ich ruhte, bis zum Aufbruche geblasen wurde. Wir langten in später Nacht und gründlich durchnäßt wieder am Seeufer an und fanden im Stadel auf duftigem Heu, über das Rennthierfelle gebreitet waren, während Schaffelle uns als Deckbett dienten, eine willkommene Nachtruhe.

Die Lappen, welche wir besucht hatten, waren in Schweden zu Hause; dort stehen ihre Gammen, und dort haben sie ihre eigentliche Heimath; den Sommeraufenthalt im Hochgebirge betrachten sie nur als Erholung, er ist ihr Tegernsee oder Partenkirchen. – In Schwedens dichten Wäldern wohnen sie meist etwas dichter beisammen, oft in der Nähe einer Kirche, wo sie auch Vorrathshäuser besitzen; dieselbe bildet das Centrum ihres geistigen und geselligen Verkehrs. Schlitten oder der leichte Schneeschuh führen sie dort zusammen; dort finden sie die normannischen Kaufleute, die ihnen liefern, was sie bedürfen, und dafür Pelze, Komager, Handschuhe, Schneehühner, welche sie in unendlicher Menge fangen, gefrornes Rennthierfleisch, Rennthierschinken, Rennthierkäse und gefrorne Rennthiermilch eintauschen, welche sie nach dem Süden liefern, sodaß wir jetzt sogar an Herrn Murschel’s*[1] gastlicher Tafel davon zu genießen bekommen. Dort vollzieht sich auch der Verkehr unter den Lappen selbst; die Jugend trifft sich, zarte Herzensverhältnisse knüpfen sich an und schließen, wenn die Alten über die Zahl der Rennthiere einig geworden sind, mit der Prosa der Ehe.

Schmilzt aber der Schnee, schattirt sich das weiße Winterkleid des Hasen mit Braun, dann läßt sich das Rennthier nicht mehr in den Niederungen zurückhalten; ihm folgen die Familien und stieben nach allen Richtungen des öden, endlosen Hochgebirges auseinander. Je höher die Sonne steigt, desto höher steigt auch der Lappe in’s Gebirge, und desto mehr nähert er sich dem Meere, über dem sich im Norden die höchsten Gebirgserhebungen unmittelbar aufbauen und dann in dasselbe hinabstürzen. Es ist oft ein mühseliger Dienst, den die lappischen Hirten zu besorgen haben; das Zelt steht im Thale, in einer Höhe, daß wenigstens Birkengestrüpp zur Feuerung in der Nähe ist; die Thiere weiden oft viele Stunden entfernt im Hochgebirge und werden nur an einzelnen Tagen zum Melken herbeigetrieben. Ein solches Lager am Ufer des nördlichen Eismeeres stellt unsere außerordentlich charakteristische Landschaft dar.

Neigt sich aber die Sonne bereits wieder um Mitternacht unter den Horizont, dann treten die Lappen allmählich wieder den Rückzug an; der sinkenden Jahreszeit entsprechend, steigen sie nach und nach an der langsam nach der Ostsee sich abdachenden Gebirgsplatte herab, bis der erste dauernde Schnee sie wieder in ihren Gammen findet.

Dieses wandernde Leben ist das Ideal des Stammes; nur bei ihm findet sich der Lappe frei und glücklich. Wenn sich seine Heerde so weit vermindert, daß sie ihm nicht mehr Unterhalt gewährt, muß er an der Meeresküste bleiben und Fischer werden; aber die Sehnsucht nach dem Nomadenleben erlischt nie, und jeden Augenblick ist der Seelappe bereit, seinen Kahn und seine Hütte mit dem Zelte und der Gamme zu vertauschen.

Die Zelte unseres Holzschnittes stellen die beiden Sommerzelte

  1. * Eine Münchener Restauration


Hierzu die „Allgemeinen Anzeigen zur Gartenlaube“, Verlag von G. L. Daube & Comp.

[634] dar, unter deren Leinwand wir gastlichen Unterschlupf fanden; zur Linken ist ein Gestell, an dem die blutigen Theile eines frischgeschlachteten Rennthiers hängen; zu oberst sehen wir den Magen, welcher mit Rennthierkäse gefüllt ist.

Die Gruppe jedoch vor dem einen Zelte stellt verschiedene Trachten und Typen der Lappen dar. Der Lappe links ist etwas willkürlich in seiner Wintertracht dargestellt, dem dicken, weißen Pelze mit dem Rauhen nach innen und der großen Pelzhaube aus Otterfell, welche einen Theil des Kopfes einhüllt.




Blätter und Blüthen.


Amerikanische Freigebigkeit. James (Jacob) Lick, ein Deutsch-Pennsylvanier, ging in seinen jungen Jahren nach Südamerika und wurde erst, nachdem er sich in den Pampas von Chile eine große Heerde Vieh und Pferde erworben hatte, der Lieferant der Regierung für deren Reiterei und Commissariat; dann finden wir ihn auf der andern Seite der Anden, in den peruanischen Städten, als Kaufmann. Als die Nachricht von den Goldfeldern Californiens auch nach Südamerika gedrungen war, entging er dem Goldfieber nicht. Er übergab die Führung seines Geschäftes einem Freunde und machte so viel Geld flüssig, daß er nach Abzug der Reisekosten Californien mit einer Summe von ungefähr zwanzigtausend Dollars betreten konnte. Dort angekommen, wußte er nichts Besseres zu thun, als mit großer Umsicht sein Geld in Grundeigenthum anzulegen, welches jetzt mehrere Millionen werth ist. In den ersten Jahren baute er selten und stets mit großer Vorsicht, später häufig und großartig. Auf solche Weise und da er sich stets mit Erfolg in die verschiedensten Speculationen und Unternehmungen einließ, wurde er einer der reichster Männer Californiens. Aber nicht blos der Reichthum ist es, welcher Lick auszeichnet, sondern der Umstand, daß er einen großen Theil des erworbenen Reichthums wohlthätigen und gemeinnützigen Zwecken widmete. So dotirte er:

Ein Observatorium auf der Spitze der Sierra mit 700,000  Dollars.
Eine polytechnische Schule mit 300,000 
Zu einer bronzenen Statue in San Sacramento 250,000 
Für das Key-Monument in San Francisco 150,000 
Für öffentliche Bäder daselbst 150,000 
Zu einem Frauen-Hospitale daselbst 100,000 
Der Ladies Protection and Relief Society daselbst 25,000 
Zu dem protestantischen Waisenhause in San José 25,000 
Zu jenem in San Francisco ebenfalls 25,000 
Zu einer Bibliothek für Arbeiter daselbst 10,000 
Der Gesellschaft zum Schutze gegen Thierquälerei 10,000 
Der Akademie der Wissenschaften und
     der Pionniergesellschaft zu San Francisco
     Grundeigenthum im Werthe von
255,000 
Im Ganzen  2,000,000  Dollars.




Nachträgliches zu dem „New-Yorker Millionär“ (Gartenlaube 1874, Seite 9). Während man den armen Teufel, der aus Noth einen Laib Brod gestohlen hat, der äußersten Disciplin gemäß im Zuchthause mit der größten Härte behandelt, werden dem Millionendiebe Tweed, welcher die Casse und den Staat New-York auf eine so freche Weise beraubt hat, nicht nur Erleichterungen und Privilegien aller Art gestattet, sondern es soll sogar im Werke sein, daß er auf der Insel, welche das Zuchthaus trägt, in das er verurtheilt worden ist, nur – internirt wird. Ein Schritt weiter, und es wird dieser großartige Dieb, den man für sich und die Seinigen im ruhigen Besitz und Genuß seines Raubes gelassen hat, völlig – begnadigt, geht frei aus, und die ganze Geschichte ist eine Komödie gewesen. Und welch eine Komödie, das möge der geneigte Leser aus der folgenden Beschreibung der Bestrafung des großen Diebes entnehmen, welche das „Belletrist. Journal“ enthält. Des Zweckes halber möchte die „Gartenlaube“ hier wohl einmal von ihrer Regel, nichts schon anderweitig Veröffentlichtes wieder vorführen zu wollen, abweichen. Der Zweck ist aber zunächst der, in Deutschland vor der idealen Auffassung amerikanischer Zustände ernstlich warnen zu wollen. – Nur die nüchternste und kälteste Beobachtung kann vor dieser Veridealisirung bewahren. Es ist überhaupt seltsam, wie man in Deutschland – sogar in der Presse – von einem Lande, mit dem so viele und mancherlei Berührungen und Beziehungen bestehen, noch so viel Unverstandenes, Unrichtiges gedacht, gesagt, geschrieben und behauptet wird. Das besagte Blatt aber bringt in seiner Nr. 23 folgende Notiz:

„Tweed auf Blackwells Island. – Mr. Tweed hat noch nie einem Patienten eine Hülfeleistung geboten;*[1] seine Pflichten werden von einem der Reconvalescenten im Hospitale versehen, den er dafür bezahlt. Das Einzige, was er thut, ist, daß er die täglich verordneten Medicamente in ein neues Buch einträgt; aber auch dies wird ihm mitunter langweilig, und dann läßt er die Sache von jemand Anderem besorgen.

Tweed steht gegen sieben Uhr auf und liest die Morgenzeitungen, deren er sich sechs hält; dann geht er zum Frühstück, welches er im Hause des Wardens (Aufsehers), das ungefähr eine Viertelmeile vom Hospitale liegt, einnimmt. Gegen neun Uhr kehrt er zu seinem übrigens elegant möblirten Kerker (?) zurück, der einstweilen sorgfältig in Ordnung gebracht worden ist, und beschäftigt sich mit seinem Privatsecretär oder empfängt Besuche bis ein Uhr. Hierauf folgt eine Promenade, ein gutes Diner und Siesta bis drei Uhr. Das Abendessen. wird ihm auf das Zimmer (wo ist der Kerker?) geschickt. Er ist auf seinen Gängen von Niemandem bewacht und kann, wenn er Lust hat und seine Freunde ihn befreien wollen, jeden Augenblick entfliehen.

Jeden Tag besuchen seine Söhne den düstern Kerker (!) und bringen ihm Weine, Liqueure und alle Delicatessen, welche die Saison bietet. Einer der Gefangenen, welcher an einem Expreßdiebstahl betheiligt war, ist sein Kammerdiener. Sein (Tweed’s) hartes Lager besteht aus einer (Spring-)Feder-Bettstelle und zwei Haarmatratzen; der Boden des Kerkers ist von einem eleganten Teppiche bedeckt, und die Aussicht auf den East-River**[2] gehört zu den schönsten, welche man sich in der Umgegend von New-York denken kann.

Die weiblichen Mitglieder seiner Familie besuchen ihn jeden Samstag gegen zwei Uhr Nachmittags und bleiben bis vier ein halb Uhr. Tweed empfängt sie gewöhnlich am Boothause oder im Hause des Wardens.

Bei einem kürzlich stattgefundenen Besuche der Grand Jury mußte er, welch ein Hohn! ‚nach Vorschrift‘ die Sträflingsuniform***[3] anziehen, welche er bisjetzt im Ganzen nur dreimal (!) getragen hat. Dann kehrte er in’s Hospital zurück und zog seine gewöhnlichen Kleider wieder an. Viele der Geschworenen begrüßten ihn, als er uniformirt war, mit warmem Händedrucke und erklärten sich bereit, Alles für ihn zu thun, was in ihren Kräften stände; worauf der ‚Boß‘ versicherte, daß er sich nach Umständen ganz wohl befinde. Kein Wunder! Wie mancher New-Yorker würde, namentlich jetzt, seine Freiheit gern mit einem solchen Kerkerleben vertauschen!“

D.

  1. * Jeder Sträfling muß sich nützlich machen, arbeiten. Dem Millionendiebe ward die Obliegenheit eines Krankenwärters übertragen.
  2. ** Blackwells Island ist die größte der New-York umgehenden Inseln und hat eine reizende Lage. Auf ihr befinden sich das Strafarbeitshaus, das Armenhaus und das Arbeitshaus, sowie eine Irrenanstalt und ein Krankenhaus.
  3. *** Diese Uniformen sind zebra-ähnlich.




Nicht zu übersehen!

Mit dieser Nummer schließt das dritte Quartal unserer Zeitschrift. Wir ersuchen die geehrten Abonnenten, ihre Bestellungen auf das vierte Quartal in der Buchhandlung des Ortes oder dem nächsten Postamte schleunigst aufgeben zu wollen.




In dem vierten Quartal kommt an Novellen zum Abdruck:
„Die Geschichte vom Spötterl“. Aus den bairischen Bergen. Von Hermann Schmid.
Die Schlußcapitel von Werner’s „Gesprengte Fesseln“ und
„Ein Meteor“ von E. Werber, Verfasser von „Ein Leidenschaft“ (Jahrgang 1872)

Aus der großen Reihe der belehrenden und unterhaltend-instructiven Artikel, welche außerdem im nächsten Quartal zur Veröffentlichung kommen, führen wir nur an: „Der letzte Sonnensohn“. Historische Skizze von Johannes Scherr. – „Der Dichter von Mein Leopold“. Von Julius Stettenheim. Mit Illustration. – „Die Muckergräuel in Brasilien“. Originalschilderung von M. in Valle de Paraiso. – „Fritz Reuter’s Louising“. Mit Illustration. – Transport und Ausschiffung wilder Thiere. Mit Abbildung. – Die Gattin eines Volkskämpfers. – Die österreichische Nordpol-Expedition.

In Folge einer Verordnung der kaiserlichen Post werden die nach Erscheinen der ersten Quartalnummer aufgegebenen Bestellungen nur gegen Portovergütung von 1 Sgr. ausgeführt. Wir bitten also unsere Post-Abonnenten, zur Ersparung dieser überflüssigen Ausgabe, ihre Bestellungen

vor Erscheinen der ersten Nummer des nächsten Quartals

aufzugeben, bei späteren Bestellungen aber den von der Postbehörde octroyirten Groschen zu zahlen und jedenfalls die bereits erschienenen Nummern des Quartals nachzufordern. Jede Postbehörde hat die Verpflichtung, das Quartal vollständig zu liefern.

Die Verlagshandlung.


Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: August Henneberg
  2. Vorlage: K. G. L–tz