Die Gartenlaube (1876)/Heft 16

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1876
Erscheinungsdatum: 1876
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Inhaltsverzeichnis

[259]

No. 16.   1876.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich  bis 2 Bogen. Vierteljährlich 1 Mark 60 Pfennig – In Heften à 50 Pfennig.



Nachdruck verboten und Ueber-
setzungsrecht vorbehalten.     
Im Hause des Commerzienrathes.


Von E. Marlitt.


(Fortsetzung.)


Flora lachte zornig auf. „Das hat Unsereins davon, wenn es sich solch ein Jüngstes nicht mindestens zehn Schritte vom Leibe hält. Das ist so die echte Backfischmanier, wichtig und vertraulich zu thun, als ob man um Gott weiß was Alles wüßte, und täppisch und tactlos immer wieder eine unangenehm klingende Saite im Menschenherzen zu berühren, die man gern vergessen möchte. Habe ich nicht schon drinnen erklärt, daß der gestrige Auftritt im Walde mein ganzes Blut- und Nervenleben so wahnsinnig aufgestürmt hatte, daß ich für Alles, was nachher geschehen ist, nicht verantwortlich gemacht werden dürfe? Meine sehr liebe Käthe, Du willst mir in Deiner unerschöpflichen Weisheit sagen, daß sich an meinen Verlobungsring überhaupt kein Omen mehr knüpfen könne, weil – nun, weil er da drüben im Flusse liege, gelt, Schatz?“ – Sie lachte abermals kurz auf. – „Wie, wenn ich nun bei aller Leidenschaftlichkeit und Sinnesverwirrung, bei allem Grolle über eine ungerechte, vorurtheilsvolle Kritik, die mir schonungslos in das Gesicht gesagt worden war, schließlich dennoch ein menschliches Rühren gespürt und mein süßes Kleinod nicht von mir geworfen hätte? Hast Du das Ringlein fallen hören, Kind? Unmöglich! Denn – hier sitzt es ja,“ sie drehte den Reifen spielend am Finger, „nachdem es vorhin wirklich Miene gemacht hat, mich freiwillig zu verlassen –“

„Weil es Dir zu weit ist. Du hast schlankere Finger als Deine verstorbene Mutter,“ fiel Käthe unerbittlich ein; sie bebte am ganzen Körper vor Entrüstung.

Flora aber fuhr mit einer Geberde empor, als wolle sie mit den Händen nach ihr stoßen. „Natter Du!“ murmelte sie ergrimmt. „Ich habe auf den ersten Blick hin gewußt, daß Deine bäurisch plumpe Gestalt einen widerwärtigen Schatten auf meinen Lebensweg werfen würde. Wie kannst Du Dich unterstehen, mir nachzuspüren, meinem Thun und Lassen wie ein Spion nachzuschleichen? Du mir? Sind das die ehrenhaften Grundsätze, welche Dir die ‚vortreffliche‘ Lukas einzupauken vorgegeben hat?“

„Meine Lukas lasse aus dem Spiele!“ sagte Käthe, diesem maßlos leidenschaftlichen Ausbruche plötzlich eine kühle, imponirende Ruhe entgegensetzend. „Daß ich so denke und handle, das hat die Erziehung nicht verschuldet; ich weiß, diese ‚ehrenhaften Grundsätze‘ stecken mir von meinem braven Vater her im Blute; ich verabscheue die Komödie im Menschenverkehre und will eher zeitlebens verstummen, als daß ich eine Lüge gut heiße. Bist Du gewohnt, Deine Umgebung mit einem so kühnen Vorgehen zu verblüffen und dermaßen einzuschüchtern, daß sie zu Deinem falschen Spiele stillschweigt, so glückt Dir das bei mir nicht, so jung und so wenig weltgewandt ich auch noch sein mag. Ich lasse mich nicht verwirren – ich habe gesunde Augen und ein starkes Gedächtniß –“

„Ei, das sind allerdings robuste Naturgaben, vor denen ein anderes Menschenkind mit seinen fein nüancirten inneren Regungen und Antrieben freilich nicht aufkommen kann,“ rief Flora. Sie hatte, während Käthe sprach, einige Male Miene gemacht, ironisch lachend zu gehen und den „moralisirenden Backfisch“ stehen zu lassen; sie hatte die Hände geballt, sich auf die Lippen gebissen und erbarmungslos das spärliche Grün von den saftstrotzenden Zweigen eines Busches gezupft – aber gegangen war sie doch nicht, und jetzt sprach sie so überlegen und gefaßt, als habe sie nicht einen Augenblick das innere Gleichgewicht verloren. „Ob Du mich verstehen wirst, Kind?“ – sie zuckte die Achseln – „ich glaube es kaum. Du hältst Deinen langweiligen Maßstab der sogenannten Moral mit kindlicher Gläubigkeit fest und missest die Seelen daran, wie der Krämer die bestimmte Ellenzahl, gleichviel, ob das Zeug grob oder fein, grün oder roth ist, aber ich will mich bemühen, deutlich zu werden.“

Sie trat einen Schritt näher, sodaß die junge Schwester ihren balsamischen Athem wehen fühlte. „Nun ja, Du hast Recht,“ sagte sie gedämpft, und ließ einen raschen Seitenblick über die Fensterreihe des Hauses hinfliegen, „mein Verlobungsring liegt dort im Flusse. Ich habe ihn von mir geworfen in einem Anfalle höchster Verzweiflung, mit dem Gefühle unaussprechlichen Ekels vor dem Leben der Armseligkeit an Bruck’s Seite. Mädchen Deines Schlages werden das freilich nicht begreifen. Ihr wählt Euch den Mann, je nachdem er sein Auskommen, eine einnehmende Gestalt und – einen hübschen Bart hat, und ist das ‚Ja‘ einmal gesprochen, dann geht Ihr mit ihm durch Dick und Dünn, und das ist ja auch ganz brav; solche Mädchen werden rechtschaffene Mütter wohlerzogener Söhne; sie hocken im heimischen Neste und schließen furchtsam und demüthig die Augen, wenn ein Adler vor ihnen in die schwindelnde Höhe steigt. Zu einem solchen Adler aber geselle ich mich; da, wohin er sich versteigt, weht meine Lebensluft; ich halte mich an seiner Seite; ich jauchze ihm zu und ermuthige ihn in seinem stolzen Fluge –“

[260] „Um ihn, wenn ein heimtückischer Schuß seine Flügel lähmt, für eine Krähe zu erklären und ihn feige zu verlassen,“ fiel Käthe ein – dieser Einwurf brandmarkte mit wenigen Worten den ganzen schamlosen Verrath der selbstsüchtigen Schwester, und die ihn ausgesprochen, sie stand da mit untergeschlagenen Armen, die verkörperte ernstzürnende, in ihren Gefühlen tiefverletzte Weiblichkeit. „Und wenn Du noch gegangen wärest, verstohlen und schweigend, wie es doch sonst die Art der Treulosigkeit ist, aber Du hast erst noch dem bittersten Hasse Luft gemacht, hast Dich an dieser Stelle für die Verrathene, Betrogene erklärt, und jetzt stehst Du wieder auf dem mißachteten Boden –“

„Als Bruck’s vergötterte Braut, die erst einem schweren Irrthume verfallen mußte, bis sie die ganze Größe des ihr bestimmten Glückes einzusehen vermochte,“ ergänzte Flora mit triumphirendem Hohne. Sie maß die Schwester von unten bis oben mit einem boshaft funkelnden Blicke. „Schau, Du kannst ja auch ganz allerliebst impertinent sein, Kleine! Ich bin förmlich frappirt von der hübschen Wendung, die Du vorhin meinem Gleichnisse gegeben hast. … Ei nun ja, eine ganz respectable Dosis bürgerlichen Hausverstandes ist Dir ja nicht abzusprechen, aber sie reicht gerade so weit, um die Ausbrüche einer genialen Natur, einer Feuerseele mißzuverstehen – was weißt Du von einem psychologischen Räthsel! Hätte ich gestern von abtrünniger Freundschaft gesprochen, dann hättest Du Recht, Dich über meine plötzliche innere Wandlung zu scandalisiren und sie für Komödie zu halten, denn aus Freundschaft wird niemals Liebesleidenschaft, wohl aber liegen Haß und Liebe in der Menschenseele eng zusammen; sie entzünden sich an einander, und dem glühend gezeigten Hasse liegt oft ein Uebermaß von Liebe zu Grunde. Ihr, mit Eurem stumpfen Gefühle, fasset das freilich nicht. Ihr kocht dem beleidigten Manne ein Lieblingsessen, um ihn zu versöhnen, während eine Natur wie die meine in eclatanter Sühne für ihn ein Verbrechen begehen, für ihn den Tod erleiden kann.“

Sie legte ihre geballte Rechte unter den Busen, als drücke sie sich bereits ein Stilet in das Herz. „Und nun lasse Dir sagen: Nie habe ich Bruck leidenschaftlicher, hingebender geliebt, als seit ich weiß, daß er wie ein Märtyrer gelitten, wie ein Held geschwiegen hat, seit ich mir sagen muß, daß ich ihn tödtlich gekränkt habe, aber auch noch nie“ – sie erfaßte plötzlich Käthe’s Hand und zog sie an sich, und die schmalen Finger, die sich um das warme, blühende Fleisch des jungen Mädchens klammerten, waren kühl wie der Zugwind, der jetzt vom Wasser herkam – „noch nie,“ flüsterte sie Käthe in’s Ohr, „war ich so glühend eifersüchtig. Merke Dir das, mein Kind! … Hier ist mein Revier. Und wenn mir auch nichts ferner liegt, als Dich für gefährlich zu halten – Du bist ihm durchaus nicht sympathisch, das habe ich längst gemerkt, auch hat er ja bis in alle Ewigkeit nur Aug’ und Ohr für mich – so bin ich doch nicht gewohnt, irgend ein Menschenkind neben mir zu dulden, das so absichtlich die Angenehme spielt. Dein ‚hausmütterliches‘ Schalten und Walten hier, Dein ungenirtes Kommen und Gehen in diesem Hause gefällt mir nicht. Du wirst das in Zukunft bleiben lassen – verstanden, Schatz?“

Das hieß deutlich und energisch gesprochen, und nun faltete sie ihre rauschende Schleppe zusammen und schritt so eilig dem Hause zu, als wolle sie jede Erwiderung abschneiden – ein ganz überflüssiges Manöver, denn das junge Mädchen hatte die blaßgewordenen Lippen fest geschlossen. Auf ein solch gerüttelt volles Maß des Uebermuthes, der Willkür und der beispiellosesten Doppelzüngigkeit hatte die ehrliche, unverdorbene Jugend keine Antwort.




18.


Es war im Mai. Die Bäume hatten bereits ihren Blüthenschnee wieder von sich geschüttelt, und der prachtvolle, krokusbesäumte Hyacinthenflor, der sich, Aufsehen erregend, über das weite Rasenparterre vor der Villa Baumgarten hingebreitet, war längst verblüht. Dafür färbten sich die Dolden der Syringenbüsche weiß und lila; das glänzende Kettengeschmeide des Goldregens schaukelte halbentfaltet an den Zweigen; aus den Blätterbüscheln der Rosenbäume streckten sich die spitzen, grünen Fühlfäden der ersten Knöspchen, und der Schatten auf den Zickzackwegen der Boscage und in der alte Lindenallee wurde intensiver. Der Fluß brauste wieder klarwellig durch die grünen Guirlanden seines Ufergebüsches, und über das alte, liebe Haus hinter ihm flocht sich ein maienduftiges Gewebe, das mit jedem neuen Morgen weniger von den weißen Mauern sehen ließ – die dicken, kräftigen Weinstöcke trieben ihre safttropfenden Ranken bis unter das vorspringende Dach hinauf.

Das Fremdenzimmer stand wieder leer. Henriette war längst in die Villa übergesiedelt; sie hatte sich scheinbar wieder erholt, ja, es schien sogar ein momentaner Stillstand in ihrer Krankheit eingetreten zu sein, und diese Wohlthat schrieb die Tante Diakonus einzig und allein Käthe’s Pflege zu. Die beiden Schwestern führten in der Beletage ein reiches, isolirtes Zusammenleben, das einen wunderbaren Reiz erhalten hatte, seit der neue Flügel in Käthe’s Zimmer stand. Aber nicht allein die Pflege der Schwester, auch der intime Verkehr mit der Tante hatte günstig auf Henriette eingewirkt; sie war in dem einfachen, gemüthlichen Fremdenzimmer anders geworden in ihren Lebensansichten und Lebensgewohnheiten – die Stille eines zurückgezogenen Lebens, die sie früher wie ein Gespenst geflohen, heimelte sie jetzt an, und sie blieb ruhig und wunschlos, mochte auch unter ihren Füßen der Gesellschaftstrubel noch so geräuschvoll werden.

Das Haus des Commerzienrathes aber war nie geselliger gewesen, als gerade jetzt, nachdem sein Besitzer geadelt worden. Es fanden sich manche neue, sehr willkommene Elemente ein, denen zu Ehren verschiedene Festivitäten arrangirt werden mußten, und darin waren die Erfindungsgabe der Präsidentin und die Börse des Commerzienrathes unerschöpflich. Der Mann hatte ein wunderbares Glück. Nie hörte man von einem Verluste, von einem Mißlingen; wo die Wünschelruthe seines Geschäftsgenies einschlug, da sprudelte die Goldquelle – man schätzte ihn nach Millionen. Und er verstand es, wie selten ein Glückskind, die neue Glorie der Auszeichnung vor so vielen anderen Erdgeborenen zu tragen, sie interessant und zum nie versiechenden Gesprächsthema für Hoch und Niedrig zu machen. Die Promenade vor der Villa Baumgarten war zur fashionablesten geworden; man zeigte die herrliche Besitzung, die sich Tag für Tag verschönerte, den Fremden; man sprach von den kostbaren Gemälden und Sculpturwerken, von den seltenen Sammlungen, die der Commerzienrath unablässig hinter den marmorverzierten Wänden aufspeicherte, von der Silberkammer, mit der sich die des fürstlichen Hofes kaum messen könne; man blieb gefesselt stehen, wenn eine seiner Equipagen vor dem Portale hielt, und wunderte sich, daß die leichten, aufstiebenden Wölkchen, die der trockene Frühlingswind von den Sandwegen über den Rasen hinstreute, nicht Goldstaub waren.

Es wurde fortwährend gebaut; ganze Strecken des Parkes waren deshalb kaum mehr zu passiren. Man schritt an aufgethürmten Quadern und schneeweißen Marmorblöcken hin, die beim Bau und der Einrichtung neuer Pferdeställe verwendet wurden – die alten, sehr geräumigen waren der Passion des Commerzienrathes für schöne Pferde längst zu eng geworden. Große Berge ausgegrabenen Erdreichs versperrten die Wege – für den sehr umfangreichen See, dem diese Massen Platz machen sollten, war das Terrain nicht günstig; er und das Palmenhaus, eine beabsichtigte Merkwürdigkeit für die Residenz, verschlangen Unsummen. Zu alledem erschien eines Tages auch noch eine Anzahl Bauhandwerker und machte sich an einem hübschen, großen Pavillon zu schaffen, der bis dahin unbenutzt und verschlossen gestanden hatte. Er lag eine ziemliche Strecke von der Villa entfernt, im Dickicht, aber von seinen oberen Fenstern aus hatte man doch den Blick auf die Promenade und die Stadt. Das zierliche Haus erhielt einen eleganten Anbau; es wurden neue Fenster mit ungebrochenen Scheiben eingesetzt, und dann und wann zog der Commerzienrath Tapetenproben oder Zeichnungen für das Parquet aus der Tasche und bat die Präsidentin, auszuwählen. Sie wurde zwar jedes Mal sehr spitz und ungnädig, und Flora kicherte in das Taschentuch, aber wählen mußte die alte Dame doch, und wenn sie auch dabei versicherte, daß die Ausbesserung der alten Baracke sie ganz und gar nicht interessire, daß sie zeitlebens übergenug für die Instandhaltung der Villa zu denken und zu sorgen habe, und sich nicht auch noch [261] um das „Logirhaus“ fremder Geschäftsfreunde kümmern könne, welches sie doch niemals mit einem Fuße betreten werde. Sie ignorirte denn auch den Neubau, trotz des beharrlich fortgesetzten und stets herüberklingenden Hämmerns und Pochens, wie nur je die herrschsüchtige Gemahlin eines Regierenden ihren zukünftigen Wittwensitz ignoriren kann.

Zwischen diesem Trubel, diesem hastigen Beginnen und Vollenden aber kam und ging der Commerzienrath wie ein Zugvogel. Er verreiste sehr oft in Geschäften, aber nur noch für kurze Zeit, wie er manchmal sagte, dann wollte er sich ein schönes Rittergut kaufen und Landedelmann werden. Hatte er aber einmal „ein paar Erholungstage“, dann war er sehr viel in der Beletage; den Nachmittagskaffee trank er regelmäßig droben, zum großen Aerger der Präsidentin, die dadurch ihr Lieblingsstündchen im Wintergarten verlor – sie war selbstverständlich viel zu aufmerksam, um „den lieben Moritz“ bei der verdrießlichen Kranken und dem jungen Backfisch allein zu lassen, und brachte das Opfer, stets fast zugleich mit ihm zu erscheinen.

Käthe war das sehr erwünscht; sie empfand nun einmal eine unüberwindliche, beklemmende Scheu vor dem Schwager und Vormunde, seit er sich so wunderlich zuvorkommend und zärtlich ihr gegenüber und dabei so falsch, so heimtückisch bei äußerlich unveränderter Liebenswürdigkeit gegen die Präsidentin zeigte. Sie nahm unwillkürlich die befangene Zurückhaltung der erwachsenen Dame an, wo sie sich früher harmlos kindlich gezeigt hatte. Aber gerade das schien ihn zu belustigen und in seiner seltsamen Art zu bestärken. Er las ihr ihre Wünsche von den Augen ab; er hatte längst seine Einwilligung gegeben, daß der unbenutzte Theil des Mühlengartens an die Arbeiter verkauft werde – nie setzte er dem Wohlthätigkeitssinne des jungen Mädchens irgendwie Schranken, und war ihre Börse auch noch so oft leer, er füllte sie ohne Widerrede. „Du darfst Dir den Spaß schon erlauben, Käthe – ich werde bald einen zweiten Eisenspind anschaffen müssen,“ sagte er dabei im Hinblick auf das staunenswerthe Anwachsen des Capitals. Sie nahm eine solche Aeußerung stets mit finsterem Schweigen auf – er hatte auf ihre ernsten Fragen mit all’ seinen diplomatischen Wendungen und Finessen die Anklage des Volkes, daß ihr Reichthum auf erbarmungslose Weise erwuchert sei, nicht widerlegen können, auch ließ die Präsidentin keine Gelegenheit vorübergehen, wo sie diesen Vorwurf begründen konnte – das kindlich naive Ergötzen, mit welchem Käthe es früher „so über alle Maßen hübsch“ gefunden, reich zu sein, hatte sich in eine Art von Furcht und Angst vor den Geldmassen verwandelt, die so riesig, auf so dämonenhafte Weise anschwollen, als müßten sie eines Tages in gerechter Vergeltung erdrückend über sie herstürzen.

Sie war überhaupt ernster geworden; das sonnige Lächeln, das ihr erregbares, heiteres Temperament sonst so oft und rasch über ihre Züge hinfliegen ließ, zeigte sich nur selten. So recht herzensfreudig war sie nur noch im Hause am Flusse, und auch da nur in gewissen Stunden. Die Tante Diakonus unterrichtete nämlich seit lange eine Anzahl bedürftiger Kinder unentgeltlich im Nähen und Stricken – das geschah Jahr aus, Jahr ein an den Mittwoch- und Sonnabendnachmittagen. In diesen kleinen Kreis hatte sich Käthe mit der freudigen Bewilligung der alten Frau eingeschmuggelt. Der Umgang mit Kindern war ihr völlig neu und machte Saiten in ihrer Seele erklingen, die sie bis dahin nicht geahnt hatte – es war die zärtlichste Hinneigung zu den kleinen Geschöpfen und die plötzliche Erkenntniß, daß sie im Grunde ihres Herzens den Beruf, die jungen Wesen an Leib und Seele zu stützen, sie kräftig und gesund zu erhalten und bildend auf sie einzuwirken, jedem anderen weit vorziehe.

Sie kleidete die Kinder, wo es noth that – in ihrem Nähkorb lag stets ein angefangenes Röckchen oder Schürzchen; sie sorgte – was die Tante Diakonus nicht hatte ermöglichen können – nun auch für ein reichliches Vesperbrod während der Unterrichtsstunden, und eine wahre Augenweide war es für die alte Frau, wenn das junge Mädchen mit dem Korb voll Obst und Brödchen erschien und mit wahrhaft mütterlicher Würde an den schönsten, rothbackigen Apfel eine Belohnung zu knüpfen wußte. Für den Sommer verlegte die Tante den Unterricht in den Garten; die Kinder, meist in den engsten und dumpfesten Straßen der Stadt wohnend, sollten nun auch die Wohlthat genießen, sich in reiner, gesunder Luft auf dem Rasen, unter schattigen Obstbäumen, tummeln zu dürfen. Käthe hatte zu dem Zweck hübsche, tragbare Bänke angeschafft, zugleich aber auch eine Anzahl Bälle und Reifen für die Spiel- und Erholungsstunde, die sich nunmehr an die Unterrichtszeit anschloß.

Flora war tieferbittert über diesen Verkehr, der sie, ihrer Meinung nach, in ihren Rechten, ihrer Beziehung zu der Tante beeinträchtigte, aber sie war klug genug, das im Haus am Flusse nicht verlauten zu lassen – man kam ja bei „der Alten“ stets so schlecht an, wenn man „das große Mädchen mit der Plebejerröthe auf dem Sommerschen Gesicht nicht für eine wahre Musterkarte aller erdenklichen Tugenden hielt“. Die schöne Braut kam auch täglich in das Haus; sie hatte sich weiße, mit Stickerei garnirte Latzschürzchen dutzendweise machen lassen und erschien nie ohne diesen häuslichen Schmuck, der ihr allerliebst stand. Den Vorwurf konnte man ihr nicht machen, daß sie nicht Alles aufgeboten hätte, den Beifall der Tante Diakonus zu erringen. Sie setzte ihr zartes Gesicht der Gluth des Küchenfeuers aus, um Pfannkuchen backen zu lernen; sie ließ sich über das Einmachen der Obstfrüchte und Gemüse, über die Behandlung der Wäsche belehren und nahm wohl auch einmal der Magd das Bügeleisen aus der Hand, um versuchsweise ein Stück Hauswäsche zu plätten, allein so groß auch das Opfer war, das damit gebracht wurde, es vermochte nicht, die alte Frau aus der überaus höflichen, aber doch sehr reservirten Haltung, die sie seit jenem unheilvollen Abend angenommen, herauszulocken – es war, als ob sie genau wisse, daß Flora nach dergleichen Anstrengungen wie zu Tode erschöpft in ihr Ankleidezimmer wankte, dort die Schürze mit einer halbunterdrückten Verwünschung in die Ecke schleuderte, und sich dann zur Erholung meist in den Wagen warf, um die Runde bei den Freundinnen zu machen, deren schwer zu verbergender Neid eine unerschöpfliche Quelle der Genugthuung für sie war. Diese Freundinnen behaupteten einstimmig, die Frau Universitäts-Professorin in spe liege mit ihren bauschenden Falbeln wie ein radschlagender Pfau im Coupé, und ihr Uebermuth sei kaum noch zu ertragen.

Der jähe Umschwung in Doctor Bruck’s Carrière wurde noch immer wie ein Wunder angestaunt. Daß der zuvor kaum noch mitleidig über die Achsel angesehene, so hart verurtheilte und verfehmte junge Arzt plötzlich als fürstlicher Hofrath durch die Straßen der Residenz schritt, konnte Mancher nur schwer begreifen. Der Mann wuchs nun in den Augen des Publicums und der gesammten Hofgesellschaft himmelhoch, und weil er durch seine Uebersiedelung nach L…..g für die Zukunft unerreichbar wurde, so wollte jeder Leidende womöglich noch von ihm hergestellt sein. So kam es, daß Doctor Bruck auf einmal mit einer kaum zu bewältigenden Praxis förmlich überbürdet war. Sein angefangenes Manuscript blieb unberührt auf dem Schreibtisch liegen; er schlief in der Stadtwohnung, aß meist eilig im Hotel, das angebotene Couvert im Hause des Commerzienrathes consequent ablehnend, und mußte die flüchtige Besuchszeit in der Villa und bei der Tante Diakonus, wie er sich ausdrückte, seinen Patienten abstehlen.

Käthe sah ihn nicht oft, und deshalb fiel es ihr um so mehr auf, wie sehr er sich verändert habe – jedenfalls in Folge der Anstrengung, meinte sie. Er sah bleich und ermüdet aus, und sein früher wohl zurückhaltendes, nachdenklich stilles, aber überaus mildes Wesen war einer finsteren Verschlossenheit gewichen. Mit Käthe hatte er seit jenem Moment, wo sie ihn, von Flora’s Armen umstrickt, im Flur überrascht hatte, kaum zwei Worte gewechselt, und zwar in so scheuer, schnell abbrechender Weise, daß sie sich nicht verhehlen konnte, er zürne ihr ihres damaligen unwillkommenen Erscheinens wegen. Sie ging ihm deshalb auch verletzt, mit einem Gemisch von Trotz und Verlegenheit aus dem Wege, wo sie nur konnte.

In seinem Verhalten zu Flora dagegen war nicht die leiseste Wandlung eingetreten; er war genau ein so ernster, würdevoller Bräutigam, wie an dem Tage, wo Käthe die Verlobten zum ersten Male zusammen gesehen. Sie mußte manchmal denken, der ganze entsetzliche Auftritt im Fremdenzimmer der Tante Diakonus sei entweder ein toller Spuk ihrer eigenen Phantasie gewesen, oder Doctor Bruck müsse vergessen und unliebsame Erinnerungen in seinem Gedächtnisse so spurlos auslöschen können, wie selten ein Mensch. Flora mochte freilich erwartet haben, daß mit ihrer Bitte um Verzeihung, mit ihrer [262] offen an den Tag gelegten Reue sofort wieder jenes schöne, innige Verhältniß eintreten werde, wie es zu Anfang ihrer Brautschaft bestanden. Mußte er nicht, bei seiner unzerstörbaren Leidenschaft für sie, namenlos glücklich sein, sie nun unwiderruflich besitzen zu dürfen? Vielleicht barg er tief innen dieses Glück, aber zeigte es nur nicht, und seine schöne Braut tröstete sich mit dem Gedanken, daß ein Mann wie Bruck allerdings nicht so rasch versöhnlich sein dürfe; wußte sie doch, daß mit der Hochzeit, die nunmehr für den September festgesetzt worden war, Alles anders werden müsse.

Mittlerweile war der 20. Mai, Flora’s Geburtstag, herangekommen. Auf allen Tischen ihres Zimmers dufteten Blumen, welche die guten Freundinnen herkömmlicher Weise gebracht hatten. Auch die Fürstin hatte der Braut des Hofraths, welcher mit Gnadenbeweisen förmlich überschüttet wurde, ein prachtvolles Bouquet geschickt, und von den „stolzesten Granden“ des Hofes waren Glückwünsche in der schmeichelhaftesten Form eingelaufen. Ja, es war ein Tag des Triumphes für die schöne Braut, ein Tag, an welchem sie wieder einmal so recht bestärkt wurde in ihrer felsenfesten Ueberzeugung, daß sie wirklich ein Liebling der Götter, eine für einen auserwählten Lebensweg Geborene sei.

Und doch lag ein leichter Schatten auf ihrer Stirn, und sie runzelte öfter ungeduldig und ärgerlich die Brauen. Auf dem Tische inmitten des Zimmers, zwischen den Gaben der Großmama und der Schwestern, stand eine hübsche Tischuhr von schwarzem Marmor; Doctor Bruck hatte sie am frühen Morgen mit einem begleitenden Glückwunschbillet geschickt und sich für die Vormittagsstunden wegen seines Nichterscheinens entschuldigt, da er einen Schwerkranken vorläufig nicht verlassen dürfe.

„Ich begreife Leo nicht, daß er nichts Hübscheres für mich zu finden gewußt hat, als das steinerne Unding da,“ sagte sie, verdrießlich auf die Uhr zeigend, zu der Präsidentin, die das Bouquet der Fürstin aus der Vase genommen hatte und unablässig daran roch, als müsse es einen ganz besonderen Duft ausströmen. „Ein schwarzes Geburtstagsgeschenk giebt man doch nicht gern; ich für meinen Theil finde es zum Mindesten geschmacklos.“

„Die Uhr ist vollkommen passend, gerade in Deinem Geschmacke gewählt, Flora; sie soll jedenfalls das wunderlich tiefsinnige Arrangement dieses Zimmers vervollständigen,“ sagte Henriette. Sie lag auf dem rothen Ruhebette und streifte mit einem spöttischen Blicke die schwarzen Säulenstücke in den vier Zimmerecken.

„Unsinn! Du weißt so gut wie ich, daß ich diese Einrichtung nicht mitnehmen kann. Moritz hat das Zimmer nach meiner speciellen Angabe eingerichtet, wie es ist, aber geschenkt hat er mir meines Wissens weder Möbel noch Ausschmückung. Ich möchte den Kram auch um Alles nicht mitschleppen; man sieht sich ebenso satt und müde an einer stereotypen Zimmereinrichtung, wie an einer oft getragenen Toilette. Was in aller Welt soll ich nun mit der schwarzen Figur da in meinem L…..ger Boudoir anfangen, das lila decorirt und mit Bronzegeräth geschmückt sein wird?“

„Ein frisches Bouquet wäre mir auch lieber gewesen, aber Du bist ja nicht sentimental, Flora,“ meinte Henriette, nicht ohne einen boshaften Anflug in der Stimme. Käthe aber, heute zum ersten Male schneeweiß gekleidet, stand neben einem herrlich entwickelten Myrthenbaume, welchen die Tante Diakonus selbst gezogen und herüber geschickt hatte, und ließ die Hand mit einem wehmüthigen Lächeln wie schmeichelnd über die feinblättrigen, biegsamen Zweige gleiten. Niemand beachtete das selten schöne Geschenk, dessen Hingabe jedenfalls ein schweres inneres Opfer gekostet hatte.

Nach Tische hielt man sich im Balcon- und Empfangszimmer auf, weil immer noch Gratulanten kamen und gingen. Sämmtliche Thüren der Zimmerreihe waren zurückgeschlagen; es war ein herrlicher Aufenthalt, dieses untere Stockwerk. Durch das vergoldete Bronzegitter des Balcons zogen weiche Lüfte, die den Duft vom jungen Lindenlaube der Allee und aus den halboffenen Blüthenknospen der Boscage herübertrugen, und in die hohen Fenster fiel das goldene Maienlicht; nur dem dunkelpurpurnen Zimmer vermochte es keinen Reflex abzulocken, das sah grämlich und kalt aus wie immer, und dem weichen Gefühle mußte der aufgehäufte Reichthum lebender Blumen zwischen diesen vier Wänden geradezu grausam erscheinen.

Henriette lag in einem Schaukelstuhle, der offenen Balconthür gegenüber. Sie hatte auch gern „maienhaft wie Käthe“ aussehen wollen und ihr hageres Figürchen in eine ganze Wolke weißer Mullgarnirungen gesteckt, aber fröstelnd hüllte sie den Oberkörper in einen weichen Shawl von gesticktem Crêpe de Chine, und darüber her wogte aufgelöst ihr reiches, blondes Haar, das sie seit dem letzten schweren Leidensanfalle nicht mehr aufnestelte. So still liegend und vom halbgedämpften Sonnenlichte überspielt, mit den weitoffenen, blauglänzenden und schwarzbewimperten Augen, der kalkweißen Haut, die nur in der Nähe der zarten Schläfen ein fieberhaft rother Anhauch betupfte, sah sie heute aus wie ein Wachspüppchen. Sie hatte Käthe an den Flügel im Musiksalon geschickt und wartete nun mit in den Schooß gefalteten Händen auf den Anfang des Schubert’schen Liedes „Lob der Thränen“. Da verdunkelten sich plötzlich die Fieberflecken auf dem schmalen Gesichtchen zum tiefsten Carmin, und die verschränkten Hände fuhren unwillkürlich nach dem Herzen – Doctor Bruck trat in den Salon.

Flora flog ihm entgegen und hing sich an seinen Arm. Sie ließ ihm kaum Zeit, die Anderen zu begrüßen, und zog ihn in ihr Zimmer, damit er ihre Geburtstagsgeschenke ansehe. Die schöne Dame, die so lange ihrem ganzen Thun und Lassen den Stempel der Gelehrsamkeit, der ernstgrübelnden Forschung aufzudrücken verstanden, zeigte heute, an ihrem neunundzwanzigsten Geburtstage, die naive Grazie einer Sechszehnjährigen, und in dieser Wandlung war sie mit ihrem lieblich belebten Gesicht und dem weichen Spiel der schlanken, biegsamen Glieder auch wirklich jugendlich reizend.

Käthe stand am Notenschrank und suchte nach dem begehrten Lied, als das Brautpaar hinter ihr weg nach Flora’s Zimmer schritt; sie sah sich nur flüchtig um, wobei sie einen halbverlegenen Gruß vom Doctor erhielt, und suchte dann um so emsiger.

„Sieh, Leo, mit dem heutigen Tage schließe ich die Vergangenheit ab, in der ich so schwer geirrt und mich nahezu um mein Lebensglück gebracht hätte,“ sagte Flora drüben mit unwiderstehlich süßer Stimme, während Käthe einen dicken Notenstoß aus dem Schranke hob. „Ich will die Erinnerung an jenen schlimmen Abend nicht wieder wachrufen, wo ich alle Herrschaft über mich verloren und in der Aufregung und Gereiztheit Aussprüche gethan habe, um die meine Seele, mein Herz selbst nicht wußten, aber um der Wahrheit willen, und weil ich mir doch das selbst schuldig bin, muß ich Dir sagen, daß auch Du damals geirrt hast, was Dein absprechendes Urtheil betrifft. Es war nicht der Trieb, mich hervorzuthun, der mich der Schriftstellerei zugeführt hat, sondern in der That die Begabung – deutlich gesagt – der Genius. Frage mich nicht weiter! Ich kann Dir nur versichern, daß ich meinen Weg gemacht haben würde, und zwar durch mein Werk ‚Die Frauen‘, das Du ja nicht kennst. Es ist nach Aussprüchen von competenter Seite wohl geeignet, meinen Namen rühmend in alle Welt hinauszutragen, aber wie könnte es mir jetzt wohl noch einfallen, an Deiner Seite meinen eigenen Weg zu gehen und meine speciellen Fähigkeiten geltend machen zu wollen? Nein, Leo, ich werde mich einzig und allein in Deinem Ruhme sonnen, wie es der Frau ziemt, und damit mir auch in Zukunft die Versuchung nie wieder nahe tritt, müssen diese Blätter, das Resultat emsigen Studiums und des poetischen Quells, der nun einmal in meiner Seele quillt und sprudelt, aus der Welt verschwinden.“

Käthe umschritt in diesem Augenblick, das endlich gefundene Notenblatt in der Hand, den Flügel. Sie sah, wie Flora das Manuscript mit einigen Streichhölzchen entzündete und es auflodernd in den Kamin warf. Die schöne Braut wandte dabei den Kopf nach der Fensterseite zurück, wo jedenfalls der Doctor stand; vielleicht wünschte sie, er möchte den Versuch machen, sie in ihrem Beginnen zu hindern, allein kein Schritt wurde hörbar; keine rettende Hand streckte sich aus, um das „kostbare“ Brennmaterial den Flammen zu entreißen. Der Brandgeruch, den der Frühlingswind in das Zimmer zurücktrieb, wehte in den Musiksalon, und während Flora mit fest eingeklemmter Unterlippe und seltsam glimmenden Augen vom Kamin zurücktrat, nahm Käthe hastig den Platz am Flügel ein und begann sofort die Liszt’sche Phantasie über das „Lob der Thränen“.


(Fortsetzung folgt.)




[263]

Lied der Wandervögel im Süden.

Nun weht im deutschen Walde
Der feuchte Frühlingswind,
In Blumen prangt die Halde,
Der letzte Schnee zerrinnt;
Nach öder Winterplage
     Schmückt neu mit Grün sich Baum und Strauch,
Es werden lang die Tage: –
Nun auf! Zum deutschen Hage
     Zieh’n wir mit linder Lüfte Hauch.

Wohl sind wir zu beneiden:
Wenn Blatt um Blatt im Hain
Sich erdwärts senkt, dann meiden
Wir klug des Nordens Pein;
Indeß in Wintergrüften
     Natur entschläft im deutschen Land,
Zieh’n ob des Gotthards Klüften
Mit Wolken hoch in Lüften
     Wir nieder zu des Niles Strand.

Die Gartenlaube (1876) b 263.jpg

Der Schwalben Abzug aus Afrika.
Originalzeichnung von Albert Richter in Haking.


In’s Land der Pyramiden
Strebt unser Flug in Hast,
In stolzer Palmen Frieden
Winkt süße Winterrast;
Wenn rings des Lebens Spuren
     Daheim im Schnee begraben sind,
Umblüh’n uns grüne Fluren,
Der Aether lacht azuren,
     Und Lotuskelche duften lind.

Doch – weht die Luft auch milde,
Glüh’n Blumen auch in Pracht –
Uns locken Saatgefilde
Und deutsche Waldesnacht;
Zum nord’schen Wanderziele
     Schweift Sehnsucht suchend immerdar.
Kein Lied ertönt am Nile;
Zu süßem Minnespiele
     Eint nie sich dort ein trautes Paar.

Und wenn der Hauch des Märzen
Umspielt der Barke Kiel,
Mit wanderfrohen Herzen
Zieh’n heimwärts wir vom Nil;
Weitab von Memphis’ Thoren
     Trägt uns der Flug zum Apennin;
In blauen Duft verloren
Bald grüßen die Cadoren,
     Und froh seh’n wir die Alpen glüh’n.

Und von der Alpen Schroffen
Nach Ost und West und Nord
Zieh’n wir in süßem Hoffen
Zum trauten Heimathsort;
Des Harzwald’s Felsenplatten,
     Des Rheines grünes Uferried,
Thüringens Wiesenmatten
Seh’n Paar um Paar sich gatten
     Und hall’n von Lust und Lieb’ und Lied.

Wir seh’n, wie täglich dichter
Ergrünt der Buchenwald,
Wie gold’ger stets und lichter
Die Saat im Winde wallt;
Der Bach in Waldesräumen
     Stürmt jauchzend her zum Frühlingsfest;
An grünen Ufersäumen
Seh’n wir Verliebte träumen
     Und grüßen sie aus lausch’gem Nest.

 Albert Moeser.




[264]
Augenverletzungen und deren Verhütung.


Keins von allen den Augenpaaren, deren Blick auf diese Zeilen fällt, wird sich rühmen können, immer von Verletzungen frei geblieben zu sein. Jeder windige Tag, an dem Staubwolken aufwirbeln, jede Fahrt auf der von rußigem Rauche umwehten Eisenbahn oder dem Dampfschiffe, jedes Vorüberwandeln an einem Hause, das eingerissen wird, bringt das Auge in die Gefahr, von einem Massentheilchen des Erdstaubes, der Steine, des Holzes etc. getroffen zu werden.

Wie unbedeutend und ungefährlich nun auch gewöhnlich diese Verletzungen zu sein pflegen, wenn sie, wie es zumeist geschieht, weniger das Auge selbst, als die dasselbe mit den Augenlidern vereinigende Bindehaut treffen, so sind sie doch im Stande, dem Betroffenen einige höchst qualvolle Stunden zu bereiten. – Unaufhörlich fließen Thränen aus dem gerötheten Auge; ein drückender, brennender Schmerz zwingt zu fortwährendem Reiben, wodurch das Uebel noch verschlimmert wird; nur mit Mühe kann der Patient noch die Lidspalte öffnen, um sich zu überzeugen, daß die Sehkraft noch nicht eingebüßt ist. Kalte Umschläge, Verbände, Auflegen von rohem Fleische, Semmelmilchbrei, „Nichts“ und wie die beliebten Hausmittel alle heißen vermögen nicht das Leiden zu mäßigen, bis endlich das Corpus delicti (gewöhnlich von unglaublicher Kleinheit im Verhältnisse zu den subjectiven Empfindungen) entweder von kundiger Hand entfernt, oder durch die Naturselbsthülfe, das heißt durch die vermehrte Thränenabsonderung und die reflectorischen Bewegungen der Lidmuskulatur (Zwinkern) aus den Bindehauttaschen fortgeschwemmt worden ist.

Oft lassen aber die Erscheinungen schon um ein Beträchtliches nach, wenn das Körnchen nach den weniger nervenreichen Umschlagsfalten der Bindehaut gebracht wird, wo selbst größere Körper längere Zeit, ohne Beschwerden hervorzurufen, verweilen können, wie ein Fall (des sehr ehrenwerthen Itzig Veilchendüft aus Polen) beweist, in welchem mehrere Monate lang eine – todte Wanze im Bindehautsacke herumgetragen wurde.

Bei diesen Vorkommnissen handelt es sich natürlich darum, den fremden Körper sobald als möglich zu entfernen, denn sobald die Ursache beseitigt ist, verschwindet auch die Wirkung. – Zunächst kann der Betroffene selbst versuchen, durch sanftes Drücken das Körnchen fortzuschaffen. Dieser Druck muß aber immer vom äußeren Augenwinkel nach dem inneren gehen, weil sich in dieser Richtung auch der natürliche Thränenstrom, der in der Thränendrüse (nach oben und einwärts vom äußeren Augenwinkel) entspringt und in den Thränensack (zur Seite der Nasenwurzel) sich ergießt, fortbewegt. Führen diese Versuche nicht zum Ziele, so ist es nöthig, die Augenlider umzudrehen und den Eindringling mit einem Pinsel, einem Stückchen Leinwand und dergleichen wegzutupfen. Das Augenlidumdrehen (auch Augenumdrehen genannt) ist nicht so schwierig, als daß es nicht auch von einer geschickten Laienhand ausgeführt werden könnte. Für das untere Augenlid genügt es, den Lidrand mit dem Daumen etwas nach unten gegen den deutlich fühlbaren unteren Rand der knöchernen Augenhöhle zu drücken, und den Patienten nach oben sehen zu lassen; dann springt förmlich die Bindehaut in Form eines röthlichen Wulstes vor. Beim Umdrehen des oberen Lides läßt man das Auge nach unten wenden, erfaßt mit Zeigefinger und Daumen der linken Hand die Wimpern und zieht an diesen das Lid nach vorn und so weit als möglich vom Augapfel ab. Darauf drückt man entweder mit der Seitenfläche des rechten Daumens oder einem dünnen runden Stäbchen auf die obere (äußere) Fläche des Lides, ziemlich nahe seinem oberen Rande, und bringt dadurch die innere Fläche zur Ansicht.

Ich würde für überflüssig halten, hinzuzufügen, daß die Operation des Lidumdrehens vollständig schmerzlos ist, wenn ich nicht aus täglicher Erfahrung wüßte, daß „zartfühlende Mütter“ ein umgedrehtes Lid „gar nicht sehen können“ und laut aufschreien, wenn man genöthigt ist, dem halbwüchsigen Sprößlinge, der vielleicht an ägyptischer Augenentzündung leidet, „das Rothe im Auge herauszukehren“.

Während wir schon oben diese mechanischen Regungen der Bindehaut als bald vorübergehend und gefahrlos bezeichnen konnten, müssen wir eine größere Bedeutung einer andern Reihe von Verletzungen beimessen, die den Augapfel selbst betreffen und meist dadurch hervorgerufen werden, daß ein kleiner, harter, specifisch schwerer Körper mit einer ziemlich bedeutenden Geschwindigkeit gegen das Auge geschleudert wird und dort haften bleibt.

Wie uns ein einziger Blick in den Spiegel lehrt, wird die geöffnete Lidspalte eingenommen von dem „Weißen des Auges“, das heißt der von dem durchsichtigen Theile der Bindehaut überzogenen derben, sehnigen Lederhaut (Sclerotica), und dem Sterne, das heißt der wie ein Uhrglas in die Lederhaut eingefügten durchsichtigen Hornhaut (Cornea), hinter der die Regenbogenhaut (Iris) mit dem von derselben umschlossenen runden Sehloche (Pupille) sichtbar ist.

Am häufigsten nun wird die so äußerst empfindliche und nur von einer einfachen Epithelzellenschicht geschützte Hornhaut von kleinen, mit Gewalt eindringenden Körpertheilchen, gewöhnlich Metallsplittern, verletzt, so zwar, daß dieselben in der Substanz der Cornea selbst in größerer oder geringerer Tiefe sitzen zu bleiben pflegen. – Was geschieht nach einer solchen Verletzung? Durch den Reiz, den der fremde Körper in dem nervenreichen, aber gefäßlosen Gewebe ausübt, wird eine Entzündung hervorgerufen, die, teleologisch betrachtet, den Zweck hat, durch Eiterung den Splitter zu lockern und auszustoßen. Nach einigen Stunden schon wird die dem „Weißen des Auges“, das heißt der Lederhaut aufliegende Bindehaut lebhaft geröthet; besonders um die Hornhaut herum bildet sich ein dichter rother Saum, der aus lauter kleinen bogenförmigen Gefäßchen besteht; dabei entwickelt sich starker Thränenfluß und eine höchst lästige Lichtscheu, die den Patienten zu krampfhaftem Lidschlusse veranlaßt. Auf der Hornhaut selbst bemerkt man, namentlich wenn man künstliches Licht durch eine Sammellinse auf derselben concentrirt, einen dunkeln Punkt, eben den fremden Körper, der von einem hellgrauen Hofe umgeben ist, welcher allmählich in das durchsichtige Hornhautgewebe übergeht. Dieser Hof wird nach und nach immer größer und undurchsichtiger; die heftigsten Stirnschmerzen treten ein; die Pupille wird eng und unbeweglich; endlich bildet sich um den fremden Körper herum durch eitrigen Zerfall des Gewebes ein förmliches Geschwür, ein Substanzverlust, der im schlimmsten Falle zum Durchbruche der Hornhaut und durch diesen zum Verluste des Sehvermögens führen kann.

Alle diese Erscheinungen werden sofort in ihrer weiteren Entwickelung gehindert, wenn es gelingt, den eingedrungenen Körper zu entfernen. Es giebt Laien, welche auch hierin durch häufige Uebung, wie sie sich z. B. in größeren Maschinenwerkstätten darbietet, eine gewisse Geschicklichkeit erworben haben, die ausreicht, wenn es sich um größere, mehr in der Oberfläche haftende Splitter handelt; in schwereren Fällen aber wird man immer gut thun, die Hülfe des Arztes anzusprechen, und zwar sobald wie möglich, ehe die reactive Entzündung begonnen oder größere Fortschritte gemacht hat. Der ganze Vorfall pflegt dann, nach Beseitigung der Ursache, in wenigen Stunden ohne besondere Folgen vorüberzugehen; die Narbe, welche von der kleinen Verwundung zurückbleibt, ist sowohl subjectiv wie objectiv kaum bemerkbar. Sind aber schon halbe oder ganze Tage bis zur Entfernung des eingedrungenen Körpers verflossen, hat sich schon jener graue Entzündungshof mit seinen Begleiterscheinungen entwickelt, dann wird nicht nur eine mehrtägige Arbeitsunfähigkeit die Folge sein, sondern es wird auch auf der Hornhaut selbst ein dauernder, heller, undurchsichtiger Fleck zurückbleiben, der namentlich dann, wenn er in den Bereich der Pupille fällt, die Sehkraft des Auges auf das Empfindlichste zu stören im Stande ist.

Noch viel verderblicher aber wird sich der Proceß gestalten, wenn das kleine Projectil mit solcher Gewalt an das Auge geschleudert wurde, daß es die äußeren Häute desselben durchbrach und in das Innere des Organs selbst eindrang. Dann ist es oft der geschicktesten, sachkundigen, mit den besten Instrumenten bewaffneten Hand nicht mehr möglich, den Splitter aus der Tiefe hervorzuholen; es entwickelt sich über kurz oder lang unter den fürchterlichsten Schmerzen eine Entzündung des ganzen Augapfels, die zu dessen totaler Erblindung führt, ja oft [265] genug eine auf dem nervösen Zusammenhang beider Sehorgane beruhende Miterkrankung des andern Auges veranlaßt, welche nur durch die operative Entfernung des bereits zerstörten Schwesterorganes aufgehalten werden kann.

Nicht selten endlich kommt es auch vor, daß ein etwas größerer Körper mit einiger Gewalt den Augapfel trifft, aber wie eine matte Kugel an dessen Wänden abprallt. Eine solche Contusion ist oft von den schlimmsten Folgen begleitet; die durch sie verursachte plötzliche und heftige Erschütterung ist nämlich zuweilen im Stande, entweder Zerreißung von Blutgefäßen im Innern des Auges herbeizuführen, oder die nur ziemlich lose mit einander verbundenen, zwiebelartig angeordneten Häute des Auges von einander zu trennen und so partielle oder totale Blindheit zu bewirken, während äußerlich an dem verletzten Organ keine wesentliche Veränderung zu bemerken ist.

Fragen wir nun, unter welchen Verhältnissen diese Verletzungen vorkommen, so muß zwar eingeräumt werden, daß kein Stand, kein Alter, kein Geschlecht von der Gefahr einer Augenverletzung ganz frei ist, denn eine abgesprungene Nadelspitze, ein abgeschossenes Zündhütchen, ein mit Gewalt geführter Hammerschlag, ein zersplitterndes Glas und andere tägliche Vorkommnisse können dieselbe herbeiführen, die tägliche Erfahrung aber lehrt, daß die Beschädigung der Augen durch fremde Körper im Allgemeinen recht eigentlich von dem Berufe abhängt, daß sie, so zu sagen, eine Gewerbekrankheit ist, die namentlich die großen Classen der Metall- und Steinarbeiter betrifft.

Im Jahre 1868 unternahm ein besonders durch seine statistischen und hygienischen Arbeiten in fachwissenschaftlichen Kreisen bekannter deutscher Augenarzt, Professor Dr. Hermann Cohn in Breslau, das mühsame Werk, 1283 in größeren Etablissements beschäftigte Metallarbeiter hinsichtlich ihrer Augenverletzungen zu untersuchen. Wenn man den hierbei gefundenen Resultaten allgemeinere Gültigkeit beimessen kann, so leben allein in Preußen unter 144,501 Metallarbeitern (nach der Zählung von 1861) 2365, welche das Sehvermögen eines Auges in ihrem Berufe völlig eingebüßt haben.

Ueberhaupt aber stellte sich heraus, daß ziemlich die Hälfte aller Metallarbeiter (neunundvierzig Procent) schon Augenverletzungen erlitten hatten, welche ärztliche Hülfe nöthig machten, während auf jeden verletzten Arbeiter durchschnittlich zwei ärztlich behandelte Beschädigungen kamen, sodaß bei je hundert Arbeitern sechsundneunzig solche Verletzungen nachzuweisen waren.

Bei vierundvierzig vom Hundert trat in Folge der Verletzung Arbeitsunfähigkeit ein und dieselbe dauerte bei je einem Verletzten im Mittel siebenzehn Tage. Welcher Verlust an Arbeitskraft, wieviel Schmerz und Kummer, wieviel pecuniärer Nachtheil für Arbeitgeber und Arbeitnehmer, wieviel Verluste für Kranken- und Unterstützungscassen kleben an diesen Zahlen!

Und alle diese Eventualitäten ließen sich vermeiden, wenn jeder Arbeiter, sei es nun gezwungen, sei es freiwillig, bei seiner gefährlichen Beschäftigung eine Schutzbrille trüge. Professor Dr. Cohn hat das Verdienst, nach mannigfachen Reflexionen und Versuchen eine Vorrichtung angegeben zu haben, die allen Anforderungen, welche man an eine Schutzbrille gegen Verletzungen stellen kann, auf das Vollkommenste entspricht. Die unzerbrechlichen Lampencylinder brachten den genannten Forscher auf den Gedanken, den Glimmer als Material für seine Schutzbrille zu benutzen, deren Herstellung Herr Max Raphael in Breslau (Zimmerstraße Nr. 10) übernahm.

Die Glimmerbrillengläser sind gebogen und bedecken somit nicht blos das Auge nach vorn, sondern legen sich mit ihrer Messingeinfassung genau dem vordern knöchernen Augenhöhlenrande an, sodaß von keiner Seite ein Splitter an den Augapfel gelangen kann und dennoch die Wimpern das Glas nicht streifen. Das Gestell und die Bügel sind aus leichtem Messingdrahte, dem ohne Schwierigkeit jede für individuelle Verhältnisse nöthige Biegung gegeben werden kann. Die Glimmergläser sind einen halben Millimeter dick und aus der reinsten, durchsichtigsten Sorte des Minerals verfertigt, sodaß sie die Sehschärfe kaum beeinträchtigen und höchstens den grellen Schein des Feuers ein wenig zu mildern vermögen.

Als besondere Vortheile seiner Erfindung führt Dr. Cohn noch folgende Punkte an:

Die Glimmerbrillen können selbst durch starke Gewalt (z. B. wuchtige Hammerschläge) nicht zertrümmert werden, während Glasbrillen durch anspringende fremde Körper leicht zerschmettert werden und so durch ihre eigene Substanz Veranlassung zu höchst gefährlichen Verletzungen geben; sie sind fast noch einmal so leicht wie Glasbrillen, halten die Augen der Feuerarbeiter kühl, da Glimmer ein schlechter Wärmeleiter ist, und kosten endlich – last not least – etwa nur den fünften Theil gewöhnlicher Glasbrillen.

Obgleich nun alle diese Vortheile auch dem einfachsten Verstande klar zu Tage liegen und seiner Zeit fast alle öffentlichen Blätter (auch die „Gartenlaube“, wenn ich nicht irre) in ihren Spalten die segenverheißende Erfindung besprachen, ist leider zu constatiren, daß heute, nach Verlauf von sechs Jahren, nur ein äußerst kleiner Theil augenschutzbedürftiger deutscher Arbeiter mit der Glimmerbrille bewaffnet ist. Selbst hier in Breslau, dem Vaterlande des Propheten, giebt es meines Wissens keine einzige größere Werkstätte, in der jene Schutzvorrichtung allgemein eingeführt wäre. Im Gegentheil, täglich noch werden unsere Augenkliniken von rußigen Gestalten im blauen Kittel bevölkert, bei denen man schon beim Eintritt durch die Thür mit unfehlbarer Sicherheit einen fremden Körper im Auge feststellen kann und welche die Glimmerbrille nicht einmal dem Namen nach kennen. Die Bücher des Fabrikanten (und so weit mir bekannt, hat derselbe in ganz Deutschland keine Concurrenz) weisen nach, daß bis jetzt etwa achtzehntausend Brillen verkauft sind, von denen allein im Jahre 1868 etwa die Hälfte abgesetzt wurde, während von da ab Jahr für Jahr die Nachfrage stetig sich verminderte. Die Cohn’sche Erfindung scheint also der Vergessenheit anheim zu fallen.

Die Ursache dieser betrübenden Erscheinung mag einestheils in der Gleichgültigkeit der Arbeiter gegen eine zur Gewohnheit gewordene Gefahr beruhen, zum weitaus größern Theil aber gewiß in einem geschäftlichen Fehler, den Erfinder und Fabrikant gleich von vorn herein gemacht haben. Dieselben gingen nämlich von dem humanen Gedanken aus, daß eine Sache, die einen rein gesundheitlichen Zweck verfolgt und deren Wohlthaten gerade der ärmeren und arbeitenden Classe zu Gute kommen sollte, nicht Gegenstand der Speculation werden dürfe, daß die Brillen annähernd zum Herstellungspreis, ohne zwischenhändlerische Vertheuerung, in die Hände der Bedürftigen gelangen müssen. Deshalb wurde gleich von vornherein der äußerst geringe Preis von sechs Silbergroschen für eine einfache Glimmerbrille festgestellt und bei allen Publicationen bekannt gemacht. Nur bei sofortiger baarer Bezahlung und Entnahme von größeren Mengen sollte den Zwischenhändlern, also den sogenannten Optikern, ein Rabatt von fünfundzwanzig Procent gewährt werden.

Daher kam es, daß der Bezug der Schutzbrillen den Arbeitern Schwierigkeiten machte, an denen ihr guter Wille bald scheiterte; die Vereinigung Mehrerer zu demselben Zwecke, das Sammeln des Geldes, die Erkundigung nach der Adresse des Fabrikanten, das alles war ihnen viel zu umständlich. Deshalb erscheint mir als der einzige Weg, auf dem alle schutzbedürftigen Augen zu Glimmerbrillen gelangen können, der, daß die Arbeitgeber selbst die Sache in die Hand nehmen und die Schutzbrille in ihren Werkstätten obligatorisch einführen. Selbst wenn sie die Anschaffung auf eigene Kosten besorgen, werden sie bald den Vortheil, der auch ihnen dabei erwächst, aus dem Wegfalle eines großen Theiles der Kranken- und Unterstützungsgelder erkennen.

Aber hoffentlich bedarf es dieses Hinweises auf pecuniäre Vortheile nicht; ein einfacher Appell an die Humanität wird genügen, alle diejenigen für meinen Vorschlag zu interessiren, in deren Händen das Wohl der Arbeiter liegt. Auch dem Arbeiter ist ja das Auge nicht nur die erste Bedingung seines Berufes, sondern auch der unersetzliche Vermittler seiner schönsten und edelsten Genüsse, das fruchtbarste Werkzeug zu seiner geistigen und mithin auch sittlichen Ausbildung.

Dr. Baer.




[266]
Ferienstudien am Seestrande.


Von Carl Vogt in Genf.


1. Die Gegend.


Fast am äußersten Ende der Bretagne, nur etwa zehn Stunden vom Cap Finisterre entfernt, springt eine schmale Landzunge gegen den Ocean vor, von zahllosen Klippen und Felseninseln umgeben, deren harter Granit dem Anpralle der Wogen Widerstand leistet. Quer vor der Landzunge, die durch tiefe, den Fjorden Norwegens ähnliche Einschnitte von dem Festlande noch weiter geschieden wird, lagert sich eine zwei Stunden lange Insel, deren Gipfel von einem prachtvollen Leuchtthurme erster Classe gekrönt ist. Man könnte den bretonischen Namen „Ile de Batz“ mit „Stecken-Insel“ übersetzen – die langgestreckte Form derselben ist bezeichnend damit ausgedrückt.

Auf der nördlichen Spitze der Landzunge, im Umkreise einer kleinen Einbuchtung hat sich das Städtchen Roscoff angesiedelt, ein altberühmter Ort, aus dessen schwer anzusegelndem Hafen die Bretonen manchen Zug gegen ihre Erbfeinde, die Sachsen (so heißen noch heute in der Landessprache die Engländer), unternahmen, wo Maria Stuart landete, als sie von Schottland nach Frankreich herüber kam, und wo sie sogar (so seltsam gestalten sich historische Personen in der Ueberlieferung des Volkes) im Geruche der Heiligkeit steht, denn man zeigt noch heute den Eindruck, den ihr Fuß auf dem harten Granit zurückließ, als sie ihn aus dem Schiffe an das Land setzte. Ebbe und Fluth erreichen eine bedeutende Tiefe und Höhe; von Westen her drängt die Fluthwelle in den nach dieser Himmelsgegend hin weit geöffneten Canal, der die Insel Batz von dem Festlande trennt, sich stauend gegen Osten hin, wo eine zweite, kleinere Landzunge, die eine der heiligen Barbara geweihte Capelle trägt, den Canal fast zu schließen scheint. Die Schutzheilige der Artillerie hat nicht umsonst dort ihren Cultus; zu ihren Füßen dräuen die Kanonen des kleinen Forts von Bloscon, das den Eingang zu dem Hafen deckt, der bei Ebbe trocken liegt und bei der Fluth nur in Schlangenwindungen zwischen den Felsen hindurch erreichbar ist.

Diesen Ort habe ich mir seit zwei Jahren erkoren, um meine Sommer- und Herbstferien dort zuzubringen. Es ist eine kleine Stadt von etwa viertausend Einwohnern, die auf weitem Raume verstreut wohnen und nur in der Nähe des Hafens sich etwas mehr zusammendrängen. Keine Eisenbahn führt dorthin – Morlaix, die nächste Station an der Linie von Paris nach Brest, ist fünf Stunden entfernt, die Communication durch Fuhrwerke nur sehr mangelhaft eingerichtet. Das elegante Badepublicum bleibt fern; die Ortsfremden, welche sich in den Sommermonaten dort zusammenfinden, bestehen aus Naturforschern, Malern, Touristen und einigen wenigen Familien, welche Stille und einfaches, gemüthliches Leben suchen. Maler sind immer da; einige haben dort ihren ständigen Sommeraufenthalt, wie Boucquet, der berühmte Meister auf Fayence und Porcellan, oder Czermak, der bekannte Genre-Maler, der seine Stoffe meist aus jenen wilden Völkerschichten schöpft, die gegenwärtig tief in der Türkei aufeinander schlagen. Die wilde Schönheit des klippenreichen Strandes, das ewig wechselnde Spiel der Ebbe und Fluth, das weite Strecken Landes ab- und zudeckt, hat sie angelockt und festgehalten, und wenn sie nicht malen, vertreiben sie sich die Zeit mit Fischen und Segeln. Zu ihnen gesellen sich jüngere Kräfte, die reichen Stoff zu Studien finden, mag sie nun das Volk, oder die alterthümliche Bauart der Häuser und besonders des seltsamen Kirchthurmes, oder der Strand selbst anziehen mit seinem unendlichen Horizonte und dem wechselnden Spiele der Wolken und der Wogen. Die Familien fühlen sich festgehalten durch die Ruhe und Stille der meist ernsten, aber freundlichen und ehrlichen Bevölkerung, die sich meist von Gartenbau ernährt, unermüdlich arbeitet und die Producte ihres außerordentlich fruchtbaren Bodens, Kartoffeln, Artischocken und Zwiebeln, meist selbst nach England verschifft, dessen südliche Küste man in etwa zwanzig Stunden mit Segelschiff erreicht. Viele Männer sind auf der See als Matrosen oder Fischer beschäftigt, die Zurückbleibenden bestellen mit den Weibern das trefflich bearbeitete Land, das dreifache Ernten bringt, denn Roscoff kennt, trotz seiner nördlichen Lage, keinen Winterfrost, und Camellien, Veroniken und Mesembryanthemum gedeihen prächtig im Freien; die Agaven (Aloë) wachsen üppig wie bei Nizza, und der Feigenbaum des früheren Kapuzinergartens kann sich fast mit dem berühmten Kastanienbaume am Fuße des Aetna messen. Zur Zeit der Verschiffung der Gartenfrüchte herrscht reges Leben am Hafen; sonst ist Alles still und ruhig und nur zuweilen sieht man einen Bretonen, stehend auf dem Karren wie ein alter Gallier aus Cäsar’s Zeiten, sein Rößlein durch die engen Wege oder über den Strand hinunter treiben, um die Seegewächse einzuheimsen, die man während der Ebbe von den abgedeckten Felsen reißt, um sie in Haufen am Strande aufzusetzen und später als Dünger zu benutzen.

Bei tiefer Ebbe folgt eine wahre Völkerwanderung dem sich zurückziehenden Wasser, hochaufgeschürzt bis über die Kniee, barfuß im Sande watend oder die nackten Sohlen durch Sandalen (espadrilles) geschützt. Jene tragen Hauen und Schaufeln und einen Topf, an einer Schnur über die Schulter gehängt – sie wühlen den Sand und den Schlamm auf, um aus demselben die oft fußlangen Ringelwürmer, die Piere und Marphysen hervorzuholen, welche als Köder beim Fischfange dienen; diese, mit kleinen Netzen und Fischkörben bewaffnet, stellen dem Sandaale (Ammodytes) nach, der bei dem Auffurchen des Bodens sich wie ein Blitz hervorschnellt, um eine Strecke weiter auf’s Neue sich einzugraben. Andere haben größere Netze mit langem Stiele, halbkreisförmig mit engen Maschen – sie waten in den Wassergräben und Tümpeln herum, forschen die dichten Tange und Seegräser mit ihren Netzen durch und haschen so die hurtigen Crevetten (Shrimps), die in einem dichten Korbe verwahrt werden. Noch Andere schleppen Hebel und an einem Stricke gereihte Haken – sie wälzen die großen Steine um, unter welchen sich die Tintenfische und Pulpen (Octopus) mit den Meeraalen (Conger) bergen; wieder Andere sind mit lanzenförmigen, platten Eisen an kurzem Holzstiele bewaffnet, mit welchen sie die Schüsselschnecken (Patella) von den Felsen abstoßen, die dem Geflügel zu Hause zu willkommenem Futter dienen. Der Gewalthaufen der auswandernden Armee aber trägt schwere, scharfe Sicheln, womit sie die Meerpflanzen an ihren Wurzeln abhauen, und bei dieser Arbeit geht es eilig zu, wie bei der Heuernte im Innern des Landes. Die Bursche fahren heran über Stock und Stein, die kleinen Pferde zu äußerster Anstrengung antreibend, oft bis über die Naben der Räder im Wasser; das triefende Gewächs wird hastig auf den Karren geworfen; Weiber und Kinder, welche es absichelten, schwingen sich hinauf auf den nassen Sitz, und zurück geht es mit emsiger Hast, denn das Meer schwillt zusehends und droht, den Rückweg zu sperren.

Zu diesem emsigen Treiben gesellen sich die Naturforscher, deren in den Sommermonaten meistens ein Dutzend oder selbst mehr in Roscoff weilt. Gar Manches zieht sie an. Das Meer ist an sitzenden und kriechenden Thieren hier überreich, so daß nur wenige Strandorte sich in dieser Beziehung mit Roscoff vergleichen lassen. Nicht zu unterschätzen ist auch die Bequemlichkeit der Untersuchungen. Von den Häusern aus erreicht man unmittelbar die Sand- und Schlammstrecken, welche sich bei der Ebbe entblößen, die mit Seegräsern überzogenen wiesenartigen Gründe, die Felsen, welche vor dem Orte eine Reihe von Klippen bilden. Anderwärts hat man oft eine halbe Stunde und mehr zu waten, um zu den Jagdgründen des Naturforschers zu gelangen – hier drängt Alles sich auf engstem Raume zusammen. Freilich sind die Reviere in unmittelbarster Nähe des Ortes schon erschöpft – kein Stein, der nicht alljährlich mehrmals umgedreht worden wäre, kein Sand, in dem nicht schon die Schaufel gewühlt hätte. Aber der Strom, der von Westen her aus dem Oceane sich zwischen der Insel Batz und dem Festlande durchdrängt, bringt stets neue Schaaren von Bewohnern, die, in ihrer Jugend frei beweglich, sich im Alter festsetzen und frische Colonien bilden. Bei den gewöhnlichen Excursionen, die den Hockern und Schleichern, den Wühlern und Minirern gewidmet sind, zeigen sich die Naturforscher in ähnlicher Weise ausgerüstet, wie die [267] Fischer und Ködersammler. Hacken und Schaufeln, Hebebäume und platte Messerklingen werden ebenso von ihnen benutzt, um die Steine umzuwälzen, die festsitzenden Thiere loszulösen oder die Sand- und Schlammthiere auszugraben. Aber außerdem trägt Jeder einen leichten,

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Karte der Insel Batz.[BER. 1]

aus undurchdringlicher Leinwand gefertigten Feuereimer mit Gläsern, in welchen die erbeuteten Thiere geborgen werden; die Taschen sind vollgepfropft mit kleineren Glasröhren und Fläschchen und um den Hals hängt die unentbehrliche Loupe, mittelst deren die kleineren Organismen, die sich dem bloßen Auge entziehen, auf den nassen Flächen aufgesucht werden. Mancher trägt auch noch ein feines Handnetz, wie ein Schmetterlingsnetz, zum Fangen der in den Tümpeln umherschwimmenden Thierchen. Je tiefer die Ebbe, desto größere Aussicht ist vorhanden, reichen Fang zu thun – denn die nur selten abgedeckten Tiefgründe sind einestheils weit weniger durchforscht und anderntheils bergen sich dort manche Thiere, welche niemals in höheres Niveau aufsteigen. Aber hier gilt es, sich zu tummeln – denn selbst bei den größten Ebben zur Zeit der Tag- und Nachtgleiche decken sich diese reichen Jagdgründe nur wenige Minuten ab und bald mahnen die Zeichen der annahenden Fluth an den Rückzug.

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Fig. 1. Westlicher Jagdgrund der Naturforscher auf der Insel Batz.[BER. 1]

Doch nicht auf diese Art des Fanges allein, dem am Ende Jeder individuell ohne weitere Hülfe obliegen kann, beschränkt sich die Thätigkeit der Naturforscher. Die Existenz eines wohleingerichteten und unter der wohlwollenden und hülfereichen

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Fig. 2. Nördlicher Jagdgrund der Naturforscher auf der Insel Batz.[BER. 1]

Direction von Lacaze-Duthiers, einem der tüchtigsten Zoologen Frankreichs, stehenden zoologischen Laboratoriums ermöglicht andere Fangweisen. Von einem kleinen Hafendamme, la Ville genannt, am weltlichen Ende Roscoffs gelegen, stößt bei beginnender Ebbe ein kleines, offenes Segelboot ab. Am Steuer sitzt ein schlanker Matrose in himmelblauer Flanelljacke, mit hellgrauen Augen und englischem Backenbarte. Er heißt Yves und commandirt das Boot, das er mit Sicherheit zwischen den Klippen hindurch zu lenken versteht. Am Vordersteven ist ein anderer stämmiger Bursche in rother Jacke, Francis, mit dem Stellen der Segel beschäftigt, und ein dritter, lebhafter Bursche mit drallen Waden, Marti, macht sich auf dem kleinen Vorderdeck mit einer gewaltigen Maschine zu schaffen, die unter einem Haufen alten Netzwerkes verborgen liegt. Im Hintertheile kauern auf den Bänken einige Herren, vor sich große Glasgefäße und Körbe, zur Seite feine Netze, vom feinsten Musselin oder Mahltuch gefertigt, an langen handfesten Stielen. Das Boot folgt der Ebbe und kreuzt zwischen den Inseln hinaus in das Freie. Von Zeit zu Zeit hält einer der Forscher sein Netz über den Bootsrand hinaus so in das Wasser, daß es die Oberfläche pflügt, und nachdem er eine zeitlang den Strom hat durchgehen lassen, hebt er das Netz auf und stülpt es vorsichtig in eines der mit Wasser gefüllten Glasgefäße um, oder schöpft auch mit einem Bierglase den Inhalt des Netzes aus, ohne dasselbe aus dem Wasser zu heben.

[268] Das ist die Oberflächenfischerei mit dem feinen Netze, die zuerst von dem unvergeßlichen Johannes Müller, dem großen Berliner Anatomen, geübt wurde. Ein Anderer wirft einen ebenfalls mit seinem Netze versehenen Metallrahmen aus, der auf einer Seite beschwert, auf der entgegengesetzten durch Korkstücke leicht gemacht ist und an den vier Ecken durch Schnüre festgehalten wird. Der Rahmen stellt sich unter dem Einflusse der Schiffsbewegung senkrecht in das Wasser, und es hält leicht, ihn durch angemessene Beschwerung in bestimmter Tiefe unter der Oberfläche zu erhalten. Von Zeit zu Zeit wird er, wie das feine Handnetz, in ein Glasgefäß umgestülpt, das nun von unzähligen schwimmenden Bestien wimmelt, die meist vollkommen durchsichtig wie Glas und oft nur von mikroskopischer Größe sind. Man fischt sie zu Hause mittelst einer Glasröhre heraus, indem man dieselbe oben mit dem Finger schließt; dann nähert man das andere Ende dem Thierchen, das man fangen will, und hebt im geeigneten Momente den Finger. Das Wasser stürzt in die Röhre hinein; der Wirbelstrom reißt das Thierchen mit, und wenn es glücklich in die Röhre gelangt ist, schließt man dieselbe auf’s Neue mit dem Finger und hebt so den Fang heraus. Der geübte Forscher läßt sich leicht an der Sicherheit erkennen, mit welcher er diese einfache Manipulation ausübt, welche das Thierchen unverletzt in die Glasröhre und aus dieser in ein Uhrgläschen bringt, in welchem es unter dem Mikroskope betrachtet werden kann.

Das Boot ist hinausgelangt über die Klippenreihe in das offene Meer. „Hier ist grober Sandgrund in fünfzehn bis zwanzig Faden Tiefe,“ sagt Yves, „sollen wir die Dretsche auswerfen?“ Ein schwerer Metallrahmen, an der breiten Seite etwas zugeschärft, mit starkem Netzsacke, der am Grunde feiner wird, rasselt in die Tiefe – Wind und Strom schleppen ihn über den Boden hin. Die Kraft der drei Männer genügt kaum, das Netz aufzuziehen, das, von Sand und Grand gefüllt, emporgehoben und auf den Boden oder in einen großen Kübel geleert wird. Alle hocken darum herum und lesen aus; es krabbelt und kraucht in dem Sande – Krebse, Krabben, Würmer, Muscheln, See-Igel liegen bunt durcheinander. Das Ausgelesene wird hinausgeschaufelt und ein neuer Wurf versucht.

Aber unterdessen haben Wind und Strom das Boot abgetrieben auf felsigen Grund. Hier leistet die Dretsche nichts; hier kommt das Korallenkreuz an die Reihe.

Ich habe es früher schon in diesen Blättern ausführlicher beschrieben; es besteht aus zwei kreuzweis gelegten kurzen Balken, unter denen in dem Kreuzungspunkte ein schwerer Stein befestigt ist und an welchen zerfaserte Netze, Seilreste, Schnüre und Fäden hängen, die sich im Wasser ausbreiten, wie das Haar des Struwwelpeters. Dieses Gewirre wird nun auf dem Boden hingeschleift, und es ist wirklich unglaublich, welche Massen von Thieren daran hängen bleiben. Große See-Igel von gelber oder röthlicher Farbe, groß wie ein Kindskopf, sind die gewöhnliche Beute – Muscheln, Schnecken, Moosthiere (Bryozoen), Würmer, Krabben, Seesterne, Schlangensterne, die in höheren Regionen nicht vorkommen, müssen sorgsam aus dem Werge hervorgesucht werden. Hier findet sich namentlich eine Lochmuschel (Terebratula), die man lange lebend erhalten kann, während die übrigen Thiere aus der Tiefe sehr bald in den Aquarien zu Grunde gehen, weil ihnen, wie es scheint, der nöthige Druck mangelt.

Doch wir müssen mit den Jagdgründen selbst etwas nähere Bekanntschaft machen, wozu das Kärtchen und die verschiedenen Ansichten derselben dienen sollen. In weitem Halbkreise spannen sie sich um Roscoff als Mittelpunkt, sodaß man westliche, nördliche und östliche Gründe unterscheiden kann, deren jeder seine specielle Fauna hat. Darin gerade liegt der Vortheil eines Laboratoriums, daß der Director, die Assistenten und Matrosen sogleich angeben können, wo dieses oder jenes Thier, das man sammeln oder untersuchen möchte, am leichtesten und in größter Menge zu finden ist.

„Marti,“ sage ich bei einer Excursion, „ich muß eine Terebratel haben – sie ist mir noch nicht lebend zu Gesicht gekommen.“

Marti sucht in einem Notizenbuche.

„Am Kreuzungspunkte zweier Linien,“ sagt er, „die eine über Duslén und die Westspitze der grünen Insel, der Thurm von Roscoff links und der Wolf (le Loup) rechts, die andere über die Ostspitze von Ti-Saoson und Bloscon, haben wir letztes Jahr manche gedretscht.“

„Ich weiß,“ sagt Yves, „wollen wir hin?“

In einer Viertelstunde sind wir dort. Eine halbe Stunde später habe ich die Terebratel in meinem Glase. Ich hätte vielleicht ohne diese Angabe wochenlang umher irren können, bevor ich den Standort der Muschel gefunden.

Der westliche Jagdgrund (Fig. 1) ist ein unübersehbares Klippenmeer. Eine schmale Landzunge von phantastischer Form, Per’haridi genannt, streckt sich zwischen zwei tiefen Buchten gegen Norden der Insel Batz entgegen und trägt auf ihrem äußersten Ende ein kleines Fort ohne Besatzung, in welchem einige Kanonen an der Erde auf Laffetten harren, die sie niemals bekommen werden. Die westliche Bucht, etwa zwei Kilometer breit und drei Kilometer tief, welche diese Zunge von Roscoff trennt, deckt sich schon bei niedriger Ebbe gänzlich ab; an ihrem Rande sind die Badehütten aufgeschlagen; aus ihrem feinen Sandgrunde, der Würmer und Seewalzen (Synapta) in Menge birgt, ragen nur wenige Felsen hervor. Um so mehr starren seltsame Klippen um die Spitze der Landzunge und auf ihrer westlichen Seite, in der weiten Bucht von Poulduc. Genau im Norden des Forts von Per’haridi ragt ein in der Mitte gespaltener Felsen wie ein gegen den Himmel geöffneter Rachen aus den Strudeln hervor, der seinen Namen, der Wolf (le Loup), mit Recht trägt. Er dient den Schiffern als Wahrzeichen und ist durch Thürme und roth angemalte Felsen linienartig mit anderen Zeichen in Verbindung gesetzt. Vor ihm dehnt sich eine Sandbank mit über einander gethürmten Granitblöcken, die Rolléa de Batz.

Die Felsen bilden grottenartig ausgehöhlte Zwischenräume, die überdeckt sind mit Seescheiden (Ascidien), welche in den wunderbarsten Farben prangen, dunkelroth, grün, schwefelgelb, stahlblau, orangefarbig, dazwischen blendend weiße Kalkschwämme (Sycon) oder durchsichtige Keulenscheiden (Clavellina). Die Tange sind überreich besetzt mit Polypen, Moosthieren und kleinen Röhrenwürmern, aber zwischen ihnen hat sich auch leider die verrätherischste aller Meerpflanzen angesiedelt, die Himanthalia, von den Fischern „das Netz“ genannt. Aus einem dunkelgrünen, becherartigen Gebilde entspringt ein langer gelber Faden von der Dicke eines Federkieles, der bis zwanzig und mehr Fuß lang wird. Alle diese Fäden, welche wahre Teppiche im Wasser und auf den von der Tiefebene entblößten Felsen bilden, sind von einem schleimigen, schlüpfrigen Stoffe überzogen. Kein Parquet kann so glatt sein wie diese Massen – wer einmal mit ihnen bekannt geworden ist, meidet sie wie Feuer. Nirgends ein Halt für den Fuß; man gleitet, stürzt, findet keinen Stützpunkt zum Aufstehen; schon manches Glasgefäß ist hier zerbrochen worden im Sturze, und in jedem Momente hört man einen Angstruf der Ausgleitenden. Um so reicher aber fällt auch die Beute aus, die man nach überstandener Mühe nach Hause bringt.

Nicht minder ergiebig sind die Lachen, welche in dem Felsengewirre auf der Westseite von Per’haridi bei dem Rückzuge der Ebbe stehen bleiben. Dort haust auf der Unterseite sonst völlig nackter Steinblöcke eine der merkwürdigsten Polypenformen, Myriothela von ihrem Entdecker Allman genannt. Mit einer gelblichen Wurzel ist das Thierchen angeheftet, das aus einem walzenförmigen, warzigen, violettbraunen Mundschlauche besteht, der nach der Wurzel zu in einen weißen, dünnen Stamm übergeht, welcher mit weißen Kügelchen besetzt ist. Auf dem umgewälzten Steine sieht man nur einen bräunlichen Schleimtropfen von der Größe einer Linse oder kleinen Erbse; hat man das Ding mit Vorsicht abgelöst und in ein Glas gebracht, so dehnt es sich bis zu zwei Centimeter Länge aus und kriecht langsam, mit dem Munde voran tastend, umher. Die höchst seltsame Entwickelungsgeschichte des Thieres beschäftigt einige jüngere Forscher, die bei jeder größeren Ebbe hinausrennen, um Material für ihre Beobachtungen zu sammeln, denn nur hier findet sich die Myriothela in größeren Mengen; sie glauben neue Entdeckungen gemacht zu haben und träumen von Ehren, die ihnen ihrer Ansicht nach unzweifelhaft werden zu Theil werden; in Paris angekommen, finden sie beim Nachschlagen in den Bibliotheken, daß der Entdecker schon dasselbe gesehen und ihnen das Neue vor der Nase weggeschnappt hat. Unmittelbar neben dem Blockfelde, wo die Myriothela haust, findet sich ein Sandgrund, von Seegras überwachsen; ein feines, spitzenartiges Gewebe überspinnt den Boden und umhüllt die Stiele des Seegrases; es ist ein niedlicher, in Baumform verästelter Kalkschwamm, [269] welcher diese Spitzengewebe zusammenstellt und den man hier pfundweise sammeln kann, während er anderwärts nur in höchst seltenen, vereinzelten Exemplaren vorkommt.

Das besuchteste Arbeitsfeld, weil das am leichtesten zu erreichende, ist das nördliche (Fig. 2), welches sich unmittelbar vor dem Städtchen, vor dem Laboratorium und dem einzigen Gasthofe erstreckt. Nach Westen zu schließt sich die Aussicht gegen den Horizont durch die große Insel Batz, die eine weitgestreckte Vormauer gegen das offene Meer bildet und auf ihrer westlichen Höhe einen schlanken Leuchtthurm und eine Sturmwarte (Sémaphore) trägt, welche mit einer über Roscoff gelegenen anderen Warte correspondirt; von der Insel Batz aus erstreckt sich bei tiefer Ebbe gegen Osten hin eine breite Sandbank bis zu einer hohe Felseninsel, welche den Namen Ti-Saoson (das Haus der Sachsen, das heißt der Engländer) trägt. An dieser Sandbank ankert alltäglich eine ganze Flotille von Schiffen, welche das geschätzte Baumaterial nach anderen Küstengegenden bringt; hierher fährt, wer den Sandaal (Ammodytes) fangen will; dorthin rudert der Naturforscher, welcher sich eine eigenthümliche, im Sande vergrabene Seescheide (Molgula) oder den Pergamentwurm (Chaetopterus) verschaffen will, der seine wie aus feinem Filze gewobene Röhre metertief im Sande verbirgt. Zwischen dieser Sandbank und einer langgestreckten Felsengruppe, welche den malerischen Vordergrund der Aussicht von Roscoff bildet, läuft ein tiefer Canal, der auch bei den größten Ebben nicht ganz trocken gelegt wird. Dort wächst ein dem Sargasso der südlichen Meere ähnlicher Tang und an diesem sitzen die niedlichen, in allen Farben prangenden Haarsterne (Comatula) und in den Monaten Juli und August ihre Jungen, die Medusenhäupter (Pentacrinus), die in ihrem gestielten Jugendzustande die vielfachen Formen ähnlich gestalteter riesiger Wesen wiederholen, welche die Meere der Vorzeit bevölkerten. Wie manches Ruder haben wir hinabgestoßen in den Sargassobusch, um diesen dann um das Werkzeug durch Umdrehen herumzuwickeln und endlich den ganzen Busch auszureißen und in das Boot zu heben, wo dann mit der Loupe jedes Stengelchen untersucht wurde, um den winzigen Pentacrinus zu finden!


(Schluß folgt.)




Vom Menschen Freiligrath.


Schon seit mehr als fünfundzwanzig Jahren begehen wir den 18. März mit einer ernsten Gedächtnißfeier für jene Männer, die im ungleichen Kampfe um die höchsten Güter der Nation ihren schönen Tod fanden, aber das stille Gedenken an jene Opfer und Märtyrer der Freiheit hindert uns nicht, uns der Ernte der blutigen Saat zu freuen und am bedeutungsvollen 18. März das Geburtsfest der Freiheit gehobenen Herzens zu feiern.

Nun ist der Tag für uns wiederum ein „stiller Feiertag“ geworden, weil wir an ihm einen der herrlichsten Schätze verloren, den das deutsche Volk besaß. An ihm schloß Ferdinand Freiligrath’s liederreicher Mund sich für immer. Und dennoch wird dem Hinscheiden des Sängers das Schmerzliche für uns einigermaßen durch den Gedanken genommen, daß Freiligrath’s Leben einen harmonischen Abschluß gefunden, daß er an dem Tage gerade seine Augen geschlossen, den sein Lied so glorreich gefeiert hat; daß endlich er, der Sänger und Prophet des Völkerfrühlings, am 21. März, dem Lenzanfange, der mütterlichen Erde übergeben wurde. Er starb in der Frühstunde bei Sonnenaufgang; sein Auge schaute den Morgen, wie sein Gesicht das Kommen der Freiheit, seiner Braut, ahnte. Albert Traeger hat in seinem ergreifenden Gedichte auf seines Freundes Tod so schön gesungen, daß, obwohl er die Freiheit selbst nicht mehr erblickt, sie ihm die bleiche Stirn doch geküßt hat.

Auf meinem Schreibtische liegen die Bilder von Freiligrath’s Geburtshause in Detmold und seinem lorbeerbedeckten Hügel des Ufkirchhofes in Cannstatt; dazwischen grüßt wehmüthig eine Locke seines von der Last der Jahre weiß gewordene Haares; ein reicher Schatz von Briefen, im Exile beginnend und bis zum letzten Jahreswechsel reichend, mahnt mich, daß ich mehr als tausend Andere in ihm verloren habe; endlich hängt mein Auge lange an dem Bilde des stillen Schläfers, wie es die „Gartenlaube“ heute bringt. Welch ein Leben spielt sich zwischen diesem Detmolder Vaterhause und der letzten Behausung Freiligrath’s auf dem Neckarhügel ab! Es ist unnöthig, die Lebensereignisse des Dichters in diesem Blatte noch einmal aufzuzählen; sie leben im Gedächtnisse seines Volkes fort. Wir weilen im Geiste im Elternhause „Unter der Wehme“ in Detmold und blicken pietätvoll nach der kleinen Tafel unter dem Fenster der Kinderstube, in welcher Freiligrath am 17. Juni 1810 das Licht erblickte.

Die „Gartenlaube“ brachte vor einigen Jahren eine Zeichnung des vermeintlichen Geburtshauses Freiligrath’s, des sogenannten Hölzermann’schen Grundstückes. Der Zeichner des betreffenden Bildes stützte sich dabei auf die Mittheilungen seiner alten Mutter, die zur Zeit im Freiligrath’schen Hause viel aus- und eingegangen war. Und doch ist jenes Haus nicht des Dichters wirkliches Geburtshaus.

Als zahlreiche Verehrer Freiligrath’s später dasselbe mit einer Gedenktafel zu versehen beabsichtigten, schrieb ich dem Freunde, er möge die in seiner Vaterstadt über die Identität jenes Hauses auseinander gehenden Meinungen klären. Die mir gewordene Antwort wünschte er damals indeß nur für die mündliche Mittheilung, nicht für die Oeffentlichkeit geschrieben zu haben, sodaß in Detmold hier und da heute noch der Zwiespalt in den betreffenden Ansichten obwaltet. Möge zur endlichen Klarstellung der Streitfrage daher heute ein Brief, der zugleich ein reizendes Bild der Jugendzeit des Dichters entwirft, auszugsweise hier folgen:

„Als Resultat meiner Nachforschungen,“ schreibt Freiligrath, „in Betreff der Detmolder Häuser kann ich melden, daß die mir gewordenen Mittheilungen entschieden zu Gunsten ‚unter der Wehme‘ lauten. Meine Autorität ist die allerbeste, die es unter den Umständen geben kann: meine gute zweite Mutter, mit der sich mein seliger Vater, etwas über zwei Jahre nach dem Tode seiner ersten Frau, meiner Mutter, im Jahre 1819 verheirathete, sie als junge Frau in das Haus unter der Wehme führte und die augenblicklich, hochbejahrt (gegen sechsundsiebenzig) und körperlich leidend, aber geistig noch vollkommen klar und frisch, in Soest lebt. Bei ihr habe ich mich nochmals nach Allem, was ihr vielleicht noch aus den Erzählungen meines Vaters in der Erinnerung sein möchte, erkundigt, und sie sowohl, wie ihre gleichfalls zu Soest lebende jüngere Schwester, behaupten auf’s Entschiedenste und ohne alles und jedes Besinnen, ja selbst ohne auch nur die Möglichkeit eines andern Geburtshauses zu unterstellen: daß ich, der öftern Angabe meines Vater zufolge, in dem fraglichen Hause unter der Wehme geboren worden bin. – Und selbst das Zimmer des Hauses, dessen Wände ich zuerst beschrieben habe, hat der Vater ihr bezeichnet, eine in’s Einzelne gehende Genauigkeit, die uns nicht in Verwunderung zu setzen braucht, wenn wir erwägen, daß mein Vater gewiß bemüht war, seine zweite Frau in dem Stillleben der Wohnung, in der er in Freud’ und Leid so mancherlei erfahren, heimisch zu machen und ihr seine geistigen und gemüthlichen Beziehungen zu den Räumen, in die er sie einführte, anzudeuten. Ich war das geliebte, einzig übrig gebliebene Kind seiner ersten Ehe; wie natürlich, daß er Ihr, die er mir zur zweiten Mutter gab, nun auch sagte: in diesem Hause, in dieser Stube ist der Junge geboren.“ „Das zarte Knäbchen von damals, um dessen Geburtsstätte es sich handelt,“ schreibt er in einem andern Briefe, „ist ein vierschrötiger alter Kerl mit grauem Kopfe geworden, und es wäre vielleicht besser, man verwahrte die Tafel für sein Grab, statt sie an sein Geburtshaus zu heften.“

Ein ander Mal berichtet er mir darüber: „In diesem meinem Geburtshause hab’ ich die ersten neun bis zehn Jahre meiner Kindheit verlebt, und meine ersten heitern und traurigen Erinnerungen haften an seinen stillen Räumen. In ihm zündeten treue, o wie lang’ schon erkaltete Hände meine ersten Weihnachtsbäume an, – in ihnen starb mir die Mutter und starben mir zwei Schwestern. Später haben wir noch in der langen Schülerstraße, am Markte und in der Bruchstraße gewohnt. ‚Unter der Wehme‘ aber bin ich geboren, und Freiligrath’s Geburtshaus und Grabbe’s Sterbehaus liegen Wand an Wand neben einander. Wie die Jahre dahinfliegen! Auch Grabbe schon einunddreißig Jahre todt!“

[270] Freiligrath hing zeitlebens mit rührender Liebe an seinen Eltern und bewahrte ihnen ein treues Gedächtniß. Als ich einst Nachforschungen nach seiner Mutter Grab vergebens anstellte, schrieb er mir:

„Ich wußte, daß das Grab der guten Mutter längst eingesunken und nicht mehr aufzufinden ist. Meinem theuren, unvergeßlichen Vater gestatteten seine Verhältnisse nicht, die Stätte mit einem Gedenksteine zu bezeichnen; zehn Jahre nach dem Tode der Mutter verließ er Detmold für immer – und wieder zwei Jahre später starb er selbst. Mich aber hat es seitdem hin und her getrieben, und ich habe den lieben Eltern, der Mutter wie dem Vater, nur eine gemeinsame und unantastbare Ruhestätte bewahren können – in meinem Herzen. Auch zwei Schwestern von mir ruhen auf dem Detmolder Kirchhofe; der Hauch des Waldgebirges rauscht schon über ein halbes Jahrhundert durch die Gräser auf den kleinen Hügeln.“ –

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Ferdinand Freiligrath auf seinem Sterbesessel,
eine Stunde nach dem Tode aufgenommen.

Das Elternhaus wurde vom Knaben für immer verlassen, als der Vater seine Detmolder Lehrerstelle mit einer einträglicheren in Soest vertauschte. In der alten, einst blühenden Hansastadt finden wir den Jüngling als Kaufmannslehrling zwischen den Waarenballen in den Lagerhäusern oder hinter dem Ladentische des angesehensten Soester Productengeschäftes wieder. In Freistunden, die er freilich meistens dem Studium fremder Sprachen widmete, wurde dann und wann auch wohl gejagt. Von Soest begleiten wir den jungen Kaufmann nach Amsterdam, belauschen seine Thätigkeit hinter den großen Hauptbüchern eines holländischen Bankhauses und jauchzen seinen ersten farbensprühenden, mit dem mark- und saftlosen Hergebrachten so grell, aber wohlthuend contrastirenden poetischen Schilderungen des Orients und Südens. Im Liede der irischen Wittwe ahnen wir den Humanisten und künftigen socialen Dichter, den geschworenen Feind aller Unterdrücker. Wir ziehen mit ihm in’s Wupperthal, sind Zeugen des Freundschaftsbündnisses, den edle, gleichgesinnte Männer mit dem Dichter schließen, und sehen ihn gern einem Berufe entsagen, der sich mit Bleigewicht dem Fluge seines Genius anhängt.

Es folgen Jahre ungetrübten Glückes in Unkel, wo er durch Goethe’s Enkel seine spätere Gattin, Ida Melos aus Weimar, kennen lernt, in Darmstadt, wo er für seinen jungen Hausstand ein Heim zu gründen sucht, in St. Goar, unter dessen Nußlaub-Alleen er mit Emanuel Geibel eine herrliche Poetenzeit verlebt und die entzückenden Lieder „zwischen den Garben“ entstehen. Dann zechen wir in der August-Nacht mit ihm und Hoffmann von Fallersleben im Coblenzer „Riesen“ und drücken ihm dankerfüllt die Hand, wenn er, alle selbstischen Interessen aufgebend, sich voll und ganz der Volkssache, den Mahnungen nach einem liberalen, verfassungsmäßigen Staatsregiment anschließt. Wir zünden mit ihm im Schweizer Exil die Weihnachtskerzen für sein erstes Töchterchen, sein Käthchen, an und beklagen sein hartes Geschick, das ihn auch von dort wider seinen Willen in ein unstätes Wanderleben trieb. Wir begleiten das Schiff mit unseren Segenswünschen, das den Emigranten nach Englands gastfreier Küste trägt, aber wir fühlen uns selbst gedemüthigt, wenn sein geldprotzender Cityprincipal ihn damit empfängt, daß es für seine Stellung nicht passe, einen Schnurrbart zu tragen.

Dann kommen die „Sturm- und Drangjahre“. Es erscheinen vom Rheinlande – Düsseldorf und Cöln – die wilden Kampfgesänge, welche den politischen Leisetretern heute noch Nervenzuckungen verursachen. Die Kurzsichtigen, die nicht wissen oder verstehen wollen, daß Freiligrath ein Kind seiner Zeit war, daß diese anfeuernden Lieder einer politischen That gleichkamen und in der Entwickelungssache unseres Freiheitskampfes so nothwendig waren, wie die Sehne auf der Armbrust des Schützen!

Und nach der großen Erhebung – ja, da athmen wir in Londons Gassen mit dem Exilirten wieder Englands Nebel; wir sehen ihn im sauern Frohndienste sich abmühen, das harte Brod der Fremde essen, ohne Klage, ohne Haß und nur dann und wann seine Seele den Wunsch durchzittern, sein Volk glücklich zu wissen und den letzten Weihnachtsbaum im Vaterlande anzünden zu können für „sein Kleeblatt Fünf, die früh um ihn Gehetzten“.

Es sind goldene Worte, die er mir schrieb:

„Ich hab’ ein Weib und Bübchen zwei,
Die brauchen Zeug und Haferbrei, –
Du weißt, mein Herz ist stolz und frei,
Doch Besen schneiden,
Holz hacken will ich, eh’ die Drei
Je Noth mir leiden.

Dies ist ein Vers von Robert Burns, den ich nicht nur übersetzt, sondern selbst gemacht haben möchte; so sehr drückt er mein eigenes Wollen und Empfinden aus. Wie oft in den ‚Holzhackertagen des Exils‘, als ich für ‚Bübchen drei und Mädchen zwei‘ zu sorgen hatte, sind diese Worte (und das ganze Gedicht, dem sie entnommen sind) mir Trost und Ermunterung gewesen!“

Im Jahre 1867 faßten hochherzige Freunde des Dichters den Entschluß, den Exilirten zurückzurufen und ihm auf deutscher Erde ein Heim zu gründen. Der Aufruf, durch Emil Rittershaus’ „Meistersang“ eingeleitet und durch die „Gartenlaube“ energisch unterstützt, ist bekannt. Freiligrath schlug seine Wohnung am Neckar auf und erlebte es 1868 und 1869, daß ihn zuerst Rheinland im Gürzenich und dann Westfalen in Bielefeld und Detmold begeisterungsvoll als „besten, treuesten Sohn der rothen Erde“ begrüßte. – Im Dichterhause zu Stuttgart wurde es, nachdem Käthchen und Louise sich nach London an deutsche hochgeachtete Kaufleute verheirathet, und Wolfgang, der älteste Sohn, nach dem Westen Amerikas gezogen, immer stiller. Die Liebe seines Volkes verklärte den Lebensabend des Dichters, und er selbst sonnte sich im Glücke seiner geliebten Kinder. Seine Briefe aus jener Zeit verrathen die stillglückliche Stimmung des Unvergeßlichen, unterbrochen nur von dem Kriegsgeschreie der Jahre 1870 und 1871. Die Siege unserer Armee begleitete er mit den herrlichen Liedern, die unter der Sturmliteratur jener Zeit den ersten Rang einnehmen. Seinem Sohne Wolfgang folgte im „Dienste der Menschlichkeit als Krankenpfleger des Schlachtfeldes“ der väterliche Segen, und dankbar und hoffnungsvoll begrüßte der Dichter die neue Zeit, die so manche Ideale erfüllte, für die er in rüstigen Mannesjahren gelitten und gekämpft. Aber mitten in das Stillleben [271] seines neuen Heims fuhr ein jäher Blitzstrahl. Am 1. März 1873 Abends starb sein Sohn Otto, der als Freiwilliger im Stuttgarter Grenadierregiment diente, im Alter von zweiundzwanzig Jahren am Scharlachfieber. Freiligrath hatte von jeher seine Kinder unsäglich lieb gehabt und konnte diesen Verlust nie verschmerzen. Wie der Eichbaum, wenn ihm die Wurzel abgeschnitten wird, verdorrt und abstirbt, so siechte der Schwergeprüfte seit jenem Tage dahin. Anfänglich hoffte er, ein Aufenthalt in England bei seinen Kindern und Enkeln werde ihm

Die Gartenlaube (1876) b 271.jpg

Freiligrath’s Ruhestätte auf dem Ufkirchhofe bei Cannstatt.
Nach einer am Begräbnißtage aufgenommenen Originalzeichnung.

einige Tröstung bringen, aber zurückgekehrt schrieb er mir im Herbste desselben Jahres:

„Mir ist oft weh’ um’s Herz, wenn ich denke, wie weit, weit unsere Kinder draußen in der Welt sind. Wir fühlen uns sehr einsam, meine arme Frau und ich. Du kannst dir denken, wie uns um’s Herz war, als wir hier die Räume wieder betraten, in denen wir so unsägliches Weh erleben mußten. Und wie am ersten Tage, so ist es jeden Tag. Der geliebte Schatten ist um uns, wo wir gehen und stehen. Die Zeit schwächt unsern Schmerz nicht ab und soll es auch nicht.“

Noch einmal lächelte dem vor Gram weißgewordenen Manne ein glücklicher Tag, als sein Sohn Wolfgang sich mit einem vortrefflichen englischen Mädchen, einer Perle von Frauenzier, verheirathete. Seine Muse, die sonst bei fröhlicher Veranlassung sich in muntern Weisen hören ließ, hatte an diesem Tage nur einen Geistergruß des todten Sohnes an den Bruder. Kleinere Uebersetzungen abgerechnet, verstummte der Sänger seit dem Tode des Kindes; die Saiten der Leyer waren eben jäh zerrissen. Da jenes Hochzeitsgedicht das letzte des Dichters ist, sein eigentlicher Schwanensang, und es bislang nur im Manuscript existirt, so mag es für die Leser der „Gartenlaube“, nach gütig ertheilter Erlaubniß der Frau Ida Freiligrath hier folgen. Es wird wohl Keiner diesen Schmerzensschrei ohne tiefe Rührung lesen können. Die Thränen des Vaters, welcher im Namen seines heimgegangenen Sohnes spricht, perlen gleichsam in jedem dieser wehmüthigen Verse.

Otto zu Wolfgang’s Hochzeit, 5. Juni 1873.

Es fällt ein ernster Schatten,
O Bruder, auf Dein Fest,
Wie ernst auf sonnige Matten
Gewölk ihn fallen läßt;
Er dunkelt ob Deinem Weine,
Er senkt sich auf Dein Brod:
Der Schatten, den ich meine,
Der Schatten ist mein Tod.

Du kehrtest auf fernen Wegen,
Zu holen Dir die Braut;
O Wolf, wie hab’ ich entgegen
Dir Kehrendem geschaut!
O Wolf, wie wollt’ ich heute
Mich deines Glückes freu’n:
Nun tönt mein Grabgeläute
In deinen Hochzeitreih’n.

[272]

Vergieb, vergieb, Du Lieber.
Daß ich Dir das gethan!
Es war das böse Fieber;
Das fiel so jäh mich an.
Ich habe mit ihm gerungen.
Ich wies ihm meine Kraft –
Es hat mich doch bezwungen,
Es hat mich doch entrafft.

Bei Stuttgart zwischen den Reben,
Da liegt ein stiller Grund,
Da ranken an schwarzen Stäben
Empor sich Blumen bunt;
Da breiten flüsternde Bäume
Sich über mir als Zelt;
Da lieg’ ich nun und träume,
Ich junger Springinsfeld.

Da lieg’ ich nun und halte
Feldwache für und für,
Die neue und die alte
Weinsteige über mir;
Da hör’ ich herab von den Seiten
Des Berges hellen Klang:
Der Cameraden Schreiten
Und muthigen Marschgesang.

O, könnt’ ich mit euch singen,
Wie sonst im Sonnenschein!
O, könnt’ ich mich heben und schwingen
In den blühenden Lenz hinein!
In den Lenz und über die Auen,
Meerwärts und England zu –
Und könnt’ in’s Auge Dir schauen,
Du lieber Bruder, Du!

Und könnte die Hand Euch geben,
Dir, Wolf, und Dir, Marie!
Nicht, Wolf, das wär’ ein Leben
In dieser Junifrüh’?
Doch o, doch o! Nicht heb’ ich
Zum Wandern mehr den Fuß;
Um Euer Fest nur schweb’ ich
Mit stillem Geistergruß.

„Meine herzliche Liebe Allen,
Allen den Andern auch!“
Das war mein letztes Lallen,
Das war mein letzter Hauch.
Die Mutter küßt’ ihn mit Thränen
Von der brennenden Lippe mir;
Der Gruß, das letzte Sehnen,
O Bruder, galt auch Dir!

„Meine Liebe,“ ja die Liebe!
Die ist’s. Die schwingt sich weit;
Den Tod überholt die Liebe –
Lieb’ ist Unsterblichkeit.
Wohl kannst Du sie nicht sehen,
Doch lebt sie und ist da –
Mit der Liebe leisem Wehen
Bin ich Dir heute nah.

Und bin es zu allen Stunden,
Und bin es immerdar,
Im Tode Dir noch verbunden,
Wie ich’s im Leben war,
Dir und „den Andern allen“,
Und werde, trotz Grab und Tod,
Meerüber mit Dir wallen,
Und folgen Deinem Boot.

Und werde Dich treu begleiten
Entlang die großen See’n,
Durch die Steppe mit Dir reiten,
Und mit Dir jagen geh’n,
Will steh’n, eine liebende Wache,
Auf Deinem Schwellenstein,
Will Deinem jungen Dache
Hausgeist und Schutzgeist sein.

So rast’ ich unter dem Hügel
Im lieben Heimaththal
Und hebe doch auch die Flügel
Um die Heimath Deiner Wahl,
Ruf’ auch in ihr mit Flüstern
Dir zurück die alte Zeit:
Bei den Eltern und Geschwistern
Unsre fröhliche Knabenzeit.

O Wolf, in Jugendtagen
Hat mich der Tod geküßt,
Doch will ich’s nicht beklagen,
Wenn Du nur glücklich bist,
Wenn nur in Deinem Westen
Der Himmel und die Au
Hold sind Euch lieben Gästen,
Dir, Wolf, und Deiner Frau.

Nun soll auch junges Leben
Bald um Euch blüh’n – o Gott,
Wie will ich erst das umschweben,
Ich, Euer treuer Ott!
Hoch über Euern Kleinen,
Ein ernster, milder Stern,
Soll meine Liebe scheinen –
O, ich hatte die Kinder so gern!

Im Spätsommer des vorigen Jahres sah ich Freiligrath seit vielen Jahren zum ersten Male wieder. Es war in seiner neuen Wohnung in Cannstatt. Ich erschrak fast über das veränderte Aussehen des Freundes. Als ich ihn zuletzt gesehen, war es kurz nach dem ihm zu Ehren in Bielefeld gegebenen Dichterfeste, von welcher Zeit mir seine kräftige Gestalt noch vorschwebte, wie er, den Becher in seiner Rechten, jenen Dank an’s Vaterland ausbrachte:

„Geliebt zu sein von seinem Volke,
O herrlichstes Poetenziel!
Loos, das aus dunkler Wetterwolke
Herab auf meine Stirne fiel!“

Jetzt war er ein stiller Mann geworden, dem die Erinnerung an die westphälischen Festtage nur noch ein wehmüthiges Lächeln abgewann. „Ja, ja, ich bin ein anderer Mann geworden, mein Freund,“ sagte er mir, als wir zusammen auf dem Balcon seiner Wohnung standen und die Sonnenlichter im Neckarflusse und seinem Wasserfalle glitzern und auf den jenseitigen Rebenhügeln mit Blatt und Trauben spielen sahen. „Es ist hier so schön, so herrlich; freilich nicht wie auf den Kämpen und in den Buchenwäldern meiner teutoburger Heimath, aber es ist doch so ein schönes Fleckchen Erde ringsum. Nun, mir erscheint das Alles grau in grau: ich sehe das blühende, junge Leben nicht mehr um mich. Du hast, gleich mir, Deine grünen Hoffnungen in’s Grab gelegt und verstehst mich.“ Mir aber preßten solche Worte das Herz zusammen.

Inzwischen gesellte sich zu diesem Seelenschmerze Freiligrath’s ein Herzleiden, das schließlich in völlige Wassersucht überging. Das Schreiben wurde dem Dichter schwer, und er mußte seiner mit ihrem Gatten aus Amerika zurückgekehrten Schwiegertochter Maria dictiren. Doch war er thätig bis zum letzten Augenblicke, vornehmlich bei der Redaction von Hallberger’s „Englischem illustrirten Magazin“. Todesgedanken überkamen ihn wohl hier und da; er vollzog sogar seinen letzten Willen, und doch mochte er sein Ende nicht so nahe wähnen. Seinem ältesten Freunde und täglichen Besucher, Ludwig Walesrode, war die schmerzliche Pflicht zugefallen, den Kranken durch Scherze, durch Gesang und Erzählung aufzuheitern, obgleich dem alten Manne, der sich bewußt war, ein Opferlamm zum Tode zu führen, darob das eigene Herz fast brechen wollte. In den letzten Tagen beschäftigte ihn ausschließlich der Gedanke einer baldigen Reise nach England zu seinen Kindern und Enkeln. Er sollte sie nicht wiedersehen; nur Wolfgang war um ihn. Am Morgen des 18. März früh bei Tagesgrauen wünschte er aufzustehen; seine Frau und ihre Schwester, Fräulein Marie Melos, halfen dem Kranken und geleiteten ihn zum Sessel. Noch scherzte er mit seiner Ida; als aber die ersten Sonnenstrahlen über die Rebengelände schauten, neigte er seinen Kopf leise zurück und entschlief. …

Einige Stunden nachher wurde von dem „stillen Schläfer“ die Photographie aufgenommen, die unser heutiges Bild wiedergiebt. Was soll ich noch von dem Begräbnisse, von den fast königlichen Ehren sagen, die dem Dichter im Tode gebracht wurden? Als ich den Freund wiedersah, lag er, von Veilchen, Camellien und Lorbeeren fast erdrückt, in seinem Sarge. Ich habe lange, lange die erstarrte Hand in der meinigen gehalten und konnte mich nicht satt sehen an diesen stillen, friedlichen Zügen. Während der folgenden Tage strömten die Menschen zu Hunderten in’s Sterbehaus, um den Sarg, der, umgeben von einem Palmen-, Cypressen- und Camellienwalde, auf schwarzem Postamente im Sterbezimmer stand, zu sehen. Zu Hunderten kamen die Lorbeerkränze in’s Todtenhaus; Hütten und Paläste aus allen Theilen Deutschlands sandten den Tribut ihrer Hochachtung dem todten Dichter. Wohl nie ist ein deutscher Poet im Leben und Tode mehr geehrt und geliebt worden von seinem Volke als Ferdinand Freiligrath.

Am 21. März gegen Abend begruben wir ihn unter Theilnahme von Tausenden auf dem Ufkirchhofe bei Cannstatt. Sein Grab liegt unweit der hoch gelegenen Capelle an der Friedhofmauer. Mein Wunsch, den sterblichen Theil Freiligrath’s im Walde bei Detmold zu betten, angesichts des ehernen Males der Einheit das Grab des Sängers der Freiheit zu graben, wurde zum schmerzlichen Bedauern seiner rheinischen und westfälischen Freunde von der Wittwe abgelehnt. Ich hatte den Plan eingedenk seiner Worte:

„Ich wandelte bei meiner Kindheit Bäumen,
Wo ich wohl wollte, daß sie mich begrüben –“

gefaßt und fand für seine Verwirklichung thätige und liebevolle Unterstützung beim Bürgermeister Detmolds, Herrn Dr. Heldmann. – Die Idee ist von den Freunden in Norddeutschland noch nicht aufgegeben, und man wartet eine ruhigere Zeit ab, um dann bittend bei der Wittwe und den Kindern noch einmal anzuklopfen.

Während die Lorbeerkränze an die offene Gruft gelegt wurden mit Grüßen von ganz Deutschland und selbst Amerika und ein Sängerchor sein schönes, ergreifendes „Stumm schläft der Sänger“ vortrug, sandte die Abendsonne ihre vollen Strahlen auf den menschengefüllten Friedhof. Dazwischen – ein seltenes Schauspiel – fielen Schneeflocken auf Grab und Lorbeer. Der Lenz kämpfte noch mit den letzten Spuren des Winters, aber nur kurze Zeit, denn sein Kommen hält nichts mehr auf. War das Naturspiel an Freiligrath’s Grabe ein Spiegelbild unseres Freiheitlenzes?

Deutsches Volk! Auf dem Bergkirchhofe im Neckargau schläft dein bester Freund. Du hast die letzten Jahre des nun stillen Todten durch deine hochherzige Gabe verschönt, aber bei Weitem nicht ganz abgetragen, was du ihm schuldest. Ich spreche nicht von den materiellen Gütern der Erde. Du kannst dem großen Todten nur zahlen, wenn du sein Vermächtniß erfüllst, wenn du um die Freiheit weiter streitest in dem Kampf, in welchem er dein erster Bannerträger war. Sein Hügel ragt in Schwabens Erde – o, möchte sich Nord und Süd über diesem Grabe die Bruderhand reichen; möchte aller Groll vergessen sein; möchten sich zu gemeinsamem Streben alle die wackeren Elemente verbinden, die vor Allem berufen sind, den Morgen hervorzurufen, den Morgen der Freiheit, dem das letzte Flehen Freiligrath’s galt!

Richard Wehn.


[273]

Nachdruck verboten und Ueber-
setzungsrecht vorbehalten.     
Das rothe Quartal.


(März–Mai 1871.)


Von Johannes Scherr.


8. Zerstörungscancan.


Wer schon Wahnwitzige beobachtet hat, weiß, daß mit ihren Wuthschreien das blödsinnige Lallen, mit ihren Zorngrimassen das kindische Lachen zu wechseln pflegt.

Die Kommune hat es auch so getrieben. Sie fiel aus dem Wilden in’s Läppische, aus dem Schrecklichen in’s Lächerliche und umgekehrt. Wo ihr Zerstörungstrieb nicht mordete und sengte, faselte er. Die Zerstörung des Hauses von Thiers war die kindische Rache eines dummen Lümmeljahrejungen, die Zerstörung der Napoleonsäule auf dem Vendômeplatz eine barbarische Albernheit, welche bewies, daß die Kommunarden den Geist ihrer eigenen Nationalität gänzlich verkannten und daß für den mit Recht berühmten französischen „Esprit“ im rothen Quartal kein Platz war.

Die erste Gebäulichkeit, an welcher die Kommune ihren rothen Zorn ausließ, war die Kirche Bréa, zur Erinnerung an den während der Junischlacht von 1848 durch die Insurgenten schändlich ermordeten General dieses Namens im dreizehnten Arrondissement erbaut. Dieses Zerstörungswerk sah ganz so aus, als wollten dadurch die Mörder der Generale Thomas und Lecomte den Mördern des Generals Bréa eine nachträgliche Ehrenerklärung geben. Dann sollte die Reihe an die sogenannte Sühnkapelle (für die Hinrichtung Ludwigs des Sechszehnten) kommen, allein der Zerstörungsbefehl gelangte nicht zur Ausführung.

Schon am 3. April hatte die Kommune ein Anklagedekret gegen Thiers und sein Ministerium geschleudert. Zugleich ein Raubdekret, denn die Besitzthümer der Regierungsmitglieder sollten mit Beschlag belegt werden, bis die Angeklagten „vor der Volksjustiz“ erschienen wären, um sich zu verantworten. Wofür? Dafür, daß sie patriotisch genug gewesen waren, das ihnen von seiten der rechtmäßigen Nationalvertretung Frankreichs übertragene Regierungsmandat unter den schwierigsten Umständen anzunehmen und dem rothen Wahnsinn entgegenzutreten. Am 9. Mai wurde in Paris eine Proklamation bekannt, welche Herr Thiers Tags zuvor an die Bevölkerung der Hauptstadt gerichtet hatte. Darin versprach er den Wehrleuten, welche die Waffen niederlegen würden, Verzeihung, sowie den Arbeitern jede mögliche Unterstützung, zugleich aber kündigte er die nachdrucksame Niederwerfung des Aufstandes an. Am 10. Mai oder, wie sie datirte, am 21. Floréal – denn auch die historische Kuriosität des „republikanischen“ Kalenders von 1793 hatten die Stadthausaffen unter dem Staube der Verschollenheit hervorgescharrt – gab die Kommune ihre Antwort auf diese Proklamation, das heißt der Wohlfahrtsausschuß dekretirte, das Vermögen von Thiers sei zu konfisciren und sein Haus auf der Place Saint-Georges dem Erdboden gleich zu machen.

Am 14. Mai wurde unter der Leitung der Bürger Fontaine und Andrian, jener so zu sagen Domänen-, dieser Bautenminister, der kindische Vandalismus in Ausführung gebracht. Das Mobiliar, die Gemälde, die beträchtliche Bibliothek, die reiche Münzensammlung des gesetzmäßigen Staatsoberhauptes wurden weggenommen und das Haus bis auf den Grund zerstört. Ein Mitglied der Kommune illustrirte den Bildungsgrad dieser Sippschaft mittels seines scharfsinnigen Vorschlags, die aus dem niedergerissenen Hause geraubten Bronzestatuetten und alten Münzen in die Münze zu schicken, um eine hübsche Anzahl von Sousstücken daraus zu prägen.

Am vorhergegangenen Tage hatte im „Journal officiel“ dieses Dekret gestanden: „In anbetracht, daß die kaiserliche Säule auf dem Vendômeplatz ein Symbol viehischer Gewalt (un symbole de force brute) und falschen Ruhmes, eine Bekräftigung des Militarismus, eine Verneinung des internationalen Rechtes, ein den Besiegten durch den Sieger zugefügter Schimpf, ein fortwährendes Attentat auf eins der drei großen Principien der französischen Republik, die Bruderschaft, – befiehlt die Kommune: Die Säule auf dem Vendômeplatze wird umgestürzt.“ Den Kommentar zu diesem Dekret gab der Bürger Pyat in seinem „Vengeur“: – „Paris wird den Mann vom Brumaire mitsammt dem Piedestal umwerfen, welches er seinem Stolz und unserer Schande, seiner Tyrannei und unserer Knechtschaft, unseren Attentaten auf uns selbst und auf andere, endlich unseren Verbrechen gegen die Freiheit Frankreichs und Europa’s aufgerichtet hat. Die eroberungslustigste, aber auch erobertste, die kriegerischste, aber auch friedfertigste Rasse giebt dieses Freundschaftspfand den Nationen. A bas la colonne!“

So angesehen – das ist wahr – hatte die Sache schon ihren Sinn. Aber gerade diese Betrachtungsweise war durch und durch unfranzösisch, so unfranzösisch, daß gerade der Umsturz der napoleonischen Gloire-Säule Hunderttausende, vielleicht Millionen von Franzosen standhaft glauben machte und noch immer glauben macht, die Kommune, welche so ungeheuerlich Unfranzösisches wollen und thun konnte, müßte schlechterdings eine fremde Machenschaft gewesen sein.

Für den eigentlichen Vendômesäulestürzer muß bekanntlich der Maler Gustav Courbet gelten, Mitglied der Kommune, in seiner Kunst ein Realist, in der Politik ein Narr. Nur ein solcher konnte beim Beginne der Belagerung von Paris durch die Deutschen an diese ein Sendschreiben erlassen, worin es hieß: „Gebt uns eure Krupp’schen Kanonen! Wir wollen sie mit den unsrigen zu einer zusammengießen. Diese letzte Kanone soll mit ihrer Mündung in die Höhe gerichtet, mit einer Freiheitsmütze bekränzt und als ein gemeinsamer Denkmalkoloß auf den Vendômeplatz aufgestellt werden. Diese Säule soll euch und uns gehören; sie soll die Säule der Völker, die Säule der für immer verbündeten Länder Deutschland und Frankreich sein.“ Um dieser deutsch-französischen Phantasieriesenkanone des exaltirten Malers platzzumachen, mußte die Napoleonsäule weg. Also bringen wir es dahin, daß die Kommune, in welcher wir ja selber sitzen, das ohnehin – künstlerisch betrachtet – unschöne Ding von bronzenen Pfahl wegdekretire.

Und er brachte es richtig dazu. Sehr wahrscheinlich haben wir es, wie auf Schritt und Tritt in dieser Historie, auch hier wieder mit einem Plagiat zu thun, mit einer Nachäfferei der sansculottischen Nivellirungswuth von 1793. Hatten damals doch in der Wolle rothgefärbte „Patrioten“ die Abtragung der Thürme von Notre-Dame, sowie des Münsterthurms von Straßburg gefordert, weil diese „aristokratischen Unverschämtheiten von Thürmen“ dem Gleichheitsprincip hohnsprächen.

Den Umsturz der Säule, Dienstags den 16. Mai, umgab man mit allerlei rothem Brimborium und Firlefanz. An 20,000 Menschen oder mehr wohnten dem Spektakel an. Es hieß in der Menge, ein Engländer habe 1000 Francs geboten, so man ihm gestattete, als der Letzte zur Balustrade der Säule hinaufzusteigen, von wo man eines so prächtigen Rundblickes über die schönste Stadt auf Erden genoß. Ein anderer Engländer soll gar 1 Million angeboten haben, so man ihm den ehernen Koloß käuflich überließe. Um 3½ Uhr begannen die Ingenieure das Zerstörungswerk, das nur mit Hindernissen vor sich ging. Um 5½ Uhr wankte die Säule, neigte sich, lös’te sich von ihrem Sockel und stürzte mit einem dumpfen Krach auf die aufgeschichteten Sand-, Reisig- und Strohhaufen nieder. Im Sturze lös’te sich von der auf dem Säulenknaufe stehenden Napoleonstatue der Kopf ab und rollte weithin. Die Menge brach in einen Schrei aus, der ebenso gut Freude als Trauer signalisiren konnte, Musikbanden spielten die Marseillaise, rothbeschärpte Kommunarden stiegen auf den Stumpf der Säule, schwangen rothe Fahnen und hielten rothe Reden, Veteranen aus der napoleonischen Zeit stießen Flüche aus oder vergossen Thränen, aber man hörte auch die Bemerkung: „Das ist das Ende der (napoleonischen) Legende,“ was freilich nur eine philosophische Ansicht, keine geschichtliche Thatsache war. Denn der Glaube an den napoleonischen Mythus ist in Frankreich so wenig zu Ende wie der Glaube an den römisch-katholischen. Der weiland Graf Rochefort klatschte in seinem „Mot d’ordre“ dem Sturze der Säule Beifall und forderte das Volk auf, [274] annoch ein anderes „monument dépravateur“ zu zerstören, d. h. die „Histoire du consulat et de l’empire“ von A. Thiers auf dem Vendômeplatze zu verbrennen.

Man sieht, die Fanatiker aller religiösen wie aller politischen Glaubensbekenntnisse sind mit dem Verbrennen geschwind bei der Hand. Der Marschall Mac Mahon kannte und traf die Stimmung der Franzosen jedenfalls besser denn die Spektakelmacher der Kommune, als er die Nachricht von der Zertrümmerung der Säule mit einem Tagesbefehl an seine Soldaten beantwortete, worin er sagte: „Die Vendômesäule ist gefallen. Sie, welche der Feind geschont, die Kommune von Paris hat sie zerstört. Leute, welche sich Franzosen nennen, haben es gewagt, angesichts der Deutschen, deren Blicke auf uns gerichtet sind, diese Bezeugung der Siege unserer Väter gegen das verbündete Europa zu zerstören. Hofften etwa die ehrlosen Urheber dieses Attentats auf den nationalen Ruhm, damit die Erinnerung an die kriegerischen Tugenden auszutilgen, deren glorreiches Symbol dieses Denkmal war? Nein, die Erinnerungen, an welche die Säule uns mahnte, werden in unseren Herzen fortleben und wir werden, durch sie begeistert, Frankreich ein neues Unterpfand unserer Vaterlandsliebe, Hingebung und Tapferkeit geben.“ Das war französisch zu Franzosen gesprochen, und das ganze Gebahren der Soldaten des Marschalls während des jetzo anhebenden Verzweiflungskampfes um den Besitz von Paris hat den Beweis geliefert, daß sie diese Sprache verstanden und befolgten.

Am folgenden Tage, 17. Mai, hielt die Kommune eine ihrer wichtigsten Sitzungen. Es handelte sich dabei um die Ausführung ihres schon am 7. April erlassenen Dekretes inbetreff der Geiseln, dessen 6 Artikel also lauteten: 1) Jede Person, die des Einverständnisses mit der Versailler Regierung beschuldigt wird, soll sofort in Anklagezustand versetzt und in Haft genommen werden. 2) Eine Anklage-Jury wird binnen 24 Stunden eingesetzt, um von den Verbrechen, die ihr überwiesen werden, Kenntniß zu nehmen. 3) Die Jury entscheidet binnen 48 Stunden. 4) Alle Angeklagten, die durch den Urtheilsspruch der Anklage-Jury gefangen gehalten werden, sind die Geiseln des Volkes von Paris. 5) Jeder Tödtung eines kriegsgefangenen Anhängers der Kommune von Paris folgt sofort die Tödtung einer dreifachen Anzahl von Geiseln, die auf Grund des Artikel 4 gefangen gehalten sind und durch das Loos bezeichnet werden sollen. 6) Jeder Kriegsgefangene wird vor die Anklage-Jury geführt, welche entscheiden wird, ob er in Freiheit gesetzt oder als Geisel zurückgehalten werden soll.

Plagiat wiederum, nichts als Plagiat! Das ganze Machwerk war nicht dem Text, aber dem Sinne nach nur ein Abklatsch des „Gesetzes in Betreff der Verdächtigen“, welches der Konvent im August von 1793 erlassen hatte.

Die in vier Sektionen getheilte Anklage-Jury trat sofort in Thätigkeit und verwies zunächst 36 arme Teufel von pflichttreuen Gensdarmen und Stadtsergeanten, welche sich in ihrer Gewalt befanden, in die lebensgefährliche Kategorie der „Geiseln“. Es war das nur ein geschminktes Todesurtheil, gerade soviel werth wie die Verdikte, welche der „Bürger“ Maillard inmitten des Blutdampfes der Septembermetzelei von 1792 in der „Abtei“ gefällt hatte.

Es existirt eine Zeugenaussage des Herrn Rousse, Stabträgers der Advokaten von Paris, welche in drastischer Weise das Amten des Bürgers Delegirten beim Justizwesen, Protot, im Justizministerium und das des Bürgers Prokurator der Kommune, Rigault, im Justizpalast beleuchtet. An beiden Orten ging es formlos und etwas pöbelig zu, doch nicht tumultuarisch. Herr Rousse versuchte muthig zu Gunsten des Erzbischofs Darboy und des auf eine Angeberei von seiten des „Père Duchêne“ hin verhafteten Redacteurs und Advokaten Chaudey zu interveniren. Natürlich umsonst. Der Bürger Rigault – „ein kleiner Mensch von etwa dreißig Jahren, brünett, mit einem Vollbart, einem harten Gesichtsausdruck und einem breiten rothen goldgeränderten Band im Knopfloche,“ wie Rousse ihn beschreibt – gab auf die gelegentliche Frage seines Besuchers: „Wie viele Priester haben Sie denn verhaften lassen?“ die Antwort: „Ich weiß es nicht genau, aber jedenfalls lange nicht genug.“ Auf ein Besorgnißwort des Herrn Rousse, ob nicht eine Wiederholung der Septembermorde von 1792 zu befürchten wäre, entgegnete Bürger Rigault beschwichtigend: „Oh, fürchten Sie nichts derartiges! Wir sind ganz und gar die Herren und Meister des Volkes.“

In der That, das waren sie. Wie ein wohldressirter Pudel die Winke und Worte seines Herrn, also befolgte das Volk von Paris die Anordnungen und Befehle der Stadthausgebieter. Dadurch kam Ordnung in die Unordnung, Methode in den Wahnsinn. Die Regierungsmaschine arbeitete so regelrecht wie eine andere. Abgesehen von der dem Systeme anhängenden Unannehmlichkeit, daß niemand auch nur eine Stunde sicher war, für den Dienst in der Bürgerwehr gepreßt und den Kugeln der Blauen entgegengetrieben oder als des Einverständnisses mit Versailles verdächtig verhaftet und den Geiseln beigesellt zu werden, abgesehen auch von dem Aergerniß für fromme Seelen, daß die Kirchen geschlossen oder in Klubblokale verwandelt waren, konnte man in Paris während der zweiten Belagerung ganz anständig, ja vergnüglich leben. Viele, sehr viele Leute lebten auch wirklich ganz vergnüglich in den Tag und vergnüglichst in die Nacht hinein. Von einem bis zum Morgengrauen verlängerten Bakchanal auftaumelnd, fuhren Lebemänner und Liebeweiber mitsammen nach den Champs Elysées hinaus, um sich am Anblick der Flammenfurchen zu ergötzen, welche die von diesseits und jenseits des Stromes sich kreuzenden Bomben und Granaten in der Luft hinter sich herzogen. Die Theater waren überfüllt, und während von der Umwallung her der Kanonendonner dröhnte, wollte sich das Publikum über Possen wie „Die dreischnäbelige Ente“ und andere ähnliche fast zu Tode lachen.

Und was gab es nicht täglich auf den Straßen zu begaffen! „La mère Commune“ sorgte ja beflissentlichst, daß es nie an Spektakeln fehlte. Eines schönen Aprilmorgens veranstalten wir auf dem Boulevard Voltaire zu Füßen der Statue des Patriarchen von Ferney einen „Auto de fé“, aber keinen spanischen Glaubensakt, sondern einen, wie er uns Bürgern der Republik Utopia geziemt. Angesichts einer ungeheuren Menschenmenge zertrümmern wir feierlich eine Guillotine, „die der Tyrann Thiers hat neu anfertigen lassen“, und verbrennen die Trümmer des vermaledeiten Mordinstruments, welches der Menschenbruderschaft hohnspricht, feierlichst auf einem zu diesem Zwecke geschichteten Holzstoße. Wozu denn soll uns noch die umständliche Wegsäuberungsmaschine des Doktors Guillotin, da wir die einfacheren, expeditiveren, „wunderwirkenden“ Chassepots haben? Der Wonnemond bringt uns reichen Wechsel von Augenweide. Wir sehen das verfehmte Haus am St. Georgsplatze einreißen, sehen die Vendômesäule fallen, und nachdem am 17. Mai die große Munitionsfabrik auf dem Marsfelde in die Luft geflogen – zweifelsohne eine teuflische Bosheit der Blauen! –, veranstaltet die Kommune den mehr als hundert Opfern der Explosion einen Bestattungspomp, welcher die ganze Majestät der Trauer und der Rache zur Schau stellt. Und sind nicht Tag für Tag die Schaufenster der Kaufläden von Karikaturen voll, die so drastisch, daß sie sogar unseren Loretten und Biches und Kokotten unter dem Roth ihrer Schminke noch ein anderes Roth auf die Wangen jagen? Und regnet es nicht täglich geistreiche und zwanglose Bonmots? Was kommt dem Witze gleich, den der Bürger Prokurator der Kommune riß, indem er einem Pfaffen, welcher ihn gebeten, seine Amtsbrüder in Mazas besuchen zu dürfen, diesen Passirschein ausstellte: „Ein gewisser N. N., welcher sich für den Diener eines gewissen Herrn Gott ausgibt, darf ein- und ausgehen.“

Sodann steht es uns frei, die in den Sälen der Tuilerien zur Ergötzung des „peuple souverain“ von seiten der Kommune veranstalteten Koncerte zu besuchen, oder aber wir verbinden das Angenehme mit dem Nützlichen, die Uebung unserer Bürgerpflicht mit dem Amusement, indem wir einen der in den weiland Kirchen debattirenden Klubbs besuchen, wo es Abends immer laut und lustig hergeht und Damen in Menge vorhanden sind – Damen, sag’ ich euch, wie sie im Pandämonium sein müssen. Etliche dieser Klubbs treiben die Liberalität und Toleranz bis zum Exceß. So ist z. B. am Eingange der Kirche Nikolas des Champs in der Rue St. Martin die Klubbordnung angeschlagen, welche also lautet: „1) Von heute an finden die Klubbsitzungen und der Gottesdienst in demselben Lokale statt. 2) Um der Einträchtigkeit willen wird der Priester die Gläubigen anreden: Bürger! und die Klubbredner ihrerseits werden sagen: Meine Brüder! 3) In der Sakristei ist eine Wirthschaft eingerichtet, damit die Bürger, [275] welche der Messe angewohnt haben, die Eröffnung der Klubbsitzung abwarten können, ohne die Kirche zu verlassen. 4) Den Klubbrednern ist untersagt, das als veraltet abgeschaffte Wort Gott in den Mund zu nehmen.“

In diesem „duldsamen“ Klubb stand eines Abends die These: „Verachtung der Gesetze und Umsturz aller Einrichtungen sind die ersten Pflichten eines freien Mannes“ – auf der Tagesordnung. Hier, in der Kirche Nikolas des Champs, hörte ein deutscher Ohrenzeuge am Abend vom 14. Mai einen Vortrag mit an, gehalten von einer Emancipirten, einen raren Vortrag über die Rechte der Frauen. Die Vorträglerin kam zu dieser Schlußfolgerung: „Die Männer sind dazu da, um viel, sehr viel Geld zu verdienen und nur um Geld zu verdienen; die Frauen dagegen, um 1) dieses Geld auszugeben und um 2) möglichst wenige Kinder zu haben. Denn die Kinder sind nächst den Regierungen das größte Uebel auf Erden. Je mehr es Menschen gibt, desto mehr vertheilt sich der Besitz, folglich desto mehr Armuth. Wir Französinnen haben den wesentlichen Vorzug vor den Frauen anderer Nationalitäten, daß wir keine solchen Fruchtbäume sind, wie z. B. die Deutschinnen und die Engländerinnen, welche, das ist klar, ebenso langweilig als kostspielig sind.“ Zu derselben Zeit, vielleicht an demselben Abend, wohnte ein französischer Ohrenzeuge der Klubbsitzung in der Kirche Saint-Jacques an. Hier ging es schon weniger tolerant zu: Gott, Priester und Gottesdienst wurden nicht geduldet. Das Becken beim Eingang enthielt statt des Weihwassers Tabak. Der Altar diente zum Schenktisch und war mit Flaschen und Gläsern besetzt. Der Statue der Muttergottes in einer Seitenkapelle hatte man die Uniform einer Marketenderin angethan und eine Tabakspfeife in den Mund gesteckt. Auch hier überwog die Anzahl der Bürgerinnen die der Bürger weit und „ein großer Theil dieser Patriotinnen erfreute sich mit gerechtem Stolze einer Nase, deren Roth würdig gewesen wäre, auf den Zinnen des Hotel de Ville zu flattern“. Von der Kanzel herab, welche als Rednerbühne diente, donnerte ein emancipirtestes Frauenzimmer gegen das „abscheuliche Institut der Ehe“. Unter großem Beifall argumentirte die Rednerin: „Die Ehe, vielgeliebte Mitbürgerinnen, ist der größte Irrthum der alten Gesellschaft. Verheirathet sein und Sklave sein ist ganz einerlei. Wollt ihr Sklaven sein? (Nein! Nein!) In einem wahrhaft freien Staate müßte die Ehe gar nicht geduldet werden, man sollte sie für ein Verbrechen ansehen und strenge verbieten. Denn niemand hat das Recht, mittels Preisgebung seiner eigenen Freiheit seinen Mitbürgern ein schlechtes Beispiel zu geben. Die Ehe ist, wie leicht zu beweisen, nichts als ein fortwährendes Attentat auf die guten Sitten.“ (Beifallssalve.) Ein dritter zahlreich besuchter Weiberklubb trieb seine Mummereien in der Kirche Saint-Ambroise. Hier war besonders die „totale Abschaffung der Religion“ das Thema, über welches das Geschnatter der tollgewordenen Gänse sich ausließ. Im Klubb der Kirche Saint-Eustache dagegen führten sich die Weiber verhältnißmäßig konservativ auf und fistulirten mitunter heftig gegen die Maßnahmen der Kommune.

Das Jahr 1793 hatte seine „Strickerinnen Robespierre’s“ und seine „Guillotinefurien“ gehabt; das Jahr 1871 hatte seine „Amazonen“ und seine „Marketenderinnen der Kommune“. Alte Narrheiten kehren in neuen Verkleidungen immer wieder. Die Weltgeschichte würde ja ein unausstehlich trauriges Trauerspiel sein, wenn sie nicht zugleich ein lustiger Karneval wäre. Welche Sorte von Weibern in den Rollen von Amazonen und Marketenderinnen sich gefiel, braucht nicht erörtert zu werden. Doch ist um der Wahrheit willen zu sagen, daß nicht lauter Auswurf in die bewaffneten Weiberbanden – es sollen an den letzten verzweifelten Kämpfen der Kommune an 10,000 Streiterinnen theilgenommen haben – sich einreihen ließ. Jugendgrüner Enthusiasmus oder die gefrorene Verbitterung des Altjungfernthums machten auch reinere Frauen zu Amazonen. Dies gilt z. B. von der jungen Russin Demitriew, welche die erste Anregung zur Weiberbewaffnung großen Stils gegeben, und von der ältlichen Institutrice Louise Michel, der ihr heldisches Fechten dem Namen einer „Jeanne d’Arc der Kommune“ eintrug und die auch nachmals vor dem Kriegsgerichte zu Versailles noch die ganze Unbeugsamkeit einer Fanatikerin bewies. Wenn das Weib einmal die Schranken der Weiblichkeit übersprungen hat und in der Region der Extreme sich herumtreibt, überbietet es bekanntlich den Mann an Wildheit und Wuth. Das Amazonenthum von 1871 war demnach häufig genug reines oder vielmehr unreines Megärenthum. Eines Apriltages tritt so ein streitbares Weib, das Gewehr mit blutigem Bajonnett über die Schulter gehängt, in der Rue de Montreuil in einen Laden. Eine anwesende Bürgersfrau, welche die Eintretende kennt, sagte zu ihr: „Wäre es nicht besser, Sie blieben zu Hause und pflegten Ihre armen Würmer?“ Sofort wirft sich die Kommunesoldatin auf die Frau, beißt sie in den Hals, springt dann etliche Schritte zurück und reißt wüthend ihr Gewehr von der Schulter, um auf die Gegnerin Feuer zu geben. Aber plötzlich überzieht eine fahle Blässe ihr Gesicht; sie läßt die Waffen fallen, stürzt selber zu Boden und ist todt. Die Wuth hatte ihr eine Herzader zerrissen.

Wollt ihr den sittlichen oder unsittlichen Zustand einer Zeit, eines Ortes kennen, so fragt dem Weibe nach. Wie die Frau, so die Gesellschaft. Das Paris der Kommune war ein ungeheures Freudenhaus. Les’t die Schilderungen der Augen- und Ohrenzeugen Bacciocco, Schneider und Mendès. Der letztgenannte schrieb in sein Tagebuch, einer seiner Freunde habe, empört über die Frechheit, womit das Laster auf den Boulevards seine schmachvollen Triumphe feierte, die düsteren Worte zu ihm gesprochen: „Wann Paris vollständig zerstört sein wird, wann seine Häuser, seine Paläste, seine Denkmäler, in Trümmer und Staub zerfallen, den verfluchten Boden bedecken und der Himmel nur noch auf eine ungeheure Ruine herabsieht, dann wird man aus dieser unermesslichen Todtenstadt das Gespenst eines Weibes auftauchen sehen, ein Skelett, mit gleißender Robe angethan, entblößt bis unter die Rippen, den Schädel aufgeputzt mit falschen Locken und flimmerndem Geschmeide, und dieses von Trümmerhaufen zu Trümmerhaufen wankende Gespenst wird zeitweise den Kopf umwenden, um zu sehen, ob nicht irgend ein ebenfalls ins Leben zurückgerufener Wüstling ihm in diese Oede folge, und dieses schauerliche Gespenst wird der verfluchte Schemen der Sünderin Paris sein.“




Geschichten aus der Geschichte.


1. „Sie maintenirte ihren Posten“.


II. Der Feldzug.

Pechfackelflammen spiegeln sich unheimlich in den blanken Waffen und Monturstücken einer nächtlichen Heerschaar und werfen ihren rothen Schimmer auf die bereiften Tannen des Hochwalds und die schneebedeckten Hohlwege und Bergstraßen, auf welchen Roß und Mann in tiefem Schweigen langsam vorrücken. Seit ein Uhr nach Mitternacht marschirt alle Mannschaft in die Finsterniß hinein, und Niemand weiß wohin. Nur Einer, der oberste Führer, ist in das Geheimniß eingeweiht, aber Das weiß er auch nicht, daß die Thaten, die durch sie von heute an zu verrichten sind, einst in der Geschichte ewig prangen sollen als „der Wasunger Krieg“.

Unsere Leser haben es leicht, sofort zu ahnen, daß wir hier dem Reichs-Executions-Corps begegnen, welches der Herzog von Gotha-Altenburg gegen den Herzog von Meiningen in’s Feld gestellt hat und das nun über dem eisumstarrten „Rosengarten“ des Thüringerwaldes gegen das Feindesland heranzieht. Der Tag dieses Nachtzuges war der 13. Februar 1747.

Als Herzog Friedrich am 11. Februar die gegen Meiningen bestimmten Executionstruppen auf dem Schloßhofe des Friedenssteins in Gotha musterte, betrugen dieselben 29 Officiere und 891 Mann, darunter 6 Officiere, ein Feldscheer und 123 Mann Cavallerie, ferner 10 Stück Geschütze, einen Mörser und 18 Bombarden, sowie einen Rüst-, einen Munitions- und drei Compagniewagen. Diese gesammte Macht marschirte jedoch nicht auf einmal aus, sondern in Abtheilungen, die durch Dragoner-Relais [276] verbunden waren und im Nothfalle zu Hülfe herbeigeholt werden konnten. Die erste Abtheilung bestand aus einem Commando der fürstlichen Leibgarde zu Pferde, zwei Officieren und 50 Husaren als Avantgarde, commandirt vom Major von Benckendorf, ferner aus der Schloß-Grenadier-Garde, zwei Officieren und 77 Grenadieren, commandirt vom Major von Voß, endlich aus einem Commando vom Erbprinz-Friedrich-Regiment, drei Officieren und 122 Mann, commandirt vom Capitain Richter und bei ihm der Lieutenant Rauch als Adjutant. Dazu ein Munitionskarren und ein Wagen, in welchem drei „Geschwindstücke“ (Regimentskanonen, welche eine dreipfündige Kugel oder Traubenhagel von 30 zweilöthigen Kartätschkugeln schossen) verdeckt lagen. Das Obercommando führte ein Oberstlieutenant, welchen der herrliche Name Goldacker schmückte, und ihm waren zur diplomatischen Vertretung des Executionszuges als „kaiserliche Subdelegirte“ der Geheimerath Flörke, der Hofrath Buddeus und der geheime Secretär Schneider beigegeben, die, vom Militär mit altberechtigtem Selbstgefühl als „Schreiber“ über die Achsel angesehen, in einer besonders bedeckten Kutsche mitfuhren.

Einen andern Anblick gewähren die Meininger Rüstungen. Die Fürsten dieses Landes waren nicht, wie die Gothaer, bis zum Soldatenhandel hinaufcultivirt. Ihr Reichscontingent bestand aus neunundzwanzig Kürassieren und einer Grenadier-Compagnie, die beide zum fränkischen Kreis-Contingent gehörten, und einer Musketier-Compagnie, die Meiningen, wohl wegen des Oberlandes, zum Obersächsischen Kreis-Contingent zu stellen hatte. Die Grenadier-Compagnie war im besten Stand und etwa achtzig bis hundert Mann stark; von der Musketier-Compagnie existirte nur der Hauptmann.

Außer dem Reichs-Contingent standen unter der „Kriegscommission“, der obersten Militärbehörde, noch das sogenannte Defensionswerk, das heißt die Landtruppen (Miliz), die in den engen und in den weiten oder alten Ausschuß zerfielen. Jener zählte zwei Landbataillone, das des Unter- und das des Oberlandes (jetzt Kreis Sonneberg), jedes zu vier Compagnien, zu fünfzig bis sechszig Mann; – dieser bestand nur im Unterland und zwar aus sogenannten „Amts-Compagnien“, die zu Polizeidiensten bestimmt waren und vom Volk als „Heppenfänger“ bezeichnet wurden. Dazu kamen noch zwei Bürger-Compagnien der Stadt Meiningen. Wenn diese gesammte Macht beisammen war, mochte sie dreizehn- bis vierzehnhundert Mann zählen.

Die neunundzwanzig Kürassiere waren nicht etwa ein hochfürstlicher Luxus, sondern sie bildeten einen Theil einer Schwadron des „Tresconischen Regiments“ des fränkischen Kreis-Contingents, die von acht Reichsständen in folgender Weise zusammengestellt wurde:

von Meiningen der Rittmeister und 18  Mann.
von Römhild (früher eigenes Herzogthum,
     dazumal schon zu Meiningen gehörig) der
     Unterlieutenant und
11 
von Schleusingen (Kursachsen) der
     Oberlieutenant und
16 
von Schmalkalden (Kurhessen)
von Themar und Mehlis (Gotha)
von Behrungen (Hildburghausen)
von Ilmenau und Kaltennordheim (Weimar)
von der Grafschaft Löwenstein
von der Grafschaft Castell
 Ganze Schwadron:  71  Mann.

Davon nahm Meiningen seine neunundzwanzig Mann nebst Rittmeister und Unterlieutenant, rief die Meininger Bürger-Compagnie und das Unterländer Landbataillon in die Waffen, befestigte die Hauptstadt, armirte sie mit Kanonen, verstärkte die Besatzung durch zwei Compagnien des Landbataillons und detachirte die beiden anderen nach dem Städtchen Wasungen und den Dörfern Schwallungen und Nieder-Schmalkalden, von wo der Weg über die hessische Grenze und nach Gotha führte.

So sind wir nun historisch und geographisch genugsam gesattelt, um vom hohen Rosse der Gegenwart auf den Kleinkrieg jener guten alten Zeit hinabschauen zu können.

Zu den besonderen Kennzeichen dieses Feldzugs gehört es, daß dem Obercommandirenden auf die Seele gebunden war, nicht zu schießen, es sei denn, daß die Meininger zuerst schössen. Er sollte, wo möglich, Meiningen mit List nehmen, die Thore besetzen und Herrn und Frau von Gleichen aus der Haft befreien. In zweifelhaften Fällen war er an den Beirath der kaiserlichen Subdelegirten gewiesen, deren Autorität in Meiningen zur Geltung zu bringen der Hauptzweck des Unternehmens war. Anders hatte es der Kriegsgott beschlossen. Der verhängnißvolle erste Schuß war bereits geladen.

Als die Truppen, die vom gothaischen Tambach über die Höhe des Rennstiegs, der Rosengarten genannt, durch die Nacht marschirt waren, im ersten hessischen Dorfe, Flohe, ankamen, begrüßte sie ausnehmend freundlich der heitere Tag; nur über den Zweck ihres Zuges beherrschte sie noch das alte schwermüthige Dunkel auch auf ihrem ferneren Zuge durch die Stadt Schmalkalden und bis zum Dorfe Mittel-Schmalkalden. Hier befahl der Oberstlieutenant scharfe Munition auszugeben und scharf zu laden, und nun ging plötzlich ein allgemeines Licht auf. Nach zweistündiger Rast setzte die Reichstruppe sich wieder in Bewegung, voraus Benckendorf mit den Husaren, hundert Schritt davon als zweites Corps die Grenadiere, sodann in gleicher Distanz die „Schreiber“-Kutsche und dahinter als drittes Corps die Mannschaft des Erbprinz-Regiments. So, in wohlgefügter Ordnung, rückte man auf die Meininger Grenze los, und kaum war sie überschritten, so stand der Feind schon da.

Vor dem ersten Meiningischen Dorfe, Nieder-Schmalkalden, stellte eine Miliz-Abtheilung von etwa 30 Mann unter einem alten Lieutenant, Namens Zimmermann, sich quer über die Landstraße den gothaischen Reitern in den Weg. Und nun erhebt uns die Seele ein Spiegelbild der streitbaren Helden vor Troja. Wie dort die erzumschienten Männer erst in herrlichen Reden der Wahrheit gegenseitig alle Ehre anthaten, ehe sie mit Speer und Schwert gegen einander rannten, ebenso wechseln auch hier auf althenneberger Boden die Männer in Wehr Rede und Gegenrede. Eingedenk der herzoglichen Friedensmissions-Ordre reitet Major von Benckendorf zum alten Lieutenant hinan und fragt ihn verständig: „Was soll das heißen, daß Ihr uns nicht passiren lassen wollt? Ist dieses hier nicht eine offene Landstraße?“ – Siehe, da antwortet der Alte: „Eine Landstraße ist’s, aber ich habe meines Herrn Befehl, Euch nicht passiren zu lassen.“ – Sagt darauf der Major: „Wenn Ihr mich mit meinem Volke nicht durchlasset, so werde ich durchsetzen,“ worauf der Lieutenant kurz erwidert: „Das könnet Ihr thun. Vor Gewalt kann ich nicht.“ Nun läßt der Major der Garde das Seitengewehr ziehen, rückt vor und fragt, den großen Augenblick wohl bedenkend, noch einmal: „Wollt Ihr Feld geben, oder nicht?“ Der Alte aber rief: „Nicht von der Stelle! Ich habe Befehl von meinem Herrn.“ Nun erfolgt das Commando: „Marsch!“ Rechts und links fliegt die Miliz auseinander, die Garde durch. So ging’s los, und nun begann der Krieg, denn nun reißt der alte Lieutenant sein Officiersgewehr von der Schulter und schießt dem letzten Reiter, einem Wachtmeister, eine solche Ladung von gehacktem Blei und Laufkugeln in das Sitzfleisch, daß die Curirung desselben in Schmalkalden, wohin man ihn schaffte, dem Staate 86 Thaler 15 Groschen gekostet hat. Der Alte wollte nach dem Schuß sich davon machen. Aber ein Reiter setzte ihm mit geschwungenem Säbel nach, und ein Grenadier schoß ihn hinter das rechte Ohr. Er war todt.

Als die Miliz ihren Führer hingestreckt sah auf das Bett, der Ehre und sogar einige Granaten unter sie flogen, eilte sie von dannen, und die Schreckenskunde, die sie auf der Flucht ausschrie, daß die „Gothischen“ nicht blos schössen, sondern gleich todtschössen, räumte allen Widerstand von Barrikaden und Defensionern in Nieder-Schmalkalden und in Schwallungen aus dem Wege bis gen Wasungen, der ersten feindlichen Stadt.

Vor dem untern Thore von Wasungen ist die denkmalwürdige Stätte, wo noch einmal die Heldenscenen von Troja aufgeführt wurden, denn hier wiederholte sich derselbe Friedensversuch, wie vor Nieder-Schmalkalden, und er endete ebenso feindlich, nur weniger tragisch. Die Thore waren verschlossen und verrammelt, aber eine Schildwache stand außen davor. Major von Benckendorf beehrte auch diesen Mann der Miliz mit der gütigen Frage: „Ist dies nicht eine offene Landstraße und der Weg nach Nürnberg?“ Die Schildwache bejahte das freundlich, aber auf sein Verlangen: „Nun, so öffnet die Thore und [277] lasset mein Volk passiren!“ vernahm er dieselbe Antwort sowohl von der Schildwache, als von dem herbeigerufenen Lieutenant, wie endlich von den citirten Rathsherren: „Es ist der Befehl unserer gnädigsten Herrschaft, kein fremdes Volk hier durchzulassen, und darum müssen wir unsere Thore zuhalten.“ Obwohl der Bürgermeister offenbar direct aus seiner landwirthschaftlichen Goldgrube daherkam, denn die Spuren davon reichten ungenirt bis in die Kniekehlen herauf, so bedeutete er doch trotziglich den Herrn: „Wenn Ihr weiter marschiren wollet, so führt auch ein Weg hinten um die Stadt herum nach Nürnberg.“ – Da commandirte der Major alle Zimmerleute herbei und rief nochmals den Rathsherren zu: „Wollt Ihr Eure Thore ganz behalten, so macht auf!“ Der Bürgermeister jedoch sprach: „Thut was Ihr wollt! Wir machen nicht auf.“ So wurden denn die Thore mit Ach und Krach eingehauen, und mit Trompeten, Trommeln und Pfeifen marschirten alle drei Corps in die Stadt hinein; drinnen aber standen die von Nieder-Schmalkalden und Schwallungen ausgerissenen Milizen, commandirt von einem Barbier als Lieutenant und einem Schuster als Fähndrich, und präsentirten vor den einziehenden Siegern das Gewehr.

Wasungen war erobert. Der Trotz der Bürger jedoch blieb ungebrochen. Stundenlang noch wehrten sie sich gegen jede Einquartierung, bis das Donnern und Wettern der hungernden und frierenden Soldaten auf dem Markt und in den Gassen ihre eigenen Officiere erschreckte und das Versprechen des Commandanten, am Morgen wieder abzuziehen, die Rathsherren vermochte, den alten Steuerfuß hervorzusuchen und die Quartierzettel darnach zu schreiben. So kam man endlich zu äußerlicher Ruhe. Die Sieger fühlten sich gleichwohl noch unbehaglicher als die Besiegten. Ist es nicht echter Helden Art, den Gegner niemals zu unterschätzen? Also war es auch hier. Obwohl schon am folgenden Tage (den 14.) frische Verstärkungen von Gotha das Executionscorps auf nahe an 500 Mann brachten und der Beschluß feststand, am nächsten Tage (den 15.) einstweilen zur Blokade von Meiningen vorzugehen, um nach Ankunft des schweren Geschützes die Belagerung um so ernstlicher beginnen zu können, so richtete sich doch vor dem oberen Thore mancher nachdenkliche Blick gen Süden, denn die Kunde war rasch von Ohr zu Ohr gedrungen, daß in Meiningen eine todesmuthige Bürgerschaft, eine kampflustige Soldateska und mit schwerem Geschütz gespickte Thore und Wälle den Tanz mit den „Gothischen“ kaum erwarten könnten.

Offenbar in Erwiderung dieses ritterlichen Compliments war in Meiningen ebenfalls der Respect vor dem Feinde durch dessen Thaten vom todten Lieutenant von Nieder-Schmalkalden bis zu den eingehauenen Thoren von Wasungen zum Durchbruch gekommen. Kriegs- und andere Räthe erkannten in ihrer Tapferkeit es als das Klügste, die Frau von Gleichen nebst Gemahl ihrer Haft zu entledigen und dies sofort nach Wasungen zu vermelden. Und so geschah’s. Zwar „maintenirte“ die Frau Landjägermeisterin nun auch im Gefängniß ihren Posten und wollte nicht daraus weichen, ohne vollste Genugthuung empfangen zu haben, aber endlich gab sie doch nach und feierte daheim das Wiedersehen der Ihrigen.

Die Meininger Botschaft betrachtete der Herr Oberstlieutenant in Wasungen mit Augen voll Entrüstung als ein „Halt!“ in seiner Siegesbahn; auch vermißten die Herren Räthe ihre Anerkennung als kaiserliche Commission. Demgemäß marschirte am folgenden Mittage (den 15.) ein Commando von dreißig Pferden und zweihundert Mann vor dem Herrn Oberstlieutenant auf dem Markte auf und sollte soeben gegen Meiningen abrücken, als Punkt zwölf Uhr „die Braut, um die man tanzte“, in eigener Person zum Thore hereinfuhr: die Frau von Gleichen.

Sie kam, um sich unter den Schutz der Commission und Execution zu stellen. Ungeschickter hätte sie den Augenblick zu dieser Vorstellung nicht wählen können. „Die so unvermuthete Ankunft der Frau von Gleichen hat uns nicht wenig surpriniret und in große embarras gesetzet“ – sagten die Herren Räthe; der Oberstlieutenant grollte: „Sie hätte abwarten sollen, bis man sie abgeholt habe,“ – und schließlich folgte sie der unverblümten Weisung, wieder heimzukehren, um sich gebührendlich seinerzeit mit einnehmen und erobern zu lassen.

Daß kleine Ursachen oft große Wirkungen haben, wird hier abermals offenbar. Als Herzog Friedrich in Gotha den Bericht der Räthe und Goldacker’s über diese Thaten und Geschichten gelesen, erkannte er, daß er, bei dem durch die Freilassung der Gleichen’schen Eheleute gezeigten guten Willen Meiningens zum Nachgeben, nunmehr von jedem Angriffe auf die Hauptstadt Meinungen absehen, dagegen Wasungen besetzt halten müsse, bis die volle Anerkennung der kaiserlichen Commissions-Autorität und die Bezahlung der Reichs-Executions-Unkosten erlangt sei.

Alle Heldenseelen versanken in Trauer. Am 15. Februar Abends war die gesammte Executionsmacht, wie sie im Friedenstein vor dem Herzog gestanden, bis auf die Artillerie, in Wasungen und Schwallungen vereinigt. Und nun gebot der Kriegsherr statt der siegesfreudigen Offensive die traurige Defensive und zog fast die Hälfte der Truppen wieder nach Gotha zurück. Doch tröstet Euch, Helden von Gotha! Euch winkt nach schwerem Leid noch ein Tag der Gloire. Auch Euren Kanonen ist’s bestimmt, das Echo dieser Berge zu wecken.

Weniger friedliebend als der Herzog von Gotha, zeigte sich der Meininger in Frankfurt. Er rief den fränkischen Kreis um Hülfe an, verklagte den Gothaer beim Reichstage zu Regensburg und befahl den Wasungern, die Gothischen auszuhungern. Alles vergebens, auch das Letztere, denn als Speise und Trank, welches die Wasunger den Soldaten verweigern mußten, desto reichlicher aus dem Hessischen herübergeschafft wurde, war bald auch den Wasungern wieder Alles feil. Folgewichtiger stellte sich das rastlose Rüsten und Entrüsten in Meiningen heraus. „Jede Zusammenziehung der dortigen Miliz zog neue Verstärkung in Wasungen nach sich, und ebenso schwächte man die Besatzung, wenn in Meiningen die Miliz wieder entlassen wurde.“ Die Soldaten gewöhnten sich an dieses Spiel des Hin- und Herziehens, und in Gotha verlor man die Schärfe der Aufmerksamkeit. Als aber auch die beiden besten höheren Officiere, Goldacker und Benckendorf, nach Gotha heimberufen und durch einen ehemaligen Cavallerie-Officier von ungewissen Verdiensten, Major Schütz, ersetzt wurden, faßten die Meininger frischen Muth, entschlossen, den Wunsch ihres Herzogs endlich zu erfüllen, das heißt die Gothischen mit Verlust ihrer Geschütze und Bagage aus dem Lande hinauszujagen.

Zwar sandte der Gothaer seinen kriegserfahrenen General von Rautenkranz nach Wasungen, um den Major Schütz für etwaige Angriffsfälle zu instruiren, aber die Besatzung blieb kaum dreihundert Mann stark. Erst als das Gerücht immer drohender mit in den Kampf zog, als für die zweite Pfingstnacht vom 22. auf den 23. Mai der Angriff der Meininger vorausgesagt und ihre Stärke von der Fama immer mächtiger aufgeblasen wurde, brach Benckendorf mit einem Hülfscorps für die Besatzung in Wasungen von Gotha auf.

Mit dieser schwarzen Wetterwolke im Hintergrunde stellen wir endlich unseren Lesern den Mann vor, dessen Name schon oben gesperrt gedruckt wurde, der von jetzt an eine wichtige Rolle in den nächsten Kämpfen spielt und dem wir die genauen Nachrichten über den Wasunger Krieg verdanken, denn er ist der Verfasser einer „Gründlichen Relation“ über denselben: Lieutenant und Adjutant Rauch, ein alter ehrlicher Haudegen mit scharfem Auge und noch schärferer Zunge. Er bemerkte schon vom frühen Morgen des 22. Mai an, daß im Hauptquartiere nicht Alles richtig war. Zwischen dem Major und den Räthen flogen die Boten hin und her, Officiere kamen und gingen, Reisewagen wurden gepackt – denn die Officiere hatten ihre Familien bei sich – und diese eilten plötzlich aus der Stadt. „Das Fahren und Postillonblasen ging tapfer auf Stadt Schmalkalden los.“ Da steckten auch die Bürger die Köpfe zusammen, denn das Gerücht war für sie so thätig, wie für die Gothischen. Alles verkündete Sturm. Die Leute, die aus der Kirche kamen, sahen das Rennen und Laufen und konnten kaum den Jubel ihrer Gesichter verbergen. Nur zwei der gothaischen Officiere blieben Männer: Hauptmann Brandis und Rauch. Alle übrigen hatten mit den Geheimen Räthen einen schreckensbleichen Kriegsrath gepflogen und einen Beschluß gefaßt, der vor jenen beiden verborgen gehalten wurde.

Am Nachmittag ertheilte Major Schütz dem Adjutanten Rauch den Auftrag, seine Disposition zu machen, wie zur Vertheidigung der Stadt alle Thore und Posten besetzt werden sollten. Rauch setzt sofort die Vertheilung der Mannschaft für die Thorwachen, deren Verstärkung und Piquets und für die Reserve in der Stadt auf, [278] und der Major prüft sie und spricht: „Sie ist recht nach Proportion der Repartition und nach der Anciennetät der Herren Officiere gemacht.“ – Rauch ist beruhigt, auch alle seine übrigen Vertheidigungsvorschläge werden auf das Bereitwilligste genehmigt, namentlich der, daß der Zapfenstreich heute schon um halb Neune geschlagen, somit eine halbe Stunde früher, als gewöhnlich, das ganze Commando auf dem Markt versammelt werden und dann die Vertheilung der Truppen nach Rauch’s Disposition geschehen solle.

Die Zeit ist da, das Corps, soweit es nicht auf Posten und Außenposten steht, versammelt, Rauch commandirt: „Richt Euch und alles Plaudern hab’ ein End’!“ – Aber kaum hat er mit dem Richten begonnen, so erhält er vom Major den Befehl, mit 30 Dragonern den Wagen der Herren kaiserlichen Commissäre nach Schwallungen in Sicherheit zu bringen. Nach hartem Sträuben gehorcht er, und nun enthüllt sich der Beschluß des Kriegsraths. Kaum wußte der Major die Räthe in Sicherheit, so befahl er der Mannschaft, die Gewehre zusammenzustellen, ihr Gepäck aus den Quartieren zu holen und die Thorposten abzurufen. Er vergaß die Vorposten, die kranken Officiere und Soldaten, ihre Weiber und Kinder und sogar die Artillerie, und noch ehe die Mannschaft vollzählig war, und ohne sie in Ordnung aufzustellen, commandirte er: ‚Marsch! Marsch!‘ und so lief Alles durcheinander, ‚wie der Hirt das Vieh austreibt‘, zum Thore hinaus. Den Nachzüglern, darunter auch Hauptmann Brandis und Andere, die der Lärm erst herbeigerufen, jubelten die Bürger aus allen Fenstern höhnend nach: „Da laufen sie wie die Spitzbuben! Am Tage sind sie hereinmarschirt und des Nachts laufen sie wieder fort wie Schelmen und Diebe.“

Wo blieben aber die gefürchteten Meininger? Hatte das Gerücht ihnen zu viel Ehre angethan? Sie beeilten sich nicht. Konnten doch die gothaischen Kanoniere ihre Geschwindstücke noch eigenhändig zur Stadt hinausbringen und unbedeckt den Ausreißern nachziehen. Erst als das Nest leer war, kamen die Adler und eroberten es. Sie erwischten noch einen vergessenen Vorposten und ließen ihn als Siegestrophäe nach Meiningen abführen, dann besetzten sie die Stadt, nahmen alle Kranken, Weiber und Kinder gefangen, besorgten die Thorwachen und ergaben sich mit den Bürgern dem Jubel des Sieges, bis sie triumphirend die Betten suchten, während es draußen in eine Stockfinsterniß hinein regnete, was vom Himmel ging.

Rauch hatte erst in Schwallungen von den Räthen erfahren, warum er nicht nach Wasungen zurückzukehren brauche, wo er Frau, Kind und „sein Bißchen Lumpen“ zurückgelassen hatte. Wir müssen es uns versagen, zu schildern, wie er die Räthe und die Officiere bediente, die nun ankamen, um bei einer Flasche Wein ihren Kriegsrath fortzusetzen, und wie der Major vor ihm stand, als um Mitternacht ein Eilbote von Gotha den Befehl des Herzogs brachte, Wasungen bis auf den letzten Mann zu halten. Mit schlotterndem Gebein beauftragte er Rauch, die Mannschaft in Ordre de bataille zu stellen.

Drunten aber war’s fürchterlich. Roß und Mann rannte in der stockfinstern Regennacht durcheinander, Trüppchen um Trüppchen kam fluchend und wetternd an, die Kanonen staken in einem Hohlwege, nirgends ließ sich ein Officier blicken. Während nun Rauch, endlich von Brandis unterstützt, Ordnung zu schaffen suchte, rief eine Stimme ihn an, deren Klang ihm däuchte „wie die Jakob’s den Kindern in der Wüste“. Es war Major von Benckendorf, der seinem Hülfscorps vorausgeeilt war und der nun den von Rauch an- und ausgeführten Zurückmarsch nach Wasungen anordnete. Die Wiedereroberung der Stadt, in welcher die Sieger in allzu großer Sicherheit schlummerten und zu spät erwachten und zu den Waffen griffen, gelang nach einem kurzen Straßengefechte, und nachdem die glücklich mit hereingeschafften Kanonen am Mittel- und am oberen Thore gegen herandringende Milizen und Reiterei ihr kräftiges Wort gesprochen. Als die Sonne am Himmel stand, hielten auch die Herren Subdelegirten wieder ihren Einzug in die Stadt, die nun im ungestörten Besitze der Gothaer blieb, bis nach fast endlosen Verhandlungen, und zwar erst am 4. August 1748, mit dem Abzuge der Besatzung der Wasunger Krieg sein Ende erreichte.

Wir sind es unseren Lesern noch schuldig, zu berichten, wie Friedrich der Große von Preußen in diesen Handel verwickelt wurde. Der König neigte sich, wie die meisten übrigen Reichsfürsten, der Partei des Herzogs von Meiningen zu, indem er es dem Gothaer verargte, so bereitwillig dem Reichskammergerichte gegen einen Fürsten gehorcht zu haben. Der Ausspruch des Reichstags war jedenfalls für Gotha unsicher. Da starb am 29. Januar 1748 Herzog Ernst August von Weimar mit Hinterlassung eines einzigen unmündigen Prinzen, und sowohl Herzog Friedrich, wie die Herzöge von Meiningen und Coburg-Saalfeld erhoben Anspruch auf das Recht der Vormundschaft. Dieses neue Streit schob die Gleichen’sche Angelegenheit fast bei Seite. Nun bestand in Weimar eine 200 Mann starke, besonders schöne Garde, die dem „alten Fritz“ stark in’s Auge stach. Mit diplomatischer Feinheit wurde dem Gothaer beigebracht, daß der König einen ihm nicht ungünstigen Vergleich mit dem Meininger hinsichtlich der Gleichen’schen Sache und mit diesem und dem Coburger hinsichtlich der Vormundschaft durchführen wolle, wenn er ihm diese Weimarische Garde zuweise. Herzog Friedrich erfüllte diesen Wunsch, die Vergleiche kamen zu Stande, die Gothaische Besatzung zog von Wasungen nach Gotha und die Weimarische Garde von Weimar nach Berlin ab – und der Friede war verbrieft und besiegelt.

Der Herzog von Meiningen, dessen Namen wir noch nicht genannt, war Anton Ulrich, nach dem Ausspruch des landes- und geschichtskundigen G. Brückner „ein Mensch und Fürst aus einem Guß“. Als dritter Prinz seines Hauses ohne Anwartschaft auf die Allein-Regierung des Landes hatte er eine reine Herzensehe geschlossen mit Philippine Elisabeth, der Tochter eines hessischen Hauptmanns David Cäsar. Brachte diese Ehe seine beiden Brüder und den gesammten meiningischen Adel gegen ihn auf, so verbanden sich mit diesen auch noch die ernestinischen Agnaten gegen ihn, als er es durchsetzte, daß Kaiser Karl der Sechste seine Gemahlin und Kinder in den Fürstenstand erhob und letztere mit allen fürstlichen ernestinischen Hausrechten belieh. Die Kränkungen, ja persönlichen Beleidigungen, welche er und die Seinen am meiningischen Hofe von den Verwandten und dem Adel zu erdulden hatten, bewogen ihn, meist im Ausland zu leben und, als er selbst regierender Herr geworden war, den Hofadel seine Strenge spüren zu lassen. Hierin liegt wohl auch der eigentliche Beweggrund seines Verfahrens gegen die Gleichen’schen Eheleute und der Bevorzugung der Frau von Pfaffenrath, die, wie er, ihre freie Liebe einem Bürgerlichen geschenkt hatte. Uebrigens trat der Tod als Friedensstifter zwischen ihn und die Agnaten. Seine Gattin und ihre Kinder starben, er aber entriß den Agnaten, die sich bereits in der Stille in sein Land getheilt hatten, die Erbschaft dadurch, daß er noch im dreiundsechzigsten Jahre eine Prinzessin von Hessen-Philippsthal heirathete und eine zahlreiche nun legitime Nachkommenschaft hinterließ.

Die Gleichen’schen Eheleute hatten schon im April 1747 Meiningen verlassen und sich nach Römhild zurückgezogen, wo beide, durch die ausgestandenen Leiden doch innerlich gebrochen, schon im folgenden Jahre kurz nach einander starben. Es war ihr letzter und ein verzeihlicher Stolz, mit dem die ehrenfeste und tapfere Landjägermeisterin noch auf dem Sterbebett sagte: „Ich maintenirte meinen Posten.“

Friedrich Hofmann.




Blätter und Blüthen.


Heinrich Beta. Soeben, nach Schluß dieser Nummer (am 1. April) geht uns die Trauerbotschaft vom Tode unseres langjährigen Mitarbeiters Dr. H. Beta zu, dem Verfasser der erst in voriger Nummer abgedruckten „Erinnerungen an Freiligrath“. Wir werden auf diesen uns so nahe angehenden Todesfall noch in der nächsten Woche zurückkommen.



Kleiner Briefkasten.


Herr Gustav Höcker, im Jahre 1867 in Karlsruhe, wird um die Freundlichkeit ersucht, uns seine Adresse anzugeben.

M. St. in R-st. Das Carus Sterne’sche Buch „Werden und Vergehen“, aus dem wir übrigens in unserer Nr. 42, 1875, einen längeren Abschnitt mittheilten, ist nunmehr bei Gebrüder Bornträger in Berlin erschienen und durch jede Buchhandlung zu beziehen.

Fr. Cl. J–ph. in Los Angeles. Ihr von warmer Heimathliebe erfülltes Gedicht leiht zwar einem ansprechenden Gedanken Ausdruck, ist aber in der vorliegenden Form zum Abdrucke in unserem Blatte nicht recht geeignet.

E. M. in Barmen. Ist in den Papierkorb gewandert.


Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

Anmerkungen (BER.)