Die Gartenlaube (1876)/Heft 15

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1876
Erscheinungsdatum: 1876
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Inhaltsverzeichnis

[243]

No. 15.   1876.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich  bis 2 Bogen. Vierteljährlich 1 Mark 60 Pfennig – In Heften à 50 Pfennig.



Nachdruck verboten und Ueber-
setzungsrecht vorbehalten.     
Im Hause des Commerzienrathes.


Von E. Marlitt.


(Fortsetzung.)


Das junge Mädchen antwortete nicht. Sie ließ die Hand vom Riegel gleiten und wandte das Gesicht mit den strenggeschlossenen Lippen langsam der Schwester zu. Ob die Uebermüthige dort nicht erschrak, ob sie sich nicht schämte vor dem Laute der eigenen Stimme, hier auf dieser Stelle? „Mich sieht dieses Haus nie wieder,“ hatte sie gestern gerufen, und jetzt stand sie bereits auf der ersten Thürstufe, um einzutreten, um zurückzukehren in „die bedrückend armselige Umgebung“.

„Nimmst Du Flora’s Scherz übel, mein Liebling?“ fragte der Commerzienrath, rasch zu Käthe tretend. Er legte ihren Arm in den seinen. „Du kannst Dir das getrost gefallen lassen, bist Du doch auch ein reizendes Hausmütterchen. Du sahst zum Malen hübsch aus unter dem bunten Hühnervolke. Warte nur, Du sollst einen Geflügelhof bekommen, wie er sich prächtiger nicht denken läßt.“

Die Präsidentin, die eben majestätisch die Steinstufen hinaufstieg, hielt einen Moment inne, als versage ihr der Athem – sie drehte den leicht nervös zitternden Kopf verächtlich nach dem zärtlichen Vormunde zurück, dann beschleunigte sie ihre Schritte. „Hirnloser Schwätzer! Er ist und bleibt sein Lebenlang der abgeschmackte Commis Voyageur!“ murmelte sie erbittert Flora zu, die schnell das Taschentuch vor den Mund hielt, um nicht in ein lautes Gelächter auszubrechen.

Käthe ließ wie unbewußt ihre Hand auf dem Arme ihres Schwagers liegen. Sie hörte kaum, was er sagte; sie bemerkte auch nicht die seltsame Ueberraschung, mit welcher Doctor Bruck, stumm und starr wie eine Bildsäule, das Paar an sich vorüberschreiten ließ; sie sah nur, daß Flora an der schmalen Hand, die sie eben mit dem Taschentuche zum Munde führte, einen schwarzen Halbhandschuh trug; das feine durchbrochene Seidengewebe harmonirte mit den Spitzen, die über die ganze Gestalt gleichsam hinrieselten; dies machte die weiße Haut wie Elfenbein aufleuchten und ließ die Finger schlank hervortreten. Die zwei kleinen Brillantringe funkelten nicht mehr am Ringfinger, „der einfache Goldreifen, der grob wie Eisen drückte“, blinkte matt über dem Handschuh. Unmöglich! Dort rauschten ja die Wellen über ihn hin. Käthe hatte plötzlich die Empfindung, als sei sie der natürlichen Ordnung aller Dinge entrückt, als dürfe sie ihren gesunden Augen und Ohren nicht mehr trauen.

„Nun?“ fragte die Präsidentin erstaunt im Hausflur stehen bleibend; sie zeigte pikirt mit finster zusammengezogenen Brauen auf das umherstehende Geräth aus der Villa.

„Henriette hat die Entfernung der Möbel so lebhaft gewünscht, daß ich nachgeben mußte,“ sagte Doctor Bruck mit tonloser Stimme kalt und gleichgültig.

„Sie hat auch vollkommen Recht. Es war eine wunderliche Idee – nimm mir’s nicht übel, Großmama! – das Krankenzimmer dermaßen vollzustopfen,“ warf Flora achselzuckend hin. „Das arme Ding leidet ohnehin schwer an Brustbeklemmung; es mag ihr zu Muthe gewesen sein, als solle sie mit all dem dicken Polsterzeug erstickt werden.“

Die Großmama hatte eine herbe, schneidende Antwort auf den Lippen, das sah man; allein sie schwieg in Rücksicht auf den Doctor und die in der Küchenthür stehende Magd und rauschte nach dem Krankenzimmer. Beim Eintreten fuhr sie ein wenig zurück – Henriette hatte sich weit aus dem Bette geneigt. Sie sah so erschüttert aus, und ihre weitgeöffneten, glänzenden Augen hingen mit einem so verzehrenden Ausdrucke an der sich öffnenden Thür, daß die Präsidentin befürchtete, mitten in einen Fieberparoxysmus zu kommen. Sie beruhigte sich indeß sofort, als die Kranke sie in der gewohnten kühlen Weise begrüßte; sie sah auch, daß der Blick voll unaussprechlicher Spannung Flora galt, welche unmittelbar nach ihr auf die Schwelle getreten war.

Die schöne Schwester ging direct auf die Tante Diakonus zu, die sich beim Eintreten der Damen erhoben hatte, und reichte ihr so zuvorkommend die Hand, als wolle sie den Händedruck nachholen, den sie gestern Abend vergessen hatte; dann wandte sie sich nach dem Bette. „Nun, Schatz,“ sagte sie zu der Kranken, „es geht Dir ja vortrefflich, wie man hört –“

„Und Dir, Flora?“ unterbrach Henriette sie mit kaum bezähmbarer Ungeduld, während sie dem hinzutretenden Commerzienrath, ihn zerstreut begrüßend, die Hand gab.

Flora verbiß mit Mühe ein moquantes Lächeln. „Mir? Ei nun, leidlich! Die gestrige Alteration spukt mir allerdings noch in den Nerven, aber ich habe ja Willen und Selbstbeherrschung genug, um sie niederzuhalten. Gestern freilich sah es schlimm aus in mir; ich war krank; ich glaube, ich bin halb wahnwitzig gewesen vor nervöser Aufregung; wenigstens bin ich mir nicht ganz klar über mein nachheriges Thun und Lassen – was Wunder! Daniel in seiner Löwengrube ist kaum übler daran gewesen, als ich in der ungeheuerlichen Situation. Unter solchen barbarischen Fäusten –“

„Nun, davor hat Dich Käthe tapfer geschützt,“ sagte Henriette ergrimmt. „Wie ein Schild hat sie vor Dir gestanden [244] und den Streich aufgefangen, die arme, brave Käthe! – Moritz, sie haben ihr die Kleider vom Leibe gezerrt, die Flechten von der Stirn niedergerissen –“

„Dieses wunderschöne Haar!“ fiel die Tante mit sanftem Bedauern ein und strich zärtlich über die glänzenden Wellen, die von der Stirn des jungen Mädchens zurückfielen.

„Nun ja, sie haben ihr arg mitgespielt, die Furien!“ gab Flora mit einem ärgerlichen Stirnrunzeln zu, „aber ich muß mir’s denn doch ausbitten, daß ich dafür nicht allein verantwortlich gemacht werde. Ihre Manie, ewig in starrer Seide zu gehen, trägt zumeist die Schuld. Das Volk neidet uns nun einmal den Reichthum und die Eleganz; das seidene Kleid reizte die Weiber, und da hat sie denn – und leider auch wir – anhören müssen, daß ihre Großmutter barfuß gegangen und der Schloßmüller vordem Knecht gewesen ist, daß der Kornwucher ihr ganzes großes Vermögen zusammengescharrt hat, und was dergleichen liebliche Dinge mehr waren. Käthe’s Erscheinen hat unsere peinliche Situation nur verschlimmert; die Erbitterung gegen die reiche Erbin war grenzenlos – habe ich nicht Recht, Käthe?“

„Ja, Flora,“ versetzte das junge Mädchen bitterlächelnd, mit bebender Stimme. „Ich werde viel thun müssen, um einigermaßen gutzumachen, was mein Großvater an der Menschheit gesündigt hat.“

Während Flora sprach, hatte sich die Gestalt der Präsidentin förmlich gestreckt vor innerer Genugthuung. Die schonungslose Bloßlegung des „scandalösen Stammbaumes“ klang wie Musik in ihren Ohren; sie fixirte lauernd den Commerzienrath. Der neugebackene Edelmann mußte vor dem Gedanken zurückschrecken, daß das Volk mit den Fingern auf die Frau an seiner Seite zeigen und ihr Herkommen, den Ursprung ihres Geldes auf der Straße ausschreien würde. „Ach geh’, Käthe, das klingt denn doch gar zu kindlich naiv und empfindsam!“ sagte sie den Kopf hin- und herwiegend. „Wie wolltest Du denn das anfangen?“

Flora lachte. „Sie will ihren kostbaren Geldspind öffnen und die Actien unter das Volk streuen.“

„Wie Schwester Flora aus Angst um ihren tadellosen Teint gestern mit ihrer Börse gethan,“ warf Henriette beißend, in persiflirendem Tone ein; der aufwallende Groll drängte selbst das fieberhafte Verlangen, die Braut bereuend im Staube vor dem Doctor zu sehen, für einen Augenblick in den Hintergrund.

„Einer solchen Gedankenlosigkeit werde ich mich wohl nicht schuldig machen,“ sagte Käthe gelassen, aber ernst abweisend zu Flora, die sich ärgerlich über Henriettens anzügliche Bemerkung auf die Lippen biß. „Ruht Fluch und Unsegen auf dem Gelde –“

Der Commerzienrath unterbrach sie mit einem lauten Gelächter. „Kind, lasse Dir doch nicht bange machen! Unsegen! Ich sage Dir, das Glück hängt sich Deinem Erbe förmlich an die Fersen; die Gewinnantheile, die ich gegenwärtig durch ein neues glückliches Arrangement erziele, sind geradezu riesig.“

Die breiten Lider der Präsidentin, die meist mit einer gewissen vornehmen Müdigkeit die Augäpfel halb verschleierten, hoben sich bei dieser Schilderung. Das eine Wort „Gewinnantheil“ machte diese großen Augensterne gierig flimmern, wie es vielleicht kaum in ihrer Jugend das Verlangen nach Siegen ihrer Schönheit vermocht.

„Riesig?“ wiederholte sie kurz mit fliegendem Athem. „Das sind die meinen nicht. Ich will sofort verkaufen und mich an dem neuen Unternehmen betheiligen.“

„Das läßt sich leicht arrangiren, theuerste Großmama; ich werde heute noch die nöthigen Schritte thun. Ja, ja, der gemeine Mann sagt ganz richtig; wo Tauben sind, da fliegen Tauben zu, und nie ist das Wort wahrer gewesen, als in unserer wunderbaren Zeit. Der Capitalist ist ein Fels, dem die Wogen von selbst ihre Schätze zuwerfen –“

„In den Augen der Ruhigdenkenden nicht, Moritz,“ sagte Doctor Bruck. Er war vorhin bei Henriettens lebhaftem Widerspruch an das Bett getreten und hatte sanft beruhigend ihre Hand zwischen die seinen genommen – so stand er noch. Er sah sehr vornehm aus; noch trug er den Frack unter dem Ueberzieher und den Handschuh an der Linken, sein schönes, bärtiges Gesicht aber, das er jetzt voll den Anwesenden zuwandte, zeigte noch schärfer den eigenthümlich leidensvollen Zug, den Käthe heute zum ersten Male bemerkt hatte. „Man ist schon seit längerer Zeit mißtrauisch,“ fuhr er fort, „und fängt an, diesen mühelosen Erwerb mit einem sehr harten Wort zu bezeichnen –“

„Schwindel willst Du sagen,“ unterbrach ihn der Commerzienrath belustigt. „Liebster Doctor, allen Respect vor Dir und Deinem Wissen, aber in kaufmännischen Dingen überlasse mir die Beurtheilung! Du bist ein ausgezeichneter Arzt, hast eben Deinen Namen zu einem weltberühmten gemacht –“

In diesem Augenblicke richtete sich Henriette aus ihrer halbzurückgesunkenen Stellung auf. „Weißt Du das, Flora?“ fragte sie heftig, wie athemlos, wie halb erstickt von dem überwältigenden Triumphgefühle.

„Freilich weiß ich’s, Du Närrchen, obgleich der Herr Doctor es bis jetzt nicht der Mühe werth gefunden hat, mir in höchsteigener Person Mittheilung von seiner glücklichen Cur in L…..g zu machen,“ antwortete Flora unbefangen und leichthin, und ihre Augen begegneten in beispielloser Herausforderung denen der Schwester. „Ich weiß auch, daß ihn plötzlich die fürstliche Gnadensonne bescheint, wie selten einen Sterblichen. Natürlich ist das noch Hof- und Staatsgeheimniß, das vorderhand nicht einmal – die Braut wissen darf.“ Ein bezaubernd schalkhaftes Lächeln ließ ihre leuchtenden, scharfen Zähne sehen, und der Rosenhauch, der bei den letzten Worten plötzlich ihre Wangen anflog, stand ihr unvergleichlich.

Henriette ließ bitter enttäuscht den Kopf in die Kissen sinken – selbst sie hatte sich in diesem chamäleonartigen Frauengeist verrechnet.

Die Präsidentin, die in der Nähe des Doctors stand, klopfte ihm mit fast zärtlicher Zuthulichkeit auf die Schulter. Als so gleichberechtigt in ihrem Verwandtenkreise hatte sie ihn bisher noch nicht behandelt. „Dürfen wir noch nichts Näheres erfahren? Sind die Präliminarien noch nicht beendet?“ fragte sie schmeichelnd mit ihrer wohllautenden Stimme.

„Er kommt ja eben vom Fürsten,“ sagte die Tante, ohne den stolz strahlenden Blick von ihm wegzuwenden.

„Ah, also ist Herrn von Bär’s Pensionirung wirklich Thatsache?“ Die alte Dame fragte das mit vornehm gleichgültiger Haltung, aber sie hielt den Athem zurück.

„Das weiß ich nicht – danach frage ich auch nicht,“ versetzte der Doctor ruhig abweisend. „Der Fürst wünscht, daß ich – so lange ich mich hier noch aufhalte – sein langjähriges Fußübel in Behandlung nehme –“

„So lange Du Dich hier noch aufhältst, Bruck?“ unterbrach ihn Flora stürmisch. „Willst Du gehen?“

„Ich werde mich mit Anfang October in L…..g habilitiren,“ versetzte er kalt; er sah sie nicht an. Sein Blick haftete auf dem knospenden Apfelbaume vor dem Fenster.

„Wie, Sie haben Stellung und Titel bei unserm Hofe ausgeschlagen?“ rief die Präsidentin und schlug die Hände in bestürztem Erstaunen zusammen.

„Der Titel ist mir nicht erlassen worden“ – ein leises, ironisches Lächeln stahl sich über sein Gesicht – „es ist jedenfalls nicht etiquettegemäß in Serenissimus’ Augen, sich von einem titellosen Heilbeflissenen herstellen zu lassen. Er besteht darauf, mich zum Hofrathe zu ernennen.“

Bei seinen letzten Worten streckte ihm die Tante Diakonus, mit einer tiefen Rührung kämpfend, die Hand entgegen, und er – sonst die scheue Zurückhaltung selbst – umschlang mit beiden Armen die zarte Gestalt der alten Frau und drückte sie fest und innig an seine Brust. Das Leid, die bittere Heimsuchung, welche diese Beiden standhaft zusammen getragen, isolirte sie in diesem Augenblicke der Sühne vollkommen vom Kreise der Umstehenden.

Flora wandte sich ab und trat geräuschvoll in das Fenster; sie nagte sich die Unterlippe fast blutig; man sah, es zuckte ihr in den Händen, die treue Frau wegzustoßen von dem Platze, den sie, die pflichtvergessene Braut, verwirkt hatte.

„Er geht ja aber fort, Tantchen,“ sagte Henriette mit ihrer heiseren, tonlosen Stimme vom Bette herüber.

„Ja, seinem Ruhme, seinem Glücke entgegen,“ antwortete die alte Frau und hob unter Thränen lächelnd den Kopf von seiner Schulter. „Ich will gern hier zurückbleiben in dem Heim, das seine Sohnesliebe mir geschaffen hat, wenn ich ihn draußen geachtet, geehrt und befriedigt durch seinen großen Beruf weiß. Meine Mission an seiner Seite ist ohnehin bald zu [245] Ende – eine Andere tritt an meine Stelle.“ Die Zärtlichkeit wich aus ihrer Stimme; sie sprach mit tiefem Ernste, und die sonst so milden Augen hafteten fest, fast streng auf dem schönen Mädchen im Fenster. „Sie mit ihrem reichen Geiste weiß jedenfalls die Heiligkeit, aber auch die oft herben Anfechtungen seines Berufes weit lebendiger zu erfassen, als ich, und wird ihm deshalb gewiß ein Daheim schaffen, das ihm, unabhängig von den äußeren Strömungen, gleichmäßig ein harmonisch-inniges Familienleben bietet.“ Das Betonen des einen Wortes ließ Käthe deutlich erkennen, daß die Tante Flora’s gestriges häßliches Gebahren sehr wohl bemerkt und als Launenhaftigkeit aufgefaßt hatte.

„Das ist Alles recht schön und gut, meine beste Frau Diakonus, und ich zweifle auch keinen Augenblick, daß Flora eine ganz tüchtige Frau Professorin werden wird,“ sagte die Präsidentin kühl – der indirect ermahnende Ton, welchen die simple Pastorswittwe ihrer Enkelin gegenüber anzuschlagen wagte, verdroß sie sichtlich –; „allein zu einem anmuthenden Familienleben gehören heutzutage auch comfortable Räume, und das Beschaffen derselben macht mir augenblicklich große Sorge. Ich komme eben von einer erschöpfenden Berathung mit dem Möbelfabrikanten; er behauptet, nunmehr – Gott weiß aus welchem Grunde – die längst bestellten Boule-Möbel für Flora’s Salon bis zu Pfingsten absolut nicht liefern zu können. Flora hat sich währenddem mit der Wäschelieferantin herumgezankt, die auch so fabelhaft langsam ist und die Vollendung der Ausstattung erst bis Anfang Juli in Aussicht stellt. Was fangen wir an?“

„Wir warten,“ sagte Doctor Bruck in seiner einsilbigen Weise und griff nach Hut und Stock, um Beides fortzutragen.

Die Präsidentin fuhr ein wenig zusammen; sie sah ziemlich perplex aus, und eine gewisse Aengstlichkeit schlich durch ihre Züge, aber sie faßte sich rasch und klopfte ihn leicht auf die Schulter. „Das ist brav, liebster, bester Doctor! Sie helfen uns selbst aus der peinlichsten Verlegenheit, während ich mich auf berechtigten Widerspruch Ihrerseits gefaßt gemacht hatte. Diese Pfingsten waren mir fast zu einem drohenden Gespenst geworden. Sie hielten so fest an dem einmal bestimmten Tage.“

„Gewiß, allein meine Uebersiedelung nach L…..g macht eine Abänderung sogar nothwendig,“ entgegnete er gelassen und ging hinaus.

„Und was meint die Braut?“ fragte die Tante Diakonus mit ungewisser Stimme; sie war augenscheinlich sehr betreten über die geschäftsmäßig kühle Ruhe des Doctors und das plötzliche verlegene Schweigen der Anwesenden.

Flora wandte ihr ein heiter strahlendes Gesicht zu. „Mir ist die gegönnte Frist insofern hochwillkommen, als meine künftige Lebensstellung plötzlich eine so ganz andere werden wird. Da bedarf es der Vorbereitung, der inneren Sammlung und Einkehr. Mein Gott, es ist ja doch ein himmelweiter Unterschied! Von der Frau eines Universitätsprofessors mit großem Namen verlangt die Welt ein ganz anderes Auftreten, ganz andere Capacitäten, als von einer einfachen Doctorsfrau, möge ihr Mann immerhin Hofrath und Leibarzt eines Fürsten sein.“ Ein unbeschreiblicher Hochmuth sprühte förmlich aus der zarten, hoch emporgerichteten Gestalt; in jedem Worte klang innerer Jubel, mühsam unterdrücktes Frohlocken mit – sie stand auf dem Gipfel ihrer glühendsten Wünsche.

Der Commerzienrath rieb sich vergnügt die Hände. Er hätte losplatzen und ihr in das Gesicht lachen mögen; die Präsidentin aber kämpfte sichtlich mit einer ärgerlichen Aufwallung. Jetzt maßte sich wohl gar die Enkelin an, mit ihrer „Partie“ noch um so und so viel Staffeln höher zu steigen, als selbst sie, die hochgestellte fürstliche Beamtenfrau.

„Wohin versteigst Du Dich, Flora!“ rügte sie, in zorniger Mißbilligung den Kopf schüttelnd.

„In meine glänzende Zukunft, Großmama,“ antwortete sie mit einem kleinen, übermüthigen, boshaften Lächeln. Sie drehte der Präsidentin mit einer so ausdrucksvollen Geberde den Rücken, als sei sie nun mit einer unerquicklichen Vergangenheit vollkommen fertig und wolle mit keinem Worte mehr daran erinnert sein.

„Und nun ergebe ich mich Ihnen auf Gnade und Ungnade, lieb Tantchen,“ sagte sie zu der alten Frau, die jeder Bewegung der schönen Braut mit klugem, prüfendem Blicke gefolgt war. „Machen Sie mit mir, was Sie wollen! Ich unterwerfe mich Allem; nur zeigen Sie mir den Weg, auf welchem ich Leo glücklich machen kann! Ich will nähen, kochen“ – bei den letzten Worten streifte sie flink die Handschuhe ab, als wolle sie sofort Ernst machen und an den Kochherd treten. „Ah!“ stieß sie erschrocken heraus und fuhr mit der Hand, wie fangend, durch die leere Luft – der „einfache Goldreif“ war ihr beim Abziehen des Handschuhs vom Finger geglitten. Niemand hatte ihn zu Boden fallen hören; man suchte, allein es war, als habe ihn die Luft aufgesogen.

„Er wird zwischen Deine Kissen gefallen sein, Henriette,“ klagte Flora. Sie war ganz bleich geworden „Erlaube, daß wir Dich für einen Moment emporheben und nachsehen –“

„Das kann ich nicht zugeben,“ erklärte die Tante entschieden. „Henriette darf nicht beunruhigt, nicht unnöthig aus ihrer bequemen Lage gebracht werden –“

„Unnöthig!“ wiederholte Flora vorwurfsvoll und schmollend wie ein Kind. „Es ist ja mein Verlobungsring, Tantchen.“

Käthe schauderte in sich zusammen bei diesen Worten. War Flora wirklich ein solches Kind des Glückes, daß eine Art Wunder ihr den Ring wieder in die Hände zurückgespielt hatte, oder log und trog sie mit dreister Stirn so entsetzlich? Sie suchte vergebens in den ängstlich umherforschenden Augen dieser Sphinx zu lesen.

„Das ist ein fataler Zufall,“ sagte die Tante Diakonus, „aber verloren kann ja der Ring nicht sein. Wir werden ihn heute noch bei Henriettens Umbetten finden, dann soll ihn mein Dienstmädchen sofort in die Villa tragen.“

„Ich werde es ihr fürstlich vergelten; ich will ihr die Hand mit Gold füllen, wenn sie ihn mir heute Abend noch bringt,“ versicherte Flora; eine peinliche Unruhe war über sie gekommen; es kostete ihr offenbar Mühe, sich geduldig zu fügen.

Die Präsidentin und der Commerzienrath schoben sich jetzt Stühle an das Bett und nahmen Platz neben der Kranken, die sich mit keinem Worte mehr an den Verhandlungen betheiligt hatte. Nur einmal war der blonde Kopf jäh emporgetaucht, und ein bitter höhnischer Zug hatte die zum Sprechen geöffneten Lippen umzuckt. Bei der Versicherung der Großmama, daß sie nicht begreife, aus welchem Grunde der Möbelfabrikant die Ablieferung der Möbel verzögere, hatte sie hinüberrufen wollen: „Weil sie bereits halb und halb abbestellt gewesen sind.“ Aber noch zur rechten Zeit wurde sie sich bewußt, daß nun mit keinem Worte mehr an das Vergangene gerührt werden dürfe.




17.


Die Tante ging hinaus, um einige Erfrischungen zu besorgen, und Käthe folgte ihr. Ekel und Widerwillen trieben sie aus dem Zimmer, in welchem sich eben die empörendste Komödie abgespielt hatte. Sie bat die Tante, ihr das kleine Geschäft der Bewirthung zu überlassen, und die alte Frau legte willig den Schlüsselbund in ihre Hand. „Hier, mein liebes, liebes Kind, meine treue, ehrliche Käthe,“ sagte sie weich und in so bebenden Lauten, als kämpfe sie mit einem tiefen Aufseufzen.

Sie legte den Arm um den Leib des jungen Mädchens und schmiegte sich in zärtlicher Zuneigung an die schöne Gestalt. „Mich überkömmt es wie süßes Ausruhen, wenn ich in Ihr offenes, frisches Gesicht sehen darf. Ich muß immer an Luther’s vielliebe Käthe denken, an die tapfere Frau, die stark und muthig an die Seite des streitbaren Mannes getreten ist.“ Jetzt schlüpfte in der That ein beklommener, sorgenvoller Seufzer über ihre Lippen; sie entließ das hocherröthende Mädchen aus ihren Armen und kehrte in das Krankenzimmer zurück.

Käthe holte die Kaffeebüchse und den zu Ehren des Tages gebackenen Napfkuchen aus der Speisekammer, und während die dicke, freundliche Magd frisches Holz unter den Wasserkessel legte, füllte sie die hübsche, blaue Glasschale, die schon gestern beim Thee figurirt hatte, mit Zucker und rieb den krystallenen Confectteller blank. Sie schnitt eben den Kuchen in Stücke, als sie Jemand aus dem Krankenzimmer kommen hörte. Die Küchenthür war so angelehnt, daß ein breiter Spalt blieb, und durch diese Oeffnung sah sie Flora in den Hausflur treten.

[246] Die schöne Braut sah sich ungewiß und rathlos um; die Zimmereintheilung der „Spelunke“ war ihr ja völlig fremd, aber es war, als ob der Strahl dieser suchenden Augen den Doctor magnetisch berührt und angezogen hätte. Er trat in diesem Augenblicke aus dem Zimmer der Tante.

Flora flog auf ihn zu und breitete die Arme aus. Das lange, schwarze Kleid schleppte über den Boden hin, und die dunklen Schleierfalten wogten ihr nach, wie gelöste, offen niederfließende Haarsträhne. Mit den bleichen Händen, die sich kinderklein und schmal aus dem zurückfallenden schwarzen Spitzengekräusel streckten, mit dem mattweißen Gesicht erschien sie wie eine jener gespenstischen, schönen Frauen, die der Volksglaube aus den Gräbern steigen und mordend über junges Leben herstürzen läßt.

„Leo!“ vibrirte es wie ein Hauch, und doch klingend durch den Flur.

Käthe horchte mit stockendem Athem hoch auf – es ging ihr durch Mark und Bein. War das wirklich Flora’s Stimme? Kam dieser köstliche, innige Klang voll weicher Abbitte, voll bebender Sehnsucht wirklich von den Lippen, die so schnöde verurtheilende Worte sprechen, die so schneidend verächtlich lächeln konnten? Das junge Mädchen wandte die Augen weg und sah vor sich nieder; das Messer zitterte in ihrer Hand. Sie hätte so gern die Thür ganz geschlossen, um nicht zu sehen und nicht gesehen zu werden, aber sie fand, wunderlich genug, weder Muth noch Kraft, sich von der Stelle zu bewegen. Draußen erfolgte keine Antwort, aber auch kein Schritt wurde hörbar.

„Leo, sieh mich an!“ sagte Flora lauter, halb flehend, halb gebieterisch. „Wozu die Marter, die Deinem eigenen Herzen widerstrebt? Ich weiß es, Du kämpfst mannhaft, aber unter Schmerzen Dein heiligstes Gefühl nieder, um hart zu erscheinen, um mich zu strafen. Und wofür? Weil ich gestern halb wahnwitzig war vor Aufregung und nicht wußte, was ich that und sagte. Leo, mein Leben, das Dir gehört, war in Gefahr gewesen, noch kochte das Blut in mir, und – da reiztest Du mich auch noch.“

Käthe sah unwillkürlich empor. Neben ihr stand die Magd mit einem breiten Grinsen auf dem guten, dicken Gesichte; es war jedenfalls sehr ergötzlich, daß die Dame da draußen ihrem jungen Herrn etwas abbitten mußte. Dieser Anblick brachte augenblicklich Leben in das junge Mädchen; sie ordnete rasch die Kuchenstücke auf dem Teller, nahm ihn in die Hand und trat entschlossen in den Flur. Sie sah noch, wie der Doctor mit fest verschränkten Armen, das Gesicht von der Bittenden weggewendet, regungslos durch die offene Hausthür in die Gegend hinaus starrte; wie fahl erschienen seine braunen Wangen und wie fest und erbittert biß er die Zähne zusammen, während Flora’s unheimlich düstere Gestalt an seinem Halse hing, so weich und geschmeidig und innig fest sich anschmiegend wie der Vampyr der Volkssage.

Bei dem ziemlich lauten Geräusch der aufgestoßenen Thür fuhr der Doctor empor, und in demselben Moment traf sein scheu irrender Blick Käthe’s Augen. Als sei er auf dem schlimmsten Verbrechen betroffen, so schrak er zusammen – Flora folgte erstaunt der Richtung seines Blickes, aber die schönen Mädchenhände, die sich in seinem Nacken fest verschlungen hatten, lösten sich darum nicht. „Ach, mein Gott, es ist ja nur Käthe, Leo!“ sagte sie und drückte den Kopf fester an seine Brust.

Käthe huschte wie auf der Flucht vorüber in das Krankenzimmer. Ihr Herz schlug fast laut vor Schrecken und schamvoller Bestürzung; sie hatte eine Liebesscene à la Romeo und Julie unterbrochen. Mit bebenden Händen stellte sie den Teller auf den Tisch, lockte auf Henriettens Verlangen, die ein Attentat ihrer Lieblinge auf Kuchen und Zucker befürchtete, die umherschwirrenden Kanarienvögel in die kleine Volière und schloß hinter ihnen das Thürchen.

Da sah sie im Käfige auf dem sauberen, weißen Sande den gesuchten Goldreifen liegen; er war seltsamer Weise durch die Messingstäbe geflogen, ohne das geringste Klirren zu verursachen, und ebenso unhörbar auf der weichen Sandschicht niedergefallen. Käthe nahm ihn heraus und ließ ihn in die Tasche gleiten – und nun hätte sie wieder hinausgehen und den Kaffee fertig machen sollen, aber sie schüttelte sich fast vor Angst und Abneigung. Es war ihr, als solle sie in den Tod, in die Hölle gestoßen werden. Sie entfernte sich nicht um einen Schritt vom Tische und machte sich unnöthig mit den Kanarienvögeln zu schaffen, während die Präsidentin mit ihrer angenehmen, sanft gedämpften Stimme von Flora’s „Trousseau“ sprach und der Tante Diakonus an den Fingern herzählte, was nun infolge der Ortsveränderung noch nachbestellt werden müsse; die alte Frau durfte keinen Augenblick in Zweifel bleiben, daß ihr berühmter Neffe in der schönen Banquiertochter eine Art Prinzessin heimführe.

Käthe wurde rascher aus ihrer Pein erlöst, als sie dachte. Der Doctor trat schon nach wenigen Minuten in das Zimmer, und nun schlüpfte sie, ohne aufzusehen, an ihm vorüber. Der Flur war leer. Flora mußte in den Garten gegangen sein. In der Küche knarrte die Kaffeemühle; vielleicht hatte das mißtönende Geräusch, und nicht, wie sie vermuthet, ihr Erscheinen, die Versöhnungsscene so schnell zu Ende geführt.

Das Küchengeschäft war bald beseitigt, und während die Magd eine frische Schürze vorband, um das Kaffeebret hineinzutragen, trat Käthe in das Fenster und betrachtete den Ring, den sie unter Herzklopfen aus der Tasche gezogen. … „E. M. 1843“ stand auf der Innenseite – Ernst Mangold – es war also der Trauring von Flora’s Mutter, den sie in der Hand hielt.

Sie stand wie gelähmt vor dem Uebermaß von Frivolität, mit welchem Flora sich zu helfen und jedes Bedenken zu überwinden gewußt hatte. Das war eine jener Frauennaturen, die sich stets der augenblicklichen Situation zu bemächtigen verstehen, die bei jedem Umschwung elastisch wieder auf die Füße zu stehen kommen und mit einem kecken Ignoriren des unliebsamen Geschehenen, mit der Zuversicht des Uebermuthes die Fäden der Intrigue leise und glücklich auch an dem veränderten Terrain wieder anheften. Und das war die Schwester, vor deren weit überwiegenden Geistes- und Charaktereigenschaften ihr junges Herz demüthig gebangt hatte.

Das kleine unscheinbare Symbol der Gattentreue, das Flora’s sanfte Mutter bis an den Tod getragen, war entweiht durch das Gaukelspiel der Tochter. Es brannte Käthe zwischen den Fingerspitzen; sie hätte es am liebsten so weit von sich schleudern mögen, daß es keine Menschenhand wieder aufzufinden vermocht hätte, aber es war und blieb das ererbte Eigenthum der Schwester und mußte zurückgegeben werden.

Sie verließ sofort die Küche und trat hinaus auf die Thürstufen. Dort stand Flora am Staket und sah hinaus in das Weite. Sie wandte dem Hause den Rücken zu und hatte die Arme unter dem Busen gekreuzt, und durch die Maschen des Spitzenschleiers entlockte die Sonne dem blonden Haar ein goldenes Flimmern. Der Hofhund bellte unaufhörlich und erbost die stumme, fremde Gestalt an, und die Hühner umschritten scheu die leise rauschende Damenschleppe, die sich so lang und düster über den Rasen hinbreitete.

Das Hundegebell übertönte Käthe’s Tritte, Flora bemerkte ihr Kommen nicht eher, als bis die Schwester dicht neben ihr stand. Sie fuhr herum; ihr zarter Teint war betupft mit rothen Spuren der Aufregung; sie war offenbar in der ärgerlichsten Stimmung, und nun falteten sich die Brauen noch finsterer, und ihre Augen sprühten in ausbrechendem Zorne.

„Bist Du schon wieder da, wie ein unvermeidlicher Deus ex machina? Ungeschicktes Ding, vorhin so hereinzupoltern!“ fuhr sie Käthe in einem Tone an, als stehe nicht die stolze Erscheinung einer erwachsenen jungen Dame, sondern ein ungezogenes, boshaftes Schwesterlein vor ihr, das zeitweilig noch mit der Ruthe Bekanntschaft machen müsse.

Eine gerechte Erbitterung quoll fast unbezwingbar in Käthe empor – so fromm war ihr Naturell nicht, und so sanftmüthig floß ihr frisches Jugendblut auch nicht in den Adern, daß sie einer ungezogenen Begegnung auch noch die andere Wange hingehalten hätte, aber sie beherrschte sich. „Ich bringe den Ring,“ sagte sie kurz und kalt.

„Gieb her!“ Flora’s Züge glätteten sich; sie nahm hastig den kleinen Reifen von der hingehaltenen Handfläche und steckte ihn an den Finger. „Ich bin sehr froh, daß er wieder da ist, der Ausreißer. Es ist ein so fatales Anzeichen –“

„Du willst in dem Falle doch nicht von einem bösen Omen sprechen?“ Dem jungen Mädchen versagte fast die Stimme, angesichts dieser bodenlosen Dreistigkeit.

„Ei warum denn nicht? – Glaubst Du denn, Leute von

[247]
Die Gartenlaube (1876) b 247.jpg

Paß auf, Gevatter! Nach einem Gemälde von Eduard Grützner.




Geist müßten nothwendig frei vom Aberglauben sein? Napoleon der Erste war abergläubisch wie eine Spittelfrau, wenn Du das noch nicht weißt, meine Kleine – und ich, ich leugne wenigstens das Omen nicht.“ Sie sah die Schwester so fest, so herausfordernd an, als wolle und werde sie mit diesem einen durchdringenden und gebieterischen Blicke jedweden selbstständigen Gedanken, ja jede unbequeme Rückerinnerung an das Vergangene in dem jugendlichen Mädchenkopfe niederzwingen. Aber sie stand vor einer unerbittlich Wahrhaftigen, der die Empörung das Blut heiß nach dem Kopfe trieb. „Du vergissest, daß du gestern Abend nicht allein dort gestanden hast,“ sagte das junge Mädchen und deutete nach der Brücke.


(Fortsetzung folgt.)


[248]
Vom Standesamte.


Das Jahr 1876 hat dem deutschen Reiche die ein Jahr vorher zuerst in Preußen allgemein eingeführte Institution der Standesämter gebracht. Bei der in alle bürgerlichen Verhältnisse tief einschneidenden Bedeutung des neuen Instituts dürfte eine Besprechung desselben hier von Interesse sein.

Im Standesamte bildet die Beurkundung des Personenstandes der Staatsbürger die Hauptthätigkeit der Beamten, denen dann freilich noch je nach den localen oder besonderen staatlichen Bestimmungen verwandte Geschäftszweige mit übertragen werden können. Die Beurkundung des Personenstandes zerfällt in drei Abschnitte: in die der Geburt, der Eheschließung und des Todes. Jeder, ohne Unterschied des Ranges oder Standes, des Geschlechts oder der Confession, ja selbst der Nationalität – denn in Deutschland lebende Ausländer unterliegen auch der Beurkundungspflicht vor dem Standesamte – wird dem Standesbeamten nahe treten müssen.

Ein geordnetes Staatswesen ohne Personenstandesbeurkundung ist nicht denkbar; die derzeitige Entwickelung des bürgerlichen Verkehrs erheischt mit Nothwendigkeit, daß über die Geburt jedes Bürgers im Staate, über seine Ehe, Ehescheidung, Adoption, Anerkennung als natürliches Kind, und über seinen Tod Urkunden, das heißt Beweise aller dieser Thatumstände vorhanden seien, welche dem Staate und allen anderen Bürgern gegenüber erbracht werden können. Die Art, in welcher diese Beweise geführt, also der Civilstand beurkundet worden, ist natürlich zu verschiedenen Zeiten eine sehr verschiedene gewesen.

Seit dem 1. Januar 1876 kann im deutschen Reiche eine Ehe rechtsgültig, also auch mit allen Folgen des gesetzlichen Erbrechtes, des Vermögens-Nießbrauches durch den Mann, der vollen Unterhaltspflicht des letzteren für Frau und Kinder etc. nur vor dem Beamten des Staates, dem Standes-Beamten, eingegangen werden. Die Schließung einer Ehe ist zulässig für Männer vom vollendeten zwanzigsten, für Frauen vom vollendeten sechszehnten Lebensjahre ab; in besonders zu begründenden Ausnahmefällen ist Dispensation durch die von den einzelnen Landesregierungen damit beauftragten Behörden, in Preußen z. B. durch den Justizminister, zulässig, und es sind desfallsige Gesuche bei den Gerichten erster Instanz abzugeben. Einer Einwilligung zur Eheschließung Seitens des Vaters, oder nach dem Tode des Vaters Seitens der Mutter bedürfen Söhne bis zum vollendeten fünfundzwanzigsten, Töchter bis zum vollendeten vierundzwanzigsten Lebensjahre; vater-, beziehentlich elternlose Kinder bedürfen, wenn sie einer Vormundschaft unterliegen, – und das ist in der Regel bis zum vollendeten einundzwanzigsten Lebensjahre der Fall – auch der Genehmigung des Vormundschaftsrichters und des Vormundes. Sind Vater oder Mutter zur Abgabe einer Erklärung dauernd außer Stande, oder ist ihr Aufenthalt dauernd unbekannt, so wird nach erbrachtem Nachweis dieser Umstände ebenso verfahren, als wären sie verstorben. Adoptivkinder bedürfen während der Dauer des Adoptivverhältnisses bis zu den vorerwähnten Altersgrenzen der Einwilligung ihrer Adoptiv-Eltern, und nur im Geltungsbereich des Code (Rheinlande) haben auch für Adoptivkinder die leiblichen Eltern den Heirathsconsens zu ertheilen. Großjährigen Kindern steht das Recht zu, wegen Verweigerung des Consenses Seitens des Vaters oder der Mutter sich an das Gericht ihres Wohnortes zu wenden, welches über die Erheblichkeit der Versagungsgründe in solchen Ausnahmefällen entscheidet.

Verboten ist die Ehe zwischen Verwandten in auf- und absteigender Linie, zwischen voll- und halbbürtigen Geschwistern, Stiefeltern und Stiefkindern, Schwiegereltern und Schwiegerkindern jeden Grades, zwischen Adoptirenden und Adoptirten, so lange das Rechtsverhältniß der Adoption unter ihnen besteht, und zwischen einem wegen Ehebruchs Geschiedenen und seinem Mitschuldigen. In dem letztgedachten Falle ist unter Umständen Dispensation zulässig, welche in Preußen auf Vortrag desjenigen Gerichtes, bei welchem der Ehescheidungsproceß in erster Instanz anhängig war (und bei welchem daher auch das Dispensationsgesuch zunächst anzubringen ist), von dem Justizminister, in den anderen Staaten von den damit betrauten obersten Landesbehörden ertheilt werden kann.

Bevor eine bereits verheirathet gewesene Person eine neue Ehe eingehen darf, hat sie nachzuweisen, daß ihre frühere Ehe aufgelöst, für ungültig oder für nichtig erklärt ist, auch ist für Frauen, welche eine neue Ehe schließen wollen, eine Wartezeit von mindestens zehn Monaten nach Beendigung der früheren Ehe vorgeschrieben, indeß kann für diesen letzteren Fall unter Umständen eine Dispensation bei den Gerichten erster Instanz nachgesucht werden. – Ferner dürfen Pflegebefohlene mit ihren Vormündern oder deren Kindern während des Vormundschaftsverhältnisses die Ehe nicht schließen. – Militärpersonen, Landesbeamte und Ausländer bedürfen noch eines speciellen Consenses zur Verheirathung und zwar active Militärpersonen vom Feldwebel abwärts der Einwilligung des Chefs oder Commandeurs des Regiments, Bataillons oder Corps, zu welchem sie gehören, Officiere der Erlaubniß des Landesherrn, Landes-Civilbeamte, welche bei der Wittwencasse receptionsfähig sind, der Erlaubniß des ihnen vorgesetzten Chefs, und nur die Reichs-Civilbeamten sind von Beibringung des Consenses befreit. Ausländer haben neben den sonstigen Erfordernissen noch ein Attest ihrer Heimathsbehörde in gehörig beglaubigter Form beizubringen, daß sie nach dortigen Gesetzen unbeschadet ihrer Staatsangehörigkeit zur Eingehung einer Ehe im Auslande befugt sind oder die nach diesen Gesetzen etwa erforderliche Erlaubniß zu der beabsichtigten Ehe erhalten haben. In Folge besonderer Staatsverträge sind jedoch von Beibringung eines solchen Attestes wiederum befreit die Angehörigen der Niederlande, Rußlands, Oesterreichs (ausgenommen Salzburg, Tyrol, Vorarlberg und Krain), Belgiens, Frankreichs, Großbritanniens, der Vereinigten Staaten Nordamerikas und Italiens, welche also nur den Nachweis ihrer Staatsangehörigkeit zu führen haben und demnächst hinsichtlich der Eheschließung wie Inländer behandelt werden. Endlich ist noch von Personen, welche, zur Schließung einer neuen Ehe schreitend, aus der früheren minderjährige Kinder haben, durch ein Attest des Vormundschaftsrichters nachzuweisen, daß die gesetzliche Abfindung der letzteren stattgefunden hat, oder doch, daß Seitens des Richters gegen die beabsichtigte Eheschließung Nichts zu erinnern war.

Anderweitige Ehehindernisse nun, besonders wegen Verschiedenheit des religiösen Bekenntnisses, wegen bestehender Gelübde der Ehelosigkeit, geistlicher Verwandtschaft (zwischen Taufpathen oder Firmelungszeugen) oder wegen eines Verlöbnisses kennt das Reichsgesetz nicht.

Was den Eheschließungsact selbst anlangt, so gehört dazu unbedingt – und daran unterscheidet er sich wesentlich von der bisher in Preußen bestandenen Form des lediglich schriftlichen Vertrages – die von dem Standesbeamten in Gegenwart zweier großjährigen Zeugen an die Verlobten einzeln und nacheinander gerichtete Frage, ob sie erklären, daß sie die Ehe mit einander eingehen wollen, die bejahende Antwort der Verlobten und der hierauf erfolgende Ausspruch des Standesbeamten, daß er sie nunmehr kraft des Gesetzes für rechtmäßig verbundene Eheleute erkläre. Es wäre mithin für die rechtliche Gültigkeit des Actes ganz gleichgültig, ob hierauf noch die schriftliche Verhandlung von den Anwesenden unterschrieben wird oder nicht; gleichwohl wird über jede Eheschließung eine Verhandlung in urkundlicher Form ausgefertigt, um später und zu jeder Zeit, auch wenn die bei dem Acte zugegen gewesenen Personen längst nicht mehr vorhanden sind, den Nachweis der erfolgten Eheschließung führen zu können.

Es giebt noch zu erwähnen, daß der Eheschließung ein zweiwöchentliches Aufgebot vorangehen muß, welches in der Gemeinde des Wohnortes der Verlobten und, falls dieselben verschiedenen Wohnorten angehören oder in den jüngstvergangenen sechs Monaten ihren Wohnort gewechselt haben, in den hiernach in Betracht kommenden Gemeinden durch Aushang am Rath- oder Gemeindehause bekannt gemacht wird. Ein solches Aufgebot behält sechs Monate Gültigkeit. Eine Dispensation vom Aufgebote kann, wenn besondere Gründe dafür sprechen, nach Befinden der betreffenden Staatsregierung von dieser ertheilt werden (in Preußen von dem Oberpräsidenten); nur in Fällen lebensgefährlicher Erkrankungen kann der Standesbeamte eine Eheschließung auch ohne jedes Aufgebot sogleich vornehmen. Wenn einer der Verlobten sich an einem ausländischen Orte aufhält oder innerhalb der letztvergangenen sechs Monate aufgehalten [249] hat, sodaß auch in diesem Orte ein Aufgebot stattzufinden hätte, so wird dasselbe dadurch bewerkstelligt, daß die Bekanntmachung auf Kosten des Antragstellers einmal in ein an dem betreffenden Orte erscheinendes oder verbreitetes Blatt eingerückt wird. Kann indeß eine Bescheinigung der Obrigkeit des fraglichen Ortes beschafft werden, daß ihr von dem Bestehen eines Ehehindernisses im vorliegenden Falle nichts bekannt sei, so bedarf es auch dieser Einrückung nicht.

So viel über die Erfordernisse und über die Form der Eheschließung. Wenn wir uns nun noch das Wissenswertheste über die Beurkundung von Geburten und Sterbefällen mittheilen lassen, so werden wir in dem neuen Gesetze hinreichend orientirt sein. Geburten und Sterbefälle sind immer demjenigen Standesbeamten anzuzeigen, in dessen Bezirk das Ereigniß stattfindet, auch wenn der gewöhnliche Wohnort der Eltern, beziehentlich des Verstorbenen nicht in diesem Bezirke gelegen wäre. Geburten sind innerhalb einer Woche, Todtgeburten bis zum nächstfolgenden Tage, Sterbefälle bis zum nächstfolgenden Wochentage mündlich von den Verpflichteten selbst anzuzeigen, und nur für Geburts- und Todesfälle, welche sich in öffentlichen Anstalten ereignen, ist für den Vorsteher der Anstalt eine schriftliche Anzeige in amtlicher Form zugelassen. Zur Anzeige verpflichtet ist an erster Stelle das Familienhaupt, und es liegt auch ohnedies im wohlverstandenen eigenen Interesse desselben, die Anzeigepflicht nicht etwa aus Bequemlichkeitsgründen von sich abzuwälzen und anderen Personen zu überlassen, da etwaige Ungenauigkeiten bei der Beurkundung, Differenzen in der Schreibweise der Namen und dergleichen oft noch nach Jahren zu den größten Weiterungen führen können. Ist indeß das Familienhaupt in der vorgeschriebenen Zeit an Erstattung der Anzeige behindert, so kann dieselbe bei Geburten durch die Hebamme, den Arzt oder eine andere Person, welche bei der Niederkunft zugegen gewesen, sowie durch die Mutter, sobald sie dazu im Stande ist, in Sterbefällen auch von Demjenigen, in dessen Wohnung oder Behausung sich der Fall ereignet hat, sowie endlich durch jede aus eigener Wissenschaft davon unterrichtete Person gemacht werden.

Auch alle auf inländischen Seeschiffen stattgefundenen Geburten und Sterbefälle werden von dem Schiffer, beziehentlich dem Seemannsamte dem Standesbeamten des Wohnortes der betreffenden Person zur Beurkundung mitgetheilt. Reichsangehörige und Schutzgenossen, welche im Auslande wohnen, unterliegen dagegen nicht den Bestimmungen des in Rede stehenden Gesetzes: die Vornahme ihrer Eheschließungen, wie die Beurkundung der Geburten, Heirathen und Sterbefälle unter ihnen gehört vielmehr vor den vom Reichskanzler hierzu ermächtigten diplomatischen Vertreter oder Consul des deutschen Reiches. –

Warum ist denn nun aber dieses Gesetz eingeführt worden? Den nächsten Anstoß, wenn nicht zum Erlasse des Gesetzes selbst – denn Artikel 19 der preußischen Verfassung stellt diesen bereits in Aussicht, und in vielen der anderen deutschen Staaten bestand die obligatorische Civilehe schon früher – so doch zum beschleunigten Erlasse gab unstreitig der sogenannte „Culturkampf“, und es wird dies, auch wenn er selbst längst verklungen sein wird, stets eines seiner ersten und besten Vorrechte bleiben. Der Religion oder der Kirche soll dadurch nicht der geringste Schaden geschehen, sondern ihr nur eine durch nichts als durch die Gewohnheit sanctionirte Handhabe der Macht genommen werden. Der Staat als solcher, dessen Grundelement ein geordnetes Familienleben ist und der in seiner Gesammtheit nichts Anderes, als eine Vereinigung vieler Familien repräsentirt, hat eben darum das erste, natürlichste und unzweifelhaft größte Interesse an der Klarstellung und Beweisfähigkeit derjenigen Familienzustände, welche staatliche Rechte und Pflichten begründen, also an Geburt, Ehe und Tod. Daß sich an diese wichtigsten Ereignisse im Leben dann noch für die Angehörigen der verschiedenen Religionsgemeinschaften auch entsprechende religiöse Feierlichkeiten und Gebräuche anschließen, ist eine althergebrachte und in ihrer wahren Bedeutung schöne Sitte, letzteres selbstredend nur so lange, als sie nicht erzwungen werden muß.

Thatsächlich wurden in Deutschland bis in das Mittelalter hinein die Ehen ohne alle staatliche oder kirchliche Mitwirkung durch den bloßen Consens der Verlobten geschlossen, woraus aber verschiedene nachtheilige Folgen fühlbar wurden. Es kam häufig vor, daß man gesetzliche Ehehindernisse umging, ja daß die Eheleute ungestraft wieder auseinander gingen und wohl gar eine anderweite Ehe schlossen. Unter solchen Umständen hätte nun der Staat einzuschreiten gehabt, aber die bürgerliche Gewalt des Staates ordnete sich ja von selbst der Kirche, als der alleinigen Trägerin von Bildung und Civilisation, unter, und so überließ der Staat willig und gewissermaßen selbstverständlich der Kirche die Ordnung auch dieser Angelegenheit, und das ökumenische Concil von Trient (1545 bis 1563) bestimmte zur Abhülfe der hervorgetretenen Mißstände, daß in Zukunft die Verlobten öffentlich vor dem Pfarrer und zwei Zeugen ihre Erklärung, einander ehelichen zu wollen, abzugeben hätten, um durch diese größere Oeffentlichkeit der baldigen leichtsinnigen Auflösung eines Eheverhältnisses Einhalt zu thun. Damit war die Eheschließung auch Kirchensache geworden.

Holland führte im sechszehnten, England im siebenzehnten Jahrhundert die Civilehe ein. Luther und Brenz erkennen an, daß die Eheschließung ein Act bürgerlichen Charakters sei, und Letzterer sagt: „Der Eelich Contract, gleichwie sonst andere weltlich Contract möcht auch wohl auf den Rathsheussern oder anderen gemeinen, öffentlichen, ehrlichen und bürgerlichen orten verrichtet werden.“ Das Uebergewicht der Kirche verdrängte indeß mehr und mehr die Auffassung der Ehe nach ihrem rein bürgerlichen Rechtselemente, und Pius der Neunte erklärte in einem Schreiben an Victor Emanuel 1856: die Ehe sei dogmatisch ein Sacrament, dieses letztere begreife das Wesen der Ehe, und außerhalb derselben stehe nichts als das Concubinat.

So lange nun im Staate nur eine Kirche bestand, wäre man am Ende auch mit der rein kirchlichen Beurkundung des Personenstandes und der Eheschließung ausgekommen, allein man denke nur an die zahllosen Schwierigkeiten, die den Mischehen häufig entgegengestellt, an den Zwist, der dadurch so oft in die Familien hineingetragen worden; ferner an die Schwierigkeiten, in Vormundschafts-, Erb- oder Militärsachen und dergleichen Atteste zu beschaffen: man mußte da nicht nur den Geburts- und Aufenthaltsort, sondern auch noch ermitteln, welchen der zahlreichen Religionsgemeinschaften oder Secten die betreffende Person angehörte. Zudem knüpfte die Kirche ihre Beurkundungen nur an religiöse Acte; Taufscheine von Kindern, die vor Empfang der Taufe verstorben, vom Geistlichen zu fordern, war so wenig ausführbar, wie ihm Todtenscheine von Personen, denen die kirchliche Beerdigung verweigert worden, abzuverlangen. In Fällen, in welchen der Geistliche aus Gewissensbedenken die kirchliche Copulation verweigern mußte, hat ohnehin schon seit geraumer Zeit der Staat den die Eheschließung dennoch Begehrenden durch seine Organe unter weitläufigen und schwierigen Verhältnissen zu Hülfe kommen müssen, und dennoch entzog sich eine so zu Stande gekommene Ehe in den der Humanität weiter abstehenden Kreisen immer nicht ganz dem Vorwurfe einer gewissen Anrüchigkeit. Zweifelhafte Anzeigen über die Zeit der Geburt, die Abstammung eines Kindes, die genaueren Personalien eines Verstorbenen etc. entbehrten für den Geistlichen des kirchlichen Interesses, um ihre sofortige Aufklärung herbeizuführen, auch fehlten ihm dazu polizeiliche Mittel.

Vor Allem aber legt endlich die offene Auflehnung einzelner Religionsdiener gegen die Gesetze des Staates diesem die Verpflichtung nahe, die fragliche Materie voll und ganz von dem Gesichtspunkte aus, daß die Eheschließung nur auf der Autorität des Staates ruht, zu regeln. Es gab jetzt gesetzwidrig angestellte Geistliche, die zur Führung der Kirchenbücher als gleichzeitiger staatlicher Urkunden nicht berechtigt und deren Auszüge aus denselben den Behörden und den Bürgern des Staates gegenüber nicht glaubwürdig waren, – eine Thatsache, die zu den größten socialen und Rechtsverwirrungen führen mußte. So lange nun der Staat der Schöpfer und Träger der rechtlichen Ordnung ist, hat er so Recht, wie Pflicht, Klarheit und Wahrheit zu schaffen. Recht und Würde der Kirche soll aber nicht, wie in leidenschaftlicher Uebertreibung hier und da gehört wird, durch die Institution des Standesamtes gekränkt werden, wie auch eine Entfremdung von der Religion, deren Güter doch nur dann wirksam sein können, wenn sie aus wahrem Herzensgrunde ersehnt und nachgesucht werden, nie und nimmer durch dieses Gesetz herbeigeführt werden soll.




[250]

 Anastasius Grün.

 Zum siebenzigsten Geburtstage.

„Ich seh’ die Morgenwolke leuchtend steigen“
O, wie prophetisch einst dies Wort erklang!
Als hehrer Wartthurm wird Dein „Schutt“ sich zeigen,
Wenn eitler Prunkbau längst in Trümmer sank.
Wie wahrst Du treu des Deutschthums heil’ge Flammen
In fernster Ostmark – dennoch nicht verwaist! –
Hält auch kein Band des Reiches uns zusammen:
Dein Lied ist unser! Unser ist Dein Geist!

Du sahst die Morgenwolke leuchtend steigen
Und scheu entflieh’n der Knechtschaft blöde Nacht;
Du führtest kühn im Freiheitssang den Reigen;
Du standst, ein Feldherr, in der Geistesschlacht.
Von höh’rem Adel noch als einst Dein Ahne
– Er rang vom Türkenjoch die Heimath frei –
Schwangst Du die Waffen, tödtlich jedem Wahne,
Gen slavische und röm’sche Barbarei.

Du sahst die Morgenwolke leuchtend steigen,
Sahst das Gestirn des Tages noch in Pracht,
Und will sich leis’ die Abendröthe neigen,
So wartet Dein die schönste Sternennacht.
An Deutschlands Himmel strahlt Dein Sängername,
Und ob dereinst Dein Saitenspiel zerreißt –
Den Du gesä’t, in Blüthe steht der Same:
Dein Lied bleibt unser! Unser bleibt Dein Geist!

 Ernst Scherenberg.




Erinnerungen an Freiligrath in London.


Vor etwa vierzig Jahren verhielt sich äußerlich und namentlich in der Politik scheinbar noch Alles ruhig, reinlich und bescheiden, und die Julirevolution von 1830 schien in Hessen-Kassel und Sachsen in ihrem Einflusse auf Deutschland die äußersten Grenzen erreicht zu haben, ohne sich nach Preußen zu wagen. Aber das junge Deutschland hatte in der schöngeistigen, die Hegelei in der wissenschaftlichen Anschauungsweise und Literatur schon tüchtig aufgeregt und aufgeräumt. Der alte, liebenswürdige Cultusminister von Altenstein, ein Schüler Fichte’s und Mitarbeiter an den Hardenberg’schen und Stein’schen Reformen, pflegte in Berlin nicht nur seine Blumen, sondern begünstigte auch in ganz Preußen freie Forschung und Wissenschaft. In Halle war Ruge aus dem Gefängnisse bald bis auf einen Universitätslehrstuhl gestiegen und offenbarte uns von da aus in seiner derben, pommerschen, unbarmherzig dialektischen Weise die Geheimnisse der Hegel’schen Philosophie und Aesthetik. Dabei spottete er viel über die alte, trockene Kathederwissenschaft und gab uns bereits den Geist der „Halle’schen Jahrbücher“ zu kosten. Dies machte auch uns Studenten übermüthig, hoffnungsvoll und spottlustig in Prosa und Versen über die alte Zeit. Ohne Dichter zu sein, gründeten wir doch einen Halle’schen Dichterbund, gewannen sogar den alten, weißhaarigen Fouqué dafür, gaben ein ziemlich dickes Bändchen „Werdelust des Halle’schen Dichterbundes“ heraus und zogen uns namentlich den Haß des bereits mit Ruge kämpfenden kleinen gelbsüchtigen, damals universitätsmächtigen Professors Leo zu. Dies trieb mich von Halle nach Berlin, wo ich im Juli 1838 nichts Eiligeres zu thun hatte, als dem Dichter und Herausgeber des „Deutschen Musenalmanachs“ ein Exemplar „Werdelust“ zu überreichen. In einem grauen Jäckchen, von langen grauen Locken umwallt, saß Chamisso auf dem Sopha, blätterte grimmig blickend ein paar Mal in der „Werdelust“ hin und her, warf sie unwillig auf den Tisch und meinte, daß jetzt überhaupt alle Dichter die Feder und das Maul halten müßten. „Seitdem Dieser zu singen angefangen (dabei händigte er mir einen ganz frischen Band Gedichte ein), sind wir Alle Spatze. Nehmen Sie’s mit, lesen Sie, und Sie werden, wie ich, auf immer von weiterer Versemacherei geheilt sein.“

„Gedichte von Ferdinand Freiligrath“ hieß der Titel. Wir hatten zwar schon von ihm gehört und gelesen, besonders in Chamisso’s Musenalmanach, aber diese Begeisterung des alten echten Dichters über den neuen erfüllte mich mit wahrhaftem Staunen über die Größe Beider. Nur ein echter Dichter kann einen andern, indem er den Todesstoß von ihm erhalten zu haben meint, so bewundern und würdigen.

Ja, das waren ganz neue Saiten auf der Leyer der deutschen Lyrik und ein ganz neuer Virtuose auf diesem bereits von unzähligen Laien gemißhandelten und nicht wenigen Meistern wundervoll gespielten Instrumente. Eine Gottesgabe des weiten Schauens in die Ferne, eine dichterisch schwunghafte Völker- und Länderkunde mit Rhythmen und Reimen, welche uns mit zauberhaften, unerhörten Klängen zum Wüstenkönig lockten und in zwei Zeilen aus dem spanischen Fandango an die Ufer des Hoango springen ließen. Der furchtbare, hinreißende blutrothe politische Zorn seiner Muse war in diesem ersten Bande des jungen, noch rein schwärmenden Dichters und Amsterdamer Commis noch mit keiner Spur zu finden. So konnte er und wurde er von allen Ständen, allen Parteien bis zum absolutistischen Könige und Kronprinzen und den allerunterthänigsten höchsten Staatsbeamten gemeinsam bewundert, geliebt, gelobt und gelesen. Mit welchem Eifer ich Freiligrath’s Gedichte im Chamisso’schen Exemplare verschlang, davon habe ich noch heute einen erquickenden Nachgenuß. Einige Wochen später wollte ich dem graulockigen Peter Schlemihl das Exemplar zurückgeben, aber da hieß es, er selbst könne es nicht mehr in Empfang nehmen, da er während der Nacht gestorben sei.

An diesem letzten achtzehnten März folgte ihm nun auch Freiligrath. Letzterer ist ebenso wenig gestorben, wie Chamisso im August 1838. Die Furcht seiner Bescheidenheit, daß ein Freiligrath ihn dichterisch getödtet habe, hat sich weder an ihm noch an irgend einem anderen echten Dichter bewahrheitet. Jeder steht vielmehr in seiner eigenen individuellen Größe um so kenntlicher in der Walhalla der Unsterblichen, als der Eine wohl kaum einen Vers des Andern hätte machen können.

Auf die eben angedeutete Weise lernte ich Freiligrath kennen und bewundern. Ich mußte mehr als ein Dutzend Jahre warten, ehe ich ihn zuerst von Angesicht zu Angesicht sah und in manche gemüthliche, freundschaftliche Beziehung zu ihm trat.

Die Manteuffel-Hinckeldey’sche Brutalität und Willkür hatte ihn und mich nach London getrieben. Die Deutschen begrüßten ihn mit einem großartigen Festessen und volltönigen Reden. Alles war gespannt, den gefeierten Dichter und Märtyrer, den starken robusten Mann mit seiner schönen Baßstimme und der hinreißenden Zaubergewalt seines Wortes in Gegenrede danken zu hören. Aber wie ängstlich und beinahe mitleidig wurden sie, als der furchtbare Republikaner und gewaltige Dichter wie ein bescheidenes, verschämtes Mädchen stotterte und stammelte, um die nothdürftigsten Dankesworte über die Lippen zu bringen! Ja, dies war und blieb eine, ich möchte sagen rührende Eigenheit des gewaltigen Dichters und blutrothen Republikaners, daß er in größerer Gesellschaft, sowie in der Prosa sich immer schüchtern und unbeholfen fühlte und überhaupt im Privatleben seine Dichtergabe gewissermaßen unter einen Scheffel verbarg, sich lieber wie ein mittelmäßiger, liebenswürdiger Pfahlbürger von wenigen und schlichten Worten erwies, statt sein Licht leuchten zu lassen. So lernte ich ihn später im eigenen Hause und in eigener Familie, sowie in kleinen Gesellschaften persönlich näher kennen und lieben.

Seine erste Bekanntschaft machte ich auf eine sonderbare Weise. Nachdem mit der Ausstellung von 1851 unsere von Lothar Bucher, Bamberger, Faucher etc. herausgegebene deutsche Auflage der „Illustrated London-News“ eingegangen war, kam es zu [251] einem deutschen Londoner Wochenblättchen, welches der ehemalige Held des weinseligen Vergnügtseins in Berlin Louis Drucker, ehe er sich im amerikanischen Mississippi, also in gemeinem Wasser, ertränkte, als Colporteur umhertrug. Ich hatte das Blättchen so ziemlich allein zu füllen. Stoff dazu lieferte mir auch eines Tages die Erinnerung an die blutrothe Politik, welcher Karl Marx in der rheinischen Zeitung seligen Andenkens das Wort zu reden pflegte. Marx fühlte sich dadurch beleidigt und kam mit zwei mir unbekannten Herren feierlich mit einem vor das Auge gekniffenen Glase in die Redaction, um mich zur Abbitte oder zur blutigen Sühne durch Pistolen zu zwingen. Die beiden unbekannten Herren setzten sich ernst und stumm an einen Tisch, und der kleine schwarzgelbe Marx stellte sich, mich durch sein Glas einäugig fixirend, mit erhabenem, unmittelbar in’s Lächerliche umschlagendem Ernste dicht vor mich hin, um mich zunächst mit dem bewaffneten Blicke zu durchbohren. Damit ihm dies um so sicherer gelänge, stellte er mir die beiden ernst dareinschauenden Herren als Ferdinand Freiligrath und den rothen Becker vor.

Ich konnte nicht umhin, meinem lebhaften Bedauern Worte zu geben, daß ich den Dichter Freiligrath, unter so tragisch-komischen Verhältnissen zum ersten Male persönlich vor mir sähe, und reihete daran sogleich die Schilderung meines Besuches bei Chamisso. Dies rührte Freiligrath augenscheinlich. Die boshaft kaltblütig criminalistische Verhörerei des mir gründlich verhaßten Marx empörte mich ebenso sehr, wie sie mir lächerlich erschien. Ich erklärte unumwunden, daß ich mich auf eine in England mit Irrenhaus bestrafte Paukerei, Schießerei oder Stecherei auf keinen Fall einlassen werde und mich zu nichts verstehe als zu einem Berichte über diesen merkwürdigen Besuch mit Angabe des Inhaltes. Auch seien wir vier Betheiligten viel zu alt, als daß wir uns ohne Lächerlichkeit auf eine so studentikose Entscheidungsweise in dieser Angelegenheit einlassen dürften. Mehr als eine Veröffentlichung seiner vor diesen Zeugen gegebenen Versicherung könne Marx nie verlangen und werde er nicht erzwingen. Als die Drei gingen, rief ich Freiligrath noch in wahrhafter Verehrung und Liebe zu, daß ich ihm auf freundlichere Weise wieder zu begegnen hoffe.

Den viel gefürchteten rothen Becker hatte ich zuerst als die furchtbarste Persönlichkeit der Revolution angestarrt, aber ich sah ihn als ganz menschliches Wesen davongehen. Er ist denn auch noch ganz ehrenvoller Dortmunder Bürgermeister, sogar Oberbürgermeister der zweiten Hauptstadt Preußens und Mitglied des Herrenhauses geworden. Und die grimmige politische Muse Freiligrath’s feierte ihren größten Triumph in der Verherrlichung des „Trompeters von Gravelotte“, der im Helden- und Siegeskampfe des vereinigten Deutschland errungenen Einheit und Ehre mit kaiserlicher Krone. Sein unbeugsamer Republikanismus fügte sich also doch zuletzt der Gewalt der Thatsachen, wie alle Parteien in Poesie und Prosa. Nur der eitle Eigensinn und Egoismus eines Karl Marx und seiner socialdemokratischen und internationalen Nachbeter blieb, dem Geiste und der Einsicht unzugänglich, außerhalb der Bewegung stehen und muß in ohnmächtiger Feindseligkeit sich selbst vollends vernichten.

Ich sah hernach Freiligrath jahrelang nur dann und wann zufällig und nie in einer Versammlung zur Hebung und Förderung der deutschen Bestrebungen, wo Kinkel öfter durch seine gewinnende Persönlichkeit und Beredsamkeit den Zwiespalt der Parteien zu überbrücken suchte. Freiligrath hatte weder Sinn noch Talent für öffentliches Auftreten, und außerdem meinte er, seiner Stellung als Verwalter der Schweizer Bank in London diese Enthaltsamkeit schuldig zu sein. Endlich aber, mit dem herannahenden Herbste des Jahres 1859, galt es, die Deutschen in London für die Feier des hundertsten Geburtstages Schiller’s zu vereinigen. Lasen wir doch von großartigen Vorbereitungen aus allen Theilen der Erde, wo Deutsche waren. Mir ging’s wohl am meisten zu Herzen, und ich dachte an einen Aufruf mit ehrenvollen Unterschriften.

Mit Kinkel auf’s Herzlichste befreundet, ging ich ihn zuerst an, aber er war und blieb der Ueberzeugung, daß mit den zersplitterten oder englisirten Deutschen in London nichts anzufangen sei. Deshalb suchte ich demnächst Freiligrath in der Schweizer Bank hinter der Börse auf. Er rollte mir höchst liebenswürdig einen schweren, ledernen Lehnstuhl hin, setzte sich mir gegenüber und zeigte sich als echter Dichter für einen ebenfalls echten begeistert, aber auch er war der Ansicht, daß mit unseren Landsleuten in der Themsestadt nichts auszurichten sei. Man dürfe sich durch einen Aufruf nicht lächerlich machen. Ich dachte aber, für Schiller könne man’s schon wagen. Nachdem ich bei anderen Deutschen von hohem Ansehen ebenfalls abgewiesen worden war, gelang es mir, mit Hülfe der Directoren des Krystallpalastes das Unternehmen eines würdigen Schiller-Festes zu sichern. Und nun ließ sich Kinkel ebenso leicht für die Festrede, wie Freiligrath für die Festcantate, ein deutscher Componist für die Composition derselben, ein deutscher Gesangverein, der dadurch sofort auf dreihundert Mitglieder schwoll, für den öffentlichen Vortrag derselben gewinnen. Dreitausend Engländer und Engländerinnen studirten die „Glocke“ ein. Das ganze Fest sollte mit einem Fackelzuge im Parke des Krystallpalastes enden.

Alles gelang über jede Erwartung. Die Freiligrath’sche Cantate war vom Anfange bis zu Ende ein echtes Kind dichterischer Begeisterung für unseren größten Dichter. Die Composition gelang ebenfalls, am glänzendsten aber die Ausführung aus dreihundert begeisterten Mannes- und Jünglingsherzen. Nach den Urtheilen der englischen Presse war unser Zug mit achthundert Fackeln aus den Tiefen des Parkabhanges auf den gewundenen Wegen bis in die Terrassen herauf ein beispielloser, in England noch nie gesehener malerischer Triumph.

Dieser hundertste Geburtstag Schiller’s gebar auch zuerst Einheits- und Selbstgefühl unter den Deutschen in London, wie mehr oder weniger auf der ganzen Erde. Das Gefühl war meist noch idealen und allgemeinen Inhalts und gewann erst über ein Jahrzehnt später Fleisch und Blut, Lebenskraft für weitere Entwickelung und Verwirklichung.

Auch Freiligrath war wieder deutscher, zugänglicher und gemüthlicher geworden. Ich kam fortan öfter persönlich und in Familie mit ihm zusammen. Er wohnte jenseits verwickelter Häuserlabyrinthe, von der City nordwestlich, in dem sonst ziemlich ärmlichen Hackney, einem ehemaligen besonderen Dorfe mit einem Kirchhofe voll verwitterter Grabsteine und einem nur noch als Ruine hervorragenden Kirchthurme. Vor diesem vorbei und mitten über den Kirchhof hinweg kam man auf kürzestem Wege zu Freiligrath, in sein altes, geräumiges und gemüthliches Haus mit kleinem Vor- und großem, altem Hintergarten, in dessen ehrwürdige Baumkronen und grüne Grasflächen er aus seinem Bibliothekzimmer hinaussah. Es war groß und ringsum von ganz unten bis ganz oben mit Büchern gefüllt. Bei einem Privatgelehrten und Dichter hatte ich noch nie eine solche Fülle von Büchern gesehen. Sie waren denn auch von Jugend an seine Liebhaberei, sein Stolz gewesen. Er hatte sie zweimal aus Deutschland mit in’s Exil hinübergenommen. An dem großen Tische mitten in diesem Zimmer, fern von allem Lärm der Stadt und der Straßen war er ein glücklicher, gesundheitstrotzender, freundlich gesprächiger Mensch und Gelehrter. In der Familie unten erschien er zugleich als ehrwürdiger Patriarch, wahrhaft kindlich und zufrieden mit Allem, was ihm Frau und Kinder gaben oder nahmen; namentlich überließ er die unbeschränkte Herrschaft über das ganze Haus- und Wirthschaftswesen seiner zierlichen, blonden Frau aus Weimar, die ihren Stolz und ihr Glück zweien Dichtern zu verdanken behauptete. Und gewiß mit Recht. Diese beiden Dichter hießen Goethe und Freiligrath. Ersterer hatte sie oft mit Kuchen und Küssen beschenkt und sich das Kind nicht selten holen lassen, um mit ihm zu spielen und zu scherzen. Die zur Zeit meines Londoner Aufenthaltes fünfzehnjährige Tochter war Frau Freiligrath’s verjüngtes Ebenbild. Da konnte man sich Goethe’s Geschmack und Zärtlichkeit erklären. Der etwas jüngere Sohn war stolz auf seine kleine Privatmenagerie im Hofe. Der Vater meinte ganz richtig, durch Umgang mit Thieren würden die Kinder menschlicher und gemüthvoller.

Dieses Familienleben war ein echt deutsches, aber zugleich gehoben durch besten englischen Einfluß in Wohnungs-, Lebens- und Anschauungsweise. In Bezug auf Häuserbau, Einrichtung der Zimmer, Mahlzeiten, Arbeitsvertheilung etc. könnten wir in Deutschland nichts Besseres thun, als diesem englischen Einflusse mehr Rechte einräumen. Nun, wir Flüchtlinge haben Alle etwas von England mit herübergenommen, Freiligrath sogar eine Monatsschrift in englischer Sprache, der wir nur einen guten Ersatzmann für den Dahingeschiedenen wünschen.

[252] Von dem schönen, gemüthlichen Familienleben Freiligrath’s in London wollen wir hier nichts weiter ausmalen, da es nur insofern vor die Oeffentlichkeit gehört, als man den Beweis liefern will, daß unser geliebter Dichter in Haus und Herz für alle Qualen eines politischen Nomadenthums entschädigt wurde.

Nur noch einen letzten Blick auf einen würzigen Maiabend bei ihm im Garten! Mirza-Schaffy-Bodenstedt war ebenfalls zum Besuch gekommen. Wir gingen unter blühenden Bäumen und über duftigen Maiblümchen zwischen saftig grünem Rasen auf und ab. Trotz seiner Corpulenz bückte sich Freiligrath, um uns eigenhändig Maiblümchen zu pflücken. Als er noch andere hinzufügen wollte, schalt ihn die Frau mit komischer Entrüstung: Maiblümchen dürften nie durch Hinzufügung anderer Kinder Flora’s beleidigt werden. Ich weiß nicht, ob ich’s sagte oder blos dachte: Frau und Fräulein Freiligrath hatten für mich viel Aehnlichkeit mit Maiblümchen. Die Tochter ist zur schönsten literarischen Blüthe in England gekommen, nicht nur als Uebersetzerin der Dichtungen ihres Vaters, sondern auch als fleißige Mitarbeiterin an literarischen Zeitschriften ersten Ranges.

An demselben Tage war bei dem blonden Käthchen Freiligrath eine ebenso durchgeistigte, fein-brünette Mädchenknospe erschienen und nach kurzer Zeit wieder verschwunden, um bald darauf unerblüht plötzlich in’s Grab zu stürzen. Es war Kinkel’s Tochter Johanna, voll der schönsten Gaben und Hoffnungen für eine lachende Zukunft. Ihre Mutter, mit voller Dichterkraft von Freiligrath besungen, war angesichts des Kindes von der Höhe des Hauses heruntergestürzt und zerschmettert. Als Frau und Künstlerin hatte sie hohen Ruhm erworben, aber die Tochter versprach noch viel mehr – und mußte sterben.

Es war ein duftiger, wehmüthiger Maiabend. Bodenstedt hatte viel, heiter und geistreich gesprochen und gestritten, aber es war und blieb doch gar zu traurig, als alle die lieben Augen und Gesichter in der Nähe des verfallenen Thurmes mitten zwischen verwitterten Grabsteinen von uns schieden und im Dunkel verschwanden.

Warum ist diese Erinnerung so traurig? Ich habe ihn ja seitdem nie wiedergesehen, den theuren Freiligrath, und nun hieß es plötzlich, daß er nach längerem Leiden ebenfalls gestorben sei. Tröstet’s uns wirklich, daß er in seinen Werken fortleben wird? O ja, man muß eben damit zufrieden sein. Wir müssen uns in eine ideale Welt unserer edelsten Dichter und Denker retten. Nun, Gott sei Dank, wir haben Denker und Dichter, wie kein anderes Volk. Und Freiligrath wird als einer der kräftigsten und edelsten von uns auf ewig geliebt und verehrt werden.

Zwei deutsche Dichterkinder, Kinkel’s Adelheid als preisgekrönte Künstlerin und die Tochter Freiligrath’s, die englische Schriftstellerin und deutsche Frau, vertreten noch lebend, wie ihre Väter jahrelang zuvor, den lautesten Geist Deutschlands unter unseren englischen Stammesgenossen.

Dr. H. Beta.




Der Bergsturz zu Caub.


Das verflossene Jahr 1875 war, wie bekannt, im Vergleiche zu den Vorjahren, ungewöhnlich reich an unglücklichen Ereignissen der mannigfachsten Art, die, meistens durch elementare Gewalten, einzelne durch Fahrlässigkeit und infolge Mangels zureichender Vorsichtsmaßregeln herbeigeführt, sowohl für Hab und Gut die verderblichsten Folgen hatten, wie auch den Verlust vieler Menschenleben verursachten. Nicht viel Besseres scheint das neue Jahr 1876 versprechen zu wollen, denn in seinem bis jetzt verflossenen Theile gab es bereits wieder von manchen Unglücksfällen zu berichten. So verbreitete sich auch am Morgen des 11. März von einer Stadt am Rheine aus eine Schreckensbotschaft, welche in dem weitesten Umkreise das schmerzlichste Aufsehen erregte.

Das Städtchen Caub, historisch berühmt durch den denkwürdigen Uebergang Blücher’s über den Rhein in der Neujahrsnacht 1814, bei welchem die Bewohner durch hülfreiche Bethätigung sich verdient gemacht, bekannt durch seine romantische Lage, besonders durch die auf einem Stromriffe sich pittoresk erhebende Pfalz, mußte nun auch zu einer traurigen Berühmtheit gelangen, indem es kürzlich von einem Elementarereignisse heimgesucht wurde, das in seiner Art hier noch selten, dabei schreckenvoll und furchtbar genug war und manchem Bewohner zum Verderben gereichte.

An einer Stromenge belegen, zieht sich der Ort in der Länge von einer Viertelstunde am rechten Rhein-Ufer hin. Der Fluß, im Winter wild und ungestüm, führt seine rauschenden Wogen mit rapider Schnelligkeit vorbei. Seine Ufer weit übersteigend, hat er auch jetzt Strand und Rheinstraße unter Wasser gesetzt und nöthigt die Anwohner der letzteren, die hinter dieser führende Hochstraße zu passiren, deren eine Häuserreihe sich fast unmittelbar an das steil ansteigende Gebirge anlehnt. Enge Gänge verbinden beide Straßen. Auch zwischen den Gasthöfen „Zum grünen Wald“ und „Zum Adler“ an der Rheinstraße führt ein schmales Gäßchen zur Hochstraße hinauf. Die hinter dieser Oertlichkeit, im sogenannten District Kalkgrube sich erhebenden Berghänge waren es, welche unheildrohend über der Stadt schwebten.

Der Tag des 11. März hatte sich geneigt. Die Bewohner waren zur Ruhe gegangen. Friedlich schlummerten Vater, Mutter, Sohn und Tochter neben einander, keiner Gefahr sich bewußt, nicht ahnend, daß Manchem der Tag zum letzten Male erschienen. Nächtliche Stille, zuweilen von einem kurzen heftigen Windstoß und stärkerem Rauschen des Wassers unterbrochen, hatte sich über der Stadt gelagert, eine Frühlingsnacht, die uns Uhland’s Worte „Horch, wie brauset der Sturm und der schwellende Strom durch die Nacht hin“ in’s Gedächtniß rief, war angebrochen. Nur vereinzelte Bewohner mochten sich dem Schlafe noch nicht überlassen haben, wie es auch mir erging. In dem genannten Gasthof „Zum grünen Wald“ wohnend, saß ich an gedachtem Abend in meinem im zweiten Stock nach der Gebirgsseite zu gelegenen Zimmer mit Schreiben beschäftigt. Plötzlich – es mochte elf und ein halb Uhr sein – empfand ich eine momentane heftige Erschütterung. Der Boden schien unter meinen Füßen zu schwanken. Ich hatte indeß nicht Zeit, hierüber nachzudenken; denn unmittelbar darauf erfolgte ein donnerähnliches Getöse, das, mit einem ungemein scharfen und hellen Rascheln, dem Geräusche eines gewaltigen Schloßengerassels nicht ganz unähnlich, beginnend, in einem Krachen und Knattern endete, wie wir es den einschlagenden Blitz begleitend zu vernehmen pflegen. In demselben Moment drangen auch schon Angstschreie und verzweifelte Hülferufe an mein Ohr. Sofort mir bewußt werdend, was vorgegangen, doch starr vor Schrecken, da die Nacht jedes furchtbare Ereigniß doppelt furchtbar macht und ich wegen der anscheinend in unmittelbarster Nähe erfolgenden Detonation nicht anders glaubte, als das Haus stürze zusammen, fuhr ich jäh von meinem Sitze auf. Schon erfolgte ein zweites gleich starkes Getöse – wiederum herzzerreißendes Hülfegeschrei. Mit dem Rufe: „Heraus, der Bergsturz kommt“ stürmte ich die Treppe hinunter, die Hausbewohner zu wecken. Bestürzung und Entsetzen im Antlitz traten diese, mit dem Nothdürftigsten bekleidet, mir entgegen; noch fehlte die Magd, die, im Hinterhause schlafend, in größter Gefahr schwebte. Unmittelbar nach unserem Schrei aber erschien sie staubbedeckt und mit verstörten Mienen; kaum dem Lager entsprungen, war dasselbe hinabgesunken und nur mit vieler Anstrengung hatte sie die bereits versperrte Thür noch aufzureißen vermocht. Doch es galt kein Zaudern. Eine dritte Detonation – alles zusammen vielleicht das Werk einer Minute – trieb uns in größter Eile zum Hause hinaus. Dicke Staubwolken schlugen uns entgegen. Aus den Nebenhäusern flohen die Bewohner bereits ebenfalls in ihren Nachtgewändern, hier weinende Kinder im Arm tragend, dort nach ihren Angehörigen schreiend. Der mächtig aufwirbelnde Staub hatte anfangs die Vermuthung an Brand entstehen lassen, und bald drang der bange Ton der Sturmglocke durch die schauerliche Nacht. Auf diesen ungewohnten Ruf stürmte die aus ihrem ersten Schlummer aufgescheuchte Einwohnerschaft der ganzen Stadt zur Unglücksstätte herbei, noch ungewiß darüber, was geschehen.

Die Schrecken und das Entsetzen dieser Nacht sich zu vergegenwärtigen, [253] bedarf es wohl keiner allzu lebhaften Phantasie. All der Jammer und das Elend, welche derartige Katastrophen zu begleiten pflegen, blieb auch hier nicht aus. Von dunkler Nacht umhüllt, auf der vorderen Seite eingeengt von dem wilden Strome, der die Rheinstraße überfluthet, auf der andern Seite die jeden Moment neues, größeres Unglück drohenden Berghänge, vor sich den Trümmerhaufen, unter dem viele Menschen begraben und aus dem schwache Hülferufe hervordrangen, konnten wir uns kaum in einer grauenhafteren Situation befinden. Doch man säumte keinen Augenblick. Nicht achtend der durch das ungewisse Dunkel der Nacht noch vergrößerten drohendsten Lebensgefahr, ging man unter Leitung des Bürgermeisters unverzüglich mit muthiger Hand an’s Werk. In der nächsten Secunde schon konnte ein neuer Sturz die Tapferen ebenfalls verschütten. Lobend muß anerkannt werden, daß hier die Menschenliebe in wahrhaft edler, heldenmüthiger Weise sich bethätigte; das eigene Leben einsetzend, war man nur von dem Gedanken an die Rettung Anderer beseelt.

Der flackernde düsterrothe Schein aufgestellter Petroleumfackeln beleuchtete bald in unheimlicher Weise die Unglücksstätte, ließ aber die Zerstörung nur in unbestimmten Umrissen erkennen. Von Häusern keine Spur; in gewaltiger Höhe ragte ein Schutthaufe empor, aus dessen unterem Theile vereinzelte Balken und Sparren hervor sahen. Eiskalt überlief es Jeden bei dem Gedanken an die unglücklichen Verschütteten. Was war aus ihnen geworden? Hatte ein schneller, leichter Tod sie weiteren Qualen entrissen, oder wartete ihrer das Schicksal einen langsamen Erstickungstod zu sterben? Hab und Gut war indeß noch einer möglichen Zerstörung durch einen neuen Sturz preisgegeben, und die Bewohner der zunächst bedrohten Häuser begannen das Nothwendigste und Werthvollste zu sichern. Auch wir – aber kaum hatten wir das Haus betreten, als uns der Mahnruf „Heraus“ zur schleunigsten Flucht gemahnte und die auf der Straße befindliche Menge eiligst aus einander stob. Trotz der so augenscheinlichen Lebensgefahr betrieb die Bürgerschaft das begonnene Rettungswerk mit größtem Eifer und denkbarster Energie, und ihrer angestrengtesten Thätigkeit gelang es, drei der Verschütteten, die, im dritten Stocke wohnend, sammt dem Stockwerke über die Straße hinausgeschoben und hinabgesunken waren, unter den Trümmern hervorzuziehen, schon halb verschmachtet und fast erstickt.

Von der Katastrophe, die so plötzlich hereingebrochen, daß eine Rettung für die Unvorbereiteten schlechterdings unmöglich war, in den Betten überrascht, hatten sie ihr Leben nur einer zufällig günstigen Lage der über sie gestürzten Gegenstände zu verdanken. Nur eine der drei Geretteten hatte bedeutende gefährliche Quetschungen davongetragen. Einige der Bewohner der verschütteten Häuser waren bei Eintritt der Katastrophe dem Verderben nur durch schleunige Flucht entronnen. Durch den Ruf der noch wachen Mutter gewarnt, rettete sich ein junges Ehepaar nur durch einen schnellen Sprung aus dem zweiten Stocke; eine Dienstmagd war ebenfalls so glücklich; eine andere Magd, in demselben Hause schlafend, verfehlte das rechte Fenster und wurde sofort verschüttet. Anderen war es gleichwohl mißlungen, zu entkommen. Eine Frau nebst ihrem Sohne hatte der Tod ereilt, als sie sich mit ihm durch’s offene Fenster retten wollte; über die Fensterbrüstung gebeugt, fand man die Frau von dem Sohne umfaßt, ein wahrhaft herzerschütternder Anblick. Langsam, zu langsam schlich die Nacht hin. Gegen Morgen, der, heiß und sehnlichst erwartet, endlich erschien, hatte man bereits fünf Leichen, schrecklich verstümmelt, herausgefördert.

Durch die ungewöhnliche Aufregung abgespannt und ermattet, suchte ich ein wenig Ruhe. In Halbschlummer verfallen, fuhr ich bei jedem leisesten Geräusch in die Höhe; noch lag das entsetzliche Getöse, noch das klägliche Hülfegeschrei in meinem Ohre. Der Morgen ließ das Unglück in seiner ganzen Ausdehnung übersehen. Neun Häuser, davon sechs Vorderhäuser der Hochstraße und drei Hinterhäuser der Rheinstraße, waren größtentheils mit den Bewohnern verschüttet. Die haushohe Schuttmasse, welche Alles bedeckte, ließ kaum ahnen, daß hier Häuser gestanden, wenn nicht die vereinzelt hervorragenden Trümmer solches verrathen hätten. Eine rege Thätigkeit herrschte auf der Stätte. Von den benachbarten Oertern Lorch und St. Goarshausen war die Feuerwehr herbeigeeilt. Gegen halb neun Uhr traf dann das in der Nacht durch eine telegraphische Depesche (welche, da hier zur Nachtzeit keine Depeschenbeförderung statt hat, erst durch eine Staffette über den brausenden Strom nach Bacharach gesandt werden mußte) beorderte Pionierdetachement von Coblenz ein, das sich sofort rüstig an die Arbeit machte. Der nächste Schnellzug führte die Herren Regierungspräsident von W., Regierungs- und Baurath C. und Bergrath G. von Wiesbaden, Landrath F. von Rüdesheim und Andere nach hier, um Einsicht von dem stattgehabten Ereignisse zu nehmen. In der Hoffnung, noch vielleicht Lebende herauszufördern, da man am Morgen noch deutliche Hülferufe gehört haben wollte, wurde unablässig weiter gearbeitet; man hatte nur den Erfolg, die Leiche einer Frau auszugraben, welche nach ärztlichen Gutachten noch mehrere Stunden nach der Katastrophe gelebt haben soll und somit einen schrecklichen, qualvollen Tod gefunden hat. Unerwarteter Weise aber wurden Sonnabend Nachmittag drei Uhr auf höheren Befehl die Arbeiten eingestellt, wie es hieß, veranlaßt durch die außerordentliche Lebensgefahr, in der die Arbeiter schwebten, was übrigens unter der Bürgerschaft, wie den anwesenden Fremden ernstliche Mißstimmung hervorrief.

Nachdem am Sonnabend Abend ein weiteres Pionierdetachement von Castel-Mainz eingetroffen, wurde die Arbeit mit vielen Kräften am Sonntag Vormittag wieder aufgenommen, indem dem commandirenden Officiere die Leitung übertragen wurde. Ernstes Glockengeläute rief dann am Sonntag Nachmittage die Bewohner in die Kirche, um dem feierlichen Acte der Einsegnung der sechs Leichen beizuwohnen; unter zahlreichster Betheiligung der Bevölkerung, wie der anwesenden Fremden, wurden dieselben zur Ruhe bestattet. Wohl war bei diesem Unglücke der Verlust an Hab und Gut nicht gering, ungleich größer und schmerzlicher aber der an Menschenleben. Achtundzwanzig Menschen waren im Ganzen verschüttet, wovon drei gerettet wurden, fünfundzwanzig also den Tod fanden, darunter mehrere Familien mit je vier Kindern. Die Leichen wurden nacheinander gefunden, die letzte am 23. März. Die ärztliche Leichenschau ergab, daß sämmtliche Verschüttete, mit Ausnahme von einem oder zweien, wohl einen schnellen Tod gefunden, was aus gefährlichen Quetschungen, Brüchen und anderen Verletzungen ersichtlich. Die Ansicht übrigens, daß die tödtlichen Verletzungen erst durch spätere Druckwirkungen entstanden, dürfte immerhin nicht ausgeschlossen sein. Merkwürdiger Weise wurden verschiedene Thiere, selbst noch einige Tage nach der Katastrophe, lebend zu Tage gefördert, so zwei Ziegen, von denen eine unversehrt, ein Canarienvogel in seinem bis auf eine kleinste Stelle zerdrückten Käfige, eine Kuh und eine Taube. In dem Wohnzimmer der einen Familie hingen am Morgen nach der Katastrophe Uhr und Bilder unversehrt an der Wand.

Der elektrische Draht hatte die Schreckenskunde schnell nach allen Richtungen hin verbreitet, und aus benachbarten, wie entfernten Orten strömten Schaaren von Fremden herbei; jeder Zug führte Hunderte nach der unglücklichen Stadt. Da nur ein verhältnißmäßig kleiner Theil des Berghanges herabgestürzt, aber der größte mit den mächtigen Felsblöcken stehen geblieben war, so mußten die bedrohten Häuser geräumt werden. Hätte in der Nacht die ganze Masse sich auf einmal losgelöst, so wäre das Unglück ungleich gräßlicher, viele Häuser verschüttet, viele Menschenleben noch vernichtet worden. An einer anderen Stelle, nach dem sogenannten Blücher-Thale zu, hatte sich zur Zeit ebenfalls eine Bewegung des Berges gezeigt; auch hier mußten Häuser geräumt werden, sodaß für zweihundertvierundachtzig Personen mit all ihrer Habe anderweitige Unterkunft zu beschaffen war. Alle irgend vorhandenen Räumlichkeiten sind völlig in Anspruch genommen; trotzdem müssen die Mitglieder von mehr als einer Familie getrennt wohnen. Die gegenwärtige Lage mag man danach bemessen.

Traurig ist der Anblick der Unglücksstätte, und nicht ohne unheimliches Grauen passirt man in später Abendstunde die leeren Häuser. Nur um ein Geringes hat sich die gewaltige Schuttmasse vermindert, und noch lange wird man an der Wegräumung zu arbeiten haben. Die Berghänge, früher mit Weinreben bepflanzt, bilden jetzt ein verwüstetes Terrain.

Es dürfte vielleicht für den einen oder andern der geneigten Leser von Interesse sein, einiges Nähere über den Bergsturz zu erfahren, und wir schließen nachstehend die betreffenden Mittheilungen darüber an. Bereits vor einigen Jahren hatte man eine Bewegung der Gebirgsmasse wahrgenommen. Diese im Laufe der Zeit wiederholt eintretende Erscheinung, durch große [254] Spalten und Risse bekundet, ließ Schlimmes befürchten. Nach angestellter genauer Untersuchung durch Sachverständige hielt man, um die drohende Gefahr zu beseitigen, eine Abtragung und Planirung des Berges für nothwendig. Nachdem die Regierung, an welche die Gemeinde, da sie selbst unfähig, die bedeutenden Kosten aufzubringen, sich um Beihülfe gewandt, nach langen Verhandlungen endlich sich zur Hülfe bereit erklärt[WS 1] und eine erhebliche Summe (9/10 der veranschlagten Kosten) bewilligt hatte, war man seit den letzten Monaten des vorigen Jahres mit der Arbeit beschäftigt. Wohl blieb die Möglichkeit eines Rutsches nicht ausgeschlossen, doch hielt man durch Inangriffnahme der Arbeit die Gefahr für weniger drohend. Kaum vierundzwanzig

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Der Bergsturz zu Caub aus der Vogelperspective.
Nach der Skizze eines Laien.

Stunden vor der Katastrophe war noch die technische Commission, welche gleichzeitig Einsicht von dem Stande der Arbeiten nahm, anwesend, eine schlimme Wendung selbst nicht befürchtend. Wie sehr indeß elementare Kräfte menschlicher Kenntniß und Berechnung spotten, bewies uns leider der 10. März.

Als eigentlicher Bergsturz im strengen Sinne des Wortes läßt sich das Ereigniß wohl nicht bezeichnen; der Eintritt eines solchen kann immerhin je nach innerer Festigkeit und Zusammenhang der Masse noch erfolgen. Drohender als zuvor hangen die jetzt eines unteren Haltes beraubten Felsmassen über der Stadt. In Folge der seit langen Jahren nicht mehr in dieser Menge erlebten atmosphärischen Niederschläge und der dadurch angesammelten ganz abnormen Regenmenge hatte sich das lose Gerölle des Berghanges in kolossaler Masse plötzlich gelöst und war mit der hinter einer trockenen dreißig Zoll dicken Schutzmauer (bei Abtragung der Masse entstandenen) hoch aufgehäuften Schuttmasse jählings zu Thal gefahren. Aus dem zerklüfteten Gesteine oben auf der Bergeshöhe quollen zahlreiche Wasser hervor, und mehrere Tage hindurch rieselte eine Quelle von bedeutender Stärke den Berghang hinab.

Das Unglück ist geschehen und fünfundzwanzig Menschen mußten ihr Leben verlieren; wir wollen wünschen, daß der Ort von weiterem Unheile verschont bleibe.

Die Stadt Caub, welche unter ihrer Bevölkerung viele Steuerleute, deren Geschäft überdies in den Wintermonaten völlig brach liegt, und viele in den hiesigen bekannten Dachschiefergruben, den ersten Deutschlands, beschäftigte Bergleute zählt, besitzt mit ganz wenigen Ausnahmen keine nennenswerthe Wohlhabenheit. Genöthigt, außer der für ihre Verhältnisse schon bedeutenden Schuldenlast, welche bereits eine der Staatssteuer fast gleichkommende Gemeindesteuer nothwendig gemacht, auch noch zehn Procent der Kosten für die Bergarbeiten zu übernehmen, ist sie durch das Ereigniß hart und empfindlich betroffen und in bedrängte Verhältnisse gerathen. Um so mehr glauben wir hoffen zu dürfen, daß die Regierung es sich wird angelegen sein lassen, das Ihrige zu thun, um der unglücklichen Stadt diesen Schlag so wenig wie möglich fühlbar werden zu lassen. Hoffen wollen wir ferner, daß der deutsche Mildthätigkeitssinn hier nicht zurückbleiben wird. Ist dann dieser harte Schlag erst ein wenig überwunden, sind einigermaßen bessere Verhältnisse herbeigeführt, so dürfte die Stadt auch wieder einer besseren Zukunft entgegen gehen.

Dr. H. Kruse.




[255]
Geschichten aus der Geschichte.


1. „Sie maintenirte ihren Posten“.


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Anfang des Wasunger Kriegs.
Originalzeichnung von A. Langhammer.

I. Der Hofkrieg.

An einem schönen Octobertag des Jahres 1746 nach Christi Geburt ereignete sich im Vorzimmer zum Speisesaal des herzoglichen Residenzschlosses Elisabethenburg in Meiningen etwas so Ungeheuerliches, daß darob zwei Frauenköpfe in Brand geriethen und einen Reichs-Executionskrieg entzündeten, dessen Flammen erst ein Friedrich der Große von Preußen völlig zu löschen vermochte.

Es war für den gesammten Hofstaat ein hochwichtiger Augenblick, denn man versammelte sich zur Feier des Geburtstages [256] einer kleinen Prinzessin des Fürstenhauses und harrte so eben auf die Eröffnung des erhabensten Festactes, der Festtafel. Nun galt es seit Decennien als unantastbares Gebot des Ceremoniels, daß von allen Damen des Hofes nach den Prinzessinnen die Frau Landjägermeisterin Christiane Auguste von Gleichen den ersten Rang einnahm. Hatte doch selbst der Herr von Buttlar, als er vom Stallmeister zum Oberstallmeister avancirt war, für sich und seine Gemahlin vergeblich den Rang über Landjägermeisters einzunehmen gestrebt: die Frau von Gleichen behauptete ihren Platz, sie „maintenirte ihren Posten“, wie sie sich ausdrückte, und selbst der regierende Herzog, welcher außerhalb des Landes residirte, ließ es beim Alten bewenden. Der Herr von Buttlar aber kochte Rache, und schon heute gewährte sein Nebenamt als „Hof-Stabs-Commandant“ ihm die Genugthuung, dieselbe auf das Glänzendste auszuüben.

Schon stand im Saale die Festmahlzeit auf dem Tisch und der zum Gebet befohlene Page bereit, da trat der Herr Oberstallmeister von Buttlar als Hof-Stabs-Commandant mit dienstwonnigster Grandezza vor Frau von Gleichen hin, und mit der Stimme der triumphirenden Unterthänigkeit verkündete er ihr das Unglaubliche:

„Serenissimus haben befohlen, daß die Frau von Pfaffenrath den Rang vor allen Damens haben solle.“

Blieb auch unbegreiflicher Weise die Welt stehen vor diesem Gräuel, so stand doch eine Gestalt wie von einem Blitz getroffen da, dessen Feuer ihr aus den Augen sprühte, sodaß der Herr Hof-Stabs-Commandant erschrocken davor zurückwich. Ja, mit frisurerschütternder Energie protestirte die Frau Landjägermeisterin sofort gegen diesen Frevel an ihrer „Honneur“ und versuchte spornstreichs durch die in diesem Augenblick sich öffnende Thür zuerst in den Saal zu dringen. Aber teufelische List hatte sich gegen sie verschworen. Längst zum Sprunge bereit stand Frau von Pfaffenrath vor dem Thürspalt, und sobald die Flügel auseinanderschlugen, schlüpfte sie hinein, und Frau von Gleichen betrat wirklich erst als die Zweite den Festraum.

Das Entsetzliche ist geschehen. Die Säule heiliger Ordnung liegt im Staube. Eris schüttelt ihre Schlangen, – denn mit diesem Ereigniß stehen wir am Anfang des Wasunger Kriegs. – Soll ich schildern, mit welcher Andacht beide „Damens“ dem Gebete des Pagen gelauscht und mit welchen Gefühlen sie die Freuden der Festtafel genossen? Ich beichte vor aller Welt: Das ist mir zu schwer! Steht mir doch außerdem im Schildern noch fast Unbeschreibliches bevor, zumal die Frau Landjägermeisterin nach aufgehobener Tafel es nicht versäumte, die Erste an der Thür zu sein und wenigstens beim Ausgang aus dem Saale ihren „Posten“ als erste Dame des Hofs zu „mainteniren“. Diese kühne That war jedoch Missethat gegen „Serenissimum“. Frau von Gleichen war mit diesem Augenblick eine Majestätsbeleidigerin geworden, und die hochfürstliche Ungnade brach sofort über sie und über ihren Gemahl, den ganz unschuldigen Landjägermeister, furchtbar und unerbittlich herein.

War der Zorn des regierenden Herrn Herzogs, der in dieser großen Zeit zu Frankfurt am Main wohnte, nicht ein gerechter? War nicht wirklich die jüngere Schwester der Frau von Pfaffenrath eine hübsche Erscheinung, und wenn der liebreiche Mund derselben die unterthänigste Bitte vorbrachte, daß Durchlaucht gnädigst geruhen möchten, der Schwester um ihrer gräflichen Abstammung willen den ersten Damen-Rang am Meininger Hofe zu verleihen, – durfte der ritterliche Fürst eine solche Bitte abschlagen?

Allerdings kann nicht verborgen bleiben, daß besagte Meininger Schwester, als sie noch als Comtesse Wilhelmine Amalie von Solms-Lich bei den hochgräflichen Eltern auf Hohen-Solms lebte, sich in einen Diener des Hauses, den Messerschmiedssohn Justus Hermann Pfaffenrath, der als gräflicher Hofmeister und Secretär fungirte, ernstlichst verliebt hatte; – aber ist denn Lieben ein Verbrechen? Die Festigkeit dieser Liebe mußte sogar das höchste Wohlgefallen des Herzogs erregen, der ebenfalls, dem frivol-fürstlichen Grundsatz, daß es standesgemäßer sei, ein Dutzend edle Bürgermädchen zu Maitressen zu erniedrigen, als eine Bürgerliche zur Gemahlin zu erheben, schnurgerade entgegen, selbst eine Bürgerliche treu und ehrlich geheirathet hatte.[1] Als daher die junge Comtesse dem 1743 von Hohen-Solms vertriebenen Pfaffenrath unerschütterlich treu geblieben, sogar, nach ihres Vaters Tode, dem Flüchtling in hochromantischer Irrfahrt, „ziemlich abgerissen, nur mit einer Contouche bekleidet“ gen Wien nachgefolgt und schließlich, von der gerührten Mutter gesegnet, zu Oedenburg in Ungarn im Mai 1746 durch einen evangelischen Geistlichen mit ihm ehelich verbunden und Pfaffenrath noch obendrein geadelt war, nahm der Herzog sich des Paares an, ernannte den nunmehrigen Herrn von Pfaffenrath zum Hof- und Regierungsrath in Meiningen und gestattete der Gemahlin desselben den Hofrang nach ihrem Geburtsrang.

Für unsern beschränkten Unterthanenverstand wäre damit Alles in der Ordnung gewesen. Anders aber gestaltet in des Adels Häuptern sich die Welt. Frau von Gleichen, die ihr Leben lang „niemalen sensibler gewesen, als mit dem point d’honneur“, unterwand sich, selbst gegen den Herzog unerschrocken zu protestiren und ihren Posten zu mainteniren, erwirkte aber nichts als das höchste Rescriptum: „daß denen hoffärthigen und geschwülsichtigen Damen bedeutet werden solle, der Frau von Pfaffenrath ohne Anstand den Rang zu geben oder den Hof zu meiden.“

Den Hof zu meiden! Wer ermißt, was Das für eine alte Hofdame bedeutet? Athmen ohne Lebensluft. Und doch vermochte die tapfere Landjägermeisterin auch dies über sich zu bringen. Aber nun war das Rachekochen an ihr. Die voreheliche Romantik der Frau von Pfaffenrath wurde von einem alten Freunde der Frau von Gleichen einer ungeschminkten Schilderung unterzogen und von dieser gewissenhaft verbreitet, um ihren blanken Ehrenschild neben dem beschmutzten der „Pfaffenräthin“ aller Welt zu zeigen. Sie ahnte nicht, daß dieses „Pasquill oder libellum famosum“, als welches es dem Herzog zugesandt worden, ihr und des Landes schwarzes Verhängniß nur beschleunigte. Am letzten November dieses schicksalreichen Jahres wurde das alte Gleichen’sche Ehepaar zur Verantwortung vor die herzogliche Regierung geführt. Hier traf die Frau von Gleichen der herzogliche Befehl, sofort zur Pfaffenräthin zu gehen und derselben knieend und fußfällig Abbitte zu thun. Weil aber die selbstbewußte Frau, eher zum Tode entschlossen, sich dieses Schrittes weigerte und ihr Mann sie nicht dazu zu bewegen vermochte, so wurde dieser in ein ungesundes Gefängniß, das „Rosenthal“, eingesperrt, jene aber auf dem Rathhaus in Arrest gesetzt und dem täglichen Zuspruch der Geistlichen überliefert, die ihr das in Trotz verhärtete Gemüth erweichen sollten. Dies geschah ebenso eifrig als vergeblich; sogar ein Arzt, Dr. Koch, wurde den Herren Pfarrern zu Hülfe geschickt, aber auch jeden seiner Angriffe schlug die tapfere Frau zurück, ja es regte der landjägermeisterliche Geist sich so heftig in ihr, daß sie betheuerte: sie werde sich eher eine Kugel vor den Kopf schießen, als die ihr angesonnene Infamie begehen. Auf diese Rede hin erklärte der Herr Doctor sie kurzweg für verrückt. Offenbar dieser Diagnose zu Ehren wurden der Gefangenen zwei Mann Wache in’s Zimmer gestellt, Gabel, Messer und Scheere als zu gefährliche Waffen weggenommen und die Speisen gleich zugeschnitten gereicht. Diese Maßregel dauerte zwar nur vierundzwanzig Stunden, aber immerhin bewies sie, daß der Doctor besser, als die Geistlichen, es verstanden hatte, auch die „honneur“ seines Standes „zu mainteniren“.

Hatte Frau von Gleichen immer noch gehofft, daß der Herzog ihrer schriftlich eingereichten Bitte willfahren und ihr gestatten werde: „um ihre Ehre zu conserviren, ihre Defension gegen die Pfaffenräthin führen zu dürfen“, so mußte sie nun das Gegentheil erfahren. Der Herzog bestand nicht nur auf der „knieenden und fußfälligen Abbitte“, sondern er fügte die Drohung hinzu: „wofern dies nicht geschehe, solle ihr ein terribler Schimpf widerfahren, daß sie auf ewig prostituirt wäre“.

Wäre ich gewohnt, mit dem Hute auf dem Kopfe zu schreiben, jetzt nähme ich ihn herunter, denn alle Achtung verdient eine Frau, deren „point d’honneur“ selbst vor einer so fürchterlichen Drohung unerschüttert bleibt. Noch zweimal wurde das treue Ehepaar vor die Regierungsräthe geführt, noch zweimal vernahmen diese das standhafte „Non possumus“ desselben, dann [257] kam der Tag, wo die volle Schale des durchlauchtigsten Zornes sich über die Frau Landjägermeisterin allein und in einer Weise ergoß, daß ich’s bedaure, die Berichterstattung darüber als gewissenhafter Geschichtenschreiber nicht vermeiden zu können.

Am letzten Tage des Jahres war die Frau von Gleichen wiederum vor die Regierung geführt und dort abermals aufgefordert worden, das herzogliche Gebot zu erfüllen. Jedenfalls hatte der Scharfsinn der Herren Regierungsräthe die Antwort der Frau Landjägermeisterin vorausgesehen, denn kaum hatte sie ihre nochmalige Weigerung ausgesprochen, als eine fürstliche Kutsche vorfuhr, in welche die Gefangene mit Gewalt gebracht wurde; vier „Commandirte“ begleiteten sie und führten sie vor die Pfaffenräthische Wohnung. Hier sollte sie aussteigen, und da sie auch dies verweigerte, so wurde sie von zwei Musketieren aus dem Wagen gezogen, die Treppe hinauf in die Stube der Frau von Pfaffenrath getragen und hier auf einen Stuhl gesetzt. Auch die Herren Räthe waren bereits da; sie wiederholten Auftrag und Drohung ihres fürstlichen Herrn genau wie vorher auf der Regierung und erhielten genau dieselbe Antwort, doch fügte diesmal Frau von Gleichen hinzu: „Wenn die Frau von Pfaffenrath sich als unschuldig legitimiren kann, so will ich es aller Welt kund machen, eher aber durchaus nicht abbitten.“

Nach diesem Bescheide wurde die Frau Landjägermeisterin auf Befehl der Herren Räthe von den Musketieren wieder aus der Stube und in die fürstliche Kutsche hineingetragen, worauf die Fahrt weiter, und zwar bis auf die Mitte des Marktplatzes ging. Hatte man die Procedur, welche die Welt nun erleben sollte, absichtlich für einen Wochenmarkttag aufgespart, um für das seltsame Schauspiel eines ausgiebigen Publicums sicher zu sein? Die Kutsche fuhr in einen großen, von Soldaten geschlossenen Kreis, in welchem außerdem sich nur zwei Personen befanden. Die eine derselben war der Landrichter, welcher der Frau von Gleichen auszusteigen und, weil sie das verweigerte, sich wenigstens in den Schlag zu setzen befahl, was sie auch that, worauf er ein fürstliches Mandat ablas, kraft dessen das Pasquill auf die Frau von Pfaffenrath, weilen es nur Unwahrheit enthalte, durch den Schinder öffentlich verbrannt werden sollte. Die andere Person des Kreises war der Schinder, der das Papier sogleich in Empfang nahm, um es den vernichtenden Flammen zu übergeben. Dies Alles geschah so nahe an der Kutsche, daß die Kleider der Frau von Gleichen fast Feuer gefangen hätten. Dabei ereignete sich noch ein „curiöser Vorfall“. Man wird zugestehen müssen, daß an der exemplarischen Bestrafung der Frau Landjägermeisterin, nach der Frau von Pfaffenrath, Niemand mehr Interesse zu nehmen hatte, als der Herr Oberstallmeister und Hof-Stabs-Commandant von Buttlar. Diesem vollkommen entsprechend bog er in seinem Hause am Markte sich nach seiner Möglichkeit zum Fenster heraus, und da fügte es ein bedeutsamer Windzug, daß ein Fetzen des brennenden Papiers in die Höhe flog und sich in der Luft herumdrehte, bis er gerade vor dem Fenster niedersank, wo Herr von Buttlar herauslag – „welches sehr viele Leute gesehen und besondere remarques darüber gemachet“ – wie Frau von Gleichen selbst schriftlich hinterlassen hat.

Nach diesem Actus eines in der That „terriblen Schimpfs“ für eine so hochgestellte Dame wurde dieselbe in ihr Gefängniß zurückgebracht und beschloß auf diese Weise das alte Jahr. Schwerlich haben die beiden Thürme der Stadtkirche schon auf Terribleres herabgeschaut, als an diesem Sylvester; wer weiß, ob der heilige Kaiser Heinrich der Zweite sie überhaupt gebaut hätte, wäre ihm prophezeit worden, daß sie einst als die grauen Zeugen eines solchen hochfürstlichen Rechtsverfahrens dastehen müßten. Das Gewissen Seiner Durchlaucht befand sich jedoch bei diesen Anstrengungen ganz wohl, denn die Maßregeln wurden genau den Berichten angepaßt, welche der Herzog von seiner Regierung (Herr von Pfaffenrath) und vom Hofe (Herr von Buttlar) empfing.

Es darf nicht ungemeldet bleiben, daß man nach der Pasquill-Verbrennung allem Volke noch des Herzogs Befehl verlas: „daß es bei hundert Thaler Strafe oder sechs Wochen Gefängniß jedermänniglich verboten sei, von dieser Sache zu sprechen.“ – Zehn Jahre früher hatte schon der Herzog Ernst von Weimar „das Raisonniren derer Unterthanen“ bei Zuchthausstrafe verboten.

Solche Verbote hielten den Gang der Weltgeschichte nicht auf. Jenseits der Meininger Grenzen erhob sich die Gleichen’sche Freundschaft, und je härter die Gefangenen in Meiningen bedrückt wurden, desto lauter schrieen die Freunde das Reichskammergericht in Wetzlar um Hülfe an. Und das hohe Gericht des Reiches erhörte sie. Schon am 11. Januar 1747 erließ dasselbe an den Meininger Herzog und dessen Regierung den Befehl, die Gleichen’schen Eheleute sofort des Arrestes zu entlassen und allen Schaden und die Kosten zu ersetzen. Ganz natürlich ließ der Herzog auf dieses kaiserliche Mandatum den Arrest der Frau von Gleichen gebührendlich verschärfen, worauf ein zweites und drittes Mandat die Forderungen des Reichskammergerichts ebenfalls in verschärfter Gestalt wiederholte. Die Sache wurde um so bedrohlicher, als diesmal wirklich wieder einmal keine Partei nachgeben konnte. Denn wäre es nicht geradezu unerhört gewesen, wenn der regierende Herr einem Adel gegenüber, welcher des Empörenden sich vermessen, Seine hochfürstliche Durchlaucht beim kaiserlichen Gericht zu verklagen, sich nachgiebig hätte erweisen wollen? Durfte der Herzog solche Widerspenstigkeit seines Adels in Gnaden ignoriren? Unmöglich! Aber ebenso gefährdet war das Ansehen von „Kaiser und Reich“, und da man in Wien dies überraschend schnell erkannte, so gelangte schon am 10. Februar ein kaiserliches „Commissariale“ an den Herzog Friedrich den Dritten von Sachsen-Gotha und Altenburg, in welchem das Reichskammergericht ihn verpflichtete und bevollmächtigte, das mißachtete kaiserliche Mandat in Meinungen im Nothfall mit Gewalt zur Anerkennung und Ausführung zu bringen.

Der geneigte Leser kann nun eigentlich schon von selbst wissen, woran er jetzt hier ist; die Ereignisse setzen sich in Galopp. Der Herzog von Meiningen wirft in Frankfurt den Reichkammergerichtsboten mit sammt seinem kaiserlichen Mandat zur Thür hinaus, – und in Meiningen wird die Gothaische Gesandtschaft mit ihrem „Commissariale“ gar nicht in die Stadt gelassen; ja, mit drohender Faust ruft man ihr nach: Wenn es Gotha nach Gewalt gelüste, werde man auch in Meiningen noch Pulver und Blei haben.

So ziehen ahnungsgrauend die Wetter auf. Die Trommel geht durch das Gothaer Land, und das Zeughaus voll Kanonen wird gelüftet, denn der Herzog ist ein allzeit kriegsbereiter Herr, der im tiefsten Reichsfrieden nicht unter 3000 Mann Soldaten aller Waffengattungen hält und auch mit sogenannten Subsidien-Regimentern, die er für den Kaiser und für die Holländer geworben, schon manch profitables Geschäftchen gemacht hat. Dazu übertrifft die Größe seines Landes und seiner Macht die Meiningens fast um das Dreifache. Indeß führt er nur sanfte Thüringer zum Kampfe, während dort die trotzigen „stolzen Franken“ stehen, und im ganzen Reiche weiß man, was „fränkisch“ zu bedeuten, hat.

Auch dort wird gerüstet; die Städte Meiningen und Wasungen sehen ihre Mauern und Wallgräben an und verrammeln ihre Thore; die Landmiliz setzt die „Salzmetzen“ (die Kopfbedeckung, wegen der hochaufregenden Stirnseite so genannt) auf und steckt neue Feuersteine in die alten Gewehrschlösser, – kurz, Vater Homer’s fliegendes Wort: „das Eisen ziehet den Mann an“ will sich abermals bewähren. – „Schön ist der Friede, ein lächelnder Knabe“ –, aber er ist entflohen den zweien Landen, die vergeblich der Thüringerwald mit granitenem Rücken trennt, – die Schwerter fahren aus den Scheiden, die Völker schauen zagend zum Himmel, Blitze zucken näher und näher –

„und des Donnrers Wolken hangen
Schwer herab auf Ilion.“

Friedrich Hofmann.




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Blätter und Blüthen.


Noch einmal amerikanische Eisenbahnen. Herr Rohlfs in seinem in Nr. 13 abgedruckten Artikel sagt: Der Verkehr in Amerika sei ein viel geringerer als auf deutschen Bahnen und daß zwischen Hauptstädten täglich nur je zwei Züge verkehrten. Nach den Eisenbahnhandbüchern der amerikanischen Bahnen stellt sich dies nun wie folgt dar: Zwischen New-York und Chicago, einer Distanz von etwa zweihundert geographischen Meilen verkehren täglich ohne Wagenwechsel, sowohl hin wie her:

Via Pittsburgh–Fort Wayne– etc. Bahn: drei Schnellzüge und ein Personenzug; via New-York und Michigan-Centralbahn: drei Schnellzüge, ein Personenzug und ein Emigrantenzug; via Lake-Shore und Eriebahn: vier Schnellzüge, ein Personenzug und ein Emigrantenzug; also zusammen zehn Schnell-, drei Personen- und zwei Emigrantenzüge.

Zwischen New-York und Boston fahren täglich hin und her je siebenzehn Züge, wovon je vier Schnellzüge sind. Zwischen Boston und Portland hin wie zurück neun Züge, wovon fünf Schnellzüge. Von New-York nach Philadelphia via Pennsylvania-Eisenbahn täglich hin wie her sechszehn Züge, wovon zehn Schnellzüge; dagegen verkehren via Amboy-Eisenbahn zwischen denselben Städten täglich sechs Züge.

Im Westen ist der Verkehr allerdings nicht so lebhaft. Zwischen Chicago und St. Louis z. B. fahren auf den zwei directen Bahnen nur je zwei Schnellzüge und ein Postzug hin und auch zurück. Diese westlichen Verhältnisse hat Herr Rohlfs wahrscheinlich im Auge gehabt und darnach das ganze Land beurtheilt. Wie sehr er sich dabei geirrt hat, beweist auch das Beispiel des Verkehrs von New-York mit Newark, welche Stadt, zwölf englische Meilen von New-York entfernt, mit 150,000 Einwohnern im Staate New-Jersey liegt. Zwischen diesen Orten cursiren auf drei Eisenbahnlinien täglich einhundertsechsundsechszig Personenzüge, das heißt dreiundachtzig hin und dreiundachtzig zurück. Dem entsprechend finden wir natürlich auch Güterzüge.

Auch in seinem Vergleiche der amerikanischen Reisekosten mit hiesigen Preisen hat Herr Rohlfs sich verrechnet. Er selbst sagt, die Reisekosten (in erster, das heißt der einzigen Classe) drüben belaufen sich etwa auf die Hälfte der Preise für 2. Classe hier. Das ist zu günstig dargestellt, denn das wäre ja bedeutend weniger als hiesige 3. Classepreise ergeben. Die Fahrt von New-York nach Chicago z. B. kostet 22 Dollars Papier, mit der Benutzung des Sleeping-Car etc. aber 27 Dollars, das heißt etwa 78, respective 96 Mark. Diese Fahrt vergleicht sich etwa mit der deutschen Tour von Königsberg, via Leipzig, nach Basel. Diese Reise kostet im Schnellzuge hier 2. Classe 104,70 Mark und 1. Classe 137,70 Mark.[2] Wenn Herr Rohlfs daher sagt, das Reisen in Amerika mit Schlafwagenbenutzung sei dem Reisen 1. Classe hier, was den Kostenpunkt anlangt, gleichzurechnen, so ersieht der Leser sofort, wie unrichtig das ist, denn dasselbe ist immer noch um 8,70 Mark billiger als eine Fahrt zweiter Classe hier. Der Kostenbetrag der Fahrten ohne Benutzung der Schlafwagen ist mit den Preisen 3. Classe hier annähernd zu vergleichen, dafür hat man drüben aber gepolsterte Sitze, Trinkwasser und Waterclosets in jedem Wagen, sowie gute Ventilation und Heizung. – Die Arbeiter können drüben demnach, abgesehen von durchschnittlich höherem Lohne, absolut billiger und bequemer auf lange Strecken befördert werden als hier, wo ja auch nur auf einzelnen Linien Wagen 4. Classe eingeführt sind, also schon deshalb die 3. Classe als billigste Reisegelegenheit gegeben ist. In Amerika kosten Reisen mit dem Schnellzuge dasselbe wie mit gewöhnlichem Zuge. Die sämmtlichen Billets für lange Touren haben außerdem drei bis sechs Monate Gültigkeit.

Die Wagen 4. Classe möchten für Menschenbeförderung auf zweihundert Meilen lange Touren auch nicht als Beförderungsmittel zu empfehlen sein, da deren so anhaltend lange Benutzung an Thierquälerei grenzen dürfte.

Rich. Bl–.

  1. Näheres am Schluß des zweiten Artikels.
  2. Preise der Billets Königsberg–Leipzig–Basel sind nach Angabe der Bahnen hier authentisch.




Wie Gifte in die Küche geschmuggelt werden können. Wer hätte nicht als Schuljunge einmal die zur Erziehung des schönen Abendfalters gesammelten Wolfsmilchraupen, besonders nachdem ihm der ätzende Milchsaft Blasen an den Fingern erzeugt, um ihren guten Magen beneidet, da sie dieses scharfe Futter, welches den Menschen die heftigste Cholerine zuziehen würde, auf’s Beste verdauen und dabei groß und feist werden? Das ist nun so in der Welt; dem Einen bekommt, was dem Andern schädlich ist, und die Kirchenväter Ambrosius und Basilius suchten die Giftpflanzen vor dem Vorwurfe, Teufelssalat zu sein, zu retten, indem sie erzählten, die Staare nährten sich mit Vorliebe von dem Gifte, welchem Sokrates unterliegen mußte, und die Wachteln ließen sich die scharfe Nieswurz trefflich munden. Ich weiß nicht, ob den Kirchenvätern in diesen besonderen Beispielen zu trauen ist, aber im Allgemeinen ist es ganz richtig, daß viele Thiere ohne Schaden, ja wohl selbst mit Vorliebe genießen, was uns Gift ist. Da genossene Giftstoffe allgemein in die Aussonderungen der Thiere übergehen, so hat es für uns ein besonderes Interesse, die Giftfestigkeit solcher Thiere kennen zu lernen, deren Ausscheidungen (Milch und Honig) wir genießen. Daß die Bienen von giftigen und ungiftigen Pflanzen Honig einsammeln, war schon den Alten bekannt, und Xenophon sah einst eine ganze Armee durch den Genuß giftigen Honigs zu Boden geworfen, als ob eine Schlacht geschlagen worden wäre. Sie erholten sich aber Alle wieder von der narkotischen Betäubung. Gefährlicher kann den Menschen, wie eine Reihe im Borgo Rione zu Rom vorgekommener Vergiftungsfälle beweist, die Giftfestigkeit der Ziege werden. Die Ziegen gehören, wie es scheint, zu den zähen Naturen, die mancherlei Pflanzengifte verdauen können, ohne merklichen Schaden an ihrer Gesundheit zu nehmen. Im genannten römischen Stadtviertel waren vor nicht langer Zeit eine große Anzahl von Personen von einer heftigen Cholerine befallen, die mehrere Tage anhielt, und es stellte sich heraus, daß alle Erkrankten von der Ziegenmilch eines und desselben Händlers genossen hatten, und daß die Heftigkeit des Anfalls sich nach der Menge richtete, die sie genossen. Die Ziegen wurden untersucht und völlig gesund befunden, aber als man das Futter in Augenschein nahm, sah man eine große Menge der scharfgiftigen Herbstzeitlose darin. Und nachdem dies einmal festgestellt war, gelang es dem Professor Ratti, in der noch vorhandenen Milch wie in den Entleerungen der Kranken den äußerst scharfen Giftstoff jener Pflanze, das Colchicin, nachzuweisen. Die Ziegenhirten werden also künftig ein Staatsexamen über Giftpflanzen machen müssen, um verdächtige Weideplätze meiden zu können.

C. St.




Die Feier von Washington’s Geburtstag in Amerika. Der Tag, an welchem vor hundert Jahren die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten stattfand, sowie der Geburtstag des Mannes, dessen energischem Geiste zum größten Theile die Gründung der amerikanischen Republik zu danken ist, werden alljährlich als Festtage gefeiert, die man als mindestens ebenso erhaben betrachtet, wie die höchsten kirchlichen Feste.

Der 22. Februar, der hundertvierundvierzigste Geburtstag von George Washington, wurde dieses Jahr noch festlicher begangen als sonst, da das Andenken an diesen großen Feldherrn und Staatsmann unzertrennlich ist von der Erinnerung an das hundertjährige Bestehen der amerikanischen Unabhängigkeit und Freiheit. Auf den Straßen der Stadt New-York herrschte an dem Tage feierliche Stille; das Glockengeläute mahnte zum Kirchgang, und Mittags um zwölf Uhr ertönten die Glockenspiele der Trinity-, St. Thomas- und vieler anderer Kirchen. Das „Chime“ der Trinitykirche spielte allein dreiundzwanzig Stücke. Außer anderen Festlichkeiten fand am Abende des Tages in der „Akademie der Musik“ ein großer Empfang statt, genannt: „Martha Washington’s tea party“.

Es war ein prächtiger Anblick, als dreihundert Damen im Costüm der Frau Martha Washington im langen Zuge in dem großen Saale erschienen, escortirt von hundert Herren in Continentaluniform, um an neunundvierzig Tischen, welche als Repräsentanten der neunundvierzig Staaten der Republik gelten sollten, den Gästen den Thee zu credenzen. Nach dem Thee folgte ein großer Ball, der mit einer Menuet eröffnet wurde, genau nach den Regeln ausgeführt, die im Jahre 1789 auf dem Ball herrschten, der in den „Assembly-Rooms“ abgehalten wurde und dem auch George und Lady Washington beigewohnt. Die Festlichkeit wurde zum Besten der „St. John’s Guild“, eines schwimmenden Hospitals für Arme, veranstaltet und mag einen bedeutenden Ertrag geliefert haben, da nur die reichsten und ersten Familien des Landes bei dem Feste zugegen waren. Ob aber die Summe, welche für die Armen abfiel, derjenigen gleichkommt, welche die Kosten der Costüme etc. ausmachen, wollen wir hier nicht näher untersuchen. Hat man doch zu den Anzügen wahrhafte Reliquien verwendet; so trug z. B. die Frau General Fremont ein Kleid, welches zweihundert Jahre alt sein und einer Frau Herzogin von Coventry gehört haben soll. Eine Frau Macdonald war mit dem Kleide ihrer Urgroßmutter, der Frau des Präsidenten Adams, geschmückt etc. Wenn man durch das Vorführen der Einfachheit des vorigen Jahrhunderts erreichen könnte, daß unsere der verschwenderischen Mode der Jetztzeit huldigende Damenwelt bewegt würde, sich auf ein bescheideneres Maaß ihrer Garderobe zu beschränken, so hätte man nicht versäumen sollen, den hundertsten Geburtstag der unvergeßlichen Königin Louise durch eine ähnliche Feier zu begehen.

A. B.




„Aufgepaßt, Gevatter!“ (Mit Abbildung Seite 247.) Heute sind wir wieder einmal in der glücklichen Lage, unseren Lesern ein Bild des allbeliebten Eduard Grützner im Holzschnitt bieten zu können. Der durch seine zahlreichen Zech- und Kneipbilder, namentlich durch sein charakteristisches Gemälde „Im Klosterkeller“, weithin berühmte Meister zeigt sich in diesem „Aufgepaßt, Gevatter!“ so rechten seinem Elemente. Frische Lebensfülle der Situation und ebenso originelle wie packende Detailmalerei zeichnen dieses im keck realistischen Style gehaltene Werk unseres Künstlers vortheilhaft aus.

Wie aus Shakespeare’s Dramen entflohen, ein Bild köstlicher Jovialität und behaglicher Lebensfröhlichkeit, sitzt der Hofnarr vor uns da. Man sieht ihm an, daß die Weise, welche er zwischen den wulstigen Lippen – sie spitzen sich, nicht ohne einen Zug von Phlegma und leichter Ironie, – in die Welt hinauspfeift, einem Schelmenliede angehört, das irgend Jemand möglichst oft zu Ohren kommen soll. Der buntgefiederte Schüler auf seinem Finger, ein tropisches Waldkind, versteht freilich nichts von höfischer Schalkheit und Narrethei, aber er gehört ja zu dem Geschlechte Derer, die Alles nachplappern und nachpfeifen, ohne viel nach der Rede Sinn zu fragen; er hat also das Zeug dazu, das Personal des Hofstaats, welchem der Narr selbst zur Zierde gereicht, um ein allezeit dienstwilliges Individuum zu bereichern, und auch er wird der „liebe, süße Papagallo“ Aller sein, so lange er keine Prinzessin in den Finger beißt oder um anderer Ursachen willen in Ungnade fällt. „Ja, aufgepaßt, Gevatter! am Hofe, am Hofe – –!“




Kleiner Briefkasten.

D. u. Sohn in Brschwg. Kaffeesatz als Blumendünger gilt schon lange als ein gutes Culturmittel, und es ist nicht zu bezweifeln, daß er einige Nährstoffe enthält, welche, so gering sie sein mögen, durch die fortwährende Einwirkung einen üppigeren Pflanzenwuchs erzeugen können. Höher ist anzuschlagen, daß der Kaffeesatz im Sommer durch Bodenbedeckung gegen das Austrocknen schützt. Eine bessere Verwendung fände er jedenfalls, wenn man ihn unter die Verpflanzerde mischte, weil er dieselbe locker erhält und die zweifelhafte Düngkraft dabei ebenfalls ausgenutzt würde.

Jäger.


Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: erkärt