Die Gartenlaube (1876)/Heft 14

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1876
Erscheinungsdatum: 1876
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Inhaltsverzeichnis

[225]

No. 14.   1876.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich  bis 2 Bogen. Vierteljährlich 1 Mark 60 Pfennig – In Heften à 50 Pfennig.



Nachdruck verboten und Ueber-
setzungsrecht vorbehalten.     
Im Hause des Commerzienrathes.


Von E. Marlitt.


(Fortsetzung.)


Henriette verschlang die Hände fest ineinander und hob sie mit einer leidenschaftlichen Geberde empor. „Käthe, ist das eine glanzvolle Rechtfertigung! Gott sei Dank, daß ich sie erleben durfte! Wenn nur Bruck sich nicht hinreißen läßt, auf seinem Rückweg vom Schlosse in der Villa einzukehren! – Hier, vor meinen Augen muß ihm Flora zum ersten Mal wieder gegenüber stehen, hier. Ich lechze danach, sie im Staube vor ihm zu sehen.“

„Rege Dich nicht auf, Henriette!“ bat Käthe mit zitternder Stimme.

„Ach was – lass’ mich reden!“ entgegnete sie hastig. „Wenn Bruck nur wüßte, zu welchen Qualen er mich verurtheilt mit seinem Sprechverbot! Die unterdrückte innere Aufregung beklemmt mir die Brust bis zum Zerspringen, genau wie gestern der Strom, der sich dann so erschreckend Luft machte.“ – Sie stützte den Ellenbogen auf und vergrub die Hand in dem reichen Blondhaar, von dem sie längst das Battisthäubchen weggeschüttelt hatte. „Weißt Du noch, wie Flora die Reise, von der Bruck berühmt zurückgekehrt ist, höhnisch und verwegen, ihm in das Gesicht hinein, eine Vergnügungstour nannte?“ fragte sie und sah unter der gesenkten Stirne hervor mit Augen voll Erbitterung zu der Schwester auf; sie verfiel in denselben Ton wie gestern in ihren wilden Fieberphantasien, die eine so furchtbare Entscheidung herbeigeführt hatten. Käthe schauerte in sich zusammen. „Erinnerst Du Dich, wie sie Moritz schalt und verlachte, weil er der Wahrheit nahe kam und vermuthete, daß Bruck an ein Krankenbett nach L…..g gerufen sein könne? Nein, und wenn sie auf den Knieen Abbitte leistet, sie kann diesen Frevel, diesen beispiellosen Uebermuth kaum sühnen. Nur einen einzigen Blick möchte ich jetzt in ihre Seele thun. Welche niederschmetternde Beschämung! Sie kann beim ersten Begegnen die Augen weder zu ihm, noch zu uns aufschlagen.“

Käthe hatte die Hände im Schooß gefaltet, und die Wimpern lagen tief auf ihren Wangen, als sei sie die Schuldige. Das leidenschaftlich erregte Mädchen da vor ihr ahnte nicht, daß diese erste Begegnung nicht mehr stattfinden konnte, daß sich Flora’s Fuß nie wieder in „die spukhafte Spelunke“ verirren würde. Sie wußte so wenig, wie alle Anderen, daß sich die Braut gewaltsam befreit, daß das Symbol des geschlossenen Bundes, der „einfache“ Goldreif, draußen im Fluß liege, wenn ihn nicht die Wellen längst fortgespült hatten.

„So sprich doch auch ein Wort, Käthe!“ grollte Henriette. „Du muß Fischblut in den Adern haben, daß Dich die Vorgänge so ruhig lassen. Freilich, Du hast noch keinen besonders tiefen Einblick in die Verhältnisse thun können, und den Persönlichkeiten gegenüber magst Du auch noch nicht den richtigen Standpunkt einnehmen. Bruck z. B. kann Dich kaum interessiren; Du siehst ihn zu selten und hast sicher noch keine zehn Worte mit ihm gesprochen, aber Du bist doch schon Zeuge von Flora’s abscheulichen Rücktritts-Manövern gewesen, hast die herzlosesten Aussprüche von deren Lippen gehört – ich sollte meinen, so viel Gerechtigkeitsgefühl, so viel Verlangen – ich möchte sagen ‚Durst‘ nach gerechter Strafe, nach einem rächenden Ausgleich müsse in jeder gesunden Menschennatur liegen.“

Jetzt sah Käthe mit einem seltsam flimmernden Blick auf; das war sicher kein Fischblut, das in so jäh emporschießender Welle Stirn und Wangen, selbst den runden, schneeweißen Hals heiß und purpurn färbte; es wallte unbezwinglich auf und ließ sie einen Augenblick völlig vergessen, daß sie am Krankenbett sitze und als gewissenhafte Pflegerin auf kein erregendes Thema eingehen dürfe. „Und wenn dieses Rachewerk sich wirklich vollzieht, wenn Flora beschämt ihren Irrthum zugiebt, welchen Werth könnte diese Umkehr für den beleidigten Mann haben?“ fragte sie gepreßt. „Flora hat ihm, wie Du selbst sagst, ihre Abneigung unverhohlen gezeigt, und wenn er in den Fürstenstand erhoben würde, es könnte doch unmöglich den Widerwillen in Liebe zurückverwandeln.“

„Bei einer so eitlen, ehrgeizigen Seele, wie Flora, ohne Weiteres,“ versetzte Henriette in bitter verächtlichem Ton. „Und Bruck? Du wirst sehen, er geht bei ihrer ersten Annäherung über das Geschehene hinweg, als sei es nie gewesen.“ – Den Kopf zurückhaltend schloß sie einen Moment die Augen. – „Ja, wenn die Liebe nicht wäre, dieses ewig unlösliche Räthsel!“ sagte sie halb flüsternd vor sich hin. „Und er liebt sie wie vordem; wie ließe sich sonst sein Ausharren, sein geduldiges Ertragen erklären?“ Sie hob die Wimpern wieder, und ein Gemisch von tiefem Schmerz und bitterer Ironie brannte in ihren unirdisch glänzenden Augen. „Und wenn ihn aus ihrem schönen Gesicht ein Teufel anblickte, und wenn ihre Hände nach ihm schlügen, er würde sie doch lieben und diese Hände zärtlich küssen.“ Das Lächeln, das so scharfe Linien in ihre abgezehrten Wangen grub, hatte etwas Herzzerreißendes; sie suchte es auch zu verbergen, indem sie das Gesicht in die Kissen drückte. „Ihre Umkehr wird mithin hohen Werth für ihn haben,“ sagte sie nach einer [226] momentanen Pause entschlossen, mit gewaltsam beherrschter Stimme; „er wird glücklich werden, und deshalb muß auch von unserer Seite Alles geschehen, daß die Zeit der Verirrung nie mehr berührt wird.“

Käthe sagte kein Wort mehr. Die Kranke erwartete mit kaum bezähmbarer Ungeduld den Moment, wo sie den Mann, den sie als ihren Arzt vergötterte, wieder glücklich sehen würde. Was sollte werden, wenn Flora nicht kam, wenn Henriette endlich doch erfahren mußte, daß die treulose Braut der langen Qual eigenmächtig ein rasches, gewaltsames Ende gemacht hatte? „Dann wirst Du unseren Namen nie mehr auf die Lippen nehmen,“ hatte Henriette gestern in ihren Fieberphantasien gegen Bruck geklagt. In Käthe’s Seele dauerte der chaotische Zustand fort, der sie schon gestern Abend betroffen gemacht. Die Gesetze der Moral hatten ein scharfes Gepräge für sie, und sie war noch unerfahren genug, Lohn und Strafe stets als gerechte Folgen vorausgegangener Handlungen zu denken – und nun in diesem wunderlichen Weltgetriebe wurde alles Ernstes gewünscht und gehofft, daß unerhörter Uebermuth und systematische Pflichtverletzung nicht nur straflos ausgehen, sondern auch noch eines seltenen Glückes theilhaftig werden sollten. Man bemühte sich, das Vergehen todtzuschweigen; man hätschelte die Sünderin und dankte ihr wo möglich auf den Knieen für ihre Umkehr, die, wenn sie wirklich erfolgte, nicht einmal wahre, innere Reue, sondern nur durch den Umschwung der äußeren Verhältnisse hervorgerufen worden war. Und er, den sie moralisch mit Füßen getreten, nahm er sie wirklich augenblicklich wieder an sein Herz, wenn sie sich herabließ, zu ihm zurückzukehren? Ganz sicher; hatte er sie doch nicht beigegeben, selbst nachdem sie ihm erklärt, daß sie ihn hasse. Jetzt fühlte Käthe einen mächtigen Zorn in sich aufglühen gegen die unselige Schwachheit, die einen Mann so erbärmlich, so unmännlich handeln ließ. Sie hätte so recht von Herzen ihren Groll ausweinen mögen über diese Erfahrung, die ihr das Leben und sogar die schöne, strahlende Welt für einen Augenblick verdunkelte, aber sie verbiß trotzig das wunderliche Schmerzgefühl und saß äußerlich fast noch „fischblütiger“ da, als vorher. Weinen? Was ging sie denn die ganze abstoßende Geschichte weiter an? Sie hatte nun nichts, gar nichts mehr dabei zu bedeuten, als das Hochzeitsgeschenk für die Schwester – etwa ein Teppich oder ein Sophakissen – das sie nunmehr schleunigst anfangen müsse, wenn wirklich die Hochzeit zu Pfingsten stattfinden sollte.

Die Tante kam herein, legte einen frischgebrochenen Syringenzweig voll junger Blätter auf die Bettdecke und brachte der Leidenden einen Gruß vom Frühling, der gar so golden, so helltönig und würzig draußen hinziehe und einen wahren Genesungsbalsam in seinem Athem trage. Sie bestand darauf, ihren Platz am Bett wieder einzunehmen, und erklärte Käthe’s Anwesenheit im Krankenzimmer für den Moment als vollkommen überflüssig; draußen im Garten möge sie sich ein wenig Bewegung machen und frische, sonnige Gottesluft athmen; das thue ihr sichtlich noth; die gestrige Alteration und Anstrengung sei noch auf ihrem Gesicht zu lesen.

Das junge Mädchen ging rasch hinaus. Ja, Luft und Sonnenschein, das waren zwei gute Freunde, die ihr stets das Gefühl innerer Kraft und des Jungseins wonnig zum Bewußtsein brachten, die den Blick klärten und alles angekränkelte Empfinden über den Haufen bliesen. Und die Tante hatte Recht, die Welt war so maienhaft, so blüthenverheißend, und die schwach wehende, sonnentrunkene Luft hauchte „Genesungsbalsam“ in Leib und Seele. Käthe trat hinaus auf die Freitreppe; ihr schöner Busen wogte in tiefen, zitternden Athemzügen. Sie hob und streckte unwillkürlich die Arme, die fest und doch mädchenhaft gerundeten mit den stählernen Muskeln. Und die Stufen hinabsteigend, ließ sie den Blick in die blaue Fremde hinein fliegen, über das niedere Staket hinweg, über die Wiesengründe draußen, über das sie durchschneidende, rasch strömende Gewässer mit den Dorfhäusern und Kirchthürmen an seinen fernen Ufern – wunderliches Menschenherz, das angesichts dieser Herrlichkeit doch so gepreßt blieb!

Und dort, vom Holzschuppen her, der am Gartenzaun stand, klang liebliches Gezwitscher, und blauschwarzes Gevögel mit metallisch funkelndem Rücken und rostbrauner Kehle tummelte sich um die offene Bodenluke – die ersten Schwalben waren da. Die Bodenluke war ihr alter Nistplatz. Käthe hatte schon als Kind, im Grase liegend, ihr Aus- und Einfliegen beobachtet, aber wie einsam und verloren hatte damals das Zwitschern geklungen in das eintönige Wellengemurmel und die um das verschlossene Haus webende athemlose Stille hinein, die hie und da das Fallen einer reifen Frucht von den Obstbäumen unterbrach! Jetzt schmetterten auch vornehme, verzogene Stubenvögel aus den offenen Fenstern; der Rauch des Heerdfeuers zog hoch droben als dünner, sonnenvergoldeter Schleier über den Rasenplatz hin; am Schuppen stand auch das Hundehaus, und der ungeberdige, struppige Köter riß an seiner Kette und schnappte nach einem schönen, lichtgelben Huhn, das sich dummdreist immer wieder in seine Nähe wagte, um einige versprengte Getreidekörner aufzulesen. Die Köchin hatte auf Wunsch der Tante Diakonus einen prächtigen Hahn und fünf Hennen aus ihrem Dorfe mitgebracht – es sollte Alles werden, wie im alten, lieben Pfarrhause. …

Käthe scheuchte die krakelnde Henne aus dem Bereiche des zornig knurrenden, gereizten Hundes und wandelte langsam unter den Obstbäumen hin. Der vorjährige, dürre Graswuchs zu ihren Füßen erschien da und dort gesprenkelt mit jener Bläue, die selbst das älteste, verdrossenste Menschenauge noch aufleuchten macht – die ersten Veilchen blühten, und das große stattliche Mädchen bückte sich so emsig danach, wie es einst kaum der kleine Rücken des Müllermäuschens gethan. … Fast verwundert dachte sie jetzt daran, daß sie ja eigentlich als einzige Erbin ihres Großvaters vor wenigen Wochen noch Herrin hier gewesen sei; das Capital, das der Doctor für die kleine Besitzung hingegeben, gehörte ihr – es lag wohl auch in dem bewußten eisernen Schranke, das mühsam ersparte, redlich erworbene Scherflein, vermischt mit dem Reichthume, den der Kornwucher aufgehäuft. Sie schrak zusammen und verschüttete unwillkürlich die gepflückten Veilchen auf den Rasen. Das schneidende Gefühl namenloser Demüthigung und erlebter Schande überkam sie, wie gestern inmitten der erbitterten Weiberschaar. Da hatte sie noch im ersten Aufschrecken gegen die entsetzliche Beschuldigung protestirt, aber nun, so oft das harte, mürrische, grobe Gesicht ihres Großvaters vor ihr auftauchte, mußte sie sich eingestehen, daß er recht wohl das grausame Wort von den „pfeifenden Mäusen“ gesagt haben konnte; sie ballte in stummer Qual krampfhaft die Hände. Daß sie mütterlicherseits aus den untersten Schichten der Gesellschaft stammte, wußte sie ja; nie war ihr auch nur der Wunsch gekommen, daß es anders sein möchte – sie leitete vielmehr ihre prächtige Mitgift, Kraft und tadellose Gesundheit, dankbar von „dem Großmütterlein“ her, das in frischer Waldluft mit kräftigem Arme die Holzaxt geschwungen, aber die Gemeinheit der Gesinnung, die Brutalität, mit welcher der ehemalige Müllerknecht einen erbarmungslosen Druck auf die Armuth ausgeübt, um zu einem großen Vermögen zu gelangen, erfüllten sie mit Ekel und Abneigung, und an den eisernen Spind mit seinen aufgespeicherten Schätzen mochte sie gar nicht mehr denken.

Ohne es zu wissen, war sie, am Flusse hingehend, in einen förmlichen Sturmschritt verfallen. Da, wo der Zaun das Grundstück begrenzte und mit seinem Weißdorngeflecht noch ein Stück des abschüssigen Ufers hinablief, blinkten weiße Glasscherben, die Splitter des kleinen Glases, aus welchem sie gestern Abend die nervenberuhigende Mischung getrunken. Die Köchin hatte die Trümmer, an welche sich eine beschämende Erinnerung für das junge Mädchen knüpfte, achtlos hingeworfen, damit das Wasser sie mit fortnehme. Ein schmerzender Stich durchfuhr Käthe’s Herz, und brennende Thränen traten ihr in die Augen, wie jedesmal, wenn sie an die gestrige Scene im Zimmer des Doctors dachte. Sie hatte sich mit ihrem „tollen Kopf“ entsetzlich blamirt. Und wenn der milddenkende, feinfühlende Mann auch sofort ein beschwichtigendes Wort, eine Entschuldigung für sie auf den Lippen gehabt, innerlich hatte er doch jedenfalls verwundert lächeln müssen über „die große, körperstarke Person“ mit den kindisch schwächlichen, sentimentalen Vorstellungen in ihrem Gehirn. Aber solch eine Uebereilung ihres bis zur Schwachheit mitleidigen Herzens passirte ihr auch gewiß nicht wieder! Lieber wollte sie für grausam, boshaft, ja, für eine böse Sieben gelten. Und der Doctor sollte gewiß nicht wieder über sie lächeln – ah, dazu fand er auch bald genug keine Veranlassung mehr. Wie lange noch, da wurde Henriette [227] in die Villa zurückgebracht; die Verbindung zwischen „Hüben und Drüben“ wurde abgebrochen, und der Doctor „nahm nicht einmal mehr die Namen Derer in der Villa auf die Lippen“. Nach Allem, was gestern Abend geschehen, was sie als einziger Zeuge mit angehört, mit angesehen, war die gehoffte Umkehr Flora’s unmöglich, mochte Doctor Bruck auch mit aller Energie auf seinem Rechte bestehen – heute noch mußte er die Ueberzeugung gewinnen, mußte sich Alles entscheiden, wenn die Braut ausblieb. Oder that er doch, was Henriette befürchtete? Hatte er das Verlangen nicht unterdrücken können, bei seiner Rückkehr vom fürstlichen Schlosse in der Villa einzukehren, um Flora von der glücklichen Wandlung in seinem Leben nunmehr persönlich in Kenntniß zu setzen? Dann sagten ihm die zwei kleinen Brillantringe an ihrem Finger sofort, und zwar deutlicher als jedes erklärende Wort, was er noch zu hoffen habe.

Käthe lief in diesem Augenblicke vom Ufer weg auf den Rasengrund zu; ein abscheulicher Lärm, der möglicher Weise bis in’s Krankenzimmer dringen und Henriette erschrecken konnte, erhob sich in der Nähe des Schuppens; das Hühnervolk zerstob, entsetzt aufschreiend, nach allen vier Winden, und der Hofhund stürzte sich mit nachschleifender Kette wüthend auf die gelbe Henne, die ihn geärgert hatte. Käthe war ihm sofort auf den Fersen; sie packte sein schmutzig weißes, zottiges Fell im Genicke, in demselben Momente, wo bereits die Schwanzfedern seines unglücklichen Opfers umherflogen.

Sie lachte wie ein Kind über das zerzauste Huhn, das sich kläglich krakelnd im Holzschuppen verkroch, und zog den Hund nach seiner Hütte zurück. Das ungeberdige Thier sträubte und sperrte sich mit allen Kräften; es versuchte, nach der kräftigen Mädchenhand zu schnappen, die es unerbittlich wieder in die Gefangenschaft schleifte.

Für einen Dritten mochte dieser Kampf um die Herrschaft etwas Beängstigendes haben; denn der Hund war tückisch wild, groß, von sehnigem, gedrungenem Gliederbau, und die rothfleckige Zeichnung auf Rücken und Flanken gab ihm ein tigerartiges Ansehen, aber er wand und stemmte sich vergeblich. Käthe stieß mit der freien Linken den ausgehobenen Kettenhaken wieder in den eisernen Ring der Mauer und sprang, den Hund plötzlich loslassend, weit zurück; er fuhr ihr wüthend nach und erwischte noch den Saum ihres Kleides, den er in Fetzen riß.

„Bösewicht!“ drohte sie mit dem Finger und nahm das Kleid auf, um den Schaden zu betrachten. Sie hörte eilige Schritte von der Brücke her kommen; sie wußte auch, daß es der Doctor war, der von der Stadt zurückkehrte, aber sie sah nicht auf. Sie hoffte, er werde in das Haus gehen, ohne sie weiter zu beachten. Wer konnte denn wissen, ob er nicht direct aus der Villa und vielleicht in sehr trüber Stimmung kam? Er war ohnehin so still und in sich gekehrt, so wortkarg heute; fast wollte es ihr scheinen, als habe er gestern Abend mit dem sanften, unerklärlich weichklingenden „Gute Nacht, gute Nacht!“ einen Abschluß seines bisherigen Wesens und Verhaltens andeuten wollen.

Er ging nicht in das Haus, sondern direct auf Käthe zu. Drohend hob er den Stock gegen den boshaft knurrenden, kläffenden Hund, der plötzlich mäuschenstill wurde und sich demüthig neben seiner Hütte hinstreckte. Der Doctor nahm einen Stein und trieb den Kettenhaken noch tiefer in den Ring. „Ich werde das Thier doch wohl abschaffen müssen; es ist zu wild und ungeberdig,“ sagte er, sich aufrichtend und den Stein fortwerfend. „Seine scharfe Wachsamkeit wiegt den Schrecken nicht auf, den er verursacht. Sie sind freilich mit ihm fertig geworden; ich glaube, im Bewußtsein Ihrer Kraft lassen Sie sich leicht verführen, tollkühn zu sein.“ Er sagte das in ernstem, nahezu tadelndem Tone, jedenfalls hatte er den Vorgang im Näherkommen durch das Ufergebüsch mit angesehen.

Sie lachte. „Glauben Sie das ja nicht! Ich habe meine wohlgemessene Dosis Aengstlichkeit in der Seele, wie jedes andere Mädchen auch,“ entgegnete sie freimüthig. „Vor fremden Hunden habe ich sogar eine ganz besondere Scheu und gehe ihnen gern aus dem Wege. Aber in kritischen Augenblicken muß man sich doch zu helfen wissen; angeborene Schwächen dürfen nicht aufkommen; da beiße ich die Zähne fest zusammen und greife unbedenklich zu, und das mag denn so furchtbar tapfer aussehen.“

Der Doctor hatte mit den Augen eine Schwalbe verfolgt, die vom Schuppen wegflog, und jetzt lächelte er auch, aber ohne Käthe anzusehen. Es kam ihr vor, als sei dieses Lächeln ein ungläubiges; jedenfalls blieb er dabei, sie wolle sich heldenhaft hervorthun und poche unweiblich genug auf ihre Kraft, und das entsprach durchaus nicht ihrem Geschmacke, am wenigsten aber der Wahrheit.

„Sie zweifeln?“ fragte sie mit einem halb ernsten, halb schelmischen Aufblicke. „Wissen Sie auch, daß die Heldin da vor Ihnen erst seit Kurzem das letzte Restchen Furcht vor Nachtdunkel und Geisterspuk von der Seele geschüttelt hat?“ Ein köstlicher Humor umspielte ihre Lippen und vertiefte die Wangengrübchen. „Sie können sich wohl denken, daß in der alten Schloßmühle Kobolde und Heinzelmännchen in allen Ecken hocken und rumoren; dem fürstlichen Erbauer fällt es auch bisweilen ein, aus seinem wackeligen Rahmen zu steigen, um höchsteigenhändig die Kornsäcke auszuschütten, und gespenstige Müller, die vor alten Zeiten ihren Mahlkunden das Mehl verkürzt haben, fehlen auch nicht. Suse hat mir selbstverständlich von diesen unumstößlichen Thatsachen nicht ein Tüpfelchen vorenthalten, und ich war so festgläubig, als sei ich in einer thüringer Spinnstube aufgewachsen. Von diesem wundervollen Gruseln durften aber der Papa und meine Lukas um Alles nicht merken – Suse wäre sehr gescholten worden, und ich schämte mich auch –, da galt es denn, sich zu überwinden und zähneklappernd, aber ohne Widerrede in tiefster Dunkelheit bis auf den Hausboden hinaufzusteigen, wenn es auf Grund der Erziehungsconsequenz befohlen wurde.“

„Sie haben sich also von jeher gewöhnt, an Ihre innere Kraft hohe Anforderungen zu stellen. Wie mag es da kommen, daß es Ihnen so leicht wird, beim Manne eine That der Feigheit und Schwäche vorauszusetzen?“

Sie stand plötzlich wie mit Blut übergossen. „Sie haben mir gestern meine Uebereilung verziehen,“ sagte sie sichtlich verletzt und nicht ohne Trotz und strich, sich abwendend, wiederholt die Löckchen aus der Stirn, lediglich um die Flammengluth auf ihrem Gesichte zu verdecken.

Er schüttelte den Kopf. „Diesen Ausdruck sollten Sie doch nicht wieder gebrauchen, nachdem ich Ihnen versichert, daß Sie mir nichts zu Leide gethan haben,“ versetzte er, unwillkürlich seine schöne, klangvolle Stimme dämpfend, als berühre er eine geheime Beziehung zwischen sich und dem Mädchen, um welche die ganze übrige Welt nicht wissen dürfe. „Ich wollte vorhin nur sagen, daß ich umsonst der Wurzel nachspüre, aus der Ihre gestrige Befürchtung entsprungen sein mag.“

Käthe ließ die Augen über das Haus hingleiten; sie sah wieder geklärt, lieblich und rosig aus wie eine Apfelblüthe, und um ihre Lippen zuckte es wie verhaltenes Lachen – der flechtengekrönte Kopf mit dem kindisch schelmischen Gesichte saß fast befremdend jung auf der junonischen Gestalt. Sie zeigte nach dem verhängnißvollen Eckfenster. „Vor alten Zeiten hat dort eine schöne Edelfrau gelebt –“

„Ach, die romantische Geschichte, die man sich auch in den Spinnstuben erzählt!“ unterbrach er sie. „Also das tragische Ende der Verlassenen ist’s gewesen –“

„Das nicht allein. Henriette hauptsächlich hat mir bange gemacht –“

„Henriette ist krank; ihr tief erschüttertes Nervenleben drängt ihr Denken und Empfinden aus der natürlichen Bahn. Sie aber sind gesund an Leib und Seele.“

„Ja, gewiß, aber es giebt Dinge, für die man in seiner Jugend und Unkenntniß keinen Maßstab, kein eigenes Urtheil hat –“

„Für die Liebe, zum Beispiel,“ fiel er ein, und ein rascher, scheuer Seitenblick streifte das Mädchen.

„Ja,“ bestätigte sie einfach.

Er senkte den Kopf und stieß, in tiefes Nachdenken versunken, mechanisch mit der Stockspitze gegen einen mächtigen Würfel aus Sandstein, welcher, der Hausthür gegenüber, mitten im Rasengrunde lag. Früher war er für die kleine Käthe ein wunderlicher, aber hübscher Tisch gewesen, lediglich zu dem Zwecke hingestellt, daß Kinderhände gefallenes Obst, Blumen und gesammelte Steinchen darauf legen sollten. Jetzt erkannte sie in ihm das ehemalige Postament einer Statue noch sah man den [228] Trümmerrest eines kleinen Fußes mit zarten Zehen auf der grünmoosigen oberen Fläche.

Käthe strich mit ihrer schlanken Hand schmeichelnd über die zierliche Form. „Das ist eine Nymphe oder Muse gewesen,“ sagte sie. „Das schlanke Geschöpfchen hat schwebend, mit gehobenen Armen auf der einen Fußspitze gestanden; ich kann mir die ganze Gestalt auf der einen hochgeschwungenen Linie des Füßchens aufbauen. Vielleicht war ihr schöner Kopf seitwärts der Brücke zugewendet, und sie hat auch den Reiter über die Brücke kommen sehen, und dann die stolze Schloßfrau in der bunten Brokatschleppe –“ sie verstummte unwillkürlich und sah ihm in das Gesicht; er war offenbar weit fort mit seinen Gedanken; er hörte nicht, was sie sagte, und das, was ihn beschäftigte, war sicher sehr deprimirend; zum ersten Male sah sie in diesem edelschönen, ruhig beherrschten Antlitze einen ausgesprochen gramvollen Zug. Flora! Sie war der Fluch dieses Mannes; er ging an seiner Leidenschaft für sie zu Grunde.

Das plötzliche Schweigen des jungen Mädchens machte ihn aufblicken. „Ach ja,“ sagte er sich sichtlich zusammennehmend, „die wirthschaftlichen Leute, die lange Zeit hier gehaust, haben sich das Vergnügen gemacht, die Statuen herabzustürzen. Der ganze Garten muß mit diesen Sandsteinfiguren bevölkert gewesen sein; rings im Gebüsche finden sich noch viele Postamente. Ich werde dem Grundstücke seine ehemalige Gestalt zurückzugeben suchen. Man sieht, trotz der Verwilderung,

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Young im Kreise seiner betenden Frauen.

noch deutlich den Plan, der dem Garten zu Grunde gelegen hat.“

„Dann wird es sehr hübsch und sehr vornehm hier werden, aber der Blick in’s Grüne, in diese köstliche, verwachsene Wildniß geht verloren; Ihr Arbeitszimmer –“

„Mein Arbeitszimmer wird vom nächsten October an eine liebe Freundin meiner Tante bewohnen,“ unterbrach er sie gelassen. „Ich siedle im Herbst nach L…..g über.“

Sie sah ihn bestürzt an und faltete unwillkürlich die Hände. „Nach L…..g?“ wiederholte sie. „Mein Gott, Sie wollen sich von ihr trennen? Und was sagt sie dazu?“

„Flora? Sie geht selbstverständlich mit mir,“ sagte er eiskalt, aber in seinen Augen lohte es auf wie ein schmerzlicher Zorn. „Glauben Sie, ich werde Ihre Schwester hier zurücklassen? Sie dürfen ruhig sein.“ Wie schneidend seine Stimme klang!

Käthe hatte von der Tante gesprochen, allein sie war nicht fähig, das Mißverständniß zu berichtigen; so betroffen machte sie seine Antwort – er schien seiner Sache so gewiß. „Sie waren eben in der Villa?“ fragte sie schüchtern, und doch fieberhaft gespannt.

„Nein, ich war nicht in der Villa,“ betonte er – klang es doch, als persiflire er sie, der feinfühlende Mann, der sonst nie seine Zunge zu einer Geißel des Spottes machte. „Ich bin überhaupt heute noch nicht so glücklich gewesen, Jemand von drüben zu sehen. Moritz hätte ich gern begrüßt, aber die Herren, die sich eben von ihm verabschiedeten, als ich an der Villa vorüberging, kamen so laut und heiter vom Frühstückstisch, daß ich es vorzog, unerkannt zu passiren.“

Er hatte demnach Flora heute noch nicht gesprochen, und dennoch diese Zuversicht! Es war zum Verzweifeln! Käthe wünschte sich weit weg aus diesem Dilemma – sie kam sich vor wie des Priamos unglückselige Tochter, die einzige Wissende unter den Verblendeten. Es war gut, daß in diesem Augenblicke die gezüchtigte Henne abermals unvorsichtig auf ihren erbitterten Feind losspazierte. Käthe fand dadurch einen Vorwand, das Gespräch abzubrechen; sie scheuchte das Thier über den Rasen hin in den Schuppen zurück, schloß die Thür und schob den Riegel vor.




16.


Als sie sich wieder umdrehte, sah sie den Doctor noch neben dem Postamente stehen, aber sein Gesicht war in starrem Hinüberblicken der Brücke zugewendet. Er war blaß geworden. Sein Profil mit den hartgeschlossenen Lippen unter dem Barte erinnerte sie an jenen Moment in der Schloßmühlenstube, wo sie ihn nach der Todesart ihres Großvaters gefragt hatte; er rang mit einer heftigen inneren Bewegung. Unwillkürlich folgte sie der Richtung seines Blickes, und wenn dort der Schatten der ertrunkenen Edelfrau über den Fluß hingeschwebt wäre, sie hätte nicht entsetzter aufschrecken können, als beim Anblicke der schönen Schwester, die so graziös, so vollkommen unbefangen über den Holzbogen daherkam, als sei sie gestern Abend mit einem „fröhlichen Wiedersehen“ auf den Lippen von hier weggegangen. War es möglich? Sie glitt schlangenhaft leicht über die Stelle, auf der sie sich für frei und auf immer getrennt von dem mißachteten Manne erklärt hatte; nur Stunden waren vergangen, seit sie seinem Heim, seinem Grund und Boden mit den härtesten Ausdrücken der Verachtung für alle Zeiten den Rücken gewendet, und jetzt kehrte sie das schöne, lächelnde Gesicht der „spukhaften Spelunke“ wieder zu; ihre Füße betraten flink und zuversichtlich den Rasengrund; keine Welle zischte empor, kein Lüftchen regte sich, um ihr von Schuld, Willkür und beispiellosem Wankelmuth vorzuflüstern, und der Sonnenschein umschmeichelte und vergoldete die feingliederige Gestalt, als sei sie ihm das liebste Erdenkind.

Sie war dunkel gekleidet. Schwarze reiche Spitzenkanten lagen auf den blonden Locken; sie umwogten den schneeweißen Hals und fielen in langen Enden tief über die Schultern hinab, wie die gesenkten dunklen Flügel eines Engels der Nacht. Hinter ihr ging der Commerzienrath; er sah sehr animirt aus; er führte die Präsidentin so respectvoll am Arme, daß sich Käthe alles Ernstes besann, ob sie von seinem höhnischen Blicke am heutigen Morgen und den Auslassungen über „die alte Katze mit den Sammetpfötchen“ nicht etwa nur geträumt habe.

Der Doctor ging jetzt langsam den Kommenden entgegen, während Käthe starr, wie festgewurzelt, am Schuppen stehen blieb und unbewußt den vorgeschobenen Riegel umklammert hielt. Sie sah, wie man sich gegenseitig begrüßte, genau wie sonst auch. Nichts Außergewöhnliches war geschehen, kein böses Wort gefallen. Der Commerzienrath umarmte beglückwünschend den Doctor; die Frau Präsidentin zeigte gütig und verbindlich lächelnd ihre weißen Zahnspitzen – und Flora? Ihre Wangen erschienen allerdings momentan wie in eine lebhafte Rosengluth getaucht, und der sonst so selbstbewußte Blick irrte vom Antlitze des Doctors weg auf den Rasen nieder, aber sie streckte in gewohnter biderber Weise die Hand aus, und die Fingerspitzen wurden erfaßt, wenn auch nicht festgehalten, ganz wie neulich bei Käthe’s Ankunft, und als sich Doctor Bruck umwandte, da waren seine Züge geradezu steinern ruhig.

Schon beim Betreten des Gartens hatte Flora die junge Schwester mit einem spöttischen Kopfschütteln vom Scheitel bis zu den Fußspitzen rasch gemustert und dann eine offenbar boshaft witzige Bemerkung über die Schulter zurück dem Commerzienrath hingeworfen, jetzt aber, als sie näher getreten war, sah Käthe, daß auch etwas wie unterdrückter Aerger, ja eine Art von Feindseligkeit in ihren blinzelnden Augen aufglomm.

„Nun, Käthe? Hast Dich ja schon recht hübsch hier eingenistet,“ rief sie ihr zu. „Thust ja wirklich, als seiest Du zu Hause und trügst den Schlüsselbund zu allen Thüren und Kästen am Gürtel.“


(Fortsetzung folgt.)




[229]
Eine abtrünnige Mormonin.
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Ann Eliza Young.
Nach einer Photographie auf Holz gezeichnet von Adolf Neumann.

Die sociale Bevorzugung der Frau im amerikanischen Freistaate ist eine bekannte Thatsache. Auch ist wohl nirgends das Weib zur Entgegennahme aller Huldigungen so historisch berechtigt, wie auf dem Boden der neuen Welt. War es doch eine Frau, jene trotz ihrer Irrthümer bewundernswerthe castilische Isabella, welche die Gleichgültigkeit der spanischen Granden gegen die Entdeckungsprojecte des Genuesen durch das stolze Wort zu entwaffnen wußte: „Ich verpfände meine Juwelen, um die Mittel zu schaffen.“ So bahnte ein muthiger Frauengeist den Meerespfad zum neuen Erdtheil. Der Amerikaner erfüllt demnach, wenn er das Weib zum Idol seines Landes erhebt, unbewußt nur eine Schuld culturhistorischer Dankbarkeit.

Doch in diesem an Contrasten reichen Lande giebt es auch eine Gemeinschaft, die das Weib seiner heiligsten Rechte beraubt, und die gleich dem kranken Manne Europas die Polygamie gesetzlich und dogmatisch heilig spricht. Die auch in Deutschland genugsam bekannten Mormonen oder, wie sie sich selbst mit Vorliebe nennen, „die Heiligen der jüngsten Tage“, haben bis vor wenigen Jahren in ihrem Territorium Utah am großen Salzsee fast isolirt gelebt. Der Salzsee der neuen Heiligen schien die Eigenschaft jenes urheiligen mythischen Salzes geerbt zu haben, das eine redselige Frauenzunge zu versteinern vermochte. Denn – so seltsam es klingen mag – man hörte in diesem Lande, dessen wirksamste Schutzheiligen Oeffentlichkeit und freie Presse sind, nie von der rebellischen Auflehnung einer Mormonin gegen das schmachvolle Institut der Vielweiberei. Doch die jüngste Zeit hat dem Mormonenthum neben mancher anderen Heimsuchung auch seine erste gefährliche Abtrünnige gebracht, die keine [230] Geringere ist, als Ann Eliza Young, die neunzehnte Gattin des Propheten Brigham Young.

Ihn selbst, den greisen Apostel jener von ihm canonisirten Barbarei, mußte die rächende Nemesis in der Gestalt einer seiner jüngsten und schönsten Gattinnen treffen.

Wenn man die Erscheinung der Mormonin Ann Eliza Young, deren Lebensskizze diese Zeilen den Lesern der „Gartenlaube“ vorführen sollen, nach der Norm des Ewig-Weiblichen messen will, die eine civilisirte Culturanschauung geschaffen hat, so entspricht die Heldin dieser Skizze freilich nicht unseren Begriffen von edler Frauenwürde. Aber die unglückliche und muthige Frau gewinnt an Interesse, wenn man den Schlüssel zu ihren Verirrungen und vorzüglich zu ihrem Ehebunde mit dem Mormonenhäuptlinge in der Thatsache findet, daß Ann Eliza das Kind einer mormonischen Ehe war. So offenbart sich in den Lebensschicksalen der geschiedenen Gattin des Propheten ein Stück modern-barbarischer Culturgeschichte, von welcher die muthige Hand dieser Frau zum ersten Male den Schleier hinweggezogen hat. Auch mit der Art und Weise des Kampfes, den Ann Eliza gegen Brigham Young und den Mormonismus unternommen hat, mag sich eine geläuterte Auffassung nicht einverstanden erklären, es wäre aber ungerecht, wollte man die civilisatorische Bedeutung dieses Kampfes in Abrede stellen. Wenn einst der letzte Rest jener Zwillingsbarbarei (twin-barbarism), wie ein amerikanisches geflügeltes Wort die Negersclaverei und die Polygamie in Utah genannt hat, von diesem Continente vertilgt sein wird, dann wird Ann Eliza Young’s Name unter den Heldinnen amerikanischer Culturgeschichte glänzen.

Während der bekannte Scheidungsproceß der Dame gegen das Oberhaupt von Utah von Instanz zu Instanz verfolgt wurde, unternahm sie selbst eine Vorlesungstour durch die Vereinigten Staaten. Das Thema dieses Vortrags war die Geschichte ihres eigenen Lebens und die Leidensgeschichte aller weiblichen Sclaven von Utah. Die Rednerin erklärte mit unleugbarer Würde und Begeisterung, daß sie den Kampf für diese fünfzigtausend unglücklichen Frauen, die Opfer der Vielweiberei, als die Aufgabe ihres Lebens betrachte, und daß sie nicht aufhören werde, im Interesse ihrer Leidensschwestern an den Gerechtigkeitssinn des amerikanischen Volkes zu appelliren. Das diesem Aufsatze beigefügte Portrait Ann Eliza Young’s mag den Lesern der „Gartenlaube“ die Züge dieser Frau veranschaulichen, in denen Trauer und Entschlossenheit als vorzüglichste Charaktermerkmale hervortreten.

Ann Eliza’s Eltern waren, wie im Verlaufe der Vorlesung berichtet wurde, schon vor ihrer Verheirathung Gläubige der Mormonenlehre und Anhänger des damaligen Propheten Joseph Smith geworden. Ihr Vater, ein Mr. Webb, und ihre Mutter, die als frühere Lehrerin nicht ohne Bildung sein konnte, folgten dem Propheten aus ihrer New-Yorker Heimath in die damalige Mormonenstadt Nauvoo in Illinois. Dort wurde ihnen als fünftes Kind Ann Eliza am 13. September 1844 geboren. Als die Kleine ein Jahr alt war, brachte der Vater eines Tages eine zweite Frau nach Hause, welche mit ihrer Mutter zwölf Jahre lang in Eintracht und Zufriedenheit Haus und Gatten theilte. Doch die Mutter war oft trübe gestimmt, und Ann Eliza merkte, daß ein heimlicher Kummer derselben das Leben vergiftete, obschon sie eine tiefgläubige Anhängerin des neuen Evangeliums war und in der Polygamie eine göttliche Institution verehrte. Der Vater nahm ein zweites Weib, weil er das für seine religiöse Pflicht hielt.

Zur Erklärung solcher Zustände sprach die Rednerin folgende Betrachtungen über die Mormonenreligion und deren Opfer aus: „Man sage nicht, daß die Frauen als mit Vernunft begabte Wesen die Hölle erblicken müssen, in welche sie sich durch die Verheirathung mit einem Mormonen stürzen; wer gründlich vertraut ist mit der Mormonenreligion, wer erfahren hat, mit welcher unerbittlichen Strenge die Kirche die Gewissen ihrer Anhänger gefangen nimmt, wer bedenkt, wie den Kindern die Grundsätze dieser Kirche in’s Herz eingeprägt werden und wie die Mormonen ganz und gar in ihrer Kirche aufgehen: der wird jene Frauen nicht tadeln können. Sie halten das ewige Joch, in welches man sie durch die Mormonenehe zwängt, für eine göttliche, schon von den Patriarchen geheiligte Institution und tragen dieses Joch mit Geduld, ob ihnen auch das Herz vor Jammer brechen möchte. Ich bin in jener Kirche geboren und erzogen worden und kenne den furchtbaren Bann, mit dem mich jener Glaube umfangen hat. Trotz dieses entsetzlichen Zwanges giebt es auch in Utah Tausende von edlen und sittenreinen Frauen, die nur ihrem religiösen Irrwahn zum Opfer fallen. Diese Mormonenreligion fordert mehr Opfer, als der Gott der Fidchi-Insulaner.“ –

Die schlichte Naturgewalt solcher Schmerzenslaute kann ihre Wirkung nicht verfehlen und muß in einer oder der anderen Weise dem von der Rednerin verfolgten Zwecke dienen.

Mit neunzehn Jahren wurde Ann Eliza an einen ungebildeten Mormonen verheirathet, dessen Mißhandlungen sie sich nach zwei Jahren durch gerichtliche Scheidung entziehen mußte. Die zwei Kinder dieser Ehe, die noch am Leben sind, wurden der Mutter zugesprochen. Die junge Frau lebte und arbeitete nun auf ihres Vaters Farm in der Nähe von Salt-Lake-City und glaubte für immer dem Joche der Ehe entsagt zu haben. Da führte ihr Unstern den fast siebenzigjährigen Brigham Young in das Haus ihres Vaters. Schon in der ersten Unterredung gab ihr der „heilige“ Mann den frommen Rath, bei etwaiger Wiederverheirathung keinen jungen Fant, sondern nur einen guten alten Bruder der Kirche zu wählen. Am andern Tage theilte ihr Vater ihr mit, daß der Prophet ihr die hohe Ehre erweisen wolle, sie zu seiner neunzehnten Gattin zu erheben. Sie sträubte sich gegen diesen Antrag, aber Vater und Mutter erkannten denselben als einen Wink vom Himmel und eine große Gnade Gottes. Erst nach einem Jahre gab sie ihre Zustimmung, und zwar vorzüglich aus Liebe für ihren Bruder, der durch des Propheten Rachsucht von der Kirche abgeschnitten werden sollte. Ein solcher Kirchenbann ist in Utah mit zeitlicher und „ewiger“ Vernichtung gleichbedeutend. So ward Ann Eliza am 7. April 1868 die neunzehnte Gattin des Propheten Brigham Young.

In erschütternder Weise schildert die Rednerin die Qual eines solchen Ehelebens und die Tortur der religiösen Zweifel, die in Folge dieser Leiden mit immer stärkerer Gewalt in ihrer Seele erwachten. Noch immer versuchte sie, ihren Unglauben und ihre Denkkraft in Banden zu schlagen; noch immer erhoffte sie von Reue und Buße, von einer neuen Taufe das Heil ihrer religiösen Wiedergeburt. Aber trotz aller Versenkung in den Glauben ihrer Kindheit, trotz aller Qual und Kraftanstrengung ward ihr innerer Abfall vom Mormonenthume immer mehr zur vollendeten Thatsache. Endlich gewann sie den Muth, dem geistigen und physischen Sclaventhume ihrer Ehe zu entsagen. Sie bezog eine Wohnung in einem nichtmormonischen Hôtel, verließ die Religionsgemeinschaft der Heiligen und begann ihren berühmten Scheidungsproceß gegen Brigham Young.

Das erste Ergebniß dieses langwierigen Processes war ein Haftbefehl gegen den Propheten, da dieser sich geweigert hatte, dem gerichtlichen Urtheilsspruche Folge zu leisten und seiner geschiedenen Frau Alimente und Entschädigung zu zahlen. Brigham Young berief sich auf den mormonischen Glaubenssatz, daß die Mormonenehe eine himmlische oder göttliche Institution sei und als solche durchaus nicht unter der Controle irdischer Gerichtsbarkeit stehe. Obgleich nun seine Meinung allerdings von der des Gerichtshofs abweiche, so gereiche es ihm und allen Heiligen doch zu ganz besonderer Genugthuung, daß die Vereinigten Staaten in ihrem Urtheilsspruche zu Gunsten Ann Eliza’s zum ersten Male die Polygamie als eine gesetzliche Institution dieses Landes anerkannt hätten. Und hier lag die moralische Nothwendigkeit, die schließlich den Proceß zu einem für die Klägerin ungünstigen Ende führen mußte. Man durfte die Vielweiberei nicht auf legalem Wege sanctioniren.

Ann Eliza Young darf aber trotz des ungünstigen Ausganges ihres Processes unbesorgt der Zukunft entgegensehen, da sie sich durch den Ernst und die Würde ihrer Erscheinung und ihres Strebens die thatkräftige Theilnahme vieler urtheilsfähigen Amerikaner errungen hat. Auch die Leser und Leserinnen der Gartenlaube werden der muthigen Vorkämpferin der Mormoninnen von Utah ihre Anerkennung nicht versagen.

Der spiritualistische Wahnsinn, der ein Institut des Orients auf amerikanischen Boden verpflanzen konnte, beruht auf folgenden Dogmen: Millionen körperloser Geister, Nachkommen der Götter, umschweben den Erdball und ersehnen den Augenblick ihrer [231] Menschwerdung, der ihnen die zweite, höhere Stufe ihres Daseins, das Leben auf der Erde, erschließen soll. Es ist demnach die heiligste Verpflichtung der Mormonen, diese heimathlosen Geister in irdische Tabernakel, das heißt in menschliche Hüllen, einzuführen. Wer diese Aufgabe am treuesten erfüllt hat, der wird im Jenseits den dritten und höchsten Grad aller Menschenexistenzen erreichen und selbst zum Gotte werden. „Je mehr Kinder, je mehr Segen!“ so lautet also das in die Praxis der Polygamie übersetzte Losungswort des Mormonenthums. Den Hagestolzen und die alte Jungfrau trifft Verachtung hienieden, und der Höllenfluch, den kein Dante grausiger ersinnen konnte, einsam und ungeliebt durch die Ewigkeit zu gehen. Die Frauen hingegen, die dem Heiligen hienieden für den Himmel angesiegelt worden sind, werden seine göttliche Machtstellung im Jenseits theilen.

So sinnreich haben Joe Smith und sein Nachfolger Brigham Young ihr spiritualistisches Netz gewoben, dem schon so zahlreiche und nicht immer bildungslose Frauen durch Erziehung und Gewohnheit zum Opfer gefallen sind. Es würde zu weit führen, näher auf die Irrlehren der mormonischen Glaubenssatzungen einzugehen, und verweise ich den Leser zum Zwecke gründlicher Information über Lehre und Leben der Heiligen auf das neue und interessante Reisewerk Robert von Schlagintweit’s „Die Mormonen“.

Das beigefügte Bild, das Brigham Young in der vollen Glorie seines Prophetenthums im Kreise seiner betenden Frauen zeigt, ist charakteristisch für die heuchlerische Frömmigkeit, deren abnormer Auswuchs diese Vielehen sind.

Jeder Kampf gegen die mormonische Polygamie scheiterte bisher an einer Klippe, die doch im Grunde der höchste Stolz dieses Landes ist, an der durch die Verfassung verbürgten Religionsfreiheit der Republik und der völligen Trennung von Kirche und Staat in diesem Lande. So durfte selbst ein Gemeinschaden, wie diese Vielweiberei, um seiner religiös-dogmatischen Begründung willen nicht mit voller Schärfe des Gesetzes verfolgt werden. Doch die jüngste Botschaft des Präsidenten vom Neujahr 1876 enthält, ungleich strenger als bisher, eine Kundgebung der Indignation, von welcher das Volksbewußtsein gegen die Sittenzustände in Utah durchdrungen ist. Auch ward vor kurzem das Urtheil des Oberrichters White gegen einen in Polygamie lebenden Mormonen dahin ausgesprochen, daß der Angeklagte grober Gesetzesübertretung schuldig sei, da die Religion nicht das Recht habe, sich als selbstständige Autorität und als Deckmantel für das Verbrechen neben oder über das Gesetz zu stellen. Hoffen wir daher, daß trotz der Bittschrift, die in den ersten Januartagen dieses Jahres circa dreißigtausend Mormoninnen, natürlich gezwungener Weise, dem Congresse für die Erhaltung der Polygamie eingesandt haben, die Tage dieser barbarischen Institution auf unserem Continente gezählt sein werden. Möge Ann Eliza Young’s muthige That Nachahmung und Erfolg erzielen!

Die Colonisation einer weiten Länderstrecke des amerikanischen Westens und die Erschließung derselben für die Weltcultur ist an und für sich eine so große civilisatorische Errungenschaft, daß man sich fast versucht fühlen möchte, um solchen Preises willen selbst die Sittenzustände der sonderbaren Heiligen mit in den Kauf zu nehmen. Jedenfalls gebührt den Mormonen neben der schärfsten Verurtheilung ihrer Entweihung des Familienlebens auch manches Ruhmeswort gerechter Anerkennung.

Als die Mormonen, von ihren ersten Niederlassungen vertrieben, auf ihrem von Brigham Young geleiteten wunderbaren Wanderzuge durch noch unerschlossene Erdstriche vor circa dreißig Jahren den großen Salzsee erreichten, da fanden sie in der weiten Umgebung der Stätte, wo sie im Sommer 1847 Salt-Lake-City gründeten, nur Einöde und Wildniß. Heute zählt Utah zu den fruchtbarsten Landstrichen der Union und ist mit blühenden Dörfern und Städten übersäet. Salt-Lake-City besitzt schon seit vielen Jahren Gasbeleuchtung und Telegraphenleitung, und die Vollendung eines der größten Wunderwerke der neuen Zeit, der pacifischen Eisenbahn, wäre fast undenkbar gewesen, wenn nicht die Mormonen durch ihre Niederlassungen und ihre Arbeitskräfte und vorzüglich durch ihre freundlichen Beziehungen zu den Indianern den Riesenbau unterstützt haben würden. Bekanntlich lehnt sich die Mormonenbibel an die indianische Vorgeschichte dieses Landes an, und die Mormonen erblicken in den Indianern Brüder und Stammesgenossen. Eine der düstersten Thaten in der Mormonengeschichte, der verrätherische Angriff auf einen wehrlosen Emigrantenzug, gelang ihnen mit Hülfe der Indianer.

Die pacifische Eisenbahn ist vollendet: die reichen Minendistricte des Westens sind erschlossen, und immer mächtiger ergießt sich der Strom der Einwanderung auch über das Territorium Utah, das neue Zion der Heiligen. Der Untergang des Mormonenthums, dessen phantastisches Religionsgebäude selbstverständlich unter dem Andrange höherer Cultur zerfallen muß, ist nur noch eine Frage der Zeit. Und das Forscherauge, das mit optimistischem Blicke die Räthsel der Culturgeschichte zu durchdringen sucht, wird auch im Mormonenthume die urewige Offenbarung lesen, daß selbst die Irrthümer der Menschen zum Ziel und Zweck aller Geschichte, zum Fortschritt, führen müssen. Wie wilder Golddurst die pacifische Küste, so erschloß Glaubenswahn den Centralpunkt des weiten Westens; Goldgräber und Mormonen mußten „trotz alledem“ als Bahnbrecher und Pfadfinder der Civilisation dem guten Genius der Menschheit dienen.

M. Kleeberg.




Eisen in’s Blut der Bleichsüchtigen.[WS 1]


„Ihr getreuer Mitkämpfer gegen die Medicinschwindelei.“ So unterschrieb sich einst Professor Bock, als er mir zum „Diätetischen Kochbuch“ gratulirte. Und nun ruht leider schon längst dieses medicinischen Reformators fleißige Feder; sie ruht nach mancher sieggekrönten Ehrenarbeit. So wie einst Paracelsus, dieser Lutherus medicorum, die gedankenlosen Nachbeter Galen’s züchtigte; so kämpfte Bock jahrelang mit einem wahren Feuereifer gegen den Aberglauben in der Heilkunde, gegen das krebsartig wuchernde Geheimmittelunwesen und gegen den planlos fortgeleierten Unfug in der Receptenschreiberei. Unverkennbar ist manches Gute durch ihn erreicht worden. Aber noch beuten Hunderte von frechen Geheimmittelkrämern die arme kranke Menschheit aus, und fragen wir uns, welche Fortschritte die Volksaufklärung in Sachen der Heilkunde gemacht habe, so müssen wir eben eingestehen, daß die Menschen noch immer in allen anderen Zweigen des Wissens weit mehr zu Hause sind, als hier, daß es noch immer viele sogenannte Gebildete giebt, welche die Adern, worin ihr Lebensblut rinnt, bei Weitem nicht so gut kennen, wie etwa die Flüsse und Bäche von Hinterindien.

Unter solchen Umständen dürfen die echten Jünger und Nachfolger Bock’s ihre Hände noch nicht in den Schooß legen. Jeder muß rührig bleiben auf dem betretenen Kampfgebiete. Ich für meinen Theil habe mir vorgenommen, die Feinschmecker und die Arzneikrämer hintereinander zu hetzen, die lateinische Küche hinter die deutsche zu stellen, zu zeigen, daß es viele Krankheiten giebt, welche mit den Schätzen der Küche und des Kellers allein geheilt werden können. Hoffentlich werden mir bei diesem Unternehmen, an welches sich bis jetzt noch Niemand gewagt hat, meine Kenntnisse in der Kochkunst und eine mehr als zwanzigjährige Erfahrung aus einer vielbewegten Praxis genügend zur Seite stehen. Der Erfolg des Kampfes wird um so entschiedener sein, je mehr es gelingt, derartige Anschauungen in das große Publicum hinaus zu tragen. Deshalb ist es mir daran gelegen, in die „Gartenlaube“ ernstlich eingekeilt zu werden. In diesen Blättern soll also im Verlaufe der Zeit eine Reihe von Aufsätzen erscheinen, welche die rein diätetische Behandlung verschiedener Krankheiten mit einer Ausführlichkeit behandelt, die auch wirklich zur praktischen Anwendung befähigt. Eröffnen wir den Reigen mit der allbekannten Bleichsucht!

Die Bleichsucht ist für die rein diätetische Behandlung eines der dankbarsten Felder. Bevor wir aber darauf eingehen, müssen wir, um richtig verstanden zu werden, einige Betrachtungen vorausschicken über das Wesen und die Ursachen dieser Krankheit. Die Bleichsucht offenbart sich vorzugsweise als eine Krankheit [232] des Blutes; es ist dabei die Zahl der eisenhaltigen Blutkörperchen manchmal auf die Hälfte, ja auf ein Dritttheil reducirt. Von diesen Körperchen rührt die bekannte rothe Farbe des Blutes her, sowie das lebensfrische Colorit der Haut. Bleichsüchtige Blondinen haben eine wachsweiße Haut, während schwarzhaarige ein mehr schmutzig graues, etwas in’s Gelbliche stechendes Colorit zeigen. Am deutlichsten kann man dies an den Ohren sehen, und von den sichtbaren Schleimhäuten ist es namentlich das Zahnfleisch, auf welchem sich die Bleichsucht abspiegelt. Die Wangen sind weniger maßgebend; es giebt rothwangige Mädchen mit Bleichsucht und blaßwangige ohne Bleichsucht.

Der genannte Blutfehler bildet sich bei einer unzureichenden Nahrung, bei einem Speisezettel, auf welchem die Fleischspeisen vergeblich gesucht werden. Da aber, wie bekannt, die Bleichsucht besonders häufig in Städten vorkommt und dort sogar bis in die höchsten Stände hinaufreicht, so wird sich vielleicht Dieser oder Jener zu der Frage veranlaßt sehen, ob denn bei dieser Krankheit wirklich der Mangel an Fleischnahrung im Spiele sei, denn im Allgemeinen nimmt man doch an, daß in Städten mehr Fleisch gegessen werde als auf dem Lande. Wer aber das Leben kennt, der weiß gar wohl, daß in manchen „vornehmen“ Häusern die Beefsteaks oft aussehen wie – Kartoffeln; daß ferner, wenn wirklich einmal Fleisch auf den Tisch kommt, dasselbe häufig in ungesunden, schwer verdaulichen und namentlich überwürzten Gerichten erscheint, und daß endlich in den Quantitäten und in der Eintheilung der Mahlzeiten oft nicht die geringste Rücksicht genommen wird auf die Gesundheit.

Nachdem man, wie bereits angegeben wurde, den Eisenmangel im Blute als das Wesen der Krankheit erkannt hatte, suchte man diesen Mangel auszugleichen durch eisenhaltige Arzneien. Ueber die Wirkungsweise dieser Mittel entwickelten sich im Verlaufe der Zeit ganz verschiedene Ansichten. Die Einen behaupten, das Eisen heile die Bleichsucht, indem es in’s Blut übergehe, während Andere versichern, das Eisen greife gar nicht in den Stoffwechsel ein, sondern wirke blos als ein wohlthätiges Reizmittel für die Verdauung. Exacte physiologische Versuche haben nun dargethan, daß nur ein ganz kleiner Theil der Eisenpräparate sich mit dem Eiweiß im Speisebrei zu einer Verbindung vereint, welche zum Uebergang in’s Blut befähigt ist; bei weitem der größte Theil passirt als Schwefeleisen nutzlos den Darm. Eine noch größere Schattenseite solcher Eisencuren zeigte sich darin, daß von den vielen Stahlpulvern, Stahltropfen, Stahlwässern nicht ein einziges sich als „wohlthätiges Reizmittel“ des Magens bewährte, daß im Gegentheile bei länger fortgesetztem Gebrauche – und dieser ist ja in einer so langsam verlaufenden Krankheit immer nöthig – regelmäßig Verdauungsstörungen auftreten. Zuerst kommt ein Gefühl von Schwere in der Magengrube, dann folgt Aufstoßen von übelriechenden Gasen und zuletzt eine gänzliche Niederlage des Appetits.

Wo ist unter solchen Umständen das Heil für Bleichsüchtige zu suchen? Gehe einmal, anstatt immer nur der lateinischen zuzulaufen, in die deutsche Küche! Dort wirst Du unter Anderem auch diejenigen Heilmittel finden, welche Eisen in einer leicht verdaulichen Form enthalten und zudem noch vortrefflich munden. Diese Heilmittel heißen: Beefsteak, englischer Braten, Soupe à la reine etc. Alles Fleisch, welches eine rothe Faser hat, ist als eisenreich bekannt; ferner ist durch die Praxis mehr als genügend constatirt, daß dieses Eisenpräparat noch nie jene Störungen in der Verdauung verursacht hat, welche oben geschildert sind. Darf man sich also wundern, wenn in neuester Zeit immer mehr Aerzte ihren derartigen Patienten keine Recepte mehr verschreiben, sondern – Speisezettel? Es genügt aber nicht, den Kranken die zuträglichen Speisen einfach zu nennen; man muß ihnen auch noch Vorschriften für die Zubereitung geben, weil die meisten der landesüblichen Kocharten Speisen liefern, die für solche Zwecke nichts taugen. Man denke nur an das allbekannte Rindfleisch au naturel und an die alltäglichen Braten; in beiden Gerichten sind die Eiweißkörperchen hart geronnen; beide haben Saft und Kraft in die Saucen ausgeschwitzt; beide sind somit schwerverdaulich gemacht und ihres Nährwerthes beraubt worden. Unter solchen Umständen wird uns gestattet sein, aus dem Munde des Arztes ein wenig den Kochkünstler vernehmen zu lassen. Nimm zu dem für solche Kranke bestimmten Braten kein anderes Stück Fleisch als Filet! Das Filet hat die zarteste Faser und, was hier auch nicht unwichtig ist, den geringsten Fettgehalt. Ein Portion darf nicht schwerer sein als achtzig Gramm. Das faserquer abgeschnittene Stück muß zu einem förmlichen Wurstteige zerhackt werden. Nachdem dieser genügend gesalzen und gepfeffert ist, wird daraus ein fingerdicker Kuchen geformt. Du darfst jetzt aber weder an’s Braten noch an’s Kochen denken. Der Fleischkuchen muß roh verspeist werden; rohes Fleisch ist dreimal leichter zu verdauen als gekochtes. Damit die Speise aber auch munde, müssen darüber zwei Schnitte einer frischen (das heißt weißen, nicht mumienartig gebräunten) Salzsardelle gekreuzt werden; in jedes der vier Felder kommt eine Kaper. (Im Vorbeigehen sei bemerkt, daß diese vortreffliche Speise auch häufiger auf den Tisch der Gesunden kommen sollte; für diesen Fall darf sie dadurch noch etwas pikanter gemacht werden, daß man in dem Teller, in welchem man das Gericht serviren will, noch einen Eßlöffel voll Weinessig und einen Theelöffel voll feinstes Olivenöl, sogenanntes Jungfernöl, verrührt.)

Die zweite für Bleichsüchtige geeignete Fleischgattung, das Hammelfleisch, darf nur in der Form von Coteletten auf den Tisch kommen, welche auf dem Roste à l’anglaise gebraten wurden. – Auch manches Wildpret ist für solche Curzwecke sehr geeignet, z. B. fast alles Haarwild, und vom Federwild die Schnepfen, Wildenten, Wildtauben. Bei diesen herrlichen Tröstern für betrübte Bleichsüchtige muß aber entschieden gewarnt werden vor dem allgemein üblichen Beizen. Die Mägen der Bleichsüchtigen vertragen nur frischen (ungebeizten) Braten, zu welchem bekanntlich nur junges, zartes Fleisch verwendbar ist. Auch die Jus (Bratensaucen) taugen hier nichts, einestheils wegen der vielen Würzen, anderntheils wegen ihres großen Gehaltes an Fett und leimigen Substanzen.

Von den Suppen für Bleichsüchtige ist nur jene Art zu empfehlen, die zur Grundlage eine fettarme, aber dennoch kräftige Fleischbrühe hat und anstatt der sonst so gebräuchlichen Einlagen aus der Reihe der Stärkemehlstoffe (Reis, Sago, Tapioca) eine solche aus dem Thierreiche. Obenan steht die weltberühmte Soupe à la reine, welche bekanntlich zerhackten Geflügelbraten zur Einlage hat.

Der Peccoe- und der Souchongthee enthält immer eine gewisse Menge Eisen und Mangan, nach Liebig ungefähr ebenso viel wie eine schwache Stahlquelle. Deshalb darf auch solcher Thee auf den Speisezettel der Bleichsüchtigen gesetzt werden; er eignet sich ganz besonders als Beigabe zu kaltem Fleischbraten. Der Thee für Bleichsüchtige darf nicht länger als fünf Minuten aufgegossen werden, da er sonst zu viel Tannin aufnimmt, welcher Stoff, wenigstens in größeren Quantitäten, die Verdauung der Eiweißkörper zu stören vermag. Zweitens darf solcher Thee nicht zu stark sein; ein Thee, zu welchem mehr als zwei Gramm Blätter auf zweihundert Gramm Wasser genommen wurde, ist für solche nervöse Kostgängerinnen zu aufregend. Endlich muß man nicht vergessen, daß vieles Kochwasser hart, kalkreich ist und deshalb zum Theesieden nichts taugt; man verwende also destillirtes Wasser aus der Apotheke!

Bevor wir nun zur Aufstellung des vollständigen Speisezettels übergehen, wollen wir noch, damit ja keine Irrthümer geschehen können, über einige andere Nahrungs- und Genußmittel zu Gericht sitzen, welche mitunter den Bleichsüchtigen gedankenlos gestattet werden. Alles Fleisch mit weißer Faser, also namentlich das Kalbfleisch paßt hier nicht; es hat einen viel zu geringen Gehalt an Eisen und einen viel zu großen an Leimstoff. Das Schweinefleisch muß schon wegen seines Fettreichthums gestrichen werden. Die Eier werden im gewöhnlichen Leben selten richtig beurtheilt; Wenige wissen, daß dieselben in ihrem Fettgehalt nicht weit hinter dem Mastochsenfleische stehen. Die Milch enthält allerdings auch viel Eiweißkörper, dabei aber wieder soviel Fett, daß Milchcuren eher geeignet sind, ein reichliches Fettpolster zu schaffen als besseres Blut. Und viele Bleichsüchtige sind schon ohnedem wegen eines allzugroßen Körperumfangs ein Bischen in Verlegenheit. Gemüse sind, mit Ausnahme allenfalls des eisenreichen Spinats, als nutzloser Ballast zu bezeichnen; Bleichsüchtige können bei ihren schwachen Magen keine Dinge brauchen, welche fast ohne allen Nährwerth sind und zudem noch gerne Blähungen verursachen. Es gab eine Zeit, [233] wo man den Bleichsüchtigen ohne Weiteres kräftige Rothweine verordnete, also Weine mit großem Alkohol- und großem Tanningehalte. Wir haben schon erwähnt, welchen störenden Einfluß das Tannin auf die Verdauung hat; das Gleiche gilt auch von stark weingeistigen Getränken. Wenn also durchaus Wein getrunken werden muß, so wähle man wenigstens leichte, reelle, nicht über ein Jahr alte Weißweine. Die Erfahrung hat zur Genüge dargethan, daß die milden Säuren solcher Weine zur Lösung der Eiweißkörper beitragen, also der Verdauung der Fleischspeisen Vorschub leisten.

Nach diesen Einleitungen wird es nun keine große Schwierigkeiten mehr bieten, einen für Bleichsüchtige in allen Theilen zuträglichen Speisezettel aufzustellen. Der erste Gedanke muß sein, für jede Mahlzeit wenigstens ein eisenreiches und dabei leicht verdauliches Fleisch-Gericht als Hauptgang aufzustellen. Im Besonderen wird demnach der Speisezettel lauten:

8 Uhr, Frühstück: Einen Wiel’schen Fleischkuchen, exact auf oben beschriebene Art zubereitet; 1/4 Stunde darauf eine kleine Tasse (200 Gramm) Peccoethee.

12 Uhr, Mittagessen: 250 Gramm Soupe à la reine.

4 Uhr, Abendessen: 80 Gramm kalten Wildbraten; 1/4 Stunde nachher 200 Gramm Peccoethee.

8 Uhr, Nachtessen: 100 Gramm Hammelscoteletten; 1/4 Stunde nachher ein Glas Wein.

NB. Was nicht auf diesem Zettel steht, ist – verboten.[1]

Sollte sich jemals ein entschiedener Widerwille gegen das genannte Fleischfrühstück einstellen, so darf man jedenfalls nicht an den sonst so gebräuchlichen Milchkaffee denken; reiner, gründlich entölter Cacao ist viel empfehlenswerther, weil dieser einen weit höheren Nährwerth und keine aufregende Nebenwirkung hat. Und sollte sich jemals ein förmlicher Heißhunger nach Gemüse oder Brod einstellen, so sind, außer dem eisenreichen Spinat, die leichtverdaulichen Wurzelgemüse für kurze Zeit zu gestatten; vom Brode allenfalls die harte Rinde, welche bekanntlich viel leichter zu verdauen ist, als das nur aus aufgeblähtem Kleister bestehende weiche Innere.

Manchmal liegt aber die Verdauung so sehr darnieder, daß man nicht direct zu diesem Speisezettel übergehen kann. In solchen desperaten Fällen ist die Cur mit der Leube-Rosenthal’schen Fleischsolution einzuleiten. Eine Gebrauchsanweisung für dieses auch dem schwächsten Magen verdauliche Nahrungsmittel ist den Blechkapseln aufgeklebt, in welchen es verschickt wird.

Wenn überhaupt bei der Bleichsucht – und dies ist ja bekanntlich kein seltener Fall – die Klagen über gestörte Verdauung immer und immer wieder in den Vordergrund treten, so wird man eben zuerst den Magen in Ordnung bringen müssen (lies hierwegen den „Tisch für Magenkranke“, von welchem Buche nach wenig Monaten eine zweite Auflage in die Welt hinaus gehen mußte).

Da, wie schon oben bemerkt, die Mehrzahl der Bleichsüchtigen in den Städten vorkommt, so wird mancher Hausarzt auch daran denken, seine Patientin auf’s Land zu schicken. Er mag dies thun, wenn er überzeugt sein kann, daß dort auch das Wichtigste von Allem, das richtige Essen, zu bekommen ist, denn bei dem in Curorten üblichen Getafel wird kein kranker Mensch gesund. Es ist bekannt, daß der Aufenthalt in hochgelegenen, reich bewaldeten Gegenden sehr wohlthätig auf den Ernährungsproceß wirkt; schon manche Bleichsüchtige hat, nachdem sie alle Mittelchen ohne jeglichen Erfolg durchprobirt, erst durch obige Diät und einen längeren Aufenthalt im Engadin oder Schwarzwald die langersehnte Gesundheit wiedererlangt.

Med. Dr. Josef Wiel in Zürich. 




 An Ferdinand Freiligrath.

Ich darf nicht steh’n an Deines Grabes Rand;
Ich werf’ Dir nicht auf’s Haupt die Schaufel Erde.
Des kranken Kindes fieberheiße Hand,
Sie hält zurück mich an dem Heimathherde.
Doch ständ’ ich auch an Deiner Schlummerstatt
Und kränzte Deine Stirne, die erblaßte,
Ich weinte still an Deinem Sarg mich satt
Und fänd’ kein Wort, das Deinen Werth umfaßte.

Wohl ward dem Dichter reichen Ruhmes Zier,
Doch laß’ mich das zu höchstem Lobe sagen:
Noch zehnmal höher stand der Mann in Dir
Und selten hat ein solches Herz geschlagen,
So frei von Selbstsucht, ehrlich, g’rad’ und schlicht.
Was Weib und Kind, den Freunden Du gewesen,
Was wir verlieren, o, das sagt sich nicht,
Das kann nur Gott in uns’rer Seele lesen.

Und Keiner treuer zu dem Volke stand –
Im fremden Land gingst Du auf Dornenwegen.
Da rief den Flüchtling heim das Vaterland;
Mit off’nen Armen kam es Dir entgegen.
Der deutsche Geist, längst steht er siegreich da;
In Schlachten hat die deutsche Kraft gesprochen.
Als an die Brust Dich zog Germania,
Da hörten wir des deutschen Herzens Pochen.

Das war ein Klang! Vom fernsten Meergestad’,
Vom Urwalddickicht kamen Dir die Grüße,
Daß man mit Rosen schmücke Deinen Pfad,
Daß man des Lebens Herbe Dir versüße.
Da sahst Du, was an Liebe Du gewannst,
Da sahst Du, welchen Segen Du errungen.
Dein Lied: „O lieb’, so lang’ Du lieben kannst!“
Für’s deutsche Herz war’s nicht umsonst gesungen.

Nun tönt um Dich die Klage, Sanggenoss’! –
Der glühend uns gemalt der Tropen Bilder,
Der uns der fremden Dichtung Schatz erschloß,
Der uns in heiß bewegter, stürmisch wilder,
Gewalt’ger Zeit der Freiheit Credo sang,
Er, der noch in dem letzten Völkerstreiten
Sein Liederschwert stolz wie kein And’rer schwang,
Er ist verstummt, verstummt für alle Zeiten! – –

Mag’s denn ein Trost in uns’rem Leide sein:
Die Liebe stand an Deinem Sterbebette.
Auf deutscher Erde schlief der Dichter ein;
Im Vaterland ist seine Ruhestätte.
Und nicht als welker Greis, vom Kampfgefild’
Bist Du in voller Kraft zur Gruft getreten. –
Schlaf sanft! Im deutschen Herzen lebt Dein Bild,
Das Bild des Volkstribunen und Poeten.

 Emil Rittershaus.

Barmen, an Freiligrath’s Begräbnißtage, den 21. März 1876.




Nachdruck verboten und Ueber-
setzungsrecht vorbehalten.     
Das rothe Quartal.
(März–Mai 1871.)
Von Johannes Scherr.
6. Es wird kanonirt, prophetirt und charlatanisirt. – 7. Verfolgungswahnsinn.


Das „Alles schon dagewesen“ hält auch nicht mehr stand. Denn in unseren Tagen hat die menschliche Tragikomödie, sonst auch Geschichte genannt, uns wahrhaftig verschiedene noch nicht dagewesene Figuren und Scenen vorgeführt. War nicht die ganze Scenerie des Kommunespiels eine neue, insofern die deutschen Soldaten sehr wahrnehmbar in den Kulissen standen? Und ist nicht der Marschall Mac Mahon eine neue, noch nicht dagewesene Figur? Gewiß ist er das. Nicht darum zwar, weil er, der notorische Royalist, den Präsidenten einer Republik vorstellt, sondern desshalb, weil er, der bei Wörth davongerittene und bei Sedan davongetragene General, zum Staatsoberhaupt seines Landes erkoren worden. Daß siegreiche Degen zu Skeptern [234] wurden, das ist schon oft dagewesen. Daß ein zerschlagener Degen als Skepter fungirt, das ist neu.

Maßen der alte Thiers nicht selber zu Pferde steigen konnte – gewiß zu seinem großen Leidwesen – so mußte er sich nach einem passenden Obergeneral umsehen, und seine Wahl fiel auf den aus deutscher Kriegsgefangenschaft zurückgekehrten Mac Mahon. Daß dieser trotz Wörth und Sedan noch ein solches Ansehen behalten hatte, zeugt immerhin von seiner soldatischen Tüchtigkeit. Vielleicht wollte die Quasi-Republik durch die Ernennung des sehr katholischen Marschalls der hochwürdigen Klerisei eine Bürgschaft geben. Uebrigens war ja auch die Auswahl nicht groß.

Der Marschall hatte ausreichende Streitkräfte unter seiner Hand, an 150,000 Mann. Die „aktive“ Armee, anfänglich drei, später fünf Korps stark, wurde von den Generalen Ladmirault, Cissey, Du Barrail, Douay und Clinchant kommandirt. Die „Reservearmee“ befehligte der General Vinoy. Nachdem die Organisation, Ausrüstung und Vertheilung der Truppen vollendet war, begannen die Blauen am grünen Donnerstag (6. April) ihre Angriffsbewegungen gegen die Rothen. In der Richtung auf Neuilly zunächst. Die Feldwachen der Rothen, welche sich wieder bis Courbevoie vorgewagt hatten, wurden von dort über die Seinebrücke und die Avenue hinab bis zur Porte Maillot zurückgetrieben. Zugleich überschüttete der Mont Valerien Neuilly und dessen Umgebung, sowie am folgenden Tage die Champs-Elysées und das Quartier Les Ternes mit Kugeln, welche eiserne Boten den Parisern den ganzen Ernst der Lage und den Beginn des zweiten Bombardements der Stadt verkündeten. Der Karfreitag sah einen achtstündigen mörderischen Kampf um den Besitz der Brücke von Neuilly. Die Rothen schlugen sich mit Todesverachtung, und erst am nächsten Tage (8. April) verzichteten sie darauf, die von den Blauen genommene wichtige Brücke wiederzunehmen. Nach schweren Verlusten konnten demzufolge die Regierungstruppen am rechten Seineufer Batterien errichten, welche im Verein mit denen des Mont Valerien die Porte Maillot in der Umwallung und über diese hinweg den Arc de Triomphe und die Champs-Elysées zu Zielpunkten nahmen. Den Ostersonntag und Ostermontag über ruhten die Waffen. Am 11. April sodann inaugurirte der Marschall seine Oberbefehlshaberschaft durch ein heftiges Artilleriefeuer, welches die blauen Batterien von Neuilly und Chatillon aus gegen die Porte Maillot und die Südforts richteten. Ein in der Nacht mit bedeutenden Streitkräften unternommener Versuch, die Südforts mittels Ueberrumpelung zu nehmen, schlug gänzlich fehl. Die Rothen waren wachsam und gut vorbereitet. Sie bereiteten den Ueberrumpelern einen so heißen Empfang, daß diese ihn zu heiß fanden und eiligst den Rückzug antraten. Viel besser gelang etliche Tage darauf den Blauen ein Schlag vor der Westfronte der Stadt: die Erstürmung des bei Asnières gelegenen, von den Rothen besetzten und befestigten, den Strom, sowie die Straße zwischen Courbevoie und Asnières beherrschenden Schlosses Bécon durch die Truppen des Generals Montaudon am 17. April. Dies war für die Rothen ein nicht zu mißachtendes Signal, sich definitiv auf das rechte Seineufer zurückzuziehen. Die Fortsetzung der Kämpfe in dieser Gegend, hartnäckige Feuergefechte ohn’ Ende mit sich bringend, fiel schwer auf die zwischen der Umwallung und dem Strome gelegenen Ortschaften Clichy, Levallois, Champerret, Villiers und Neuilly, deren Insassen sich und ihre Habseligkeiten so gut es ging nach Paris hineinflüchteten, während die zierlichen Dörfer oder Städtchen selbst unter den sich kreuzenden Geschossen in Trümmer sanken. Der Plan des Marschalls wollte, daß die Truppen auf der Südseite wenigstens ebenso weit vorgeschritten sein müßten wie auf der Westseite, bevor von beiden Seiten ein gleichzeitiger Angriff auf die Umwallungslinie geschehen könnte. Aber in den Südforts, namentlich in Issy und Vanves, behaupteten sich die Rothen mit wilder Zähigkeit bis in den Mai hinein gegen ihre blauen Belagerer. Denn hier sahen sich die Generale der letzteren genöthigt, zu förmlichen Belagerungen zu schreiten, mit Laufgräben und allem Zubehör vorzugehen. Der Kampf um diese Citadellen führte allerhand Krisen im Schoße der Kommune mit sich und gab auch den unmittelbaren Anstoß zum Sturze von Cluseret. Am 9. Mai fiel Issy, am 14. Mai Vanves endgiltig in die Hände der Blauen. Die rothe Fahne war selbst auf den Trümmerhaufen, wozu die Kugeln der Belagerer die beiden Burgen gemacht hatten, bis zur äußersten Möglichkeit aufrechtgehalten worden.

Nunmehr konnten die Truppen des Marschalls gegen die Umwallung der Stadt selber vorgehen, aber nicht etwa mit einem Sturmangriff, welcher vorerst ganz aussichtslos gewesen wäre. Spitzhacke, Spaten und Schaufel, die Berechnungen und Künste des Ingenieurs, die Wirksamkeit des Belagerungsgeschützes mußten vorerst in Anwendung gebracht werden und wurden es. Im Lieblingsparke der Pariser, im Bois de Boulogne, zwischen jenen kokett sich kreuzenden Fahr-, Reit- und Wandelwegen, auf welchen sonst der Luxus allen seinen Uebermuth und Frauenschönheit alle ihre Lockungen entfaltet hatten, wurde jetzt eine riesige Schanze aufgebaut und mit 70 Geschützen schwersten Kalibers bewaffnet. Diese Batterie spie sofort ihren Eisenhagel auf den ihr gegenüber liegenden Wall und die dahinter gelegenen anmuthigen Vorstädte Auteuil und Passy, und Dank diesem Eisenhagel vermochte der hier kommandirende General Douay seine Laufgräben der Umwallung rasch näher zu treiben.

Aber aller Eifer der Blauen, alle ihre Vorschritte waren doch bei weitem nicht rasch genug, um den unheilvollen Gedanken, womit die Kommune oder wenigstens die Fanatiker in derselben sich trugen, von vornherein die Möglichkeit einer Verwirklichung abzuschneiden. Daß solche Gedanken, eine beispiellose Katastrophe vorzubereiten, vorhanden waren, hat nachmals die kriegsgerichtliche Untersuchung klargestellt. Uebrigens hatten die Fanatiker und die Charlatane des rothen Schreckens ihrer Absichten auch gar kein Hehl. Im Gegentheil, sie machten förmlich damit Parade. Einer der rothen Hauptcharlatane – zum Fanatiker war er viel zu schlecht – Jules Vallès, Mitglied der Kommune, sagte jedem, der es hören wollte, mündlich und in seinem Gossenblatt „Cri du peuple“ schriftlich, daß die Rothen den Blauen Paris nur als einen Trümmerhaufen überlassen wollten und würden. „Die Banditen von Versailles mögen ein Fort nach dem andern nehmen. Sie mögen auch die Stadtumwallung niederwerfen. Aber keiner ihrer Soldaten wird trotzdem Paris betreten. Wenn Thiers etwas von Chemie versteht, so wird er uns verstehen. Die Armee von Versailles mag wissen, daß Paris vor nichts, aber auch vor gar nichts zurückschrecken wird und daß alle Maßregeln getroffen sind.“

Wie wohlbedacht diese Drohungen waren, hat der Schlußakt des rothen Quartals nur allzu roth, zu blut- und feuerroth bewiesen. Unser Charlatan von Prophet freilich scheint nicht daran geglaubt zu haben, daß andere seine finsteren Prophezeiungen in Erfüllung bringen würden. Nachstehende Scene, die ein durchaus verlässlicher Zeuge mitgetheilt hat, zeichnet den Menschen und mit ihm alle jene gewissen- und schamlosen Zigeuner, welche aus der Agitation ein Handwerk und aus der Revolution eine Versorgungsanstalt gemacht haben und machen.

Am 11. Mai erzählte im Kafé Madrid ein Pariser dem deutschen Publicisten G. Schneider Folgendes: „Ein Freund von mir, der Direktor des Journals ‚Eclipse,‘ war von einem gewissen Pilotell, der, – ein Karikaturenzeichner letzten Ranges und verkommenes Subjekt – vom Centralkomité zum Quasiminister der schönen Künste erhoben, diesen hohen Posten mit der Stelle eines Polizeikommissärs vertauscht hatte, ausgeplündert und arretirt worden. Ich wollte versuchen, durch Vallès die Freilassung des Verhafteten zu erlangen, und da man mir sagte, daß er bei dem Weinhändler Delille an der Place des Victoires zu speisen pflegte, ging ich dorthin. Bald trat Vallès ein. Er hatte sich den Bart verschneiden lassen und trug Sommerkleider mit einer rothen Rosette im Knopfloch. Den unvermeidlichen Schleppsäbel an der Seite, eingehüllt in einen polnischen Schnürenrock, Ungarstiefeln an den Füßen, eine Fischottermütze auf dem Kopfe, rief er mir zu: ‚Wollen Sie meine Stelle im Hôtel de Ville einnehmen?‘ – ‚Schönen Dank! Ich habe keine Lust füsilirt zu werden.‘

Er legte Mütze, Rock und selbst Weste ab. Seine schwarzen Haare tropften von Schweiß; seine Augen glühten in Fieberhitze; seine Brust keuchte. ‚Was für ein Handwerk!‘ rief er aus. ‚Und ich, der ich so faul bin! Diese Leute dort werden mich noch verrückt machen. Sitzung bei Tage, Sitzung bei Nacht. Und wozu? Das Lob Baboeuf’s zu singen! Sehen Sie, die Versailler entreißen uns Stunde für Stunde Terrain, Mauer, Hoffnung, [235] wir aber sind auf heute Abend zusammenberufen, um über einen Antrag Courbet’s zu rathschlagen, der mit seiner Demission droht, wenn man nicht die Absetzung Gottes dekretirte. Ich meinerseits werde gegen den Antrag stimmen. Gott genirt mich nicht. Nur Christus mag ich nicht leiden, so wenig wie alle Scheinberühmtheiten.‘ Vallès, der niemals gutherzig gewesen, schlug mir meine Bitte ab. Ich fragte dann noch: ‚Wie soll das alles enden?‘ ‚Oh, auf die einfachste Weise von der Welt‘, entgegnete er. ‚Cluseret oder ein anderer verkauft den Versaillern ein Wallthor, und eines schönen Morgens liest man uns in unseren Betten auf – ein hübscher Blumenstrauß für Cayenne! Ich jedoch hoffe zur rechten Zeit benachrichtigt zu werden; mein Koffer ist gepackt; ich mache mich aus dem Staube nach der Schweiz oder Belgien. Binnen sechs Monaten giebt es in Frankreich einen Regierungswechsel, der eine Amnestie mit sich bringt. Dann kehre ich zurück und werde, Dank meiner Popularität, Deputirter. Als solcher nehme ich Platz auf den Bänken der Opposition, d. h. der gemäßigten[WS 2] Opposition, und meiner Treu, es ist ja alles möglich, und ich sehe nicht ein, warum ich nicht Minister werden sollte. Ernest Picard ist’s ja auch geworden.‘“




„Einen Diktator müssen wir haben. Wir brauchen die Diktatur,“ rief Rochefort in seinem „Mot d’ordre“ aus, und wahrscheinlich fühlte dieser Schnurrant mit der Feder in sich selber das Zeug zu einem richtigen Diktator. Die ins Schranken- und Sinnlose überspannte Demokratie ist auch wirklich allzeit und überall in eine Diktatur ausgelaufen. Wenn die Menschen merken, daß ihnen mit dem Aberglauben an den souveränen Unverstand der Mehrheit nicht geholfen sei, so werfen sie sich wieder dem Aberglauben an den souveränen Verstand der Minderheit in die Arme, so leidenschaftlich, daß sie die Minderheit schließlich auf eine Persönlichkeit einschränken und nur von einem einzelnen Menschen erwarten, was die ganze Menschenmasse nicht zu leisten vermochte. Natürlich werden sie auch wieder betrogen. Denn von der Täuschung zur Enttäuschung und von dieser wieder zu jener zu taumeln, das ist das Loos der Menschheit.

In der Kommune fand jedoch die Forderung Rochefort’s keinen Anklang. Die Herren vom Stadthause hielten sich für viel zu wichtig, als daß sie irgendwem die Diktatur gegönnt hätten. Sie amteten also fort, hatten aber unter sich fortwährend mehr oder minder heftige Schismen auszugleichen. Auch mußte ja die Kommune das thatsächlich fortbestehende, aus dem Hôtel de Ville in ein Haus der Rue de l’Entrepot übergesiedelte Centralkomité mitregieren lassen.

Wenn aber die einköpfige Diktatur verwerflich, wie war es mit einer vielköpfigen? Im Evangelio Sankti Jakobi vom dreimalheiligen Jahr 1793 steht ja zu lesen, daß so eine Diktatur, genannt Comité du salut public oder Wohlfahrtsausschuß, Frankreich und die Republik gerettet habe. Also fahren wir getrost fort in unserer Affenpolitik und machen wir ebenfalls einen Wohlfahrtsausschuß, auf daß Frankreich und die Kommune gerettet werden. Der Bürger Miot stellt den bezüglichen Antrag, und derselbe geht durch mit 34 gegen 28 Stimmen. Darauf am 1. Mai Wahl des Ausschusses durch die 34 Bejaher der Frage. Resultat: die Bürger Arnaud, Meillet, Ranvier, Pyat, Gérardin sind Wohlfahrtsausschüssler. Diese Fünfeinigkeit ist aber nicht von Dauer. Nach dem 9. Mai, von wo ab – Fort Issy war verloren – der ganze Handel schief, sehr schief zu gehen anfing, wird ein neuer Wohlfahrtsausschuß bestellt – aus den Bürgern Arnaud, Billioray, Eudes, Gambon und Ranvier. Allein das Ding ist überhaupt nicht recht lebensfähig. Eine starke Minderheit, worunter Beslay, Clément, Jourde, Vermorel, protestirt von vornherein gegen die ganze Wohlfahrtsausschüsselei, als der Einheit und dem Zwecke der Kommune zuwider. Die wirkliche Macht, soweit solche noch einheitlich vorhanden, geht nach dem 9. Mai auf den Kriegsdelegirten Delescluze über. Mit der Oberbefehlshaberschaft über die sämmtlichen Streitkräfte wird der Pole Dombrowsky betraut, an welchen alsbald zwei Landsleute, zwei[WS 2] jener „edlen Polen aus der Polakei“, wie Heine sie besungen[WS 2], Byszynsky und Wolowsky, sich heranmachen, um ihn mit Versailles in Beziehung zu setzen, d. h. zum Verrath zu verlocken, was aber nicht gelingt. Dombrowsky hält fest an der übernommenen Verpflichtung. Im übrigen spielt von jetzt an so ziemlich jeder Kommunard in Paris den Diktator auf eigene Faust, soweit eben seine Faust reicht. Die Fäuste von Gesellen wie Rigault und Ferré reichen leider weit, viel zu weit. …

Am 12. Mai gab der Wohlfahrtsausschuß in einer Proklamation den Nothschrei von sich, daß die „Reaktion daran verzweifelt, Paris mittels Waffengewalt zu besiegen“ und darum darauf ausginge, die Kräfte der Rothen „mittels Korruption zu zerstören“. Dann noch bestimmter: „Ihr (der Reaktion) mit vollen Händen ausgestreutes Gold hat bei uns käufliche Gewissen gefunden.“ Ja wohl! Selbst der schaugespielte Fanatismus eines Billioray und Mortier von der Kommune soll der gelben Beredsamkeit des versailler Goldes nicht widerstanden haben. Indessen wurden alle Anschläge der Verräther, dieses oder jenes Thor den Blauen zu öffnen, vereitelt. Das Unheil wollte und mußte seinen Verlauf haben.

Mit dem Anfang des Maimonds kam es in rascheres Rollen und Stürzen. Die Mißachtung der Freiheit der Personen und der Sicherheit des Eigenthums nahm von Tag zu Tag größere Verhältnisse an. Die Razzias bei mißliebigen reichen Leuten, die Plünderung von Kirchen und Privathäusern, die Verhaftungen „Verdächtiger“, die Jagd auf „Refraktäre“, d. h. auf Leute, welche sich dem Zwangsdienste in der Bürgerwehr entziehen wollten, das alles mehrte sich in erschreckendem Maße und nahm immer entschiedener den Charakter rohrother Brutalität an. Am 14.  Mai ließ der Wohlfahrtsausschuß der Kommune das Dekret ausgehen, daß jeder und jede fortwährend ihre gehörig ausgefertigte und visirte „Bürgerkarte“ bei sich tragen solle. Wer nicht im Besitze einer solchen betroffen würde, sollte ohne weiteres eingethürmt werden. Auch damit hat sich der rothe Schrecken von 1871 wiederum nur als der Affe des rothen Schreckens von 1793 erwiesen. Doch muß man zugestehen, daß die Terroristen von 1871 in ihrem weiteren Vorschreiten etwelche Originalität entwickelten. In der Verfeinerung der Teufelei, wie auch im Ungeheuerlichen trugen sie es sogar über ihre Vorgänger und Vorbilder davon. Die Machenschaft mit den „Geiseln“ einerseits, der Hunnengedanke, Paris zu verbrennen, andererseits geben hierfür Zeugniß. Aber nein, auch dieser Gedanke war nicht neu. Die Zerstörung von Lyon durch die alten Jakobiner konnte die neuen zur Zerstörung von Paris reizen, und hat uns nicht Frau Dudevant (Georges Sand) in ihrer Lebensgeschichte erzählt, daß, als sie eines Spätabends zu Anfang der vierziger Jahre mit ihrem Freunde Michel de Bourges den Quai der Tuilerien hinabgegangen, der genannte Radikale mit seinem Stocke gegen die Quadern des Palastes geschlagen und ausgerufen habe, dieses Schloß und alle die Paläste und Monumente in Paris müßten zerstört werden, bevor eine neue Zeit anbrechen könnte?

Die düstere Wahrsagung ging in Erfüllung. Und was für ein „Neuzeitliches“ ist dann gekommen? Die Republik des Belagerungszustandes, die Republik, welche sich vor dem eigenen Namen fürchtete ….

Wenn man, was freilich nicht leicht ist, kaltblütig den Gang der Tragödie des rothen Quartals betrachtet, so drängt sich einem der Gedanke auf, die vortretenden Rollenträger des Stückes müßten vom Verfolgungswahnsinn ergriffen worden sein. Vom thätigen, wohlverstanden! nicht vom leidenden. Man spürt überall den Narren, aber den blutdürstigen Narren, welcher Methode in seinen Wahnwitz zu bringen weiß und folgerichtig ras’t.

Daß aber die jakobinische Verfolgungswuth von 1871 in erster Linie gegen die Priester sich kehrte, ist sehr begreiflich. Was hatten die Pfaffen nicht alles an Frankreich gesündigt! Sie, die jeder Scheusäligkeit des Despotismus ihren Segen gegeben, jedem an dem französischen Volke durch das Königthum verübten Frevel ihr Tedeum gesungen und im hellen Lichte des 19. Jahrhunderts ihr schandbares Verdummungs- und Verdunkelungsgeschäft mit mehr als mittelalterlicher Schamlosigkeit getrieben hatten. Sie, die sich unter die eifrigsten Bekenner und Verkünder der größten Lüge, welche jemals gelogen worden, der Papstlüge, eingereiht und das Christenthum in Frankreich zu einem der rohesten und abgeschmacktesten Götzendienste gemacht haben, womit irgendwann und irgendwo plumpe Gaukler die stupide Menge äfften. Extrem ruft ja das Extrem. Zu allen Zeiten und überall war es so. Es ist kein bloßer Zufall, es [236] ist eine furchtbare weltgeschichtliche Lehre und Warnung, daß die schwarzen Orgien des Afterglaubens von La Salette, Lourdes und Paray-le-Monial und die rothen Orgien des Jakobinismus von La Roquette in demselben Lande und in derselben Zeit in Scene gesetzt worden sind.

Die Verhaftungen der Priester, Mönche und Nonnen war schon im April ein Lieblingsgeschäft der Kommunarden und wurde so eifrig betrieben, daß bis zum Ende des Monats wenigstens 200 Personen dieser Kategorie in der Conciergerie, in Mazas und La Santé eingekerkert waren. Etliche ließ man wieder laufen. Die Auslese behielt man vorderhand als „Geiseln“, um dieselben gelegentlich gegen von den Blauen gefangene Rothe auszuwechseln oder auch an diesen „Geiseln“ zu rächen, was die Versailler gegen Leute von der Kommune sündigten. Der Erzbischof von Paris, Darboy, wurde verhaftet in der ganz bestimmten Absicht, seine Freilassung Herrn Thiers anzubieten als Aequivalent für die Freigebung Blanqui’s. Herr Thiers fand es nicht gerathen, auf dieses Ansinnen einzugehen.

Die Verhaftung des Erzbischofs erfolgte am 4. April, Nachmittags 2 Uhr. Zugleich mit ihm wurden verhaftet seine Generalvikare Lagarde und Jourdan. Weiterhin die Abbés Surat, Petite, Blondeau, Cerze, Allard, der Pfarrer Deguerry von der Madeleine, sechs Dominikanermönche von Saint Jean de Beauvais, die Jesuiten Ducoudray, Caubert und Clerc, und diesen priesterlichen Gefangenen gesellte man den alten Herrn Bonjean, weiland Senator des Empire. Allein die Verhaftungswuth richtete sich nicht etwa nur auf Priester, auf Royalisten und Bonapartisten, sondern auch auf Republikaner, welche der Kommune nicht huldigten oder welche den Groll eines der Stadthaustyrannen auf sich gezogen hatten. Aus beiderlei Ursachen wurde der allgemein geachtete Republikaner Gustav Chaudey vom „Siècle“ eingekerkert, um später schandbar hingemordet zu werden. Es hatte den Bürger Rigault verdrossen, daß der arme Chaudey in ihm schlechterdings keinen großen Mann, sondern höchstens einen travestirten Danton sehen wollte.

Der Bürger Rigault blähte sich aber in der Polizeipräfektur wie ein Sultan des rothen Schreckens. Als der verhaftete Erzbischof von Paris vor ihn geführt wurde und den salbungsvollen Sermon erhob: „Liebe Kinder, ich bin kein Politiker; ich verstehe nur die Ausübung meines Friedensamtes. Liebe Kinder, denkt doch nach und bedenkt, was ihr thut!“ – da runzelte und rasselte ihn der Prokurator der Kommune an: „Was Kinder! Sie stehen hier nicht vor Kindern, Bürger, sondern vor einer Behörde. Und was Ihr Gepredige betrifft, so können Sie das beiseite lassen. Wir kennen das Zeug; seit achtzehnhundert Jahren macht ihr es der Welt vor.“ Der Erzbischof wagte von der Ungesetzlichkeit seiner Verhaftung zu reden. Aber da kam er übel an. „Pflichtvergessener Pfaffe!“ schrie ihm Rigault zu. „Sie, der Sie dem Meineid auf dem Throne geweihräuchert haben, Sie wagen es, das Wort Gesetzlichkeit im Munde zu führen?“

Leider war die brutale Abfertigung keine ungerechte, sondern eine nur allzu verdiente. Denn allerdings hatte Monseigneur Darboy, gleich seinem Vorgänger Sibour, vor der bekannten semitischen Nase des meineidigen Verbrechers vom 2. December huldigend und segnend das Weihrauchfaß herumgeschwungen.

Etliche Tage später, als der Erzbischof nach Mazas gebracht worden, ging der Doktor Demarquay, bekannt und beliebt wegen seiner unermüdlichen Fürsorge für die Verwundeten, den Beherrscher der Polizeipräfektur um die Freilassung des Prälaten an. „Wie mögen Sie sich um solches Pack kümmern?“ fragte Rigault lachend. „Wenn Sie nicht aufhören damit, lass’ ich Sie versohlen.“ Als aber der Arzt weiter in ihn drang, rief er zornig aus: „Unmöglich, Bürger Doktor! Die Losung unserer Revolution ist: Tod den Priestern!“




Im Generalstabsgebäude in Berlin.


Skizze von George Hiltl.


Auf den Häusermassen der Hauptstadt Berlin und deren Umgebung ruhen noch die Schleier, welche der Morgennebel webt. Allmählich zerreißt die heraufsteigende Sonne das luftige Gespinnst. Aus den flatternden Wolken, die, vom leichten Winde getrieben, durch die Baumreihen des Thiergartens, durch das Geäste und über die Dächer der nächstliegenden Häuser schweben, blicken die Umrisse zweier großen Denkmale hervor, welche, nicht weit entfernt voneinander stehend, sich zu grüßen scheinen: das Brandenburger Thor und die Siegessäule auf dem Königsplatze.

Beide Denkmale ergänzen einander. Die Göttin auf dem Viergespann, welches den kühnen Bau des Thores krönt, ist eine eherne Erinnerung an jene Zeiten, wo Preußen in die Waffen gerufen wurde, um im Bunde mit Oesterreich und Rußland den Feind zu bekämpfen, der sogar deutsche Waffen wider Deutsche zu führen wußte. Die Säule auf dem Platze aber redet von den Kämpfen, in welchen deutsches Blut geflossen durch Bruderhände, bis diese sich vereint gegen den gemeinsamen Feind wandten, denselben, der einst die Väter in Knechtschaft geschlagen.

Groß und gewaltig waren diese Zeiten, in denen aus allen Gegenden die Söhne des Landes von der Werkbank, vom Pfluge, aus der Studirstube, von der Staffelei herbeieilten, die Waffen zu ergreifen, eine zwar unfertige Mannschaft, nur mangelhaft geübt in der Führung der Waffe, aber muthig in die Reihen der Streiter tretend, als es galt, sich vor die Bajonnette der sieggewohnten Armee des gewaltigen Schlachtenkaisers zu werfen, um den Lauf seiner Massen aufzuhalten.

Anders gestaltete sich der Krieg, zu dessen Gedächtniß die hohe Säule errichtet wurde, auf deren Höhe die Göttin des Sieges schwebt, hoch in ihren Händen Kranz und Palme tragend. Dem dreisten Angreifer trat ein Heer entgegen, welches aus den Kindern des Landes gebildet, welches Eins geworden war mit den eisernen Pflichten, die Jedem gebieten, dem Heere sich einreihen zu lassen. Es war das Volk, welches seit den Tagen von 1813, 1814 und 1815 die Waffen in der That nicht aus den Händen gelegt hatte, sondern in steter Uebung erhalten worden war, gleichsam als solle es sich vorbereiten auf einen neuen und gewaltigen Kampf mit demselben gefährlichen Feinde – es war dieses Volk, welches gegen ihn marschirte und ihn zu Boden warf.

Die Erinnerung an jene Heldenführer, deren weise Schlachten-Berechnung die Väter der Kämpfer von 1866 und 1870 zum Siege geleitet hatte, schwebte noch um die Fahnen der Söhne und Enkel, aber auch die neuen Kämpfe sollten neue Männer der That wachrufen. Mit Staunen sah die Welt, wie ein mächtiges Genie seine Schwingen entfaltete, ungeahnt, unerwartet und durch ungeheure Erfolge die einst glanzvollsten Sonnen verdunkelnd.

Diese gewaltige Erscheinung ist Hellmuth von Moltke. Eine Aufzählung der Verdienste dieses großen Mannes wäre ein überflüssiges Unternehmen. Ueber Moltke ist von den Besten der Nation umfassend berichtet worden; er lebt in dem Munde des Volkes als Krieger und Denker und wird leben für alle Zeiten. Stets wird sein Name zusammen genannt werden mit den ruhmvollsten Erinnerungen des deutschen Volkes. Aber doppelt lebendig wird das Gedächtniß seiner Thaten, wenn wir durch die Halle des Brandenburger Thores schreiten, die breite mit Bäumen bepflanzte Straße bis zum Königsplatze und seiner Erinnerungssäule entlang. Es ist eine Etape, eine Etape des Siegesmarsches vom Thore bis zur Säule, und wenn die Strahlen des Morgenlichtes auf dem goldigen Erzblocke blitzen, prallen sie von demselben zurück und werfen ihren hellen, belebenden Schimmer bis zu dem monumentalen Hause an der Seite des Platzes hinüber, in dessen Räumen das Werk der Vertheidigung des Vaterlandes berathen wird.

Die Strahlen schlüpfen durch die Vorhänge der Fenster eines Zimmers; sie scheinen den Insassen desselben zu suchen. Der Morgen ist da – er hat den vornehmsten Bewohner dieses großen Gebäudes, er hat Moltke geweckt.

Mit dem Schlage halb sieben Uhr Morgens erhebt der Feldmarschall sich von seinem Lager. Die strenge Gewohnheit

[237]
Die Gartenlaube (1876) b 237.jpg

Moltke im Vortragszimmer des Generalstabsgebäudes.
Nach einer Photographie auf Holz gezeichnet von O. Schulz.

[238] läßt ihn genau zur bestimmten Stunde sein Tagewerk beginnen; nicht einer Reveille bedarf es, um ihn zu wecken.

Die meisten seiner zahllosen Verehrer können sich den großen Feldherrn, der an der Seite seines königlichen Herrn und Freundes im Donner der Schlachten hielt und, mit dem Dichter zu reden, „mit seinem Blicke die Schlacht regierte“, nicht anders als im Kleide des Krieges mit Helm und Schwert denken. Aber in den stillen Räumen seines Arbeitszimmers, wie anders erscheint uns hier der Schlachtendenker! Er betritt dieses Zimmer im Morgenrock, den feingeformten Kopf mit einem Käppchen bedeckt. Wir empfangen einen wohlthuenden Eindruck von diesen Räumen. Nirgends ein Schmuck jener prahlerischen Zierrathen, welche häufig genug in den Zimmern von Personen anzutreffen sind, die den Eintretenden mit ihren Verdiensten und deren Anerkennungen bekannt machen wollen, nirgends ein grell hervortretender Gegenstand, auf den sich die Blicke sofort heften könnten. Alles ist hier friedlich, ernst und harmonisch; es macht den Eindruck, als walte in diesen Räumen ein emsig, aber im Stillen schaffender deutscher Gelehrter.

Die Lebensweise Moltke’s ist eine äußerst regelmäßige, wie dies bei einem festen, bestimmten, durch eigene Kraft und eigenen Willen vorgezeichneten Wirken auch nicht anders sein kann. Wie bei allen wahrhaft großen Erscheinungen, ist diese Lebensweise ebenso einfach, wie der Mann selbst, der ihr huldigt, bedeutend und glänzend dasteht. Wenn der Feldmarschall in sein Zimmer getreten ist, nimmt er den Kaffee ein, wobei der Duft einer Cigarre sich mit dem des Mocca verbindet. Nach genossenem Frühtrunk geht er an sein Tagewerk. Seine Feder gleitet schnell und stets sehr regelmäßig über das Papier, – er ändert nur höchst selten in einem Briefe oder Manuscripte; denn seine Gedanken sind immer fest, bestimmt und nie schwankend.

Mit dem Schlage neun Uhr bringt man ihm die Dienstbriefe, welche er sehr genau, obwohl schnell, zu lesen pflegt. Noch ist das Arbeitszimmer von keinem Anderen als von dem „großen Schweiger“ selbst und dessen Diener betreten worden, aber zwischen zehn und elf Uhr wird es lebendiger. Die Adjutanten erscheinen; die Rapporte werden abgestattet; hin und wieder beginnt eine kurze Discussion; eine Entscheidung wird gefällt, ein besonderer Befehl ertheilt. Während des Lesens der eingelaufenen Briefe liebt Moltke nicht, gestört zu werden, doch haben die Chefs der Abtheilungen zu jeder Zeit freien Zutritt, und nicht selten lösen mehrere jener Herren einander ab, wenn es gilt, wichtige Meldungen zu machen.

Erst um elf Uhr wechselt der Feldmarschall seine bequeme Hauskleidung und legt Uniform an. Seine Toilette ist schnell beendet. Bei gutem Wetter tritt er wohl dann und wann auf den großen, vor dem Zimmer hinlaufenden Balcon und läßt seine Blicke über den Platz, zu dem Denkmale schweifen, zu dem Wahrzeichen so vieler Siege, an deren Erringung er den größten, glänzendsten Antheil gehabt.

Dann beginnt er auf’s Neue zu arbeiten. Was seit der frühen Morgenstunde angekommen ist und schneller Erledigung bedarf, wird durch seine Hand gefördert und abgemacht. Während der Arbeit hat man ihm das höchst einfache Frühstück gebracht. Es besteht aus einem Brödchen und einem Glase jenes vielgenannten, vielgerühmten und viel angefeindeten Bieres, welches den Namen „Hoff’sches Malzextract“ führt und in pomphaft ausgestatteten Wagen durch die Straßen Berlins gefahren wird.

Die Arbeiten Moltke’s währen ohne Unterbrechung bis gegen zwei Uhr. Genau seine Zeit eintheilend und abmessend, schiebt er mit dem zweiten Glockenschlage die Arbeit zur Seite, denn die Stunde ist da, in welcher der Vortrag beginnt. Diesen halten die höheren Officiere ihrem Chef – er findet täglich ohne Ausnahme statt und ist, je nach den Umständen, von kürzerer oder längerer Dauer. Unser Bild stellt den Augenblick dar, wo Moltke in seinem Vortragszimmer kurz vor dem Eintritte der Officiere die eingegangenen Schriften mustert.

Erst nach Beendigung dieses Vortrages verläßt er das Arbeitszimmer, um einen Spaziergang zu machen. Man kann den Gefeierten nun, in seiner schlichten Weise grüßend, hin und wieder an den Läden verweilend, in den Straßen Berlins sehen. Moltke ist selbstverständlich eine der bekanntesten, populärsten Erscheinungen; es wird ihm gegenüber stets eine ganz besondere Ehrerbietung an den Tag gelegt, welche sich namentlich durch Vermeidung jeder Art des Drängens um seine Person kennzeichnet. –

Nach der Heimkehr von dem Spaziergange findet das Diner statt. Unser Held genießt es im Kreise seiner Familie. Sein Lieblingsgetränk ist Moselwein. Nach dem Schlusse des Mahles wird der Kaffee im Arbeitszimmer, und zwar am Kamine, bei der Cigarre eingenommen. Diese Zeit soll eine der angenehmsten und behaglichsten für den edlen Greis sein, der mit den Seinen in zwangloser, heiterer Unterhaltung bis fünf Uhr beisammen zu bleiben pflegt.

Um diese Stunde beginnt er wieder, einsam in dem Arbeitszimmer weilend, zu schreiben oder abwechselnd zu lesen. Erst um sieben Uhr macht er eine Pause. Die Zeitungen sind angekommen, und der Feldmarschall liest sie mit dem Eifer, den er für alle Erscheinungen und Ereignisse des Tages sich wachgerufen hat, wenn auch wohl zuweilen ein leichtes Lächeln durch seine feinen geistvollen Züge geht, indem seine Augen die Spalten des Blattes durchfliegen und er naiven Betrachtungen der Zeitungspolitiker begegnet, welche weit vom Ziele, das nur er kennt, abirren.

Den Thee nimmt er um acht Uhr Abends ein, dann setzt er sich an den Whisttisch. Man spielt das sogenannte Räuberwhist, in letzter Zeit eine Tour, die schwarze Dame genannt. Wie immer, wo es eine Berechnung, eine scharfe Combination gilt, ist auch im Spiele unser feiner Stratege Meister. Den Abend beschließt gewöhnlich eine kleine musikalische Unterhaltung, da Moltke der edlen Musica mit Leidenschaft zugethan ist. Durch die melodischen Klänge hindurch ertönen endlich die Schläge der elften Abendstunde; die Saiten verstummen; die Tasten des Pianos werden nicht mehr geschlagen; der Hausherr erhebt sich; sein Tag ist beendet. Durch die Fenster des Arbeitszimmers wirft der Mond seine Strahlen, und noch einmal, bevor Moltke seine Lagerstätte aufsucht, wirft er wohl einen Blick hinaus auf den mächtigen Platz, auf die hohe Säule.

Des Feldmarschalls Leben wird in seiner Regelmäßigkeit nur durch die Reichstags- und Herrenhaussitzungen unterbrochen, denen er bekanntlich mit größter Aufmerksamkeit folgt, ferner bringen seine Reisen, welche er entweder zur Cur oder zur Erholung antritt, sowie sein Aufenthalt zu Creisau, seinem Landgute in Schlesien (siehe Gartenlaube 1873, S. 393[WS 3]), Abwechselung in dieses strenginnegehaltene Programm, das namentlich während des Winters nie eine Aenderung erleidet.

Wird ein neuer Sturm von außen her den großen Denker der Schlachten noch einmal auf den Kampfplatz rufen? Wer vermöchte die Frage zu bejahen, zu verneinen?! In Bereitschaft sein ist Alles, und dafür sorgt Der, welchem der König den Feldherrnstab in die Hand legte.




Weimarische Erinnerungen eines Engländers.


Aus den Jahren 1826 und 1827.


Der Verfasser der nachstehenden Erinnerungen, ein Enkel des berühmten englischen Satirikers Jonathan Swift, hielt sich vom Januar 1826 bis Juli 1827 in Weimar auf, war im Hause Goethe’s und bei Hofe gern gesehen und hat dort Manches erlebt und beobachtet, was ein charakteristisches Licht auf die damaligen Zustände wirft. Nach fünfzig Jahren hat der alte Herr, obwohl er während dieser Zeit wohl wenig Uebung in der deutschen Sprache gehabt, seine Weimarischen Erinnerungen deutsch niedergeschrieben und der „Gartenlaube“ als deren eifriger Leser zur Veröffentlichung übersandt. Mit besonderer Freude macht die Redaction von dieser Erlaubniß Gebrauch, indem sie zur Orientirung über die damaligen Personalverhältnisse nur Folgendes noch vorausschickt.

Am 3. September 1825 hatte der Großherzog Karl August [239] sein goldenes Regierungs-Jubiläum, am 7. November desselben Jahres Goethe seinen goldenen Jubeltag begangen. Der Aufenthalt des jungen Engländers in Weimar fällt in die letzten Lebens- und Regierungsjahre des Herzogs; am 14. Juni 1828 (ungefähr ein Jahr nach Swift’s Abreise) schied Karl August, am 14. Februar 1830 seine Gemahlin Louise aus dem Leben. Damals, im Jahre 1826, wirkte Karl August noch in alter kerniger Rüstigkeit, umgeben von seinem Sohne, dem Erbprinzen Karl Friedrich, von dessen Gemahlin, der Großfürstin Marie Paulowna, zeitweilig auch von seinem zweiten Sohne, dem als Mensch und Militär gleich ausgezeichneten Herzoge Bernhard, welcher im Jahre 1826 von seiner Reise nach Nordamerika glücklich zurückkehrte, und von den heranblühenden Kindern des Erbgroßherzogs.

Im Goethe-Hause lebte der allverehrte Altmeister (dessen Gattin schon seit zehn Jahren im Grabe ruhte) zusammen mit der Familie seines Sohnes, des Geheimen Kammerraths August von Goethe, bestehend aus dessen Gemahlin Ottilie geborenen von Pogwisch und den beiden Enkeln, dem achtjährigen Walther und dem sechsjährigen Wolfgang. Die Enkelin Alma war noch nicht geboren. Ottilie war es, welche dort bei Tafel und in den Abendgesellschaften die Honneurs machte. In den großen Theegesellschaften in Goethe’s eigenen Zimmern pflegte der Dichter gewöhnlich auf kurze Zeit zu erscheinen.

In den Mansardenzimmern Ottiliens fand ein heiteres geselliges Zusammenleben von Ausländern, Schriftstellern und Damen seinen Mittelpunkt. Insbesondere verkehrten dort die jungen Engländer, welche, von Goethe’s und Weimars Ruhm angezogen, in der kleinen Stadt an der Ilm sich bald längere, bald kürzere Zeit aufhielten. Der Verkehr mit ihnen und die Uebung der englischen Sprache gewannen ein besonderes Interesse durch den genialen Aufschwung, welchen die englische Poesie gerade damals durch Lord Byron, wie später auch durch W. Scott nahm. Eine anschauliche Schilderung jener kleinen Gesellschaften im Goethe-Hause hat uns Amalie Winter (in „Weimars Album“) gegeben.

„Das Goethe’sche Haus,“ schreibt sie, „bot der muntern Jugend ein willkommenes Asyl, und in der von Goethe’s geistreicher, liebenswürdiger Schwiegertochter bewohnten Mansarde pflegte man sich oft zur Theestunde zusammen zu finden, um vergangene Lustpartien zu besprechen, neue zu verabreden. Hier lustwandelten bald die Gedanken eines jugendlichen Paares am Ganges auf und nieder; nur der junge Mann war persönlich in Indien gewesen, die Dame aber dort ebenso zu Hause wie in den weimarischen Landen. An einer anderen Stelle im Zimmer erglühten Zwei im Mitgefühl für das arme, blutende, leidende, mißhandelte Irland, und das sanfte Frauenherz hegte die kühnsten Rebellengefühle. Wieder in einer andern Ecke bemühte sich eine junge Dame, den Teufelsglauben der englischen Kirche zu bekämpfen oder zu mildern, während ein seit der Carbonarirevolution geächteter Italiener seine Sehnsucht nach dem Vaterlande gegen eine theilnehmende Seele aussprach. Wieder ein anderer Kreis schwärmte in Byron’s Poesien – und ganz im Hintergrunde stand ein ernstes Paar, und schöne Augen füllten sich mit Thränen bei dem Gedanken an den nahen Abschied. Dazu ertönte im Nebenzimmer ein Clavier, und ein eben angekommener Engländer wurde eingetanzt zum morgenden Ball oder eine Mazurka probirt. Die Vergnügungen wechselten beständig, da immer neue aufzutauchen pflegten, um die alten zu verdrängen. Was der nächste Tag bringen würde, wußte man nicht, ahnte es nicht; wie leicht konnte der frohe Kreis zerstieben! Aber man lebte nur für das Heute, für den Augenblick und lebte zufrieden.“

Soviel als Vorbemerkungen zu den nachstehenden Erinnerungen. Lassen wir jetzt dem alten Herrn das Wort! Wir geben die anspruchslosen Schilderungen ohne eingreifende Aenderungen in dem harmlos naiven Tone wieder, welchen unser englischer Goethe-Verehrer so liebenswürdig anzuschlagen verstanden hat.

Die Redaction.




Dieser Weimar ach!
Dieser Seufzer folgt dir nach!

Weimar, du vielgeliebtes, Sitz der Gelehrsamkeit, der Verfeinerungen, der Gastfreundschaft, der Schönheit der Vergnügungen, in dessen Bezirk meine frühesten Entzückungen erwachten, Heil dir!

Es sind fünfzig Jahre her; ich stand damals in meinem einundzwanzigsten Lebensjahre. Meine Eltern bestimmten mich für die Diplomatie und schickten mich nach diesem „Athen Deutschlands“, um die deutsche Sprache zu erlernen. Ich hatte schon vor mehreren Jahren während eines Aufenthaltes in Paris die französische Sprache studirt. In Weimar kam die Reihe an das Deutsche. Auch dort war ich so fleißig, daß ich in wenigen Monaten deutsch lesen, schreiben und mich ohne Anstrengung unterhalten konnte. Auf diese Weise vorbereitet, suchte ich Verbindungen und wurde bald in das Haus des Herrn von Goethe eingeführt. Als ich mich diesem großen Manne zuerst vorstellte, verrieth ich zwar im Aeußern keine Aufregung, muß aber doch gestehen, daß ich innerlich zagte, denn wer war ich, daß ich nicht hätte befürchten müssen, mich dem größten Denker und Dichter des Jahrhunderts gegenüber ganz unwürdig zu zeigen?! Aber so höflich und einfach war sein Wesen, daß ich mich sofort ebenso ungezwungen fühlte, wie er selbst. Obgleich er von einfach bürgerlicher Abstammung war, war sein Erscheinen doch aristokratisch; der Adel des Genius thronte auf seiner erhabenen Stirn. Seine Haltung war etwas gebeugt, seine Gestalt von mittlerer Größe und Stärke. Seine classischen Züge waren von römischem Typus, und seine geistreichen, dunkeln Augen schienen, wie man heute sagen würde, zwei Telegraphen zu sein, die mit Blitzesschnelle die dem Gehirn entspringenden Gedanken mittheilten. Das Haar fiel ihm nur noch in spärlichen Locken vom Scheitel herab. Sonst zeichnete sich sein Benehmen keineswegs durch jenes excentrische Wesen aus, das sich bei Männern von Genie so häufig findet. Es wurde deutsch gesprochen, und er wählte mit vielem Tact mancherlei meinem Alter angemessene Gegenstände: Studium, Jagd, Vergnügungen. Er schien sich zu freuen, daß ich in der kurzen Zeit so große Fortschritte in der deutschen Sprache gemacht hatte, und der große Gelehrte nahm regen Antheil an dem der Wissenschaft Beflissenen. So oft ich ihn in seinem Studirzimmer besuchte, prüfte er mich regelmäßig und sprach sich oft über meine Fortschritte lobend aus. Er wußte in der Unterhaltung mit vortrefflichem Tact zu meinem so tief unter ihm liegenden Niveau herabzusteigen und mich immer in meinem Fahrwasser zu lassen. Da er hörte, daß ich einige Jahre auf der Universität Paris zugebracht, erkundigte er sich genau nach der dortigen Unterrichtsmethode, und ich fand an ihm einen vorurtheilsfreien und theilnehmenden Zuhörer. Man hat behauptet, daß, wenn Bewohner des Festlandes nach England kommen, sie den Continent zu Hause lassen, daß aber reisende Engländer ihr Land mit sich nehmen und die Gebräuche ihrer Heimath überall einzuführen versuchen, wohin sie auch kommen. So kam es mir seltsam vor, daß der Dichter der mir gewordenen freundlichen Aufnahme ungeachtet nicht Miene machte, mir beim Abschied die Hand zu reichen, sondern mich höflich bis an die Thür seiner Studirstube begleitete, indem er die Hoffnung aussprach, mich in seinen Abendgesellschaften zu sehen, eine Erlaubniß, von der ich häufig Gebrauch machte.

Sein Familienkreis bestand aus seinem Sohne, seiner Schwiegertochter und zwei Enkeln. Sein Sohn gab keine Hoffnung, das Sprüchwort „tel père, tel fils“ zu bewähren. Ganz anders stand es in dieser Beziehung mit dem älteren von seinen Enkeln, welcher allgemein für einen sehr hoffnungsvollen Knaben gehalten wurde. Seine Schwiegertochter Ottilie von Goethe, geborene von Pogwisch (so unterschrieb sie sich in meinem Album unter einem Gedichte) war sehr beliebt, besonders unter den Engländern. Sie war hübsch gewesen, aber da sie beim Reiten abgeworfen und von ihrem Pferde eine beträchtliche Strecke der Straße geschleift worden, war sie zeitlebens schrecklich entstellt. Die Liebenswürdigkeit ihres Wesens glich jedoch diese Folgen des Unfalls aus; sie machte die Honneurs des Goethe’schen Hauses auf das Vollkommenste.

Der Reiz der Weimarischen Gesellschaft war für mich unwiderstehlich, und ich gestehe, daß das Studium andern Beschäftigungen und Zerstreuungen untergeordnet wurde, – hatte ich ja doch das erste Ziel meines Aufenthalts in Weimar bereits erreicht. Am 12. März 1827 fing ich ein Tagebuch zu führen an. Ich bedauere, daß ich es nicht einige Monate früher begonnen habe, weil gerade diese voll der interessantesten Vorfälle waren. Ich werde indeß versuchen, im Laufe dieser Erzählung wenigstens einiges auch aus jener ersten Zeit meines Aufenthaltes an der Ilm anzuführen.

[240] In Folge der Bekanntschaft mit Goethe’s Familie wurde ich bald in schneller Reihe in andere Häuser eingeführt, wurde mit dem ganzen hervorragenden Gesellschaftskreise vertraut und hatte auch die Ehre, am Hofe des Großherzogs sowohl als des Erbgroßherzogs vorgestellt zu werden. Ernstere Arbeiten wurden nun vernachlässigt; ich beschränkte meine Bemühungen auf leichtere Studien, z. B. Gesang, Instrumentalmusik, Reiten, Fechten und Tanzen. Der Galopp und die Mazurka waren damals in ihrer Kindheit, die Polka noch ein Embryo. Weimar war reich an Lehrern aller Art und verdiente vollkommen den Namen des deutschen Athens, welcher ihm hauptsächlich deswegen gegeben wurde, weil der Großherzog der Beschützer aller bedeutenden literarischen und künstlerischen Größen war. Meine Lieblingsbeschäftigung war die Reitkunst, für deren Uebung Weimar ungewöhnliche Gelegenheiten darbot. Der Weg zur Reitschule führte mich durch die Anlagen des Schlosses, wo sich ein schöner Teich[2] befand, welchen zwei edle Schwäne unbestritten beherrschten. Ich beobachtete und fütterte sie jedesmal, wenn ich vorbeiging. Sie kannten mich bald ganz gut, und es war reizend zu sehen, wie sie in ihrer Ungeduld, sich mir zu nähern, das Wasser theilten, sobald sie mich von Weitem erblickten. Dieses Gewässer lag unmittelbar unter den Fenstern des Schlosses, und ich hatte keine Ahnung davon, daß die Freundlichkeit, welche ich den Schwänen erwies, von den beiden jungen Prinzessinnen, den Töchtern des Erbgroßherzogs, beobachtet wurde. Später erfuhr ich es von ihrer Oberhofmeisterin.

Noch ehe ich ein Tagebuch zu führen begann, wurde eine Reihe der angenehmsten Feste gefeiert: Privatbälle, Vereinsbälle, Schloßbälle, Schlittenfahrten unter dem Schutze des Großherzogs und der Leitung des Oberforstmeisters von Fritsch. Ich will als Probe die Schilderung einer solchen Schlittenfahrt hier folgen lassen. Es war üblich, daß jeder Herr, welcher dem Hofkreise angehörte, eine Dame seiner Wahl zur Schlittenfahrt einlud. Zu einer bestimmten Zeit – gewöhnlich eine Stunde vor Einbruch der Nacht – versammelten sich die Schlitten im Schloßhofe. In der Mitte befand sich ein doppelter Schlitten mit Musikanten. Fackeln wurden bereit gehalten und angezündet, sobald es dunkel wurde. Auf den Ruf des Jägerhorns fuhr der Zug nach dem großherzoglichen Schloß Ettersburg im Ettersburger Walde, doch nicht ohne zum Vergnügen der Bürger zunächst durch die Hauptstraßen der Residenzstadt zu fahren. Nun wurde es Nacht, und nachdem wir unsere lieblichen Gefährtinnen noch einmal fest eingehüllt hatten, daß kaum ihre Augen durch die wohlbeschützenden Pelze sichtbar waren, wurde mit Begleitung der Musik und beim Klange der tausend Schellen im Schimmer der Fackeln nach Ettersburg – ungefähr zwei Stunden von Weimar – Trab gefahren. Dort fanden wir Alles für unsere Ankunft auf das Beste vorbereitet. Alles war fröhlich und voll Ungeduld. Kaum waren die Damen von ihren Pelzen befreit, als schon ein Walzer befohlen wurde, um das Blut wieder in Wallung zu bringen. Dieser Tanz nebst einer Tasse heißen Kaffees hatte auf die jugendlichen Glieder die vollständigste Wirkung, und mit allerlei Tänzen: Polonaisen, Quadrillen, Galoppaden, Mazurkas, Scotch reels, Jeux innocents und mit einem Abendessen à la Lucullus wurde eine lustige Nacht durchlebt.

Anlangend die Jeux innocents wurde, da ich der Einzige war, welcher in Paris (der hervorragenden Fachschule für dergleichen Spiele) gelebt hatte, anerkannt, daß ich es in solchen Spielen weiter als irgend Jemand in der Gesellschaft gebracht hatte. Unter den Damen schien auch keine einzige von der Art der berühmten französischen Gräfin von *** zu sein, welche sich einmal weigerte, mitzuspielen, mit der classischen Bemerkung: „Je n’aime pas les plaisirs innocents.“ (Ich liebe nicht die unschuldigen Vergnügungen.) So wurde denn an mich appellirt, und ich schlug das Spiel „Cache-Tampon“ vor, was allgemeine Zustimmung fand. Ein dickes Taschentuch wurde zu einer Art Knute geknüpft, ein Platz zum Zufluchtsorte bestimmt, und Einer von der Gesellschaft ging durch die Irrgänge des Schlosses, um den Tampon zu verstecken, kam zurück und verkündigte „Fertig!“ Nun brach die ganze Gesellschaft auf, den Tampon zu suchen, und der Verstecker hatte von Zeit zu Zeit mit den Worten „Heiß!“ oder „Kalt!“ die Annäherung oder Entfernung vom Verstecke anzudeuten. Das erste Mal war ich selbst der glückliche Finder. Jetzt begann eine allgemeine Flucht, ein wahres „Rette sich, wer kann!“; wäre der Geist eines vormaligen Bewohners des Schlosses plötzlich erschienen, die ganze Schaar hätte nicht schneller davon eilen können. Viele verirrten sich bei der Verwirrung. Auch Herzog Bernhard war dabei, und da er ein ungewöhnlich schöner Mann mit einladenden breiten Schultern war, wählte ich, von den Regeln des Spiels Gebrauch machend, ihn mir zum Opfer aus und handhabte den Tampon, bis der Herzog im Bezirke der Zufluchtsschranken angelangt war. Alle waren darüber sehr belustigt, der Prinz nicht weniger als die Anderen, und damit kein Mißverständniß darüber entstehen möchte, erhob sich der Prinz beim Abendessen und brachte in Champagner einen Toast auf das Andenken eines meiner verstorbenen Verwandten, des Dechanten Swift aus, dessen drollige und witzige Schriften in Deutschland besonders bekannt sind. Nach vielerlei Trinksprüchen, namentlich auf die Glieder der großherzoglichen Familie, verließen wir die Tafel, um das Tanzen wieder fortzusetzen, welches denn auch in echt deutschem Stile bis vier Uhr früh andauerte. Dann hüllten wir unsere kostbaren Pfänder wieder in ihre Pelze ein, erreichten Weimar beim Sonnenaufgange und setzten mit vielen Grüßen unsere Gefährtinnen an ihrer Schwelle ab. Auf solche Weise währten die Feste den Winter hindurch fort, nur mit soviel Pause, wie zum Athemholen nöthig war.

Einmal wurde ein Ball zur Ehre des Herzogs von Clarence gegeben, welcher ein Gast des Großherzogs war. Alle gegenwärtigen Engländer wurden ihm vorgestellt. Bei der Gelegenheit ereignete sich ein sehr komischer Vorfall. Es waren mehrere Schotten auf dem Balle, und der Großherzog äußerte den Wunsch, daß ein schottischer Reel, als eine Neuigkeit, getanzt werden möchte. Es verbreitete sich, ich weiß nicht woher, das Gerücht, daß einer von den Tänzern ein künstliches, äußerst sinnreich gefertigtes Bein habe. Das Gerücht erreichte das Ohr des Großherzogs Karl August, der sich sogleich mit der Großherzogin neben den Tänzer stellte und mit Bewunderung dessen Tanz mit dem künstlichen Fuße beobachtete. Als der Tanz geendet, redete er den Herrn S–r an und bat denselben, ihn über den Mechanismus und den Namen des Erfinders zu unterrichten. Herr S–r konnte ihn natürlich nicht unterbrechen, aber sobald er geendigt hatte, versicherte Herr S–r, welcher über jenes Gerücht nicht weniger erstaunt war, als der Großherzog über die Ausführung, daß er sich glücklich schätze, Seiner Hoheit beide Beine in vollkommen natürlichem Zustande zu Diensten stellen zu können.

Die Gastfreundschaft, welche vom Hofe geübt wurde, war unbeschränkt. Große Tafel im kostbarsten Style, Concerte, Bälle etc. fanden wöchentlich wenigstens einmal statt.

Während meines Aufenthaltes, welcher weit in das zweite Jahr hinein reichte, kamen die Prinzen Wilhelm – der jetzige deutsche Kaiser – und Karl von Preußen nach Weimar. Sie wurden wahrscheinlich durch den Ruf der Schönheit, der Anmuth und Liebenswürdigkeit der Prinzessinnen angezogen. Es schien, als ob die Festlichkeiten nun erst recht angefangen hätten. Bald verlautete, daß die eine, später, daß auch die andere Prinzessin mit einem der beiden preußischen Prinzen verlobt sei. Eine solche Zeit des Jubels war, glaube ich, in Weimar vorher nie erlebt worden. Nach unendlichen, unvergeßlichen Festlichkeiten kam der Tag der Trennung der Prinzessin Marie, der Braut des Prinzen Karl, von ihrem Geburtsorte, wo sie von ihrer Kindheit an bis zur ersten Jungfrauenblüthe gelebt hatte. Ich kann den Tag nie vergessen. Der Abschied war rührend. Derselbe Gedanke erfüllte jede Brust; dasselbe Gefühl strömte durch alle Herzen. Nach dem Lebewohl im Schlosse wand sich der Zug langsam durch die Stadt, dem Thore zu. Jeder Platz, jedes Fenster war mit Personen besetzt, auf deren Antlitz sich achtungsvolle Zuneigung abspiegelte.

Eine Anzahl junger Mädchen, weiß geschmückt, mit Sträußen in der Hand, trat der Prinzessin an einem der Triumphbogen entgegen, um ihr ein letztes Lebewohl zu sagen. Mit jener anmuthigen Herablassung, die in ihrem Wesen lag, ersuchte die Prinzessin diese lieblichen Volksvertreterinnen, der Reihe nach in den Wagen zu steigen und sich von ihr umarmen zu lassen, indem [241] sie die Sträuße in Empfang nahm. Jedes Auge war mit Thränen der Freude und des Schmerzes gefüllt. Nun wurde Trab gefahren, und in wenigen Augenblicken war eine der Lieblinge Weimars den Augen der Menge durch das Thor auf der Straße nach Berlin entschwunden.[3]

Mit besonderem Interesse gedenke ich heute noch meines Abschiedsbesuches bei Goethe. Er klebte sein Bild in mein Stammbuch und schrieb mit eigner Hand die Verse darunter:

Was verkürzt mir die Zeit?
     Thätigkeit.
Was macht sie unerträglich lang?
     Müßiggang.
Was bringt in Schulden?
     Harren und Dulden.
Was macht gewinnen?
     Nicht lang besinnen.
Was bringt zu Ehren?
     Sich wehren.

Wie kräftig und knapp sind diese Verse, wie voll der Passendsten, weisesten Winke, die einem jungen Manne gegeben werden können! Er schenkte mir auch eine Medaille, welche zu seinem fünfzigjährigen Jubiläum geschlagen worden war. Man konnte sie als Brosche brauchen, und ich trug sie als solche.

Dr. Eckermann und Reinhold von Schwendler, der nachherige Präsident, begleiteten mich zur Post, und ein Schotte Herr M–e, – derselbe, dessen Gegner ich einige Monate vorher in einem schon festgesetzten, aber noch durch freundliche Versöhnung beigelegten Zweikampfe sein sollte, – gab mir das Geleite bis Fulda.

Die Verse Goethe’s bewahre ich noch jetzt sorgfältig als heilige Erinnerung. Die Medaille aber verlor ich leider in der Grafschaft Kildare, als ich bei einer Fuchsjagd vom Pferde stürzte. Dort, in einem Graben und tiefem Schlamme, liegt die Medaille mit dem Bildnisse des größten Dichters der letzten beiden Jahrhunderte begraben, ohne daß die genaueste Durchsuchung sie aufzufinden vermocht hätte!



  1. Und womit heilt das arme Nähmädchen, das weder Wildpret noch Wein bezahlen kann, seine Bleichsucht? Frage der Red. 
  2. Der Verfasser scheint hier die dem Schlosse nahe Ilm im Sinn zu haben.
    D. Red.
  3. Das sinnige, durch seinen Ton an die launige Muse des wackeren Commissionsraths, Hofbuchhändlers W. Hoffmann in Weimar, erinnernde Gedicht, welches bei dieser Gelegenheit, am 22. Mai 1827, zehn Mädchen, „gleichzeitig Bräute in der gemeinsamen Vaterstadt“, der fürstlichen Braut Herzogin Marie mit Blumen überreichten, ist noch erhalten; es lautete:

    Ein fröhlich Herz, ein munt’rer Sinn
         Ist stets den Bräuten eigen;
    Man pflegte sie zu jeder Zeit
         Mit Blumen zu vergleichen.

    So mögen auch nur Blumen Dir
         Der Schwestern Wunsch verkünden,
    Denn was der Braut am Herzen liegt,
         Kann nur die Schwester finden.

    Stets war ein Wunsch aus Brautesmund
         Von guter Vorbedeutung.
    Drum sei Dir unser Schwestergruß
         Die freundlichste Begleitung!




Blätter und Blüthen.


Ferdinand Freiligrath. In allen Blättern erscheinen in diesen Tagen, da unser edler Dichter zu den Todten gegangen ist, Nekrologe, welche ihn schildern, wie er in den letzten Jahren war. Ich will in diesen Zeilen versuchen, von dem wohlthuenden Eindruck, den ich von Ferdinand Freiligrath im Gedächtnisse trage, Rechenschaft abzulegen, um so zu ergänzen, was von anderer Seite über ihn gesagt worden ist.

Ich lernte ihn erst zur Zeit seines Stuttgarter Aufenthalts kennen, da eine vormals in London verabsäumte Gelegenheit, ihn zu begrüßen, sich nicht früher wieder bieten wollte. Er pflegte damals mit seiner Gattin regelmäßig Nachmittags im Stuttgarter Hofgarten zu spazieren. Hier sah ich ihn denn auch zuerst. Es ist immer, auch für den Unbetheiligten, ergreifend, ein Elternpaar in Trauer zu sehen. Hier empfand man beim Anblicke der beiden Gealterten und von einem noch frischen Verluste Heimgesuchten eine um so lebhaftere Rührung, weil es bekannt war, mit welcher Innigkeit sie an dem verstorbenen zweiten Sohne Otto gehangen hatten und wie vereinsamt, fern von ihren anderen Kindern, sie sich jetzt in Deutschland fühlten. Wir Alle erinnern uns noch des herzlichen Gedichts, mit welchem Freiligrath beim Ausbruche der Feindseligkeiten diesen seinen Liebling als Pfleger in den Krieg entließ. Unversehrt war der Jüngling in’s Elternhaus zurückgekehrt, hatte dann sein Freiwilligen-Examen gemacht und bereitete sich für seine weitere kaufmännische Laufbahn vor, als ihn das Scharlachfieber auf’s Krankenlager warf und bald darauf dem Leben entraffte.

Die Gattin Freiligrath’s, eine stattliche Matrone mit sehr regelmäßigen Zügen, silbergrauem Haare und etwas geschwächtem Augenlichte, aber um so hellerem und jugendfrischem Geiste, ist eine Weimaranerin. Sie hatte in dem Sohne eine ihrer liebsten Hoffnungen zu Grabe getragen. Stuttgart war ihnen seitdem verleidet. Sie hatten dort ohnehin noch nicht Wurzel gefaßt, verkehrten nur mit Wenigen – am meisten wohl mit Edmund Höfer, Walesrode und Hofrath Hemsen – und wären am liebsten nach England zurückgekehrt, wo bei Sydenham ihre Tochter Käthe, die Dichterin, als Gattin eines deutschen Kaufmanns in freundlichem Landhause lebt; auch eine zweite Tochter ist dort an einen deutschen Kaufmann verheirathet, während die beiden anderen Söhne, Wolfgang und Percy, sich als Kaufleute in Amerika angesiedelt haben.

Die Wohnung, welche Freiligrath bis zu seiner Uebersiedelung nach dem nahen Cannstatt inne hatte (in Ludwigsburg und Gengenbach suchte er vor seiner Uebersiedelung ebenfalls Quartier), lag drei Treppen hoch in einem schönen Eckhause der hügelansteigenden Ulrichstraße und war eleganter, als dem Dichter behaglich sein mochte. Auch klagte er über die Treppen und meinte mit Recht, bei seiner im Zunehmen begriffenen Wohlbeleibtheit möchte er lieber die freilich reizende Aussicht drangeben, welche die meisten seiner Fenster boten. Die langjährige Gewohnheit des Bureausitzens hatte seinem körperlichen Befinden wohl Abbruch gethan. Als Flüchtling nach London gekommen und bei den christlichen Kaufleuten mit seinen Gesuchen um Beschäftigung erfolglos geblieben, war er zunächst durch einen jüdischen Kaufmann zu einer festen Stellung gelangt, hatte aber allabendlich bis sieben und am Dienstag und Freitag sogar bis elf Uhr im Geschäfte arbeiten müssen, bis er später, namentlich durch seine Anstellung bei der Schweizer Bank, sich etwas Erleichterung verschaffen konnte.

Als ich Freiligrath zum ersten Male in seiner Wohnung aufsuchte, ging die Wintersonne eben hinter dem westlichen Höhenkranze des Stuttgarter Thales unter, und ihre letzten röthlichen Strahlen glitten langsam über das schöne Oelbildniß des Dichters, welches der ihm befreundete Düsseldorfer Künstler Hasenclever vor etwa drei Jahrzehnten gemalt hatte. Da sein volles Haupthaar noch kaum in’s Graue überzugehen begann, glich Freiligrath jenem Bilde noch jetzt, nur daß alle Formen sich in’s Rundliche verändert hatten. – Seine Freude und seine Plage war eine in einem der anstoßenden Zimmer untergebrachte sehr reiche Bibliothek; vor Allem enthielt dieselbe eine Menge englischer Werke in den schönen Ausgaben, für welche in der bücherkaufenden englischen Aristokratie immer willige Abnehmer sind. An der Wand hing unter Glas das Lied „an die Freude“ in der Bleistift-Handschrift Schiller’s[WS 4], ebenso eine blonde Locke Schiller’s und eine dunkelbraune Goethe’s. Auch ein Bild Carlyle’s und eins von Rittershaus, „dem sein Bauch,“ wie Freiligrath sich scherzend ausdrückte, „beneidenswerth stattlich steht.“

Auf Grund dieser Umfangs-Verwandtschaft, erzählte Freiligrath weiter, habe Rittershaus sich eines Tages den Spaß gemacht, bei Theobald Kerner unter dem Namen Freiligrath’s einzusprechen, eine Mystification, die sich dann nicht mehr habe rückgängig machen lassen, so daß sich Kerner bis zuletzt in dem Wahne befunden habe, er bewirthe Freiligrath selbst.

Mit Sehnsucht gedachte er der am Rheine verlebten schönen, poetisch gehobenen Tage, vor Allem seines Aufenthaltes in dem malerischen Unkel. „Es stand einst,“ erzählte er, „gerade ein Bouquet auf dem Tische, das ich, in Ermangelung des Wassers, in ein Glas mit Wein gestellt hatte, als ein junger Mann im dicken Winterrocke eintrat – es war im Juli – und angesichts dieses sybaritischen Blumenglases zu erzählen begann: er sei Commis in einem soeben bankerott gewordenen Aachener (?) Geschäftshause gewesen und habe bei dem allgemeinen Krache für’s Beste gehalten, sich und seine Garderobe vor den Creditoren in Sicherheit zu bringen. Dabei sah er immer auf das Blumenglas, nicht wenig erfreut, daß die Schriftstellerei in Unkel sich solche Extravaganzen erlauben könne. Dieser junge Mann war unser jetziger lieber Nachbar – Hackländer.“

Mit den englischen und amerikanischen Dichtern war Freiligrath zumeist persönlich bekannt und correspondirte auch mit mehreren derselben. Am wenigsten Sympathie flößte ihm Swinburne ein, so wenig er auch dessen hohe Begabung verkannte. Sein excentrisches Anlehnen an französische Unsitten hat Swinburne’s Freunde freilich schon oft genug verletzt.

Mit Vergnügen erinnerte er sich, daß er durch Empfehlung der „Rabbiata“ im Athenäum P. Heyse zuerst in die englische Lesewelt eingeführt habe; ebenso, daß die Begnadigung des politischen Gefangenen Heubner (jetzigen Dresdener Stadtraths) erfolgt sei, nachdem er dessen Milton-Uebersetzung ausführlich im Athenäum besprochen und daran einen Appell an den Dante-Uebersetzer, Philalethes, – den König Johann von Sachsen – geknüpft habe, eine Besprechung und Verwendung, die sowohl in der „Augsburger allgemeinen Zeitung“ wie in der „Deutschen allgemeinen Zeitung“ nachgedruckt worden sei und dem Könige also wohl zu Gesicht gekommen sein werde.

Die inzwischen an den Reichstag gelangte und erfolglos gebliebene Petition gegen die holländischen Nachdrucker hatte Freiligrath zur Zeit meiner Stuttgarter Berührungen mit ihm eben angeregt; er versprach sich zwar wenig davon, hielt es aber doch für geboten, sich in solcher Weise gegen die Nachdrucker zu rühren. Er zeigte mir einen ihm soeben durch Cotta übermittelten Nachdruck, der in Amsterdam erschienen war und bei dem sich merkwürdiger Weise, gerade wie dies bei Banknotenfälschungen zu geschehen pflegt, ein ganz plumper Druckfehler eingeschlichen hatte – der Titel lautete nicht auf Ferdinand, sondern auf „Ferninand“ Freiligrath. Geibel, welcher in gleicher Weise in Holland geplündert wurde, hatte sich auf Cotta’s Vorschlag zu einer Concurrenzausgabe verstanden, welche in Holland nur fünfzehn Groschen kosten sollte. Freiligrath hielt das Mittel für verfehlt und ließ sich nicht darauf ein. [242] Ob er oder Cotta sich irrten, weiß ich nicht. Jedenfalls wird der holländische Nachdruck wohl fröhlich weiter floriren.

Freiligrath schrieb eine schöne, schlanke Geschäftshand. Da seine Muse seit Langem verstummt war – einige wenige liebliche Spenden derselben ausgenommen –, so hätte er wohl Veranlagung gehabt, über seine politisch bewegten Lebensjahre Aufzeichnungen zu machen. Ob es geschehen ist, vermag ich nicht zu sagen. Gehört habe ich nie etwas davon. Vielleicht scheute er sich vor der Prosa, nachdem ihm das gebundene Wort so viele Herzen gewonnen hatte. Daß er sich mit den Umwälzungen in Deutschland von Herzen befreundet hatte, ist bekannt. Auf des Kaisers Geburtstag anzustoßen, ließ er sich im Jahre 1873 durch mich ohne große Umstände bewegen, während ein anderer Gast Freiligrath’s sich nicht dazu entschließen mochte. In Freiligrath’s politischem Glaubensbekenntnisse hatte die Zeit manche allzu grell gewesene Farben gedämpft, und er sagte sich, daß er nicht umsonst gestritten hatte. Diese Zuversicht war ja oft schon in ihm zu beredtem Ausdrucke gelangt, am beredtesten wohl in den Schlußstrophen des Gedichtes „Bannerspruch“:

Ich fühl’s an meines Herzens Pochen:
Auch uns wird reifen uns’re Saat.
Es ist kein Traum, was ich gesprochen,
Und jener Völkermorgen naht.
Ich seh’ ihn leuchten durch die Jahre;
Ich glaube fest an seine Pracht.
Entbrennen wird der wunderbare,
Und nimmer kehren wird die Nacht.

Wir aber reiten ihm entgegen;
Wohl ist er werth noch manchen Strauß.
Wirf aus die Körner, zieh den Degen!
Ich breite froh das Banner aus.
Mit festen Händen will ich’s halten;
Es muß und wird im Kampf besteh’n.
Die Hoffnung rauscht in seinen Falten,
Und Hoffnung läßt nicht untergeh’n.

R. Waldmüller.




Winke für die Philadelphia-Reisenden. I. Gern versuche ich denjenigen Deutschen, welche die Weltausstellung in Philadelphia sehen wollen und die transatlantische Republik noch nicht aus eigener Anschauung kennen, einige Andeutungen über das Reisen in Amerika zu geben. Ich setze voraus, daß sie das nöthige Englisch sprechen und verstehen, oder mit Jemandem reisen, welcher ihnen in dieser Beziehung zur Seite steht. Der Rathschlag Philander’s von Sittenwald: „Leicht Gepäck“, gilt auch für Amerika. Nichts mehr als einen Handkoffer, den man nöthigenfalls selbst tragen kann. Der Reisende wird sich damit der Zudringlichkeit gewisser nichts weniger als unbestechlicher Zollbeamten bei der Landung überhoben sehen und sich überhaupt freier bewegen. Kann er aber einen oder mehrere große Koffer nicht entbehren, nun so lasse er ihn bei Touren in’s Innere entweder in Philadelphia zurück oder dirigire sein großes Gepäck mit Hülfe der trefflichen, in Europa bis jetzt noch nicht erreichten Expreßcompagnien voraus. Als Landungsplatz ist für den europäischen Neuling, wenn er nicht Werth darauf legt, Amerika zuerst durch die herrliche Bai von New-York kennen zu lernen, Baltimore vorzugsweise zu empfehlen; er wird dort sogleich den Zug für Philadelphia bereit finden, während er bei der Landung in Hoboken, sobald er nach New-York hinüberfährt, mitten in den stärksten Strudel des amerikanischen Lebens geräth. Für die erste Zeit verliert er sich daselbst, was seine Gefahren, freilich auch für den unternehmenden Reisenden seine Reize hat. Zunächst wird der Reisende wohl ein Hôtel aufsuchen, wenn nicht Bekannte oder gar Verwandte für seine Aufnahme gesorgt haben. Die Einrichtung der amerikanischen Hôtels ist ja zur Genüge bekannt. Man wird am besten thun, nur Hôtels ersten Ranges aufzusuchen, denn die Preisunterschiede werden durch die erhöheten Annehmlichkeiten der größeren Hôtels ausgeglichen. Postbriefkasten, Telegraphenbureaux, Dampfer- und Bahnbilletverkaufsstellen, neben vielen sonstigen, nur bei einem großen Verkehre zu beschaffenden Einrichtungen findet man eben nur in jenen. Freilich geht es unruhig und lärmend her: der geräumige Hausflur ist häufig eine Art Börse für rauchende, zeitungslesende und spuckende Yankees. Der allmächtige Dirigent, von dessen Huld und Wohlwollen es abhängt, ob du ein gutes oder schlechtes Zimmer erhältst, ist der Clerk (Buchhalter) an der Office, dem Bureau, wo sich der Reisende zuerst zu melden und in ein Buch einzutragen hat.

Der Bekannte wird dem Unbekannten bei der Anweisung des Zimmers natürlich vorgezogen, und Freiherr von Hübner schlägt deshalb alles Ernstes vor, sich Empfehlungen an die Clerks der betreffenden Hôtels zu verschaffen. Ich setze voraus, daß der Reisende nur ein bed-room, ein Zimmer mit Bett, – viel mehr Möbeln sind in der Regel überhaupt nicht darin vorhanden – verlangt; drawing-room, Wohnzimmer mit anstoßendem Schlafgemache, die besonders zu bezahlen, sind meist nur in den unteren Stockwerken zu haben, während die oberen vorzugsweise jene bed-rooms, sagen wir lieber: Schlafstellen, enthalten. Für solche Wohnung sammt Frühstück, Mittagessen und Abendbrod zahlt der Reisende täglich drei bis fünf Dollars Papier (nach dem gegenwärtigen Course zwölf bis zwanzig Mark). Für jede dieser meals (Mahlzeiten) sind bestimmte Stunden, je anderthalb bis zwei, festgesetzt und durch Plakate den Gästen kundgegeben. Bei diesen Mahlzeiten bedienen Schwarze, Weiße, Chinesen, auch wohl, wie ich in einem Hôtel in Boston Highlands fand, nach der neuesten Mode gekleidete Kellnerinnen, die den nach der Sitte weißgetünchten Speisesaal mit der bekannten amerikanischen Time-is-money-Schnelligkeit auf und abrauschen, aber kein Wort der Unterhaltung mit den Gästen wechseln dürfen.

Die amerikanische Küche zu besprechen, würde mich viel zu weit führen; sie ist stofflich reichlich, aber der zum ersten Mal in’s Land kommende Europäer muß sich oft sehr daran gewöhnen. Neben diesen Hôtels im amerikanischen Style giebt es auch mehrere nach europäischem Zuschnitt, das heißt solche, wo man nur für Wohnung (gewöhnlich einen Dollar täglich) zahlt, aber in einem Restaurant des Hauses Beköstigung à la carte gegen besondere Bezahlung haben kann. Solche sind z. B. Astor House und French Hôtel. Trinkgelder zu zahlen ist nicht Sitte. In der bezeichneten Summe ist Alles, auch „Lichte und Bedienung“ enthalten; die ersteren giebt es freilich nicht, da die Gasflamme auch in kleinen Städten an ihre Stelle tritt. Von Bedienung ist nun freilich nicht viel zu reden; nach öfterem Klingeln erscheint höchstens einmal ein Hausknecht. Was man etwa auf das Zimmer verlangt, sage man beim Eintritte in’s Hôtel dem Clerk, der auch alle Briefe für den Gast in Empfang nimmt und sie nicht etwa Dir auf das Zimmer schickt, sondern in das mit der Nummer des Zimmers versehene Fach, welches in seinem Bureau für die Aufnahme von Depeschen und Briefen vorhanden, legt, bis der Reisende im Bureau erscheint.

Mit vielen Hôtels sind Erfrischungs-, Billard-, Rauch-, Damen- und Lesezimmer verbunden, und der Elevator, jene Hebemaschine, welche den Gast mühelos in einem bequemen Coupé bis in sein Zimmer des vierten Stockes bringt, wird wohl jetzt noch viel allgemeiner sein, als vor drei Jahren. Briefpapier, Couverts und dergleichen werden dem Reisenden nicht besonders berechnet. Marken erhält er bei dem Buchhändler und Zeitungsverkäufer, welcher gewöhnlich auch gegen hohe Pacht eine Stelle im Hausflur oder ein Zimmer zu ebener Erde inne hat. Man mache nicht den Anspruch, nach seinen jeweiligen individuellen Bedürfnissen im Gasthause zu leben, sondern vergegenwärtige sich nur, daß der Einzelne eben nur ein Bruchtheil, nach Procenten berechnet, der zahlreichen Bevölkerung ist, welche ein vielbesuchtes Hôtel in der Regel hat. Das Fortkommen in den großen Städten und ebenso in den kleinen, welche bei der amerikanischen Bauweise auch verhältnißmäßig sehr ausgedehnt sind, geschieht mittelst der street-car, der Pferdeeisenbahn. Droschken giebt es wenige, und sie sind sehr theuer. Letztere – wer denkt nicht hierbei an die flinken, jederzeit bereiten Londoner Cabs? – haben den großen Vorzug, daß sie den in eine große Stadt wildfremd Hineinkommenden bis unmittelbar vor die Thür des Hauses, wohin ihn sein Geschäft ruft, bringen. Die Course der Pferdeeisenbahn muß der Reisende erst ein wenig studiren, doch wird dies durch die je nach der Linie verschiedene Farbe der Wagen und durch die regelmäßige Bauart der amerikanischen Städte erleichtert. Die „Cars“, wie sie der Amerikaner kurzweg nennt, haben ihre bestimmten Stationen, welche von dem Conducteur laut ausgerufen werden, oder der Conducteur findet auch, wenn der Fahrgast aussteigt, noch Zeit, demselben die Lage der von ihm gesuchten Straße mit „die erste zur Rechten, die zweite zur Linken“ anzudeuten, und überdem giebt der Vorübergehende dem Fremden auf seine Frage überall gern und höflich Auskunft. Da Gerhard Rohlfs in der vorigen Nummer dieses Blattes den nordamerikanischen Eisenbahnen bereits einen eingehenden Artikel gewidmet hat, so gehe ich auf dieses Thema hier nicht weiter ein, komme aber vielleicht später noch einmal darauf zurück.

Einige Unannehmlichkeiten muß jeder Reisende freilich für all das Interessante und Großartige, für all die Kenntnisse und reichen Eindrücke, welche ihm die Ausstellung und überhaupt der Besuch der Vereinigten Staaten bieten werden, mit in den Kauf nehmen. Das Gute und Angenehme wird bei Weitem überwiegen. Vor Allem wird der Amerikaner dem Fremden, der sein Land zu sehen gekommen ist, alle erdenklichen Erleichterungen bieten, und unsere deutschen Landsleute drüben werden in der Uebung der edlen Tugend der Gastfreundschaft nicht zurückstehen. Ich reiste vier Monate in den Vereinigten Staaten, und von ein paar unartigen Clerks und Bahnconducteuren abgesehen, kam man mir überall auf das Freundlichste und Liebenswürdigste entgegen. Indem ich aller dieser Freundlichkeiten, die ich mit meinem Gefährten drüben erfuhr, gedenke, spreche ich die feste Ueberzeugung aus, daß die in diesem Jahre der Jubelfeier der Republik Hinübergehenden sicher ähnliche Erfahrungen machen werden. Allen meinen lieben Landsleuten und Freunden drüben hiermit herzlichen Gruß!

M. Lindeman.



Kleiner Briefkasten.



S. H. in Steiermark. Wir können Ihnen auf das Angelegentlichste die „Bildungs- und Erziehungsanstalt“ des Herrn Superintendenten Schwerdt in dem reizend gelegenen Waltershausen (Thüringen) empfehlen. Statt aller weiteren Anpreisung lassen wir nur die vor Kurzem empfangenen Zeilen eines Herrn J. L–n in Samotschin folgen, der auf unsere Empfehlung hin vor circa acht Monaten eine junge Mündel dort unterbrachte. Der Brief lautet:

„Gestatten Sie jetzt, geehrter Herr, daß ich Ihnen für Ihre gütige Empfehlung in meinem und im Namen der übrigen Angehörigen des jungen Mädchens meinen wärmsten Dank ausspreche; das betreffende Institut ist wahrlich Ihrer Empfehlung würdig.

Das junge Mädchen hat unter der liebevollsten Fürsorge des Herrn Schwerdt und seiner Familie, im Kreise der wahrhaft heiteren Schaar seiner Pensionsschwestern, von der herrlichsten Natur umgeben, eine neue Heimath gefunden. Obwohl Louise bereits die Selecta einer höheren Töchterschule absolvirt hatte, findet sie in diesem Institute, was namentlich Conversation in den neueren Sprachen, Literatur und auch andere Wissenschaften, sowie häusliche Erziehung anlangt, sehr Vieles zu lernen. Vor Frömmelei und finsterer, orthodoxer Weltanschauung bleibt hier jedes Mitglied dieser großen Familie durch die darin herrschende wahre Frömmigkeit bewahrt.“

A. M. in D. Aus der Druckfirma schon hätten Sie ersehen können, daß die dem dritten Hefte eingefügte Modenblattsanzeige nicht von der „Gartenlaube“, sondern von der Verlagshandlung Lipperheide herrührt.


Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Bleichsüchtgen
  2. a b c Das Wort ist in der Vorlage nicht vollständig lesbar, von Google-USA* übernommen.
  3. Vorlage: S. 493
  4. Vorlage: Schille’s