Die Gartenlaube (1876)/Heft 18

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1876
Erscheinungsdatum: 1876
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Inhaltsverzeichnis

[295]

No. 18.   1876.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich  bis 2 Bogen. Vierteljährlich 1 Mark 60 Pfennig – In Heften à 50 Pfennig.



Nachdruck verboten und Ueber-
setzungsrecht vorbehalten.     
Im Hause des Commerzienrathes.


Von E. Marlitt.


(Fortsetzung.)


„Traurig genug!“ murmelte Henriette mit heiserer, fast erstickter Stimme und zornig geballten Händen. „Ich muß mir immer wieder Bruck’s männliche Festigkeit in seinem ganzen sonstigen Verhalten und Auftreten in’s Gedächtniß zurückrufen, um ihn nicht als – Schwächling zu verurtheilen.“

„Es handelt sich eben nur um die Spanne Brautzeit bis zum September,“ fuhr Flora fort, Henriettens Einwurf mit spöttischem Achselzucken einfach übergehend, „und es ist nichts anderes, als ein höfliches Zugeständniß meinerseits, der Alten gegenüber; ich wünsche mich mit ihr zu vertragen. In L…..g ändert sich freilich Alles; da fallen dergleichen Rücksichten von selbst weg, und was Bruck betrifft, so wird er in den ersten Wochen unserer Ehe einsehen, daß eine Frau, wie sie die Tante für ihn wünscht, nicht nur eine beschämende Last, sondern geradezu eine Unmöglichkeit für ihn sein würde. Dann erst kann er meinen Werth vollkommen erkennen, wenn der Salonverkehr seines Hauses, dem ich präsidire, den rechten Lüstre über seine hervorragende Stellung wirft; wenn er mich stets in gewohnter Eleganz und Sicherheit auf meinem Posten findet, ohne daß mein Fernhalten von Hauswesen und Kinderstube pecuniäre Opfer seinerseits fordert. Ich habe bereits Alles berechnet; nach Abzug meiner Toiletten- und Nadelgelder bleibt wir von meinen Revenüen so viel übrig, daß ich den Gehalt einer perfecten Köchin, der Wirthschaftsmamsell, der Kinderfrau und der Gouvernante aus meiner eigenen Tasche bezahlen kann.“

Sie sah bei den letzten Worten auf ihre glänzenden, rosenfarbenen Nägel, dann wandte sie mit einer langsamen stolzen Bewegung den Kopf seitwärts – der deckenhohe Spiegel warf ihre Gestalt zurück, diese blendende Erscheinung, bei deren Anblick man sich allerdings unmöglich denken konnte, daß sie je in trauter Häuslichkeit einen kleinen Liebling auf den Knieen wiegen, am Krankenbettchen Märchen erzählen und in der Kinderstube das sein werde, was die treue Mutter sein soll, das tröstende Licht, das keine Nacht aufkommen läßt, die höchste Instanz, die mit einem Kusse jeden Streit schlichtet, die unermüdlich stützende Hand, an der das Kind geistig und physisch laufen lernt.

Und ihr Blick irrte wie schönheitstrunken weiter und blieb vergleichend an dem weißgekleideten Mädchen hängen, hinter welchem die blausammtene Portière niederfiel. Von diesem Grunde hoben sich die jugendlich schwellenden Glieder, die unvergleichliche Schönheit der Gesichtsfarben unter der dicken Flechtenkrone, die im reinsten Perlmutterweiß schwimmenden dunklen Augensterne herrlich ab, und wenn die schöne Flora in ihrem Gesammtausdrucke das wissende Weib repräsentirte, das bereits tief in das Leben geschaut hat, so stand da neben ihr ein jungfräulich keuscher Schwan in naiver Unschuld und fleckenloser Seelenreinheit. Vielleicht mißfiel ihr das. Sie lächelte das Spiegelbild spöttisch an und nickte hinüber.

„Ja, ja, meine Kleine, so veilchenhaft bescheiden wirst Du nicht immer bleiben, und die häuslichen Bestrebungen, zu denen Dich die Lukas in so unvernünftig übertriebener Weise erzogen, sind bei Dir ebenso wenig am Platze, wie bei meiner künftigen Lebensstellung. Moritz wird Dir nie das unharmonische Geklingel mit dem wirthschaftlichen Schlüsselbunde gestatten – darauf verlasse Dich, und wenn er Dir galanter Weise sogar zehnmal einen Geflügelhof in Aussicht stellt! Gerade er mit seinem neugebackenen Adel wird in Bezug auf die etiquettengemäß weißen, geschonten Hände seiner Frau penible sein, wie kaum unser Allerdurchlauchtigster.“

Käthe war längst erröthend aus dem Bereiche des Spiegels getreten. „Das mag Moritz halten, wie er will. Was geht das mich an?“ fragte sie in halbgewendeter Stellung, aber die Augen groß und verwundert auf das Gesicht der Schwester richtend.

„Aber ich bitte Dich, Flora, wie kannst Du so tactlos sein. Moritz in so unumwundener Weise vorzugreifen?“ rief Henriette erschreckt; sie fixirte mit einem besorgten, verlegenen Seitenblick Käthe’s Gesichtsausdruck.

„Ach was, er kann mir nur dankbar sein, wenn ich ihm den Weg ein wenig glatt und eben mache. Und glaubst Du denn, ich spräche da etwas aus, das Käthe nicht selbst längst wüßte? Es giebt kein Mädchen über fünfzehn Jahre, das nicht mit den Fühlfäden des Sehnens und Wünschens unausgesetzt sondirte und sofort wie durch einen elektrischen Schlag fühlte, wenn ein Männerherz sich ihm zuneigt. Die das nicht zugeben, sind entweder zu dumm oder raffinirte Coquetten.“ Sie maß wieder ihr Spiegelbild vom Kopfe bis zu den Fußspitzen und zog die Löckchen tiefer in die Stirn. „Wer vorhin Augen gehabt hat, zu sehen, wie unsere Kleine sich vertrauensvoll und hingebend anzuschmiegen weiß, der kann nicht mehr fehlgehen – gelt, Käthe, Du verstehst mich?“ Jetzt lächelte sie mit frivol blinzelnden Augen unter dem hochgehobenen Arme weg die junge Schwester an.

„Nein, ich verstehe Dich nicht,“ versetzte das Mädchen mit stockendem Athem; ein undefinirbares Gemisch von heftigem Widerwillen und böser Vorahnung stieg in ihr auf und machte sie ängstlich.

„Komm, Käthe, wir wollen gehen,“ sagte Henriette und [296] schlang ihren Arm um die Hüften der großen, schlanken Schwester, um sie nach der Thür zu ziehen. „Ich leide ein solch indiscretes Verhör nicht,“ setzte sie, zornig mit dem Fuße stampfend, hinzu.

„Bah, echauffire Dich nicht, Henriette!“ lachte Flora. Sie reichte Käthe das Etui mit dem Geschmeide hin. „Hier, Kleine, Du wirst doch die Steine nicht in dem offenen Salon liegen lassen, wo die Dienerschaft aus- und eingeht?“

Käthe legte unwillkürlich und naiv wie ein Kind die Rechte, in welche der Schmuck gedrückt werden sollte, auf den Rücken. „Mag doch Moritz sie wieder an sich nehmen,“ sagte sie kurz und bestimmt. „Deine Großmama hat darin ganz Recht – es ist ein unpassendes Geschenk; an meinen Hals gehört ein solcher Schmuck nicht.“

„Und an diese gutgespielte Unbefangenheit soll ich glauben?“ rief Flora ärgerlich und wie gelangweilt. „Geh’! Einem so großen, vierschrötigen Mädchen steht die kindische Ziererei nun einmal nicht an. Da liegt er noch, der Spitzenshawl, den Moritz der Großmama mitgebracht hat – sie verschmäht ihn; sie ist empfindlicher als Deine Schwestern, die es selbstverständlich finden, daß Dein Geschenk Alles, was er hier für uns ausgebreitet hat, an innerem Werthe mindestens vierfach aufwiegt – und über das Warum dieser Auszeichnung wolltest Du allein im Unklaren sein? Mache Dich nicht lächerlich! Hörst Tag für Tag das Hantiren drüben im Pavillon – Alle im Hause, bis auf die aus- und eingehenden Handwerker hinab, wissen, daß die Wohnung für die Großmama hergerichtet wird, damit die junge Frau Commerzienräthin in diese brillanten Räume einziehen kann – nun, kleine Unschuld, soll ich noch deutlicher werden?“

Bis dahin hatte das junge Mädchen regungslos gestanden und mit zurückgehaltenem Athem und aufdämmerndem Verständniß die Redewendungen der Schwester so erschreckten Auges verfolgt, als sehe sie eine buntschillernde, gefährliche Schlange allmählich sich entringeln. Nun aber irrte ein stolzes Lächeln um ihre blaßgewordenen Lippen. „Bemühe Dich nicht – ich habe Dich endlich verstanden,“ sagte sie bitter – dem Metallklang ihrer Stimme hörte man den inneren Schrecken an – „Du hast es weit klüger angefangen, als Deine Großmama, mir den ferneren Aufenthalt in diesem Hause unmöglich zu machen.“

„Käthe!“ schrie Henriette auf. „Nein, darin irrst Du. Flora ist wie immer entsetzlich rücksichtslos gewesen, aber böse gemeint waren ihre Anspielungen sicher nicht.“ Sie schmiegte sich eng an die Schwester an und sah ihr zärtlich in das Gesicht. „Und wenn auch, weshalb sollten Dich denn derartige Neckereien aus dem Hause treiben, Käthe?“ fragte sie halb ängstlich und zögernd in schmeichelndem Flüstertone. „Bist Du wirklich so ahnungslos der Liebe gegenüber geblieben, die Dir so unzweideutig gezeigt wird? Sieh, ich habe jetzt oft den heißen Wunsch zu sterben, wenn es aber wahr würde, daß Du als Herrin hier, in unserem väterlichen Heim, einzögest, dann –“

Käthe wand sich ungestüm aus den zarten Armen, die sie umstrickten. „Niemals!“ rief sie, den Kopf heftig schüttelnd, zornig, erbittert, wie es nur ein stolzes, plötzlich in allen seinen Tiefen unsanft und schonungslos aufgerütteltes Mädchengemüth sein kann.

„So – also niemals?“ wiederholte Flora sarkastisch. „Vielleicht ist Dir die Partie nicht vornehm genug – wie? Wartest wohl auf irgend einen verschuldeten Grafen oder Prinzen, der moderner Weise nicht das Dornröschen selbst, sondern ihre Geldsäcke aus dem Zauberbanne erlöst? Ei nun, die Jetztzeit ist ja nicht arm an solchen Ehen! Wie aber die unglückliche Mitgabe, die Frau, dabei fährt, weiß man auch. … Willst Du immer wieder hören, daß Dein Großvater hinter den Müllerpferden hergegangen und Deine Großmutter barfuß gelaufen ist, dann heirathe nur in eine solche adelsstolze Familie! Uebrigens möchte ich wirklich wissen, was Du an Moritz auszusetzen hast, oder vielmehr, was Dich berechtigt, seine Hand zurückzuweisen. Du bist allerdings sehr reich, aber was es für einen bedenklichen Haken dabei hat, wissen wir. Du hast viel Jugendfrische, allein schön bist Du nicht, meine Kleine, und was Dein Talent betrifft, mit welchem Du allerdings in günstigen Momenten zu brilliren verstehst, so ist das ein von ehrgeizigen Lehrern künstlich angefachtes Geistesfünkchen, das sehr schnell wieder erlöschen wird, sobald das fette Honorar aufhört.“

„Flora!“ unterbrach sie Henriette empört.

„Schweig’! Ich rede jetzt in Deinem Interesse,“ sagte Flora, mit einer kräftigen Handbewegung die schwache Gestalt der Kranken bei Seite schiebend. „Oder möchtest Du Moritz leidenschaftlicher verliebt in Dich sehen, als er sich giebt, Käthe? Liebes Kind, er ist ein gereifter Mann, der über das Heldenspielen in einem Backfischroman längst hinaus ist. Es fragt sich überhaupt, ob Du je um Deiner selbst willen gewählt wirst – bei solchen kleinen Millionärinnen kann man das nie wissen. … Ich begreife Dich nicht. Du hast Dich bis zu diesem Augenblicke auf die Krankenpflegerin capricirt, wie kaum eine aussichtslose alte Jungfer, weil – es eigentlich von keiner Seite gewünscht wurde, und nun, da Henriette ihre ganze fernere Existenz an Dein Bleiben im Hause knüpft, willst Du gehen? Ich für meine Person würde auch ruhiger in der Ferne sein, wenn ich unsere Schwester unter Deinen pflegenden Händen wüßte, und was Bruck anbelangt – nun, Du hast Dich allerdings eben wieder überzeugen müssen, wie wenig sympathisch Du ihm bist, armes Kind; er will lieber den ungezogenen Schreihals, den Job Brandau, in seinen vier Wänden dulden, als Dein häusliches Schalten und Walten, aber ich weiß trotz alledem gewiß, daß er seine Patientin, die er schließlich doch hier ihrem Schicksale überlassen muß, Dir am liebsten übergiebt, an der sie mit Liebe hängt.“

Henriette lehnte mit kreideweißen Wangen an der Wand – sie war keines Wortes fähig, so tief erbitterten sie die unbeschreibliche Nonchalance, der beispiellose Uebermuth, mit welchem Flora Alles, was die Schwesterherzen demüthigen mußte, an das Licht zerrte. Käthe jedoch hatte ihre äußere Fassung vollkommen wiedergewonnen.

„Darüber werden wir Zwei uns allein verständigen, Henriette,“ sagte sie ganz ruhig, aber die Lippen, welche die Stirn der Kranken küssend berührten, die Finger, die sich mit innigem Druck um ihre Hand legten, waren kalt wie Eis. „Du gehst doch wohl jetzt hinauf in Dein Zimmer;“ sie sah nach ihrer Uhr, „es ist Zeit, daß Du Deine Tropfen nimmst. Ich komme bald zurück.“

Sie ging hinaus, ohne noch einen Blick auf Flora zu werfen.

„Eingebildetes Ding! Ich glaube gar, sie nimmt es auch noch übel, daß man sie nicht für die erste Schönheit erklärt und daß nicht auch Männer wie Bruck an ihrem Siegeswagen ziehen,“ sagte die schöne Dame mit sarkastisch zuckenden Mundwinkeln, und während Henriette schweigend ihr Geschenk und die Kapsel mit dem Rubinschmucke forttrug, schritt sie, eine Melodie trällernd, nach dem Zimmer, in welches sich die beiden Herren zurückgezogen, und klopfte ungenirt mit dem Finger an, weil es, wie sie durch die Thürspalte hinüberrief, sehr ungalant sei, „das Geburtstagskind“ heute allein zu lassen.




20.


Käthe wanderte lange ziellos durch den Park, durch alle Laubgänge und Alleen in die entlegensten Partien hinein. So aufgeregt, wie sie war, mochte sie der Tante Diakonus nicht unter die Augen treten; sie wußte, die alte Frau würde theilnahmvoll fragen, und dann mußte sie beichten, und wahrscheinlicherweise gehörte die alte Freundin auch zu Denen, die ihre Verbindung mit dem Commerzienrath wünschten – sie machten ja in dem Punkte Alle Front gegen sie, Flora, Henriette, der Doctor. Egoisten waren sie Alle, das wußte sie nun. Aber sie ließ sich nicht in den glänzenden Käfig sperren; sie flog ihnen davon. Das dachte sie bitter, mit finsterem Trotze und blieb einen Augenblick mit müden Füßen vor der Ruine stehen, bis wohin sie sich verirrt hatte. Die Sonne stand schon tief – es war Abendsonnenlicht, das die Lüfte, den dunklen Tannenwald im Hintergrunde und den fluthenden Wasserring um die Ruine von zwei Seiten her mit Purpur- und Goldtinten glühend tränkte und färbte. Wie ein Gebild aus schwarzem Marmor hob sich die Hügelform mit dem Thurme von dem glitzernden Grunde, und die vollblätterige Nußbaumgruppe stand vor ihr wie eine vielzackige dunkle Silhouette, durch deren Geäst nur da und dort die Farbengluthen tropften.

Mit einem feindseligen Blick starrte das junge Mädchen über das Wasser hinüber. Dort oben, wo die schwere, dunkelrothe Seidengardine hinter der mächtigen Spiegelscheibe wie ein unheimlicher Blutstrom niederrollte, stand der vielberufene Geldschrank. [297] Bis dahin hatte sie ihn gefürchtet; heute haßte sie diese vier engen eisernen Wände, die ihr Ich, ihr warmschlagendes Herz aus dem Dasein löschten und sich selbst an die Stelle eines jungen Mädchens mit idealen Hoffnungen und Wünschen und tiefer Sehnsucht nach wahrem, stillem Lebensglück drängten. Wer auch kam und um ihre Hand freite, er liebäugelte mit dem eisernen Ungethüm, das sich an ihre Fersen heftete; jeder Blick, der begehrend auf sie fiel, galt der Millionärin, jeder warme Händedruck dem Papiergespenst, „das immer neue Summen aus der Welt an sich zog.“ Und das bedachte der Herr Commerzienrath von Römer auch – der reiche Mann wollte noch reicher werden. Wahrlich, heimtückischer war das Nagen des Wurmes auch nicht, das allmählich von innen eine köstliche Frucht verzehrte, als dieser ewig bohrende, das Selbstgefühl vernichtende Gedanke, den Flora boshaft lachend in die Seele der jungen Schwester geschleudert.

Und dort unten, an der Basis des Thurmes gähnte die dunkle Kellerluke, wo die kostbaren Weine des reichen Mannes feurig gegen die einzwängenden Faßdauben und Flaschen pochten. Der Commerzienrath hatte erst kürzlich wieder die Präsidentin und seine drei Schwägerinnen hinuntergeführt. Die Eisenbahn hatte wieder einmal zahllose Fässer und Körbe herangerollt, und sie alle fanden Platz in den mächtigen Gewölben, die ihre Steinbögen weit und tief in den Leib des Hügels hineintrieben.

Es wehte eine herrlich kühle, reine und trockene Luft da unten; die Steinfließen des Fußbodens blinkten wie polirt; kein Staubkörnchen, nicht das dünnste Spinnwebfädchen hing an den Steinrippen, die sich oben zur Kuppel kreuzten, und das Kellergeräth, das Trinkgeschirr, die grünen Römer, die Champagnergläser, Alles funkelte und gleißte; man sah, daß hier dienende Hände ohne Unterlaß fegten und spülten, strenger und peinlicher als im glänzenden Salon. Und da, wo die edelsten Sorten, Faß an Faß, lagerten, wo nur ein schwacher Schein des Tageslichtes hoch oben an der Gewölbdecke dämmerte, da standen auch in der dunkelsten Ecke die zwei Tonnen mit dem historischen Schießpulver, so frisch und unversehrt, daß Käthe neulich lachend gemeint hatte, die ehrwürdigen Reliquien würden wahrscheinlich von Zeit zu Zeit erneuert, wie der berühmte Tintenfleck auf der Wartburg. Diese Ecke aber war und blieb ihr unheimlich; sie begriff nicht, wie der reiche Mann sie Tag und Nacht unter seinen Füßen dulden konnte; und wenn sie sich auch nur die gespenstige Ahnfrau der Baumgarten mit umherleuchtender Fackel hin- und herirrend dachte, dann sträubte sich ihr das Haar.

Ihr Blick stieg an den geschwärzten Quadern empor – ein einziger Funke, der von dem Kellerlicht wegsprang – und das alte wie für die Ewigkeit gekittete Thurmgefüge barst auseinander, und Alles, was Menschenhände an Schätzen in dem Mauerviereck gierig zusammengerafft, es stürmte, in Atome zerstückelt, gen Himmel. Auch die eisernen Wände zersprangen, und die Papiere, an denen der Fluch der Bedürftigen hing, zerstoben und zerflatterten nach allen Winden.

Dem jungen Mädchen graute vor der eigenen Seele, durch die der Gedanke huschte, es möchte so sein, auf daß ihr Ich erlöst werde von der goldenen Maske, nach der die Gelddurstigen strebten. Entsetzt vor dem Bilde der Zerstörung, das die eigene Phantasie heraufbeschworen, hatte sie die Augen bedeckt, und nun ließ sie die Hände sinken und sah tiefaufathmend in die blaugoldigen Lüfte, in welchen, hoch über dem Thurme, Henriettens Taubenschaaren kreisten, und dort vor dem Fenster des scheinbar schiefhängenden Mauerstückes, das auf seinem Rücken den letzten herrlichen Colonnadenrest trug, hing der Amselbauer des dort hausenden Dieners. Rosmarin und Goldlack standen auf dem Sims, und darüber her fiel eine Gardine maiengrüner und maienduftender Hopfenranken. Das Vögelchen sang aus allen Kräften in das Gelärm der flügelklatschenden Tauben hinein, und den grasigen Abhang herab waren geräuschlos die Rehe gekommen und äugten über das Wasser hinweg nach dem großen schlanken Menschenkind, das eben so häßlich, so verzweiflungsvoll geträumt hatte.

Die Rehe und die Tauben kannten sehr gut das junge Mädchen, das stets in den Taschen Brod und Körner mitbrachte, aber heute hatte sie nur ein stummes Abschiedwinken mit der Hand für sie, ob auch das Taubenvolk sich jetzt auf den Rasen niederstürzte und seine Kecksten recognoscirend und bettelnd auf die Brücke vorausschickte. Käthe ging weiter am Flußufer hin, und bald mischte sich ferner Kinderjubel mit dem Rauschen des Wassers. Die kleinen Schülerinnen der Tante Diakonus spielten noch im Garten, und trotz der tiefen Niedergeschlagenheit, trotz der Seelenschmerzen, deren Wesen und Ursprung sie zum Theil nicht einmal begriff, weckten diese Laute ein warmes Freudengefühl in Käthe. Ach nein, die kleinen Geschöpfe da drüben mit den unschuldigen Augen und den jungen fröhlichen Herzen sahen nicht die Millionärin in ihr; sie wußten noch nichts von dem eisernen Geldschranke; sie nahmen unbefangen und dankbar das gereichte Vesperbrod und fragten nicht, wer es bezahlt habe. In den jungen Seelen lebte sie als die Tante Käthe, um deren Liebesbeweise man sich stritt und zankte, welcher man sehnsüchtig entgegenlief und in deren Ohr das ängstliche Bekenntniß kleiner Vergehen oder die weinende Klage über ein erlittenes Unrecht vertrauensvoll geflüstert wurden. Nein, dort wurde sie geliebt, aufrichtig geliebt um ihrer selbst willen.

Sie verdoppelte ihre Schritte; je näher sie dem Hause kam, desto mehr wurde ihr zu Sinne, als kehre sie heim aus der Irre. Dort trat die Magd zwischen den zwei gewaltigen Pappeln hervor, die zu beiden Seiten der Brücke standen, und wanderte, den Henkelkorb am Arme, nach der Stadt, um die Abendeinkäufe zu machen – das war auch eine treue Seele, die nicht um des Geldes willen an der Herrschaft hing; ihr gutmüthiges, offenes Gesicht gehörte so recht in das gemüthliche Heimwesen am Flusse.

Von den Kindern war nichts zu sehen, als Käthe über die Brücke kam – sie spielten hinter dem Hause; dafür machte sich der Haushahn um so breiter auf dem Rasenplatze; er schlug mit den farbenglänzenden Flügeln und krähte, daß es weit über das Feld hingellte; die Hühner unterbrachen ihr Scharren und schielten mit schiefgehaltenem Kopfe nach der Mädchenhand, die ihnen oft Futter hinstreute, und der Hofhund begnügte sich mit einem begrüßenden Schwanzwedeln. Er war jetzt gut Freund mit Käthe, bellte sie nie an und hatte sich mit der Zeit so viel Bildung angeeignet, die gelbe Henne nunmehr auch unangefochten vor seiner Nase hinspazieren zu lassen.

Die Hausthür stand weit offen, und die Magd war ausgegangen; mithin befand sich die Tante im Hause. Käthe stieg eben die Stufen seitwärts hinauf, als sie im Flure den Doctor sprechen hörte. Wie festgewurzelt blieb sie stehen.

„Nein, Tante, der Lärm belästigt mich. Meine Kopfnerven machen mir augenblicklich zu schaffen,“ sagte er. „Wenn ich mich für Momente in den grünen Winkel hier flüchte, so will ich ausruhen; ich brauche Ruhe, Ruhe.“ – War er es wirklich, der gelassene Mann, in dessen Stimme so viel nervöse Ungeduld, so viel zitternde Pein mitsprach? „Es ist ein Opfer, das ich von Dir verlange, Tante, ich weiß es, aber trotz alledem bitte ich Dich dringend, diese Unterrichtsstunden für die wenigen Monate, die ich noch hier sein werde, auszusetzen. Für diese Zeit will ich herzlich gern ein Zimmer in der Stadt miethen und eine Lehrerin bezahlen, damit Deinen Schülerinnen kein Nachtheil erwächst –“

„Um Gott, Leo, Du brauchst ja nur zu wünschen,“ unterbrach ihn die Tante erschrocken. „Wie konnte ich denn ahnen, daß Dir dieser Verkehr plötzlich so unangenehm ist? Nicht ein Laut mehr soll Dich stören – dafür lasse mich sorgen! Mich dauert nur Eines dabei – Käthe –“

„Immer dieses Mädchen!“ brauste der Doctor auf, als verliere er bei dieser leisen Klage den letzten Rest von Geduld und Selbstbeherrschung. „An mich denkst Du nicht.“

„Aber ich bitte Dich, Leo, was ficht Dich an? Ich glaube gar, Du bist eifersüchtig auf die Liebe und Zuneigung Deiner alten Tante,“ rief die alte Frau erstaunt und ungläubig lachend.

Er schwieg; das junge Mädchen draußen hörte, wie er einige Schritte nach der Hausthür machte.

„Meine arme Käthe! Es ist völlig undenkbar, daß ihr geräuschlos wohlthuendes Walten, ihre ganze Erscheinung irgend einem Menschen auf Gottes Erde unangenehm sein könnte,“ sagte die Tante, leisen Trittes ihm nachgehend. „Ich habe noch kein Mädchen gesehen, das so prächtig Kindesunschuld und Frauenwürde, Verstandesschärfe und Innigkeit des Gemüthes in sich vereinte. Das zieht mich unwiderstehlich zu ihr hin, und [298] ich meine, so ungerecht dürfte auch mein Leo nicht sein, daß er neben seiner vergötterten Braut kein anderes weibliches Wesen gelten ließe.“

Käthe schrak zusammen – der Doctor brach in ein sardonisches Gelächter aus, so laut und erschütternd, daß sie sich davor entsetzte. Unwillkürlich hob sie den Fuß zur Flucht – nein, sie blieb. Das spöttische Lachen galt ihr – sie wollte wissen, wie der Doctor die gute Meinung der Tante, die ihr allerdings die Gluth der Beschämung in die Wangen trieb, widerlegen werde.

„Du bist sonst eine so kluge, klarsehende Frau, Tante, aber hier läßt Dich Dein Scharfblick kläglich im Stich,“ sagte er, das Lachen in jäher, unheimlicher Weise abbrechend. „Immerhin! Ich werde selbstverständlich Deine Ansichten nicht anfechten – wer vermag sich denn selbst in das Gesicht zu schlagen? Ich habe Dich nur um Eines zu bitten: daß unser Zusammenleben bis zu meiner Abreise sich genau wieder so gestalte, wie es vordem war – wir wollen allein sein. Du hast Dich früher ohne die Gesellschaft junger Damen vollkommen zufrieden gefühlt; suche Dich für die wenigen Monate meines Hierseins wieder in die ungestörte Einsamkeit zu finden – ich will Niemand hier aus- und eingehen sehen.“

„Also auch Käthe nicht?“

Ein starkes Aufknirschen des über die Steinfließen hingestreuten Sandes drinnen ließ das junge Mädchen vermuthen, daß der Doctor ungeduldig mit dem Fuße auftrete. „Tante, soll ich denn durchaus gezwungen werden –“ rief er erbittert, seine Stimme war kaum zu erkennen.

„Behüte Gott – Alles wie Du willst, Leo!“ unterbrach ihn die alte Frau erschrocken und doch ihr schmerzliches Bedauern nicht verbergend. „Ich werde mich bemühen, die Verbannung so schonend wie möglich einzuleiten, damit sie nicht allzu wehe thut. … Aber, mein Himmel, wie erregt Du bist. Leo, und wie fieberisch Deine Hand brennt! Du bist krank. Du opferst Dich für Deine Patienten. Nun, wenigstens hier in Deinem Heim werde ich Dir Ruhe verschaffen – darauf verlasse Dich! Darf ich Dir nicht ein Glas Limonade mischen?“

Er dankte mit beruhigter Stimme und verabschiedete sich. Käthe hörte, wie die Tante nach der Küche ging, wahrscheinlich, um das verspätete Vesperbrod herzurichten. Gleich darauf trat der Doctor unter die Hausthüre.




21.


Da, dicht neben der Thüreinfassung, lehnte das junge Mädchen an der Wand; mit blassem Gesicht, die Zähne fest zusammengebissen, starrte sie neben dem herabsteigenden Manne weg in die leere Luft – sie wollte ihn nicht sehen.

Er schrak bei ihrem Anblick zusammen und blieb einen Moment wortlos vor ihr stehen, die unbeweglich wie ein Wachsbild in ihrer Stellung verharrte. „Käthe!“ rief er leise, ängstlich zögernd wie Jemand, der einen in einem schweren Traum Befangenen zu erwecken sucht.

Sie richtete sich in ihrer ganzen Höhe und schlanken Schönheit auf und stieg langsam die Stufen herab. „Was wünschen Sie, Herr Doctor?“ fragte sie, drunten auf dem Rasen stehend, über die Schulter nach ihm zurück. Auch diese Bewegung hätte noch den Eindruck des Automatenhaften gemacht, wäre nicht der empört flammende Blick gewesen, den sie jetzt auf den Doctor richtete.

Er erröthete heiß wie ein Mädchen und trat zu ihr. „Sie haben gehört –“ fragte er unsicher, aber gespannt in jeder Gesichtslinie.

„Ja,“ unterbrach sie ihn bitter lächelnd, „jedes Wort, und habe damit selbst schlagend bewiesen, wie recht Sie thun, Ihr Haus von fremden Eindringlingen zu säubern – die Wände haben Ohren.“ – Sie ging noch einige Schritte vom Hause weg, als könne sie nicht entfernt genug von der Schwelle stehen, die sie nicht mehr betreten sollte.

Er hatte sich währenddem gefaßt; er warf seinen Hut auf einen Gartentisch in Käthe’s Nähe und richtete seine hohe Gestalt aus der vorgeneigten Stellung empor, die er im ersten Zusammenschrecken angenommen. Aus seinen Wangen war die Röthe gewichen, aber es sah aus, als athme er auf, als sei es ihm erwünscht, daß eine solche Wendung eingetreten, daß ihm der Zufall zu Hülfe gekommen sei. „Die Furcht belauscht zu werden hat keinen Theil an dem, was ich vorhin meiner Tante ausgesprochen. Dieses stille Haus hat keine Geheimnisse, und das, was man in seine Brust verschließen muß, wird auch nicht laut zwischen Wänden, die keine Ohren haben,“ sagte er mit ruhigem Ernste. „Sie haben jedes Wort gehört – dann wissen Sie auch, daß mich nur der Wunsch nach momentanem Ausruhen bestimmt, ungestörte Stille zu fordern. Ich muß es leider gleich von vornherein aufgeben, diesen meinen rohen Egoismus entschuldigend zu motiviren. Sie können sich sicher nicht denken, daß es Seelen giebt, die fortgesetzt gleichsam auf der Flucht sind vor Gedanken und – Gestalten, aber vielleicht wird es Ihnen leichter, sich den schmerzlichen Zorn, die Qual eines Verfolgten vorzustellen, der erschöpft dem schützenden Heim zueilt und gerade da sich vor denen sieht, die er flieht.“

Sie sah mit ihren klugen Augen scheu prüfend zu ihm empor, der ihr während des Sprechens näher getreten war. Ja, es war ihm tiefer Ernst mit dem, was er sagte; er schilderte nicht nur die Qual eines solchen Verfolgten, er empfand sie auch in diesem Augenblicke wirklich und leibhaftig, das sah sie an seinem seltsam verstörten Blicke, an dem fahlen Erbleichen, das sein Gesicht gleichsam überschauerte; allein – vor seiner Braut floh er doch nicht, auch auf die unschuldigen Kinder konnte sich das Gesagte unmöglich beziehen; sonst aber verkehrte Niemand hier – außer ihr; mithin verhielt es sich in Wirklichkeit so, wie sie sich bereits tiefverletzt eingestanden: sie war ihm als Zeugin verschiedener Auftritte zwischen ihm und Flora lästig und unerträglich geworden; er mochte ihr wenigstens in seinem Hause nicht mehr begegnen, und die Unterrichtsstunden wurden nur sistirt, um ihr jeden Vorwand zum ferneren Aus- und Eingehen abzuschneiden. Diese Ueberzeugung machte ihre lieblichen Züge in dem Ausdrucke eisig lächelnden Unglaubens förmlich erstarren.

„Sie haben gar keine Verpflichtung, Ihre strenge Maßregel zu motiviren – Sie sind Herr hier, und das genügt,“ versetzte sie frostig. „Aber welche unbegrenzte Verehrung müssen Sie für die Frau Baronin Steiner hegen, daß Sie ihr die heißersehnte Ruhe opfern und ihren ungeberdigen Enkel sammt Gouvernante[WS 1] in das Haus nehmen wollen!“ – Das war eine herbe Zurechtweisung aus dem Mädchenmunde, der allerdings stets fest zu sprechen gewohnt war, noch nie aber gezeigt hatte, bis zu welcher Schneidigkeit die weiche Glockenstimme sich schärfen konnte. „Ach nein, thun Sie das nicht!“ rief sie in plötzlicher leidenschaftlicher Steigerung und streckte die Hand gegen ihn aus, als er überrascht und betreten die Lippen zu einer Entgegnung öffnete; „ich möchte nicht, daß Sie sich aus leidiger Höflichkeit zu einer Bemäntelung herbeiließen, und anders sprächen, als Sie denken. – Weiß ich doch nur zu gut, welche Beweggründe Sie leiten!“ Sie kämpfte sichtlich zornige Thränen nieder. „Ich habe einige Mal ungeschickter Weise Ihren Weg gekreuzt und begreife vollkommen die Erbitterung, mit welcher Sie vorhin sagten: ‚Immer dieses Mädchen!‘ … Ich kann mir ja selbst dieses Ungeschick nie verzeihen, obgleich ich in Wahrheit nur ein einziges Mal schuldig gewesen bin, d. h. mit Vorbedacht mich eingemischt habe. Sie aber gehen noch unerbittlicher mit mir in’s Gericht – Sie verfolgen mich dafür.“


(Fortsetzung folgt.)




Ein Lieblingsvogel des Volkes.


Frühlingsbild von Karl Müller.


So sehe ich dich gern, du Liebling des Volkes, du Freund der naturfrohen Jugend, du treuer Gast der Städte und Dörfer, die dir das Bürgerrecht bieten in Würdigung deiner Verdienste um die ackerbautreibende Menschheit: so vom Wonnegefühle der Frühlingsempfindung erregt, schlagend mit den Flügeln und balzend mit schwellender Brust und Kehle im knospenreichen Haselnußgesträuch; so versunken in die sich verjüngende Welt, bist du mir willkommen, schmucker Vogel, heiterlauniger Staar.

[299]
Die Gartenlaube (1876) b 299.jpg

Der Staar in der Frühlingspracht.
Originalzeichnung von Emil Schmidt.

[300] Wie schillert in Grün und Purpur dein Gefieder, und wie hell stechen die weißlichen Fleckchen von der dunklen Grundfarbe ab! Wie hat sich dein Schnabel schön röthlich-gelb herausgefärbt angesichts der Hochzeitsfeier, die du mit Aufsehen begehst und mit Tönen verherrlichst, die, wenn auch oft rauh und heiser, so doch mit Inbrunst die Gedanken verkörpern: wie ist die Welt so schön! und: die Geliebte ist mein, ist mein.

Nun ist alles Winterleid vergessen. Dein sanguinisches Naturell hilft dir rasch über die Unannehmlichkeiten des Lebens hinweg. Die schlechten Zeiten sind ja überstanden. Dein Weibchen ist dir treu ergeben, und wenn Flügelschlag und Balzen noch nicht hinreichend scheinen, um ihre Aufmerksamkeit und Gunst zu erwecken, dann erhebst du dich, liebeseliges Männchen, und schwebst im Sonnenschein langsam mit ausgebreiteten Schwingen durch die Luft. – –

Hören wir dem singenden Staare mit Aufmerksamkeit und geübtem Ohre zu, so finden wir, daß er mit weit mehr Talent zur Zusammenstellung von Melodien und Rufen anderer Vögel begabt ist, als mit der zur Darstellung nothwendigen Ausbildung des Stimmorgans. Zuweilen gelingt es zwar der ringenden Kehle, die Melodie der Amsel oder des Pirols laut und klar wiederzugeben, aber im Uebrigen beschränkt sich sein Vortrag auf den bekannten den meisten Staaren eigenthümlichen Schäferpfiff, auf knappende, balzende, heisere, scheinbar mühsam herausgepreßte Strophen und Andeutungen charakteristischer Weisen der ihn umgebenden oder auf seinen Streifzügen zufällig gehörten Vögel. Seine Stimme hat etwas von einem Bauchredner, und das Ohr täuscht sich daher oft in der Annahme der Richtung, von der die Klänge kommen, wenn der Urheber derselben nicht sichtbar ist. Neben den melodiöseren Tönen des Waldes und Feldes klingen uns, wenn wir den Staar belauschen, auch die dumpfen der sumpfigen Gründe, der Moore und Teiche an’s Ohr. Da einigen sich in der Kehle des kleinen Künstlers die erbitterten Gegner, Freund und Feind, Raubvogel und harmloser Sänger, der Weih mit dem langgezogenen Pfiffe und der Frosch mit seinem Quaken, der Sperber mit dem Gewimmer der Befriedigung beim Forttragen des eben geschlagenen Opfers und der Sperling mit dem behaglichen Locktone, der die Gefährten zur Mahlzeit in den Bauerngehöften einladet. Man hört dem Frühlingsconcerte des Virtuosen an, daß er seine Wanderungen und Bekanntschaften mit Nutzen gemacht, daß er sich dem Einflusse anderer befiederter Völkerschaften nicht verschlossen, sondern neben der heimathlichen auch fremde Sprachen und Dialekte sich angeeignet hat. Und solches Streben nach Vielseitigkeit ist löblich, noch anerkennenswerther aber der Fleiß und die Ausdauer, mit welcher er die Schwierigkeiten zu besiegen sucht, welche ihm seine schwache Stimme und die geringe Geschmeidigkeit seiner Stimmritze bereiten. Arbeitet denn nicht der ganze Vogel, wenn er singt? Drückt nicht selbst der eingekniffene Schwanz den Ton nach oben? Wahrlich, dieser Sänger würde bei der Gabe eines ausgebildeteren Stimmorgans mehr als alle anderen Virtuosen ersten Ranges leisten, denn sein Gedächtniß ist wie Vogelleim, an dem Alles hängen bleibt; dann würde sich auch sein Kunstgeschmack vielleicht mehr in den Formen der echten Classicität bewegen, als in dem barocken Stile der Widerspruchseffecte.

Als echter Höhlenbrüter verschmäht es der Staar, ein solides, kunstvolles Nest zu bauen. Hätte ihn die Natur angewiesen, im Freien vor den Augen der Welt seine Hütte zu errichten, dann würde die Zerstörung drohende Macht der Elemente erfordern, daß er eine dauerhafte Arbeit unternehme. So aber darf das Material in der dunklen Höhle lüderlich durcheinander liegen. Unser Staar greift zum Theil ohne besondere Auswahl zufällig dargebotene Stoffe auf, und bei dieser Gelegenheit schont er ebenso wenig die Kunstwerke seiner befiederten Nachbarn, wie der rohe Krieger die edelsten Baudenkmäler. Baumeister Fink muß es nicht selten mit tiefer Betrübniß und Entrüstung sehen, wie von dem Vandalen Staar sein mustergültiges Kunstgebilde zerstört und in Fetzen in die Höhle getragen wird. Das beraubte und beleidigte Finkenweibchen protestirt vergeblich mit erregtem Geberdenspiele und lautem „Fink“; der freundnachbarliche Sperling zankt umsonst, seiner eigenen Frevelthaten gegen Frau Schwalbe nicht gedenkend; der kleine Zaunkönig richtet auch nichts aus, wenn er mit über die senkrechte Stellung hinaus erhobenem Schwänzchen und mißbilligendem „Zerr“ in die Nähe des Schauplatzes des Gewaltstreichs heranrückt, und die Bücklinge des neugierig zuschauenden Hausrothschwanzes dürften, wenn der Dieb sie überhaupt zu deuten vermöchte, von ihm eher als Zeichen der Aufmunterung und Schadenfreude, denn als Kundgebungen der Mißbilligung betrachtet werden. Sicherlich ahnt dieser Rothschwanz nicht, daß später ein viel tieferer und schmerzlicherer Eingriff in sein Familienheiligthum von Seiten des Staars vielleicht zu erwarten steht. Und solche Eingriffe kommen in der That vor; denn ich habe gesehen, daß junge Stärlinge von den Alten mit nackten jungen Rothschwänzchen gefüttert worden sind.

Eigentlich sollte ich nicht so viel Nachtheiliges von dem allbeliebten Vogel ausplaudern, damit er nicht in der Achtung und Werthschätzung der Leser verliere, aber ich will alles Schlimme seiner Thaten in einem Athemzuge berichten, um mich nachher der Schilderung seiner Vorzüge desto freier und ungestörter hingeben zu können.

Nehmen wir, um das Sündenregister des Staars voll zu machen, zuerst die Besitzer der Kirschbaumwäldchen oder die Pächter der Kirschbaumalleen in Verhör! Sie zeugen laut gegen den angeklagten Plünderer, der in Gesellschaft seiner Kinder, seiner Ehehälfte, seiner Vettern, Basen und sonstigen Seitenverwandten gierig die Früchte anfällt und weit mehr derselben nur anbeißt und zu Boden wirft, als gänzlich verzehrt, gegen welchen Unfug aber alle Mittel zwecklos sind, denn Klappern, rothe Lappen und Popanze aller Art werden von dem frechen Diebe gar bald als ungefährliche Mittel zu seiner Einschüchterung erkannt. Als weitere Zeugen treten die Weinbauern auf, welche sich seiner nicht erwehren können, wenn die Trauben zur Reife gelangt sind, es sei denn, daß sie zu dem energischen Mittel des Schießens schritten und blutige Exempel statuirten. Endlich tritt der Kunstgärtner als Zeuge auf; er sagt dem Staar nach, er reiße die edelsten Blumenstöcke und jungen Pflanzen aus dem Boden.

Was wollen nun aber diese Belastungszeugen gegen die Menge der Entlastungszeugen ausrichten? Tausende von Obstbaumzüchtern können die Wirksamkeit des Staars als Feind der schädlichen Raupen und Käfer, namentlich der Maikäfer, nicht genug rühmen. Tausende von Wiesenbesitzern sehen den emsigen Vertilger der Nacktschnecken und Würmer auf der kaum geschorenen Wiese mit erstaunlichem Erfolge seine Thätigkeit entwickeln. Tausende von Ackerbauern kennen ihn als steten treuen Begleiter hinter dem Pfluge, wo er mit Raben-, Saat- und Dohlenkrähen im Auflesen der bloßgelegten Engerlinge und sonstigen Insectenlarven, der Schnecken und Würmer wetteifert. Tausende von Weinbauern haben ihn wenn auch als Traubendieb, so doch auch als den besten Vertilger der Weinbergsschnecke erkannt und beobachtet. Und wenn er eine Pflanze mit dem Schnabel mißhandelt, so geschieht das wahrlich nicht aus Muthwillen, noch viel weniger aus etwa vermutheter Neigung zu derartiger Nahrung; vielmehr ist das Ziel seiner Bestrebung ein Wurm oder eine Schnecke oder eine Insectenlarve an der Wurzel der Pflanze. Nun ja, es kommt zur Zeit der Jungenpflege im Neste auch hier und da vor, daß er anstatt eines frischen, zarten Baumblattes ein Pflänzchen aus der Rabatte in seine Höhle zur kühlenden Unterlage der Jungen trägt, die er möglichst reinlich zu halten liebt.

Ja, mit Recht, nutzenspendender Staar, baut man dir Brutstätten auf Bergen und im Thale, am Hause, im Hofe und Garten; mit gutem Grunde ruft man dir zu: sei fruchtbar und mehre dich! Denn wie man am Verbrauche der Seife den Culturgrad eines Volkes bemessen kann, so darf man getrost nach der Bevölkerungszahl der Staare einer Gegend, wie überhaupt nach der Hege und Schonung unserer nützlichen Thiere, das Gedeihen und die Erträgnisse der Acker-, Wiesen- und Gartencultur, abgesehen von sonstigen in Rechnung zu ziehenden Einflüssen, bemessen. Vom frühen Morgen, wenn im Thaue der Wurm und die Schnecke sich lüstern nach der Pflanze dehnen, bis zum Strahle der untergehenden Sonne bist du den aufstrebenden Garten- und Felderzeugnissen dienstbar. Die Ruhepausen sind der Toilette und dem Gesange gewidmet, doch beide treten zurück, wo die Pflichten des Familienlebens unausgesetzte Arbeit und den Ernst der Versorgung erfordern.

Während ich dich im Frühlingsrausche beobachte und deinen Wandel vom jungen Grün bis zum falben Herbstlaube [301] an mir vorübergehen lasse, gedenke ich eines deiner Brüder, dessen Leib nun wohl längst in Staub- und Dunstatome zersetzt ist. O, das war ein Erzstaarenmännchen, ein Goethe unter den Dichtern, ein Mozart unter den Componisten, ein Bismarck unter den Diplomaten. Beleckt von der Hochcultur, hatte er sich doch die liebenswürdigen Eigenschaften des Naturkindes erhalten, die bei ihm oft recht rührend und entzückend zum Durchbruche und zur Geltung kamen. Früh von einem Mainzer Schuster aus dem Neste genommen und als Waise mit der besten Gefangenenkost gefüttert, wuchs der zartfläumige Staarenknabe zum dichtbefiederten Jünglinge heran. Sein Herr, der Schuster, wurde sein Lehrmeister. In ununterbrochener Reihenfolge sprach ihm der mit chronischem Stockschnupfen behaftete Meister Pfriem folgende Worte vor: „Halt! Wer da? Jakob, hol’ die Wacht! Du Spitzbub’! Marie, koch’ den Kaffee! Gretchen, mach’ die Thür zu! Babettchen, steh’ auf! – Ja! Lottchen, küß’ mich! (nun folgte ein täuschendes Schmatzen) Röschen, Julchen! Schön Staarchen!“

Der Lehrling ahmte getreu Betonung und Charakteristik des Vortrages nach und lernte in wenigen Monaten einzelne Theile, bis zum kommenden Frühjahr sogar sämmtliche Sätze musterhaft sprechen. Der kostbare Vogel kam durch Zufall in meinen Besitz, und ich hatte die Freude, in ein wahres Freundschaftsverhältniß zu ihm zu treten. Täglich öffneten wir ihm die Thür des Käfigs und ließen ihn ein Bad in einem Schüsselchen mit frischem Wasser nehmen. Hinderten wir ihn an dem Hineinsteigen mittelst der Hand, so hackte er leidenschaftlich darauf los und warf höchst possirlich die erlernten Worte durcheinander. Selbst Abends bei Licht, wenn wir ihn aus dem Schlafe weckten, konnten wir ihn zu einzelnen Worten bewegen. Die klangen allerdings gar schläfrigmüde, und unter dem Flügel, wenn er den Kopf bereits geborgen, tönte manchmal noch leise einer der Mädchennamen oder „schön Staarchen“ wie im Traume nach. Hätte nicht jedes Mal nach dem Vortrage der Worte der scharfe, ohrzerreißende Schäferpfiff den wohlthuenden Eindruck beeinträchtigt, wir würden den unterhaltenden Schwätzer gewiß nicht in die einsame Stube verbannt haben, wo er eines Tages bei offenem Fenster in das Freie entkam.

So lange man das Schätzenswerthe besitzt, würdigt man es zu wenig – das sollte sich nun bewahrheiten. Wir empfanden den Verlust tief und boten Alles auf, den Entflohenen wieder ausfindig zu machen. Doch vergeblich musterten wir die wilden Brüder auf den Dächern und Bäumen; vergeblich lauschten wir, ob nicht ein Wort des liebenswürdigen Plauderers aus der Höhe zu uns niedertöne. Der ganze Ort war auf den Beinen und forschte spähend und horchend, denn der Vogel war populär geworden, und die Leute aus der Umgegend hatten, von dem Wundervogel in Kenntniß gesetzt, Ueberlandmärsche unternommen, um sich selbst zu überzeugen, daß er sprechen könne. Da regte sich denn auch in dem einen oder anderen Bauer die Phantasie, und es lief der Bericht ein, der entflohene Staar habe mitten unter seinen uncultivirten Brüdern und Schwestern wie ein belehrender Missionär gesessen, und die erstaunten Naturkinder hätten vor Verwunderung die Schnäbel aufgesperrt und wie versteinert zugehört. Aber ihr wilder Pfiff sei ihnen doch lieber gewesen, und stets, wenn der „Missionär“ den Schäferpfiff oder sonst einen Naturlaut habe hören lassen, seien sie hocherfreut gewesen und hätten lustig in den erquicklichen Ton eingestimmt. Schließlich seien sie seiner herzlich müde geworden und hätten ihn als zudringlichen Störer ihrer gewohnten Ordnung weggebissen und von dannen gejagt.

Beruht der Bericht auf Wahrheit, so geht daraus eine treffliche Lehre hervor: „Eines schickt sich nicht für Alle“ und insbesondere für unseren Staar im Haselnußstrauche die Anregung zu einer Hymne auf die unersetzlichen Güter der Natur und der Freiheit.




Walpurgisnacht.


Von Moritz Busch.


Während bei dem Aberglauben, der sich an eine Anzahl von Tagen des deutschen Jahres knüpft, sich fast immer Nachklänge aus dem germanischen Heidenthume mit christlichen Vorstellungen mischen, ist die Fülle abergläubischer Meinungen, die sich früher allenthalben an den ersten Mai knüpfte und ihn noch heute in Mancher Augen bedeutungsvoll, unheimlich und zauberhaft erscheinen läßt, von rein heidnischem Charakter. Der „Walperntag“, jetzt der heftigen Walpurgis geweiht, ist mit dem gesammten Brauch, Glauben und Spuk, der sich auf ihn gehäuft hat, nichts Anderes als der Rest eines dem Donar, dem Gewittergotte unserer Urväter, gewidmeten Frühlingsfestes. Er ist darum reich an Zauber und Zukunftsdeutung theils guter, theils schlimmer Art. In Holstein sagt man: Thau an diesem Morgen bewirkt ein reiches Butterjahr. In der Oberpfalz galt und gilt wohl hier und da noch jetzt dieser Thau als Sympathiemittel. In ihm sich unbekleidet wälzen, schützt in Niedersachsen vor Ungeziefer und gewissen Hautkrankheiten, und mit ihm sich waschen, vertreibt die Sommersprossen. In Westphalen pflegt man zu Walpurgis bei Sonnenaufgang einen Zweig von einer Eberesche (die dem Donar heilig war) zu schneiden und die Kühe damit auf’s Kreuz zu schlagen, denn damit werden sie milchreich gemacht. Linsen, an diesem Tage gesäet, gedeihen besonders gut; ein Kranz von Epheu, von einem Mädchen an ihm aufgesetzt, lockt Liebhaber und Freier an; ein Kranz von Gundermann, an ihm getragen, läßt seinen Träger in der Kirche alle Hexen erkennen, indem sie sich von den andern Weibern der Gemeinde dadurch unterscheiden, daß sie Melkkübel auf den Köpfen haben. Regnet es am ersten Mai, so giebt es nach den mecklenburgischen Bauernregeln eine schlechte Ernte; dagegen sichert sich zu Stockach in Tirol der, welcher sich mit solchem Regen die Stirn wäscht, auf das ganze folgende Jahr vor Kopfweh. In Schlesien weiß man, daß Kinder, an diesem Tage geboren, ungeschickt und blöde werden, in Ostpreußen, daß Gänse, die an ihm auskommen, nicht gerathen.

Noch bedeutungsvoller als der Walpurgistag ist die ihm vorhergehende Nacht, in welcher alle Zaubermächte losgebunden sind; denn in ihr feiert der Teufel mit den Hexen auf dem oder jenem Berge ein großes Fest, nach dessen Beendigung die bösen Weiber sich nach allen Richtungen hin zerstreuen, um den Menschen mit ihrer Kunst allerlei Schabernack anzuthun. Um sich dagegen zu schützen, hat man in Norddeutschland verschiedene Mittel, welche der Vorsichtige und Altgläubige nicht ungebraucht läßt. Das gewöhnlichste ist, daß man am Abende vor dem Walperntage an alle Thüren ein Kreuz oder einen Trudenfuß malt. An einigen Orten nimmt man drei Häufchen Salz, streut sie dem Vieh schweigend zwischen die Hörner und geht dann rücklings aus dem Stalle fort. Gleichfalls für ein gutes Recept gegen Behexung und gegen den bösen Blick gilt, daß man in der Walpurgisnacht Zweige von Erlen und Drachenblutbäumen über die Stallthüren hängt. Anderswo schützt man die Thiere dadurch vor den Unholdinnen, daß man jenen am Abende des 30. April ein Gemenge von wildem Knoblauch, Dill, Mehl und Honig zu fressen giebt. Wieder anderwärts genügt es, wenn man eine Sense oder ein Beil vor die Stallthür legt, um die Hexen fern zu halten, und in manchen Dörfern thut es ein bloßer Besen. Die Saat wird dadurch vor Schaden bewahrt, daß man am Walpurgisabende mit Gewehren darüber hinschießt oder eine Weile die Kirchenglocken läutet.

Hexen waren dem Aberglauben (und sind ihm in manchen Gegenden noch heute) Weiber, die sich dem Teufel verschreiben und mit seiner Hülfe allerlei Unfug treiben. Oft vererbte sich die Hexerei von der Mutter auf die Tochter. Gewöhnlich aber wurde sie jungen Mädchen, bisweilen schon kleinen Kindern, durch alte Frauen gelehrt. Vorher hatten die Betreffenden Gott, der Taufe und der Kirche zu entsagen und „dem Meisterlein“ zu huldigen. Sie traten dazu auf einen Kreuzweg oder auf den ersten besten Düngerhaufen, legten die Hand auf einen ihnen von der Verführerin hingehaltenen abgeschälten Stab und sprachen:

„Ich greif’ an diesen weißen Stock
Und verleugne unsern Herrn Gott
Und seine zehn Gebot.“

Damit war der Bund für alle Ewigkeit geschlossen. Besiegelt [302] aber wurde er auf dem großen, jährlich einmal stattfindenden Hexenconvente oder Hexensabbathe, der in Norddeutschland in der Walpurgisnacht und auf dem Blocksberge, in Süddeutschland auch zu anderen Zeiten und an anderen Orten abgehalten wurde. In Schwaben feiern die Hexen ihre Feste vorzüglich auf dem Heuberge bei Rotenburg. In Tirol gelten als Hexentanzplätze u. A. die Marlingerwiesen bei Meran, die Scharnitzer Klause und der Axelkopf bei Innsbruck.

Kam der Tag des Festes heran, so bereitete sich die norddeutsche Hexe mit gewissen Zaubermitteln auf die Fahrt nach dem Blocksberge vor; sie entkleidete sich und bestrich sich mit einer Salbe, die sie einschlafen ließ. Wir sehen sie dann, auf einer Katze oder auf einem Bocke, einem Besen oder einer Ofengabel mit fliegenden Haaren zum Schornsteine hinausfahren und durch die Luft reiten. Von allen Seiten kommen andere alte und junge Zauberschwestern, Teufel und Kobolde, gespenstige Thiere, Drachen, Kröten, Eulen, Fledermäuse, Menschen ohne Kopf und andere Spukgestalten herzugeflogen, bis die Versammlung vollzählig ist. Dann erscheint in Gestalt eines Bocks mit Menschenantlitz der Fürst der Hölle und ermahnt von einer Felsenkanzel seine Gemeinde zur Treue gegen sich, wofür er ihr Reichthum, Ehre und langes Leben verspricht. Darauf werden ihm von den älteren Hexen die Neuangeworbenen vorgestellt; es erfolgt eine kurze Prüfung, und findet er die Novizen willig, den Glauben endgültig zu verleugnen, so haben sie ihm eine Formel nachzusprechen, in der sie Gott und der „dicken Frau“ (so heißt in der Sprache der Hölle die heilige Jungfrau), den Geboten und Sacramenten entsagen, dem Vater der Lüge und Sünde unter Handschlag Treue und Gehorsam geloben und versprechen, ihm so viel neue Diener wie möglich zuzuführen.

Der Teufel beschenkt nun die Hexen mit einer Kleinigkeit, die ärmeren mit etwas Butter, Käse und Speck, die reicheren wohl auch mit einer Rose, einem Ringe, einer Spange oder einem Halstuche. Er tauft sie mit „garstigem Wasser“, versieht sie mit dem Trudenzeichen und weist jeder einen Leibteufel zu, der ihr Liebhaber und zugleich ihr dienstbarer Geist ist. Die Hexen erhalten eine Bohne oder eine Nuß, an welche ihr Leibteufel gebunden ist. Derselbe führt bisweilen einen christlichen, gewöhnlich aber einen nicht im Kalender zu findenden Namen. Er heißt manchmal Caspar, Kunz, Martin oder Hinz, häufiger aber Blaustrumpf, Weißfeder, Grünwedel, Federwisch, Spiegelglanz, Breitfuß, Hurlebusch, Kränzlein, Rautenstrauch, Dickbauch, Kapaun, Auerhahn oder Kuhhörnchen. Er ist immer um die Hexe und erscheint, so oft sie ihn ruft, aber auch ungerufen, auf dem Felde, beim Spinnen, während des Kirchganges, wo er aber selbstverständlich an der Kirchthür stehen bleibt; er macht seiner Gebieterin und Geliebten oft kleine Geschenke und treibt allerlei Kurzweil mit ihr. Die jungen Hexen werden in der Zauberkunst unterwiesen und zu allen bösen Streichen angeleitet. Sie bekommen Hexenpulver, und man zeigt ihnen die Bereitung der Hexensalbe. Sie lernen, wie man Gewitter und Hagelschlag zum Verderb der Saaten hervorbringt, wie man Kinder krank macht, wie man bewirkt, daß die Kühe statt der Milch Blut geben, wie man den Leuten Alpdrücken verursacht oder sie den Veitstanz tanzen läßt und dergleichen. Die alten Hexen aber haben vor ihrem Herrn und Meister ein Verhör zu bestehen und anzugeben, was sie im Laufe des Jahres Böses gethan haben, worauf sie entweder als fleißig belobt oder als träg gezüchtigt werden.

Inzwischen hat sich der Schauplatz mit Volk aus aller Herren Ländern, Männern und Weibern, Weltlichen und Geistlichen, Fürstinnen, Bauernweibern und Bettlerinnen, Verhüllten und Unverhüllten gefüllt. Allerlei Trachten, Stände und Altersstufen tummeln sich durcheinander. Unanständige Lieder werden gesungen, unsaubere Späße gemacht. Dann beginnt die Anbetung des Teufels, indem die Anwesenden sich, ihrem Meister die Kehrseite zudrehend, bei den Händen fassen und einen großen Ring um ihn bilden, der sich dann hüpfend um ihn herumbewegt und sich schließlich wieder auflöst, um jenem dadurch seine Huldigung darzubringen, daß man den Actus vollzieht, zu welchem Götz von Berlichingen, zur Uebergabe seiner Burg aufgefordert, den kaiserlichen Hauptmann einladen läßt. Wilde Tänze und ein reichliches Schmausen folgen. Dann giebt es eine Parodie des Abendmahles. Die höllische Hostie ist schwarz und zäh wie eine Schuhsohle, und der Trank, statt in einem Kelche in einer Kuhpfote gereicht, schmeckt wie Jauche. Zum Schluß verbrennt sich der Teufel zu Asche, die dann an die Hexen vertheilt wird, auf daß sie damit Schaden stiften, und nachdem die Höllengeister mit den Hexen bei ausgelöschten Lichtern noch eine Weile sich vergnügt, geht die gräuelvolle Gesellschaft aus einander. Die Hexen besteigen ihre Böcke und Ofengabeln wieder und fliegen nach allen Richtungen davon. Verspätet sich eine, kommt sie nicht vor der morgenlichen Betglocke heim, oder wird sie auf ihrer Luftfahrt von Jemand, der nicht zur höllischen Gemeinde gehört, gesehen, so stürzt sie herab und bricht den Hals.

Dergleichen Thorheit wurde in der „guten alten Zeit“ so ziemlich von aller Welt geglaubt, von Bürgern und Bauern nicht blos, sondern auch von den Gelehrten und Obrigkeiten. Und – was schlimmer war – die „gute alte Zeit“ bestrafte die Betreffenden, nachdem sie dieselben mit der Folter überführt, bestrafte sie mit nichts Geringerem, als mit dem Feuertode. Die Walpurgisnacht erinnert uns an eine der schrecklichsten Krankheiten, von welcher die Phantasie und das Rechtsgefühl der europäischen Menschheit je heimgesucht worden sind. Die Evangelischen waren nicht weniger bethört und nicht weniger unbarmherzig als die Katholiken dieser entsetzlichen Zeit, die sich über drei Jahrhunderte ausdehnte, in Deutschland kurz vor und kurz nach dem dreißigjährigen Kriege ihre grimmigsten Perioden hatte und in Spanien, in der Schweiz und in Polen bis in Tage hereinreichte, die einige von den ältesten Lesern dieses Blattes noch gesehen haben können.

Ein paar Zahlen mögen zeigen, daß hiermit eher zu wenig als zu viel gesagt wurde. Ich spreche dabei nur von Deutschland, obwohl es in anderen Ländern, vorzüglich in Italien und Spanien, nicht im Mindesten milder zuging und allein in Sicilien binnen anderthalb Jahrhunderten gegen dreißigtausend der Zauberei Beschuldigte den Scheiterhaufen bestiegen, in Schottland in einem einzigen Jahre sechshundert solche Unglückliche den Feuertod erlitten und in der einen Stadt Genf im Jahre 1515 nicht weniger als fünfhundert angebliche Hexen hingerichtet wurden. Mit besonderer Wuth raste diese schreckliche Geisteskrankheit, wenn wir uns nach Deutschland wenden, in einigen Theilen Frankens, in verschiedenen Gegenden Schwabens, in Schlesien und im braunschweiger Lande. Im Bisthum Bamberg wurden von 1627–30 bei einer Bevölkerung von etwa hunderttausend Seelen zweihundertfünfundachtzig, und im Bisthum Würzburg binnen drei Jahren hundertsiebenundfünfzig Hexen „eingeäschert“, im Ganzen aber ließ der damals dort gebietende Unhold, Bischof Adolph, während seiner Regierung zweihundertneunzehn des Umgangs mit dem Teufel Angeklagte verbrennen. Auch Bischof Johann von Trier zeigte großen Eifer; er sandte 1585 in seinem Gebiet so viele Weiber auf den Scheiterhaufen, daß an zwei Orten nicht mehr als zwei am Leben blieben. In der kleinen Reichsstadt Nördlingen wurden von 1590–94 zweiunddreißig Zauberer und Hexen verbrannt. Noch gräßlicher wütheten die Hexenrichter in Schlesien. Im Fürstenthum Neiße sollen in dem zuletzt erwähnten Zeitraum gegen tausend Hexen verurtheilt worden sein, über zweihundert Brände liegen Urkunden vor, und unter den Hingerichteten finden wir Kinder von ein bis sechs Jahren. In Braunschweig wurden zwischen 1590 und 1600 so viele Hexen hingerichtet, daß die Stelle, wo die Scheiterhaufen gestanden, wie die Stätte eines Waldbrandes aussah. Den furchtbaren Ruhm, das größte Autodafé in Deutschland gefeiert zu haben, hat die Stadt Quedlinburg, wo 1589 an einem einzigen Tage hundertdreiunddreißig Hexen verbrannt wurden. Die nicht beneidenswerthe Ehre, das letzte Autodafé innerhalb der Grenzen des damaligen deutschen Reiches veranstaltet zu haben, gebührt einem Erzbischof von Salzburg, der, 1678 dem Aberglauben, von dem wir hier reden ein Brandopfer von siebenundneunzig Menschen darbrachte. In Spanien starb 1781, im Canton Glarus 1783 die letzte Hexe den Feuertod. Am längsten hielt sich dieser wüste Spuk in Polen, wo in einem Orte an der preußischen Grenze noch im Jahre 1793 zwei Hexen den Scheiterhaufen bestiegen, nachdem kurz vorher ein ganzes Dorf sich der Wasserprobe hatte unterziehen müssen – auch eine von den Segnungen, welche ein langes Jesuitenregiment für das Land im Gefolge gehabt hatte.

Die Hexenrichter sind wir los, der Hexenglaube aber lebt [303] in einem guten Theile des Volkes fort, nur sind ihm die Nägel beschnitten, sodaß er ein ziemlich harmloser Aberglaube geworden ist, der gewöhnlich nur üble Nachrede und Meidung des Umgangs mit den Verdächtigen, sowie Verweisung derselben aus Haus und Stall zur Folge hat. Indeß kommen nach den Zeitungen doch gelegentlich Fälle vor, wo der Wahn weiter geht und sich zu Mißhandlungen und Peinigungen der Betreffenden versteigt, und gar nicht selten sind die Fälle, wo eine Magd, die eine Hexe sein soll, aus dem Dienste gejagt, oder eine Familie, in welcher die Mutter oder Großmutter in den Ruf gekommen ist, Vieh oder Menschen „etwas anthun“ zu können, durch allerhand Unbill genöthigt wird, ihren Wohnort zu wechseln. Die Schule hat hier noch manche Aufgabe.

In Ostfriesland nennt man die Hexen „dat roode Volk“ oder „de lichte Lüe“, die leichten Leute, weil sie auf Kuhrippen über das Land hinschweben. Es giebt dort ganze Familien, in denen die Hexerei forterben soll, und in welche deshalb Andere nicht gern hineinheirathen.

In Tirol wird nach I. Zingerle das Hexenhandwerk von alten Weibern gelehrt, und erst wenn die Schülerin sich in allen ihren Künsten dreimal sieben Jahre bewährt hat, erhält sie vom Teufel das „Siegel“, indem er ihr einen Bocksfuß auf das Kreuz einbrennt, womit die volle Zaubermacht und der „böse Blick“ verbunden ist, der Alles, was er trifft, beschädigt, krank macht und verdirbt. Die Hexen werden hier, wie anderwärts, an rothen Triefaugen, aber zugleich an verschiedenen anderen Zeichen erkannt. Wenn im Innthale ein altes Weib weiße Schnecken sucht, ist es eine Wetterhexe, die Gewitter und Wirbelwinde machen kann. Die Hexen können die Bergwiesen vergilben und verdorren lassen, bei verschlossener Thür ein Stück Vieh aus dem Stalle entführen, den Kühen die Milch nehmen, aus Nägeln, die im Stalle sind, melken, das Buttern hindern; sie können sich in Katzen und Hasen verwandeln, auch stehlen sie sich in Gestalt von Schmetterlingen durch offen gelassene Fenster in die Stuben und Kammern, wo sie dann des Nachts den Leuten Alpdrücken verursachen und die Kinder würgen, bis sie blau werden. Zum Glück giebt es allerlei Mittel, mit denen man sich gegen ihre Bosheit schützen kann. Wenn ein von Hexen verursachtes Ungewitter im Anzuge ist, so vertreibt man es durch Verbrennen von Kräutern, die am Tage Mariä Himmelfahrt geweiht worden sind. Schießt man gegen die heraufsteigende Wolke, so wird die Hexe getroffen. Die Ställe verwahrt man gegen die Unholdinnen dadurch, daß man einen Benedictus-Pfennig oder ein kleines Rad, dessen Speichen ein Kreuz bilden, daran befestigt, was man in den Gebirgsdörfern Truden, Aldein, Raditsch und Radein fast in jedem Gehöfte beobachten kann. Gekreuzte Eisenstangen vor den Fenstern halten in Passeier die Hexen fern. Will beim Buttern die Milch nicht brechen, so nimmt man eine Bratspieß, macht ihn glühend und stößt ihn in das Butterfaß, dann wird die Hexe, die das Mißlingen verursacht, gebrannt und ihr Zauber zerstört. Oft geschah es bei Stockach, daß Leute, die in einer Quatemberzeit nach dem abendlichen Gebetläuten vor die Thür gingen, von Hexen geholt, auf einen hohen Berg getragen und in zwei Stücke zerrissen wurden. In Meran, wo das auch befürchtet wird, schützt sich der, welcher nach dem Läuten noch ausgehen muß, vor aller Gefahr dadurch, daß er in den Wagengleisen hinschreitet. Wer in Absam und Zirl von der „Trude“, das heißt der Hexe als Alp, gedrückt wird, schafft sie sich vom Leibe, wenn er das nächste Mal sich eine Hechel so auf die Brust legt, daß die Stacheln aufwärts stehen.

Auch in Schwaben scheint nach E. Meier der Glaube an Hexen noch sehr verbreitet zu sein. Berüchtigt und gefürchtet sind die Weiber mancher Orte, z. B. die von Gomaringen und Pfrondorf bei Tübingen. Saulgau in Oberschwaben heißt in der ganzen Nachbarschaft wegen seiner viele Hexen das „Hexenstädtle“; das Wiesenstieger Thal wird das „Hexenthäle“ genannt, und von Möhringen auf den Fildern sagt man, es seien dort sechs Hexen mehr als Milchhäfen im ganzen Orte. Die Hexen reiten auf Katzen zu ihren nächtlichen Festen. Solche Thiere werden davon oft mager und krank. Schneidet man ihnen aber ein Stück vom Ohre oder dem Schwanze ab, so sind sie zu ferneren Ritten untauglich und erholen sich wieder. Wenn eine Hexe Jemand drücken oder „reiten“ will, so verläßt ihre Seele des Nachts ihren Körper und schlüpft als Maus zum Munde heraus. Der Leib liegt dann mit offenem Munde wie todt auf dem Rücken, und wollte man ihn umkehren und mit dem Gesichte auf’s Kissen legen, so würde er todt bleiben, da die Seele nicht wieder hinein könnte. Die Hexen können ein Kind durch bloßes Anblicken krank machen und Milch aus einem Handtuche melken. Sie stehlen ungetaufte Kinder und bringen sie um, worauf sie ihnen die Hände abschneiden, die dann zu einem Zauberbrei zerkocht werden. Erkannt werden sie daran, daß sie am Sonnabend spinnen, daß sie mit den Augen blinzeln, daß ihnen die Augenbrauen in der Mitte zusammen gewachsen sind etc. Sieht man ihnen in die Augen, so blickt das Bild verkehrt heraus.

Schutzmittel gegen die Hexen sind folgende. Man malt mit Kreide drei Trudenfüße an die Thür; man bringt dasselbe Zeichen an Krippen und Kornsäcken an; man nagelt einen Pferdefuß über die Stallthür; man wirft etwas Salz in den Melkkübel und das Butterfaß. Auch Messer mit drei Kreuzen auf der Klinge schützen gegen Hexen. In den Ställen muß man das Spinnengewebe sitzen lassen, sonst beschädigen Einen „die bösen Leute“. Legt man „Neunfingerleskraut“ unter sein Kopfkissen, trägt man Asche von Erlen- und Wachholderzweigen bei sich, so können Einem die Unholdinnen nichts anthun. Hat eine Hexe ein Stück Vieh beschädigt oder umgebracht, so kann man sie zur Strafe ziehen. Man stecke in das Herz des todten Thieres drei Nägel und drücke dieselben täglich etwas tiefer hinein. Dann muß die betreffende Person sterben, wenn sie nicht kommt und um Erbarmen bittet, und man die Nägel herauszieht. Ebenso stirbt sie an der Schwindsucht, wenn man ihre Fußstapfen ausschneidet und in den Rauch des Schornsteins hängt.

Norddeutscher Hexenglaube ist unter Anderm die Meinung, daß die Hexen aus einem Stücke Holz, einem Stricke oder Besenstiele melken, daß sie sich in dreibeinige Hasen verwandeln, daß sie an Mauern hinauflaufen und in der Luft schweben können. In der Mark und gewissen Theilen Mecklenburgs kann man den Hexenzug nach dem Blocksberge sehen, wenn man sich unter eine Erbegge setzt, deren Zähne nach oben stehen, oder wenn man eine Furche um das Dorf zieht, dann den Pflug in die Höhe richtet und daselbst bis zur Dunkelheit wartet, oder wenn man sich auf einen Kreuzweg stellt und sich ein ausgeschnittenes Stück Rasen auf den Kopf legt. Ebendaselbst erkennt man die Hexen in der Kirche, wenn man das erste Ei einer schwarzen Henne in der Tasche trägt. Im Harze leistet ein Gründonnerstagsei dieselben Dienste. Im Elsaß wieder muß es ein Charfreitagsei sein, und man sieht die Hexen mit einem Stücke Speck statt des Gesangbuches in der Hand.

Die Moral von unserer Betrachtung ist eine doppelköpfige: Die „gute“ alte Zeit war in Wahrheit nach verschiedenen Richtungen hin eine sehr „schlimme“, eine recht dumme alte Zeit, und wir sind besser daran als unsere Großväter und Urgroßväter, aber so gut und gescheidt wir vergleichsweise auch sein mögen, noch leben wir keineswegs überall im neunzehnten Jahrhundert.




Ehestandsdifferenzen.


Der „offene Abend“ in den schönen Räumen des Malers Arnold Hartung war vorüber, und wo eben noch eine heitere Gesellschaft plaudernd durcheinander gewogt hatte, stand jetzt die Zimmerreihe leer im hellen Lichtglanze. Man hätte sie für verlassen halten können, wäre nicht dann und wann ein Schall von Lachen und Gläserklirren durch die halb geöffnete Thür erklungen, die ganz zu hinterst in das hohe, mit alten Möbeln und Teppichen reich ausgestattete Atelier des Hausherrn führte. In der That saßen dort in der Nische neben dem mächtigen grünen Kachelofen die Intimsten des Hauses noch bei dem Reste der Bowle [304] zusammen, um den Abend mit einer gemüthlichen Plauderstunde zu beschließen. Meister Arnold lag behaglich im hohen Lehnstuhle, die Cigarre zwischen den Fingern, und unterhielt sich mit seinem alten Freunde, Professor Hilger, während auf der andern Seite des Tisches sich ein paar Gruppen um die anmuthige Hausfrau gebildet hatten. Zunächst ihre kürzlich verheirathete junge Schwester und deren Gemahl, welche letzteren Beiden heute in ganz ungewohnter Schweigsamkeit nebeneinander saßen, dann das ältliche Tantchen des Hauses und ihr alter Plagegeist, Doctor Aegidius Pfefferkorn, ein „hartgesottener Sünder“, wie sie ihn mit Vorliebe zu nennen pflegte, ohne deshalb aber seinen Neckereien im Geringsten aus dem Wege zu gehen. Links davon unterhielten sich ein schöner junger Mann und eine reizende Blondine lachend miteinander. Beide waren seit zwei Jahren als Schüler in diesem Atelier, und die Welt hatte sich nach langem vergeblichem Beharren endlich entschließen müssen, die Beiden als Paar aufzugeben. Olga Petroff, eine junge Russin, hatte offenbar nur ihre Kunst im Kopfe und Richard von Stetten mußte trotz aller verbindlichen Formen ein versteckter Weiberfeind sein, anders ließ sich die Sache nicht erklären.

„Nun, Doctor,“ sagte die Tante und füllte ihrem Feinde das Glas, „Sie strecken sich ja so bequem und behaglich am Ofen, daß man denken sollte, Sie hätten hier einmal die ‚vollkommene Existenz‘, die sonst nirgends zu finden ist, glücklich erwischt.“

„Jungfer Apolloine,“ erwiderte er, das Glas absetzend, „Sie sprechen in den Tag, oder vielmehr in die Nacht hinein, wie Sie’s verstehen, was freilich eine der allgemeinen weiblichen Gewohnheiten ist. Im Uebrigen gebe ich Ihnen zu bedenken, daß die wunderbarste Existenz, wie wir sie z. B. eben hier führen, keine vollkommene ist, sobald man weiß, daß sie in einer Stunde spätestens aufhört, ganz abgesehen davon, daß schon in den nächsten Minuten ein politischer Disput oder ein Kunstgespräch der Herrlichkeit ein Ende machen kann.“

„Ja, es ist schändlich,“ rief Richard, der den letzten Satz gehört hatte, mit der Hand durch seine krausen Haare fahrend. „Hier glänzen die Farben und der Schmuck der Damen, dort das Gold am Vorhange so frisch aus dem Dämmerlichte heraus, daß man meint, man könne sie morgen nur so auf die Leinwand werfen; die besten Ideen schwimmen hier in der Luft, und dann – gute Nacht! heraus aus all’ dem Zauber und hinunter in den kalten Mondschein, der Einem heimleuchtet in die frostige Junggesellenwohnung. “

„Nun hört den verrückten Menschen!“ rief Arnold laut lachend. „Klagt er nicht herzbrechend und brauchte nur die Hand auszustrecken, um es gerade so gut zu haben, wie andere Leute! Warum heirathest Du denn nicht, wenn Dir die Junggesellenstube anfängt frostig vorzukommen?“

„Aus Gründen, aus sehr guten Gründen,“ wehrte sich der junge Maler. Aber damit kam er übel an.

„Heraus mit Ihren Gründen!“ rief die kriegslustige Tante. „Ueber die habe ich mir schon lange den Kopf zerbrochen, aber heute müssen Sie einmal mit der Sprache heraus, da hilft Alles nichts.“ Die Hausfrau und ihre Schwester Agnes schlossen sich der Forderung der Tante lachend an, und Richard erklärte zuletzt, von allen Seiten in die Enge getrieben:

„Ja, sehen Sie, bis vor Kurzem war es nur eine allgemeine Ahnung, die mich bewog, mein allzu empfängliches Herz zu hüten. Ich konnte mit einem meiner Freunde sagen: ‚Ich habe Gründe, aber ich weiß sie nicht.‘ Aber nun stellen Sie sich mein Entzücken vor, als ich neulich in Chamfort’s Schriften meinen Grund finde, einen so herrlichen Grund, daß ich auf der Stelle wußte: dieser ist’s! und ihm nun mit vollem Bewußtsein nachlebe.“

„Darf man ihn erfahren, diesen Grund der Gründe?“ fragte Frau Agnes voll Neugierde. „Olga, Sie werden doch nicht fortgehen wollen, wo es so etwas zu hören giebt? Nun, Herr von Stetten, was sagt Chamfort?“

Der junge Mann warf einen raschen Blick auf die schlanke Gestalt, die gleichmüthig wieder Platz nahm, und antwortete dann: „Er sagt also: ‚Es geht mir wie jener Frau, die einen Sohn im Kopfe hatte, wie sie ihn nie bekommen sollte – so habe ich eine Frau im Kopfe, wie es Wenige giebt. Diese Frau hat mich vor Denen bewahrt, wie es Viele giebt, und dieser Frau bin ich großen Dank schuldig.‘ Ungefähr so ist es mir auch ergangen,“ schloß er mit künstlicher Unbefangenheit und richtete die Augen nach der Decke empor, während Olga sich abwandte, um ein leises Lächeln zu verbergen.

Der Doctor klopfte ihm auf die Achsel und sprach gravitätisch: „Du hast weise gehandelt, mein Sohn.“

Zu gleicher Zeit riefen die Tante und Frau Agnes wie aus Einem Munde: „Nein, das ist doch zu stark. Und das wagen Sie uns Allen zu sagen?“

„Warum nicht?“ versetzte der Sünder lächelnd, „ich hatte Sie ja natürlich Alle zu den Ausnahmen gezählt, und Sie werden sicherlich mit mir finden, wie Recht der alte Chamfort hat.“

In das nun beginnende Durcheinander von Entrüstung und Gelächter krähte des Doctors scharfe Stimme: „Redefreiheit, meine Herrschaften, Redefreiheit, und sprechen Sie lieber nach einander, als Alle zusammen! Jeder möge seine unverfälschte Meinung von sich geben, die meinige aber geht dahin, daß Einer, der auf’s Heirathen ausgeht, viel mehr Aussicht hat, Eine zu bekommen, wie es Viele giebt, als das Gegentheil, und daß man deshalb wohl thut, die Finger davon zu lassen.“

„Das sagt er nur, weil er selbst in einer so unglücklichen Ehe gelebt hat,“ zischte die Entrüstung der Tante zu Frau Agnes hinüber, aber im Eifer etwas zu laut, sodaß er boshaft lachend erwiderte:

„Wo sind denn die vielen glücklichen Ehen? Nennen Sie mir einmal ein Dutzend, wie die beiden hier! Oder soll ich Ihnen aus meiner Erfahrung – ein Arzt sieht ja so vieles mehr, als andere Leute – erzählen, wie das Glück wirklich aussieht, womit man der Welt Sand in die Augen streut?“

Franz Vollmer, der junge Ehemann warf seiner Frau einen raschen Blick zu, der nicht erwidert wurde.

„Sie übertreiben wieder einmal unglaublich, Doctor,“ sagte die Hausfrau, „so viel unglückliche Ehen, wie Sie meinen, giebt es nicht, aber leider viel gleichgültige, die besser sein würden, wenn die Menschen verstünden, glücklich zu sein.“

„Oder wenn die Frauen verstehen wollten, glücklich zu machen,“ erwiderte er, „die Interessen des Mannes zu theilen und wie der Schwindel sonst noch heißt, den sie Einem vor der Heirath so zuckersüß um den Mund streichen. Hinterher freilich thut man sich keinen Zwang mehr an, da kommen andere Eigenschaften zum Vorschein und entwickeln sich so riesengroß, daß der arme Geprellte, nach wiederholten vergeblichen Versuchen seinem Engel die Anfangsgründe menschlicher Logik beizubringen, sich in’s Unabänderliche ergiebt und, ohne zu mucksen, die Toiletten und Badereisen weiter bezahlt. Das heißt dann vor der Welt eine glückliche Ehe – mit Ausnahmen natürlich, mit Ausnahmen!“ schloß er in einem Tone der Hochachtung, welcher lächerlich genug von dem vorigen abstach.

„Aber er hatte sich umsonst angestrengt mit seiner verspäteten Höflichkeit. Die Lippen der jungen Frau bebten, und sie wollte eben etwas erwidern, als ihr Schwager sagte:

„Du redest Dich um Hals und Kragen, lieber Freund, und hast dabei nicht einmal das Verdienst der Neuheit, denn ungefähr so sprechen alle Ehefeinde seit alten Zeiten. Wir wollen lieber an Montaigne’s Satz erinnern: ‚Man beschuldigt leichter ein Geschlecht, als man das andere entschuldigt.‘ Wenn es in vielen Ehen übel aussieht, haben die Männer ebenfalls ihren Theil an der Schuld.“

„Warum nicht gar!“ und „ja, ja, so ist’s,“ riefen Franz und Agnes zu gleicher Zeit.

„Wenn die Frauen sich nach der Hochzeit verändern,“ fuhr diese mit hochgerötheten Wangen fort, „so soll man den Grund nur darin suchen, daß sich die Männer zuerst verändern, so sehr und so unglaublich, daß man wohl oder übel, nachdem man sich genug darüber gegrämt hat, sich in die Zeiten schickt und auch ein wenig anders wird, als früher.“

„Ein wenig!“ lachte der junge Kaufmann bitter auf.

„Sie könnten uns wohl die Geschichte zum Besten geben,“ sagte der Doctor trocken. „Das Aussprechen erleichtert ungemein.“

Agnes sah, ohne zu antworten, vor sich auf den Tisch, und Franz trommelte energisch mit den Fingern. Arnold, dem die Verstimmung der Beiden den Abend über aufgefallen war, sagte [305] mit verstelltem Ernste: „Sollte das vielleicht die Geschichte von der Rosenlaube sein? Erinnerst Du Dich noch, Felicitas?“

„Ob ich mich erinnere!“ antwortete lächelnd die schöne Frau. „Ich verdanke ihr ja mein ganzes Glück.“

„Potztausend, welche wunderkräftige Geschichte!“ rief der Doctor. „Ist sie für unsere profanen Ohren zu gut?“

„Keineswegs, ich möchte sie sogar allen jungen Frauen erzählen können – und solchen, die es werden wollen,“ setzte sie mit einem schalkhaften Blicke auf Olga hinzu, was ein kleines Aufwerfen der schönen Lippen zur Folge hatte. „Also – wir waren ein paar Monate verheirathet und von einer entzückenden Reise nach Italien zurückgekehrt. Arnold fand eine Menge Geschäfte vor, die ihn den Tag über ganz in Anspruch nahmen; ich freute mich nun auf den Abend und wartete mit stets neuer Sehnsucht auf die Stunde nach Tisch, wo wir plaudernd und kosend in der Sophaecke saßen und uns in tausend schönen Erinnerungen ergingen. Als er sich aber jeden Tag etwas rascher losmachte, seine Lampe anzündete und nach der Zeitung oder dem Skizzenbuche griff, als er auf jedes ‚Weißt Du noch?‘ antwortete: ‚Ja, ja, aber ich sage Dir, ich habe heute riesig gearbeitet‘ –“

„Verleumdung!“ rief Arnold. „So arg war es nicht.“

„Gerade so arg! – – da fing ich an, mir sehr verlassen und unglücklich vorzukommen, und ging den ganzen Tag mit verhaltenen Thränen herum. Auf meine zärtlichen Vorwürfe antwortete er mir einmal lachend mit Jean Paul’s Wort: ‚So lange ein Weib liebt, liebt es in Einem fort; der Mann hat dazwischen zu thun.‘ An diesem Tage beschloß ich, meine unverstandenen Gefühle in mich zu verbergen und mich darein zu ergeben, daß unser schönstes Glück nur wochenlang gedauert habe.“

„Des Lebens Mai blüht einmal und nicht wieder; mir hat er abgeblüht,“ recitirte der Doctor.

„Ja, so ungefähr,“ lachte sie. „Nun, an demselben Morgen fiel mir beim Abstäuben von Arnold’s Büchergestell ein alter Band von Justus Möser in die Hand, den ich mechanisch aufschlug; ich fand darin als Erstes einen ‚Brief einer alten Ehefrau an eine junge‘, der mir einen ganzen Wald von Lichtern aufgehen ließ. Es heißt darin ungefähr: ‚Nicht wahr, Sie wünschen wohl, daß Ihr Mann wie vormals einsam mit Ihnen auf der Bank in der Rosenlaube sitzen, Ihnen in das blaue Aeugelein sehen und, um einen Kuß auf Ihre schöne Hand zu drücken, knieen soll – meine Wünsche gingen wenigstens in dem ersten Jahre unserer Ehe auf nichts Geringeres, als auf dies. Aber das geht nicht an, der beste Mann ist auch der thätigste, und wenn unsere Männer von ihrer Vernunft in dieser Beziehung wohl geführt werden, so dürfen wir uns nicht darüber beklagen, daß sie sich nicht so oft wie ehemals mit uns am Silberbache und unter Louisens Buche unterhalten.‘ Dann erzählt sie, wie es auch bei ihr Thränen und Klagen gab, und läßt ihren Mann sprechen: ‚Ich sehe wohl, Du willst, ich soll noch wie vormals an Deiner Seite hängen und von Deinem Odem leben, aber dies ist mir unmöglich, wenn ich Dich auch in jedem Augenblicke mit Gefahr meines Lebens auf einer Strickleiter vom Glockenthurme herunterholen würde, falls Du nicht anders zu erreichen wärst. Mein Ehrgeiz will immer ein neues Ziel; ehe Du mein warst, brauchte ich alle Tugenden zu Stufen, um zu Dir zu gelangen; nun, da ich Dich habe, setze ich Dich oben darauf und Du bist bis dahin die oberste Stufe, von der ich weiter schaue.‘“

„Das war, was man eine starke Dosis nennt,“ sprach der Doctor und nahm eine Prise.

„Ja, und sie wirkte ganz gehörig. Erst traf es mich wie ein Blitz, daß Einer vor hundert Jahren so genau meine eigene Geschichte habe schreiben können – ich wußte noch nicht, daß es eine allgemeine ist – dann ärgerte ich mich unsagbar über den groben Ehemann und sein ungeschliffenes Gleichniß von der Treppenstufe. Aber endlich las ich doch weiter und fühlte immer deutlicher: die alte Frau hat Recht.“

„Was sagte sie denn noch?“ fragte Agnes so unbefangen wie möglich.

„Sie erzählt, wie sie sich ihrerseits mit einem herzhaften Entschlusse von den Liebesträumen ab und einer frischen häuslichen Thätigkeit zugewandt habe. ‚Wenn wir dann am Abende zusammen saßen und uns erzählen konnten, was wir den Tag über in Haus und Feld geschafft hatten, da waren wir oft froher und vergnügter, als alle liebevollen Seelen von der Welt. Und glauben Sie nicht, daß ich darum ganz auf das Vergnügen, ihn zu meinen Füßen zu sehen, verzichtet hätte; diese Gelegenheit findet sich weit eher, wenn man sie nicht sucht und sich zu entfernen scheint, als wenn man sich allemal, so oft es dem Herrn beliebt, in der Rosenlaube finden läßt.‘ Kurz, sie ist eine glückliche Frau, Mutter und Großmutter geworden und empfiehlt ihr Recept zur Nachahmung. Ich saß damals mit dem Buche auf dem Schooße lange Zeit, und es wollte mir gar nicht in den Kopf, daß der einzige Weg aus diesem Unglücke über meinen geopferten Egoismus gehen sollte. Aber allmählich kam ich zum Entschlusse, es einmal zu probiren, heiter und liebenswürdig zu sein, wenn er abgespannt heimkam, und seine Interessen, auf die ich eben noch so bitter eifersüchtig war, zu den meinigen zu machen. Das glückte mir so, daß ich bald ohne alle Verstellung an den Dingen mit Lust und Liebe Antheil nahm. Nun führten wir wieder lange Gespräche, wenn auch nicht mehr über unsere Empfindungen, und seither haben Mißmuth und Verdruß bei uns keine Stätte mehr gefunden – nicht wahr, Arnold?“ Sie reichte ihm die Hand über den Tisch, die er so herzlich drückte, daß man wohl sah, sie sprach wahr.

„Nun, es ist Ihnen geglückt, verehrte Freundin,“ sagte der Doctor, „aber Sie gehören eben zu den Ausnahmen und Arnold auch, obgleich mir das Complimentensagen sonst zuwider ist. Bei Andern geht es anders; dort würde sich auch Herr Justus Möser die Lunge umsonst lahm reden, denn da vermehrt sich der erste Verdruß in geometrischer Progression, bis zuletzt des Mißverstehens kein Ende und keine Rettung mehr ist.“

„Ja, das Mißverstehen,“ sagte Arnold, „das spielt allerdings eine Hauptrolle in allen Ehezwisten.“

„Nicht wahr!“ rief Agnes lebhaft. „Aber ein Mann sollte sich doch auch Mühe geben, seine Frau zu verstehen, so gut, wie sie ihn.“

„Die Mühe wäre ziemlich umsonst,“ bemerkte der bis jetzt schweigsame Philosoph. „Mann und Frau verstehen sich nicht eigentlich so, wie Freunde desselben Geschlechts, um so weniger, je mehr sie sich lieben, und vor allen Dingen lernen sie niemals ihre innersten Motive kennen. Das, was die Frau ‚ihren Mann kennen‘ heißt, ist nur eine Fertigkeit, ihn zu behandeln; in das Warum seiner Handlungen kann sie sich nicht versetzen, so wenig wie er in das ihrige, und Beide machen manchmal durch einen unverhofften Einblick darein die unliebsamsten Erfahrungen. Freilich täuscht sich Eines in seinen Voraussetzungen und Erwartungen so lange über das Andere, bis jedes von Beiden auf dem Erfahrungswege lernt, daß es ein von ihm grundverschiedenes Geschöpf ist, mit dem es zu thun hat – und nun respectirt es dessen Eigenthümlichkeiten –“

„Drücken Sie sich doch nicht so unaussprechlich kühl aus!“ fuhr der junge Maler dazwischen. „Das ist ja eben das Schönste von der ganzen Sache. Einen Freund verstehen und darum lieben – was ist dabei Besonderes? Aber nicht verstehen und doch lieben, über eine schlechte Behandlung wüthend sein und sie nach Kräften vergelten, umsonst nachdenken: warum hat sie dies gethan oder nicht gethan? und dabei noch toller verliebt sein als Tags zuvor, kurz –

‚Glück ohne Ruh’,
Liebe, bist du –‘“

„Sagt Chamfort!“ ergänzte lachend der Doctor. „Petre, Petre, ehe denn der Hahn zweimal kräht –“

Aber Richard hörte den Spott nicht. Seine Augen waren fest auf Olga gerichtet, welche die ihrigen mit einem muthwilligen Lächeln erhob. „Es war ja von der Ehe die Rede, nicht von der Liebe, und die Herren hier in Deutschland sprechen sich in der Ehe über das ‚nothwendige Mißverstehen‘ so viel weniger entzückt aus, daß ich zum Beispiel keine Lust hätte, die Erfahrung an mir selbst zu machen.“

„Also das ist Ihr ‚Grund‘?“ fragte der Doctor. „Schön, daß Sie Aufrichtigkeit mit Aufrichtigkeit erwidern und Ihre Antipathie gegen eine deutsche Ehe uns nicht verhehlen.“

„Sie meint es nicht so schlimm,“ begütigte Frau Felicitas.

„Doch, doch, ich meine es ganz so schlimm, wenn das überhaupt schlimm ist. Ich möchte keinen Deutschen heirathen, weil mir ihre berühmte Hochachtung vor den Frauen immer vorkommt [306] wie eine leere Redensart, die durch ihre Handlungen Lügen gestraft wird.“

„Hört, hört!“ rief Franz.

„Ja,“ fuhr sie erregter fort, „oder ist es nicht ein entsetzlicher Contrast, wenn man fortwährend die Frauen mit Schiller’schen Citaten öffentlich anschmeichelt, um sie dann, als wären sie hiermit abgefunden, auf Schritt und Tritt als Unmündige zu behandeln?“

„Ach,“ seufzte Doctor Pfefferkorn, „will’s da hinaus?“

„Nein, lieber Freund,“ antwortete sie mit einem vollen Blicke ihrer schönen Augen, „wir wollen uns heute nicht über die Emancipirten streiten, sondern annehmen, die Frauen seien die untergeordneten Geschöpfe, als welche sie hier im Lande der Idealität behandelt werden. Wie unfein ist es dann von den Männern, ihnen die hoffnungslosen Gebrechen ihrer Natur fortwährend vorzurücken! Man hält es für unerlaubt, einen Fremden wegen der Schattenseiten seiner Race aufzuziehen, aber Sie Alle werden mir zugeben, daß man hier zu Lande in den besten Kreisen die Beschränktheit der Frauen mit Vorliebe zur Unterhaltung wählt, und ich weiß nie, über was ich mehr staunen soll, ob über die totale Rücksichtslosigkeit, womit die Männer sprechen, oder über die lächelnde Zustimmung in den Mienen ihrer Zuhörerinnen. Das kommt bei uns nicht vor, und wenn Sie auch in Ihrem germanischen Bewußtsein auf die Slaven und Romanen hoch herabsehen, so haben diese wenigstens Eines vor den Deutschen voraus, die zartfühlende Rücksicht für ihre Frauen.“

„Ausgezeichnet!“ sagte der junge Ehemann spitzig. „Machen Sie schnell Reue und Leid, Doctor! Das Gewissen muß Ihnen nach der Rede des Fräuleins bedeutend schlagen.“

„Dieses Organ leidet bei mir an auffallender Unempfindlichkeit,“ erwiderte Aegidius Pfefferkorn sehr behaglich. „Ueberdies sind wir Freunde – nicht wahr, Fräulein Olga? – und haben als solche das Recht und die Pflicht, uns Unannehmlichkeiten zu sagen. Darin wenigstens halten es, wie ich glaube, alle Nationen gleich.“

Sie gab ihm lachend einen Schlag auf die Hand, welche sich ausstreckte, um die ihrige zum Friedensschlusse an seine Lippen zu führen.

„Und keiner der Herren nimmt den Handschuh auf?“ rief Richard im komischer Verzweiflung. „Ich darf nichts mehr sagen; ich habe heute schon zu viel Ungnade auf mein Haupt geladen. Aber so wehren Sie sich doch, Sie Vertreter der germanischen Cultur und Sitte!“

Der Professor legte sich schnell eine kleine Abhandlung über die geringere Differenz zwischen slavischen Männer- und Frauenköpfen zurecht und wollte eben beginnen, als Arnold mit seiner schönen, tiefen Stimme ruhig sagte: „Ich bin allezeit dafür, der Wahrheit die Ehre zu geben. In diesem Punkte hat sie Recht.

„Was!“ riefen sein Schwager mit dem Doctor zugleich.


(Schluß folgt.)




Nachdruck verboten und Ueber-
setzungsrecht vorbehalten.     
Das rothe Quartal.


(März–Mai 1871.)


Von Johannes Scherr.


9. „Oh, welcher Mordkampf hat sich da entsponnen!“


Derweil nahm der Bürgerkrieg seinen Fortgang und steigerte von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde seinen Grimm und sein Grausen.

Aber fanden sich denn nicht hüben und drüben Männer, welche gesund genug fühlten und dachten, das Vaterland über die Partei zu stellen und um jeden Preis, d. h. um jeden Preis gegenseitiger Nachgiebigkeit diesem schrecklichen, ärgernißvollen Kampfe ein Ende zu machen? Nein. Oder wenigstens hatten solche Männer keine Macht. Diese war hüben und drüben bei den Fanatikern, welche von nichts wissen wollten als von der Vernichtung des Gegners.

Es war rein vergeblich gewesen, daß am 9. April die „Union républicaine“, ein Verein von besonnenen Republikanern, mit gemäßigten Mitgliedern der Kommune eine Vereinbarung erzielte, welche das Programm aufstellte: „Staatliche Einheit Frankreichs und municipale Selbstständigkeit der Gemeinden“ – und dieses Programm zur Basis einer Waffenstillstands- und Friedensverhandlung mit der Nationalversammlung gemacht wissen wollte. Die royalistischen und pfäffischen Ultras, welche die Mehrheit der Versammlung ausmachten, wollten von diesem Programme nichts hören. Diese Rückwärtser schrieen auch jetzt wieder, wie sie oder ihre Gesinnungsgenossen im Juni von 1848 geschrieen hatten: „Man muß ein Ende machen mit der Revolution,“ und das Haupt der Executivgewalt, Herr Thiers, war ganz entschieden derselben Meinung. Das äußerste Zugeständniß, zu welchem er sich herbeiließ, war das Versprechen einer allgemeinen Amnestie im Falle der Unterwerfung von Paris. Nur die Mörder von Thomas und Lecomte sollten, wie billig, von dieser Amnestie ausgenommen sein.

Auch das Auftreten der Pariser Freimaurer zu Gunsten einer Ausgleichung und Versöhnung schlug gänzlich fehl und vermehrte nur die ohnehin reiche Spektakelsammlung des rothen Quartals um ein weiteres. Als am 29. April die Brüder Freimaurer, 8000 oder gar 10,000 Köpfe stark, beim Stadthause sich versammelten, um durch ihren Bruder Redner Thirifocq mit den Kommunarden Beslay, Meillet und Pyat höchst wohlgemeinte und sonor deklamirte Standreden über die Schönheit und Wünschbarkeit des Weltfriedens und der Menschenbruderschaft auszutauschen, und als sie sodann in feierlicher Procession mit ihren Fahnen, Schurzfellen, Winkelmaßen und Kellen durch die Stadt zur Umwallung hinauszogen, um auf derselben ihr großes weißes Friedensbanner mit der Inschrift „Aimons-nous!“ aufzupflanzen, da konnte man wieder einmal recht deutlich sehen, daß vom Erhabenen zum Lächerlichen nur ein Schritt ist. Die Freimaurer thaten diesen Schritt mit allem Anstande, das muß man sagen, mit echt französisch-theatralischer Grazie. Allein das ganze Schauspiel endete damit, daß eine aus einem Geschützrohre der Blauen kommende Kugel das Friedensbanner mitsammt seiner liebseligen Devise in Fetzen riß.

Ein letzter Vermittlungsversuch ward noch in der letzten Stunde gemacht, d. h. als der Todeskampf der Kommune bereits begonnen hatte. Gegen den 20. Mai hin mußten nämlich selbst die röthesten Rothen in der Kommune erkennen, daß keine Hoffnung auf Sieg mehr sei. Am genannten Tage ließ demnach der Wohlfahrtsausschuß sich herbei, Delegirte der „Union républicaine“ zu ermächtigen, auf Grund des vorhin erwähnten Programms derselben in Versailles einen Waffenstillstand zu beantragen. Allein die Delegirten vermochten erst am 22. Mai eine Audienz bei Thiers zu erlangen, und dannzumal waren die Blauen schon in die Stadt eingedrungen und raste der Kampf innerhalb derselben so wüthend, daß selbst beim besten Willen kaum daran zu denken war, demselben Einhalt zu thun. Uebrigens war dieser beste Wille auch nicht vorhanden, in der Präfektur zu Versailles so wenig wie im Stadthause von Paris. Dort nicht, weil man des Sieges gewiß war; hier nicht, weil man sich so oder so verloren sah, obzwar man sich und anderen noch immer vorlog, daß Rettung und sogar Triumph möglich wäre.

Die letzte Maiwoche brachte die Katastrophe, brachte hochrothe Pfingsten, wie Paris noch keine gesehen.

Wenn man vom Boulogner Walde her durch die Porte La Muette die große Umwallung passirt und den Schienendamm der Gürteleisenbahn hinter sich hat, so erblickt man in der Richtung auf Passy zu zur Rechten Park und Schloß La Muette. Hierher hatte der Obergeneral der Kommune, Dombrowski, sein Hauptquartier verlegt, als es der Entscheidung zuging. Er stellte den mehr und mehr an den Wall herangekommenen Belagerern einen zähen und geschickten Widerstand entgegen, vermochte aber mit seinen Mitteln die Ueberlegenheit der blauen Artillerie in die Länge nicht zu bestreiten. Diese Ueberlegenheit machte es dem Polen am 20. Mai klar, daß die Walllinie, obzwar

[307]
Die Gartenlaube (1876) b 307.jpg

Shakespeare’s Triumph in Ketten.
Originalzeichnung von H. Langhammer in Leipzig.

[308] bis zur Stunde noch keine Bresche in dieselbe gelegt war, nicht mehr zu halten sei und daher von der Porte Maillot bis hinunter zur Porte Saint-Cloud geräumt werden müßte. Aber nur, um eine zweite Vertheidigungslinie desto hartnäckiger zu halten, den Schienendamm der Gürtelbahn, welcher ganz zweckentsprechend gelegen und gebaut war. Den Rückzug auf diese Linie befahl Dombrowski am folgenden Tage.

Wäre der Rückzug mit der erforderlichen Ordnung vollzogen worden und hätten sich die Rothen auf und hinter dem Eisenbahndamm gehörig einzurichten vermocht, so würden sie zweifellos im Stande gewesen sein, die Westfront der Stadt noch mehrere Tage, vielleicht sogar Wochen vor dem Einbruch der Blauen zu schützen. In diesem Falle, so hat man mit Recht gefolgert, müßte die Katastrophe noch viel schrecklicher geworden sein, weil der rothe Zerstörungswahn mehr Zeit gehabt hätte, seine Absichten zu Thaten zu machen. Auf das Vorhandensein solcher Absichten ist schon früher hingewiesen worden. Doch mag hier noch die Bemerkung stehen, daß die Behauptung, es sei im Schoße der Kommune oder des Wohlfahrtsausschusses oder des Centralkomité ein förmlicher Plan zur systematischen Zerstörung von Paris im Falle der Niederlage, ein förmlicher Plan der Unterminirung, Sprengung und Verbrennung der Stadt ausgearbeitet worden, nirgends erwiesen wurde, auch durch die nachmalige Procedur der Kommunarden vor dem Kriegsgerichte nicht. Freilich, die Tendenz zu einer solchen Ungeheuerlichkeit rumorte unter mehr als einer Schädeldecke, wie uns ja von der Hand mehr als eines Mitgliedes der Kommune schwarz auf weiß bezeugt ist. Aber es wird nichts so heiß gespeis’t, als es gekocht ist, und von der fixen Vorstellung eines Narren bis zur methodischen Ausführung derselben ist ein weiter Weg. Demnach dürfte, alles zusammengehalten, die geschichtliche Wahrheit sein, daß der wahnwitzige Zerstörungsgedanke, obzwar von diesem oder jenem Fanatiker schon viel früher ausgeheckt, erst in den Nöthen des Verzweiflungskampfes systematisch-thatsächliche Gestalt gewann und daß die mit Petrol getränkte Brandfackel zunächst als strategisches Mittel in Anwendung kam. Jedoch soll damit keineswegs verneint werden, daß diese Fackel, nachdem sie einmal geschwungen war, im den Händen von Gesellen wie Ferré und Rigault zur gemeinen Mordbrennerfackel geworden und daß diese und ihnen ähnliche Bösewichte dem teuflischen Gelüste nachgegeben haben, die Zerstörung der Paläste und Häuser von Paris um der Zerstörung willen zu betreiben.

Wäre diesen Rasenden Zeit gelassen worden, ja dann würde Paris, ganz Paris in einem Flammenmeere versunken sein.

Sie hatten keine Zeit.

Montags den 22. Mai wurden in der Morgenfrühe die Pariser durch einen furchtbaren, von Westen her vorschreitenden Kanonendonner geweckt. Wer auf die Straßen hinabeilte, sah Volkshaufen vorüberlaufen und hörte sie schreien: „Die Blauen sind in der Stadt. Die Versailler sind einmarschirt.“ Oder: „Die Rothhosen sind da. Wir sind verrathen.“ Oder: „Man schlägt sich beim Viadukt von Auteuil und auf dem Marsfelde.“ Dem Geschützedonner vom Westen gibt solcher von Nordosten Antwort. Die Batterien auf dem Montmartre werfen ihre Bomben zum Triumphbogen hinüber. Neue Volkshaufen, neue Schreie der Angst, der Wuth, der Verzweiflung. Dann das alles zusammengefaßt in den Ruf: „Barrikaden!“ Auf den Boulevards wenige Eilgänger, Wirthschaften und Magazine geschlossen. Der Barrikadenbau beginnt in allen gegen den Rundplatz, aus welchem der Arc de Triomphe aufragt, hinausführenden Straßen. Vorübersprengende Officiere, kreischende Kommandoworte, fieberische Thätigkeit von Männern, Frauen, Kindern, welche Pflastersteine und anderes Barrikadenmaterial herbeischleppen. Hochaufgeschürzte Amazonen, Ingrimm in den bleichen Gesichtern, die rothe Kappe auf’s wirre Haar gestülpt, haben sich vor Mitrailleusen gespannt und ziehen dieselben im Laufschritte herbei. Vorbeigehende, die weder Bürgerwehrröcke noch Blusen anhaben, werden ohne Umstände zum Steinetragen gepreßt, mehr oder weniger höflich oder grob. „Nicht wahr, Monsieur, Sie werden so freundlich sein, uns ein bißchen zu helfen?“ Aber auch aus der Dur-Tonart: „Bürger, du wirst so gefällig sein, uns nicht zu bespioniren, sondern Steine herbeizutragen, oder ich schlage dir den Schädel ein.“

Die Blauen waren also in der Stadt. Wie war das zugegangen? Hatte wirklich der Prophezeiung des Bürgers Jules Vallès gemäß einer der Kommune-Generale dieses oder jenes Thor an die Versailler verkauft? Nein. Ihr Erfolg, d. h. die Möglichkeit des Eindringens in die Stadt, war für die Regierungstruppen selbst eine Ueberraschung gewesen. Die zweite Belagerung von Paris endete mit einem Handstreich, welcher zunächst durch die kühne Entschlossenheit eines einfachen Bürgers ermöglicht wurde.

Die Belagerer hatten ihre Laufgräben bis unter den Wall vorgetrieben. Bis Dienstags den 23. Mai hofften sie Bresche schießen und dann zum Sturmangriff schreiten zu können. Sie wußten nicht, daß die Ueberlegenheit ihrer Batterien den Rothen die längere Behauptung der Umwallung unmöglich gemacht und demzufolge Dombrowski den Rückzug zum Gürtelbahndamm befohlen hatte. Ebenso unbekannt war ihnen, daß dieser Rückzug sehr unordentlich bewerkstelligt wurde und die Streiter der Kommune, statt an ihrer neuen Aufstellung sich gehörig einzurichten, vorgezogen hatten, in den Schenken von Auteuil und Passy sich ein Sonntagsvergnügen zu machen. Bei sothanen Umständen war die Umwallung aufgegeben und leer, der Bahndamm dagegen entweder noch gar nicht oder doch nur ungenügend besetzt.

Um 3 Uhr Nachmittags sahen Rothhosen, welche in der bis nahe vor die Bastionen der Porte Saint Cloud getriebenen Tranchée wachtstanden, einen bürgerlich gekleideten Mann auf der Höhe der Umwallung erscheinen, ein weißes Tuch schwenkend. Das war der Bürger Jules Ducatel, ein Subalternbeamter beim städtischen Straßenwesen. Mit Einsetzung seines Lebens benützte er den günstigen Augenblick, um die Regierungstruppen zu verständigen, daß sie den Wall übersteigen könnten, ohne Gegenwehr zu finden. Ein Kapitän von Genie, Garnier, der an dieser Stelle die Belagerungsarbeiten leitete, bemerkte den winkenden Mann ebenfalls, traute jedoch dem Gewinke nicht recht, sondern argwohnte auf Seiten der Rothen die Kriegslist, die Blauen auf eine Mine zu locken. Trotzdem, da Ducatel, auf die Gefahr hin, in jedem Augenblick von Wehrleuten der Kommune in seinem gefährlichen Beginnen überrascht und niedergeschossen zu werden, mit seinem Taschentuche zu wehen fortfuhr, näherte sich der Officier dem Manne bis auf Gehörweite, rief ihn fragend an und erfuhr von ihm den Sachverhalt. Garnier vergewisserte sich mittels einer sofort vorgenommenen Erkundung von der Wahrheit der Aussage Ducatels, und ein gerade zufällig in den Laufgräben weilender Seekapitän, Namens Trèves, depeschirte die unverhoffte Neuigkeit nach Versailles. Die Führer der zunächst stehenden Truppentheile wurden ebenfalls eilends benachrichtigt und begannen noch vor 4 Uhr ihre zweckdienlichen Bewegungen. Die Division Vergé bemächtigte sich der Porte Saint Cloud, die Division Berthaut des Raumes zwischen der Umwallung und dem Bahndamm. Dann wurden fliegende Kolonnen innerhalb der Wälle nordwärts vorgeschoben, um sich der Thore von Auteuil und Passy zu bemächtigen, durch welche dann die draußen bereitstehenden Mannschaften des Generals Ladmirault hereindrangen. Etwas später marschirte auf der Südseite das Korps Cissey durch die Thore von Versailles und Vanves im die Stadt. Die Dunkelheit war noch nicht völlig hereingebrochen, als sich schon 80,000 Mann Regierungstruppen auf der Stadtseite der Umwallung befanden, die drei Korps der Generale Douay, Ladmirault und Cissey. Es muß denn doch eine große Lockerung und Lotterung unter den Rothen eingerissen gewesen sein an jenem Sonntagsabend. Denn der Widerstand, welchen die Blauen fanden, war so nichtssagend, daß sie noch an demselben Abend zu weiterem Vorgehen sich entschließen konnten. Die Dunkelheit begünstigte diese weiteren Handstreiche, welche das Schloß La Muette, den Trocadero, den Triumphbogen, das Marsfeld und das ganze Quartier Vaugirard in die Gewalt der Truppen brachten. Auf dem Trocadero und beim Arc de Triomphe versuchten die überraschten Rothen allerdings Gegenwehr, vermochten aber damit nicht aufzukommen. Am letztgenannten Orte waren sie mitten im Bau einer Batterie überrascht worden. Die Blauen kehrten die Geschützemündungen alsbald gegen die Champs Elysées hinab und schickten Kugeln bis zum Industriepalast und Eintrachtsplatz. Diese Begrüßung beantworteten die Rothen mit Geschossen, welche eine von ihnen [309] auf der Terrasse der Tuilerien errichtete Batterie die Prachtstraße der Champs Elysées entlang zum Triumphbogen hinaufsandte.

In der inneren Stadt vernahm man wohl dieses Kanonenduett, aber man war solchen Singsangs seit Monaten so gewohnt, daß man sich zum Schlafen niederlegte, ohne zu ahnen, daß die Blauen innerhalb der Umwallung. Soweit diese am Abend in der Dunkelheit hatten vordringen können, waren sie in diesen Quartieren, namentlich in den Westendquartieren rechts der Seine laut sympathisch empfangen und als Befreier begrüßt worden. Das war ganz in der Ordnung. Aber nicht in der Ordnung war, daß die Soldaten der Regierung jetzt schon alle Rothen, deren sie habhaft werden konnten, erbarmungslos niedermachten und von ihren Offizieren von dieser Mordwuth keineswegs abgemahnt, sondern vielmehr noch dazu angeeifert wurden. Alle auch nur halbwegs anständigen Menschen in Europa haben sich über die Gräuel, welche die Rothen während des Verzweiflungskampfes der Kommune verübten, entsetzt. Aber der nur allzu gerechtfertigte Abscheu hätte nicht bloß auf eine Seite fallen sollen. Denn nicht allein die rothen Besiegten, sondern auch die blauen Sieger haben sich wie wilde Bestien aufgeführt. Nein, nicht so; sondern so wild und wüst, wie nur der Mensch, nicht das Thier, zu wüthen vermag. Da, in dieser schrecklichen pariser Woche hat sich die vielgerühmte „christliche“ Civilisation wieder einmal herrlich sehen lassen, wie sie sich eben immer und überall sehen ließ und sehen läßt, wo die elementaren Triebe und Leidenschaften der Menschenbestien, alle konventionellen Anerzogenheiten abstreifend, kämpfend aufeinanderprallten und aufeinanderprallen. …

Das war ein Erwachen am Morgen dieses 22. Maitags! Von Vaugirard im Süden bis zum Montmartre und La Villette im Norden, vom Quai d’Orsay und von der Madeleine im Westen bis nach Belleville und zum Pere Lachaise im Osten lief der Schreckensruf: „Die Versailler sind in der Stadt.“ Aber alsbald rollte diesem Ruf wie ein Widerhall der Alarmschrei nach: „Zu den Waffen! Auf die Barrikaden!“ Und mit diesen in tausenderlei Modulationen wiederholten Rufen und Schreien mischten sich das Wirbeln der Trommeln, Hörnersignale, das Heulen von tausend Sturmglocken, das Rasseln fahrender Geschützzüge, das „Husten“ der Mitrailleusen, Bombengezische, Chassepotsgeknatter – und alle diese Laute flossen zusammen in einem chaotischen Schwall, in ein dumpfes, unartikulirtes, nervenfolterndes Gedröhne. Man konnte glauben, das Todesröcheln der Riesenstadt zu hören.

Noch war es aber nicht so weit. Die rothe Fahne senkte sich nicht faul und feig vor der trikoloren. Nein, bis zur äußersten Möglichkeit wurde sie emporgehalten, solange überhaupt noch Arme da waren, sie zu halten. Nur deutsche Hofhistoriographen, Leute ohne Eingeweide, Liberale mit hoher obrigkeitlicher Bewilligung konnten bestreiten wollen, daß hier für eine schlechte Sache mit einem Todesmuth gestritten wurde, wie er selbst für eine beste nie heldischer aufgewendet worden.

In der Frühe wurde ein Aufruf vom Kriegsdelegirten Delescluze ausgegeben, der zum Widerstande bis auf’s Messer aufforderte. Ein wunderliches Dokument, ganz aus unbestreitbaren Wahrheiten und grotesken Lügen zusammengerührt. Alles aus dieser Tonart: „Zu den Waffen, Bürger, zu den Waffen! Ihr wißt, es handelt sich darum, zu siegen oder den Pfaffenknechten von Versailles in die unbarmherzigen Hände zu fallen, diesen Schuften, welche Frankreich den Preußen ausgeliefert haben und uns jetzt den Preis für ihren Verrath bezahlen lassen wollen. Zu den Waffen! Auf die Barrikaden!“

Die Kommune, des Centrums der Stadt, sowie der im Norden und Osten gelegenen Vorstädte sicher, hatte also den Kampf um ihr Sein und Nichtsein an- und aufgenommen. Nicht vergebens auch rief sie zu den Waffen. Wohl an 50,000 Streiter gehorchten dem Rufe, darunter ganze Bataillone von Amazonen. Es mußte selbst von den Siegern, als sie die Geschichte der Besiegten schrieben, widerwillig anerkannt werden, daß von Frauen die Barrikaden häufig am hartnäckigsten vertheidigt wurden. Auf den endlich von den Truppen erstürmten Trümmern vieler dieser improvisirten Citadellen fand man die Leichen schöner Mädchen, auf der Schulter die Offiziersepauletten, im jungen Busen die Todeswunde. Ueberwältigt und gefangen, ließen Streiterinnen der Kommune nicht ab, noch mit den Fäusten und Zähnen zu kämpfen, bis man sie niederschoß.

Das unerwartete Eindringen der Blauen hatte das Vertheidigungssystem der Rothen sehr lückenhaft gelassen. Der Barrikadenbau konnte in vielen Straßen erst Montags den 22. Mai angehoben werden und mußte daher überhastet werden. Etliche Hauptpunkte jedoch konnten für wohlvorbereitet gelten, dem Angriff zu trotzen. So auf dem linken Stromufer das rechts von der Rue Jacques gelegene Pantheonquartier, auf dem rechten das Hôtel de Ville, der Vendômeplatz, das Chateau d’Eau, weiterhin die Butte Montmartre, die Butte Chaumont oberhalb Belleville und der bekannte Kirchhof Pere Lachaise, ostwärts zwischen der Gürteleisenbahn und der Umwallung gelegen.

Am 22. Mai hörte die Kommune als solche zu existiren auf, indem sich ihre Mitglieder an ihre verschiedenen Posten in den einzelnen Bezirken begaben. Zu einer vollzähligen gemeinschaftlichen Berathung traten sie nicht wieder zusammen. Im Stadthause verblieb nur die Delegation beim Kriegswesen und das Komité der öffentlichen Sicherheit. Die letzte Nummer des „Journal officiel“ kam am 23. Mai heraus. Zu den letzten Bekanntmachungen der Kommune, die aber schon nur noch von Hand zu Hand verbreitet werden konnten, gehört das berüchtigte, vom „3. Prairial des Jahres 79“ datirte, von Delescluze, Regère, Ranvier, Johannard, Vesiner, Brunel, Dombrowski unterzeichnete Branddekret: „Bürger Millière wird an der Spitze von hundert Zündern (fuséens) die verdächtigen Häuser – (d. h. Häuser, aus welchen irgendein feindseliger Akt hervorgehen sollte) – und die öffentlichen Denkmäler auf dem linken Ufer anzünden. Bürger Derreure mit hundert Brandmännern ist für das 1. und 2. Arrondissement beauftragt. Bürger Billioray mit hundert für das 9. und 10. Arrondissement. Bürger Besiner mit fünfzig im Besonderen für die Boulevards von der Madeleine bis zur Bastille. Die Bürger werden sich mit den Barrikadenchefs in’s Einvernehmen setzen, um die Ausführung dieser Befehle zu sichern.“ Gegen die Echtheit dieses Dokumentes haben sich jedoch schwerwiegende Bedenken erhoben, so schwere, daß ich es ausdrücklich nur als ein zweifelhaftes gelten lassen kann, so sogar, was meine persönliche Meinung angeht, für ein nachträglich fabricirtes anzusehen geneigt bin. Dagegen halte ich den berechtigten, obzwar von rother Seite her ebenfalls für untergeschoben erklärten, lapidarisch-lakonischen Brandbefehl Ferré’s: „Verbrennt sofort das Finanzministerium (faites de suite flamber Finances)!“ für echt, bis die Falschheit der Unterschrift dargethan ist.

Wäre des Grafen und Abbé Sieyès Todesvotum gegen den sechszehnten Ludwig („la mort sans phrase“) nicht apokryph, so hätten wir hier ein recht dazu passendes Parallelwort: – „Die Brandfackel schlechtweg!“ Aber klingt aus dem Brandbefehl des Bürgers Ferré für hörende Ohren nicht etwas wie Weissagung heraus? Etwas, das alle die „Großen Bücher“ in den Finanzministerien Europas bedroht? Könnte es nicht geschehen, daß unsere Nachkommen zu der Einsicht gelangten, sie wären für die Sünden ihrer Vorfahren doch eigentlich nicht verantwortlich? Nicht verantwortlich und haftbar für unsere gewissenlose Staatsschuldenmacherei, für dieses selbstsüchtige Vorwegessen der Zukunft, für diese schändliche Belastung noch ungeborener Geschlechter? Wird die Prämisse der gesammten dermaligen Finanzwissenschaft, d. h. Schuldenwirthschaft, die ja zumeist nur der Raubritterschaft vom goldenen Kalbe zu gut kommt, nicht logischer Weise zu der Konklusion führen: „Unser Schuldbuch sei vernicht!“ und müßte dann ein europäisches „Faites flamber Finances!“ nicht als Wahrspruch der Nemesis anerkannt und begrüßt werden? …




[310]
Blätter und Blüthen.


Shakespeare’s Triumph in Ketten. (Mit Abbildung S. 307.) Unter der zu einem wahrhaft riesigen Umfange angeschwollenen Shakespeare-Literatur befindet sich so manches Unfruchtbare, vom Grau der Theorie Angekränkelte, daß es ein um so wohlthuenderes Gefühl ist, einmal einem Shakespeare-Buche zu begegnen, in dem man „des Lebens goldenen Baum“ frisch und voll rauschen hört. Als ein solches müssen wir Karl Fulda’s Studie „William Shakespeare“ (Marburg, Ehrhard) bezeichnen, welche nicht nur über die Stellung des großen Briten zur Weltliteratur und seinen Einfluß auf alle späteren dramatischen Dichter interessante Aufklärungen enthält, sondern auch über das äußere und innere Leben Shakespeare’s eine Fülle des Neuen und Beachtenswerthen mittheilt.

Wir können uns nicht versagen, unter Hinweisung auf unser heutiges Bild und anknüpfend an den kürzlich, wie alljährlich, gefeierten Geburtstag Shakespeare’s (23. April) aus dem Buche eine Episode wiederzugeben, welche zur Charakteristik sowohl des Dichters wie seiner Zeit von allgemeinem Interesse sein dürfte.

„Die Tradition,“ heißt es in dem erwähnten Buche, „hat folgende Nachricht über die erste Aufführung von Shakespeare’s ‚Romeo und Julie‘ in London aufbewahrt.

Das Blackfriars-Theater in London hatte den ganzen Luxus einer grotesken Decoration entfaltet, um seine Räume wo möglich glänzend herauszuputzen. Noch heller beleuchtet, als der übrige Raum war die für die Königin bestimmte Estrade, auf welcher bereits mehrere Hofdamen und Kronofficiere Platz genommen hatten. Die Zuschauer hatten sich in Menge versammelt. Der Dichter, welcher mit ‚Titus Andronicus‘, mit der Trilogie ‚Heinrich des Sechsten‘, dem ‚Sommernachtstraum‘ etc. öffentlich aufgetreten war, wollte heute in seinem ‚Romeo und Julie‘ ein noch größeres, genialeres Werk zur Aufführung bringen, welches endlich seine Verleumder zum Schweigen verurtheilen und ihm eine noch von keinem dramatischen Dichter erreichte Stelle anweisen sollte. An demselben Tage jedoch wurde Shakespeare einiger Beleidigungen halber, die er sich unvorsichtiger Weise gegen mehrere Lords zu Schulden kommen ließ, verhaftet und sollte noch an demselben Abende in den Tower geführt werden. Von Shakespeare’s Gefangennehmung war indessen im Publicum noch nichts lautbar geworden.

Das Parterre erwartete mit Sehnsucht das Aufgehen des Vorhanges, während hier und da Gruppen von Studenten, Soldaten und Matrosen sich die Zeit mit Kartenspielen vertrieben und unter Lachen und Scherzen die Alekrüge umhergehen ließen.

Die Königin erschien, umgeben von einem glänzenden Hofstaate, und gab das langersehnte Zeichen zum Anfange.

Schon im ersten Acte wurde die ganze Versammlung durch das hinreißende Interesse der Handlung dergestalt gefesselt, daß die Gegner des Dichters vergaßen, weshalb sie sich eigentlich eingefunden. Jedermann wollte wissen, wie Romeo und Julie in den Stürmen und Gefahren, welche ihnen durch Familienhaß und Zwietracht bereitet wurden, das zerbrechliche Schifflein des Glückes in den sicheren Hafen führen würden.

Das Theater erdröhnte von lautem Beifallsturme. Durch das Jauchzen und Jubeln drang Shakespeare’s Name; mit starker, kräftiger Stimme wurde gerufen: ‚Der Dichter solle selbst erscheinen, um die Glückwünsche des Publicums in Empfang zu nehmen.‘

Diesem in jener Zeit ganz ungewöhnlichen Hervorrufe folgte ein allgemeiner Ausbruch der Begeisterung. – Das Rufen und Stampfen wurde immer stärker, und der Enthusiasmus drohte in Tumult auszubrechen. Endlich tritt der Director schüchtern vor und verkündet mit zagender Stimme, daß der Dichter nicht erscheinen könne, weil er arretirt und in den Tower abgeführt worden sei.

Während diese Nachricht trotz der Gegenwart der Königin eine ernste Störung der Ruhe durch das aufgeregte Publicum befürchten ließ, führte ein glücklicher Zufall den gefesselten und von Hellebardieren umgebenen Dichter durch eine Gasse beim Theater vorüber. Er hatte bis jetzt im Gerichtshause gewartet, bis er nach Erfüllung der gesetzlichen Formalitäten in den Tower abgeführt werden konnte.

Als er hinter der Bühne vorüberging, wo seine Person eine so beispiellose Begeisterung erregte, hörte er den lauten Tumult und vernahm deutlich seinen Namen. Unbeschreiblich war der Eindruck, den diese von tausend Stimmen dargebrachte Huldigung auf ihn machte. Es trieb ihn mit unwiderstehlicher Gewalt in die halb offene Seitenthür; er machte sich Bahn durch die ihn umgebenden Hellebardiere und eilte, trotz seiner Fesseln, ihnen voraus auf die Bühne.

Die heftige Aufregung, der Glanz der flimmernden Lichter, der Anblick der bewegten, tobenden Menge – der ganze Eindruck dieses Augenblicks war von so erschütternder Wirkung auf ihn, daß er, durch die Ketten überdies in seinen Bewegungen gehindert, in die Kniee sank, die eine seiner gefesselten Hände auf den Boden stützend, während er mit der anderen dem Publicum Dank zuwinkte. Zwei Söldner, welche ihn verfolgten, blieben, durch den Anblick des überfüllten Hauses betroffen, zu beiden Seiten des Gefangenen stehen und bildeten mit Letzterem eine ergreifende Gruppe.

Bei diesem unerwarteten Erscheinen des Dichters, den der Ruf der Menge aus der Tiefe des Kerkers heraufbeschworen zu haben schien, erreichte der Jubel den höchsten Grad; Blumen und Kränze häuften sich um den Gefeierten. Selbst die Königin warf ihm eine Rose zu. Das ganze Theater schien unter dem freudigen Getöse zusammenstürzen zu wollen.

Als endlich der Vorhang fiel und das Publicum sich allmählich zerstreute, wurde Shakespeare von den Schauspielern freudig begrüßt. Aber die Hellebardiere traten jetzt ein, um ihren Gefangenen neuerdings abzuführen. Vor der zur Bühne führenden Seitenthür jedoch hatte sich eine zahlreiche Menschenmenge angesammelt, welche nicht übel Lust zu haben schien, sich als Vertheidiger Shakespeare’s aufzuwerfen und ihn durch eigene Gewalt zu befreien.

Der Tumult fing an, einen bedenklichen Charakter anzunehmen, so daß die im Theater Wache haltenden Bogenschützen zur Unterstützung der Hellebardiere beordert werden mußten. So standen die Kriegsmänner dem murrenden Volkshaufen gegenüber, in der Mitte der Gefangene, welchen zwei Hauptleute hielten, der dichtgedrängten Menge halber jedoch nicht wegführen konnten.

Schon flogen einzelne Steine auf die Soldaten, als ein Reiter, den das Volk bisher von der Hauptscene des eben ausbrechenden Kampfes fern gehalten hatte, sich endlich Bahn brach. Shakespeare erkannte seinen Freund Henry von Southampton, der den Hauptleuten zurief: ‚Gebt den Gefangenen frei, Capitains! Im Namen der Königin!‘

Ein lauter Freudenruf erhob sich von allen Seiten. Shakespeare wurde nebst seinem Freunde im Triumphe nach der in der Nähe befindlichen Syren-Taverne geführt; es wurde tapfer auf den errungenen Sieg getrunken, und selbst manche junge Lords, welche die classische Taverne zu besuchen pflegten und auch an diesem Abend den Ausgang der Dinge erwarteten, schlossen sich den fröhlichen Zechern an.“




„Ein Hausbuch des geographischen Wissens.“ Was wir bei der Beurtheilung der ersten Hefte von A. Hummel’s „Handbuch der Erdkunde“, J. M. Gebhardt’s Verlag (Leopold Gebhardt), Leipzig 1876, gehofft und (Gartenlaube, Nr. 43, 1873) ausgesprochen, liegt nun vollendet und so treu wie schön erfüllt vor uns da. In zwei Bänden und mit zweiundzwanzig erläuternden Holzschnitten ausgestattet, hält das Buch, was es zu werden verheißen, ist es in der That ein Werk geworden, in welchem sich „für den Bildungsuchenden die Summe der modernen geographischen Wissenschaft in leichtverständlicher Fassung darbietet und das dabei auch dem praktischen Bedürfniß innerhalb vernünftig gezogener Grenzen entsprechen kann.“ Wir müssen dem Werke drei besondere Vorzüge zugestehen. Zum Ersten die populäre Klarheit der wissenschaftlichen ersten Abtheilung der „Allgemeinen Erdkunde“, nämlich der „Astronomischen Erdkunde“, und der „Allgemeinen Physik der Erde“; hier zeigt sich der Verfasser als erfahrener Lehrer, welcher den Horizont der Bildungs- und Anschauungskreise, die er fördern will, genau kennt. Zweitens widmet das Buch dem vaterländischen Boden und Volke und der Beschreibung, Schilderung und Geschichte derselben den breitesten Raum, über dreihundert Seiten des ersten Bandes; dadurch behauptet es den Charakter einer „Vaterlandskunde“, während es durch die Führung rund um die Erde zu allen der Forschung geöffneten Ländern und Völkern die belehrenden Vergleiche bietet, um Einheimisches und Fremdes gerecht würdigen zu lehren. Endlich hat der Verfasser durch die Abwechselung, in welcher er neben den kahlen Zahlen und Classificationen die farbenreichen Schilderungen der Geschichts-, Cultur- und Naturkundigen uns vor Augen bringt, dieses Lehrbuch der Geographie zu einem lieben Geist und Herz zugleich nährenden Lesebuch am Familientische erhoben.




Genossenschaft deutscher Bühnenangehöriger. Ende April dieses Jahres findet in Hamburg zum Vortheile der Pensionscassen ein Bazar statt. Das Unternehmen, an welchem sich namentlich die kunstliebenden Kreise der alten Hansestadt mit Eifer betheiligen, verspricht ein ebenso großartiges, wie in seinen Folgen segensreiches zu werden. Das Gabenverzeichniß ist ein glänzendes. Namentlich haben sich die Dichter und Schriftsteller Deutschlands warmherzig betheiligt. In herrlichster Fülle ist deutsches Geistesleben und deutsches Schriftthum unter den Gaben vertreten. Fast alle Namen von goldenem Klange finden sich neben den frisch und kräftig dem Höchsten zustrebenden Talenten. Was aber diesen Gaben der deutschen Dichter und Schriftsteller einen ganz besonderen Werth verleiht, ist der Umstand, daß jeder Spende eine autographische Widmung des Verfassers beigegeben ist. Abgesehen von dem Werthe der Facsimiles, sind diese Widmungen meist eigenartige Documente dichterischer Production. Wir erwähnen hier nur die herzlichen Verse Holtei’s, die wir leider des beschränkten Raumes wegen nicht mittheilen können, und Gutzkow’s freundliche Einladung, mit welcher er sein „Vom Baume der Erkenntniß“ begleitet:

„Wem dies Büchlein wird zu eigen,
Wolle mir die Gunst erzeigen:
Daß er – ich erwart’ es fest –
Wer er sei, mich wissen läßt!“ –

Nicht minder freundlich sind die Widmungen, welche neben vielen Anderen, L. Steub, Friedrich Hofmann, E. Marlitt und Klaus Groth ihren Spenden mit auf den Weg geben. Der Letztere sagt:

„Ik gröt den unbekannten Mann,
Den mal dit Bok kummt in de Hann,
Wünsch em so veel Tofredenheit,
Als in dat Bok beschreben steit.“

Scheffel macht ein höchst sinniges Eingeständniß, und Theodor Drobisch ruft dem künftigen unbekannten Besitzer seines Buches sehr bescheiden und liebenswürdig zu:

„Wer Du auch bist, der auf des Glückes Bahn
Gewinnt dies Buch, mit Nieten in dem Streite –
Spricht Dich in ihm nur eine Stelle an,
Ist der Gewinn auf meiner Seite.“

Gewiß eine prächtige Gelegenheit für den Literaturfreund und Büchereibesitzer. Wem es unter diesen „seine Verhältnisse erlauben“, der kann seine Bibliothek trefflich und eigenartig bereichern. Das „Comité für den Bazar zum Vortheile der Pensionsanstalten der Genossenschaft deutscher Bühnenangehöriger, Hamburg, St. Anscharplatz 1“ ist zu Auskunft in dieser Beziehung bereit.

Arno Hempel.


Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Gouvervante