Die Gartenlaube (1877)/Heft 37

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1877
Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Inhaltsverzeichnis

[611]

No. 37.   1877.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich bis 2 Bogen.    Vierteljährlich 1 Mark 60 Pfennig. – In Heften à 50 Pfennig.



Teuerdank’s Brautfahrt.
Romantisches Zeitbild aus dem 15. Jahrhundert.
Von Gustav von Meyern.
(Fortsetzung.)


„Rege Dich nicht unnöthig auf, armes Kind!“ bat die Aebtissin. „Das Alles weiß ich ja, habe es ja erlebt. Der Allmächtige läßt vom bösen Feinde Schuldige und Unschuldige leiden zu ihrer eigenen Läuterung und zur Erziehung einer besseren Menschheit, wann die goldene Zeit gekommen sein wird, wo Sein Auge aus blauem Himmel wieder mit Wohlgefallen auf der Erde weilt. Aber, Kind, nicht Jeder ist unschuldig, der es scheint, und Deinen Räthen sagte man nach, sie hätten durch Dich Burgund an Frankreich verkaufen wollen.“

Mit keinem Trostgrunde hätte die gute Aebtissin die Lebensgeister der armen jungen Herzogin besser zu wecken vermocht, als mit diesem Angriffe auf ihre unglücklichen Räthe. Es schien fast, als fühle Maria eine wunde Stelle in sich selbst getroffen, so plötzlich fuhr sie vom Sitze empor.

„Verkaufen wollen? Ei, Base, Ihr wißt mehr, als ich glaubte, aber Ihr wißt es falsch. Was ich den Richtern bekannt, wenn es auch das Volk nicht weiß, Euch will ich es sagen: Ich selbst hatte die Kanzler bevollmächtigt, zu thun, was sie gethan. O, sie kannten nur zu gut den ländersüchtigen elften Ludwig, der nach meines Vaters Tode plötzlich die schmähliche Lüge erfunden, seine bedrängten Stammesgenossen riefen ihn in das heimgefallene burgundische Lehen. So war er über mein armes Land hergefallen, hatte eine Stadt, eine Provinz nach der andern erobert. Um meine Krone, um mein Land zu retten, riethen mir meine Kanzler, das Opfer zu bringen und mich dem Dauphin zu verloben.“

„Dem mißgestalteten, siechen Kinde! Das allein schon war ein Verbrechen, Maria. Und Dich vermochten sie dazu zu bestimmen, Dich, mit Deiner Liebe zu Maximilian im Herzen? Es war sündhafter Mißbrauch Deiner Noth, Deines Edelmuths.“

„Ach, Base, die Aermsten haben furchtbar gebüßt, wenn sie irrten. Ich aber – Ihr kennt mich ja“ – und unwillkürlich flog ein schmerzliches Lächeln über ihr Gesicht – „ich bin leicht zu heldenmüthigem Entschlusse gebracht, wenn ... wenn die That noch fern ab liegt. Und – um Euch die ganze Wahrheit zu sagen, so hoffte ich dem Himmel Gelegenheit zu geben, durch einen seiner glücklichen Zufälle, vielleicht durch ... Maximilian selbst es noch zu hintertreiben. – Ach, was hat mir jetzt der Aufschub genützt? Ludwig’s Heere haben reißende Fortschritte gemacht; schon ist Adolf von Geldern gegen sie gefallen; das Staatenheer, das der junge Präsident ihnen entgegenführt, kann sich nicht gegen sie halten; vier Meilen von hier stehen ihre Vortruppen. Da war ein Waffenstillstand unumgänglich, und heute, wo er wieder abläuft, so recht geflissentlich zur letzten Stunde, bringt des Königs Gesandtschaft auch sein letztes Wort.“

„O, nun verstehe ich,“ nickte die Aebtissin sorgenvoll vor sich hin. „Und hast Du auch Truppen, Geld und feste Städte – Du hast keinen Feldherrn.“

„Ach, hätte ich meinen ritterlichen Max statt dieses Herzogs von Cleve! Aber gerade von ihm droht mir das Schlimmste! Seht, Base, da hat sich dieser Grenzherzog an unsern Hof gedrängt, hat unter dem Vorwande, mir beizustehen, Truppen geworben, hat sich mit Schmeichelkünsten beim Volke beliebt gemacht, mit Gold den Pöbel erkauft und hält in Abwesenheit des Staatenheeres mit seinen Söldnern schon die Thore der Stadt besetzt, sodaß ich ganz in seiner Gewalt bin. Nun denkt, dieser heuchlerische Fürst, der mit der sanftesten Stimme und dem biedersten Wesen mich insgeheim wie ein Drache überwacht, plant nichts mehr und nichts minder, als mir seinen Sohn zum Gemahl aufzudrängen.“

„Also wirklich? Noch ein Freier? Mein Gott, der Zwölfte, von dem ich weiß.“

„Und was für Einer, Base! Ein gänzlich unerzogener Prinz, der hier seine Ausbildung erhalten sollte, von Grund aus treuherzig, es ist wahr, tapfer, selbst nicht ohne Mutterwitz, aber mit Lebensformen, Base, mit Lebensformen ... seht, trotz meines Elends kann ich noch lächeln“ – und die Mundwinkel hoben sich, und der Schalk lugte hinter den zwei Perlenreihen hervor – „ich sage Euch, wie ein ungeleckter junger Bär.“

„Was meinst Du, Kind,“ sann, den Kopf wiegend, die Aebtissin, „ließen sich nicht Vater und Sohn gegen die Franzosen schicken?“

„Der Rath wäre gut, aber der Alte ist schlau und nie um eine Ausrede verlegen. Er müsse mich vor dem Pöbel schützen, sagt er, und er selber ist es doch, der ihn hetzt. Täglich, ja stündlich, wo er geht und steht, läßt er um sich her schreien: 'Heil dem Herzog von Cleve! Heil dem tapferen Prinzen! Heil unserem künftigen Herzog!' Ja sogar mich umtoben sie schon bei meinen Ausritten, und Ihr stellt Euch nicht vor, Base, wie mir das durch alle Gliedern fährt! Glaubt mir“ – und wieder lugte der Schalk hervor – „ich bin nicht eigentlich zaghaft, o, ich kann recht wohl Muth haben – so unter gesitteten Leuten und [612] wenn keine Gefahr ist, aber vor einer rohen Menschenmenge könnte ich mich verkriechen aus lauter Angst. ... Da! Hört selbst!“ lauschte sie plötzlich auf.

Ein Gesumme, wie von fernen Menschenstimmen, ließ sich aus der Stadt vernehmen. Der Schall von Hufschlägen wurde erkennbar. Schon waren einzelne Rufe aus dem Getöse zu unterscheiden. Der Lärm kam näher.

Die junge Herzogin barg sich ängstlich hinter ihrer Base, welche auf den Balcon trat.

„Der Herzog von Cleve muß über den Platz reiten,“ flüsterte sie ihr zu, „das ist seine Drachensaat.“

„Fürwahr, er ist es,“ rief die Aebtissin, schnell vom Balcon zurücktretend. „Sie umtanzen ihn förmlich mit Schreien und Hutschwenken. Welche schrecklichen Gestalten! Und er nickt ihnen zu, nach rechts und links, gnädig lächelnd, als befände er sich unter seines Gleichen. O Gott, wie mag sich ein Fürst so wegwerfen!“

Immer näher kam der Lärm; von hunderten von Stimmen schrie es:

„Heil Cleve! Heil Adolf und Maria!“

„Heil unserem künftigen Herzog!“

„Hoch unsere Freiheit, hoch, hoch!“

Aber jeden neuen Ausruf angebend und mitten aus dem Chaos der Stimmen erkennbar und sie übertönend wie Posaunenton, that sich eine einzelne, machtvolle Baßstimme hervor.

„Das ist Nikol, der Baß, der Führer des Pöbels und des Herzogs berüchtigter Handlanger,“ flüsterte Maria. „Ihm folgt die ganze Rotte.“

„Die Rotte Korah!“ seufzte die Aebtissin zum Himmel, während Hufschlag und Lärm, wie ein Wirbelsturm, schnell wie er gekommen, sich in der Ferne verlor.

„Ist es denn möglich? Das unter den Fenstern des Schlosses!“

„O, das ist noch das Wenigste, Base. Aber sie entblöden sich schon nicht mehr, auch Drohungen gegen mich auszustoßen. Ich bin ja schutzlos, wie meine Kanzler es waren. ... Und doch ... nein“ ... setzte sie nach einem scheuen Blick in den Saal leise hinzu – „Ihr wißt noch nicht Alles, Base, – so ganz schutzlos bin ich nicht. Ich habe einen unsichtbaren Beschützer.“

„Den haben wir Alle, Kind, dort oben,“ lächelte die Aebtissin.

„Wohl, ehrwürdige Base, wohl! Aber ... ich habe auch einen hier unten, einen ganz irdischen. Es liegt ein wunderbares Geheimniß um ihn, so daß mir vor ihm grauen könnte, wenn er mir nicht so Gutes thäte.“

„Ich sage es ja, Kind, der böse Feind geht um. Gott behüte Dich vor ihm!“

Maria lächelte. Der „böse Feind“ schien ihr keinen Eindruck zu machen.

„O Base, wie könnte es der Böse sein?“ sagte sie schelmisch. „Habt Ihr jemals gehört; daß er auch Reimsprüchlein macht?“

„Niemals,“ betheuerte die Aebtissin.

„Ich auch nicht. Hört nur, aber von Anfang an! ... Kaum war die Schreckenskunde gekommen, daß mein armer Vater vor Nancy gefallen sei, so fand ich in meinem Boudoir einen Streifen Linnenpapier mit dem Sprüchlein:

'Gieb Deinen Vetter Adolf frei!
Dann führ' ich, den Du liebst, herbei.'“

„Also mit Geldern in Verbindung,“ nickte für sich die Aebtissin.

„Ihr wißt, Base, daß ich ihn freigab – ich hätte es auch ohnehin gethan, denn seine Strafe erschien mir immer zu hart. Aber kaum war Adolf bei Tournay gefallen, so ereigneten sich sonderbare Dinge. In Geldern sollten neue Truppen ausgehoben werden, doch siehe da, alle junge Mannschaft zwischen Maas und Zuydersee war verschwunden.“

„Seltsam!“

„Und noch auffallender ... selbst die von Adolf mitgenommenen hatten nach seinem Tode beim Dunkel der Nacht in der allgemeinen Verwirrung heimlich das Heer verlassen – Niemand wußte, wohin.“

„Aber was in aller Welt hat das mit Deinem Beschützer zu thun?“

„Hört nur weiter! Der nächste Spruch, den ich fand, lautete:

'Um Deine Kanzler sieh Dich vor!
Schon klopft der Henker an ihr Thor.'

Ich zeigte es Imbercourt und Hugonet; sie belächelten es, blieben ... und Ihr kennt ihr schreckliches Ende.“

„Also auch mit dem Volke in Verbindung!“

„Sicher. Aber noch mehr. Rathlos vor den Ereignissen, die Schlag auf Schlag auf mich einstürmten, stehe ich eines Morgens vor der Marmorbüste Maximilians, die mir in besseren Zeiten Lorenzo Medicis geschenkt, und schmerzvoll in ihren Anblick versunken, rufe ich eben: 'O Max, was soll ich thun ohne Dich?' da fällt mein Blick auf ein Papier am Postament mit dem dritten Spruch. Laßt sehen, ob ich ihn noch aus dem Gedächtniß sagen kann. ...

'Dein Brieflein ist in seinen Händen.
Doch mußt ihm noch ein zweites senden,
Mußt ihn zu rascher That bewegen
Und hier das Brieflein niederlegen.
Verbirg vor Cleve Deinen Sinn
Und König Ludwig halte hin!'“

„Das ist wunderbar,“ entfuhr es der Aebtissin.

„Nicht wahr? Als ob er in meiner Seele gelesen hätte. Und wie konnte er wissen, daß ich wirklich insgeheim längst an Max geschrieben, daß ich ihn flehentlich gebeten hatte, mich nicht zu verlassen, und daß mein Brief in seine Hände gekommen? ... Ich darf Euch wohl sagen,“ fuhr sie leise und mit schlauem Lächeln fort, „daß ich nicht zögerte, dem Rathe zu folgen. Den Brief legte ich unter die Büste nieder. Am anderen Morgen war er verschwunden. Gegen Cleve that ich ganz arglos, und König Ludwig ließ ich Waffenstillstand und neue Verhandlungen anbieten – Ihr wißt ja, das macht man immer so, wenn man nur Zeit gewinnen will. Daher heute die französische Gesandtschaft!“

„Ei, ei, Du Heuchlerin!“ drohte die fromme Frau mit erhobenem Finger. „Siehst Du, das kam vom bösen Feind. Da zeigte er den Pferdefuß.“

„Was wollt Ihr, Base?“ lachte Maria jetzt offen vor sich hin. „Es war nur das Blümchen Fuchsschwänzlein, das dem Mägdlein in der Noth wohl anstehen mag. Nun aber höret das Räthselhafteste von Allem! Gestern finde ich einen vierten Spruch, er lautet:

'Sei fest! Wenn jede Hoffnung sank,
Bin ich Dir nah' und Teuerdank.'

Teuerdank! Wer ist Teuerdank?“

„Vielleicht einer von Maximilian's Begleitern?“ fragte, überrascht aufblickend, die Aebtissin.

„Nein, nein, Base, ich hörte den Namen nie. Und doch dringt er mir wunderbar zu Herzen. Er klingt wie 'Abenteuer um Frauendank', und ich weiß, mein Maximilian liebt dergleichen. Ja, etwas Glückverheißendes muß es sein, denn das Wort schon ist mir wie ein süßer Trost.“

„Kind, Kind, wenn etwa gar der schreckliche Geheimbund ... Lächle nicht! Mir graut! Doch Dein Beschützer sagt, auch er selbst sei Dir nahe; hast Du gar keine Spur?“

„Nicht die leiseste.“

„Deine Kammerdiener?“

„Brave Grauköpfe. Meine Zofen, harmlose Geschöpfe.“

„Dein persönlicher Dienst vom Gefolge?“

„Adelheid von Helwin und Hugo von Huy. Adelheid – Ihr kennt sie ja, Base – sieht sie aus wie eine geheime Beschützerin? Nein, nein, die junge reiche Erbin, so ergeben sie mir ist, denkt doch an ganz andere Dinge, als an die Zukunft Burgunds und an hohe Politik. Der Himmel verzeihe mir, daß ich schon wieder lachen muß, aber ich habe sie eben im Verdacht, daß sie entsetzlich eifersüchtig ist, und denkt nur auf wen ... auf mich. Die Thörin! Sie könnte doch wissen, daß ich nur ein Bild im Herzen trage, und daß ich in dieser Schreckenszeit wahrlich an Anderes denke, als ihr ein Herz abspänstig zu machen.“

„Und wessen?“ fragte die Aebtissin mit jener Wißbegierde, die auch die frömmste Matrone bei so wichtigen irdischen Dingen niemals verleugnen wird.

„Eben jenes Hugo von Huy,“ warf Maria leicht hin. „Ein armer junger Edelmann, Verwandter unseres alten Freundes Huy auf Burg Huy bei Neumünster. Ist am Hofe in Mailand [613] als Page erzogen und mir vom Herzog Sforza warm empfohlen worden. Hat sich bei ihm die Sporen verdient und soll sich durch Tollkühnheit, doch auch durch seltene Klugheit einen Namen gemacht haben. Bei uns aber“ – und plötzlich hell auflachend, zwang sie nur mit Mühe den Schalk hinter seine Thür zurück – „hat er sich einen ganz andern Titel erworben. Sie nennen ihn nur den 'welschen Schmetterling', weil er sich an jedes schöne Auge hängt. Ich will ihm wohl, denn er ist mir schwärmerisch ergeben, ohne ein Hehl daraus zu machen, und ich denke, man muß seinen italienischen Sitten etwas zugute halten. Aber still – man kommt!“

Ein Geräusch ließ Beide sich umblicken. Die Thür, durch welche sie selbst eingetreten waren, öffnete sich. Man konnte den Treppencorridor übersehen.

„Sie sind es selbst,“ flüsterte Maria.

Adelheid von Helwin trat zuerst ein und blieb nach einer tiefen Verneigung gegen die Herzogin einen Augenblick an der Thür stehen, um ihren Begleiter zu erwarten, welcher draußen noch einige Worte mit dem Diener wechselte.

Sie war eine jener schlanken Sylphidengestalten, bei denen der überraschend dünne Zusammenhang zwischen Ober- und Unterkörper unwillkürlich die Flügel vermissen läßt. Nur mußte man bei ihrem Anblick nicht an jene ungefährliche Gattung von Honigdieben denken, die trotz ihres Stachels nur von Pflanzenkost leben – nein, wie sie so dastand in ihrem violettfarbenen Obergewand über gelblicher Robe, den tiefen Ausschnitt am Halse mit einem nach der üppigen burgundischen Sitte fast durchsichtigen Schleierstoff verhüllt, das Auge seitwärts auf ihren Begleiter zurückgewendet, konnte sie sehr wohl den Vergleich rechtfertigen, den ein „gewisser Jemand“ für sie erfunden hatte, den Vergleich mit der trotz ihrer Grazie zum Geschlecht der Raubthiere gehörenden Libelle – wenn sie in Erwartung eines Lieblingsinsects scheinbar regungslos in der Luft steht, aber plötzlich durch blitzschnelles Entweichen verräth, daß trotz der geheuchelten Ruhe Flügel und Fangapparat keineswegs stillgestanden hatten. Nur freilich, was bei der Libelle Flügel und Fänge, waren bei ihr einzig und allein die Augen. Diese grünen Augen, scharfkantig geschnitten unter den fein geschwungenen Brauen und dem dunkelblonden Haar, das, wie bei ihrer Herrin, leicht ihre Stirn umspielte, hatten mit ihrem durchsichtigen Smaragdton die Eigenthümlichkeit aller ihnen in Farbe verwandten, unbewußt jede Regung auf dem Grunde der Seele zu verrathen, und zwar in solchem Grade, daß sie nur durch ungewöhnliche Selbstbeherrschung einen scharfen Beobachter hätten täuschen mögen – zumal wenn ein solcher etwa der „gewisse Jemand“ gewesen sein sollte, welcher eben mit Papieren in der Hand nach ihr den Saal betrat.

Es war ein hochgewachsener, einige zwanzig Jahre zählender Cavalier, der an der Ferse seiner silbergrau ausgeschlagenen Schnabelschuhe schon die langen goldenen Radsporen trug. Sonst war er in Schwarz von Kopf bis zu den Füßen, nur daß das Barrett und das kurze Mäntelchen – die neueste Mode für junge Cavaliere – gleichfalls silbergraue Einfassung hatten. Sein Atlaswamms verschwand, von vorn gesehen, fast unter der Wolke von feinem Linnen, das bauschig durch das Nestelwerk gezogen war, und wurde über den schlanken Hüften von stählernem Kettengurte gehalten, an welchem vorn in kleinerem Gehenke der fein ciselirte Griff eines venetianischen Dolches, an der Seite aber statt des sonst noch üblichen Kreuzschwertes der neue französische Stoßdegen mit Bügel hing. Was an dem schönen jungen Mann zunächst in die Augen fiel, war das röthlichbraune Haar, das in langen Wellenlinien ein Gesicht von edlem Oval, matter Farbe und mit dünnem, ausgezacktem Barte umrahmte. Aber was den Blick an ihm fesselte, war sein Auge. Es hatte etwas von dem Grün seiner Begleiterin, aber die engere Pupille brachte den entgegengesetzten Eindruck hervor. War das ihrige die Krystallscheibe, die den Durchblick gestattet, so war das seinige der geschliffene Stein, der das hinter ihm Liegende verbirgt, während er selbst den Lichtblitz wirft. Und dieser Blitz, im menschlichen Auge der Adlerblick genannt, scharf und durchdringend, wo er erforschen, räthselhaft bestrickend, wo er spielen, oder gar wo er Herzen gewinnen will, war das entscheidende Merkmal an Hugo von Huy.

Einem Diener voranschreitend, der ihm ein schweres ledernes Säckchen nachtrug, bot er im Vorübergehen dem Hoffräulein mit leichter Neigung zur Seite die Fingerspitzen, führte sie der Herzogin entgegen und beugte dann, sich von ihr trennend, vor dieser mit der Anmuth des vollendeten Hofmannes das Knie.

„Diese Papiere und jenes Säckchen,“ sagte er, auf den Diener weisend, „sind so eben in geheimnißvoller Weise auf der Schloßwache für Eure Hoheit abgegeben worden.“

„In geheimnißvoller Weise?“ fragte erstaunt die Herzogin.

„Der Ueberbringer, ein Unbekannter, sei sogleich wieder verschwunden, meldete die Wache.“

Maria, mit der Linken die Papiere entgegennehmend, winkte dem Ritter mit der Rechten, sich zu erheben, hob dabei aber – mochte es Zufall oder Zerstreuung sein – nicht die innere, sondern die äußere Handfläche, sodaß der erfahrene junge Cavalier hierin eine noch gnädigere Aufforderung erblicken zu dürfen glaubte und keinen Augenblick zögerte, im Aufstehen sich vorzuneigen und mit seinen Lippen ihre Fingerspitzen zu berühren. Der Handkuß war in bester Form vollendet.

Adelheid verbarg ein unwillkürliches Zucken ihres Auges rasch hinter dem Fächer, den sie aus dem spitzenbesetzten Täschchen an ihrer Linken hervorgezogen hatte.

„Wunderbar!“ sagte Maria, nachdem sie einen flüchtigen Blick in die Papiere geworfen. „Kommt doch, Base, und leset mit mir!“

Dann zog sie sich mit der Aebtissin in die kleeblattförmige Nische eines entfernteren Fensters zurück, im Vorübergehen dem Diener bedeutend, das Säckchen abzusetzen und zu gehen.

„Der Handkuß, Herr Ritter,“ flüsterte währenddessen das Hoffräulein hinter ihrem Fächer dem jungen Cavalier mit einem Tone zu, der eine gewisse Schärfe nicht verbergen konnte, „der Handkuß war bei dieser Gelegenheit ganz gegen unsere Hofsitte.“

„Ich hatte die Fürstin heute noch nicht gesehen, und Ihr wißt, die erste Begrüßung ... “

„War mit dem Ueberreichen der Papiere abgethan.“

„Am Hofe von Mailand, Fräulein ... “

„Wir sind in Gent, Ritter.“

„Auch in Florenz und Paris ... “

„Ist nicht Burgund.“

„Aber als erste Regel bei Hofe gilt bekanntlich in der ganzen Welt, schöne Hände zu küssen, so oft sich die Gelegenheit bietet.“

Und ehe sie sich dessen versah, geschweige denn es hindern konnte, hatte der Verwegene auch schon einen Kuß auf ihre Hand gedrückt und spottete mit leisem Lachen:

„War das auch gegen die burgundische Hofsitte, Fräulein?“

„In Gegenwart der Fürstin sogar gegen allen Respect,“ zürnte Adelheid, während ihr[WS 1] Auge scheu die Herzogin streifte. „Saht Ihr nicht, wie sie über's Papier hinweg zu uns herüberschielte? Ihr Blick war ungnädig.“

„Mein Gott, und es war doch nur Eure Hand, die ich küßte!“ wagte der Uebermüthige zu antworten.

Das war zu viel. Adelheid ließ den Fächer nieder; die Pupille ihres Auges zog sich wie zur Nadelspitze zusammen, und, den Kopf rückwärts geworfen, maß sie ihn über die Schultern mit einem Blicke, in dem sich mehr als verletzter Stolz, in dem sich verletzte Weiblichkeit aussprach.

„Was bildet sich der 'welsche Schmetterling' ein!“ rief sie ihm mit halber Stimme zu. „Andere mögen Euch Eure fremdländischen Sitten nachsehen, ich aber bin Fräulein von Helwin ... “

„Die stolze Erbtochter aus Brabant, gewohnt, mit ihren cavalieri servienti gelegentlich zu spielen, gelegentlich ihr Müthchen an ihnen zu kühlen ... “

„Wenn übermüthige Falter darunter sind, die keinerlei Blüthe respectiren, nicht einmal die der Lilie.“

„Ei, Fräulein, wären wir in Mailand, so könnte man wahrlich auf den Gedanken kommen, das klänge wie ... Eifersucht.“

„Eifersucht! Nennet es Spott über die Verblendung des Günstlings, der seine Anbetung so offen zur Schau trägt, daß er nicht mehr sich allein damit compromittirt.“

„Ah, das Hoffräulein schwebt als schützender Engel über der Lilie. Möchte es doch dem Engel gefallen, noch ein Weniges über der Nelke zu schweben.“ [614] „Was wollt Ihr damit sagen, Ritter?“

„Daß ein gewisser Prinz von Cleve, ein so abgesagter Blumenfeind, daß er selbst der Lilie nur auf Befehl huldigt, doch auffallend gern an einer gewissen Nelke nippt.“

„Fürwahr, spaßhafter als einen Schmetterling jagen ist es allerdings, die Capriolen eines jungen Bären anzusehen. – Euch aber, Ritter, gebe ich Euer Scherzwort zurück: Wenn wir in Mailand wären, könnte man wahrhaftig auf den Gedanken kommen, aus Euch spräche ... Eifersucht.“

„Das darf man auch in Burgund, Fräulein. Ihr seht, ich bin aufrichtiger als Ihr.“

„Immer besser! Als ob ich etwas zu verleugnen hätte!“

Und mit geringschätzigem Achselzucken wandte sie sich von ihm ab. Denn wenn er jetzt in ihr Auge geblickt hätte, würde er deutlich auf dem Grunde ihrer Seele gelesen haben: „Unausstehlicher Spötter! O, wenn er ahnte, wie ihm mein Herz zufliegt! Aber zu Füßen liegen soll er mir doch.“

Hugo von Huy aber ging mit der unbefangensten Miene von der Welt, als hätte er eben das gleichgültigste Gespräch beendet, im Saale auf und ab, und sonderbar, er sowohl wie Adelheid von Helwin schienen plötzlich ein ungewöhnliches Wohlgefallen an der Decke zu finden. Beide zählten offenbar die Rosetten des Holzgetäfels, deren es dort oben so viele, wie Tage im Jahre, und jede von anderem Muster, gab. Auch die übrige Ausstattung des Saales war wohl bisher nicht genügend von ihnen gewürdigt worden, denn sie studirten dieselben mit einem Eifer, als handle es sich um ganz andere Dinge. Da waren die Muster der rothen Damastvorhänge an den Fensternischen zu betrachten, oder auf den Fensterscheiben trotz ihrer klein gegitterten Täfelchen die in anständiger Größe kunstvoll gemalten Wappen der Provinzen Burgunds und Niederlands. Da mußte der prachtvolle Kamin aus grauem Marmor, auf Säulen mit Kelchcapitälchen pyramidenförmig emporgegiebelt, einer Prüfung unterworfen werden. Da gab es endlich die kostbar gewirkten Antwerpener Tapeten zu bewundern, ein Meisterstück, das Philipp der Gute zum Andenken an die Stiftung des Ordens vom goldenen Vlies nach van Eyck'schen Skizzen hatte fertigen lassen, und das die Hauptmomente des Argonautenzuges in seltener technischer Vollendung darstellte. An diesen schienen Beide ein besonders lebhaftes Interesse zu nehmen, vielleicht daß sie kunstkritische Betrachtungen anstellten, daß ihnen anatomische Mängel an Hals, Füßen oder Händen der Personen auffielen – denn mehr als diese unverhüllt zu zeigen, gestattete die neben aller Ueppigkeit hergehende burgundische Prüderie auf Bildern nicht –, oder daß ihrem der Zeit vorausgeeilten Kunstgeschmack der wunderliche Anachronismus ein Lächeln entlockte, Jason und Medea sammt Gefolge in der Tracht des fünfzehnten Jahrhunderts paradiren zu sehen. Jedenfalls aber waltete ein entschieden sympathischer Zug in ihnen, denn während Beide bisher getrennt die einzelnen Abtheilungen gemustert hatten, trafen sie plötzlich bei dem Schlußbilde, der Abfahrt der Argo, von deren Mast das erbeutete goldene Vlies leuchtend niederhing, wieder zusammen. Hugo war es, der trotz seiner Vertiefung in das Bild zuerst Adelheid bemerkte. Er machte mit stummem Lächeln eine höfliche Bewegung, als wolle er ihr den Platz räumen. Als sie aber durch schnelles Abwenden des Kopfes unzweideutig zu erkennen gab, daß er irre, wenn er etwa an einen magnetischen Rapport als Ursache ihres Zusammentreffens glaube, so fand er sich mit anscheinendem Gleichtmuth auch in dieses Schicksal und schlenderte unbefangen dem Balcon zu. Allein kaum hatte er von dort einen Blick auf den Schloßplatz geworfen, als er sich eilig der Herzogin zuwandte.

„Eurer Hoheit zu melden,“ sagte er, „das Volk beginnt schon sich zu sammeln. Die Stunde für den Aufzug der Gesandtschaft ist nicht mehr fern. Wenn es Eurer Gnaden belieben wollte – im Thronsaal ist Alles bereit.“

Maria brach schnell ihr Gespräch mit der Aebtissin ab, schien aber nicht gesonnen, auch ihre Empfindungen zu unterbrechen.

„Unglaublich, was man mir zu bieten wagt!“ rief sie vortretend im Tone höchster Erregung. „O, Ihr dürft es Beide hören. Was erhalte ich hier? Abschrift aus den geheimen Papieren des französischen Botschafters! Denkt Euch, er soll, wenn ich das Verlöbniß mit dem Dauphin weigere, Verräther erkaufen, um seinem Herrn die Thore Gents zu öffnen. Dort liegt das Judasgold, eintausend Ducaten.“

„Es schreit zum Himmel,“ rief die Aebtissin.

„Aber wie war es möglich, daß man in den Besitz desselben kam?“ fragte Hugo mit dem Ausdruck offenen Erstaunens.

„Man hat dem Geheimschreiber des Gesandten in der letzten Nachtherberge die Cassette eröffnet, Abschrift von den Papieren genommen und Alles wieder hineingelegt, bis auf das Gold.“ Und dann sich zur Aebtissin wendend, fügte sie leise hinzu: „Glaubet mir, Base! Es kommt von Niemand als meinem Beschützer. Das Billet trägt seine Züge.“

„Schrecklich! Dann gehört er zum 'Hugh' oder steht mit Räubern in Verbindung,“ rief entsetzt die fromme Frau.

„Aber mit großmüthigen, Base! Und jedenfalls ist es ein Liebesdienst, der mir gegen einen Feind freie Hand giebt. Ja, meine Getreuen,“ steigerte jetzt Maria ihre Stimme, „mit Ludwig bin ich von Stund an fertig ein für allemal. O, sie sollen nur kommen, die Herren Gesandten, und der Audienz gedenken, die ich ihnen bereitet werde. Nichts soll ihnen erspart sein. Umringt von den Meinen, fühle ich mich muthig und werde ihnen zeigen, wie tief ich beleidigt bin, werde ihnen sagen“ – und ihr Köpfchen hob sich; ihre Augen nahmen einen Ausdruck an, der an ihren heldenmüthigen Vater erinnerte, und ihre Stimme zitterte vor Eifer – „sagen werde ich ihnen: Dieses ist schamlose Verletzung des Völkerrechts, ihr Herren, ist schnöde Mißhandlung einer jungen Fürstin, eines neunzehnjährigen Mädchens, das ihr für furchtsam haltet, weil es euch wehrlos erscheint. Aber ihr vergesset Eines, ihr vergesset, daß die Furcht auch bei mir ihre Grenzen hat, daß noch immer die Wälle meiner Städte mich schirmen, noch immer Tausende für mich in den Tod gehen, und daß die Tochter Karl's des Kühnen das Andenken ihres Vaters nicht ungestraft an sich beleidigen läßt.“

Erhobenen Hauptes wendete sie sich mit ihrer Base dem Eingange in ihre Gemächer zu.

Entzückt sah ihr Hugo nach.

„Welche Hoheit!“ rief er aus. „Welch ein Blitz in dem wundervollen braunen Auge!“

„Wenn er nur vorhält, der Blitz in dem wundervollen braunen Auge!“ war die sarkastische Antwort Adelheid's neben ihm.

Und siehe da, wie wenn es die Herrin mit ihrem Hoffräulein abgeredet hätte, kehrte dieselbe plötzlich, ihre Base an der Thür zurücklassend, wieder um. Der kühne Anflug war aus ihren Zügen[WS 2] schon wieder verschwunden; ihr Blick irrte unsicher, fast verlegen umher, und sie vermied Hugo's Auge, als sie zögernd vor ihm stehen blieb.

„Freilich,“ sagte sie, nach Worten suchend, „wenn ich bedenke ... Was glaubt Ihr, Ritter Huy, wird es eine große Versammlung werden? Ist ein zahlreich Gefolge französischer Edelleute um den Gesandten? Und draußen – wird nicht viel Volk vom Platze heraufhorchen?“

„Ohne Zweifel, gnädige Frau!“ erwiderte verwundert der Ritter.

„Das ist mir ... ungelegen. Das ... ändert die Sache. Meint Ihr nicht, ich könnte meiner Würde vergeben, wenn ich ihnen vor so vielen Zeugen selbst sagte, was ihnen unter solchen Umständen gesagt werden muß? Ja, wenn ich sie überhaupt noch vorließe?“

Und ohne seine Antwort abzuwarten, fuhr sie fort: „Nein, nein, nicht ich darf ihnen ihr Gold vor die Füße werfen. Das geziemt dem Kanzler. Wir wollen die Audienz abbestellen; Ravestein soll Unsere Antwort übernehmen.“

Jeder Einwand war abgeschnitten, denn mit dem letzten Worte hatte sie sich zur Aebtissin zurückgewendet.

„Ja, Base, so ist mir leichter um's Herz,“ hörte man sie hochaufathmend noch zu derselben sagen, und als die Aebtissin mit schelmisch-drohendem Finger in der Thür mit ihr verschwand, erklang aus dem Nebenzimmer, leise lachend, Maria's melodische Stimme: „Nein, Base, auf den Beinamen meines Vaters hat man mich nicht mitgetauft.“

Die Thür schloß sich hinter ihnen; ein Diener erschien, das Säckchen zu holen, und entfernte sich sogleich wieder. Hugo und Adelheid waren allein. Das Hoffräulein warf einen Blick voll boshafter Schadenfreude auf den Ritter, der, stumm vor sich

[615]
Die Gartenlaube (1877) b 615.jpg

Fürst Karl von Rumänien.
Originalzeichnung von Professor W. Camphausen in Düsseldorf.


hinstarrend, seiner neuen Erfahrung in der Menschenkenntniß nachsann.

„Welche Hoheit!“ parodirte sie. „Bemerktet Ihr nicht den Blitz in dem wundervollen braunen Auge?“

„Was wollt Ihr, Fräulein?“ entgegnete Hugo, schnell gefaßt mit ironischem Lächeln. „Ein junges Mädchen bedarf des Muthes nicht, um bezaubernd zu sein. Im Gegentheil, für das zartere Geschlecht erscheint mir der Muth überhaupt als ein sehr zweifelhaftes Geschenk des Himmels. In unseren Augen wenigstens verleiht weibliche Schüchternheit dem Mädchen doppelten Reiz, weil es sie auf den Schutz unseres starken Armes anweist. O, wie war sie schön selbst noch in ihrer Zaghaftigkeit! Auf eine [616] einzigen hülfeflehenden Blick aus diesem Auge könnte ich durch’s Feuer für sie gehen.“

„Seid Ihr zu Ende mit Eurer Träumerei?“ spottete Adelheid.

„O, noch Stunden lang könnte ich fortschwärmen.“

„Dann fahrt nur fort, Ritter! Es ist so unterhaltend, und“ – fügte sie achselzuckend hinzu – „ich darf es ja hören.“

„O Fräulein, auch sie weiß es längst. Ich habe es ihr selbst schon gesagt.“

Das war zu viel für die Selbstbeherrschung der Eifersüchtigen.

„Unglücklicher,“ fuhr sie, sich vergessend, auf, „das wagtet Ihr? Einen so gröblichen Verstoß ...“

„Gegen alle Hofsitte,“ fiel er gleichmüthig ein.

„Und sie ließ Euch auch nur ausreden?“

„Im Gegentheil, sie lächelte mich huldvoll an und bot mir als Lohn die Hand zum Kusse.“

„Unerhört! Die Herzogin von Burgund und Niederland, vielleicht schon verlobte Braut eines Königs oder Kaisers – –“

„Ließ sich mit Wohlgefallen von einem simplen jungen Edelmann huldigen. Seht, Fräulein,“ und plötzlich den ironischen Ton aufgebend und ihr tief in die Augen sehend, fuhr er mit einer Stimme, wie sie dieselbe noch nie von ihm vernommen, ernst, ja fast vorwurfsvoll fort: „Ihr kennt Eines nicht, oder stellet Euch, als ob Ihr es nicht kenntet: daß es Augenblicke im Leben giebt, vor denen jede Form wie Dunst dahinfliegt, Augenblicke der überwältigenden Empfindung. Ja, wie die Granden der Welt ihre Vorrechte haben, so haben es diese Granden der Zeit, und glaubt mir: ob ein Mächtiger noch so hoch steht, noch so abgeschlossen ist – wenn wir in solchen Momenten die Schranke um ihn durchbrechen, so verzeiht er es gern. Ein solcher Fall aber war auch der meinige.“

Mit offenem Erstaunen hatte Adelheid’s Auge an ihm gehangen. Wenn er aber glaubte, sie bekehrt zu haben, irrte er sich. Ihr Mißtrauen, und noch mehr, ihr Zorn darüber, wieder, wie sie glaubte, einem neuen Spiel der Täuschung bei ihm zu begegnen, bedurfte stärkerer Beweismittel.

„Augenblicke der überwältigenden Empfindung,“ spottete sie. „Wunderbare Augenblicke, die auch das Unverzeihlichste verzeihen lassen! Wenn Ihr also, von der Gewalt solchen Augenblickes hingerissen, der Fürstin eine Liebeserklärung macht, so glaubt Ihr ...“

„Daß Ihr es meisterlich versteht, Fräulein, das Erhabenste zum Alltäglichen zu verkehren. Nein, Fräulein, die Liebe, die ich meine, hat mit der Liebe, die Ihr meinet, nichts weiter gemein, als daß der Mann für beide vielleicht sein Leben läßt, aber für die Eurige um einen Preis, für die meinige um nichts.“

Aber auch diese stolzen Worte waren in den Wind gesprochen.

„Wahrlich,“ lachte sie, „ich könnte Euch bewundern, wenn der Gegenstand Eurer Liebe nicht zufällig auch den alltäglichen Vorzug hätte, sehr jung und sehr schön zu sein. 'O, auf einen einzigen Blick aus diesem wundervollen braunen Auge könnte ich durch's Feuer für sie gehen.' Natürlich, nur erhabenste Begeisterung!“

Hugo's Auge blitzte. Sein Mund verzog sich zu einem verächtlichen Lächeln. Dann aber, wie wenn der Humor in ihm die Ueberhand behalten, zuckte er vielsagend mit den Achseln und mit der selbstgefälligen Miene des glücklichen Galans, dem nur die Discretion verbietet, sich seiner Erfolge zu rühmen, warf er leichtfertig hin:

„Allerdings ... es ist wahr .. . das kommt hinzu. Das giebt die Würze. Und so war es auch. Ja, da Ihr den Kern der Sache nun doch einmal errathen habt, so muß ich Euch die Geschichte im Vertrauen erzählen. Seht, sie saß in ihrem Boudoir, ganz allein auf dem Divan ... O, ich sehe sie noch vor mir, das Köpfchen in die linke Hand gestützt, in schmerzliche Gedanken versunken, mit schmachtendem Auge. ... Ich trete ein, stehe wie gebannt von ihrem Anblick. Die Meldung, die ich zu machen hatte, stockt mir auf der Zunge: da wirft sie mir unter den langen Wimpern einen Blick zu, einen Blick, der mir in der Seele liest, einen Blick, der mir durch Mark und Bein dringt, und nur das eine Wort kommt über ihre Lippen: 'Ritter Hugo, ich weiß Alles.'“

Adelheid mußte sich umwenden; der Zorn drohte sie zu ersticken. Aber gewaltsam sich zum Lächeln zwingend, warf sie ihm von der Seite einen geringschätzig fragenden Blick zu.

„Nun? ... Ihr fahrt nicht fort? ... Es wird ja immer verführerischer. Und Ihr erzählt es so ... so indiscret getreu, daß es Euch wohl ein besonderes Vergnügen sein muß. Welche wichtige Meldung stockte Euch denn auf der Zunge? Daß das Frühstück servirt sei?“

„So Wichtiges nicht, Fräulein! Nur, daß man ... auch ihre letzten Freunde ... geköpft habe.“

(Fortsetzung folgt.)




Die Mormonen-Bibel.
Von Moritz Busch.

Soeben geht die Kunde von dem Tode Brigham Young’s, des Mormonenpropheten, ein. Er schied zur rechten Zeit aus dem Leben; denn, als Mörder angeklagt, entging er durch den Tod der öffentlichen Schande, als solcher verurtheilt zu werden. Aber wie er einerseits rechtzeitig gestorben, um dieser Schmach nicht preisgegeben zu werden, so starb er andererseits vorzeitig – nur um einen Moment zu früh – denn er endete auf der Schwelle eines in den Augen der civilisirten Welt zwar unwürdigen Festes, aber doch eines Festes, deren glänzender Mittel- und Brennpunkt er geworden wäre.

Am 22. September feiert nämlich das Mormonenthum, der ärgste religiöse Schwindel der gesammten neueren Geschichte, die bitterste Beschämung der Ansicht, welche das neunzehnte Jahrhundert ohne starke Einschränkung für ein gebildetes und aufgeklärtes hält, der schneidendste Hohn auf die vielgerühmten Vorzüge des „freien“ Amerika und nicht minder des „erleuchteten“ England, sein fünfzigjähriges Stiftungsfest. Es war am 22. September 1827, als der Legende der Mormonen-Secte nach ihr Prophet Joseph Smith, von einem Engel geleitet, einem Berge im Staate New-York die „goldene Bibel“ oder, wie das Machwerk jetzt heißt, „das Buch Mormon’s“, entnahm. Er begründete darauf eine kleine Gemeinde, die trotz des ungeheueren Blödsinns der Lehre, welche ihr als Offenbarung vorgetragen wurde, trotz der unerhörten Tyrannei, trotz des gen Himmel schreienden Egoismus und der wüsten Unsittlichkeit ihrer Führer, ja trotz der unablässigen Verfolgung, die sie auszurotten bemüht war, gewachsen und gediehen ist, sodaß sie jetzt in allen Ländern, die englisch reden, zahlreiche Mitglieder zählt und in Utah, ihrem gelobten Lande am großen Salzsee, einen Staat im Staate bildet, der mindestens hunderttausend Einwohner zählt.

Ich nehme an, daß den Lesern der Glaube und die Geschichte der Mormonen, oder wie sie selbst sich nennen, der „Heiligen vom jüngsten Tage“, in den Hauptzügen bekannt sind. Ein Obergott mit Fleisch und Bein wie ein Mensch, der auf dem Sterne Kolob in der Mitte des Weltalls wohnt, Untergötter, die einst Menschen der Erde waren und jetzt die von ihrer Nachkommenschaft bevölkerten Himmelskörper beherrschen, Jesus unter den Rothhäuten Amerikas wiedergekommen und dort zum zweiten Male gen Himmel gefahren, neben ihm Joseph Smith, der neueste Prophet, ein Jenseits, das in allen Stücken dem Diesseits gleicht, wo man ißt und trinkt, freit und sich freien läßt – das wäre Einiges aus ihrem Katechismus. Die Polygamie ist ihnen ein Mittel, nach dem Tode ein Gott zu werden; mit dem Auftreten des Propheten ist nach ihrer Lehre die Wiederausgießung des heiligen Geistes über die gottentfremdete Welt, soweit sie das neue Evangelium angenommen, erfolgt, woraus sich den Gläubigen die Wiederkehr der altchristlichen Charismata, der wunderbaren Heilungen und Teufelaustreibungen, des Redens in Zungen, der Visionen und Weissagungen ergiebt. Ein Hauptsatz ihres Glaubens ist endlich die Nähe des tausendjährigen Reiches, in dem alle „Heiden“, das heißt alle Nichtmormonen, sich zu Smith’s und Brigham Young’s Lehre bekehren oder der Ausrottung verfallen werden.

Ihre Verfassung und noch mehr deren Handhabung prägt die absolute Priesterherrschaft aus. Ihre Geschichte liest sich mit ihren zahllosen Beispielen von albernster Leichtgläubigkeit, von [617] Heuchelei und Arglist neben unerschrockenster Aufopferungsfähigkeit, von Phantastereien neben planvollster, geriebenster Leitung von Seiten des Propheten und seiner Apostel wie ein Buch der Fabeln und Mythen. Sie ist voll von Bacchanalien eines wüsten Fanatismus, voll von Kämpfen mit den Nachbarn, vor denen sie Jahre lang unaufhörlich aus der civilisirten Welt in die wilde Ungebundenheit der westlichen Grenzländer, von New-York nach Ohio, von Ohio nach Missouri, von hier nach Illinois und von dort nach Utah zurückwichen. Dort trotzen sie jetzt dem Gesetze und werden ihm weiter trotzen, bis die große Pacific-Bahn ihnen wieder so viel ungläubige Nachbarn gegeben haben wird, daß man der Theokratie und Polygamie mit allem daran sich knüpfenden Unfug und Unrath ein Ende machen kann.

Ohne hier näher auf den Gegenstand einzugehen und diese Wunder und Wunderlichkeiten aus den Mängeln der amerikanischen und englischen Cultur zu erklären – mehr als die Hälfte der Mormonen in Utah sind eingewanderte Engländer und Waliser – beschränke ich mich für heute darauf, eine Inhaltsangabe und Charakteristik des „Buchs Mormon’s“ folgen zu lassen, mit dessen angeblicher Auffindung – in Wahrheit war es ein von einem gewissen Spaulding ungedruckt hinterlassener, von Smith und dessen Spießgesellen, dem Campbelliten-Prediger Rigdon, in ein Religionsbuch umgeprägter Roman – jene Dogmenentwickelung und jene kirchliche, sociale und politische Geschichte begann.

Das Buch Mormon’s, welches Smith vor nunmehr einem halben Jahrhundert auf dem Berge Cumorah bei Palmyra gefunden haben wollte, hatte nach ihm in einer Steinkiste gelegen, in der sich zugleich das „Schwert Laban’s“, eine Brustplatte und eine große Brille „wie ein Bogen“ befanden, mittelst welcher letzteren der Prophet das auf Goldplatten eingegrabene, „in neuägyptischer Sprache“ verfaßte und mit alterthümlichen Charakteren geschriebene Manuscript in’s Englische übertrug. Das Buch liegt mir in der ersten europäischen Ausgabe (Liverpool, 1841) vor und bildet in dieser einen Band von sechshundertvierunddreißig Seiten, die beinahe so viel Lesestoff enthalten wie das Alte Testament ohne die Apokryphen. Dieser Stoff zerfällt in die Bücher Nephi 1 und 2, Jacob, Enos, Jarom, Omni, Mosiah, Alma, Helaman, Nephi des Jüngeren, Mormon, Ether und Moroni, und die Ereignisse, welche das Buch erzählt, fallen in die Zeit vom Bau des Thurmes zu Babel bis zum Jahre 424 nach Christi Geburt.

Das heilige Buch belehrt uns über mancherlei Dinge, von denen wir bisher keine Ahnung hatten. Wir lernen durch dasselbe, daß die amerikanischen Indianer aus Mesopotamien und Palästina stammen und daß ihrem gegenwärtigen wilden Zustande eine großartige Epoche der Civilisation vorangegangen ist; wir erfahren Ausführliches über die großen Thaten Gottes auf dem westlichen Continente. Wir lesen im Buche Ether, daß bei der Verwirrung der Sprachen auf der Ebene im Lande Schinear die Jarediter vor dem Angesichte des Herrn Gnade fanden und wegen ihres gerechten Wandels beim bisherigen Gebrauche ihrer Zunge belassen wurden. Der Herr aber führte sie zunächst in das nördlich von Schinear gelegene Thal Nimrod und dann in die Wildniß des Gebirges Schelem am großen Ocean, wo ihnen befohlen wurde, Schiffe zu bauen, um nach dem gelobten Lande in Amerika zu fahren. Diese Schiffe, acht an der Zahl, waren „dicht wie eine Schüssel“ und wurden jedes inwendig durch zwei weiße Steine erhellt, welche der Bruder Jared’s gesammelt und Gott auf dessen Gebet durch Berührung mit seinem Finger leuchtend gemacht hatte. Als die Fahrzeuge in das Wasser gebracht waren, ließ der Herr einen gewaltigen Wind wehen, der immer nach der Richtung ihres Zieles blies und sie in dreihundertvierundvierzig Tagen an die Küste des Landes der Verheißung im Westen führte. Und Gott versprach, ihnen dasselbige zum Erbtheil zu geben, und er schwur in seinem Zorn, daß der, welcher dieses Land besitze, fortan und in Ewigkeit ihm dienen solle, wo nicht, so solle der Brand seines Grimmes über ihn kommen. Wenn sie aber fromm blieben und seine Gebote hielten, wollte er sie zu einem zahlreichen und gewaltigen Volke machen, sodaß kein größer Volk auf Erden erfunden werden sollte.

Und so geschah es im Lauf der Zeit. Die Jarediter erwuchsen, indem ihre Ehen sehr fruchtbar waren, zu einer mächtigen Nation. Ihr erster König war der fromme Orihah, der zweiunddreißig Kinder, darunter vierundzwanzig Söhne hatte, deren jüngster, Kib, ihm auf dem Throne folgte. Unter diesem empörte sich sein Sohn Corihor, zog in das Land Nehor und kehrte nach einiger Zeit mit einem Heere zurück, um seinen Vater zu stürzen. Dies gelang ihm, aber endlich von seinem Bruder Schule mit einer Armee angegriffen, die mit stählernen Schwertern bewaffnet war, mußte er den Thron wieder räumen und Schule regierte an seiner Statt.

So ging es weiter. Durch Empörungen und Auswanderungen zerfiel das Reich in verschiedene von Königen beherrschte Theile. Aber im Allgemeinen geriethen die Jarediter, die vorzugsweise den Norden Amerikas inne hatten, in allen Gegenden desselben ausgedehnte Städte erbauten und überhaupt ein seßhaftes und erleuchtetes Geschlecht waren. Doch verfielen sie zuweilen unter gottlosen Königen in Sünde, und dann wurden sie mit Krieg und Hungersnoth etc. heimgesucht, bis Buße predigende Propheten sie zur Besserung bewogen. Als ungeachtet jener warnenden Stimmen unter den Königen Ethem und Moron die Gottlosigkeit des Volkes endlich allgemein überhand nahm, ließ ihnen der Herr durch einen letzten heiligen Seher, Namens Ether, androhen, er werde sie gänzlich von der Erde vertilgen, wofern sie nicht von ihrem bösen Wandel ließen. Sie gaben auch dieser Mahnung keine Folge, und so brach ein gewaltiger Krieg aus; in ungeheuren Schlachten im Thale Corihor und dem Berge Schurr kamen Millionen um, und sämmtliche Städte des Landes wurden niedergebrannt. Zuletzt standen sich nur noch die beiden Könige Koriantumr und Schiz mit geringen Resten ihrer Heere gegenüber. Auch diese rieben sich in mehreren Treffen an den Wassern von Ripliancum und beim Hügel Ramah vollständig auf; die beiden Fürsten tödteten sich gegenseitig im Zweikampfe und von der ganzen Nation blieb nichts übrig als die Trümmer ihrer Städte und ihre Chroniken, welche auf Goldplatten geschrieben waren und von jenem letzten ihrer Propheten in der Weise niedergelegt wurden, daß sie von den Nachkommen Joseph’s, welche bald nach Vollzug dieses Strafgerichts von Jerusalem nach Amerika geleitet wurden, gefunden werden konnten.

Dieser Rest nämlich von Joseph’s Stamm, bestehend aus Lehi, dessen Weib Sariah und dessen Söhnen Laman, Lemuel, Sam und Nephi, verließ auf Jehova’s Geheiß, um dem herannahenden Unheil zu entgehen, die Stadt David’s im ersten Jahre der Regierung Zedekia’s, des Königs von Juda. Sie wurden zuerst nach dem Ostrande des Rothen Meeres geführt, worauf sie sich, einer ihnen von Gott als Führerin gesandten messingnen Kugel folgend, mehr östlich wendeten, bis sie an das große Wasser Irreantum kamen. Hier bauten sie sich ein Schiff, in welchem sie den Stillen Ocean überschifften und an der Westküste Amerikas landeten.

Und im elften Jahre der Herrschaft Zedekia’s, zu der Zeit, wo die Juden in die babylonische Gefangenschaft abgeführt wurden, brach abermals ein Zug Auswanderer von Jerusalem, worunter sich Etliche vom Stamme Juda befanden, nach dem großen Festlande jenseits des Meeres auf. Sie stiegen in Nordamerika an’s Land, begaben sich indeß kurz darauf nach dem Süden, wo sie ungefähr vierhundert Jahre später von den Frühergekommenen entdeckt wurden.

Die Letzteren schieden sich einige Zeit nach ihrem Eintreffen in Amerika in zwei Völker – eine Spaltung, die dadurch veranlaßt wurde, daß ein Theil derselben die Uebrigen wegen ihrer Gottesfurcht und Gerechtigkeit verfolgte. Diese Frommen wanderten nach Centralamerika aus, während der gottlose Rest des Volkes im Süden verblieb. Die Ersteren hießen nach dem Propheten, der sie führte, Nephiter; die Letzteren wurden nach einem sehr bösen Manne, der sich unter ihnen Geltung verschafft hatte, Lamaniter genannt.

Die Nephiter hatten in ihrem Besitze eine Abschrift des Gesetzes Mosis und der Propheten bis auf Jeremia, in dessen Tagen sie Jerusalem verlassen hatten. Diese Ueberlieferungen aus dem Lande ihrer Vorfahren waren in neuägyptischer Sprache auf Erztafeln verzeichnet und erhielten eine Fortsetzung in andern Platten, welche von den Weisen und Sehern der Nation mit den Thaten ihrer Könige und Helden, sowie mit den Wundern, Gesichten und Offenbarungen, deren Gott das fromme Volk würdigte, gefüllt wurden. Und der Herr segnete sie mit Gedeihen und verhieß ihnen und ihrem Samen das Land zum ewigen Erbe, wofern sie seinem Willen unterthan und gehorsam [618] blieben. Die Nephiter breiteten sich nach Osten, Westen und Norden aus, bedeckten die Thäler und Ebenen mit Städten und Dörfern, erbauten Getreide und zogen zahlreiche Heerden von Hausthieren. Sie kannten den Gebrauch von Gold, Silber, Kupfer und Eisen. Künste und Wissenschaften blühten unter ihnen.

Die Lamaniter brachten durch ihres Herzens Härtigkeit und Bosheit viele und schwere Heimsuchungen auf sich herab. Doch wurden sie als Nation nicht vertilgt, sondern nur aus einem weißen und wohlgebildeten Geschlechte in ein kupferrothes, häßliches und unreines verwandelt. Sie waren Leute von finsterer, wilder und roher Sinnesart und überzogen die Nephiter wiederholt in zahllosen Schaaren mit Krieg.

Die zweite Colonie, deren Begründer, wie erwähnt, zehn Jahre nach Lehi’s Auswanderung Palästina verlassen hatte, führte in Amerika den Namen des Volkes von Zarahemla. Sie hatten viel von Bürgerkriegen zu leiden, und da ihre Angehörigen keine schriftlichen Ueberlieferungen mitgebracht hatten, war ihre Sprache allmählich ausgeartet, auch wußten sie nichts vom Dasein Gottes mehr. Als die Nephiter sie endlich entdeckten, befanden sie sich in einem Zustande, der nur wenig von dem der Wilden verschieden war. Aber jene belehrten sie und verbanden sich schließlich mit ihnen zu einer Nation.

Indem die Kinder Nephi sich fortwährend weiter ausbreiteten, rückten sie allgemach bis zum Isthmus von Darien vor, wo sie Schiffe bauten und endlich mit mehreren großen Flotten nach Nordamerika hinüberfuhren, welches im Laufe einiger Jahrhunderte dicht von ihnen bevölkert wurde. Für ihr geistiges Wohlergehen war gesorgt. Auch hier nämlich erweckte der Herr von Geschlecht zu Geschlecht unter ihnen Propheten, und die Führung von Chroniken wurde hier so wenig vernachlässigt, wie südlich von ihren Wohnsitzen. Dazu kam, daß von den Bürgern der Stadt Limhi die beschriebenen Platten, welche der Prophet Ether hinterlassen hatte, aufgefunden und vermittelst der Urim und Thummim, der wunderbaren Dolmetscherbrille, die dabei lag, (es war dieselbe, welche Smith später in der Steinkiste des Berges Cumorah fand) in die nephitische Sprache übersetzt wurden. Die heiligen Seher des Volkes aber verkündeten die Erscheinung des Messias im Fleische, seine Wiederkunft und sein tausendjähriges Friedensreich. Selbst das Auftreten Joseph Smith’s wurde (Buch Nephi 2, 2) damals schon prophezeit, indem es von ihm hieß, er werde „groß wie Moses“ sein, und er solle „keine andere Arbeit verrichten, als die, welche ihm der Herr gebiete“.

Die Geburt und der Tod des Heilandes wurden den Nephitern von Gott durch außerordentliche Naturereignisse kund gethan, welche sich im Jahre 1 und 33 unserer Zeitrechnung in Erfüllung mehrerer alter Weissagungen einstellten. Aber sie waren nach und nach in Verkehrtheiten und Laster verfallen. Deshalb wurden sie um die Zeit des Todes Christi mit strengen Strafen heimgesucht: Dichte Finsterniß bedeckte drei Tage lang das gesammte Festland. Ein furchtbares Erdbeben wüthete verheerend von einem Meeresstrande zum andern. Felsen zerrissen; Berge sanken zu Thälern ein, und Thäler schwollen zu Bergen empor. Seen liefen ab, und Flüsse änderten ihren Lauf. Große Städte, wie Zarahemla und Mokum, stürzten in Trümmer; Salzseen flutheten an der Stelle verschlungener Ortschaften; Feuer regnete vom Himmel auf Kischkumen und Josch, und der ganze gottlosere Theil der Nephiter sowie der Lamaniter wurde vertilgt.

Diejenigen aber, welche diese grauenvolle Katastrophe überlebten, wurden mit einer persönlichen Erscheinung Jesu Christi begnadigt. Denn nachdem er in Jerusalem von den Todten auferstanden und gen Himmel gefahren war, stieg er in Gegenwart der Nephiter, welche um ihren Tempel im Lande Bountiful versammelt waren, wieder zur Erde herab. Er zeigte ihnen seine Seitenwunde und Nägelmale, hieß sie das seither von ihnen befolgte Gesetz Mosis abthun, an dessen Stelle das Evangelium annehmen und wählte sich zwölf Jünger, deren Namen Nephi, Timotheus, Jonas, Mathoni, Mathoniha Kumen Kumenonhi, Jeremia, Schemnon, Jonas der Andere, Zedekia und Jesaia waren. Außerdem wurden von ihm die Kinder der Nephiter gesegnet; er setzte die Sacramente ein, verrichtete verschiedene Wunder, legte dem Volke seine heiligen Schriften aus und machte ihnen alle künftigen Dinge bis zu seiner Wiederkunft und die Schöpfung eines neuen Himmels und einer neuen Erde bekannt.

Alle diese Reden und Thaten Jesu wurden auf Täfelchen verzeichnet, von deren Inhalt sich Einiges im Buche Mormon’s findet. Der größere und wichtigere Theil jedoch ist darin ausgelassen und soll den Heiligen erst später übergeben werden.

Nachdem der Erlöser nun sein Werk in Amerika vollendet hatte, stieg er wieder gen Himmel. Die Apostel aber, welche er erwählt, zogen durch das Land und bekehrten nicht nur die Nephiter, sondern auch viele von den Lamanitern. Der durch ihre Erfolge hervorgerufene gottselige Zustand des Volkes erhielt sich länger als drei Jahrhunderte in seiner Reinheit. Allmählich rissen indeß Unglaube und Ungerechtigkeit wieder ein, und gegen das Ende des vierten Jahrhunderts der christlichen Aera hatte die Verderbniß sich zu solcher Ruchlosigkeit gesteigert, daß die Langmuth des Herrn strafendem Zorne Raum machte. Ein furchtbarer Krieg brach zwischen den Lamanitern und den jetzt nur noch in Nordamerika wohnenden Nephitern aus, und dessen Ausgang war die fast vollständige Vernichtung der Letzteren auf und bei dem Berge Cumorah, wo sich der Rest der Nation verschanzt hatte.

Unter den Ueberlebenden befanden sich der Prophet und Oberfeldherr der Nephiter Mormon und dessen Sohn Moroni, von denen der Erstgenannte einen Auszug aus den schriftlichen Ueberlieferungen seiner Vorväter gemacht hatte, welchen er nebst seinen eigenen Denkwürdigkeiten seinem Sohne zur Vollendung übergab. Moroni führte die Chronik seines Vaters noch einige Jahre fort, und wir erfahren durch ihn, daß die Lamaniter die Wenigen von den Nephitern, welche sich nach dem Süden geflüchtet, so lange verfolgten und unter Martern tödteten, bis die ganze Nation, ihn selbst ausgenommen, der sich versteckt hielt, vertilgt war. Er berichtet ferner, daß die Lamaniter nach dem Untergange ihrer Gegner unter sich selbst in Streit geriethen und daß in Folge dessen ganz Amerika lange Jahre hindurch ein einziger großer Schauplatz von Verwirrung und Blutvergießen war. Er schließt endlich seine Geschichte im Jahre 424 nach Christi Geburt, um die Platten, auf die er sie geschrieben, zu denen zu legen, die sein Vater in den heiligen Berg Cumorah verborgen hat, wo das Ganze, wie erzählt, vierzehn Jahrhunderte später von Joseph Smith gefunden wurde.

Ueberflüssig wäre nach dieser Uebersicht über den Inhalt der Mormonenbibel ein Versuch, darzuthun, daß dieselbe keinerlei geschichtlichen Werth hat, sondern von Anfang bis zu Ende Erfindung und schlechte Nachahmung der heiligen Schriften Alten und Neuen Testaments ist. Es leidet keinen Zweifel, daß das Buch von einer Doppelpersönlichkeit verfaßt worden ist, welche einestheils – und dies ist der Eisenwerksbesitzer Salomon Spaulding – damit eine Erklärung amerikanischer Antiquitäten in einer Art Romanform liefern wollte, anderntheils aber – und dies ist der Exsetzer und Dorfprediger Sidney Rigdon – mit dem Gezänke, den Stichwörtern und Lieblingsphrasen sowie mit den Zielen gewisser fanatischer Secten in Amerika bekannt war und durch Aufpfropfung dieser den Roman in ein epochemachendes Religionsbuch zu verwandeln beabsichtigte. Im Uebrigen genüge die Bemerkung, daß diese Aufpfropfung durchgehends ungeschickt vorgenommen worden ist und daß das Ganze keine Spur von historischem Sinne verräth und als Roman phantasiearm und in Folge dessen einförmig und langweilig ist. Der Wunderbombast darin wirkt oft geradezu komisch; die langen Reden und Gebete der Propheten sind inhaltslose Ketten von Redensarten, wie man sie in den amerikanischen Methodisten- und Baptisten-Meetings aneinanderfädeln und herleiern hört, und die Logik und Grammatik wird fast auf jeder Seite des Buches in haarsträubender Weise gemißhandelt. Fortdauernd begegnet man Weitschweifigkeiten und Wiederholungen, Haufig kommen Angaben vor, welche vorhergehenden widersprechen, ebenso oft arge Anachronismen; der Styl mit seinem unaufhörlichen „And it came to pass“ („Und es begab sich, daß“) ist unbeschreiblich unbeholfen und hölzern.

Dennoch gefällt das dumme Machwerk den Mormonen, und sie scheinen naiv genug gewesen zu sein, zu glauben, daß es auch allen anderen Leuten gefallen müsse. Sie haben es fast in alle Hauptsprachen Europas übersetzen lassen, auch in’s Deutsche und Russische, und hatten die Dreistigkeit, in den letzten vierziger Jahren eine Deputation abzusenden, die es dem Könige von Preußen überreichen sollte und daran nur durch die Berliner Polizei gehindert wurde. [619]

Fritz Reuter's letzte Geschichte.
Ein Erinnerungsblatt von Max Ring.


Im April des denkwürdigen Jahres 1870 sah ich mich wegen eines nervösen Leidens gezwungen, Berlin zu verlassen, um auf Anrathen meiner Aerzte in einer besseren und reineren Luft, von allen störenden und aufregenden Einflüssen der großen Stadt entfernt, lediglich meiner Gesundheit zu leben. Nach sorgfältiger Ueberlegung und Erwägung aller Verhältnisse war meine Wahl auf Eisenach gefallen, wo ich in dem reizenden Marienthal, auf dem sogenannten „Breitergescheid“, gerade gegenüber der Wartburg, eine mir zusagende und für meine Bedürfnisse passende Wohnung fand, welche ich für mich und meine mich begleitende Familie auf mehrere Monate miethete. Bald fühlten wir uns in der neuen Umgebung heimisch und behaglich, wozu ebenso sehr die herrliche Natur wie die wirklich auserlesene Gesellschaft beitrug, mit der ein glücklicher Zufall mich zusammenführte. – Das verhältnißmäßig kleine Eisenach besaß damals eine Anzahl interessanter und bedeutender Männer, wie man sie kaum in einer großen Stadt sobald wieder zusammenfindet. Da war der liebenswürdige Mineraloge Professor Senft, der ausgezeichnete Philologe Professor Koch, einer der vorzüglichsten Sprachforscher und gelehrter Kenner des Alt-Englischen, August Becker, der gemüthvolle Dichter und Verfasser geistreicher Romane, von denen „Des Rabbis Vermächtniß“ ein wohlverdientes Aufsehen machte. In dem von Eisenach nicht weit entfernten, zwischen üppigen Wiesengründen und malerischen Bergen anmuthig gelegenen kleinen Badeort Thal wohnte unser alter Freund Emil Palleske in seiner poetischen Villa, wo er, soeben von seinen fernen Wanderungen zurückgekehrt, im Kreise seiner zahlreichen, feingebildeten Familie von der anstrengenden Thätigkeit als beliebter Vorleser ausruhte und die ihm willkommene Muße während der Sommermonate zu eingehenden literarhistorischen Studien benutzte.

Zu all diesen trefflichen einheimischen Männern kamen noch die zahlreichen Fremden, welche bald auf längere, bald auf kürzere Zeit sich in Eisenach aufhielten, darunter der geistreiche, witzige Naturforscher Professor Roth aus Berlin, der die eigenthümlichen Gebirgsformationen der Umgegend untersuchte, der durch seine physiologischen Arbeiten über die „Blutkörperchen“ vielgenannte Professor Vogel aus Halle, der regelmäßig jeden Sonntag in Eisenach erschien, um seine dortigen Freunde zu besuchen und mit ihnen als unermüdlicher Fußwanderer Berge und Thäler zu durchstreifen. Vorübergehend wurde uns noch das Vergnügen zu Theil, unseren hochverehrten Schulze-Delitzsch in unserer neuen Häuslichkeit zu begrüßen und in Thal bei Palleske mit der interessanten Dichterin Elise Schmidt und einer Tochter Rückert's einen genußreichen Abend zu verleben.

So angenehm, werthvoll und anregend auch für uns ein solcher Verkehr war, so vermißten wir noch immer schmerzlich die persönliche Bekanntschaft mit Fritz Reuter, der, wie ich hörte, damals gerade leidend war und zurückgezogen in seiner Villa lebte. Aus Furcht, ihn zu belästigen oder zudringlich zu erscheinen, unterließ ich auch später, nach seiner indeß erfolgten Genesung, ihn aufzusuchen, so begierig ich auch war, den berühmten Verfasser der von mir bewunderten Dichtungen kennen zu lernen. Fast vier Wochen waren bereits vergangen, ohne daß es mir gelungen war, Reuter zu sehen und zu sprechen, obgleich ich es meinerseits nicht daran fehle ließ, mich ihm zu nähern. Immer trat ein tückischer Zufall mir hindernd in den Weg; stets verfehlte ich ihn an den Orten, wo er gewöhnlich des Abends zu verkehren pflegte, und wenn ich ihn sicher anzutreffen hoffte, mußte ich zu meinem Verdruß hören, daß er soeben fortgegangen sei. Allerdings wäre es das Einfachste und Kürzeste gewesen, ihn in seiner Wohnung nachträglich aufzusuchen, aber eine gewisse Scheu hielt mich zurück, das Handwerk zu begrüßen und mich dem berühmten Collegen als reisenden Schriftsteller vorzustellen, noch dazu, da ich die geeignete Zeit aus den angegebenen Gründen versäumt hatte und befürchten mußte, daß er mir meine Ungeschicklichkeit übelnehmen möchte.

Mit schwerem Herzen gab ich bereits die Hoffnung auf, den verehrten Dichter zu begrüßen, als ich eines Abends mit meiner Frau nach dem „Annathal“ ging und auf dem Rückwege in die sogenannte „Phantasie“, eine beliebte und von allen Eisenachern viel besuchte Restauration, trat, um ein Glas des köstlichen Bieres zu trinken. In unserer Nähe saß zwischen mehreren uns bekannten Herren ein ältlicher Mann, den ich – nach seiner gedrungenen Gestalt und seinem breiten, gerötheten Gesichte mit dem grauen Barte zu urtheilen – für einen Oekonomen aus der Umgegend oder für einen pensionirten Hauptmann hielt, bis mich der ebenfalls anwesende August Becker aus meinem Irrthume riß, indem er mich aufforderte, ihm zu dem gemeinschaftlichen Tische zu folgen, an dem ich in dem vermeintlichen Landwirthe bald zu meinem größten Vergnügen – Fritz Reuter kennen lernte.

Mit gutmüthigem Lachen nahm er meine Entschuldigung an, worauf er mich und meine Frau ebenso herzlich wie dringend einlud, ihn sobald wie möglich zu besuchen und unsern Fehler schleunigst gut zu machen, was wir uns nicht zweimal sagen ließen. Um uns zu zeigen, daß er nichts weniger als übelnehmisch sei, erwiderte er unsern Besuch in kürzester Frist, begleitet von seiner ebenso reizenden wie liebenswürdigen Frau, und zwar in aller Form, sogar in dem ihm verhaßten schwarzen Leibrocke, den er nur mit Widerstreben bei besonderen Gelegenheiten zu tragen pflegte, wie er zu meiner Beschämung im Laufe der Unterhaltung ironisch schmunzelnd bemerkte. Seitdem sah ich Reuter wiederholt, bald in seiner Villa, in die er auch meine Kinder, „die goldenen Ringelein“, wie er sie scherzend nannte, zur Plünderung seiner Stachel- und Erdbeeren einlud, bald am dritten Orte, auf gemeinsamen Spaziergängen nach der Wartburg und der Phantasie, wobei ich in kurzer Zeit den Menschen in Reuter ebenso achten und lieben lernte, wie ich ihn als originellen, unerreichbaren Schriftsteller, als den ersten deutschen Humoristen der Gegenwart bereits schätzte.

Wenn auch Reuter das Bewußtsein seines vollen Werthes und seiner hohen Bedeutung in sich trug, so war er keineswegs so eitel und von sich eingenommen, um, wie viele Dichter, Alles gut zu finden, was er geschrieben. Mit wirklich rührender Bescheidenheit sprach er mit mir von seinen letzten Arbeiten, besonders von der „Reise nach Constantinopel“ und von dem geringen Erfolg des von dem Publicum und der Kritik abfällig behandelten Buches, worüber er jedoch höchst empfindlich schien. Zugleich klagte er wehmüthig über die Abnahme seiner geistige Schöpferkraft, über seine zunehmende Altersschwäche, indem er hinzufügte, daß er schwerlich noch etwas Lesenswerthes schreiben werde. Meine Frau und auch ich bemühten uns, diese Anwandelungen einer hypochondrischen Verstimmung und einer gerade bei den bedeutendsten Schriftstellern sich öfters zeigenden Muthlosigkeit zu bekämpfen und die Zweifel an seiner Productionskraft zu widerlegen. Sichtlich von unserem Zureden erfreut, theilte er uns den Plan zu einer neue Erzählung mit, welche er schon lange Zeit mit sich im Kopfe herumgetragen, aber aus den angegebenen Gründen nicht ausgeführt hatte.

Wenn es mir auch unmöglich ist, den naiven Zauber, womit Reuter seine Geschichte uns vortrug, hier wiederzugeben, und wenn nach so vielen Jahren mir auch so manche reizende Einzelheiten aus dem Gedächtnisse geschwunden sind, so will ich doch versuchen, den, wie ich wohl annehmen darf, unbekannt gebliebenen Plan zu Reuter's letzter Erzählung aus der Erinnerung zu veröffentlichen, da sich schwerlich auch nur ein Bruchstück desselben in seinen hinterlassenen Papieren vorgefunden hat.

Der Held dieser echt Reuter'schen Erzählung war ein gutmüthiger, ehrlicher, sechszehnjähriger Bauernsohn aus Mecklenburg, der nach langem Drängen und Bitten von seinen Eltern die Erlaubniß bekommt, nach Berlin, dem Ideal aller seiner Wünsche und Träume, zu reisen, um seine daselbst wohnenden Verwandten zu besuchen. Mit den nöthigen Warnungen vor den hauptstädtischen Schwindlern und den Verlockungen der Residenz versehen, in der Tasche mehrere Thaler Reisegeld, in der einen Hand ein Packet mit seinem besten Sonntagsstaat, in der andern einen Sack mit Schinken, Würsten und einer fetten Gans zum Geschenk für die „liebe Muhme“ fährt der gute Hann Jochen auf der Eisenbahn nach Berlin. Ungefragt erzählt er seinen [620] Reisegefährten seine Absicht, die ihm von Gesicht noch gänzlich unbekannten Verwandten zu überraschen. Auf dem Bahnhof angelangt, hat er zu seinem Unglück die Wohnung der Muhme vergessen, weshalb er jeden Vorübergehenden darnach fragt, in der Voraussetzung, daß jeder Mensch in Berlin eine so brave und angesehene Persönlichkeit kennen müsse. Schon verzweifelt der gute Hann Jochen, die Gesuchte zu finden, als er zu seiner größten Freude von einer alten, würdigen Frau angesprochen wird, die sich ihm als die liebe Muhme unter den zärtlichsten Küssen und Umarmungen zu erkennen giebt. Wie sie ihm mittheilte, war sie, durch einen Brief seiner Eltern von seiner Ankunft benachrichtigt, auf den Bahnhof geeilt, um den theuren Neffen zu empfangen, den sie auch sofort an seiner Familienähnlichkeit erkannte. Sie wollte es unter keiner Bedingung zugeben, daß Hann Jochen sich noch länger mit seinen schweren Päcken schleppte, sondern rief einen von ihr bereits zu diesem Zweck mitgebrachten Träger, der die Sachen zur weiteren Beförderung übernahm. Zugleich warnte sie den unerfahrenen Neffen vor den zahlreichen Taschendieben, weshalb sie ihm rieth, ihr seine volle Börse in Verwahrung zu geben, was auch Hann Jochen that, sodaß er nur einiges Kleingeld in seiner Tasche zurückbehielt. Unterwegs erkundigte sich die Muhme nach seinen Eltern und sonstigen häuslichen Angelegenheiten, für die sie sich lebhaft interessirte. Dabei geschah es, daß sie Namen und Personen häufig verwechselte und, obgleich sie aus demselben Dorfe stammte und die Schwester seiner Mutter war, eine auffallende Unwissenheit der Familienereignisse verrieth, was sie jedoch mit ihrer langen Abwesenheit von der Heimath entschuldigte. Hann Jochen war auch viel zu sehr von dem Leben und Treiben der Residenz in Anspruch genommen, um auf diesen Umstand zu achten. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er die Wunder Berlins, die hohen Häuser in den Straßen, die öffentlichen Plätze mit ihren Denkmälern, die schönen Schaufenster mit all den herrlichen Waaren an und mit offenen Ohren hörte er die wunderbaren Schilderungen seiner Begleiterin von all den Freuden und Vergnügungen, welche ihn in der großen Stadt und in ihrem Hause erwarteten, sodaß er darüber die ganze Welt und alle Warnungen und Ermahnungen seiner vorsichtigen Eltern vergaß. Obgleich ihm der Weg sehr weit vorkam und er bereits einige Müdigkeit verspürte, folgte er sorglos der klugen, liebenswürdigen Muhme, ohne zu bemerken, daß es längst dunkel geworden und der Träger mit den Sachen nicht mehr zu sehen war. An einer Ecke, wo ein großes Gedränge war, sah sich der ehrliche Hann Jochen plötzlich auch von seiner Begleiterin verlassen. Vergebens blickte er sich nach ihr um, umsonst rief er laut ihren Namen; sie war und blieb verschwunden. Da stand er allein, einsam und verlassen in der fremden, großen Stadt. Die Leute, welche er nach der Muhme fragte, lachten ihn aus, und als er sein Abenteuer ihnen erzählte, belehrten sie ihn, daß er in die Hände schlauer Bauernfänger gerathen sei. Da unterdessen die Nacht hereingebrochen war und er die Hoffnung aufgeben mußte, seine wirklichen Verwandten noch so spät ausfindig zu machen, so blieb ihm nichts übrig, als eine Herberge aufzusuchen, zu der ihm eine mitleidige Seele den Weg zeigte.

Als der gute Hann Jochen den nächsten Morgen gerade nicht mit den angenehmsten Gefühlen erwachte, beschloß er, zunächst weitere Nachforschungen nach seiner wahren Muhme anzustellen und um jeden Preis ihre ihm noch unbekannte Wohnung ausfindig zu machen, was keineswegs so leicht war, als er sich vorstellte. Da ihm Niemand sichere Auskunft darüber zu geben vermochte, so rieth ihm der Wirth der Herberge, sich an die Polizei zu wenden, um mit Hülfe derselben die Wohnung seiner Verwandten zu entdecken und zugleich seine durch die Bauernfänger ihm entwendeten Sachen und Gelder wiederzuerlangen. Der Rath leuchtete ihm auch ein, und er begab sich nach dem Molkenmarkte, wobei er sich einige Mal verirrte und in eine ganz entgegengesetzte Gegend kam. In seiner Verlegenheit wendete er sich an eine vorübergehende, anständig gekleidete Frau, welche ein zartes Kind an ihrer Hand führte, um sich nach dem richtigen Weg zu erkundigen. Dieselbe war überaus freundlich und erbot sich aus freien Stücken, ihn bis zum Polizeigebäude selbst zu führen, in dessen Nähe sie wohnte, wenn er so lange auf sie warten wollte, bis sie in der vor ihnen liegenden Apotheke ein Recept für ihren kranken Mann abgeholt haben würde. Zum Pfande ließ sie ihm das Kind, ein schmächtiges, blondes Mädchen von fünf bis sechs Jahren zurück, das er zu beaufsichtigen versprach.

Während die Frau in den Laden trat, unterhielt sich der gutmüthige Hann Jochen mit seiner kleinen Pflegebefohlenen, deren echt Berliner Sprache und drollige Antworten seine höchste Verwunderung erregten und ihm das größte Vergnügen machten, so gut, daß ihm die Zeit nicht lang und er nicht müde wurde, die seltsamen Redensarten und nie gehörten Ausdrücke anzuhören. Das Mundwerk der Kleinen stand auch keinen Augenblick still, und Alles, was sie sagte, hatte einen solchen Schick, eine solche Anmuth, daß er noch nie ein ähnlich süßes und kluges Ding gesehen zu haben glaubte und alle Kinder in seinem Dorfe ihm dagegen wie die dummen Gänse vorkamen. Da aber fast eine Stunde vergangen und die Frau aus der Apotheke noch immer nicht zurückgekehrt war, das ungeduldige Kind aber nach seiner Mutter schrie, so begab sich Hann Jochen in die Apotheke, um die Frau aufzusuchen und das ihm anvertraute Pfand ihr zurückzustellen. Man kann sich denken, wie groß seine Ueberraschung war, als Niemand hier die von ihm bezeichnete Frau gesehen oder gesprochen haben wollte. Nur zu bald wurde ihm klar gemacht, daß die gewissenlose Betrügerin seine Leichtgläubigkeit und Gutmüthigkeit dazu benutzt habe, um sich ihres oder vielleicht eines fremden, elternlosen Kindes zu entledigen.

Wieder stand nun der arme Bursche ohne Sachen, ohne Geld und noch obendrein mit einem Kinde belastet da. Ein herbeigerufener Constabler brachte ihn mit der Kleinen nach der nächsten Wache, wo man ihn einem strengen Verhör unterwarf und anfänglich für einen gefährlichen Vagabunden hielt, da er sich aus Mangel an den nöthigen Papieren über seine Verhältnisse nicht ausweisen konnte. Vorläufig mußte er in das Polizeigefängniß wandern, bis es ihm mit vieler Mühe gelang, seine Unschuld mit Hülfe der endlich aufgefundenen Muhme, einer ehrlichen Victualienhändlerin, darzuthun. Das Kind sollte er indessen so lange behalten, bis es der Polizei gelungen sein würde, die Eltern desselben aufzufinden und die näheren Umstände festzustellen. So kehrte der arme Hann Jochen, gründlich von seiner Reiselust und seiner Bewunderung Berlins geheilt, mit dem kleinen Mädchen in die Heimath zu seinen Eltern zurück, welche über diesen unerwarteten Kindersegen nicht besonders erbaut waren und ihren verlorenen Sohn mit keineswegs schmeichelhaften Redensarten empfingen.

Vier Wochen lang war in dem Dorf von nichts Anderem die Rede, als von dem dummen Hann Jochen und von dem fremden Kind, das wie ein Wunderthier angestaunt wurde. Es war aber auch eine seltsame Erscheinung, diese echte Berliner Pflanze, welche das launische Schicksal mit einem Mal nach einem mecklenburgischen Dorfe verschlagen hatte. Die Kleine konnte ihre angeborene Natur, ihren schlagfertigen Witz, ihre mit der Muttermilch eingesogene Berliner „Schnoddrigkeit“, ihre großstädtische Großmäuligkeit und das wilde Vagabundenblut nicht verleugnen, die im auffallenden Gegensatz zu dem beschränkten, schwerfälligen, aber ehrenwerthen Wesen und der gediegenen, tüchtigen Gesinnung ihrer ländlichen Umgehung standen. So schwer es ihr auch anfänglich fallen mußte, sich in die gegebenen Verhältnisse zu finden, so legte sie doch nach und nach ihre früheren Gewohnheiten ab, wenn auch hier und da immer wieder das altkluge Berliner Kind mit seinen kleinen und großen Unarten zum Vorschein kam.

Da die Polizei aus guten Gründen nichts von sich hören ließ und Niemand mehr nach der Kleinen fragte, so blieb sie einstweilen bei den Eltern ihres Beschützers, die sich mit dem ihnen aufgedrungenen Kinde um so leichter befreundeten, als sie selbst keine Töchter hatten. Mit der Zeit wurde aus dem schmächtigen, blassen, verkommenen Ding eine wohlgenährte, rothwangige, schmucke Dirne, die tüchtig heranwuchs. In der Schule war sie immer die Erste, und in der Kinderlehre gab sie die besten Antworten, sodaß der Herr Pastor sie allen anderen Mädchen vorzog und sie bei der Einsegnung mit der öffentlichen Ablegung des Glaubensbekenntnisses betraute, worüber das ganze Dorf ein lautes Geschrei erhob. Niemand aber wagte es, mit der Fremden anzubinden, da man ebenso sehr ihre scharfe Zunge wie Hann Jochen’s derbe Fäuste fürchtete, der sie gegen alle [621] Angriffe ritterlich vertheidigte und beschützte. Bald wurde sie zum Aerger der reichen Bauerntöchter von den jungen Burschen gesucht und umschwärmt.

Keine verstand es auch, sich so zierlich zu kleiden, und selbst der älteste Lumpen und das verschossenste Band stand ihr zum Verwundern schön. Niemand tanzte so gut und leicht wie sie, die nur in der Luft zu schweben schien. Dabei war sie ebenso tüchtig im Hause wie auf dem Feld und in der Wirthschaft, wo sie für Zwei schaffte, weil sie jede Sache mit dem ihr eigenen Geschick anfaßte und bei allen Gelegenheiten ihren überlegenen Verstand und Mutterwitz offenbarte. Selbst die mürrischen Alten mußten über die klugen Einfälle und drolligen Geschichten der närrischen Dirne lachen und rühmten den Nachbarn ihre Anstelligkeit und Arbeitskraft, welche ihnen zwei Mägde sparte und ihnen mehr einbrachte, als ihr Unterhalt kostete. Unter diesen Umständen war es nur natürlich, daß der unterdeß herangewachsene Hann Jochen seine Pflegebefohlene, um die er manchen Spott geduldet und manchen Kampf bestanden, täglich lieber gewann, sodaß er ernstlich den Gedanken faßte, die fremde Dirne zu heirathen, was aber seine Eltern unter keiner Bedingung leiden wollten. Schließlich aber siegte seine Festigkeit und Treue, sowie ihre Klugheit und Liebenswürdigkeit über alle Schwierigkeiten und Vorurtheile, die ihrer Vereinigung und ihrem Glücke im Wege standen, wozu ganz besonders noch die Vorstellungen des würdigen Pastors beitrugen, der die Liebenden unter dem Zulauf des ganzen Dorfes in der Kirche traute.

Selbst dieser äußerst dürftige und verblaßte Umriß läßt es gewiß schmerzlich bedauern, daß Reuter seine Erzählung nicht ausgeführt und niedergeschrieben hat. Nach seinen mündlichen Aeußerungen legte er selbst das Hauptgewicht auf den zweiten Theil seiner Geschichte, auf die eigenthümliche Entwickelung des großstädtischen Kindes in dieser fremden ländlichen Umgebung, auf den ursprüglichen Gegensatz und die spätere Verschmelzung von Dorf und Stadt, von Berliner und Mecklenburger Natur und Art, wobei ihm eine derartige Verpflanzung des städtischen Proletariats, eine solche Kreuzung und Vermischung der entgegengesetzten Elemente als ein interessantes sociales und ethisches Problem vorzuschweben schien. Ganz besonders beschäftigte ihn der eigenthümliche Charakter seiner Heldin und die wichtige Frage, welchen Einfluß eine solche gänzliche Umwandlung der Verhältnisse auf die angeborenen Neigungen und ersten Jugendeindrücke haben dürfte. Andererseits gedachte er, den nicht minder wichtigen Einfluß eines solchen fremden, belebenden Princips auf die stagnirende Dorfbevölkerung darzustellen. Ich zweifle nicht daran, daß unter den Händen eines solchen Meisters der an sich einfache Stoff eine hohe Bedeutung gewonnen, und daß diese Erzählung sich seinen besten Leistungen würdig angereiht haben würde. Schon die bloße Skizze und seine flüchtigen Andeutungen, das Bild des Helden und der Heldin, der Eltern, der Dorfbewohner, die Schilderung der ersten, kaum bewußten Liebe, die daraus entstehenden Kämpfe und Conflicte enthielten eine Fülle der ergreifendsten, lieblichsten, ernsten und humoristischen Scenen, einen Schatz von tiefen psychologischen Bemerkungen. Daß es aber Fritz Reuter trotz seines eigenen Geständnisses nicht an der nöthigen Schöpferkraft fehlte, hat er noch später durch seine wunderbar schönen Gedichte: „Ok 'ne lütte Gaw' för Dütschland“ und „Großmutting, hei is dod“ bewiesen, die den bekannten, bei Lipperheide erschienenen „Liedern zum Schutz und Trutz“ zur höchsten Zierde gereichen und kaum in der neueren deutschen Poesie ihres Gleichen finden dürften.

Mich selbst führten die im Jahre 1870 eingetretenen kriegerischen Verhältnisse schneller von Eisenach nach Berlin zurück, als ich dachte und wünschte. Mit schmerzlichem Bedauern verließ ich den mir lieb gewordenen Ort und den Kreis der alten und neuen Freunde, unter denen mir vor Allem Fritz Reuter und seine „letzte Geschichte“ unvergeßlich bleiben werden.




Ein geflügelter Vielfraß.


Das ist er leibhaftig auf unserem meisterhaft entworfenen Bilde, der auffallend gebaute Vogel mit dem grellen Blick seiner hochgelben Augen, der unablässige Räuber und Entvölkerer unserer Bäche; das ist der Vogel, der von grauen Zeiten her durch das Mittelalter hindurch eine Berühmtheit oder Bevorzugung durch den Hochsport der Falkenbaizen erlangt hat, der aber nichts anderes ist, als der gemeine oder Fischreiher der heutigen Naturkunde, in der Kunstsprache derselben Ardea cinerea genannt, ein mißtrauisches, äußerst scheues, vorsichtiges und dabei durch seine Lebensweise höchst schädliches Thier. Dieser Vogel verdient unbedingt in den waidmännischen Bann gethan zu werden, ja dies ist er vielmehr längst bei jedem aufmerksamen Jäger, der des versteckten Diebes Unbilden in den Gewässern an Fischen und ihrem Laiche, an den Lurchen und dem Kleingeflügel aller Art belauscht hat. Aber dem scheuen, vorsichtigen Vogel ist meist sehr schwer beizukommen. In der Zeit der Brut und Jungenpflege ist dies noch am leichtesten zu bewerkstelligen. Wollen wir sein Thun und Treiben eingehend beobachten, so ist selbst zu dieser Zeit ein Fernrohr von Nutzen. Denn seine Sinne sind scharf.

Betrachten wir vorerst sein Aeußeres! In der Farbe seines Gefieders zeigt der Vogel nichts Auffallendes; sie ist düster-grau, nur auf der Stirn und am Oberkopfe erscheint sie weiß und am Vorderhalse herab weiß-grau. Den letzteren herunter laufen drei Reihen schwarzer, lanzettförmiger Federn, denen sich weiß-grau gezeichnete längere am Unterhalse anschließen. Besonders den Kopf des alten Männchens zieren drei stattliche schwarze Schopffedern. Von eben dieser Farbe sind die großen Schwungfedern und die charakteristischen Streifen, die durch die Augen nach dem Hinterkopfe laufen. Um die Augen bemerken wir ein grün-gelbliches nacktes Feld. Der starke, spitze, seitlich zusammengedrückte Schnabel, welcher einen Umfang von mehr als einer Kopflänge hat, ist gelblich und bei alten Männchen in's Röthliche spielend; die hohen Stelzfüße sind braunschwarz gefärbt.

Mehr als die Farbe des Federkleides fällt die Gestalt und Haltung unseres Vogels auf. Sein Leib ist dürr und schmächtig, und der lange Hals, welcher in den verschiedensten Formen, bald gestreckt, bald in mehr oder minder gekrümmter Lage wie ein S oder auch noch mehr über den Rücken zurückgebogen getragen wird, sowie die langen „Ständer“ (Beine) vollenden die auffällige Erscheinung dieses zur naturgeschichtlichen Ordnung der Stelz- oder Watvögel gehörigen Reihers. Sein Gesicht ist vorzüglich und das Gehör ebenfalls fein.

Eine ungemeine Wachsamkeit läßt den Vogel von einem Orte seines oft weit ausgedehnten Jagdreviers zum andern stets hoch über Schußhöhe in die Luft wechseln. Beim Fluge hält er die Ständer nach hinten ausgestreckt, den Kopf aber zurückgezogen, gerade umgekehrt wie der Storch, der bekanntlich mit vorgestrecktem Halse fliegt. Fast immer fällt der Reiher an solchen Stellen der Gewässer ein, von welchen aus er eine freie Umschau hat. Erst nach gehörigem Kreisen und behutsamem Durchforschen der Umgegend geht er in's Ried, in den Sumpf, in Gräben und Bäche der Wiesen und Moore, an Flüsse, Teiche und Seen, sowie an den Meeresstrand oder wo er sonst seichte Stellen zum Rauben findet. Eine Zeit lang steht er mit ausgerecktem Halse unbeweglich wie eine Bildsäule, still beobachtend, um sodann erst, nach vollkommener Sicherung, in eigenthümlich ruckweisem Gange sich die geeigneten Stellen zum Fischen auszusuchen. Hat er diese mit seinen untrüglichen Sinnen ausgekundschaftet, so verweilt er oft Stunden lang mit eingezogenem, halb über den Rücken gelegtem Halse unbeweglich auf der Lauer. Wie ein Bajonnett fährt beim Erscheinen einer Beute in seiner Nähe der scharfe, derbe Schnabel hernieder, einen Fisch oder einen Lurch, ein Insect oder Weichthier und dergleichen mehr mit großer Sicherheit zu spießen. Die auf der Stromschnelle vorbeischießende Forelle packt sein Schnabel, der bei solchem Fange dem Strahl des Fisches vorgreift, ähnlich wie der Jäger dem flüchtigen Wilde mit der Flinte vorhält, um den Schuß dem in Bewegung befindlichen Gegenstande treffend beizubringen. Jede Lache, welche nach ausgetretener Fluth von Gewässern in Wiesen und Feldern entstanden, die seicht werdenden Fluthgräben in sumpfigen, moorigen Niederungen, jeden Ausfluß von Gräben, jedes beuteversprechende Wehr an fließendem Wasser hat das durchdringende Auge unseres Fischdiebes alsbald [622] entdeckt; sofort nähert er sich diesen Fundstellen stillbedächtig, um seinen sicheren Fischfang auszuüben. Ein Blick auf die ungemein langen Zehen seiner hohen Stelzfüße, die den sprüchwörtlich leichten Rumpf tragen, macht es begreiflich, wie dem Vogel das Schreiten über den weichsten Sumpf- und Schlammboden ermöglicht ist. Hier räumt er denn auch unter Allem, „was da kraucht“, weidlich und unbarmherzig auf. Neben der beschriebenen Nahrung stellt er allen erdständigen Vogelnestern nach. Die Bruten des Kiebitz, der Becassinen und Wildenten, die Nester der Rohrsänger, des Teich- und Rohrhuhnes verfallen der Wucht seines mörderischen Schnabels. Wie der unrechtmäßiger Weise in einer Art Heiligkeit stehende Storch, macht er Wiese, Ried und Marschen unsicher.

Aber welch ein Unterschied zwischen diesen beiden verwandten Stelzvögeln! Während den Bewohner unserer Dachfirsten und Kopfbäume in Gestalt und Bewegung etwas Stattliches, Gravitätisches kennzeichnet, verräth sich in dem Thun des Reihers die Häßlichkeit, verbunden mit Schlauheit und Tücke. Er ist ein Bild der Widerwärtigkeit, der Freßgier und des immer regen Diebsgelüstes. Mit niedergebogenem Halse und gesenktem Schnabel schleicht der Reiher, allein oder mit andern seiner Sippschaft, geräuschlos wie die das Schilf und Röhricht durchziehende Sommerluft, unter schattenhafter Bewegung die Ufer der Gewässer entlang. Jede Bewegung im Wasser unter ihm oder in dem ihn umgebenden Gestrüpp bemerkt sein reges Gaunergesicht, und stets sind, bei aller scheinbaren Ruhe und Gleichgültigkeit, Raubsinn und Gier in ihm bereit, alles Lebende hinterlistig zu morden. Frösche, Schlangen, Vögel und Säugethiere verschluckt er, nachdem er sie gestochen und todtgebissen, mit den Köpfen zu unterst; Fische hingegen bringt er stets vorher in die Lage mit dem Kopfe nach oben, ehe er sie hinunterwürgt. Wehe dem Trupp zahmen jungen Federviehs, dem er auf Teichen, Flüssen oder Bächen begegnet! Wehe dem in Wiese oder Feld sich verlaufenden Hühnervölkchen der Höfe! Der schleichende Räuber fährt unter der Deckung von Schilf oder Gras oder aus schützendem Getreide verderbenbringend über die Wehrlosen her. Besonders in den Morgen- und Abendstunden geht er dem Raube nach. Mit angefülltem Kropfe verläßt er, unter unbehülflichen Flügelschlägen sich erhebend, seine Lauer- und Fangplätze, um mit krächzenden, sägeartigen Lauten, wie er gekommen, wieder seinem Stande zuzustreichen. „Kräik! Kräik!“ erschallt in kleinen Pausen sein Ruf, gleichsam der unmelodische Tact zu seinem schwerfälligen Fluge.

Unter einem harten, abgebrochenen Laut „Ka“ oder „Krah“ hat er sich seinem „Stande“ oder Nistorte genähert und wird nun von den heißhungrigen Jungen auf dem Reste mit rauhen, wie „Kreck, kreck“ tönenden Stimmen empfangen. Diese häßlichen Gestalten mit dem stoppelfederigen, struppigen Kleide der ersten Reiherjugend und den unförmlichen Gliedmaßen überkommt die Freßgier dermaßen, daß sie gewöhnlich im maßlosen Zugreifen die Hälfte der von den Alten ausgewürgten Beute vom Neste herunterwerfen, die dann am Boden verfault und einen pestartigen Geruch verbreitet, ebenso wie der kalkartige Auswurf oder das „Geschmeiß“ an den Rändern der Stände, auf den Aesten und Zweigen der Standbäume und am Boden.

Das seichtmuldige, kunstlose Nest, wie unser Bild es so trefflich darstellt, ruht auf einer Unterlage von groben Reisern und einem Geniste von Schilf, Stroh, Haide und Wurzelwerk und besteht aus einem dürftigen Polster von Thierhaaren, Wolle, Federn und Grasrispen. Hier sind aus den grünlichen Eiern die beiden häßlichen Sprossen der Reihersippschaft entstanden. Schon haben sie den stechenden Blick, umgeben von den hellen Augenringen und dem schmutzig grünen, nackten Augenfelde; schon zieht sich der bezeichnende schwarze Strich durch die Augen nach dem Nacken, der die Tücke des Gesichtsausdruckes nur noch vermehrt. Bald wird nach dem Stoßen der Fahnen aus sämmtlichen Kielen das Gefieder ihre unförmlichen Blößen bedeckt haben und die Insassen auf die langen Ständer treiben. Bald darauf auch werden sich die flüggen Bewohner des Nestes mit unbehülflichen Flügelschlägen auf die nächsten Aeste ihres Standbaumes schwingen und von da aus die benachbarten Bäume besuchen, bis sie endlich nach etwa sechswöchentlicher Pflege, von den Alten verlassen, ihre Schleich- und Diebeswege im nahen schilfbedeckten Riede oder der Fluß- und Teichniederung selbst betreten, um eine Zeit lang allabendlich wieder zur Nachtruhe auf den Nestrand zurückzukehren. In dieser Zeit sind sie übrigens, wenn auch furchtsam, doch lange nicht so scheu und vorsichtig wie ihre erfahrenen Eltern.

Jetzt ist die Zeit, wo man sie im Schilfe und Grase mit dem Hühnerhunde „aufstoßen“ (auftreiben), die schwerfällig „Aufstehenden“ mit leichter Mühe durch groben Hagel herunterschießen und so manches Fischgebiet von den gefährlichen Gästen reinigen kann. Aber auch noch früher bei den „Ständen“ (Nistplätzen) vermag der Jäger weidlich selbst unter den alten Nistreihern aufzuräumen. Daselbst kann er auch fesselnde Beobachtungen anstellen über das bewegliche Thun und Treiben auf diesen oft von einem Dutzend und an besonders geeigneten, abgelegenen Orten noch viel zahlreicher vertretenen Ansiedelungen der räuberischen Gesellen. In den in der Nähe von Gewässern belegenen Rändern der Eichen- und Fichtenwaldungen oder in Weidengehägen, wie die Scene auf unserer Illustration ein solches zeigt, siedeln sich die Reiher alljährlich im Frühjahre an und behaupten diese Stände, ganz entgegen ihrem sonstigen furchtsamen und vorsichtigen Wesen, auch bei starker Nachstellung hartnäckig. Solche Ansiedelungen bieten deswegen auch ebenso sehr dem Jäger eine Gelegenheit zur Erlegung der den Fischereien und der niederen Jagd gefährlichen Vögel, wie sie dem Forscher einen Blick verstatten in die Lebensweise dieser Colonisten.

Wie wir in den Niederungen die Reiher in der scheinbar harmlosesten Ruhe an ihren Raubstellen als verkappte, verschlagene, mörderische Gesellen haben kennen gelernt, so bekunden sie sich hier auf ihren Ständen als feige Cameraden, die kein gemeinschaftliches Interesse verbindet, die ein plötzlicher Wetterschlag, an den sich die Thiere der Wildniß doch sonst gewöhnen, derart erschüttert, daß sie zusammenfahren, ja, die ihrer eigenen starken Wehrhaftigkeit so vergessen, daß sie den frechen Plünderern ihrer Nester, den Elstern, Raben und Krähen, nichts weiter als ein lärmendes Gekrächze, aufgesperrte Schnäbel und matte Flügelschläge mit feigem Retiriren entgegensetzen. Nur der verwundete, flügellahm geschossene Reiher wird Menschen und Thieren aus Verzweifelung gefährlich. Unversehens stößt er seinen Lanzenschnabel mit unheilvoller Sicherheit gegen das Auge des Jägers oder des Jagdhundes. Eigene Wahrnehmungen haben mich dies gelehrt, sodaß ich meine Hühnerhunde angeschossene Reiher nicht apportiren lasse, noch viel weniger mich selbst ihren wuchtigen Schnabelhieben aussetze.

Auf dem kahlen Geäste der an Feld und Wiesen stoßenden Eichwälder, Triften und Wüstungen sieht man allabendlich, namentlich gegen den Herbst hin, die Reiher in Flügen von einem Dutzend und mehreren. Beobachtet man sie durch ein Fernglas, so gewährt die in sich gekauerte Gesellschaft einen Anblick, als ob sie sich Beschaulichkeiten und Betrachtungen hingäbe; in Wahrheit wartet sie mit vollgepfropften Kröpfen nur ihrer Verdauung. Im September bis zum October sammeln sich bei uns und im Norden größere Flüge zum Zuge nach dem südlichen Europa oder über das Mittelmeer. Sie suchen die Höhe und ziehen in gewundener Linie meist bei Tage, zuweilen auch in mondhellen Nächten, davon. Im März kehren sie wieder. Im Norden sind sie Zugvögel, im südlichen Europa Strichvögel, und der auf dem Zuge begriffene oder in den Süden eingewanderte Reiher streicht stets, vermöge seines unsteten Wesens und seiner Raubbegierde, von einem Wassergebiet zum andern.

Der Fischreiher hat viele nahe und entferntere Verwandte. Sein berühmtester und schmuckster Vetter ist der große Silber- oder Edelreiher (A. alba). Wie alle Reihervögel überhaupt mehr oder minder zu Siedelungen unter sich und mit verwandten Arten, an den Seeküsten sogar mit dem kleinen Seeraben oder der Scharbe geneigt sind, so trifft man auch den Silberreiher mit seinem blendend weißen Gefieder unter Seinesgleichen und Verwandten auf den Ständen des Fischreihers. Namentlich begegnet man solchen Colonien an den ausgedehnten, schilfreichen Donauniederungen in Ungarn, und die von Reisenden und Forschern gemachten Schilderungen über die schöne Staffage und das abwechselnde und bewegte Leben solcher Ansiedelungen sind höchst anziehend. Der bekannte Vogelkenner A. von Homeyer hat den Edelreiher zuerst einzeln bei einem Stande seines unedleren heimischen Verwandten in einem Kieferwalde an der Oder in Schlesien brütend entdeckt. Das an Kopf und Unterbrust immerhin

[623] 
Die Gartenlaube (1877) b 623.jpg

Fischreiher im Neste.
Originalzeichnung von F. Specht.

[624] schon auffallend und schön lanzettförmig gestaltete Gefieder unseres Fischreihers verschwindet jedoch neben der Pracht des Edelreihers, die dieser namentlich in seinem Rückenschmucke zeigt, aus dem man die kostbaren Reiherbüsche verfertigt.

Wenn der Verfall eines ritterlichen Sports irgend zu bedauern ist, so ist es die Reiherbaize. Durch diese wurde der unseren Süßwasserfischereien so überaus schädliche Vogel gründlich verfolgt und seine Reihen, trotz der damals hin und wieder künstlich gehegten Reiherstände, stark gelichtet. Die Jagd auf den Reiher war aber auch wirklich ein hohes, fesselndes Vergnügen, und ich kann mir nicht versagen, diesen Artikel mit der kurzen Schilderung des bewegten Schauspiels einer Reiherbaize zu beschließen.

Für diese richtete man die Jagdfalken ab. Die Annalen der Hohenstaufen sagen uns, daß Kaiser Friedrich der Erste Jagdfalken dressirte und Friedrich der Zweite der erste Falkonier seiner Zeit gewesen und ein Werk über die Falkenbaize geschrieben hat. Schon das graue Alterthum pflegte diese Liebhaberei. Karl der Große schützte gesetzlich die Falken. Und so zog sich die Baize mit den Vögeln herüber in’s Mittelalter. Kaiser und Herren, besonders auch die hohe Geistlichkeit, betrieben diese Jagd leidenschaftlich; mehr als ihr göttliches Amt pflegten sie oft die edle Falkonierkunst. Diese bildete auch – wie die Jägerei überhaupt – die Waidmannssprache – die eigene Sprache der Falkoniere aus.

Es waren hauptsächlich drei Arten von Jagdfalken, welche außer dem in der ganzen alten Welt theils als Stand-, theils als Zugvogel verbreiteten Wanderfalken (Falco peregrinus) für die Baize gehalten und abgerichtet oder „abgetragen“ wurden. Unter den Jagdfalken begriff man den eigentlichen Jagd- oder isländischen (F. candicans s. islandicus), den Polar- oder grönländischen (F. arcticus) und den Gierfalk (F. Gyrfalco). Besonders schätzte man die beiden ersteren, welche im Alter sich fast ganz weiß verfärbten und in einem Werth standen, wie heutzutage das kostbarste Luxuspferd. Der Falke wurde bei der Baize, welche stets zu Roß betrieben wurde, bekanntlich auf der mit einem Stulpenhandschuh bewehrten Hand getragen. Der Vogel hatte die „Falkenkappe“ oder „Haube“ über dem Kopfe, unter der er nichts sehen konnte, und das „Geschühe“ an den Füßen. Das Geschühe bestand aus zwei mit Schellen versehenen Lederriemen, an denen der „Wurfriemen“ oder die „Fesseln“ befestigt waren. Mit dem so „unter die Haube gestellten Falken“, zog man zur Baize in weite Ebenen. Sobald ein Reiher sich sehen ließ, wurde der Falke „abgekappt“ oder „abgehaubt“ und entfesselt zum Hochfluge gelassen. Wenn der Reiher sich verfolgt sah, spie er den Raub aus, um, dadurch erleichtert, rascher die Höhe zu gewinnen. Der Falke suchte ihn im jähen Fluge zu übersteigen, um von der Höhe herab auf ihn zu stoßen. Jedem Stoße streckte jedoch der Reiher seinen Schnabel entgegen, und der Falke mußte vermeiden, sich an dieser gefährlichen Waffe zu spießen. Kämpfte er mit einem alten erfahrenen Reiher, so setzte es meistens hoch in den Lüften einen langen Kampf ab. Der Wettflug um die Höhe, in welchem jedoch der Falke wohl immer Sieger blieb, die kühnen Schwenkungen, die blitzartigen Stöße des Falken und die stete Abwehr des gedrängten Reihers, der endlich vor Mattigkeit dem Meistersegler der Lüfte weichen und herab zur Erde mußte oder von dem nimmer ermüdenden Falken mit den starken Fängen („Fingern“) „geschlagen“ und am Halse „gewürgt“ wurde – das Alles gewährte ein belebendes, erhebendes Schauspiel. Oft, wenn die Verfolgung des Reihers in die Ferne ging, eilten Roß und Reiter über Stock und Stein der luftigen Jagd nach und brachen, die Blicke zur Höhe gerichtet, nicht selten Glieder und Hals. Selbst die edlen Frauen betrieben die Jagd mit besonderer Leidenschaft, und der rauhbefiederte Falke saß oft auf zarter, freilich mit Stulpen verwahrter Hand der Schönen und wurde nach glücklich bestandenem Sport geliebkost wie ein Schooßhündchen. Sobald der Falke mit der Beute herniederstürzte, beeilten sich die Falkoniere, dem Vogel den Reiher abzunehmen und ihn auf die Faust unter Haube und Geschühe zu stellen, nachdem er „gespeist“ oder eine gute „Atzung“ unter dem Zurufe: „Rupf' an, Männchen!“ erhalten. Den Reiher, dem die Schmuckfedern genommen wurden, benutzte man oft, wenn er noch lebend war, für die Abrichtung junger Falken in der Falkenschule. Zuweilen legte man dem „gebaizten“ Reiher um einen seiner Ständer einen Ring mit dem Namen des Falkenbesitzers und dem Tage und Ort des Fanges und ließ ihn wieder fliegen.

Mit der Neige des achtzehnten Jahrhunderts kam die Falkenbaize in Europa aus der Mode. Aber in Indien, Persien und Arabien wird sie gegenwärtig noch eifrig betrieben. Ein Schimmer ihrer einstigen Glorie fällt aber auch noch bei uns in die Nüchternheit des Jahrhunderts herein – eben auf unseren Fischreiher.
Adolf Müller.




Streifzüge bei den Kriegführenden.
10. Im Hauptquartier während der Pause.
Eine peinliche Berathung. – Der Ritt von Biela nach Gornji-Studen. – Der Czar und der Generalissimus als Nachbarn. – Beim Großfürsten Nikolaus. – General Nepokoitschizky. – General Stein. – Oberst Hasenkamp. – General Ignatieff. – Aus dem Lagerleben. – Der Proviantmeister des Kaisers.


Die rasche Einnahme der bulgarischen Festung Rustschuk sollte das Seitenstück zu jener von Nikopolis sein. Eine heftige Kanonade von dem gegenüberliegenden Giurgewo, ein Flankenangriff von der Landseite, und Achmed Eyub würde sich mit seiner auf 25,000 Mann geschützten Garnison ebenso leicht ergeben, wie Hassan Pascha mit seinen 6000 Nizams. So hatten sich die Enthusiasten in der russischen Heerführung die Sache nach dem leichten Donau-Uebergang und dem nun so theuer gebüßten Ritt über den Balkan vorgestellt. Sie wollten, daß der aus Rußland herbeigeeilte Czar persönlich diesen unausbleiblichen Erfolg genieße und daß ihm persönlich nach altem Brauch die Schlüssel der Festung auf einer silbernen Platte gereicht würden. Deshalb folgte das Hauptquartier des Kaisers – in einiger Distanz allerdings – der Armee des Kronprinzen auf deren Vormarsch gegen Rustschuk. War die Armee angesichts der Festung angelangt, war Rustschuk zu einem erfolgreichen Sturm „mürbe“, so konnte der Czar sofort herbeieilen, um dem großartigen blutigen Schauspiel beizuwohnen. In den verschiedenen Garnisonen, in den Kaffeehäusern von Bukarest und den kleinen rumänischen Provinzialstädten war die Einnahme dieses Rustschuk eine derart abgemachte Sache, daß sie wenigstens ein halb Dutzend mal als vollendete Thatsache gemeldet und besprochen wurde. Gab es doch Käuze, welche wohl ein halb Dutzend mal die russische Flagge auf den Zinnen der bulgarische Veste gesehen haben wollten und die alle Jene als Spione denuncirten, welche nichts davon bemerkt hatten. Plewna machte aber sowohl den allerdings berechtigten Hoffnungen des Generalstabs wie den Berechnungen der hochweisen Bierbank-Strategen einen Strich durch die Rechnung. Nach dem Balkan zu war man der Lösung des schwierigen Räthsels, ob man sofort und ohne fünf Minuten Aufenthalt unterwegs vorrücken sollte bis Constantinopel, oder ob doch aus Rücksicht für die europäische Diplomatie in Adrianopel Halt gemacht werden dürfte, überhoben. Da hieß es einfach: zurück! Man tröstete sich damit, daß der Zug Gurko's eben nichts Besseres und nichts Schlechteres gewesen, als einer jener zahlreichen „Raids“ im amerikanischen Secessionskriege. Rustschuk aber mußte sofort aufgegeben werden. Der Thronfolger sah sich bei Pyrgos, etwa zwanzig Kilometer von der Festung, gezwungen, seinen Vormarsch einzustellen; es erschien auch nicht mehr ganz geheuer, das Hauptquartier des Kaisers in dieser Gegend zu belassen. Außerdem hatte die Anwesenheit des Czaren bei der Rustschuker Armee keine Zweck mehr.

Unter dem ersten Eindruck der so unerwarteten Niederlage bei Plewna und als man vernahm, was für ein Schrecken in Sistowa und Simnitza geherrscht hatte, erwog man sogar sehr ernsthaft die Frage, ob es nicht gerathen wäre, das Hoflager des Czaren jenseits der Donau, nach Fratesti zu verlegen. Man hätte diesen Rückzug durch die Angabe zu maskiren versucht, daß der Czar vom rumänischen Ufer den Operationen der Belagerung folgen würde. Man mußte aber vor allen Dingen die Zustimmung des Kaisers für diese Aenderung erzielen, und das war, wie die Folge lehrte, unmöglich. Man wußte, was für einen Eindruck auf das für extreme Empfindungen so stark empfängliche Gemüth des Czaren die Nachricht einer vollständigen Niederlage seiner Truppen hervorrufen mußte. Man gab sich also in dessen Umgebung alle erdenkliche Mühe, das Unglück von Plewna als einen durchaus unverzüglichen, wenn auch bedauernswerthen Zwischenfall darzustellen, der jedoch an dem Laufe des Feldzugs nichts ändern würde; im Gegentheil, man habe jetzt Erfahrungen gesammelt, welche man sich zu Nutzen machen würde, um mit größerer Sicherheit als zuvor die vernichtenden Schläge gegen das Türkenreich zu führen. Also die ersten Posten, aber die Herren in der Umgebung des Czaren mußten sich wohl bald überzeugen, daß der Zucker-Ueberguß der bitteren Pille bald schmelzen werde, und daß es nicht möglich sein würde, die nackten Thatsachen lange zu verhüllen. Der Antrag, das Hauptquartier nach Fratesti zu verlegen, war das schlagendste Dementi, welches sie ihren eigenen Behauptungen zu ertheilen im Stande waren, denn jetzt [625] mußten sie ihrem Herrn eingestehen, daß sie ihn getäuscht hatten und daß es ihre Absicht gewesen, ihn einzulullen, wie ein furchtsames Kind, welches das Gewitter erschreckt. Es war eine peinliche Stunde in dem Hauptquartier zu Biela, als die Höflinge mit dem Geständnisse herausrückten. Kaiser Alexander verfiel in schweren Trübsinn – man war für seine Gesundheit besorgt. Aber er überwand mannhaft seinen Schmerz.

Der Entschluß des Kaisers war unabänderlich; er wollte nicht über die Donau zurück, um keinen Preis. Lieber setzte er sich persönlich allen Gefahren aus. Eher wollte er wochenlang an einen kleinen unansehnlichen, aller Bequemlichkeit entbehrenden Ort gebannt bleiben, als sich der Demüthigung aussetzen, gewissermaßen als Flüchtling über die Donau zurückzukehren, wenige Wochen nachdem er den Strom als Befreier und Eroberer überschritten.

Man suchte nun in den von der russischen Armee besetzten Striche Bulgariens eine Localität, die nicht allzu entfernt von der eventuellen Operationslinie, zugleich aber nahe genug an der großen Rückzugsbasis der Donau gelegen wäre und welche auch gegen einen etwaigen Ueberfall die nöthigen strategischen Vortheile bieten konnte. So traf die Wahl den Ort Gornji-Studen, ein ziemlich bedeutendes, fast durchgängig bulgarisches Dorf, welches sich auf einem Plateau einer recht freundlichen und gesunden Lage erfreut. Die Häuser sind durchweg solid gebaut und mit einem überdachten Vorhofe, Jaslik, der in den warmen Sommernächten der Familie als Schlafraum dient, versehen. Obwohl, wie in ganz Bulgarien das Landvolk, die Leute hier erbärmlich leben, so zeugen die überfüllten Kuhställe, die zahllosen Schafheerden und das Geflügel von anerkennenswerthem ländlichem Wohlstande. Gornji-Studen ist auf zwei Hügeln gebaut; zwischen diesen fließt ein Bach, der in dieser Hitze vollständig ausgetrocknet ist. Dafür quillt aus einem mit Koransprüchen gezierten, in den Fels gemeißelten Brunnen helles frisches Wasser zur beständigen Labung von Menschen und Thieren. Von der Höhe des einen wie des anderen Plateaus beherrscht das Auge links und rechts die herrlichsten Fluren. In der Richtung der Chaussee nach Sistowa thürmt sich auf etwa vier bis fünf Kilometer Distanz der steinerne Pfeil eines Minarets auf. Um das Gotteshaus zusammengespickt, bilden etliche türkische Wohnhäuser Staffage, sie sind aber von ihren rechtmäßigen Einwohnern verlassen; die Bulgaren liegen da in den Tag hinein auf den Matten ihrer früheren Herren. Von Gornji-Studen nach Biela führt eine bequeme Chaussee, die sich bei dem Dorfe Akciar einerseits nach Tirnowa und rückwärts nach Sistowa abzweigt. Die Distanz mag ungefähr fünfunddreißig bis vierzig Kilometer betragen. Es wurde am 15. August von Biela zeitig in der Frühe aufgebrochen, und noch am nämlichen Abende traf das kaiserliche Gefolge in Gornji-Studen ein. Der Czar hatte die ganze Strecke reitend zurückgelegt. Seine Troika mit den drei prächtigen Orloffs war hinter dem Fuchshengste, den der Kaiser bestiegen hatte, im Schritte gefahren, um im Falle eingetretener Ermüdung den Reiter aufzunehmen. Aber es kam nicht dazu.

In Gornji-Studen hatte man auf der linken Seite hoch oben auf dem ersten Hügel ein Bauernhaus ausfindig gemacht, welches geeignet schien, die Person des Czaren aufzunehmen. Man hatte das Haus zuerst einer gründlichen Reinigung und Mauerwaschung, die Umgebung einer ebenso gründlichen Desinfection unterworfen. Fensterscheiben gab es nicht, und von einem Glaser war weit und breit nichts zu hören. Man verfertigte daher Vorhänge aus buntem Flor, mit welchen die Fensteröffnungen behangen wurden. Auf diese Weise wurden nicht nur die Scheiben ersetzt, sondern der Kaiser war auch vor der entsetzlichsten Landplage in Bulgarien, den Myriaden von Fliegen, geschützt.

Das Feldmobiliar, welches der Kaiser mit sich führt, ist ein höchst einfaches. Es besteht blos aus einem Feldbett, einem Nachttisch, dem Kautschuk-Waschapparate und einem sogenannten amerikanischen Schaukel-Lehnstuhl. Diese Gegenstände wurden in das beste im oberen Stocke befindliche Zimmer gebracht, während die übrigen drei bis vier Stuben des Hauses in ihrer früheren bäuerlichen Einrichtung verblieben. Der freie Platz vor dem Hause war für das Gefolge bestimmt, welches sich jedoch mit lauter Zelten begnügen mußte. Einen lebenden Schutzwall um das kaiserliche Quartier bildeten die kleinen Zelte der bärtigen bis an die Zähne bewaffneten Tscherkessen von der Leibgarde des Kaisers.

Der Czar ist hier der Nachbar seines Bruders, des Höchstcommandirenden Großfürsten Nicolai Nicolajewitsch. Seitdem Nicolai die von ihm bewohnte Villa in Plojeschti verlassen hat, hat er nie unter einem Holz- oder Schieferdache übernachtet. Selbst in Oertlichkeiten, wo man an festen Wohnungen keinen Mangel hatte, wie z. B. in Tirnowa, ließ er sein Zelt aufrichten als echter Soldat. Seine ganze Umgebung folgte seinem Beispiel. Die beweglichen Heimstätten des Großfürsten und seiner Suite krönen jetzt den Hügel auf der rechten Seite, und man genießt von dort aus die Aussicht auf das provisorische „Palais“ des Kaisers. Eine auf riesigem Maste hoch in den Lüften flatternde Standarte bezeichnet von weitem den Sitz des Hauptquartiers, dort wo der Puls einer Armee, die man bald auf 500,000 Mann zu bringen gedenkt, schlägt. Wenn man dieses Zeltlager betritt, so hat man gleich den Eindruck, als ob hier alle Vorbereitungen getroffen würden, vor Jahren nicht das heilige Rußland wiederzusehen. Das sind keine leichten Leinwandzelte, wie man sie höchstens in einer andauernd schönen Jahreszeit, wie die heurige, mit dem gewünschten Erfolg gebrauchen kann. Das sind schwere hagel- und wasserdichte Zelthäuser aus Filz und Kameelhaaren. Von außen nehmen sie sich ganz stattlich aus; drinnen ist's weit kühler als in irgend einem Zimmer. Man kann in einem solchen Zelte ebenso gut der sengenden Gluth der Hundstagssonne wie den Schneestürmen trotzen.

In einem dieser Zelte, hart an dem Eingang des Lagers, schafft und waltet die Seele der Armee, General Nepokoitschizky. Man erkennt schon seine Penaten daran, daß sich vor seiner Thür das ambulante Laboratorium der Feldtelegraphisten befindet. Das Bureau ist in einem zugedeckten Wagen von seltsamer Bauart untergebracht; es ähnelt am meisten einer altehrwürdigen Postkutsche mit schönem nußbraunem Farbenanstrich und stets verhängten Fenstern. Hier münden die Drähte ein, welche, von kleinen schmächtigen Binsenstangen getragen, die Befehle und Anordnungen nach allen Richtungen tragen, wo sich russische Truppen dem Feinde gegenüber befinden. Einige Schritte von diesem wandernden Laboratorium, in dem einige zehn übelgelaunte Telegraphisten ihren Dienst versehen, befindet sich ein ähnlicher Wagen, in dem die Feldpost installiert ist. Mit dem Wörtchen „Feldpost“ hat man einen der wunden Flecke der russische Kriegführung berührt. Dieser Ausdruck ruft sofort eine wahre Fluth von Schmähungen, Verwünschungen und Reclamationen jeder Art hervor. Es muß aber auch in der That Meister Schlendrian heute Generalpostdirector im Czarenreiche sein, denn wie käme es anders, daß Briefe aus und nach Rußland oft so viel Zeit brauchen, wie man gewohnt ist heute eine Antwort aus Chicago oder Kairo unterwegs zu sehen? Selbst mit dem unmittelbaren rumänisch-russischen Verkehr ist es nicht besser bestellt, denn auch hier brauchen Briefe manchmal zwei Wochen, ehe sie in Petersburg anlangen. Diese Verwirrung ist es, welche den allgemeinen Glauben an ein in seiner ganzen Ueppigkeit functionirendes schwarzes Cabinet verbreitet hat, sodaß heute alle Welt darauf schwört, es gehe kein Brief nach Rußland ab und komme auch keiner an, ohne daß ein officiell Unbefugter seine spitze mit der Brille bewaffnete Nase hineinstecke. Wenn es richtig ist, so beneide ich die Ehrenmänner des Schwarzen Cabinets keineswegs, denn nach den abgehenden Postpaketen ist man in der russischen Armee ungeheuer schreibselig, und wird dieses Gefühl von den Anverwandten daheim erwidert.

General Nepokoitschizky, ein alter Herr von freundlichem und intelligentem Aussehen, lebt nur seiner Arbeit. Er verläßt kaum sein Zelt, um sich in das anstoßende des Großfürsten zu begeben und diesem die Berichte und Actenstücke vorzulegen, die immerwährend einlaufen und schleunigst erledigt werden müssen. Es harren auch beständig drei oder vier Kosaken, ihr gesatteltes Pferd an der Leine haltend, die längliche lederne Brieftasche um die Hüfte, vor dem Zelte des Stabschefs, um in dem nächsten Moment mit den erhaltenen Depeschen auszufliegen. Die Ernennung des Generals Nepokoitschizky ist das Werk des Großfürsten Nicolai, der sich den Beistand des langjährigen Freundes als eine unerläßliche Bedingung der Uebernahme des Oberbefehls erbeten hatte; seit lange hatten der Großfürst und General Nepokoitschizky in vertraulichem Gespräch, oder selbst bei ernster Erörterung, die verschiedenen Möglichkeiten eines Kriegszuges gegen die Pforte besprochen und dabei wohl Pläne ausgearbeitet, welche heute zur Reife gediehen und der Ausführung nahe sind. Die Stellung Nepokoitschizky's erregte viel Neid, und die Neider wiesen auf die polnische Nationalität des Generals als den wunden Punkt hin. Aber sie kamen an den Unrechten. Der Pole wird in den höchsten Kreisen, und namentlich in der unmittelbaren Umgebung des Kaisers, stets auf's Höchste bevorzugt; man öffnet ihm Thür und Thor jeder Gunst, gleichsam um seinen Landsleuten zu zeigen, wie viel sie zu gewinnen hätten, wenn sie sich der bestehenden Ordnung fügen wollten. Man konnte vielleicht glauben, daß man die letzten Mißerfolge ausbeuten würde, um den polnischen Feldherrn aus den Angeln zu heben. Aber gerade im Gegentheil – die meisten Fehler, welche begangen wurden und welche die Niederlagen herbeiführten, waren vom General Nepokoitschizky vorausgesehen worden, aber das wüste Geschrei der Sturmböcke, welche die Widerstandskraft der türkischen Armee als ein Hirngespinnst erklärt hatten, übertönte die Rathschläge des erprobten Kriegers. Niemand kann aber heute die Verantwortlichkeit des Geschehenen auf den Generalstabschef wälzen, und dieser sitzt vielleicht nach Plewna noch fester im Sattel, als früher.

Nach dem General Nepokoitschizky ist die mit dem Großfürsten vertrauteste Persönlichkeit Herr Oberst von Hasenkamp, der Leiter des Informationsbureaus. Außerdem aber wird die im Russischen, Französischen und Deutschen gleich geläufige Feder des Obersten bei der Abfassung der Berichte über Kriegsereignisse in Anspruch genommen. Obwohl diese doppelte Aufgabe hinreichen sollte, um einen einzigen Titular stark in Anspruch zu nehmen, so hat Herr von Hasenkamp auch den officiellen Verkehr mit der Presse. Nur nebenbei, denn so gewissenhaft der Herr Oberst seine beiden übrigen Functionen nehmen mag, so leicht hat er es sich mit seiner dritten Aufgabe gemacht. Man denkt sich wohl, daß der Verkehr zwischen einem russischen Stabs-Oberst und einem Journalisten darin besteht, daß jener diesem die verfügbaren Nachrichten mittheilt und auch in anderer Weise behülflich ist, seiner Reporterpflicht zu genügen. Man zeige mir aber unter den mit den dreifarbigen Armbändern versehenen fünfundsechszig Berichterstattern aus Rußland, England, Frankreich, Italien, Deutschland, Oesterreich und der transvaalschen Republik auch nur einen, dem der Oberst auch nur ein Jota mitgetheilt hätte. Mit der so äußerst gewinnenden Liebenswürdigkeit im Umgang weiß der Oberst das stereotype „ich weiß heute gar nichts“ so überzeugungstreu über die Lippen zu bringen, daß man wirklich einen Moment glauben könnte, der arme Chef des Informationsdienstes wisse thatsächlich nicht mehr von dem, was bei Tirnowa oder im Schipka-Paß vorgehe, als von den Vorgängen im Monde. Herr von Hasenkamp ist ein junger Mann; er mag kaum die Vierzig erreicht haben. Die feinen, schlauen, aristokratischen Gesichtszüge geben seiner ganzen Physiognomie einen sehr interessanten Anstrich. Man wittert in ihm einen jener Militärdiplomaten, deren sich Rußland in entscheidenden Momenten gern bedient.

Drüben im kaiserlichen Lager bleibt in der Umgebung des Kaisers die markanteste und einflußreichste Gestalt General Ignatieff. Es ist bekannt, daß dieser Krieg, wenn nicht ausschließlich, doch hauptsächlich das Werk des früheren Gesandten des Czaren in Constantinopel gewesen ist. Ignatieff war in der letzten acuten Periode in offenem Kampfe mit seinem regelmäßigen und natürlichen hierarchischen Chef, dem Minister der auswärtigen Angelegenheiten. Gortschakoffs suchte bis zum letzten [626] Augenblick den Frieden aufrecht zu erhalten, und namentlich die Ueberfluthung der staatlichen Politik durch den Panslavismus zu verhüten. Gortschakoff ist nicht stark genug, um sich eines bei Hofe gut gelittenen, auf einen mächtigen Anhang gestützten widerspänstigen Gesandten zu entledigen.

Als der Krieg ausgebrochen war, setzte General Ignatieff seinen Ehrgeiz darein, den Czar vom Fürsten Gortschakoff völlig zu isoliren – und es gelang ihm. Der Reichskanzler lebt im russischen Consulat in Bukarest wie im Exil, und hat nicht einmal directe telegraphische Verbindung mit dem Hauptquartier. Sorgsamer als je wacht jetzt der ehemalige Gesandte darüber, daß Rathschläge der Mäßigung und Vernunft, von dem gewiegten Staatsmanne ausgehend, ja nicht ihren Weg in das Hoflager finden.

Ignatieff ist im Hauptquartier der Fixstern, um den alle panslavistischen Trabanten gravitiren. Unter dem Zelte, welches der General-Diplomat bewohnt, finden bis spät in die Nacht hinein Berathungen statt, wo die Träumereien vom großen slavischen Bruderreiche auf’s Eingehendste und Gründlichste erörtert werden. Alle Südslaven, Bulgaren und Bosniaken, die Schmerzesschreie in der Kehle tragen, erleichtern ihr Herz bei Ignatieff, alle Aspiranten, die ihre werthvollen Dienste der zukünftigen bulgarischen Verwaltung als Präfecten, Polizisten, Säckelmeister etc. anzutragen gedenken, wenden sich an Ignatieff. Hier in diesem Zelte wird trotz Plewna den Türken kein Pardon gegeben; sie müssen über den Bosporus hinüber nach Asien. Auch England und Oesterreich kommen da schlecht weg; der Champagner schmeckt süßer, wenn man ihn in dieser Gesellschaft auf die Erniedrigung Albion’s und den Verfall Austria’s leert. Ignatieff verkehrt beständig mit dem Kaiser und speist tagtäglich zwei Mal an dessen Tafel, die übrigens auch für andere Gäste gedeckt wird. Gewöhnlich nehmen nicht weniger als achtzig Personen um die länglichen Tische Platz, welche Punkt elf Uhr Morgens und Punkt sechs Uhr Abends in schöner symmetrischer Ordnung unter einem Leinwand-Altan dastehen. Der Kaiser nimmt den durch einen gepolsterten Stuhl bezeichneten oberen Sitz ein. Dieses Halbfauteuil ist das einzige Salonmöbel; die übrige Tafelrunde muß mit schlichten Holzschemeln oder Bänken vorlieb nehmen. Das Essen mundet aber vortrefflich bei dem Bewußtsein, hier im primitiven Bulgarien, wo sich die Einwohner von Schafkäse und rohem Mais nähren, nach den strengen Vorschriften des Codex der Feinschmecker zu speisen. Der Leiter der kaiserlichen Feldküche ist dessen gewöhnlicher Maitre d’hôtel, ein Franzose, Mousieur Vavasseur. Ich traf diese wichtige Persönlichkeit, unter einem halb aufgeschlagen Zelte gemüthlich sitzend, wie er mit dem schärfsten Blicke das Treiben von einem Dutzend Köche und eben so vieler Kochgehülfen im classischen weißen Costüm überschauete.

Die Kessel, Casserolen, Pfannen etc. waren in der Erde eingegraben, und es brodelte überall tapfer. Unter dem Feldstuhle, auf dem er saß, hatte Herr Vavasseur eine ganze Batterie Flacons mit Saucen und Weinen aufgeschichtet. In schwierigen Fällen kam einer oder der andere der Unterköche heran und erholte sich von seinem Feldherrn Rath. Mit doctoraler Miene deutete Herr Vavasseur auf die eine oder die andere Flasche, welche der in der Gefahr des Verdorbenwerdens schwebenden Speise die Weihe vollständiger Würze ertheilen sollte. Herr Vavasseur hat durchaus nichts an sich von jenem Hochmuth, den man gar so oft bei seinen Berufsgenossen findet, und für die der Mensch erst am Bratspieß anfängt. Er gab mir alle Aufschlüsse über die Mobilisirung seines Armeebestandes, zeigte mir die ungeheueren, schwerbepackten Vorrathswagen (die kaiserliche Küche schleppt deren fünfzig mit sich) und erklärte mir, wie sämmtliche in der Küche zur Verwendung gelangende Butter, in Kupferkapseln verpackt, direct aus Isigny (in der Normandie) komme, weil der kaiserliche Magen keine andere Zubereitung vertrage. Es koste, fügte er hinzu, ungeheuere Mühen und Anstrengungen, um in dieser 'Wildniß' etwas Ordentliches zweimal am Tage auf den Tisch zu bringen. Da es in Gornji-Studen an Holz fehlt, so wurde ohne viele weitere Ceremonien ein Dutzend tscherkessischer Häuser abgebrochen, deren Bewohner das Weite gesucht hatten, und die Trümmer dienten den kaiserlichen Ragouts zur Unterlage.

Während hier drüben im kaiserlichen Viertel Herr Vavasseur thront, giebt es auf dem andern Hügel im Lager zwei sehr hübsch eingerichtete Zeltrestaurationen. Die eine gehört einem Bukarester Hôtelier, die andere haben Elsässer errichtet, die den heimathlichen Herd verlassen, um hier ein wenig Geld ziemlich sauer zu verdienen. Die Marketender und Restaurateure im Hauptquartiere erfreuen sich der besonderen Aufmerksamkeit des Commandanten und Polizeigewaltigen General Stein. Dieser versteht das Metier nach altrussischen Begriffen. Einer der ersten Bukarester Gasthausbesitzer, der im Lager ein Geschäft errichtet hatte, erhielt die Weisung, binnen vierundzwanzig Stunden seinen ganzen Kram zusammenzupacken und das Hauptquartier zu verlassen. Beim geringsten Vergehen werden die Uebriggebliebenen tüchtig abgekanzelt und zu beträchtlichen Geldstrafen verdonnert, für deren richtige Beitreibung die namhafte Caution haften muß. Unter den Zelten aber sitzt es sich in der That recht angenehm. Vor uns breitet sich die große Fläche aus, von den hellweißen Zelten besäet. Die Regimentsmusik spielt im Dunkeln nach einander den Marsch aus dem „Propheten“, die Verschwörer-Arie aus „Madame Angot“ und ein Potpourri vortrefflich auf. Dann folgt tiefe Stille – die Soldaten stellen sich vor ihren Zelten in Reih und Glied auf; dreimal hinter einander wirbelt die Trommel, und es erhebt sich aus dreitausend Kehlen ein mächtiger Choral. Weit und tiefergreifend tönt es durch die sternenhelle Nacht. Es ist das Abendgebet, welches überall abgesungen wird, wo es russische Truppen giebt. Die Töne verstummen – nochmals wirbeln die Trommeln; nach und nach werden alle Lichter ausgelöscht; selbst drüben hinter dem Flor, welcher die kaiserlichen Fenster behängt, wird es auf einmal stille und finster. Unter den Zelten aber sitzen die Officiere beim Glase bis spät über Mitternacht. Lange, ehe sie den Weg „nach Hause“ antreten, ruhten wir, in’s Plaid gehüllt, an der Seite des Wägleins, welches uns den nächsten Tag dem Balkan näher bringen soll.
Paul d'Abrest.




Blätter und Blüthen.


Der Rumänenfürst an seinem Rubicon. (Mit Abbildung auf S. 615.) Diesmal heißt der Rubicon – Donaustrom, und die verhängnißvolle Ueberschreitung desselben durch die Spitze der rumänischen Armee geschah in der Nacht vom 24. zum 25. August. – „Wenn Du über den Halys gehst, wirst Du ein großes Reich zerstören“ – weissagte die delphische Priesterin dem Crösus vor seinem Untergange, und auch zum Halys kann die Donau werden, trotz des hinkenden Vergleichs.

Von dem Augenblicke an, wo Fürst Karl mit der Nachricht überrascht worden war, daß die Russen unangemeldet über die rumänischen Grenzen eingedrungen seien, ist er aus der türkischen in die russische Vasallenschaft gerathen, wenn er jetzt, wie eine österreichische Zeitung sagt, „mit zäher Zudringlichkeit es durchgesetzt hat, seine Landeskinder auf die Schlachtbank zu führen“, so geschieht dies ausschließlich für die Russen, denn er selbst darf, nach dem bestimmt ausgesprochenen Willen Oesterreichs, Eroberungen auf dem rechten Donauufer, selbst wenn ihm dergleichen gelingen sollten, nicht behalten. Man sucht vergeblich nach vernünftigen Beweggründen für solch einen militärischen Opferdienst und kommt auf den Verdacht, der Fürst habe seine gesammte Armee nur deshalb unter sein Commando gestellt, um Soldaten und Officiere Rumäniens vor der fernerweiten Mißhandlung und Mißachtung von Seiten der moskowitischen Freunde zu sichern.

Fürst Karl ist in seiner Stellung als Fürst der Moldau und Walachei nie sehr zu beneiden gewesen, weniger als jetzt aber niemals. Als der siebenundzwanzigjährige Gardedragonerlieutenant Prinz Hohenzollern vor elf Jahren an seinem Geburtstage (20. April) zum Nachfolger des Fürsten Kuza erwählt und mitten durch das ihm feindliche Oesterreich glücklich nach Rumänien durchgeschmuggelt worden war, mochten bei dem festlichen Empfang und Einzug in Bukarest (am 22. Mai 1866) ihn alle Freude des Herrscherthums anlächeln. Wir haben früher in der „Gartenlaube“ dargestellt, wie bald jene Festkränze verwelkt und zerrissen umherflogen und wie hart der Fürstenstuhl war, auf welchen der junge Mann sich so eilig gesetzt hatte. Er blieb dem Volke ein Fremder, und gerade die deutschen Siege von 1870 erweiterten den Spalt, weil nach dem Beispiel des mit französischem Bildungsfirniß glänzenden Adels das Volk den Franzosen seine Sympathie erwies, seinem „Hohenzollern“ zum Trotze. Sogar seine kinderlose Ehe konnte als Vorwurf gegen ihn benutzt werden. Seit er 1871, des widrigen Treibens endlich müde, mit Abdankung gedroht, schienen die Verhältnisse zwischen Fürst und Volk sich gebessert zu haben.

Selbst während des serbischen Aufstandes wußte Rumänien seine Ruhe zu behaupten. Da kam die große nordische „Befreiung“, winkte mit Souveränität und Königskrone und erbat sich den Hausschlüssel des künftigen Rumänenreichs – und so ist alsbald mit unwiderstehlicher Gewalt die Freundschaft eingezogen, an welcher das arme Volk jetzt daheim zu leiden und jenseits der Donau zu bluten hat. Das schwerste aber hat es von der russischen Dankbarkeit zu ertragen. Nicht wie auf dem Freundesboden eines Verbündeten, sondern wie in einem eroberten Lande betragen sich die Russen. Der schwerste Theil der Kriegslast liegt auf Rumänien, es ist nicht mehr Herr seiner Straßen und Bahnen; der Russe befiehlt jeder Obrigkeit – und der Fürst geht über die Donau, um wenigstens seiner Armee befehlen zu können, so lange es die russischen Generäle gestatten. Kann eine Königskrone von Rußlands Gnaden die tausend Wunden des Landes wieder heilen, die so tief herabgesetzte rumänische Fürstenwürde wieder herstellen?





Deutsche Flotte. Zu den Füßen des Hermann-Denkmals liegt das freundliche Detmold. Klein ist das Städtchen und mit der Welt nur durch den Telegraphen, die Post und den Omnibus verbunden, aber es bietet doch so manche Erinnerung. Wer wird nicht unter Anderem erinnert an Freiligrath, an Grabbe, Lortzing und Andere? Wer denkt nicht daran, daß noch bis vor wenigen Jahren Bürger’s literarischer Nachlaß dort unbekannt und unbenutzt verborgen lag? Noch eine andere vergessene Reliquie ist dort geborgen, ihrem Wesen nach der entgegengesetzte Ausdruck dessen, was das Hermanns-Denkmal so unverkennbar ausspricht. Es sind dies die Flaggen der Schiffe, welche einst die „deutsche Flotte“ bildeten und 1852 unter den bekannten Hammer kamen. Bis auf vielleicht zwei Stück sind diese Flaggen in guter Hand vereinigt und bislang vor dem Untergange bewahrt geblieben: der Neffe Hannibal Fischer’s, des einstigen lippe-detmoldischen Ministers, kaufte sie bei der Flottenauktion, bei welcher er mit seinem Oheim thätig war, an und hat sie so der Verschleppung und Vernichtung entzogen. Ihm danken wir es, daß diese Zeugen einer geschichtliche Periode gerettet worden sind, und geben diese Zeilen vielleicht Veranlassung, daß der Besitzer, Herr Cabinetssecretär Fischer in Detmold, die Flagge einem Museum überweist, damit ihr Schicksal gesichert ist.

E. O.





Verschiedenen Fragestellerinnen zur gefälligen Notiznahme. Wer Krankenpflegerin zu werden wünscht, wende sich an Fräulein Emilie von Bunsen zu Karlsruhe in Baden! Die genannte Dame ist Mitglied des „Vaterländischen Frauenvereins“, dem die Kaiserin vorsteht.



Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: ihre
  2. Vorlage: Zützen