Die Königliche Porzellan-Manufaktur in Meißen

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Titel: Die Königliche Porzellan-Manufaktur in Meißen
Untertitel:
aus: Album der Sächsischen Industrie Band 1, in: Album der Sächsischen Industrie. Band 1, Seite 84–85
Herausgeber: Louis Oeser
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Louis Oeser
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Erscheinungsort: Neusalza
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Königliche Porzellan-Manufactur Meissen.

[85]
Die Königliche Porzellan-Manufaktur in Meißen.
(Mit Abbildung.)


Das Porzellan ist ursprünglich eine Erfindung der Chinesen und Japaner, denen es schon seit den frühesten Jahrhunderten bekannt war und welche aus dieser Masse die mannigfaltigsten Gefäße und Figuren, mit und ohne Malerei, fertigten; sie belegten selbst ganze Gebäude mit Platten von gemaltem Porzellan. Die Portugiesen, die Entdecker des Seeweges nach Ostindien, waren die ersten, welche im fünfzehnten Jahrhundert das Porzellan nach Europa brachten und von ihnen erhielt es ohne Zweifel auch seinen Namen, indem porcella in der portugiesischen Sprache eine Schaale bedeutet. Dem Beispiel der Portugiesen folgten die Holländer, welche das Porzellan massenhaft in China einhandelten und dann nach Europa überführten, wo es bald ein sehr gesuchter, aber enorm theurer Luxusartikel wurde.

In Europa versuchte man lange Zeit vergebens, das Porzellan nachzuahmen; ein Herr von Tschirnhausen, ein tüchtiger Chemiker und um Sachsens Industrie sehr verdienter Mann – er legte unter Anderen die ersten Glasfabriken in Sachsen an und erhielt dadurch dem Lande große Summen – erfand zu Ende des siebenzehnten Jahrhunderts eine dem Porzellan ähnliche Masse, doch war dieselbe zu glasartig, [86] als daß sie hätte viel in Anwendung kommen können und so gerieth diese Erfindung schnell wieder in Vergessenheit.

Wie es sehr häufig der Fall ist, wurde das so lange vergebens Gesuchte endlich durch reinen Zufall entdeckt und Johann Friedrich Böttger war der vom Schicksal begünstigte Glückliche.

Johann Friedrich Böttger war am 4. Februar 1682 in Schleitz geboren (nach anderen Nachrichten in Magdeburg) und lernte in Berlin als Apotheker. Hier fielen ihm alchymistische Schriften in die Hände, er studirte dieselben eifrig und die in damaliger Zeit nicht eben seltene Idee des Goldmachens wurde in ihm erweckt. Böttger begann nun sogleich seine Versuche und da ihm die Mittel dazu fehlten, ließ er sich gegen seinen Prinzipal bedeutende Veruntreuungen zu Schulden kommen, nach deren Entdeckung er sich flüchtete und mit Steckbriefen verfolgt wurde. Böttger hatte sich nach Dresden gewendet und fand hier bald an dem sächsischen Hofe Schutz, denn anfangs in dem Laboratorium des Herrn von Tschirnhausen arbeitend, wußte er sich mit hochgestellten Personen in Verbindung zu setzen und sie für seine alchymistischen Träume zu gewinnen; nun verfehlte er nicht, als glücklicher Abenteurer den Aberglauben seiner Zeit nach Kräften auszubeuten und sich das Ansehen eines sehr wichtigen Mannes zu geben, dessen Besitz jetzt der Hof in Berlin dem von Dresden eifersüchtig abzugewinnen suchte. Böttger arbeitete in Dresden ohne Unterbrechung, doch das geträumte Gold kam nicht zum Vorschein, wohl aber betrog er den König August um mehr als 150,000 Thaler, welche bei den alchymistischen Versuchen größtentheils in Dampf verpufften.

Um sich zu seinen Arbeiten feuerfeste Schmelztiegel zu verschaffen, brannte Böttger einst den bei Okrylla bei Meißen vorkommenden Thon und gelangte so rein zufällig zur Darstellung einer porzellanartigen Masse von rothbrauner Farbe. König August war bekanntlich ein großer Freund von chinesischen und japanischen Porzellanen, für welche er große Summen verausgabte, so erfaßte er also mit desto größerem Eifer die neue Entdeckung und unterstützte Böttger um so freigiebiger, damit dieser die Erfindung noch vervollkommne. 1708 stellte Böttger aus der weißen Erde von Aue das erste weiße Porzellan her. Diese neue Masse gelangte auf der Leipziger Ostermesse 1710 zum ersten Mal in Handel und es wurde damals davon für 3357 Thaler 7 Groschen verkauft. Doch wurde fürs Erste nur die rothbraune Sorte zum Verkauf gegeben, von der weißen zeigte man nur Proben vor.

Anfangs war man entschlossen, eine Actiengesellschaft zur Ausbeutung der neuen, großes Aufsehen machenden Erfindung zu errichten, und ein königliches Patent vom 23. Januar 1710 forderte Kaufleute und Kapitalisten auf, sich den beabsichtigten Fabriken zur Verfertigung von weißem, rothem und mehrfarbigem jaspisartigen Porzellan mit ihren Capitalien anzuschließen. Doch kam man von dieser Idee bald zurück und die Eröffnung der Porzellanfabrik auf alleinige königliche Rechnung auf der Albrechtsburg in Meißen fand am 6. Juni 1710 Statt. Böttger erhielt die Oberleitung. – Die Zahl der Arbeiter stieg bis zu Böttgers 1719 in Dresden erfolgtem Tode auf 26 und das eigentliche Beamtenpersonal war fast nicht geringer. Doch schon zu Anfang begann in der Anstalt eine heillose Verwirrung, denn Böttger hatte viel schlimme Eigenschaften, kein Verwaltungstalent und wirthschaftete in jeder Hinsicht mit dem größten Leichtsinn; dabei war er mit seinen sämmtlichen Beamten verfeindet, die Beamten chikanirten sich unter sich und die Arbeiter folgten dem ihnen von oben herab gegebenen Beispiel. So kam die Fabrik während Böttgers Verwaltung nie in Flor und der König mußte, statt Gewinn davon zu ziehen, jährlich bedeutende Zuschüsse geben.

1720 wurde der nachmalige Bergrath Herold als Betriebsbeamter angestellt und dieses Mannes Thätigkeit verdankt die Fabrik hauptsächlich den nun immer mehr steigenden Flor. Herold arbeitete erst als Maler in der Fabrik, später wurde er zum Hofcommissair ernannt und ihm die technische Leitung anvertraut, wozu er sich durch seine gediegenen Kenntnisse in allen Zweigen seines Faches, durch seine Betriebsamkeit und Sicherheit im Urtheil vollkommen eignete. Er führte durchgreifende Reformen ein. Das rothe Porzellan wurde von dem weißen vollständig verdrängt, die Masse wurde sorgfältiger gewählt und bereitet, statt der gewöhnlichen Töpfer stellte man zum Formen Bildhauer an und die Buntmalerei erreichte einen hohen [87] Grad von Vollkommenheit, seitdem eine von wirklichen Künstlern geleitete Zeichnenschule errichtet wurde. – Schon 1732 arbeiteten hier 40 Kunstmaler, 30 Gesellen und 10 Lehrlinge. – Auch die Blaumalerei unter der Glasur, durch welche jetzt noch bedeutend gewonnen wird, ist ein Vermächtniß Herolds.

Die noch heute übliche Bezeichnung des meißner Porzellans mit den blauen Kurschwertern entstand ebenfalls in jener Zeit.

Mit Herold gleichzeitig wirkte der Bildhauer Kändler thätig für das schönere Erblühen der Anstalt, namentlich von 1740 bis 1763, wo er für sich und wenige Arbeiter an Tractament, Gratificationen und Stückbezahlung die Summe von 46,540 Thlrn. erhielt. – Noch heute bewahrt die Modellkammer eine große Anzahl der Modelle Kändlers, und man benutzt dieselben noch mit großem Erfolg, vorzüglich seit der Geschmack am Roccocostyl wieder aufgekommen ist.

Von 1720 an wurden Vasen und andere Gegenstände von bedeutenden Demensionen gefertigt und an den König abgeliefert; durch den glücklichen Erfolg in solchen Arbeiten wurde man zur Herstellung collossaler Gegenstände ermuthigt, wie die lebensgroßen Statuen der Apostel. Aber hier lernte man erkennen, daß Alles seine Grenzen hat, denn es boten sich unüberwindliche Schwierigkeiten. Auch spätere ähnliche Versuche blieben gleich erfolglos.

Die Periode von Herold und Kändler gehörte zu den ruhmreichsten für die Fabrik, denn ihr Ruf hatte sich über ganz Europa verbreitet und von den vier Hauptlagerstätten Dresden, Meißen, Leipzig und Warschau gingen die Erzeugnisse nach allen Richtungen; Polen und Rußland kauften die Porzellane in Massen, 1732 war bereits die erste Bestellung aus der Türkei eingetroffen, 1500 Dutzend kleine Tassen, sogenannte Türkenköpfchen.

Der 1746 ausbrechende Krieg verursachte erhebliche Störung. – Man legte auf Bewahrung der Fabrikgeheimnisse großen Werth, obgleich sie bereits theilweise keine Geheimnisse mehr waren, und als der preußische Einfall drohte, wurden alle Arbeiter mit Fortgenuß des Lohnes entlassen, die Arcanisten – die mit der Farbenbereitung u.s.w. beauftragten Leute – nach Dresden in Sicherheit gebracht und sämmtliche Brennöfen zerschlagen. Bei dem Einmarsch der Preußen plünderte die Generalität die vorhandenen Vorräthe; unter Anderen eignete sich der Fürst Leopold von Dessau fünf und sechzig Kisten des besten Porzellans zu.

Während des siebenjährigen Krieges verlor die Fabrik ihre Geheimnisse ziemlich vollständig, denn Friedrich II. sammelte nicht nur eine Menge Nachrichten über die Porzellanfabrikation, sondern gewann auch durch hohe Versprechungen eine Anzahl der besten Arbeiter, welche nach Berlin gingen und in der 1751 dort gegründeten Fabrik Anstellung fanden. Andere Arbeiter zerstreuten sich nach allen Richtungen und diesen verdanken vorzüglich die zahlreichen thüringischen Fabriken ihre Entstehung. In Folge der preußischen Maaßregeln würde wahrscheinlich die ganze Anstalt zu Grunde gegangen sein, denn schon war die Rede davon, die Fabrik ganz nach Berlin zu verlegen, und der Geheimerath Schimmelmann hatte bereits alle Vorräthe für 120,000 Thaler erstanden, wenn nicht ein patriotischer Mann, der sächsische Commerzienrath Helbig, mit der preußischen Regierung in Verhandlung trat, den Vorrath für 160,000 Thaler zurückkaufte und gegen eine jährliche Pachtsumme von 60,000 Thaler die Fabrik übernahm. Dadurch war sie gerettet, denn es lag nun in Friedrichs Interesse, sie fortbestehen zu lassen. Helbig zeigte sich übrigens als ein sehr tüchtiger Geschäftsmann, denn es gelang ihm, die enorme Pachtsumme aus den Entübrigungen zu bezahlen. 160,000 Thaler, welche hauptsächlich zum Rückkauf der Vorräthe aufgenommen, wurden später durch die Regierung zurückgezahlt.

Nach Beendigung des siebenjährigen Krieges begann von 1764 bis 1774 die regste Thätigkeit in der jetzt unter Leitung des Baron Fletscher und des Bergraths von Heynitz stehenden Fabrik. Es entstand jetzt – den 17. Februar 1764 – die Kunstschule in Meißen, zur Bildung tüchtiger Porzellanmaler, fremde Maler und Modelleurs wurden angestellt, junge meißnische Künstler an fremde Manufacturen gesendet, das Farbenwesen, die technische Einrichtung u.s.w. erhielten wesentliche Vervollkommnung, die Verwaltung wurde einer gründlichen Reform unterworfen und für vermehrten Absatz durch eigene Handlungsreisende gesorgt, [88] von denen Einer – der Maler Otto – von einer Reise durch die Niederlande, Portugal, Spanien, Italien und die Schweiz allein für 100,000 Thlr. Bestellungen mitbrachte. Zugleich erhielt das Auctionswesen solche Ausdehnung, daß 1766 auf diesem Wege für 63,342 Thaler 13 Groschen Porzellane verkauft wurden. Ihren höchsten Glanzpunkt aber erreichte die Anstalt 1765, wo sie 731 Leute beschäftigte, die Einnahme 221,500 Thaler und der Ueberschuß 42,000 Thaler betrug.

Damals hatte die Fabrik auch in folgenden Städten Commissionslager: Amsterdam, Augsburg, Aachen, Ancona, Archangel, Altenburg, Berlin, Breslau, Bremen, Braunschweig, Belgrad, Bern, Bamberg, Bologna, Bordeaux, Brody, Brüssel, Cassel, Copenhagen, Cadix, Charleston, Constantinopel, Crackau, Danzig, Dublin, Dorpat, Erfurt, Frankfurt a. M., Göttingen, Genua, Gotha, Halberstadt, Hamburg, Haag, Hildesheim, Hannover, Kiew, Kaluga, London, Lissabon, Lübeck, Lüttich, Lüneburg, Lemberg, Magdeburg, Macedonien, Mittau, Mannheim, Marseille, Mastricht, Moskau, Neufchatel, Nürnberg, Narva, Neapel, Nieder-Preschkau, Paris, Palermo, Pultawa, Petersburg, Pesth, Rom, Riga, Regensburg, Reval, Rotterdam, Smolensk, Stockholm, Straßburg, Thorn, Turin, Triest, Thurnhut, Utrecht, Venedig, Wien, Wolfersdorf in Böhmen und Warschau.

Mit dem 1774 erfolgten Austritt Fletschers hatte auch das Gedeihen der Fabrik seine Endschaft erreicht, denn der ihm folgende Graf Markolini gefiel sich in kleinlicher Geheimnißkrämerei und vernachläßigte darüber das Andere gänzlich. So ward das in jener Periode erfundene und heute noch angewendete Königsblau (Gutbrennblau) von dem Direktor fast gar nicht beachtet. Nun gelang es den concurrirenden Fabriken nach und nach die Meißner zu überflügeln, und diese erhielt sich zuletzt fast nur noch durch den russischen und orientalischen Handel; es kamen vorzüglich aus Rußland die Bestellungen so massenhaft an, daß das Personal durch Zwangsmaßregeln genöthigt wurde, an Sonntagen und hohen Festen zu arbeiten. – Aber mit einem Schlage hörte auch dieses auf, als 1806 Rußland die Einfuhr alles fremden Porzellans verbot, die türkischen Bestellungen immer seltener wurden, und endlich ganz verschwanden.

Nun begann die traurigste Periode der Fabrik seit der Zeit ihres Bestehens. Der technische Betrieb war im tiefsten Innern zerrüttet, das Formenwesen gänzlich veraltet, der Debit vernichtet, das Malerkorps ohne künstlerischen Sinn, das Arbeiterpersonal demoralisirt, die Beamten zeigten sich ohne Thätigkeit und Fähigkeit und waren unvermögend, den verderblichen Gang der Dinge aufzuhalten. Mit jedem Tage kam die Fabrik weiter zurück; die Vorschüsse machten sich alle Tage nöthiger und sie erreichten von 1806 bis 1813 die enorme Summe von 405,000 Thalern, welche nutzlos verschwendet wurden, da die Direktion hartnäckig bei dem Glauben festhielt, die russischen Absatzquellen würden sich wieder öffnen und deshalb in ungeheuren Massen Waaren fabrizirte, für welche man nirgends auf Absatz rechnen konnte, als eben in dem verschlossenen Rußland, dabei vernachlässigte die Fabrik ihre übrigen Verbindungen und verlor sie zum größten Theil. So kam die Anstalt so weit herab, daß sich 1813 ihre Einnahme nur noch auf 24,378 Thaler belief. – Späterhin benutzte man die häufigen Durchmärsche russischer Truppen, um die zu Bergen aufgehäuften Waaren auf dem Auctionswege loszuschlagen.

Um indessen dem ganzen Unheil die Krone aufzusetzen, verlor die Anstalt ihren letzten Vorzug, der in der Güte ihrer Masse bestand. Die Verwaltung der Auer Erdenzeche lieferte schlechte, aus geringhaltigem eisenschüssigen Haufwerken ausgeschlemmte Erde ab, aus welcher man den ganzen Massenbedarf für 1814 im Voraus bereitete, gegen 700 Centner. Eine Folge davon war, daß in den ersten Monaten des Jahres 1814 alle Porzellane grau und gelb aus dem Brennofen kamen. Erst später wurde die Ursache dieser Erscheinung entdeckt und die Erde weggeschüttet, der Credit der Anstalt hatte aber einen fühlbaren Stoß auf Jahre hinaus erlitten. – Commissionen, welche 1814 und 1815 zur Revision des Manufakturbetriebs niedergesetzt wurden, wußten kaum, wo sie anfangen sollten, um dem allgemeinen Verderben einen Damm entgegen zu stellen.

Es fehlte indessen vor Allen an einem mit den nöthigen Kenntnissen und Kräften ausgerüsteten Manne, und dieser fand sich in der Person des jetzigen Bergraths Kühn, welcher 1814 als Inspektor und Vorsteher [89] des Technischen angestellt wurde. Von nun an erfolgte eine fortschreitende Reform an Haupt und Gliedern, wobei Kühn in Verbindung mit anderen tüchtigen Männern auf das Kräftigste wirkte. So wurde die unnütze Geheimnißkrämerei des Arcanums aufgehoben, größere Bauanlagen entstanden, neue und zweckmäßigere Brennöfen zur Ersparung von Brennmaterial wurden errichtet, das veraltete Maschinenwesen erlitt gänzliche Umgestaltung, eben so das Formen- und Decorationswesen. Daß es dabei an hartnäckigem Widerstand, an boshaften Neckereien, Böswilligkeiten und Mißtrauen von verschiedener Seite nicht fehlte, war natürlich, aber die wackeren Reformatoren ließen sich nicht beirren, schritten kräftig vorwärts und hatten bald die Freude, glückliche Resultate ihres Strebens zu sehen. 1823 stellten sich englische Besteller ein und auch der orientalische Handel begann sich wieder zu beleben, und ob auch einzelne ungünstige Verhältnisse und Verluste für die Fabrik eintraten, so war sie doch 1833 dahin gelangt, ohne Zuschuß bestehen zu können, und 1835 lieferte sie bereits 20,000 Thaler Ueberschußgelder an die Staatskasse ab. Von da ist die Fabrik mit solchen Sendungen fortgefahren, mit Ausnahme der unruhigen Jahre 1848 und 1849, wo keine Mehreinnahme erzielt wurde, aber doch auch kein Zuschuß sich nöthig machte.

Das Maschinenwesen für die Massen- und Kapselbereitung erfuhr 1850 eine neue Umgestaltung, indem statt der bisher gebräuchlichen Pferdekraft die Dampfkraft eingeführt wurde, was sowohl in technischer als ökonomischer Hinsicht von gutem Erfolg sich gezeigt hat.

Seit 1850 hat der akademische Rath in Dresden begonnen, die Manufaktur in artistischen Angelegenheiten mit Rath und That zu unterstützen und es ist die Einrichtung getroffen, daß ihm alle neueren und wichtigern Produktionen in Formen und Decorationen zur Begutachtung vorgelegt werden, wodurch es ermöglicht wird, eine wahrhaft gediegene künstlerische Vollkommenheit in allen Theilen der Erzeugnisse hervor zu bringen.

Die Königliche Porzellan-Manufaktur befindet sich mit ihren sämmtlichen Fabriksbranchen, dem Hauptwaarenlager und vier Beamtenwohnungen in der Albrechtsburg und dem daran stoßenden südwestlichen Flügel des Schloßgebäudes; außerdem gehört noch dazu das Letzterem gegenüber liegende vormalige Kreisamtsgebäude nebst Garten, ingleichen der nordöstlich am Fuß des Schloßberges liegende Holzhof mit Holz- und Kohlenschuppen und den Gebäuden der Lasursteinblau- oder Ultramarinfabrik.

Die Hauptbranchen der Porzellanfabrikation sind:

die technische, nämlich Massen- und Kapselbereitung, Brennen, Farbenbereitung etc.;
die Gestellung, Modellir-, Dreher-, Former- und Bossirerarbeiten; und
die Verfeinerung, Malerei, Vergoldung etc.

Die Haupterzeugnisse der Manufaktur sind weiße, gemalte und vergoldete Porzellane, namentlich feine Tafel- und Kaffeeservice, Dessertgeschirre, Tafelaufsätze, Vasen, Gruppen, Figuren, Leuchter und alle Gattungen chemischer und pharmaceutischer Geschirre. Uebrigens werden außer dem Ultramarin auch Porzellanfarben, sowie auch feuerfeste Thonwaaren, als Ziegeln, Platten, Schmelztiegel etc. für den Handel fabricirt.

Von diesen Erzeugnissen sind vorzüglich gangbar außer den feinen Tafel- und Kaffeegeschirren, die hier sogenannten englischen Artikel im Rococostyl, als: Vasen, Gruppen, Figuren, Leuchter etc., ingleichen die eigenthümlichen Fabrikate der Manufaktur in Dessertgeschirren mit Reliefverzierungen und reicher Glanz- und Mattvergoldung.

Diese Artikel finden ihren Hauptabsatz in den Zollvereinsstaaten und nach England, sowie auch nach Amerika, Frankreich und Rußland.

Muster aller Gattungen der hiesigen Fabrikate waren auf den Industrieausstellungen zu Berlin, Leipzig, London und München ausgestellt. Darauf hat die Manufaktur Preismedaillen von sämmtlichen Ausstellungen für Porzellan und von der Londoner Ausstellung auch für Ultramarin erhalten.

[90] Die Manufaktur besitzt zwei Dampfmaschinen, als

eine von zehn Pferdekraft zur Massen- und Kapselbereitung etc., und
eine von vier Pferdekraft für die Lasursteinblau- oder Ultramarin-Fabrik.

Beschäftigung finden hier, einschließlich der Beamten, 343 Personen, nämlich:

92 in den technischen Branchen,
75 in der Gestellung,
129 in der Malerei und Vergoldung,
28 bei dem Handel und
19 Hilfsarbeiter.

Direktor der Manufaktur ist gegenwärtig der Bergrath Herr Kühn, welchem als Betriebsinspektoren die Herren Köttig, Selbmann und Crosso zur Seite stehen. Hauptlagerfaktor ist Herr Reithel, Malervorsteher sind: der als Glasmaler allgemein und rühmlich bekannte Herr Scheinert und Herr Müller; Herr Leuteritz ist Vorsteher der Gestellung.

Königliche Porzellanniederlagen und Verkaufslager befinden sich in Meißen, Dresden (Factor Herr Teichert), Leipzig (Factor Hr. Frenkel) und Hamburg; Commissionslager in Berlin, Frankfurt a. M., Aachen und Bautzen.

Das Schloß in Meißen, von dem die Albrechtsburg ein Theil ist, wurde von Kaiser Heinrich I. oder dem Vogler in den Jahren 922 bis 930 als Grenzfestung gegen die benachbarten sorbischen Stämme erbaut und es war der Sitz von Markgrafen, Burggrafen und Bischöfen. Die Albrechtsburg, welche man ein vorzügliches Meisterwerk gothischer Bauart nennen kann, wurde 1440 bis 1483 von dem Kurfürsten Ernst und Herzog Albrecht unter der Leitung des Baumeister Arnold von Westfalen erbaut. Herzog Georg nahm in den Jahren 1520 bis 1524 verschiedene Veränderungen im Bau vor. Im dreißigjährigen Kriege durch die Schweden zum Theil zerstört, wurde sie 1676 von Johann Georg II. erneuert und die Albrechtsburg genannt. 1710 wurde die Porzellanmanufaktur hinein verlegt.

Noch bemerken wir, daß die Porzellanmanufaktur drei Gruben besitzt, aus welchen sie ihren Bedarf von Erden bezieht. Die berühmteste ist die von Aue bei Schneeberg. Die Grube heißt der weiße Andreas, in der Umgegend wird sie aber das weiße Zeug oder die weiße Erdenzeche genannt, und sie befindet sich dicht an der Straße von Aue nach Lauter. Hier baute einst der reiche Hammerherr Veit Hans Schnorr von Carolsfeld auf Eisen, fand aber nur dieses Erdlager, welches man als Thon zu Blaufarbenöfen, ja selbst als Perückenpuder benutzte. 1708 wurde von Böttger aus dieser Erde das erste weiße Porzellan hergestellt, worauf diese Zeche das ausschließliche Privilegium zur Erdenlieferung erhielt und die übrigen Fundorte von Porzellanerden verstürzt werden mußten.

Die anderen beiden Gruben liegen bei Seilitz, eine und eine halbe Stunde von Meißen und bei Sornzig bei Mügeln.