Die Vorraden

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Textdaten
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Autor: Ernst Deecke
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Titel: Die Vorraden
Untertitel:
aus: Lübische Geschichten und Sagen, S. 31–34
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1852
Verlag: Carl Boldemann
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Erscheinungsort: Lübeck
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22. Die Vorraden.

Im J. 1214 kamen die Vorraden in Lübeck auf. Dieses Geschlechtes war Antonius Vorrad, ein schöner großer Mann, von starken Gliedern und wunderbarem Geschick in Kriegssachen, weshalb ihm von seinen Verwandten, da er noch jung, gerathen, sich in der Welt etwas zu versuchen. Hierauf ist sein erster Zug wider die Polacken gewesen, wo er sich so wohl gehalten, daß er Rittmeister ward. Dann zog er mit den Franzosen nach Welschland, wo er ein vornehmer Obrister geworden, was ihm sehr mißgönnt wurde. Deßhalb ging er nach England, und diente wider die Irländer, wofür ihn der König zum Ritter schlug und über alle seine Kriegsleute setzte. Darauf legte er gegen die Franzosen große Ehre ein. Es hat aber die Engländischen Herren mächtig verdrossen, daß der große Sachse, wie sie ihn nannten, ihnen allen vorgezogen würde; sie begannen demnach Mittel und Wege gegen ihn zu suchen; aber wie viele ihrer sich auch mit Rennen, Fechten und Turnieren wider ihn wagten, hat er doch alle zu Boden geschlagen und über den Haufen gerannt. Endlich stellte der König einen absonderlichen Freudentag an, und siehe, da kam einer von Antonius Feinden und forderte ihn auf einen gewissen Platz, aber nicht zu Fuß. Diese Arglist verstand [32] der gute Antonius nicht, doch versorgte er sich mit guter Rüstung, gutem Schwert und gutem Pferd, denn das macht einen Ritter werth. Nun hatte der Engelsmann von langen Jahren einen jungen Leuen aufgezogen, den er täglich selbst gespeiset und so gewöhnt, daß er auf ihm reiten konnte. Wie nun Antonius mit seinem schönen Gaul und Rüstzeug in die Schranken hineingeritten kömmt, da dauert es nicht lange, so findet sich der Engelsmann auf seinem Leuen ein, und hetzt diesen auf den Sachsen an. Dieser zwar springt geschwind vom Pferd und haut dem Leuen vorn die Schnauze ganz ab, daß er dahin fällt: dann aber läuft er vor den König und beklagt sich des Unrechts, mit Bitte, dem Engelsmann möge befohlen werden, daß er den folgenden Tag zu Roß erscheinen und sein Heil nach Ritterweise versuchen möchte. Dieß ward bei des Königs höchster Ungnade angesagt. Aber der Englische hat doch voll loser Tücken so viel verrichten lassen, daß des Deutschen Pferd, wie es auf die Bahn kommt, schnobbelt und niederfällt. Da springt Herr Antonius auf und haut dem englischen Roß beide Hinterbeine ab, daß der Ritter dahin stürzt. Der Deutsche hilft ihm aber wieder auf die Füße, mit Drohen, er solle sich wehren, oder sein letztes Stündlein sei gekommen. Nun erhob sich ein neuer Kampf, in dem gleichwohl der Engelsmann großen Vortheil gehabt; denn sobald der Deutsche zuhieb, warf der andere immer sein Boclär oder [33] Schild vor; endlich aber ward ihm der Arm lahm, und Herr Antonius hieb den samt dem Schilde ab. Da rief der König: es sei genug. Der Deutsche aber, obgleich er sieghaft und herrlich aus den Schranken geleitet ward, hat doch den Buben nicht getraut und seinen gnädigen Abschied begehrt. Darauf hat ihm der König ein Gnadenwappen zu immerwährender Gedächtniß gegeben, nämlich: einen güldnen Leuenkopf in blauem Felde, doch so, daß die Schnauze, so weit sie abgehauen, blutroth mit weißen Zähnen zu sehn war; auf den Helm aber hat er zwei Pferdefüße gesetzt, um deren einen das englische Gnadenzeichen, ein güldner Riem oder Gürtel. Dann hat er ihn ziehen lassen.

Diese Vorraden, wiewohl sie der Stadt Lübeck redlich und wohl gedient an die zweihundert Jahre, haben zuletzt doch ein jämmerlich Ende genommen. Dieß ist so zugegangen. Herr Tidemann Vorrad, der 1385 verstorben, verließ zwei Söhne. Von diesen hat der eine seines Vaters Landgüter mehrere Jahre aufs beste verwaltet; der andere aber ist in die Welt gezogen und hat sich etliche Zeit etwas versucht. Wie nun der erste sich zu Lübeck verheirathen und sein Verlöbniß um etwa 6 Uhr Abends anstellen wollen: siehe, da kommt eine Stunde zuvor der andere aus fremden Landen, und wird mit höchster Freude von Mutter und Bruder empfangen. Während sie nun von allem, was sich verlaufen, reden, stellen sich die geladenen [34] Gäste sammt der Braut ein. Da verläßt der neu angekommene Bruder den andern, um sich hochzeitmäßig anzuthun. Wie er aber in das Hinterhaus geht, wo ihm sein Zimmer der Räumte wegen bereitet, tritt er fehl, und stürzt in die Grube, dergestalt daß er, ohne sich vernehmbar machen zu können, erstickt.

Der Bräutigam inzwischen, voll Ungeduld seinen geliebten Bruder vorzustellen, läuft eilig durch den Hof nach dem Stall zu; aber da bei dem Fall des andern noch ein Brett auf dem Gange zum Gemach losgerissen ist, schießt auch er hinunter und erstickt gleichfalls.

Endlich schickt die Mutter den Jungen mit dem Licht, und dieser, vorsichtiger als die Junker, findet die Öffnung im Stall, und wird gewahr, daß dem Bräutigam unten die Füße in die Höh stehn. Da beginnt er heftig zu schrei’n, und die Mutter sowohl wie die Gäste eilen zur Hülfe herbei; aber zu spät. So ist binnen einer Stunde das uralte Geschlecht der Vorraden vergangen.

Dieser Jammer soll sich in der Ilien- oder Egidienstraße in Kalven Wohnung, nachmals Brömsen-Hof genannt, der Kirche gegenüber, nahe bei dem langen Hause der Müller, ereignet haben.

Bemerkungen

[388] Lebten hier etwa 1220 bis 1400. 1416 war kein männlicher Sproß derselben mehr in Lübeck. Die Wappenschilde führten die Löwenschnauze nicht. – S. 32 schnobbeln – stolpern, straucheln.

Anmerkungen (Wikisource)

Die Vorrade sind als Lübecker Ratsfamilie des 13. und 14. Jahrhunderts überliefert. Bekannt wurde der Bürgermeister Bertram Vorrade. Sein Sohn Tiedemann Vorrade war mit einer Tochter von Johann Pleskow[1] verheiratet und bewohnte das Haus Schildstraße 12, den hier genannten Brömserhof.[2]

  1. Emil Ferdinand Fehling: Lübeckische Ratslinie. Lübeck 1925, Nr. 361.
  2. Emil Ferdinand Fehling: Lübeckische Ratslinie. Lübeck 1925, Nr. 416.