Durch Indien ins verschlossene Land Nepal/Die Hexenmeister von Madras

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Im märchenhaftesten Indien Durch Indien ins verschlossene Land Nepal
von Kurt Boeck
Die steinernen Wunder von Mawilipuram
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Gerichtsgebäude und Leuchtturm in Madras.

Sechstes Kapitel.
Die Hexenmeister von Madras.

Mit besonderer Spannung sah ich den Erlebnissen entgegen, die meiner in Madras harrten.

Das bei der Annäherung an den Hafen von Madras schon aus weitester Ferne in die Augen stechende Gerichtsgebäude[WS 1] ist ein wahres Muster englisch-indischer Prachtbauten und wie diese ein Renaissancesalat von indischen, maurischen und englischen Motiven, die aus roten Ziegeln und weißem Sandstein zusammengeschnitten sind; derartige Bauten blenden und kitzeln zwar zuerst das Auge durch die vergoldeten Spitzen der zahlreichen buntbemalten oder auch farbig ornamentierten Kuppeln, bringen aber schließlich einen beinahe quälenden Eindruck gesuchter und gezwungener Originalität hervor. Die höchste dieser Kuppelspitzen überragt einen dicht vor dem Gerichtspalast stehenden älteren Leuchtturm und hat dessen frühere Aufgabe übernommen, allabendlich aus einer Riesenlaterne das warnende Licht auf die davor gärende, nur selten ruhig schlummernde raubgierige Wasserwüste hinauszusenden, in der im Jahre 1746 bei einem Orkan eine ganze französische Flotte mit nicht weniger als 1200 Seeleuten versank. Dies Ereignis erinnert an die gewaltigen Anstrengungen, die Frankreich im achtzehnten Jahrhundert gemacht hat, in Indien mindestens denselben Einfluß wie England zu erlangen, ja dieses sogar völlig zu verdrängen.[WS 2] Aber die leichtfertig und feurig drauflosstürmenden Gallier verfügten nicht über die zähe, elastische Ausdauer und rücksichtslos listige Berechnung der angelsächsischen Rasse, zu deren beneidenswertesten Eigentümlichkeiten es gehört, daß sie sich von Kindesbeinen an durch hartangreifende Sportübungen zu unnachgiebigen Hartköpfen bei fatalen Wechselfällen des Schicksals erzieht und dadurch zugleich widerstandsfähig gegen das erschlaffende Klima der englischen Kolonien in den Tropen gemacht hat. Wollte Gott, daß jeder Deutsche, der an seinem behaglichen Stammtisch über englische Herz- und Treulosigkeit, Habgier, Ungerechtigkeit [82] und Perfidie wettert, wenigstens ein klein wenig von der fast fanatischen Liebe der Engländer zu zwar oft höchst unbequemen, aber Geist wie Körper stahlhart schmiedenden Sportübungen verspürte; wie schnell verwandeln sich bei manchem Trägen die während des Militärdienstes gehärteten Knochen aus Erz in Marzipan!

Madras gilt als Hauptquartier des fahrenden Volkes, das von hier aus Indien, ja selbst überseeische Länder in Gestalt der weltbekannten indischen Zauberer durchzieht. Die schwer kontrollierbaren Berichte von Indienreisenden früherer Zeit über die von dortigen Zauberern vollbrachten Wunder wurden durch das Buch eines französischen Beamten in Ponditscherri[WS 3] überboten, das schon durch seinen Titel Voyage au Pays des Fakirs Charmeurs[WS 4] ahnen läßt, daß es Sensation hervorrufen sollte; daß es diesen Zweck auch tatsächlich erfüllt hat, geht daraus hervor, daß die nach Ansicht des Verfassers nicht auf natürlichem Wege zustande gekommenen und allen Naturgesetzen widersprechenden von ihm gesehenen Leistungen überall auf Treu und Glauben als Beweise rätselhafter Geisteskräfte der indischen Zauberer nacherzählt wurden. Leider übersahen die Leichtgläubigen die wichtige Klausel, die der stets ohne Zeugen beobachtende Autor auf Seite 47 des genannten Werkes einschaltet, indem er für den Fall, daß ihn jemand fragen würdet: Avez-vous expérimenté scientifiquement tous les faits que vous nous racontez des fakirs? mit einem deutlichen Non antwortet. Aber ebensowenig wie der Verfasser der voyage au Pays des Fakirs die Apparate und Vorführungen der von ihm fälschlich Fakire genannten Zauberer im wissenschaftlichen Sinne einer Prüfung unterzog, hat er es auch der Mühe nicht für wert gehalten, sich mit den scheinbar ebenso unerklärlichen Kunststücken europäischer und amerikanischer Taschenspieler vertraut zu machen. In seiner Weltabgeschiedenheit in Ponditscherri ist es ihm offenbar entgangen, wie sehr derartige Künste inzwischen im Abendlande vervollkommnet wurden, und daß es jedem tüchtigen Zauberkünstler möglich ist, die Schwerkraft scheinbar ebenso aufzuheben und spiritistische Manifestationen ganz gleicher Art zu vollbringen wie die „Fakire“ jenes französischen Beamten, der unter diesem ganz unzutreffenden Ausdruck sowohl profane Zauberer wie auch Jogis zu verstehen scheint.

Als Gegner des Aberglaubens habe ich mir vor Antritt meiner Reisen völlige Vertrautheit mit magischen Kunstgriffen und Geheimmitteln zu eigen gemacht, um den schon im Altertum als unbegreiflich und übernatürlich bekannten Wundertaten der indischen Zauberer auf die Spur zu kommen. Wenn es nun auch viel eindrucksvoller wäre zu sagen: „Ja, ich habe ganz unfaßbare Vorgänge mit angesehen“, muß ich doch von vornherein bekennen, daß es mir trotz aller darauf verwendeten Mühen und Kosten nicht gelungen ist, eine einzige Vorführung zu Gesicht zu bekommen, die nicht durch Taschenspielerei zu erklären gewesen wäre; Suggestion, Hypnose oder Spiritismus dabei als mitwirkend anzunehmen, wäre nur für jemanden nötig gewesen, der glaubt, daß z. B. unsere Münzenbeschwörer die harten Taler wirklich aus der [83] Luft greifen. Daß ich tüchtigere Künstler aufzusuchen trachtete, als die armseligen Gaukler allerletzter Güte, die mit den Völkerausstellungen nach Europa geschleppt werden, brauche ich wohl nicht zu betonen, ebensowenig daß ich unter Zauberern nicht die später von mir besprochenen asketischen Wundertäter, die Jogis und ähnliche Büßer, sondern nur die Meister indischer Fingerfertigkeit verstehe.

Es ist keine Frage, daß die Taschenspielerkunststücke unserer europäischen „Prestidigitateure“[WS 5] ursprünglich aus dem Osten, aus Indien zu uns gekommen sind. Während aber die weißen Zauberer alle Fortschritte der mechanischen Künste mit unglaublicher Findigkeit auf ihren Hokuspokus anwendeten und magnetische, elektrische und chemische Hilfskräfte in Anspruch nahmen, blieben ihre indischen Kollegen bei den von ihren Urahnen ererbten überaus einfachen Geräten und vielfach geradezu abstoßenden Kunststücken und ekelhaften Überraschungen stehen.

Die Gleichgültigkeit, mit der sich diese Burschen die Augen aus den Höhlungen zerren, lange, verrostete Nägel in die Nase hämmern, oder ein unsauberes Blechschwert nach dem anderen durch den Mund und die Speiseröhre drängen, wobei sie sich mittelst künstlicher Gebisse und über die natürlichen Augäpfel gestülpter Riesenaugen ein gräßliches Ansehen geben, ist so recht auf die zarte Veranlagung der Verletzung und körperlichen Schmerz fürchtenden Hindus berechnet; loderndes Feuer, kleine Schlangen oder Skorpione in den Mund zu stecken, ist ein Scherz, der bei keiner Gauklerproduktion fehlen darf, und jeder Europäer erschrickt, der zum ersten Male sieht, welche Lasten derartige Künstler mittelst Haken heben, die, an kugligen Platten befestigt, luftdicht gegen die Augäpfel gepreßt werden —

Aber selbst wenn man in Erfahrung gebracht hat, wie die Burschen alle diese Wunder vollführen, staunt man doch über die vollendete Sicherheit, mit der sie gelingen. An sich sind diese Vorgänge fast alle unglaublich einfach und harmlos. Man versuche gütigst beispielsweise nur einmal selbst, ein flammendes Korkscheibchen in den Mund zu stecken, das darin sofort erlischt und gar keine Wärme entwickelt; ebenso ist es durchaus nicht etwa schwierig, im geheimen eine Nähnadel durch die Haut der Zeigefingerspitzen zu stechen, diese Nadel dann mit zwei Fingern vor die Stirn zu halten und scheinbar mit einem Schlage durch den Kopf zu treiben, in Wirklichkeit aber im selben Augenblicke die Fingerspitze ein wenig hoch zu heben, die Nadel im Haar zu verbergen und am Hinterkopfe daraus zum Vorschein zu bringen. Kann es wohl etwas Einfacheres geben, als von zwei gleich langen Baumwollfäden den einen zusammengerollt heimlich zwischen zwei Fingern der linken Hand zu verbergen, dann den anderen genau messen zu lassen, zu verbrennen und die Asche im linken Handteller zu verreiben, sie dabei aber wegzustreuen und dafür den anderen Faden unversehrt hervorzuziehen? Macht so etwas ein in unseren Wirtshäusern auftretender Zauberkünstler, so achtet niemand sonderlich auf den hübschen Scherz, macht ihn aber ein brauner halbnackter Hindu, so kann der reisende [84] Deutsche die Wundertat daheim nicht hoch genug preisen! Kriecht die Schlange eines Gauklers geschwind in ein Loch an einem Bambusrohr, so glaubt er, sie sei vor seinen Augen „verschwunden“, während in Europa mit überlegener Miene sofort erklärt würde, sie sei „eskamotiert“[WS 6] worden — so stark ist bei vielen von uns der Drang, dem Heimischen das Fremde vorzuziehen.

Mit denselben Fingern, deren Spitzen nach dem Munde greifen, um mit vieler Umständlichkeit einen ganz kleinen Gegenstand, z. B. eine Erbse, recht deutlich hineinzustecken, schiebt der Zauberer heimlich, aber ganz dreist, irgend einen weit ansehnlicheren mit der Fläche dieser Hand bedeckten in die Mundhöhle, z. B. ein geschältes, hartgesottenes Hühnerei, das er dann im Munde behält. Durch geschickt gespielte Magenbeschwerden und durch Herumzerren an der zeitweilig aus dem Mund hervorgestreckten weißen Eispitze stimmt der Zauberer seine naiven Zuschauer so mitleidig, daß sie gar nicht daran denken, seine Hand zu beachten, die inzwischen einem Versteck heimlich ein Ei nach dem anderen entnimmt, dieses mit geschlossener Hand emporhebt und den Eindruck hervorbringt, es sei dies jedesmal das vorgestreckte, in Wirklichkeit aber immer wieder in die Mundhöhle zurückgezogene Ei! Jedem erscheint die unerschöpfliche Masse von Eiern, die solcher Art aus dem Magen des Übermenschen heraufzusteigen scheinen, bei der ersten Vorstellung dieser Art höchst rätselhaft. Auch das ungemein einfache, aber stets wirksame Kunststück, Eier oder andere Gegenstände aus einer leeren Tasche herauszunehmen, trotzdem der Magier darauf herumgetreten hatte, ist eine uralte Nummer der indischen Gaukler, die der Taschenspielerei diesen Namen gegeben hat. Das Befreien aus einem Sacke, in den sich der Wundermann einbinden und einsiegeln läßt, das Verwandeln von Reis in Milch oder das Kochen von Reis in kaltem Wasser, das Steigen- und Fallenlassen einer an einer Schnur schwebenden durchbohrten Hohlkugel, das Hervorquetschen von Wasser aus Steinen, das Erscheinenlassen von lebenden und gebratenen Tauben und andere Künste unserer Zauberer, die ich nicht erklären will, um diesen oft ungemein fleißigen Künstlern nicht Brot und Ansehen zu schmälern, sind die Gipfel der Leistungen indischer Magier, denen jetzt ihre europäischen Kollegen ganz entschieden „über“ sind.

Einen höchst verführerischen Trumpf spielte einmal einer dieser indischen Künstler mir gegenüber mit der Frage aus; wieviel Rupien ich für das Erlernen der Kunst zahlen wolle, die eigene Zunge abzuschneiden. Sofort wagte ich eine halbe Rupie für dieses unter Umständen zweifellos sehr nützliche Mittel anzulegen, dem allzu mitteilsamen Mund Schweigen zu gebieten. Mit diebischem Lächeln schnipselte mein Tausendsassa alsbald aus dem weichen roten Fleische einer Melone ein zungenähnliches Stück zurecht, das er eine Zeitlang geschickt im Munde verbarg, um es dann gelegentlich wie in scheinbarer Verzweiflung ein wenig aus dem Munde herauszustrecken, an der Spitze zu ergreifen und schnell abzusäbeln. Auf ein Hölzchen gespießt hielt er die scheinbare Zunge dann triumphierend dem verehrten Publikum, will sagen meiner Wenigkeit, unter die erschreckten Augen.

[85] Die indische Gauklerzunft scheint übereingekommen zu sein, wißbegierigen Fremden die Geheimnisse einer gewissen Gruppe ihrer Künste, zu deren Gelingen jedoch langdauernde Übung gehört, gegen bestimmte Mindesthonorare zu verraten. Eins der höchst bewerteten Kunststücke dieser Art besteht darin, drei Häuflein ganz verschieden gefärbter Pulver in einer Schale Wasser durcheinander zu quirlen und dieses dann nicht allein hinunterzuschlucken, sondern die Pulver nach einiger Zeit in gesonderten Farben wieder auf der Zunge zum Vorschein zu bringen und völlig trocken auf drei verschiedene Plätzchen zu pusten, das gelbe für sich, das rote für sich und ebenso das grüne. Dies unbegreifliche Wunder wird ganz einfach dadurch erreicht, daß der farbige Sand mit Wachs getränkt wurde, so daß er sich beim scheinbaren Verrühren im Wasser zusammenballen, an der Innenwand der Bronzeschale festkleben und als Klümpchen in den Mund befördern läßt. Auch das Tragen von Wasser in einem Siebe verliert seine Unerklärlichkeit, wenn man darauf achtet, daß das Staubtuch, mit dem der Gaukler das Haarsieb abwischt, mit Fettpaste bestrichen ist, die durch das Tuch in die feinen Poren des Siebes gedrückt wird und diese wasserdicht zustopft.

Wie alle Kasten in Indien hat auch die Klasse des fahrenden Volkes ihre Unterabteilungen. Der Sohn des Bärenführers verliert an seinem Kastenrang, wenn er in die Familie eines Bönder-Wallah[WS 7], eines Schaustellers tanzender Affen, heiratet und seine Sprößlinge werden nicht mehr als Bärenführer von „reinem Blute“ betrachtet; in europäische Damenkleidung und englische Uniformen gekleidete Affen, die schließlich miteinander vermählt werden, bilden nämlich die unversiegbarste Quelle des Ergötzens für die Indier. Eine Tänzerin vergibt sich nicht wenig von ihrer Würde, wenn sie eine Seiltänzerin zu einer Schüssel „Curry-Reis“ einladet, und wenn sie gar gleichzeitig mit einer solchen ihre Fingerchen in den dampfenden Reisberg stecken würde, um die Körnchen — aber stets nur mit dem Daumen und dem vierten, nie mit Hilfe des Zeigefingers — in das Mäulchen zu schleudern, wäre es um ihre Kastenreinheit völlig geschehen! Ja selbst das Schmauchen von ein paar Zügen aus der Wasserpfeife eines gewöhnlichen Taschenspielers würde dem Schlangenbeschwörer den Verlust seiner Kastenreinheit eintragen. Halb Schlangenzauberer, halb gewöhnlicher Gaukler, müßte er dann mit anderen Künstlern von gemischter Kaste seinen Reis essen, die natürlich ihren früheren Berufsgenossen nach Kräften Konkurrenz zu machen suchen und z. B. neben den Glanzleistungen fingerfertiger Taschenspieler auch Schlangentänze vorführen oder Kokosnüsse in die Luft werfen, die sie mit dem Schädel auffangen, so daß sie unter lautem Krachen zerplatzen und der Saft ihr Antlitz überströmt.

Auf dem umstehenden Bilde ist ein solcher Zauberer im Begriff, vor dem Hause, das der deutsche Klub in Madras bei meiner Anwesenheit bewohnte, der Dienerschaft etwas blauen Dunst vorzugaukeln. Der feiste Hausverwalter in europäischer Jacke, der tamulische Gärtner mit seiner Familie, der „Boy“, d. h. der „Bursche für alles“ in seiner Ecke, sowie der bescheiden hinter der [86] Säule lehnende, von allen anderen tief verachtete Auskehrer, sie alle wissen, daß jetzt um 11 Uhr vormittags ihre gestrengen weißen „Sahibs“ an ihren Kontortischen schwitzen und das Vergnügen hier nicht stören werden.

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Verwandlung eines Lederstreifens in eine lebende Schlange.

Mit Scheu und mißtrauischem Entsetzen staunen die Leute die unheimlichen Künste des Wundermannes an. Noch stehen die kleinen mit roten, gelben und grünen Ringen bemalten Holzbecher vor ihm, unter denen er runde Nüsse erscheinen und verschwinden läßt, ein uraltes Kunststück, das auch bei uns für jeden Zauberkünstler den Ausgangspunkt zur Erlernung der Handfertigkeit bildet. An einem der Becher lehnt auch noch das ausgestopfte Püppchen, dem auf geheimnisvolle Weise, nämlich mittelst eines nicht senkrecht, wohl aber horizontal angebrachten starken Frauenhaares ab und zu Leben und Tanzlust in die Glieder gebracht wird, wobei der Zauberer durch Hin- und Herfahren mit dem Zauberstäbchen über dem Kopf der Puppe nachweist, daß sie nicht etwa an einem Faden hängt!

Als ähnliche unbedeutende Eingangsnummern bringt der Tausendkünstler noch schnell ein paar Kleinigkeiten aus dem Munde zum Vorschein: ein geöffnetes Taschenmesser, ein widerliches, skorpionähnliches Tier und fünf rohe Hühnereier. Dann aber nähert er sich der Höhe seiner Kunstfertigkeit. Er wickelt einen meterlangen dürren Lederstreifen auseinander und hält ihn aufgerollt [87] weit und frei hinaus in die Luft. Unter Beschwörungen in hindostanischem Zigeuner-Rotwelsch[WS 8] rollt er das Band auf und ab, und siehe da, ein paar blanke Auglein blitzen aus dem unten herabhängenden Ende hervor - das Leder beginnt sich zu winden, zu drehen, zu wölben, und mit triumphierendem Schrei schleudert der aufspringende Teufelskerl den erschreckten Zuschauern eine lebendige Schlange entgegen!

Auch dieses Rätsels Lösung ist sehr einfach.

Vor dem Künstler lag ein offener Sack, der seine dürftigen Geräte barg, und dessen Rand locker zusammengerollt war. Der Gaukler zeigt den Lederstreifen, hält ihn weit von sich, dreht ihn zur Prüfung hin und her — vorne nichts, hinten nichts! „O weh“, sagt er plötzlich mit gut gespielter Bestürzung, „ich habe ja ganz vergessen, daß ich inzwischen einen Mangobaum wachsen lassen soll!“ Dabei legt er das Lederband aus der Hand und wie zufällig auf den Sackrand; dann nimmt er ein paar Mangokerne aus dem Beutel, bohrt neben sich ein Loch in die Erde, steckt anscheinend einen vom Publikum gewählten Kern hinein, bedeckt ihn mit Erde und spricht eine Zauberformel darüber, auf daß der Kern treibe; in Wirklichkeit hat aber der Schlauberger einen bereits zum Keime angetriebenen Kern verscharrt. Dann fährt er in dem angefangenen Kunststück fort.

Beim Aufnehmen dieses Streifens zeigt er diesen zunächst nochmals in ruhiger Bewegung vor, senkt ihn dann wie zufällig auf den Sackrand, wobei er ihn geschickt mit einer ähnlich aussehenden in den Sackrand eingerollten Schlange vertauscht, die von seinem Arm einen Augenblick verdeckt bleibt, worauf er zuerst den Kopf der Schlange hervorzüngeln läßt und dann erst die ganze Schlange vorzeigt.

Um den berühmten „Mangotrick“ war es freilich für diesen Tag geschehen! Während nämlich der schwarze Schwarzkünstler seinen Schlangenzauber ausübte und den keimenden Mangokern sicher im Schoß der Erde wähnte, hatte ein auf dem Hofe herumsuchendes Hühnchen die frisch aufgewühlte Erde durchstöbert und den bereits angetriebenen Fruchtkern heimlich seitwärts in die Büsche verschleppt. Den gefiederten Dieb habe ich in flagranti photographiert, war jedoch schadenfroh genug, dem Magier die Aufklärung zu verschweigen, als er mit ganz verstörtem Gesicht vergeblich in der lockern Erde nach dem angekeimten Kern herumspähte. Ich tröstete den guten Mann nur mit der sehr geistreichen Bemerkung, daß es noch viel wertvollere Dinge zwischen Himmel und Erde gebe, die ebenso spurlos verschwänden, wie sein Mangokern.

Dem fahrenden Künstler schien es nunmehr in dem Hofe des deutschen Klubs nicht mehr recht geheuer vorzukommen; vielleicht meinte er auch, daß ich ihm in der Hexerei über sei, wenigstens machte er sich aus dem handhoch liegenden Staube, indem er mir giftig zurief: „Sir, Sie werden in Indien massenhaftes Geld verdienen, aber Sie werden damit niemals lebendig nach England zurückkehren!“ Daß es außer England noch andere Länder in Europa gibt, bleibt nämlich den Hindus zumeist unbekannt, und ich galt ganz gewiß bei vielen [88] für einen Erzaufschneider, wenn ich auf die Frage, ob Deutschland denn nicht eine Provinz von England sei, höflichst erwiderte, daß dies keineswegs der Fall, sondern daß Deutschland sogar beinahe noch einmal so groß sei wie England.

Der soeben erwähnte Mangotrick wird übrigens in verschiedener Weise ausgeführt. Am überraschendsten ist das fast urplötzliche Hervorwachsen immer höherer Pflänzchen aus dem Kern, wobei diese mit großer Geduld und Kunst in den Falten der vom Gaukler jeweilig darüber gestülpten Tuchfetzen untergebracht und mit geschicktem Handgriffe in die lockere Erde gesteckt werden. Manche Zauberer sollen jedoch aus indischen Ameisen einen Extrakt zu bereiten verstehen, der angetriebenen Fruchtkeimen tatsächlich zu einem überraschend schnellen Wachstum verhelfen soll, wobei man nicht vergessen darf, daß im indischen Klima frisch gesäter Reis bereits am zweiten Tage aufgeht! Auch junges Bambusrohr sprießt so rasch in die Höhe, daß birmanische Tyrannen zur Todesstrafe verurteilte Delinquenten über einer unwiderstehlich emporwachsenden Bambusrohrspitze festbinden und von dieser nach und nach durchbohren ließen, was auch noch heutigen Tages chinesische Marterkünstler fertig bekommen sollen.[WS 9]

Ein anderes beliebtes Schaustück ist der Baskettrick[WS 10], der sogar schon von Reisenden wegen des unbegreiflichen Verschwindens eines leibhaften Menschen als Beweis für das Vorhandensein und Wirken höherer psychischer, aber noch unbekannter Kräfte vierter Dimension angeführt worden ist, ebenso wie bereits die Tänze indischer Hampelmänner ohne sichtbare Schnur auf Rechnung des Hypnotismus gesetzt wurden! Der Baskettrick wirkt allerdings beim ersten Sehen wegen dieses scheinbar spurlosen Verschwindens einer lebenden Person so beunruhigend, daß die christliche Geistlichkeit das Anschauen solcher Wunder noch vor hundert Jahren als gottlos verbot. Besonders erschrickt wohl jeder Uneingeweihte, wenn eine so zierliche passive Teilnehmerin mitwirkt, wie die hier abgebildete junge Tamulin, die von den Wundermännern aus der Mitte der Zuschauer herausgelockt, trotz ihres rührend gespielten Widerstandes gewaltsam in ein Netz gesteckt und durch die enge Öffnung eines nach unten ausgebauchten Korbes gezwängt wurde; über diesen wurde dann ein Deckel gestülpt. Mit jedem beliebigen scharfen langen Messer irgend eines Zuschauers pikten hierauf die Zauberer unter gräßlichem Geschrei wild durch die Maschen des Korbgeflechtes, rissen dann den Deckel ab, stürzten den Korb um und rollten ihn auf der hohen Kante hin und her. Plötzlich sprang einer von der Bande fest in die Mitte des scheinbar jetzt ganz leeren Korbes und trampelte darin herum, während sein Spießgeselle einer aus einem Flaschenkürbis geschnitzten Flöte markdurchbohrende Töne entlockte und ein dritter ängstlich umherlief, als ob er die aus dem Korbe Verschwundene suche. Der inzwischen von den Zuschauern untersuchte Deckel wurde schließlich einen Augenblick wieder auf den Korb gestülpt, aus dem dann die geschickte Akrobatin unversehrt hervorschlüpfte; natürlich hatte sie ihn niemals verlassen, sondern in dessen [89] bauchiger Wölbung wie ein Gummiring zusammengekrümmt gelegen und nur bei jedem als Stichwort geltenden Schrei ihrem schmiegsamen Körper schnell eine andere, aber wohleinstudierte Biegung gegeben, so daß der auf den Schrei folgende Schwertstoß freien Durchgang fand. Häufig wird dieses Kunststück auch so ausgeführt, daß die Gauklerin nach jedem Schwertstich eine blutähnliche Flüssigkeit aus den Korbfugen hervorrieseln läßt.

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Verschwindenlassen eines lebenden Mädchens.

Ohne scheinbares Blutvergießen darf eine echt indische Zaubervorstellung nicht schließen, und alle Gaukler, die sich Nadeln und Nägel durch kleine Löcher stoßen, die von Kindheit an in Wangen, Ohren und anderen Körperteilen offen gehalten sind, lassen auf Begehren durch neues Ritzen der vernarbten Kanäle zu allgemeinem Entsetzen Blut dabei fließen. Die Zauberkünstler besserer Art verschmähen jedoch auch in Indien derartige höchst unästhetisch wirkende Tricks; die Mehrzahl glaubt aber nicht bestehen zu können, wenn sie nicht das Publikum gehörig zum Gruseln bringt. Unter schrecklichem Würgen eine Schelle hinunterzuschlingen, die dann im Magen klingelt, sich ein Schwert durch den ganzen Körper hindurchzustoßen, den Griff abzubrechen und die Klinge am Rücken wieder herauszuziehen, eine Handvoll Nähnadeln und einen Zwirnsfaden zu verschlucken und nach einer halben Stunde die auf [90] den Faden gereihten Nadeln wieder herauszuholen, derartige Nervenkitzel sind und bleiben die Lieblingstäuschungen der indischen Zauberer.

Sehr Bedeutendes leisten diese Burschen auch im Austüfteln und Herstellen von Geduldsspielen, die bereits auch bei uns als Unterhaltungsspiele nachgeahmt werden. Viele dieser Scherze beruhen allerdings auf den lebhaften Mustern der Faserstruktur indischer Holzarten, worin die dort angebrachten Schnitte nicht zu erkennen sind. Das als Schlußvignette abgebildete Stück Holz ist z. B. von der Stelle, wo der Ring hängt, bis zu dem Loch, in dem das Querholz steckt, auseinandergeschnitten und läßt sich mit gelinder Kraftanstrengung auseinanderziehen, woran aber niemand denkt, der aufgefordert wird, Ring und Querholz von dem Klotz zu entfernen.

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Selbst in südindischen Tempeln werden von Brahmanen niederen Ranges mythologische Legenden seit alten Zeiten durch wundertätige Vorrichtungen illustriert, die nichts anderes als physikalische Taschenspielerapparate sind. Ein sehr bezeichnendes Beispiel dieser Art ist der von den Raritätenhändlern Tantalus cup[WS 11] getaufte kleine Bronzebecher, in dem die Figur einer Halbgottheit steht, die als Amme ein kleines Kind in den Armen hält.

Füllt man diesen Becher mit Wasser, so bleibt es darin stehen, gießt man das Gefäß aber bis zum Rande voll, so entleert es sich plötzlich und veranschaulicht den Hindus das Zurücktreten der Wasser eines hochangeschwollenen Flusses, durch den der Gott Wischnu in der Verkörperung eines neugeborenen Kindes hindurchgetragen werden sollte.

Da den unwissenden Leuten von Heberwirkungen nichts bekannt ist, so erscheint ihnen die Selbstentleerung wie ein Wunder, die eintritt, sobald das Wasser im Becher über den Beugungswinkel des im unteren Teil der Figur verborgenen Heberröhrchens hinaufsteigt; das Wasser fließt dann in ein Kästchen ab, an dem der Wunderbecher zu stehen pflegt.

Das Allerwunderbarste an den Vorführungen der indischen Zauberer scheint mir die Tatsache zu sein, daß selbst in Indien reisende Männer der Wissenschaft beim Betrachten indischer Taschenspielerkunststücke den Wald vor Bäumen oft noch weniger als andere Leute gesehen haben; sie legten sich von vornherein ihr System des Spiritismus zurecht und hielten es nicht für möglich, daß gewagt werden könnte, den Menschenverstand durch die allergröbsten Mittel zu übertölpeln. So wurde mir von einem beinahe unglaublichen Kunststück erzählt, dessen Schauplatz eine der unheimlichen, alten düsteren Felsentempelhallen gewesen war, an denen Indien so reich ist, und die durch flackerndes [91] Licht brennender Kokosnußkerne beleuchtet wurde. Die angeblich nur durch Suggestion erklärbare Leistung bestand darin, daß der Magier ein zusammengerolltes weißes Seil in die Luft warf, wo es frei schweben blieb; dann kletterte ein Knabe daran empor, der schließlich in einer Wolke „verschwand“! Des Pudels Kern lag jedoch darin, daß der Hintergrund der Bühne durch schwarze Blendschirme, die hinter die Leuchtfeuer gestellt waren, in tiefstes Dunkel gehüllt blieb; dadurch konnte ein schwarzes Seil, woran das weiße Tau befestigt war und das von einem versteckten Gehilfen im Moment des Emporwerfens über einen im oberen Teil des Felsengewölbes angebrachten Haken gezogen wurde, nicht wahrgenommen werden, und ebensowenig ein schwarzes Tuch, das von oben heruntergelassen wurde, als der am Ende des weißen Strickes angelangte Seilkünstler dort ein Pülverchen abbrannte; dadurch entwickelte sich eine so mächtig qualmende Rauchwolke, daß der Jüngling darin auf den schwarzen Strick übergehen und ganz gemütlich hinter dem schwarzen Vorhang „verschwinden“ konnte.

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Vexierspiel indischer Gaukler.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. WS: Gerichtsgebäude von Madras: vergleiche Madras High Court
  2. WS: französischer Einfluss in Indien: vergleiche Französisch-Indien
  3. WS: Ponditscherri: vergleiche Puducherry
  4. WS: Voyage au Pays des Fakirs Charmeurs: verfasst 1881, vergleiche Louis Jacolliot
  5. WS: Prestidigitateur: vergleiche Illusionnisme (fr)
  6. WS: eskamotiert: wegmanipuliert - vergleiche escamotage (fr)
  7. WS: Bönder-Wallah: vergleiche बंदर (bandar, Hindi für Affe) und Wallah (Indien)
  8. WS: Rotwelsch: vergleiche Rotwelsch
  9. WS: Bambusrohr: vergleiche Bambusfolter
  10. WS: Baskettrick: vergleiche Indian Basket Trick (en)
  11. WS: Tantalus cup: vergleiche Pythagoreischer Becher