Ein Abend bei Meister Schwind auf der Wartburg

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Titel: Ein Abend bei Meister Schwind auf der Wartburg
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aus: Die Gartenlaube, Heft 23, S. 380–383
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Ein Abend bei Meister Schwind auf der Wartburg.


Am Abend des 16. August 1855 trat eine muntere Reisegesellschaft, Künstler und Kunstfreunde, aus der romantischen Waldschlucht des Annathales bei Eisenach hervor.

Die Sonne, welche den Tag über die reichsten Goldströme über Berge und Thäler ausgegossen hatte, ließ ihre letzten Strahlen mit sanftröthlichem Schimmer auf dem Marienthale weilen, so daß Fels und Wald wie von Purpurschleiern umflossen schienen. Die Reisegesellschaft stieg die Kunststraße verlassend einen Bergpfad zur Wartburg empor.

„Die Wartburg,“ sagte Ludwig Bechstein, der bekannte Sagendichter, der mit in der Gesellschaft war, „ist für mich, was Mekka für den gläubigen Muselmann ist. Sie ist ein Wallfahrtsort zu meiner Lieblingsheiligen – der Romantik. Ein Mal wenigstens im Jahre muß ich diese Wallfahrt unternehmen. Heute aber treibt mich zu meiner Wallfahrtshöhe auch das Verlangen, den wackern Meister Schwind dort zu treffen, mit dem ich in München herrliche, der Kunst, der Freundschaft und der Freude geweihte Stunden verlebt habe. Und da es ein Hauptzweck unserer Reise ist, die Bildwerke in Augenschein zu nehmen, mit welchen der echt deutsche Farbenmeister die in aller Pracht und Herrlichkeit ihrer Urgestalt wieder erstehende Landgrafenveste schmückt, so wäre es Euch vielleicht nicht unlieb, etwas Näheres über sein urkräftiges, kerniges Wesen und seine geistige Eigenthümlichkeit zu vernehmen.“

„Als ich zu Ostern 1830,“ fuhr er fort, „die Universität der süddeutschen Kunstmetropole bezog, nahm ich großes Interesse an der durch König Ludwig’s Kunstsinn zu hoher Blüthe sich entfaltenden deutschen Malerei, als an einer zweiten culturhistorischen Errungenschaft der Neuzeit, welche sich der herrlichen Blüthenperiode unserer neuen deutschen Nationalliteratur so würdig zur Seite stellte. Bald wurde ich mit den hervorragendsten Künstlern bekannt und namentlich mit Schwind dadurch befreundet, daß er mein episches Gedicht ‚Faustus‘ mit genialen Zeichnungen illustrirte.

Wie sein erster Lehrer, Schnorr von Carolsfeld, der im Verein mit mehreren gleichgesinnten Künstlern die fromme Innigkeit und volksthümliche Wärme, die ihm aus den altdeutschen Mustern entgegenwehte, eine Verwebung der Kunst mit dem ganzen Sein des deutschen Volkes anstrebte, zu diesem Streben auch seinen talentvollen Schüler Schwind begeisterte, das werden wir dann am besten von dem Meister selbst hören. Was dies sein Wesen und seine geselligen Tugenden betrifft, so werdet Ihr einen echt deutschen, kernhaften Charakter mit romantischem Anhauch finden, aus dem vor Allem die Tüchtigkeit und Gediegenheit des ganzen Wesens als erster Grundzug Einem entgegentritt. Von ganzer Seele ist ihm jene schimmernde Halbheit und Hohlheit zuwider, der Alles nur auf den Schein ankommt. Daraus geht die Schlichtheit und Einfachheit seiner ganzen Lebensweise, seine Offenheit und Biederkeit in Wort, und That hervor. Im Gespräch ist er heiter, beweglich, stets schlagfertig und spricht gern in bayerischer Mundart, wobei jedoch hie und da Oesterreichisch durchklingt. Wo er aber freilich jener windigen Gesinnung begegnet, die ihre innere Werthlosigkeit hinter seiner Sitte und kalter Höflichkeit zu verbergen strebt und namentlich verkehrte Urtheile über die Kunst ausspricht, da tritt er mit einer Entschiedenheit auf, die bis zur rücksichtslosen Derbheit sich steigern kann. Ja, was Dich betrifft, Langenberg,“ wandte sich der Sprechende zu einem seiner Begleiter, „so will ich Dich ihm nicht einmal als Geistlichen vorstellen; er liebt als strenger Katholik die protestantischen Geistlichen nicht und verfolgt sie auch wohl mit seinem Spott.“

Währenddeß hatten die Schatten der Nacht ihre Flügel über das Waldmeer ausgebreitet. Da rief von Liliencron, der damalige Cabinetsrath des Herzogs Bernhard und jetzt als Mitglied der historischen Commission in München vielgenannt: „Jetzt aber lasset uns unsere Schritte beschleunigen, es droht uns Gefahr,

Denn dort in der Berge Ferne
Scheint ein Wetter aufzuziehen.“

[381] Bald sahen sich die Reisenden von den ersten Blitzen umzuckt und erreichten mit knapper Noth noch vor dem vollen Ausbruch des Unwetters die schützende Burg. Man stieg die Stufen hinauf und trat in das freundlich erleuchtete Gastzimmer, wo der Burgcastellan Wolf die Gäste auf’s Freundlichste willkommen hieß.

Welch ein Schauspiel, welch ein großartig erhabenes Schauspiel eröffnete sich jetzt! Ueber, neben und tief unter der Burg zuckten die blutrothen Blitze. Manchmal öffnete sich nach Westen der Himmel und warf gleich einem feuerspeienden Berge ganze Gluthmassen hervor, so daß das unten liegende Eisenach taghell erleuchtet erschien. Dazu erdröhnten Donnerschläge, von denen die tiefsten Grundfesten der alten Landgrafenburg erschüttert zu werden schienen.

Mittlerweile war der echt ritterliche Commandant der Burg, Major v. Arnswaldt, herbeigekommen, den Bechstein in einer seiner Novellen als Ritters- und Burgmann Bernhard v. Swandtlar geschildert hat, der „in Kampf und Minne gleich erprobt eine Freude hatte an allem Hohen und Edlen, viel schöner Künste pflag, die Laute und Cither wohl zu schlagen und mit süßen Melodeien zu begleiten verstund, auch manch trefflich Gemäl und Bildwerk meisterlich herfürbracht“. An seiner Hand Meister v. Schwind, eine kräftige gedrungene Gestalt von mittlerer Größe, zu behaglicher Wohlbeleibtheit hinneigend. Auf dem kurzen Halse ein schöner, ausdrucksvoller Kopf. Die frische Röthe seines Gesichts zeugte von blühender Gesundheit, die großen, hellen ausdrucksvollen Augen, mit buschigen Brauen umgeben, von einem ebenso klaren als tiefen Auffassungsvermögen. Den schön geschnittenen Mund umschattete ein buschiger Schnurrbart, die hohe breite Stirn war von einer reichen Fülle kastanienbrauner Locken umwallt, aus denen jedoch schon hier und da ein Silberblick durchschimmerte. Im Kinn ein Grübchen.

Von den Angekommenen waren dem Meister Baron v. Liliencron und Langenberg persönlich noch nicht bekannt; Bechstein stellte sie vor, Letzteren mit den Worten: „Mein Freund Langenberg, ein Gelehrter!“

Da fuhr der Meister fast wie erschrocken zurück. „Was, ein Gelehrter?“ Und Langenberg scharf fixirend, fuhr er fort: „Ein Gelehrter? Na, da schaun Sie viel zu vernünftig dazu aus.“

„Ich bin es auch keineswegs,“ entgegnete Langenberg, „und wußte wohl, daß Sie sich durch den Scherz unseres Freundes Bechstein nicht würden täuschen lassen; denn Sie wissen von Ihren Studien für die Bilder in Karlsruhe gar wohl, wie ein rechter Gelehrter aussehen muß.“

Das Gespräch kam bald in guten Fluß und da äußerte u. A. Schwind:

„Sehn Se, ich kann durchaus nit all’ die widrigen und lästigen Wartburgsbesucher in gleicher Weis’ empfangen. Die Allermeisten führt doch nit Kunstlieb’ und Kunstsinn in mein Atelier, sondern bloße pure blanke Neugier. Da kommen sie von Reußen und Preußen und wie ihre Vaterländer alle heißen mögen, und geh’n z’erst unten zum Elephanten (es war damals eine wandernde Menagerie in Eisenach) und dann herauf zu mir.“

„Sie sehen,“ erwiderte Langenberg, „welche rühmliche Ausnahme ich mache, ich bin heute gleich zu Ihnen heraufgekommen und gehe morgen erst zum Elephanten.“

Indessen war noch ein gar liebenswürdiger Wartburgsgenosse herbeigekommen, ein junger talentvoller Baukünstler, Bau-Inspector Dittmar, seit 1851 die unermüdet thätige rechte Hand Ritgen’s bei Ausführung des Restaurationsplanes, und zugleich hatte Johann, des Herrn Commandanten Diener, aus einem Flaschenkorbe die schweren und leichten Geschütze auf dem Tische aufgepflanzt. Dann begann die Tafelrunde mit dem Gesange des Liedes:

„Wohlauf noch getrunken den funkelnden Wein!“

Scherz und Ernst würzten, wie bei Platon’s Symposion anmuthig abwechselnd, die Unterhaltung, zu deren Belebung sämmtliche Ritter der Tafelrunde, jeder nach der ihm verliehenen Gabe, redlich das Ihre beitrugen. Der Burgcommandant durch seine reiche und feine Welt- und Menschenkenntniß, Bechstein durch die ihm eigenthümliche gemüthreiche Auffassung und poetische Darstellungsgabe, Herr v. Liliencron[1] durch seine ebenso reiche als feine Kunstkenntniß, Dittmar durch seine genaue Kenntniß des Restaurationsplanes und dessen Ausführung, Maler Müller durch seine originellen Einfälle und Langenberg durch seine historischen Erläuterungen, während Meister Schwind durch seinen unerschöpflichen, in glänzenden Cascaden aufsprudelnden Humor das Meiste zur allgemeinen Erheiterung beitrug.

Bechstein begann also zu Schwind: „Ich habe unsern Freunden vorhin im Heraufsteigen andeutungsweise Einiges aus Deinem Leben erzählt. Nun aber möchten wir von Dir nähern Ausschluß über Dich selbst von Deiner Geburt an hören.“

Schwind erwiderte: „Von meiner Geburt weiß ich im Grund blitzwenig zu erzählen, aus eigener Anschauung gar nichts, hab’ Alles nur von Hörensagen. Daß ich aber geboren bin, das steht fest, und zwar, wie sie mir gesagt haben, in Wien am 21. Januar 1804.[2] Drum häng’ ich auch mit Leib und Seel’ an der Metropol’ am Donaustrand, und so oft ich das Liedel hör’ mit dem Refrain:

Ach, das muß prächtig sein,
Da möcht’ ich hin:
’S giebt nur a Kaiserstadt,
’A giebt nur a Wien –

da geht mir das Herz auf und es rührt mich bis zu Thränen, und wenn ich heftig und wild werde, da kann ich noch heutigen Tags den Wiener nit verlaugn’. Der heilige Mauritius ist mein Schutzpatron und mit dem hab’ ich auch viel Aehnlichkeit. Als der den heidnischen Götzen mit seinen Kriegsknechten nit opfern wollte, ließ der Kaiser immer den zehnte Mann niederstechen, und als er noch immer nit wollte, damit von vorn anfangen, bis sie alle in ihrem Blut lagen. So hätt’ ich’s auch gemacht. Lieber ließ ich mich bis auf den letzten Mann niederhauen, ehe ich den falschen Propheten anhinge und ihren falschen Göttern opfern thäte. Dem St. Moritz-Orden könnt’ ich auch recht gut angehören, denn die Ritter vom selbigen Orden lassen sich, wie ich, ihr Haar lang wachsen. Das Gelübde der Armuth braucht’ ich gar nit erst zu thun, denn wir Künstler sind von Haus aus arm wie die Kirchenmäus’, und daß wir’s bleiben, dafür sorgen schon, bei aller Munificenz unserer Fürsten[WS 1] , die Herren von Wendepfennig und Kümmelspalter, die Herren Plusmacher und Geizkragen, die wie die Drachen auf dem Staatssäckel sitzen. Was aber gar das Hauptgelübde bei den Mauritianern anlangt, daß sie nur einmal heirathen dürfen, das brauch’ ich erst recht nit abzulegen, denn wenn mir, was Gott in Gnaden verhüten möge, mein gut’s Weiberl stürb’, da wollt’ ich mir lieber die Händ abhacken lassen, eh’ ich wieder heirathen thät’.“

Nach diesen Worten schwieg der Meister einige Minuten tiefbewegt, und eine Thräne erglänzte in seiner ergrauenden Wimper.

„Mein guter Vater,“ so fuhr er dann fort, „starb mir früh und bei meinem lieben Mutterl ist es knapp gegangen. Wir wohnten in einem kleinen Häusle am Wall, ‚zum Mondschein‘ benamset. Da war freilich mehrstentheils Schmalhans Küchenmeister. Trotzdem bot sie Alles auf, um mich ausbilden zu lassen. Mit besonderem Eifer besuchte ich die Kirch’ und hatte keinen größeren Wunsch, als den, Ministrant zu werden, und ich trat auch diesen hohen Posten an, um’s meiner Mutter etwas leichter zu machen. Sie ließ mich auf das Gymnasium und ich war sogar schon auf der Universität als Studiosus juris inscribirt, als gute Freunde meiner Mutter die Meinung beibrachten, daß ein Maler in mir stecke. So hat mich denn’s Mutterl in die Lehre zum Schnorr von Carolsfeld gethan, den ich bis an’s Grab verehren muß, weil er zu Allem den Grund gelegt hat, was aus mir etwa geworden ist. Ihm verdanke ich die Hauptrichtung meines künstlerischen Schaffens vor Allem, obschon ich eigentlich, da ich keine seiner Eigenthümlichkeiten angenommen hab’, nit sagen kann, daß ich seiner Schul’ angehör’. Ich bin halt früh mein eigener Lehrer und Schüler gewesen und bin meinen eigenen Weg gegangen.

Viel verdank’ ich dabei, und mehr als den Professoren der Akademie, auf die ich dann später kam, meinen ersten poetischen Jugendgenossen Lenau und Bauernfeld und hernachmalen Auersperg, Castelli, Grillparzer. (Illustrationen zu dessen Werken behufs eines Gedenkblattes zu des Dichters achtzigstem Geburtstage waren die letzte Arbeit Schwind’s.) Auch den Tonkünstlern, vor Allen Schubert, Franz Lachner und Beethoven, verdank’ ich viel zu meiner Bildung und hab’ daher auch [382] mehrere Bilder in musikalische Formen – in die vier Sätze einer Symphonie: Introduction, Adagio, Allegro und Rondo – eingekleidet. Vergessen darf ich auch nit, wie viel ich den wackern Künstlern Niederer, Kupelwieser und Führich zu verdanken habe, durch welche beide Letzteren ich auf die kirchlich-religiöse Darstellung ’kommen bin. Nicht wenig Anregung hab’ ich auch in der Ludlamshöhle gefunden; Sie wissen, das ist eine Gesellschaft, in welcher Ernst und Scherz, Witz und fröhliche Laune ungenirt herrschte und Dichtkunst, Malerei und Tonkunst auf Alle wirkte. Am allermeisten verdank’ ich aber den Minnesingern. Diese hab’ ich redlich studirt und durch sie mich in die romantische Zeit hineingelebt.

Eh’ ich aber das Alles zu Papier und auf Leinewand bringen konnte, hat’s einen riesenhaften Kampf gekostet. Tag und Nacht hat mir’s keine Ruh’ gelassen. Es kam das Fieber der Aufregung über mich, das jeden schaffenden Künstler befällt, wenn die Ideen in seinem Kopfe sich drängen. Zuerst bildeten sich die mittelalterlichen Gestalten von wallendem Nebel umflossen, darnach wurden sie immer klarer und durchsichtiger. Zu nachtschlafender Zeit sind sie an mein Bett gekommen und haben mich umtanzt und haben gebeten: ‚Hauch’ uns eine lebendige Seele ein!‘ und haben nit eher geruht, bis ich sie auf’s Papier gebracht hab’. So hab’ ich sie denn zuerst scharf gezeichnet und dann in Farben hell ausgemalt, und zwar so, daß im Leben und Ringen der Einzelnen wie in einem Spiegelbild der Charakter der ganzen Zeit sich dargestellt hat. So entstanden – ich war dazumal neunzehn Jahre alt – meine ersten Bilder: ‚Lust und Leid eines Sängers im Mittelalter‘, ‚Das ganze Ritterleben daheim und im Krieg‘, ‚Die verschiedenen Momente ritterlicher Liebeswerbung bis zum Hochzeitsgang nach der Kirche‘ etc.

Im Jahre 1828 ist Meister Schnorr als Historienmaler nach München berufen wurden und da bin ich halt mit ihm auf die Kunstakademie übergesiedelt. Als ich dem großen Cornelius vorgestellt wurde, hab’ ich ihm meine Aquarellbilder vorgelegt, namentlich auch den ,wunderlichen Heiligen’, und als er den ansah, hat er beifällig mit dem Kopfe genickt. Bald darauf hat er auch mein erstes größeres Bild im altdeutschen Gepräge, ‚David und Abigail‘, gesehen und mich darauf der Königin zur Ausmalung ihres Bibliothekzimmers im neuen Königsbau empfohlen. Darauf hat der König mich im Saalbau der Residenz einen Fries malen lassen, in dem ich das Volksleben unter Kaiser Rudolph darstellen sollte. Da ließ ich denn meinem Humor den Zügel schießen, indem ich Kindergestalten zu Trägern der Cultur wählte, und so entstand denn die gar lustige Kinderkomödie. Gleich nach Vollendung dieser Arbeit hat mich der damalige Kronprinz Maximilian beauftragt, Hohenschwangau mit Bildern auszuschmücken. Was ich dort Alles gemalt habe, brauche ich so gescheidten Leuten wohl nicht erst zu sagen. – Dem Humor diente ich alle Zeit am liebsten, und in meinen Beiträgen für die ‚Fliegenden Blätter‘ und in meinen ‚Thierfabeln‘ hab’ ich sogar dem deutschen Volk verständlicher Weise Moral gepredigt; wenn’s nur was helfen thät’!

Nachdem ich im Jahre 1837 noch dem Professor Dr. Curtius auf seinem Schlosse Rüdigsdorf bei Leipzig die Mythe von Amor und Psyche in einer Reihe von Bildern in Fresco gemalt hatte, bin ich nach Rom gereist, wo ich mit Cornelius sehr schöne und lehrreiche Tage verlebt habe. Von da ging ich nach meinem lieben Wien und habe dort mit meinen treuen Jugendfreunden, insbesondere mit Bauernfeld, ein gemüthliches Leben geführt. Und das hat mich denn dazu animirt, daß ich des ‚Ritter Kurt Brautfahrt‘, um mich auch an der Romantik einmal ein Bissel zu reiben, mit dem Pinsel geschrieben habe. Ich las, ehe ich an die Arbeit ging, fleißig in des großen Cornelius ‚Nibelungen‘ und glaube, daß dadurch der altgermanische Geist hineingekommen ist. Der König von Würtemberg hat dieselbe Meinung gehabt, denn er hat mir, als ich ihm das Bild zum Kauf anbieten ließ, antworten lassen: ‚Das deutsche Element sei zu stark darin betont‘, was mich gar sehr gefreut hat.

Erwähnen muß ich mit Dank des echt deutschen Fürsten, durch dessen beharrliche, von einem seltenen Verständniß getragene Liebe und Aufopferung das deutsche Volk in den kostbaren Besitz der neuen Kunstblüthe gekommen ist: des Königs Ludwig. Er hat die Anfeindungen Unwissender und Böswilliger nicht geachtet, sondern Raum und Mittel genug geboten, damit die Künstler die Schwingen ihres Genies entfalten konnten. Viel hätte verkümmern müssen, wenn er nicht gewesen wäre.

Doch nun noch kurz von meinen Lebensumständen bis zu dem heutigen Tage. Ich krieg’s wirklich satt, so lange allein zu plaudern. – Also im Jahre 1839 wurde ich, nachdem ich vorher den Kinderfries in München vollendet, nach Karlsruhe berufen, wo ich zuerst das neue Akademiegebäude ausschmücken sollte, und dann war ich im Sitzungssaale der ersten Kammer als Maler thätig an einem großen Wandgemälde auf Goldgrund in enkaustischer Weise. Bei dieser Arbeit habe ich mich redlich gelangweilt.“

„Das sieht man,“ sagte Bechstein, „den Gesichtern an, besonders dem der Pietas, die, wie ein Kunstkritiker behauptet, ihrem sauern Gesichtsausdruck nach zu urtheilen, nur deshalb in’s Kloster gegangen sein mag, weil sie keinen Mann bekommen hat.“

„Diese Bemerkung,“ fuhr dann Schwind fort, „erinnert mich daran, wie ich in Karlsruhe mit Hülfe der blauen Wunderblume einen großen Schatz gehoben. Das war mein liebes Fraule[3]; die ist so lieb, so brav, so fromm und gottesfürchtig, wie’s eine Frau sein muß. Von da an lernte ich das Lebensglück eigentlich wohl recht kennen. Jetzt weiß ich, daß ein Leben ohne Frau nur ein halbes Leben ist. Wir Männer sind die ernste Seite des Lebens, die Frauen die wonniglich heitere. Beide gehören zusammen und bilden erst wie die zwei Schalen einer großen Nuß ein Ganzes.

,Wie Haupt und Helm zusammenpassen.
So nie die zwei einander lassen!’

sagt Tegnér in seiner Frithjofssaga.

So war ich denn ein junger glücklicher Ehemann, und als solcher bin ich denn noch einmal so frisch an die Arbeit gegangen. Doch schon hör’ ich, daß die Burguhr Elf schlägt, und muß nun machen, daß ich zu Ende komme.

Im Jahre 1845 wurde ich nach Frankfurt am Main berufen, um im Städel’schen Institut den Sängerkrieg auf der Wartburg in Oel zu malen. Auch habe ich dem Eduard Duller Illustrationen zu seinem ‚Leben des Erzherzogs Karl von Oesterreich‘ gezeichnet, und den ‚Elfentanz im Erlenhain‘ und den ‚Ritter Cuno von Falkenstein‘ in Farbe gesetzt. Viel Spaß hat mir auch die Bande von Musikanten gemacht, die sich auf dem Wege befinden, um bei einer Hochzeit aufzuspielen.

In dieser Zeit hatten sie in München die Akademie umgestaltet und beriefen mich im Herbst 1847 zum Professor dorthin. Das war insofern eine ungünstige Zeit, als damals König Ludwig, von einem Liebeszauber gefesselt, seine Neigung für die Kunst hatte zurücktreten lassen; im nächsten Jahr, als ihm die Märzstürme allzu arg wurden, legte er gar Krone und Scepter nieder.

Im Jahr 1848 war für uns Künstler nichts zu machen. Im Jahr 1849 habe ich eine Symphonie nach einem Meisterwerk Beethoven’s malerisch componirt, über das uralte und doch immer neue Thema von der Liebe.

Im selben Jahr habe ich auch das Märchen von den sieben Raben in Angriff genommen. Dann kam die schöne Zeit, wo unser Großherzog von Weimar, dazumal noch Erbgroßherzog, den Entschluß gefaßt hat, die hochberühmte Burg seiner Vorfahren restauriren zu lassen, und das ist die Schuld daran, daß ich allhier sitze, um das alte Landgrafenhaus mit mittelalterlichen Gestalten zu bevölkern. Veranlaßt hatte den Erbgroßherzog zu diesem Auftrag mein Bild im Städel’schen Museum, das dem hohen Herrn besser gefallen hat, als mir. Und so sitz’ ich denn schon über Jahr und Tag hier, um Alles auszuführen, glaub’ aber, daß der hohe Auftraggeber seinen Schritt bitter bereuen wird. Denn von Allem, was ich gemalt habe, will mir nichts gefallen, und wenn ich dem hohen Herrn einen Rath geben dürfte, so thut er am besten, sobald ich fort bin, einen Tünchermeister kommen zu lassen, der Alles wieder zuschmiert und ad integrum restituirt.“

„Du bist wohl nicht recht gescheidt!“ unterbrach ihn hier Bechstein. „In Beziehung auf den Werth Deines Sängerkrieges will ich nicht mit Dir rechten; was aber die Darstellungen aus dem Leben der heiligen Elisabeth und ihrer von poetischem Hauche durchwehten Legenden betrifft, so hast Du Dich nach dem einstimmigen Urtheil der Kunstkenner durch sie auf die Höhe der [383] Kunst geschwungen, denn sie sind voll Holdseligkeit und rührender Innigkeit nach geistigem Gehalt und Form gleich vortrefflich. Doch davon werdet Ihr lieben Freunde morgen früh, wo wir unsern Rundgang durch die Burg machen, durch den Augenschein Euch überzeugen. Für heute aber gilt endlich der Spruch:

Der Worte sind genug gewechselt,
Laßt uns nun endlich Thaten sehn
Und Töne hören!

Lied und Laute müssen neben dem Becher erklingen, so verlangt es diese geweihte Stätte.“

Nicht nur von Arnswaldt, sondern auch Bechstein und Maler Müller waren des Saitenspieles wohl kundig. Johann hatte indessen drei Schlagcithern herbeigebracht. Die drei Ebengenannten ergriffen dieselben und fingen gar lustiglich an zu spielen und dazu zu singen, die Uebrigen fielen fröhlich ein, indem sie kräftig Chorus machten, und bald klang es gar schön und lieblich hinaus in die dunkle Waldnacht.

Sie sangen von Lenz und Liebe, von sel’ger goldner Zeit,
Von Freiheit, Männerwürde, von Treu und Heiligkeit,
Sie sangen von allem Hohen, was Menschenherz erhebt,
Sie sangen von allem Süßen, was Menschenbrust durchbebt.

Dazwischen klangen die Humpen und Pokale, gefüllt mit goldnem Wein, dumpf aneinander und dann wieder die Cithern voll und klar in den Händen der tonkundigen Meister, von Gesang begleitet.

Indessen war die Zeit weit vorgerückt und Langenberg sprach: „Ehe wir heute scheiden, müssen wir unserm Schwind im Namen der ganzen deutschen Kunstwelt noch ein donnernd Hoch ausbringen. Ich wähle dazu den Trinkspruch, den Ernst Förster bei jenem Abschiedsfeste sprach, welches die Künstler Münchens im Jahr 1839 unserm Schwind gaben, als er nach Karlsruhe ging:

Mag immer er in seinen Bildern
Selbst wunderliche Heil’ge schildern,
Der Psyche Lieben, Leiden, Sieg,
Den weltberühmten Wartburgkrieg,
Und mag er weinen oder lachen,
Und weinen uns und lachen machen,
Ob Isar, Donau oder Rhein
Ihm volle Becher schenken ein! –
Wohin die Sterne ihn geleiten,
Der Freunde Gruß soll ihn begleiten!
Ein Hoch darauf! Stoßt alle Mann’
Die vollen Humpen klingend an,
Durch diese altberühmten Hallen
Soll ihm ein donnernd Hoch erschallen!“

Anfang dieses Jahres ging die Kunde von des Meisters allzufrühem Tod durch alle Gauen; er schläft seit dem 8. Februar in seinem Grabe auf dem Kirchhof zu München.

  1. Er hat sich bekanntlich durch sein neuestes Werk: „Die historischen Volkslieder der Deutschen vom dreizehnten bis zum sechszehnten Jahrhundert“ großes Verdienst erworben.
  2. Sein Vater war Legationsrath und Hofsecretär.
  3. Louise, Tochter des großherzoglich badischen Majors Schwarz, die Schwind in, Jahre 1842 heimführte.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Munificenz, unsere kunstliebenden Fürste (korrigiert laut Druckfehler (Die Gartenlaube 1871/26))