Ein Abend bei Mendelssohn mit Lessing

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Autor: Max Ring
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Titel: Ein Abend bei Mendelssohn mit Lessing
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 40, S. 576-579
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Ein Abend bei Mendelssohn mit Lessing.

Es war am Freitag zur Abendstunde; der jüdische Gottesdienst ging zu Ende, der Vorbeter hatte schon das Schlußgebet gesprochen oder vielmehr in singendem Tone vorgetragen, wobei er es nicht an den üblichen Bewegungen und Schütteln, Beugen und Verneigen des Oberkörpers fehlen ließ. Die Gemeinde verließ die in der Heidereitergasse gelegene große Synagoge und strömte in ziemlicher Unordnung und mit orientalischer Lebhaftigkeit zu dem geöffneten Portale hinaus, um sich in den benachbarten Straßen und Winkelgassen zu verlieren, wo die meisten Juden in Berlin damals zu wohnen pflegten. – Mitten in dem summenden Schwarme befand sich ein Mann, der unter seinen beweglichen Glaubensgenossen eine hervorragende Stelle einzunehmen schien, denn wo er sich zeigte, machte man ihm ehrerbietig Platz und begrüßte ihn mit dem üblichen Zurufe: „Gut Schabbes, Reb Moses!“

Diesen Vorzug hatte er jedoch keineswegs seiner körperlichen Gestalt, noch weniger seinen Reichthümern zu verdanken. Er war klein und verwachsen, eine merkliche Erhöhung, die man fast einen Buckel nennen konnte, verunstaltete seinen Rücken; sein Hals war schief und nach einer Seite geneigt, aber auf diesem Halse ruhte ein Kopf, der bei genauerem Anschauen durch seinen geistigen Ausdruck unwillkürlich Achtung und Interesse einflößen mußte. Die hohe Stirn, mit bräunlich krausem Haar bewachsen, trug den Stempel, welchen die großen und tiefen Ideen wie einen Abglanz des Ueberirdischen um das Haupt des Denkers zurücklassen; um die feinen Lippen schwebte ein eigenthümliches Lächeln, das man versucht war für ironisch zu halten, wenn nicht die Milde und Freundlichkeit des ganzen Mannes dieser Annahme widersprochen hätte. Was es Ironie, so schien es die göttliche Ironie eines Sokrates zu sein. – Zuweilen aber nahm dieses Lächeln einen wahrhaft schmerzlichen Ausdruck an und man bemerkte dann wohl um den Mund jenen traurigen Zug, welchen Jahrhunderte voll Leid und Schmach dem Volke der Juden aufgedrückt. – Ein unaussprechlicher Zauber aber lag in den dunklen Augen dieses Mannes, welche trotz ihres Glanzes so sanft und freundlich dreinschauten, daß man über ihre friedliche Klarheit seine Mißgestalt vollkommen vergessen mußte. Es war die Tiefe des Philosophen, die Milde des Menschenfreundes, [577] mit der unschuldigen Schalkhaftigkeit eines Kindes gepaart, die so wunderbar aus diesen Blicken leuchteten. – Seine etwas bleichen und kränklich aussehenden Wangen wurden, von einem schmalen Bartstreifen wie von einem Rahmen eingefaßt. Er war einfach, aber reinlich und sorgfältig gekleidet mit einem zimmetbraunen Frack ohne jede Stickerei, die damals von den besseren Ständen mit Vorliebe getragen wurde. Kurze Hosen von geschorenem Sammet, seidene Strümpfe und Schuhe mit silbernen Schnallen vollendeten seinen Anzug; ein dreieckiger Hut mit Band eingefaßt bedeckte seinen Kopf; in der Hand trug er das mit Messing beschlagene Gebetbuch und einen kleinen grünen Beutel, der den Gebetmantel enthielt.

Freundlich dankend ging er an den Glaubensgenossen vorüber, die sich meist durch seinen Gruß geehrt fühlten; nur einige finstere Zeloten, denen seine tolerante Gesinnung ein Aergerniß war, wandten ihr Gesicht ab und murmelten eine Verwünschung in den Bart, dem Abtrünnigen fluchend, für den sie ihn hielten.

Dieser Mann war der schon damals bekannte und berühmte jüdische Philosoph Moses Mendelssohn.

An seiner Seite ging ein polnischer Jude, der erst seit Kurzem nach Berlin gekommen war, hauptsächlich, um Moses kennen zu lernen. Rabbi Isaak Satanof konnte seine orientalische Abkunft noch weniger wie Mendelssohn verleugnen. Dafür sprachen die langen, wie Propfenzieher gedrehten, schwarzen Locken, welche unter der hohen Pelzmütze hervorquollen; die gebogene Nase, die dunklen, unstäten Augen und die echt jüdischen Gesten der Hände und des ganzen Körpers, womit er seine Rede zu begleiten pflegte. Trotz seiner schlechten und gebückten Haltung schien er fast noch einmal so groß, wie sein philosophischer Freund zu sein, neben dem er wie ein Riese neben einem Kinde dahinschritt.

Das seltsame Paar mochte die Aufmerksamkeit eines vorübergehenden Officiers auf sich gezogen haben, der sich nicht das Vergnügen versagen konnte, sein Müthchen an den Juden zu kühlen, die zu jener Zeit ein Gegenstand des Spottes und der Verachtung selbst für die besseren Stände waren.

„Jude! Nischt zu handeln?“ fragte der Lieutenant, den buckligen Mendelssohn anstoßend.

„O ja!“ antwortete dieser schnell gefaßt und mit seinem feinen Lächeln. „Nur fürchte ich, daß der Herr Officier von unserer Waare keinen Gebrauch machen kann.“

„Na, womit handelt denn der Mauschel?“

„Mit Witz und Verstnd!“ entgegnete Moses und ließ den verblüfften Officier stehen, der sich, so abgeführt, mit einem lauten Fluch entfernte.

Ohne weitere Abenteuer gelangten die Beiden in Mendelsohns Wohnung, welche in der Spandauerstraße Nummer 68 lag. Das Zimmer, in welches sie traten, war zu Ehren des kommenden Sabbats festlich geschmückt, der Fußboden mit frischem Sand gestreut, der Tisch mit einem reinen, weißen Leinentuch bedeckt, auf welchem die silberne Lampe mit sieben Armen stand, ein Hochzeitsgeschenk des reichen Seidenfabrikanten Bernhard, bei dem Moses, trotz seines hohen Rufes, noch immer als Buchhalter in Diensten stand, zufrieden mit seinem bescheidenen Loose. – Die übrigen Möbel waren überaus einfach, einige Stühle ohne Polster mit hohen Rückenlehnen, ein Bücherschrank, der eine Auswahl der vorzüglichsten deutschen, französischen und englischen Schriftsteller enthielt, dazwischen auch viele seltene hebräische Werke, selbst römische Classiker und griechische Autoren, die letzteren in Uebersetzung. Eine derartige Bibliothek war in dem Hause eines Juden eine unerhörte Seltenheit in damaliger Zeit, wo es fast für ein Verbrechen galt, andere Bücher, als hebräische, zu lesen. Für Moses knüpften sich an diese Bücher noch die schönsten Erinnerungen an die Vergangenheit. Diesen zerlesenen „Cicero“ hatte er für die Ersparnisse gekauft, die er sich an seinem Leibe abgedarbt; er hatte Wochen lang gehungert, um ihn endlich zu erlangen. Heimlich und mit Hülfe eines Lexikons, worin er jedes Wort einzeln nachschlug, hatte er Latein gelernt, oft beim Scheine des Mondes oder im Zwielicht der Morgendämmerung, weil ihm das Geld fehlte, um sich das nöthige Oel für seine Lampe anzuschaffen.

Von heißem Wissensdrange beseelt, war er aus dem kleinen Dessau nach dem großen Berlin gekommen, wo ein neuer Geist unter den Augen des großen Friedrich erwacht war, der Geist allgemeiner Bildung und Aufklärung. Von diesem Geiste wurde auch der arme Judenknabe so mächtig ergriffen, daß ihm kein Opfer, keine Anstrengung, selbst der Ruin seiner Gesundheit, die er durch übermäßigen Fleiß zerstörte, zu groß oder zu schwer schien. Seinen Körper gab er für Geist hin und für Wissen tauschte er Gesundheit ein.

Ein solches Streben konnte nicht unbemerkt bleiben, er fand Freunde und Gönner, die ihn materiell und gelstig unterstützten. Ein junger Arzt gab ihm unentgeltlich Unterricht im Lateinischen, ein College desselben stellte dagegen Mendelssohn selne große und auserlesene Bibliothek zur Verfügung, wodurch er mit der neuesten Literatur, besonders mit den philosophischen Werken eines Leihnitz und Wolf bekannt wurde. Mehrere talentvolle Jünglinge suchten den scheuen Moses auf, der in ihrem Umgange seine bisherige Einseitigkeit verlor und eine neue, weitere Weltanschauung erlangte, als der enge, beschränkte Geist seiner talmudischen Studien gestattete. Er bekam auch später einige Schüler, denen er Unterricht ertheilte, wodurch er den nothdürftigen Lebensunterhalt gewann, der gerade hinreichte, um ihn vor dem Verhungern zu bewahren. Endlich war er Hauslehrer in der Familie des reichen Seidenhändler Bernhard geworden und gegenwärtig Aufseher und Geschäftsführer in dessen Fabrik.

Das Alles erzählte nun Mendelssohn seinem Gaste, den er zu Tische geladen hatte, während die emsige Hausfrau ab- und zuging, um noch allerlei Anordnungen zu treffen. Endlich wurde das Essen von der Köchin aufgetragen und auf den Tisch gesetzt. Der Hausherr erhob sich und sprach den Segen über die geflochtenen und mit Mohn bestreuten Weißbrode, welche am Sabbath in keinem frommen Judenhause fehlen dürfen; ebenso verfuhr er mit dem Weine, den er in den silbernen Becher goß, wobei er ebenfalls einen frommen Spruch hersagte. Der Becher wanderte darauf von Mund zu Mund und Jeder trank daraus nur einen Schluck. Das Mahl war einfach und bestand hauptsächlich aus einem Gericht schmackhaft zubereiteter Fische, welche am Freitag Abend allen anderen Gerichten vorgezogen wurden.

„Laßt es Euch schmecken,“ sagte Mendelssohn zu seinem Gaste, ihn zum Zugreifen einladend.

„Ihr sorgt,“ entgegnete Isaak Satanof im blumigen Styl des Orients, „nicht nur für den Leib, sondern auch für den Geist; Euere Worte sind wie Manna in der Wüste und Euere Lehren wie edler Wein. Ihr seid ein Licht in Israel; um so weniger begreife ich die Vorsehung, daß sie Euch zum Diener eines so rohen und ungebildeten Mannes, wie dieses Herrn Bernhard, gemacht hat, der nichts gelernt hat und in jeder Beziehung weit unter Euch steht. Man möchte sich fast versucht fühlen, an ihrer Weisheit zu zweifeln.“

„Das wäre ein großes Unrecht!“ entgegnete Mendelssohn im milden Tone. „Die Vorsehung weiß, was sie thut, und hat immer Recht, denn wenn ich an der Stelle des Herrn Bernhard wäre und er an der meinigen, so wüßte ich ihn nicht zu gebrauchen; ich könnte ihn nicht anstellen, wie er mich, da er leider nichts gelernt hat.“

„Ja, ja!“ lachte der Gast. „Ihr habt dieses Mal, wie immer, Recht. Die Vorsehung muß für die Dummen sorgen. Dem Einen gibt sie Reichthum, dem Andern Wissen und Gelehrsamkeit. Ihr seid eben so gut, als klug, und darum ertragt Ihr die Ungerechtigkeit des Schicksals mit derselben Sanftmuth, wie die Schmähungen und Verleumdungen der Menschen. Wo mir die Faust zuckt, habt Ihr höchstens ein mitleidiges Lächeln, und wo ich gleich dreinschlagen möchte, da zuckt Ihr nur mit den Achseln. Denkt Ihr, ich habe nicht bemerkt, wie die eifrigen Finsterlinge Euch verwünschten, als wir an ihnen vorüberkamen?“

„Das können sie immerhin thun. Meinetwegen sollen sie mich auch prügeln, wenn ich nur nicht dabei bin,“ scherzte der Philosoph in sokratischer Weise. „Wer die Vorurtheile der Welt bekämpfen will, muß vor allen Dingen Geduld haben. Ihr seid noch immer zu aufbrausend, mein lieber Isaak! Denkt an die Fabel von dem Wanderer mit dem Mantel, den ihm der Sturmwind entreißen wollte. Was that er? Er hüllte sich nur immer fester hinein und gab ihn nicht; als aber die milde Sonne mit ihren erwärmenden Strahlen schien, da legte er ihn von selber ab.“

„Ich an Euerer Stelle hätte schon längst die unfruchtbare Mühe aufgegeben, dies störrige Volk zu bekehren. Was nützen alle Euere guten Lehren, Vorschläge und Arbeiten zur Hebung Israels; hat es nicht ein anderer Moses schon ein hartnäckiges und verstocktes Volk genannt?“

„Und doch hat er es nicht aufgegeben. Wißt Ihr denn nicht, Satanof, daß ein Vater von allen seinen Kindern das schwächste und ungezogenste am meisten liebt, das ihm die größten Sorgen bereitet? Ich werde meine Aufgabe, die mir vorschwebt, nach besten [578] Kräften zu lösen suchen; wenn es mir nicht gelingen sollte, so liegt die Schuld gewiß an mir und nicht an meinen Glaubensgenossen.“

„Und was wollt Ihr aus ihnen machen?“

Aus verachteten Juden geachtete Menschen, aus schachernden Hausirern nützliche Staatsbürger.“

„Und Ihr glaubt, daß die Christen uns eine solche Stellung einräumen werden, selbst wenn wir uns derselben würdig zeigen? Geht, geht, lieber Mendelssohn! Ihr träumt mit offenen Augen. Soll ich Euch erst an den Officier erinnern, der kaum vor einer Stunde Euch beschimpft hat, blos weil Ihr ein Jude seid? Wie er, denken alle Christen.“

„Ich glaube das Gegentheil und hoffe, Euch noch heute Abend von Euerer Ansicht zu heilen.“

„Und ich glaube,“ entgegnete der feurige Gast, die schwarzen Locken schüttelnd, „daß es nicht eher besser wird, bis der Messias kommt, auf den wir warten, der Sohn David’s, der das auserwählte Volk erlösen wird aus der Sclaverei und heimführen in das Land seiner Väter; bis die Zeit kommt, von der geschrieben steht in den heiligen Büchern, von welcher die Propheten verkündet haben, daß sie nicht ausbleiben soll nach den Tagen des Trübsals und des Elends.“

Mendelssohn antwortete nicht, sondern schüttelte nur lächelnd das weise Haupt; er nöthigte den Gast, von den aufgetragenen Speisen zu genießen, wozu derselbe sich auch nicht lange bitten ließ. Als das Mahl zu Ende war, sprach der Wirth den üblichen Segen, dann rief er seine Kinder, denen er mit einem frommen Spruch die Hände auf den Kopf legte, worauf sie von der sorgsamen Mutter zu Bette gebracht wurden.

Die beiden Männer blieben allein zurück und vertieften sich in gelehrte, talmudische Gespräche, als die Thür sich öffnete und mehrere Herren eintraten, von denen einer von Mendelssohn mit lautem, freudigem Ausrufe begrüßt wurde. Der neue Gast konnte ungefähr in den dreißiger Jahren stehen; er war von mittlerer Größe, breitschulterig und kräftig gebaut; die majestätische Stirn mit den zurückgestrichenen Haaren und vorzüglich die scharfen, durchdringenden Augen verkündigten schon äußerlich einen ungewöhnlichen Geist. In seinem ganzen Wesen lag etwas Festes, Energisches, verrieth sich bereits der abgeschlossene Charakter, wie es bei deutschen Gelehrten nur selten angetroffen wird. Sein vorwiegender Verstand und manche bittere Lebenserfahrung gaben ihm einen ernsten Anstrich; doch konnte er auch selbst heiter bis zur Ausgelassenheit erscheinen; sein Lächeln war dann bezaubernd und von hinreißender Liebenswürdigkeit. In den offenen Zügen herrschte eine unverkennbare Gutmüthigkeit vor, die freilich weit entfernt von unmännlicher Schwäche war. Man sah es den festen, ausgeprägten Linien des Gesichtes sogleich an, daß man es mit einem rücksichtslosen Forscher zu thun hatte, dem die Wahrheit mehr als Alles galt. Ungeachtet einer gewissen Bescheidenheit, womit er auftrat, zeigte er doch das Bewußtsein seiner geistigen Ueberlegenheit, die er zwar nur seinen Gegnern, niemals aber seinen Freunden empfinden ließ. Unwillkürlich wurde man durch seine Erscheinung an die Worte Shakespeare’s erinnert:

„Nehmt Alles in Allem; er war ein Mann.“

„Willkommen, mein lieber Lessing!“ rief ihm jetzt Mendelssohn entgegen, indem er ihm die Hand bot. „Willkommen, Ramler, Nikolai und Sulzer! Einen solchen Besuch hab’ ich für heute kaum noch erwartet.“

„Wir hatten uns schon längst vorgenommen,“ entgegnete Lessing, „Sie zu überfallen, da wir wußten, daß Sie am Freitag Abend sicher anzutreffen sind. Ich hatte wieder einmal Lust, mich mit Ihnen herumzustreiten und zur Abwechselung auch eine Partie Schach zu ziehen.“

„Das trifft sich prächtig,“ sagte Mendelssohn, indem er auf Satanof zeigte. „Sie finden hier einen Meister, vor dem ich die Segel streichen muß.“

Erst jetzt bemerkte Lessing den polnischen Juden, der sich bisher verlegen, fast scheu im Hintergrunde gehalten hatte.

„Gut! Ich will mit Ihrem Gast eine Partie spielen, während Sie mit unseren Freunden Philosophie und Aesthetik treiben. Ich höre doch zu und wenn Ihr es mir zu toll macht, so fahr’ ich nach meiner gewohnten Weise mit dem kritischen Besen in Euere metaphysischen Spinneweben.“

Schüchtern folgte Isaak der ehrenvollen Einladung des berühmten Gelehrten, dessen Name und Schriften ihm nicht unbekannt geblieben waren. Gern hätte er ihm seine Bewunderung zu erkennen gegeben, aber die den besseren Juden fast angeborene Furcht, zudringlich zu erscheinen, schloß ihm den Mund. Das Spiel begann und schon nach einigen Zügen erkannte Lessing, daß er es mit einem ausgezeichneten Meister im Schach zu thun hatte; auch das geistreiche Gesicht Satanof’s flößte ihm Interesse ein. Er strengte sich an, die Partie zu behaupten, aber weil er zugleich auf das Gespräch der Uebrigen achtete und von Zeit zu Zeit seine scharfen Bemerkungen dazwischen warf, kam es wohl, daß er einige Fehler machte und Blößen gab, die indeß sein Gegner nicht benutzen wollte. Als sich dieser Umstand indeß mehrere Male wiederholte, wurde auch von Lessing das nachsichtige Benehmen des Juden bemerkt.

„Ihr schont mich, guter Freund!“ sagte Lessing. „Aber ich will nicht geschont werden. Warum benutzt Ihr Euren Vortheil nicht.“

„Vielleicht,“ entgegnete Satanof, „lasse ich mir einen kleinen Profit entgehen, um einen weit größeren zu haben.“

„Das läßt sich hören, doch wir spielen nicht um Geld. Ihr könnt mir daher nichts abgewinnen.“

„Muß es denn immer Geld sein, was man gewinnen will?“

„Ihr seid ein Jude, und verachtet das Geld?“ bemerkte Lessing mit einem freundlichen Lächeln, das seine Worte mildern sollte.

„Das nimmt Sie freilich Wunder, aber der Talmud sagt: Wissen ist mehr als Gold und Silber werth, es kann Dir nicht gestohlen werden; es ist wie der Ring des weisen Salomo, welcher Gewalt gibt über die Geister in der Höhe und Tiefe, der dem Besitzer alle Schätze der Welt verschafft.“

„Ich wollte, daß Ihr die Wahrheit sagtet,“ scherzte Lessing. „Mir hat mein ganzes Wissen noch nicht so viel eingetragen, daß ich ohne Sorge leben kann.“

„Weil Ihr Sinn nicht auf den irdischen Erwerb gerichtet ist, weil ein höheres Ziel vor Ihren Augen schwebt. Sie haben gesucht die Wahrheit und gefunden, um deretwillen ich hierher gekommen bin, und verlassen habe meine polnische Heimath, von Durst nach der Wissenschaft gequält, welche hier lebendig fließen soll.“

„Ich habe die Wahrheit gesucht,“ wiederholte Lessing nachdenklich, „aber nicht gefunden. Wer kann sich rühmen, sie gefunden zu haben? Auch wäre sie kein Glück. Nicht die Wahrheit, in deren Besitz irgend ein Mensch ist, oder zu sein vermeint, sondern die aufrichtige Mühe, die er angewandt hat, hinter die Wahrheit zu kommen, macht den Werth des Menchen. Denn nicht durch den Besitz, sondern durch die Nachforschung der Wahrheit erweitern sich seine Kräfte, worin allein seine immer wachsende Vollkommenheit besteht. Der Besitz macht träge, stolz. – Wenn Gott in seiner Rechten alle Wahrhell, und in seiner Linken den einzig immer regen Trieb nach Wahrheit, obschon mit dem Zusatze, mich immer und ewig zu irren, verschlosssen hielte und spräche zu mir: wähle! ich fiele ihm mit Demuth in seine Linke und sagte: Vater, gib! Die reine Wahrheit ist ja doch nur für Dich allein!“

„Bei Gott!“ rief Satanof mit leuchtenden Augen. „Sie haben gesprochen, wie unsere weisesten Gelehrten. Wenn Alle so dächten, wie Sie, würde kein Zank und Streit mehr sein in der Welt, Keiner dem Andern vorwerfen, daß er irrt, Niemand mehr verfolgt werden wegen seines Glaubens und seiner Religion.“

In einem Enthusiasmus war der Jude mit echt orientalischer Lebendigkeit aufgesprungen, und hatte die Schachfiguren in einander geworfen, so daß das Spiel nicht mehr fortgesetzt werden konnte. Auch Lessing trat jetzt zu den Uebrigen, um an der allgemeinen Unterhaltung Theil zu nehmen. Dieselbe drehte sich um die Ernennung Mendelsohn’s zum Mitgliede der Berliner Akademie, welche indeß von Friedrich dem Großen nicht gut geheißen wurde, indem der sonst so tolerante König mit eigener Hand den Namen des jüdischen Philosophen von der Liste der vorgeschlagenen Candidaten gestrichen hatte.

„Es ist kaum glaublich,“ bemerkte Professor Sulzer, „daß Friedrich der Große, der gekrönte Philosoph, bei seinen bekannten Ansichten über Religion so handeln konnte.“

„Ich habe keinen Grund,“ entgegnete der milde Mendelssohn, „mich über den König zu beklagen. Er hat bereits mehr für mich gethan, als ich billiger Weise fordern konnte. Hat er mir nicht voll Gnade das Bürgerrecht und die Erlaubniß, in Berlin zu wohnen, ertheilt, da ich bisher nur als Dienstbote meines Brodherrn Bernhard geduldet wurde, und jeden Augenblick ausgewiesen werden konnte.“

„In der That,“ rief der Buchhändler Nikolai. unsere Enkel werden es für Verleumdung halten, wenn sie einst hören, daß der [579] weise Mendelssohn nur seiner Eigenschaft als Diener seinen Aufenthalt in Berlin zu danken hatte, daß er erst nach wiederholten Bitten und den dringendsten Empfehlungen eines Franzosen und persönlichen Freundes des Königs das Bürgerrecht, aber nur für seine Person und nicht einmal für seine Kinder, erlangen konnte.“

„Das ist nun die gepriesene Toleranz und Aufklärung in Berlin,“ fuhr Lessing auf. „Sie beschränkt sich lediglich darauf, von der Religion so viel Schlimmes als möglich zu sagen, und den Glauben zu verspotten.“

„Wenn man Sie so reden hört,“ entgegnete Nikolai, „weiß man wirklich nicht, woran man mit Ihnen ist. Die Theologen glauben, daß Sie ein Freigeist sind, und die Freigeister, daß Sie ein Theolog geworden.“

„Mögen sie von mir halten, was sie wollen. Mein Glaube ist, daß die Religion nur dazu dienen soll, die Menschen zu erziehen, sie sittlicher und humaner zu machen, Duldung und Liebe zu verbreiten. Ich will kein Freigeist, aber noch weniger so ein intoleranter Pietist sein, der da meint, die Seligkeit allein gepachtet zu haben, und gleich mit Feuer und Schwert dreinschlagen will, wenn ein Mann eine andere Ansicht hat, als er. Nur gegen diese blinden Eiferer gedenk’ ich meine Waffen noch einmal zu erheben. Wie wenig verstehen sie den wahren Geist des Christenthums, wie wenig beherzigen diese das Wort des milden Johannes, des Lieblingsschülers unsers Herrn! Als dieser alt und schwach geworden war, so daß ihn seine Schüler in die Kirche tragen mußten, wo er, anstatt wie sonst zu predigen, nur einige Worte mühsam vorbringen konnte, sprach er nur das einzige und wiederholte es immer wieder: „Kindlein, liebet einander!“ Seine Schüler und die übrigen Zuhörer wurden darüber auf die Länge der Zeit ungeduldig und fragten: „Meister, warum redest Du immer dasselbe?“ – „Weil,“ antwortete der würdige Greis, „die Liebe das Gebot Gottes ist, und allein schon zur Seligkeit hinreicht.““

„Damit kommen Sie schön bei unseren Theologen und Orthodoxen an,“ bemerkte Ramler, der bisher nach seiner Gewohnheit still geschwiegen hatte.

„O!“ entgegnete Lessing, „diesen Herren kann ich noch mit einer andern Geschichte dienen, die ich im Dekameron des Boccaccio gefunden habe, worin mehr Toleranz zu finden ist, als in all’ den Schriften des windbeuteligen Monsieur Voltaire, von dem der König so entzückt ist, daß er ihn allen deutschen Schriftstellern vorzieht.“

„Lassen Sie uns Ihre Geschichte hören, lieber Lessing!“ bat Mendelssohn.

„Ein Jude,“ begann Lessing, „so klug und auch so mild wie unser Moses hier, wurde von dem Sultan gefragt, welche Religion er für die beste halte.“

„Eine schwierige Frage,“ bemerkte Mendelssohn, „und besonders, wenn ein Sultan sie an einen armen Juden richtet, der dadurch in die größte Verlegenheit gerathen mußte.“

„Hören Sie, wie sich unser Jude aus dieser Schlinge gezogen hat. Er erzählte dem Sultan eine Geschichte, die ungefähr folgendermaßen lautete. Vor Jahren lebte ein reicher Mann, der drei Söhne besaß, welche er gleich lieb hatte. Unter den Schätzen, mit denen ihn der Himmel gesegnet hatte, befand sich auch ein kostbarer Ring, der die Eigenschaft hatte, daß er dem Besitzer Macht und Ansehn verlieh und ihn zugleich beliebt vor Gott und Menschen machte. Als der Vater sein Ende nahe fühlte, gerieth er in die größte Verlegenheit, indem er nicht wußte, welchem der drei Söhne er den Ring und mit ihm die ganze Erbschaft, wie es in der Familie bräuchlich war, lassen sollte, weil er alle Drei eben so sehr liebte und Keinen kränken wollte. Außerdem hatte er mit zärtlicher Schwachheit Jedem von ihnen diesen Wunderring schon früher zugesagt. Was nun beginnen? Da gerieth er auf einen Ausweg; er ließ von einem geschickten Meister noch zwei falsche Ringe anfertigen, die dem wahren so ähnlich waren, daß sie kein menschliches Auge und selbst er nicht zu unterscheiden vermochte. Als er nun auf dem Sterbebette lag, ließ er seine Söhne einzeln kommen, segnete sie und gab Jedem heimlich den Ring und somit das Anrecht auf die gesammte Erbschaft. Kaum hatte der Vater die Augen geschlossen, als jeder der Söhne die Erbschaft für sich beanspruchte, weil er sich im Besitz des Ringes wußte und diesen vorzeigte. Natürlich behauptete jeder, den echten Ring allein zu haben, und erklärte die andern beiden Brüder für Betrüger und Fälscher. Der Streit wurde immer heftiger und endlich kamen die Söhne überein, ihre Ansprüche vor dem Richter geltend zu machen. Dieser war ein weiser Mann und hörte sie ruhig an.“

„Ich bin wirklich neugierig auf das Urtheil,“ bemerkte Professor Sulzer.

„Und ich kann es mir denken,“ sagte Satanof; „der weise Richter wird durch das Loos entschieden haben, da es nach meiner Meinung kein anderes Mittel gab.“

„Dann wäre er der weise Richter nicht,“ meinte Mendelssohn mit sanftem Lächeln. „Irre ich nicht, so besaß der wahre Ring die Eigenschaft, den Besitzer beliebt vor Gott und Menschen zu machen. Dies Kennzeichen mußte nach meiner Ansicht den Ausschlag geben. Dem besten der Söhne gebührte die Erbschaft, demjenigen vor Allen, welcher sich durch sein Betragen als der Würdigste im Lauf der Zeit erwiesen.“

„Und konnte der weise Richter nicht auch sagen: Eure Ringe sind alle drei nicht echt. Der echte Ring ging vermuthlich verloren? Und hiermit endet meine Geschichte, die ich dem Boccaccio entlehnt.“

Als Lessing jetzt schwieg, waren alle Anwesende von seinen Worten tief ergriffen; erst nach einer längeren Pause brach der Dichter Ramler das allgemeine Stillschweigen.

„Und die Moral,“ fragte er ernst, „die Moral der Geschichte?“

„Liebet einander,“ entgegnete Mendelssohn, „beweist durch Duldung, Nachsicht und Menschenfreundlichkeit, daß Ihr den wahren Ring besitzt. Das soll von nun an unser einziges Streben sein.“

„Ja!“ rief Lessing mit einem sonst an ihm nicht gekannten Feuer. „Wir wollen insgesammt nach dem echten Ringe suchen, der, wie der weise Richter sagt, verloren gegangen ist. Die Liebe, welche schon Johannes gepredigt hat, soll unsere Führerin auf den richtigen Weg sein; die Toleranz uns zur Seite stehn. Ich verstehe freilich darunter nicht jene schwächliche, weichliche Nachsicht auch mit dem Schlechten und mit den Vorurtheilen der Menge. Gerade gegen diese müssen wir mit aller uns zu Gebote stehenden Kraft ankämpfen. Unsere Bundesgenossin aber soll die Wissenschaft werden, welche in Deutschland aus dem Todesschlaf erwacht, die Fackel schwingt, vor der die Nachteulen und Fledermäuse des Aberglaubens, der Verfolgungssucht und der geistigen Inquisition fliehen müssen. Dann wird die Zeit kommen, die Zeit der Vollendung, der nach meinem festen Glauben die Menschheit trotz aller Hemmungen und Hindernisse unaufhaltsam entgegengeht, die Zeit eines neuen Evangeliums für Alle, zu welcher Religion sie sich auch äußerlich bekennen mögen.“

„Amen!“ rief Mendelssohn mit gefalteten Händen und mit seinen Blicken an den Lippen des Freundes hängend.

„Und der Messias?“ fragte Rabbi Satanof hartnäckig. „Der Messias, wird er dann kommen?“

„Jene Zeit bringt Allen und auch den Juden sicher die Erlösung,“ entgegnete der weise Moses lächelnd. „Der Messias wird nicht ausbleiben, mein lieber Freund!“

„Ich verstehe Euch jetzt,“ antwortete der Jude. „Unser Messias heißt Liebe mit Wissen verbunden und dort Herr Lessing ist sein Verkündiger. Mir ist’s, als hätt’ ich ein Gesicht gehabt, als wäre der Geist des Ewigen hier unter uns.“

Lessing nahm die Hand des Rabbi, die ihm dieser hinreichte, und drückte sie; als er die seinige zurückzog, glänzte sie von einer Thräne, die der Jude darauf fallen ließ.

Einige Jahre später hat Lessing die „Geschichte der drei Ringe“ zu einem Drama benutzt, das seinen Namen unsterblich gemacht hat. Nathan der Weise war sein Freund Mendelssohn, der ihm die Umrisse zu diesem herrlichen Charakter lieferte; Rabbi Isaak Satanof aber wurde von dem Dichter in der Figur des ehrlichen Schach spielenden Derwisch gezeichnet.

Max Ring.