Ein Märtyrer der Freiheit

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Autor: Max Ring
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Titel: Ein Märtyrer der Freiheit
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aus: Die Gartenlaube, Heft 18, S. 297–299
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[297]
Ein Märtyrer der Freiheit.
„Scheltet mich einen Träumer, einen Schwärmer, einen Thoren, wenn’s beliebt, aber Ihr könnt mir das Credo meines ganzen Lebens nicht aus dem Herzen reißen: in fünf Jahrhunderten ist das Erdenrund germanisch vermittelt. Drum stimme auch du, täglich kleiner werdendes Häuflein der Männer, die ihr den schönen hohen Traum träumtet von einem gewaltigen, mächtigen deutschen Freistaate, ihr, deren Haar die Sorgen des Exils gebleicht, auf deren Antlitz die Mühen Furchen gezogen und deren müder Leib sich sehnt einzugehen zur ewigen Freiheit, drum stimmt auch ihr in den Ruf ein: ‚O Freiheit, laß deine Diener in Frieden scheiden, denn sie haben ihrer Nation Kraft und Herrlichkeit geschaut!‘ Hochauf, mein Volk! Heil dir, mein Vaterland!“ Fr. Hecker’s Schlußworte aus seiner in St. Louis gehaltenen Friedensfestrede.
Die Gartenlaube (1871) b 297.jpg

Jacob Venedey.

Im Winter des Jahres 1869 sah man in Berlin in den liberalen Kreisen einen ältern Herrn, dessen hohe schlanke Figur ihm trotz des vorgerückten Alters eine gewisse Jugendlichkeit verlieh. Auch sein Gesicht mit der hohen Stirn, von langen blonden bereits in’s Graue spielenden Haaren umgeben, mit den treuen, blauen Augen, dem freundlichen Mund und den feinen Zügen verriethen eine gewisse Kindlichkeit, eine Reinheit und Idealität, wie sie nur selten gefunden wird, nachdem die Illusionen des Lebens entschwunden.

[298] Der schwarze, altdeutsche Rock mit einer Reihe Knöpfe erinnerte an den alten Burschenschafter; sein ganzes Wesen und Benehmen hatte etwas Vormärzliches, Naives und hoch Ehrenfestes und Energisches, etwas von jenem sittlichen Pathos, von jener Ueberzeugungstreue und Opferfähigkeit, von jener Innerlichkeit und Wahrheit, die unserer materiellen Zeit trotz alles Geistes und anderer Vorzüge mehr oder minder zu fehlen scheint.

Das war Jacob Venedey, einer der edelsten Deutschen, ein wahrer Märtyrer der Freiheit, der unermüdliche Kämpfer für Wahrheit und Recht, der als Mann und Greis sich die Ideale seiner Jugend bewahrt und bis zu seinem letzten Athemzuge dafür gelitten und gestritten hat.

Er war wenige Tage nach dem Tode Schiller’s und vor der Aufhebung des republikanischen Kalenders in Frankreich, zu Köln am 24. Mai 1805, oder wie man damals noch am Rhein schrieb, am 13. Floréal des Jahres Dreizehn der Republik, geboren. Die ersten Lieder, die das Kind aus dem Munde seines Vaters vernahm, waren die Marseillaise und Schiller’s Lied an die Freude: „Seid umschlungen, Millionen, diesen Kuß der ganzen Welt!“

Sein Vater war der Notar und Republikaner Michel Venedey, der eine hervorragende Rolle während der ersten französischen Revolution in Köln spielte, ein edler Freiheitsschwärmer, einer jener rheinischen Patrioten, die wie Görres und Forster von der Erhebung des Volkes träumten, bis sie der eisene Despotismus des ersten Napoleon weckte und enttäuschte. In der Stunde, wo Bonaparte die Republik vernichtete, faßte der alte Venedey den Entschluß, den Staatsdienst zu verlassen. „Ich habe der Republik gedient, ich diene keinem Menschen, keinem Despoten!“ war der Gedanke, der ihn bei diesem Schritte leitete. Noch nach langen, langen Jahren schrieb er seinem Sohne: „Ich weinte damals, wie man weint über den Tod eines Freundes, den Tod der Heißgeliebten.“

Unter solchen Eindrücken und Erinnerungen wuchs der Knabe auf; er sah die Jahre der Schmach für das geliebte Vaterland unter dem eisernen Joch und dem Druck der Fremden; aber auch die Zeit der Erhebung und Befreiung, der flammenden Begeisterung. Auf dem Lande, wohin der Vater sich zurückgezogen hatte, entwickelte er sich kräftig, gesund an Leib und Geist, in Gesellschaft der Bauernkinder und Hirtenbuben, mit denen er das Vieh weidete auf dem „Beckerader Hofe“, der seiner Familie gehörte. „Wer sein Kind lieb hat,“ schreibt er später, „und aus seinem Sohne einen Mann, heller im Kopf, frischer im Herzen und stärker in Mark und Bein, als dies bei Stadtkindern möglich, erziehen will, der schicke ihn vom vierten bis zum siebenten Jahre in die Schule der Hirtenbuben auf der Wiese und im Buchenwalde des Beckerader Hofes.“

Daneben lernte er die Anfangsgründe der Wissenschaft, wenn ihm auch das ABC nicht leicht in den Kopf wollte. Nachdem er vom Lande nach Köln zurückgekehrt war, kam er auf die Schule und auf das Gymnasium und machte so tüchtige Fortschritte, daß er noch jung die Universität bezog und zuerst in Bonn, später in Heidelberg studirte.

Selbstverständlich wurde Venedey ein eifriger Burschenschafter, begeistert für die deutsche Einheit und Freiheit, ein jugendlicher Schwärmer für die schwarz-roth-goldenen Farben, die damals so verpönt waren, daß ihre Träger von den Regierungen verfolgt und eingekerkert wurden. Auch Venedey mußte seine Liebe schwer büßen und sah sich gezwungen, seine Heimath zu verlassen, wo er an der Seite seines Vaters sich der Advocatur widmete. Eine von ihm 1832 veröffentlichte Schrift über die damals verhaßten „Geschwornengerichte“ raubte ihm jede Aussicht auf eine Anstellung; hiermit endete seine Staatscarrière und fortan diente er nicht mehr der Regierung, sondern nur – dem deutschen Volke.

Zunächst wandte er sich nach Süddeutschland, wo er an dem „Hambacher Feste“ theilnahm und an dem in Mannheim erscheinenden „Wächter am Rhein“ ein eifriger Mitarbeiter wurde. Aber auch hier verfolgte ihn das Schicksal, das ihn zum Märtyrer der Freiheit bestimmt zu haben schien. Ein preußischer Polizeispion, der die Maske des Liberalismus trug und das Vertrauen des arglosen Venedey mißbrauchte, denuncirte ihn und veranlaßte seine Verhaftung. In der Dunkelheit machte der Eingekerkerte einen Fluchtversuch aus seinem Gefängnisse, wobei er jedoch stürzte und sich den Fuß verrenkte. Die preußische Regierung, welche damals auf Metternich’s Veranlassung die traurige Schergenrolle gegen die sogenannten Demagogen übernommen hatte, verlangte Venedey’s Auslieferung.

Wie ein Verbrecher wurde er mit Ketten belastet, zu Fuß von Mannheim nach Frankenthal transportirt, wo ihm jedoch ein zweiter, ebenso kühn erdachter, als energisch ausgeführter Fluchtplan besser glückte. Unter mancherlei Abenteuern und nicht ohne Gefahr kam er über die französische Grenze zunächst nach Nancy und später nach Paris, wo er sich niederließ und eine Monatsschrift unter dem Titel „der Geächtete“ herausgab.

Die Polizei des Bürgerkönigs Louis Philipp ließ ihm jedoch keine Ruhe und verfolgte den Flüchtling mit demselben Eifer, wie ihre deutsche Collegin, indem sie ihn nach Havre verwies, wo er sich längere Zeit aufhielt und mit schriftstellerischen Arbeiten beschäftigte. Erst den Bemühungen der beiden französischen Gelehrten, des berühmten Arago und Mignet, die seinem Werke „Römerthum, Christenthum, Germanenthum“ höchste Anerkennung zollten, gelang es, ihm die Rückkehr nach Paris zu erwirken, wo er bis zum Jahre 1848 als Correspondent verschiedener angesehener deutscher Zeitungen lebte.

Auf das Innigste mit dem gleichgesinnten Börne und mit den französischen Republikanern befreundet, gerieth der durch und durch biedere und ehrliche Venedey mit dem politisch grundsatzlosen, aber höchst witzigen Heine in ärgerliche Streitigkeiten, wobei er seinem Gegner zur Zielscheibe einer ebenso kränkenden als unverdienten Satire diente. Wenn auch Heine an Geist und Witz dem edlen Schwärmer überlegen war und die Lacher auf seiner Seite hatte, so trug Venedey’s unzerstörbare Gutherzigkeit und Großmuth den Sieg davon, indem er rein und geachtet aus dem Kampfe hervorging, da er, im Besitz der compromittirendsten Briefe und Schriftstücke von Heine’s Hand, es verschmähte, einen unehrenhaften Gebrauch davon zu machen und sich an dem ungezogenen Liebling der Grazien zu rächen.

Das Sturmjahr 1848 führte auch Venedey in das stets heiß geliebte Vaterland zurück, wo er zunächst von dem deutschen Volke in den Fünfziger-Ausschuß und später in das Frankfurter Parlament gewählt wurde. Getreu den Idealen seiner Jugend kämpfte er für die Freiheit, ohne jedoch in jenen Radicalismus zu verfallen, dem die unverständige Menge damals zujauchzte. So kam es, daß er, der ehrlichste Demokrat, vielfach angefeindet, verspottet und verhöhnt, besonders aber wegen seines gläubigen Enthusiasmus von dem geistreichen Skeptiker Karl Vogt oft in rücksichtsloser Weise angegriffen wurde. Als es aber darauf ankam, seiner Ueberzeugung zu folgen und die Treue zu bewähren, da war Venedey wieder einer der Vordersten, der mit dem Rumpf des deutschen Parlaments nach Stuttgart ging, ohne vor den voraussichtlichen Verfolgungen zurückzuschrecken.

Nachdem die deutsche Volksvertretung den Bajonneten der Reaction erlegen, bot Venedey der damaligen Regierung in Schleswig-Holstein seine Dienste an. Abschläglich beschieden, wandte er sich nach Berlin, von wo er durch den allmächtigen Polizeipräsidenten Hinckeldey ausgewiesen wurde. Das gleiche Loos traf ihn in Breslau, bis er endlich, von Ort zu Ort getrieben, ein Asyl in Zürich suchte, wo er sich als Docent der Geschichte an der dortigen Universität niederließ. Im Jahre 1854 heirathete er die Wittwe des gleichfalls wegen seines Liberalismus verfolgten Gustav Obermüller, mit der er bis zu seinem Ende in der glücklichsten Ehe lebte.

Da sich seine Hoffnung auf eine Anstellung im Polytechnicum nicht verwirklichte und seine Frau sich mit dem Schweizer Leben nicht befreunden konnte, so kehrte er wieder nach Deutschland zurück, wo er einige Zeit in Heidelberg bei dem bekannten Chemiker Moleschott von dem spärlichen Ertrage seiner schriftstellerischen Arbeiten lebte, der jedoch trotz aller Einschränkungen selbst nicht für die bescheidensten Bedürfnisse hinreichte.

Unter diesen Verhältnissen zog es Venedey vor, Heidelberg zu verlassen und mit dem billigeren Aufenthalte auf dem Lande zu vertauschen. Mit dem Rest seines zusammengeschmolzenen Vermögens kaufte er für vierzehnhundert Gulden in Oberweiler, nahe bei Badenweiler, eine hundertfünfzig Jahre alte Bauernhütte, die er sein „Rasthaus“ nannte. Während er hier fleißig an seiner deutschen Geschichte und anderen Werken arbeitete, eröffnete seine Frau eine Pension für Sommergäste, die einen guten Fortgang hatte, so daß sich Beide in den Stand gesetzt fanden, das kleine Grundstück durch Ankauf einiger daran liegenden Wiesen zu vergrößern.

[299] In seinen Mußestunden, wenn er die Feder aus der Hand legte, griff das frühere Mitglied des Parlaments, der bekannte Schriftsteller, wie ein alter Römer zur Schaufel und Harke. Um den Tagelohn zu ersparen, ebnete er selbst die Wege und pflanzte mehrere Tausend junge Bäume, die lustig aufwuchsen und einen schattigen Park bildeten, der bis dahin seiner Besitzung gefehlt hatte. Zugleich faßte er den Gedanken, in diesen neuen Anlagen ein kleines Sommerhaus zu errichten, worin seine Frau den Gästen Kaffee reichen sollte, da es noch immer am Besten fehlte und das Grundstück verschuldet war.

Diese Hoffnung wurde jedoch von ruchloser Hand zerstört. An dem Tage, wo das Sommerhaus eingeweiht werden sollte, ging dasselbe in Flammen auf. Trotzdem die spätere Untersuchung den unumstößlichen Beweis lieferte, daß das Feuer von einem boshaften Arbeiter angelegt worden war, ging die badische Bureaukratie in ihrem Haß gegen den demokratischen Volksmann und in ihrer unbegreiflichen Verblendung so weit, Venedey selbst und seine Frau der Brandstiftung am eigenen Hause zu beschuldigen. Obgleich von allen Seiten seine Freunde herbeieilten und durch wohlgemeinte Sammlungen ihn in den Stand setzten, das niedergebrannte Sommerhaus wieder aufzurichten, so konnte er doch die ihm zugefügte Kränkung nicht so leicht überwinden, noch dazu, da das neue Haus von derselben ruchlosen Hand noch einmal angezündet wurde. Der Aufenthalt auf dem Lande war ihm verleidet, und er nahm daher mit Freuden das Anerbieten der „Neuen freien Presse“ an, als ihr Berichterstatter nach Berlin zu gehen, wo er bis zum März des Jahres 1870 verweilte und zu den alten Freunden zahlreiche neue sich erwarb. – Durch vielseitige Beweise der Liebe und Anerkennung, die ihm hier zu Theil wurden, gehoben und gestärkt, kehrte er mit seiner Familie nach Oberweiler zurück. Durch den bald darauf ausgebrochenen Krieg mit Frankreich gerieth jedoch Venedey in neue Conflicte, zu denen sich noch pecuniäre Verlegenheiten gesellten, da die erwarteten Sommergäste aus Furcht vor dem nahen Kriege ausblieben. Der alte Burschenschafter, der die Freiheit des Vaterlandes ebenso sehr und noch mehr als die Einheit liebte, der Feind jedes militärischen Despotismus fühlte während dieses Kampfes seine Brust von den widersprechendsten Gefühlen zerrissen. Als deutscher Patriot mußte er den Sieg seinen Brüdern wünschen, als Demokrat konnte er seine liberalen Sympathien ebenso wenig verleugnen. Dieser Widerspruch brach ihm das Herz und legte den Keim zu seinem Tode.

In diesem Sinne schrieb er jenen Artikel für die „Neue freie Presse“, „Vae Victoribus“, der ein so großes Aufsehen erregte, und ihm, dem besten und ehrlichsten Sohne seines Volkes, den Namen eines Verräthers von Seiten des fanatischen Pöbels eintrug, welcher ihn sogar mit dem Tod durch Erschießen bedrohte. Von Neuem war ihm die Heimath verleidet; er ging nach Stuttgart, um dort für die gute Sache zu wirken, wohin seine Familie vor dem drohenden Einbruch der Franzosen ihm später folgte. Als die Gefahr glücklich durch den Sieg der Deutschen vorübergegangen war, kehrte er in sein verlassenes Rasthaus nach Oberweiler zurück.

Innerlich gebrochen, arbeitete er fleißiger als je, um die Seinigen vor der dringenden Noth zu schützen. Aber seine Manuscripte wurden von verschiedenen Redactionen und Verlegern zurückgewiesen, weil er es nicht verstand, gegen seine bessere Ueberzeugung zu schreiben. Unter solchen Umständen mußte seine Lage sich nur verschlimmern, trotz aller Mühen, trotz seiner immer neuen Anstrengungen. Dazu kamen noch die vielen Angriffe und Beschuldigungen, indem selbst frühere Gesinnungsgenossen ihn für einen Söldling Bismarck’s ausschrieen, weil er anderer Meinung war, als sie, und sich nicht scheute, dieselbe offen auszusprechen. Gegen diese lächerliche Anklage schrieb er in einem Briefe an einen bekannten Journalisten:

„In welchem Dienste ich schreibe? O, das wissen Sie ja! Im Dienste des Vaterlandes. Und wenn Sie wissen wollen, was dieser Dienst einträgt, so könnte ich Ihnen die Quittung des Leihhauses zu Freiburg schicken, wo ich unter andern die silberne Zuckerdose, die mir die Jenaer Burschenschaft geschenkt hat, mit unseren silbernen Eßlöffeln versetzt habe, um, wenn es nöthig wäre, unser Rasthaus zu verlassen, das nöthige Reisegeld zu haben. Ich diene mit Stolz einem Herrn, der schlecht zahlt, und habe mein ganzes Leben lang ihm mit Stolz gedient, um heute wie vor vierzig Jahren zu sagen: Das Vaterland über Alles!“

Noch einmal leuchtete ihm ein Lichtstrahl, die Aussicht, in den Reichstag gewählt zu werden, die ihn mit Freuden erfüllte, nicht wegen der damit verbundenen Auszeichnung, sondern wegen der erhofften Gelegenheit, sich öffentlich von der Tribüne herab gegen all’ die gemeinen Verleumdungen vertheidigen zu können. Bevor jedoch dieser Wunsch ist Erfüllung ging, erkrankte Venedey an einer Lungenentzündung, die seinem Leben ein Ende machte. Während seiner Krankheit rief er öfters: „O, nur jetzt nicht sterben, als bezahlter Verräther, von der eigenen Partei verkannt und beschimpft!“ Im Verlauf seiner Leiden, als die Besinnung ihn verließ, glaubte er auf der Tribüne des Reichstags zu stehen; er sprach voller Pathos von dem deutschen Volk, von Freiheit und Grundrechten, von Glaubensfreiheit und Ultramontanismus. In seinen letzten Tagen beschäftigte er sich mit Gambetta und Garibaldi, den er persönlich liebte, wenn er ihn auch verdammte, er sprach mit Beiden französisch und sagte von dem Ersteren: „Alle Welt glaubt an Gambetta, aber er selbst glaubt nicht an sich, und das ist der Grund seines Sturzes!“ So umschwebten ihn auf dem Todtenlager deutsche und französische Erinnerungen, wie den Knaben die Marseillaise und Schiller’s Lied an die Freude einst umschwebt.

Jetzt ruht der alte treue Kämpfer unter den Tannen des Schwarzwaldes von allen seinen Leiden aus, beweint von seiner hinterlassenen Gattin und zwei hoffnungsvollen Söhnen in dem Alter von elf bis vierzehn Jahren, betrauert von seinen Freunden und geachtet selbst von seinen Gegnern, die ihr schweres, an ihm begangenes Unrecht nach seinem Tode zu spät einsehen. Er selbst war als Schriftsteller und Volksmann einer der edelsten und reinsten Charaktere unserer Zeit, treu den Idealen der Jugend, selbstlos und begeistert für die Freiheit und Größe seines Volkes, für die höchsten Ziele der Menschheit, und darum ein leuchtendes Vorbild in einer Zeit, die zwar reich an talentvollen und geistreichen Männern, aber leider arm an jenen festen und uneigennützigen Charakteren ist, unter denen Venedey vor Allen genannt zu werden verdient.
Max Ring.