Ein Waldspaziergang

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Textdaten
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Autor: Hermann Löns
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Titel: Ein Waldspaziergang
Untertitel:
aus: Der zweckmäßige Meyer. Ein schnurriges Buch, S. 94–100
Herausgeber:
Auflage: 1.–4. Tausend
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1911
Verlag: Sponholtz
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Erscheinungsort: Hannover
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Kurzbeschreibung:
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[94] Ein Waldspaziergang.

„Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende!“ dachte der Nordostwind.

Er konnte es einfach nicht mehr ansehen, dieses Gezippel und Gezappel. Hier löste sich ein Blatt vom Baum und genierte sich langsam zu Boden, da tat eins, als mache ihm das Spaß; aber als es da unten war, versuchte es wieder emporzuhüpfen, was ihm aber vorbeigelang.

„Keine Faulheit vorgeschützt, Kinder!“ sagte der Wind und machte sein Frisierbesteck auf. Erst nahm er den großen Kamm, ging damit den Bäumen über die Köpfe und sagte: „Aber hübsch still sitzen, sonst ziept’s!“ und dann nahm er den engen, und gründlich ging er zu Werke, so gründlich, daß, als er endlich aufhörte und sagte: „So, nun seht ihr aber anders aus!“, die Bäume ziemlich dumme Gesichter machten und sich dachten: „Das stimmt; aber schöner sehen wir gerade nicht aus.“ Doch sagten sie das nur ganz leise, damit der Nordostwind es nicht hörte, denn, wenn der wütend wird, ist er etwas rücksichtslos.

Hier mitten im Walde ist eine große Blöße. Einst war sie mit hohen Buchen bestanden. Wie das nun gekommen ist, das weiß man nicht; jedenfalls lagen eines morgens dreitausend Buchen auf der Nase und zappelten mit den Füßen hilflos in der Luft umher. Der Zaunkönig, der dort in dem verrotteten Wurfboden einen solchen Lärm schlägt, als wäre er nicht einen Zoll, sondern drei Fuß lang, ist natürlich der Ansicht, daß der Ostwind ihm zuliebe den Windbruch angefertigt [95] habe, denn das Buschwerk, das darauf wächst, ist ihm gerade recht.

Warum soll der Zaunkönig nicht so denken? Hat der anthropozentrische Standpunkt seine Berechtigung, warum nicht auch der troglodytozentrische? Ein tüchtiger Zaunkönig wird bombenfest davon überzeugt sein, daß die Erde lediglich seinetwegen geschaffen sei, was er folgendermaßen auf das Beste beweist: „Alles was da ist, ist für mich nur so lange da, als ich es zu bemerken geruhe; verzichte ich darauf, indem ich von meinem Dasein Abstand nehme, so existiert weder die Erde, noch deren nähere und weitere Umgebung mehr für mich; folglich ist das alles meinetwegen da!“

Ja, der Zaunkönig, das ist einer! Ein Selbstbewußtsein hat er, wie ein Regierungsreferendar. „Nicht weit von hier in einem tiefen Taale,“ wie es im Liede heißt, sitzt zwar kein Mädchen an einem Wasserfaale, denn dafür eignet sich die augenblickliche Jahreszeit nur mangelhaft, aber die Wasseramsel, eine Großfolioausgabe des Zaunkönigs bis auf den Gipsverband, den sie vor der Brust trägt, als wäre sie ein Festredner oder ein Deputationsmitglied. Aber sonst ist sie einfach ein auseinandergegangener Zaunkönig, macht genau solche schönen Knickse, wie dieser, singt, wie dieser, nur ist er eine Kleinoktavausgabe davon. Ist das nicht sonderbar? Dieser Däumling hat eine Stimme wie ein Feldwebel, und seine große Ausgabe singt um neunundneunzig Hundertstel leiser. Das ist einer jener beliebten Witze von Frau Natur, mit dem sie es den Menschen abgewöhnt, sich auf Analogien zu verlassen.

Dabei kommt überhaupt nicht viel heraus denn welchen Sinn hat es, daß der Zaunkönig und die Wasseramsel sich mitten im Winter hochgradig lyrisch benehmen? Wenn das der Kreuzschnabel tut, dessen Weizen in Gestalt von Fichtensamen im Winter blüht, so daß er seinen Liebesfrühling usw. um diese Zeit feiert, dann hat das noch einen gewissen Nutzwert, [96] den wir aber gänzlich bei dem Gesange obbemeldeter beider Vögel vermissen. Vögel singen nur, um bei den Damen ihres Herzens Eindruck zu schinden; das ist wissenschaftlich festgestellt. Der Zaunkönig und die Wasseramsel singen aber auch ohne derartige eigennützige Nebenabsichten, sie singen vollkommen unentgeltlich, wenn man nicht annehmen will, daß sie auf Vorschuß Eindruck schinden und sich den Winter über in empfehlende Erinnerung bringen wollen, bis die Zeit kommt, da die Sache ihre süßen Zinsen trägt. Vielleicht wollen sie sich aber mit ihrem Singsang auch etwas über die sieben mageren Monaten hinwegtrösten; denn, da sie beide Insektenfresser sind, müssen sie sich ziemlich notdürftig durchschlagen.

Der Zaunkönig hat übrigens noch eine sonderbare Angewohnheit, das heißt, insoweit er zum stärkeren Geschlechte gehört. Er baut sich nämlich auch im Winter ein Nest, und zwar nicht zu dem Behufe, um darin Eier zu legen, denn das will und kann er nicht, sondern nur so. Und in einem solchen Neste sitzt dann oft nicht nur ein einziger Zaunkönigherr, sondern oft zwei bis siebzehn Junggesellen, beziehungsweise Strohwitwer, eine Tatsache, die ihresgleichen nur noch in England und davon beeinflußten Ländern hat, wo die unbeweibten Männer sich Klubhäuser bauen und sich darin nach der Schwierigkeit mopsen, obgleich sie so tun, als wäre das Gegenteil der Fall. Aber, du lieber Himmel, die reichhaltigste Bücherei, der vollste Weinkeller, das teuerste Billard, die großartigste Küche und die feinsten Klubmitglieder mit den hochwohl- und hochgeborensten Namen, auf die Dauer wärmen sie das Herz doch nicht so, wie eine einzige kleine Frau. So denkt wenigstens der Zaunkönig, denn sobald es eben geht, pfeift er auf die ganze Klubherrlichkeit und sucht sich eine, der er gerade so gut gefällt, wie sie ihm.

Im Winter kommen überhaupt manche Vögel auf die viereckigsten Gedanken. Da ist z. B. der große Buntspecht, ein [97] auch insofern höchst bedeutungsvoller Vogel, als er schon, ehe andere Leute daran dachten, durch eine schwarz weiß rote Tracht ausdrücklich für den deutschen Reichsgedanken Propaganda machte. Er hat ein riesiges Anschlußbedürfnis und da er bei den weiblichen Exemplaren seiner Art über Winter in dieser Hinsicht auf ablehnende Haltung stößt, ohne Gesellschaft aber nicht leben kann, so gestattet er es den Meisen, Kleibern, Baumläufern und Goldhähnchen hinter ihm herzuzotteln und sich zu benehmen, als sei er ihr Manager von der Reisefirma Cook, der ihnen einen Reiseplan über die sehenswertesten Bäume und bemerkenswertesten Büsche zusammengestellt hat und nun in aller Eile das vertragsmäßige Pensum abhaspelt, ohne sich auf Sonderwünsche einzulassen. Kaum macht es sich eins von ihnen irgendwo bequem und bewundert die schöne Aussicht auf besonders fette Frostspanner und dergleichen, schon treibt der Specht mit hartem Rufe zum Aufbruche, und mit einem wehmütigen Blicke muß die niedliche Pimpelmeise den schönen Frostspanner halbaufgegessen stehen lassen.

Mit diesen Frostspannern ist das auch ein eigen Ding. Ende Oktober, wenn jeder Schmetterling, der etwas auf sich hält, sich entweder zur Winterruhe verkriecht oder sich der Einfachheit halber gänzlich aus dem Dasein drückt, dann kriecht, unglaublich aber wahr, der Frostspanner, dieser unverfrorene Geselle, aus der Puppe und tut so, als wäre dann Frühling, das heißt, er flattert nach dem alten und bewährten Liebesleutesprüchlein: „Im Dunkeln ist gut munkeln,“ in der Dämmerung auf die Brautschau aus. Und nun kommt das Ulkigste. Die Frostspannerin ist ungeflügelt; sie kann nicht fliegen, sondern nur kriechen. Irgend welche Emanzipationsbestrebungen gehen ihr völlig ab. So ein bißchen Liebe und recht viel Eierlegerei, das füllt ihr Dasein zur Genüge aus; das Fliegen überläßt sie den Herren Männern, die davon auch so lange Gebrauch machen, bis der Frühling kommt. Wenn dann dieser sein Extrablatt, den Zitronenfalter, zu versenden [98] beginnt, wenn der Fink sieht, ob er es noch kann, das Singen nämlich, und die Waldblumen das Talent zum Blühen nicht länger halten können, verläßt der Frostspanner mit Prost Rest das Lokal und stirbt in der ausdrücklichsten Weise.

Warum macht er es nicht so wie diese kleine salatgrüne Heuschrecke da? Den ganzen Sommer hat sie sich oben in den Kronen der Buchen auf das angenehmste vergnügt. Jetzt aber befindet sie sich ganz unten an den Stämmen der Bäume, feiert da mit irgend einem ebenso grünen Männerchen Hochzeit, ritzt dann mit dem Schleppsäbel, den sie stets bei sich trägt, die Rinde, legt in der Ritze die vorschriftsmäßige Anzahl von Eiern ab und stirbt dann in dem zufriedenen Bewußtsein, daß im nächsten Sommer genug ihrer Art da sein werden, um den Blattläusen das Leben sauer zu machen. Sie könnte sich ja den Weg bis dicht über den Waldboden sparen, könnte ihre Eier auch oben in den Ästen ablegen; aber ihr paßt es besser so, oder vielmehr, es ist einmal so Mode, und die gute Sitte ist bei den Tieren noch viel wirksamer, als bei den Menschen, wenn sie sich auch noch so viel auf Zylinder, Frack und Lackschuhe einbilden.

Wenn nun besagte Heuschrecke das Zeitliche rechtzeitig segnet, ehe es zu ungemütlich in der Natur wird, so denkt die Wintermücke anders, nämlich, denkt sie: „Was der Frostspanner kann, kann ich auch.“ Somit liegt sie solange als Puppe im faulen Laube, bis sämtliche anderen Mücken dankend auf das Dasein verzichtet haben, und dann erst tritt sie in Erscheinung und führt, sobald die Sonne nur ein einigermaßen freundliches Gesicht macht, Hochzeitstänze auf, als habe sie keine Ahnung, welchen Monat der Kalender angäbe. Aber das hat sie wohl; sie singt zwar nicht: „Der Mond ist unsere Sonne“, wie Schillers Räuber, sondern protzt mit Abhärtung, treibt Wintersport und behauptet, jetzt sei erst die richtige Zeit, um sich zu amüsieren; nachts werde es ja oft etwas frisch, aber am Tage sei es um so schöner. Das verletzt [99] natürlich alle Brummfliegen und ähnliche Tiere, die gegen Zug empfindlich sind und eine Heidenangst vor kalten Füßen haben, sehr, aber darauf nimmt das unverfrorene Tier auch nicht die geringste Rücksicht, zumal sie von anderer Seite in ihrem lästerlichen Gebaren noch unterstützt wird.

Denn wenn es schon Schnee gibt, hüpft im Moose ein Tierchen umher, das zwar nur zwei Millimeter lang oder vielmehr kurz ist, aber derartig abgehärtet ist, daß ein Eisbär dagegen ein Weichling ist. Schneefloh nennt sich dieses Tier wegen seiner Schneebegier, denn mit Vorliebe hüpft es frisch, fromm, fröhlich, frech und froh, zwar ohne Sprungbrett, doch mit einer eigens dazu an seinem Hinterviertel angebrachten Gabel, über den Schnee und veranstaltet, ohne allerdings den geringsten Anspruch auf Berücksichtigung durch die Sportpresse zu machen, die tadellosesten Schiwettläufe mit Hoch- und Weitsprüngen, mit und ohne Schanzen, sogar ohne jubelnde Korona und Ehrenpreise, lediglich aus Freude an gesunder Bewegung und einer unnatürlichen Lust an der Kälte. Noch viel toller treibt es der Gletscherfloh, denn zu einer Zeit, da alle Schutzhütten geschlossen sind, macht er die schwierigsten Hochtouren, ohne die geringste Angst vor Staublawinen und dergleichen zu verraten, und ebenso wie er, macht es der Gletschergast, ein Tierchen, das zu den Orthopteren gehört, also zu den Heuschrecken und Libellen, von Rechts wegen also dann, wenn es anfängt, zu leben, längst tot sein müßte.

Aber was fragt die Natur darnach, wie es eigentlich sein soll; sie macht es wie der Pfarrer Aßmann und amüsiert sich damit, den Menschen, der ihr mit dem Mikroskope und dem Seziermesser auf den Leib rückt, in der scherzhaftesten Weise an der Nase herumzuführen. Hier am Baume kriecht, obgleich wir doch kaum acht Grad in der Sonne haben, eine splitterfasernackte graue Schnecke umher und nimmt ein ausgiebiges Luft- und Sonnenbad. Die Gehäuseschnecken, die doch warm angezogen sind, haben sich schon längst verkrochen, zu allererst [100] die Weinbergschnecke, die den dicksten Rock anhat. Dagegen die Vitrinen, die sozusagen im Hemde herumlaufen, krabbeln quietschfidel im naßkalten Laube umher, und erst die Daudebardien, die nicht viel mehr als eine Badehose anhaben, erst recht, und den Sommer über stecken beide in den kühlsten Bachschluchten. „Jetzt aber,“ sagen sie, „kann man es schon eher aushalten,“ und so wimmeln sie überall im Walde umher und machen sich aus ein bißchen Schnee und Frost nicht das Geringste.

Man sieht daraus, was eine planmäßige, von Geschlecht zu Geschlecht fortgesetzte Abhärtung macht, und wenn der Mensch nicht ein mit Vernunft und freiem Willen begabtes Wesen wäre und also in der Lage ist, von diesen beiden Fähigkeiten einen möglichst unzweckmäßigen Gebrauch zu machen, dann würde er sich nicht den ganzen Winter über mit einem Riesen- oder Abgottsschnupfen plagen und die Influenza nicht erfunden haben. So aber überheizt er seine Wohnung, zieht einen Überzieher an, in dem er sich nicht rühren kann, und der ihm die Oberhaut völlig verweichlicht, und nachher macht er unziemliche Bemerkungen über den Winter und die Vorsehung und erklärt den November usw. für eine Jammerzeit.