Eine gräfliche Büßerin

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Autor: H. Künzel
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Titel: Eine gräfliche Büßerin
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 42, S. 664–667
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1867
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Ida von Hahn-Hahn
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[664]
Eine gräfliche Büßerin.


Correggio, der Meister im romantischen Helldunkel, hat uns in seiner „büßenden Magdalena“ das reizende Ideal einer Reuigen vor die Sinne gerückt. Aus den Zügen des schönen Weibes, das in stiller Waldeinsamkeit auf die Erde hingestreckt ist, recht dazu angethan, beim Lesen bußfertiger Schriften über ein Leben voll Weltfreuden Traurigkeit zu empfinden, welche eine Reue bewirkt, die Niemanden gereut[1], leuchtet zwar das Gefühl inniger Hingabe an die Buße, doch auch noch etwas menschlich Versöhnendes von der irdischen Liebe eines Weibes, welches die labyrinthisch verschlungenen Pfade des Lebens gewandelt, aber nicht den Ausgang verloren hat.

In der Gräfin Ida Hahn-Hahn tritt uns nach ihren eigenen Geständnissen eine moderne Maria Magdalena entgegen. Ohne daß sie den Anspruch erhöbe, eine „Wunderperle in einer Klostermuschel“ zu sein, wie sie die Klosterfrauen nennt, und ohne dem Zweig des Klosterlebens selbst ausschließlich anzugehören, den sie von Frankreich nach Mainz verpflanzt hat, trägt sie jetzt dennoch das Klosterkleid der „Töchter der heiligen Jungfrau Maria von der Liebe des guten Hirten von Angers“ mit schwarzem Schleier, dem Symbol der Trennung von der Welt, mit der blauen Gürtelschnur, der „Farbe der Abtödtung“, und mit dem silbernen Herzen, dem das Bild des „guten Hirten“ eingeprägt ist. Vor ihrer „Bekehrung“ war die Gräfin Hahn-Hahn als fruchtbare Schriftstellerin eine Erscheinung in der Literatur, die nicht allein durch die in ihren Romanen offen ausgesprochenen Welt- und Lebensansichten und scharf gezeichneten Charaktere großes Aufsehen erregte, sondern auch durch ihre wechselnden Lebensschicksale eine Zeit lang gerade in der vornehmen Gesellschaftssphäre tonangebend war. Sie tritt uns nach ihrer Bekehrung als eine geheimnißvolle Sphinx, als ein Räthsel entgegen, dessen Lösung die Seelenkunde geradezu herausfordert.

Welche beinahe sich aufhebenden Gegensätze berühren sich in dem Leben dieser vornehmen, schriftstellernden Frau! Sie muß, so lange sie in „Babylon“ wandelte, wie sie nach biblischem Sprachgebrauch ihr früheres von ihr selbst „verfehlt“ erklärtes Leben nennt, viel erlebt und erlitten haben, bis sie sich aus „innerer Lebensnöthigung“ auf den Weg „nach Jerusalem“ aufraffte, ihrem früheren Welttreiben gänzlich entsagte und sich in die Beschaulichkeit einer klosterartigen Lebensvereinsamung und in die Erbaulichkeit kirchlicher Thätigkeit flüchtend zurückzog, ohne indessen einer leidenschaftlichen Jugendliebe auch in den vorgerückten Jahren untreu zu werden – der Schriftstellerei. Denn darin ist sie eben so fruchtbar in „Jerusalem“ geblieben, wie sie es früher in „Babylon“ war.

Von ihrer Familie hat die Gräfin das excentrische und vagabundirende Wesen, in dem ihre Lebensansichten, ihre inneren und äußeren Wandlungen wurzeln, wie es scheint, erblich überkommen. Auf dem Gute ihres Großvaters, des Erblandmarschalls Grafen [665] Hahn-Neuhaus, dem als einem astronomischen Enthusiasten zu Ehren ein Gebirg im Mond das „Hahngebirge“ genannt wird, wurde Ida am 22. Juni 1805 zu Tressow in Mecklenburg geboren und zählt demnach jetzt bereits zweiundsechszig Lebensjahre. Noch excentrischer war ihr Vater, Graf Karl, der vierzig Jahre lang bis in sein höchstes Alter mit ungezügelter Leidenschaft, die sich bis zur Theaternarrheit steigerte, den Director wandernder Schauspielertruppen spielte, ohne der wahren Schauspielkunst auch nur je im Geringsten genützt zu haben. Zuletzt zu Altona von seinem einzigen Sohne standesgemäß versorgt, wurde er vor zehn Jahren im Mai todt im Bette gefunden, nachdem er noch Abends vorher zum Zeitvertreib Rollen abgeschrieben hatte. Desto besonnener war die Mutter Sophie, die Tochter des Landschaftsdirectors von Bär auf Dönnie im damaligen Schwedisch-Pommern, die nach des Großvaters Tode mit ihrem Gatten nach Remplin übersiedelte, wo noch zwei Schwestern und ein Bruder der Gräfin Ida folgten. Dort war es auch, wo der Vater sein erstes Liebhabertheater mit einem Kostenaufwand von sechszigtausend Thalern einrichtete und schon im sechsundzwanzigsten Lebensjahre mit sechstausend Thalern Jahresrente unter Curatel gestellt wurde.

Die Gartenlaube (1867) b 665.jpg

Ida Gräfin Hahn-Hahn.

Eine standesgemäße eheliche Verbindung, welche die Gräfin Ida in ihrem einundzwanzigsten Lebensjahre mit ihrem reichen Vetter, dem Erblandschaftmarschall Grafen Friedrich Hahn-Hahn auf Basedow schloß, stellte der geistreichen Weltdame eine glänzende gesellschaftliche Laufbahn in Aussicht, allein schon nach drei Jahren löste ihr lebenslustiger Gemahl gegen ihren Willen diese Verbindung. Sie war nun auf die Erfüllung der wichtigsten mütterlichen Pflicht, die Erziehung ihrer einzigen Tochter, hingewiesen, die leider, geistesschwach, in der Schweiz auf dem bei Interlaken gelegenen Abendberge berüchtigten Andenkens starb. Mit ihrer Mutter lebte sie jetzt eine Reihe von Jahren abwechselnd in Berlin und Dresden, später aber bedurfte sie der „Emotionen“ und reiste deshalb in Europa unstät umher. Sie sah Italien und Sicilien, Spanien und Frankreich, Schweden und Großbritannien, auch die heiligen Orte des Orients. Diese Wanderungen, die ihre Sehnsucht nach etwas Unbekanntem leidenschaftlich kundgeben, das ihr ganzes Sein auszufüllen im Stande wäre, hat sie im „Jenseits der Berge“, in den „Reisebriefen“ und im „Reiseversuch im Norden“ anziehend beschrieben.

Dies waren jedoch nur Vorstudien. Damals beherrschte George Sand (Madame Aurora Dudevant) mit ihren socialen Romanen, mit ihren geistvollen, doch emancipirten Grundsätzen die ganze vornehme Welt. Nach einem solchen Ruhm geizte von nun an Gräfin Ida, die sich mit der Gluth ihrer Seele und Sinne in die volle Lebensströmung hineinwarf. Sie entpuppte sich nach und nach in ihren Romanen als die meisterhafte Darstellerin excentrisch blasirter Lebensansichten, die in den großen inneren Zwiespalt der auftretenden Personen mit der Welt hineinblicken lassen. Immer sind es aber nur Erzeugnisse einer überreizten Phantasie, die alle aus dem raffinirten Egoismus eines Herzens hervorgingen, das nur in sich den Mittelpunkt der Welt erblickt, in den übrigen Menschen aber keine gleichberechtigten Wesen.

Im Jahre 1833 erschien ihr erster Roman „Aus der Gesellschaft“, der, wie alle folgenden, ein gutes und echtes Stück eigener Lebensgeschichte enthüllt. Sie lebt in diesen Romanen in der That in „Babylon“; inhaltlich gleichen sie sich alle; überall sucht sie „den Rechten“, der ihr immer wieder durch den Tod oder eine andere Ursache, welche hauptsächlich im Wechsel liegt, entrissen wird. Der bedeutendste und berühmteste ihrer zahlreichen Romane – in einem Jahre erschienen sogar drei Romane von ihr – ist unstreitig Faustine. Aus ihm lassen wir sie uns in freiester Ungebundenheit, ohne alle Schminke in ihrer anspruchvollsten Persönlichkeit entgegentreten. Gräfin Ida hatte jetzt schon das sechsunddreißigste Lebensjahr überschritten und gerade durch eine Operation, welche dem berühmten Dr. Dieffenbach in Berlin mißlungen, das schielende linke Auge verloren. Sie widmete diesen Roman ihrem treuen Freunde Bystram, dessen Stelle in ihrem Herzen früher der geistreiche Heinrich Simon in Breslau eingenommen. Ueber den gewählten Titel „Faustine“ giebt die Verfasserin folgenden Aufschluß: „Jemand fragte die Heldin des Romans, wie sie zu ihrem seltsamen Namen (Faustine) gekommen, und sie sagte: ‚Mein Vater hatte solche Liebe zu dem Goethe’schen Faust, daß er, um in jedem Augenblick seines Lebens an das Meisterwerk erinnert zu werden, seinen beiden ersten Kindern den Namen Faust und Faustine beizulegen beschloß. Meine [666] Mutter bebte vor diesen barbarischen Namen; sie hatte ganz andere Lieblinge. Unsäglich war die Freude der Eltern. Zwei Kinder erblickten zugleich das Licht der Welt. So ward ich Faustine und meine Schwester Adele getauft. Vater und Mutter starben. Für mich aber hat mein Taufpathe Faust stets ein ganz besonderes Interesse gehabt, unabhängig von dem Zauber seiner Person und seiner grandiosen Weltanschauung. Ich wollte immer mein eigenes Schicksal in diesem rastlosen Faustleben, in diesem Dürsten und Schmachten nach Befriedigung finden, aber der zweite Theil hat mir das unmöglich gemacht. Ich denke, es schreibt wohl Jeder von uns seinen eigenen zweiten Theil zum Faust; der Goethe’sche ist allzu individuell; die Kräfte eines Faust dürfen brechen, nicht erlahmen,‘ rief Faustine. ‚Sind sie gebrochen im rastlosen Kampfe, so gehe er heim nach Gretchens öder Hütte und suche dort im Tode, was er im Leben umsonst gesucht: ein Haus für die Ewigkeit. Der göttlichen Barmherzigkeit und der reinen Liebe sind keine Grenzen gesetzt; heben sie die matte Seele in den Himmel, warum nicht die ringende Feuerseele?‘

‚Schreiben Sie doch einen zweiten Theil zum Faust,‘ sprach Veldern (eine Figur des Romans) scherzend.

‚Nein, ich lebe ihn lieber,‘ entgegnete Faustine. ‚Schreiben ist nur ein Surrogat für Leben.‘“

Hier ist der Wendepunkt im Leben der Hahn-Hahn-Faustine mit aller Entschiedenheit ausgesprochen: erst unbeschränkter Genuß, ein völliges Sichausleben und Ausglühen in der Welt und Gesellschaft, gleich einem feuerspeienden Berge, dann, zusammenstürzend in sich selbst wie ein Aschenkegel, Zuflucht und völlige Abgeschiedenheit im Kloster und strengste Askese.

In der weiteren Entwickelung der Faustine, in der Schürzung des tragischen Conflicts und in der gewaltsamen Durchhauung desselben durch ihren Eintritt in das Kloster hat die Gräfin uns selbst die Entwickelung und den Verlauf ihrer eigenen Seelen- und Lebenskrankheit pathologisch und psychologisch genau dargestellt. „Meine Seele ist dürr und öde,“ sagt Faustine, „keines Aufschwungs mächtig, ausgesperrt aus ihrem alten Himmel der Begeisterung, der Phantasie, der Kunst. Laß mich einen neuen aufsuchen, den, welchen die Religion uns verheißt. Laß mich den Rest meines Lebens einzig Gott weihen und in ein Kloster gehen.“ An einer anderen Stelle ruft Faustine aus: „Wenn du wüßtest, Herz, wie müde ich bin, nicht des Lebens, nicht der Liebe, aber vom Leben und Lieben, so würdest du mich selbst den Weg der Entsagung alles Dessen gehen lassen, was ich bisher so glühend geliebt und gesucht. Ich scheide nicht gleich einer büßenden Magdalena; ich glaube nicht im Staube und in der Asche mit blutigen Kasteiungen gut machen zu müssen, was ich gefehlt habe. Ich will nur Aug’ und Seele unmittelbar in Anschauung Gottes versenken, statt wie bisher in seinen Werken und Geschöpfen ihn zu lieben und zu verherrlichen.“ Die Ehe wird auch wirklich gelöst und Faustine erhält die Dispensation, ohne Noviciat den Schleier bei den „Lebendigbegrabenen“ in Rom nehmen zu dürfen. Ihr Gemahl, Graf Mario Mengen, ist selbst Zeuge ihrer Einkleidung, aber kaum anderthalb Jahre nach derselben stirbt sie nach kurzer Krankheit gottselig im Kloster. Das Klosterleben hat sie nicht getröstet, sondern getödtet.

Im Munde der Gräfin Hahn-Hahn waren die in der Faustine ausgesprochenen Ansichten nicht bloße Worte und vorüberrauschende Empfindungen, sondern Ansichten, die sie bald zur That werden ließ, und deshalb haben wir gerade in diesem Romane das Programm ihrer weiteren Lebensentwickelung vor uns. Nachdem sie an Allem, woran sich ein Weib, und selbst das geistreichste, im Leben und Leiden anklammern kann, gänzlich Schiffbruch gelitten, warf sie sich verzweifelnd bei dem letzten äußeren Wendepunkt ihres Lebens in die Arme der Kirche, in welcher sie, wie es klar und unzweifelhaft aus ihren von da ab zahlreich veröffentlichten geistlichen Werken hervorgeht, ebensowenig eine wahrhafte Umwandlung am inneren Menschen gefunden hat, wie dies früher die Orthodoxie der lutherischen Kirche zu begründen vermocht hatte, in der sie in ihrem Vaterlande Mecklenburg kirchlich exclusiv erzogen worden war.

Seit der Revolution von 1848 schrieb sie einige Jahre nicht, sondern bereitete sich, auch noch gereizt durch den Roman „Diogena“, in welchem die geistreiche Fanny Lewald die schriftstellerischen, wie die Charakterschwächen der Gräfin mit vernichtendem Spotte gegeißelt und die als Heldin verkappte Gräfin sogar im Wahnsinn enden ließ, zum Uebertritt in die katholische Kirche vor. Im März 1850 legte sie in der St. Hedwigskirche in Berlin öffentlich das katholische Glaubensbekenntniß vor dem damaligen Propste Dr. Wilhelm Emanuel Freiherrn von Ketteler ab, an welchen sie von dem Fürstbischof von Breslau, Cardinal von Diepenbrock, gewiesen worden war. Später ging sie nach Mainz, wo unterdessen eben derselbe Geistliche den bischöflichen Stuhl bestiegen hatte. Zwei Jahre lang begann sie nun mit derselben Hast und eitlen Ruhmsucht in Schriften für die Kirche zu werben, deren Luft sie kaum eingeathmet hatte. Sie urtheilte mit Rechthaberei, Eitelkeit und mit crasser Unwissenheit über den Geist, das Wesen und die Geschichte des Protestantismus, wie sie mit blendender Phantasterei ihre neue Kirche in den schnell auf einander folgenden, in Mainz bei Kirchheim erschienenen Schriften verherrlichte: „Von Babylon nach Jerusalem“, „Aus Jerusalem“, „Die Liebhaber des Kreuzes“ und im Büchlein „Unsrer lieben Frau“, worin sie mit zur Schau getragener Ruhmredigkeit als katholisch rechtgläubige Sängerin die Jungfrau Maria in allen verschiedenen Aemtern und Charakteren glorificirt, die ihr die katholische Kirche beilegt.

„Freilich bin ich in der lutherischen Confession getauft und confirmirt,“ sagt sie aufschlußgebend in ihrem ‚Von Babylon nach Jerusalem‘, „aber wie hätte ich dadurch eine geoffenbarte Religion haben sollen, ich hatte ja keine Kirche! Die Protestanten lehren freilich die Existenz einer unsichtbaren Kirche, und das klingt ja ungemein erhaben.“ – „Es kommt mir vor, als sei meine Seele von jeher eine schlafende Katholikin gewesen. Im Schlaf ist man nicht zurechnungsfähig. Wir nachtwandlen sogar und thun im somnambulen Zustande außerordentliche Dinge, die wir wachend nicht vollbringen können. Als meine Seele wach wurde, fand sie sich katholisch; denn Alles, was die Protestanten lehrten, hat sie nie begreifen, nie in sich aufnehmen, nie sich zur Nahrung machen können. Kein Echo tönte wieder, kein Ton schlug an, keine Saite vibrirte. Nicht den geringsten Anknüpfungspunkt fand ich für mein religiöses Gefühl, weder in meiner Jugend noch in späteren Jahren.“ – „Der Protestantismus hat mit der Gemeinschaft der Kirche, mit dem unverlierbaren Mittelpunkte, dem irdischen Stellvertreter Christi, dem Papste, welcher der Schlußstein dieser Gemeinschaft seit achtzehn Jahrhunderten ist, gebrochen, die Autorität und die Tradition mit Füßen getreten, von der Einheit der sichtbaren Kirche sich losgerissen, folglich auch von der unsichtbaren sich abgelöst, welche nichts Anderes, als eine Vervollständigung der sichtbaren ist; mit welchem Rechte durfte der Protestantismus da behaupten, bei diesem Bruch, bei diesem Abfall die christliche Offenbarung respectirt, ja sogar sie gerettet, sie in einer neuen Kirche neu hergestellt zu haben? Der Protestantismus war geboren aus Willkür und behauptete das Recht aus Willkür, und damit hat er sich seinen character indelebilis für die ganze Zeit seines Bestehens aufgedrückt: Willkür ist sein Lebensprincip.“

Dies ist das Grundthema, über welches die Gräfin, wie früher über die sinnliche, so nun über die katholisch-himmlisch-kirchliche Liebe mit einer gewissen blendenden, aber bald abstumpfenden Virtuosität in allen Tonarten ihre Variationen abgeigt. Daß natürlich auch der heilige Ignatius von Loyola als der erste unter den „Liebhabern des Kreuzes“, als das Vorbild aller katholischen Christen gepriesen wird, versteht sich von selbst. „Neunzehn Jahre waren verflossen,“ so ruft sie aus, „nachdem der Heilige sein Schwert am Altarpfeiler auf dem Montserrat aufhing. Die kriegerischen Hoffnungen und Träume seiner Jugend waren anders in Erfüllung gegangen, als er sie geträumt hatte. Er war General, er hatte ein Heer, ein Schlachtfeld, einen Feind (die Protestanten), nur Alles im geistlichen, im überirdischen Gebiete, was er weltlich und irdisch verstanden hatte. So geht das oft bei starken Seelen und Menschen von großem Charakter, wenn die ewige Liebe ihr Herz ergreift: sie übersetzen gleichsam ihr Ziel aus dem Irdischen in’s Himmlische.“

Im November 1852 reiste die hochverehrte Convertitin, an der sich auch das Naturgesetz erfüllte, daß Uebergetretene alle Schranken der Mäßigung und des Herkommens übertreten, um sich gläubiger als die Gläubigen selbst zu zeigen, nach Frankreich, in das große Kloster „vom guten Hirten“ zu Angers. Um Sünderinnen in Büßerinnen und Magdalenen umzuwandeln, muß man selbst eine arge Sünderin gewesen sein. Ihre Absicht war, wie sie in ihrem Büchlein „vom guten Hirten“ selbst sagt, „dem wachsenden Jammer der ungläubigen und daher sittenlosen Zeit [667] gegenüber, außer der Zufluchtsanstalt für Büßerinnen, auch Asyle für verwahrloste und verwaiste Kinder und für junge Personen zu eröffnen, denen aus Mangel an Erziehung und Aufsicht, durch böses Beispiel oder Armuth in der Welt Gefahren drohten.“ Seit siebenzehn Jahren sind von Angers aus in allen Ländern und Welttheilen bereits einundvierzig Häuser gegründet worden, in Deutschland schon vor der büßenden Gräfin in München, Aachen und Münster, seitdem durch sie in Wien und Mainz. „Wie ein stilles Eiland,“ so beschreibt sie die Klöster in dem Büchlein ‚vom guten Hirten‘, „an dessen hohem Gestade kein Nachen landen kann, liegt das Kloster in tiefer Abgeschiedenheit mitten im geräuschvollen Weltmeer und Weltverkehr da. Gegenüber dem Streben der Welt in die Weite und Breite ist es nach innen gesammelt und nach oben gerichtet. Es braucht auch ein unirdisches Element, welches sein mystisches Leben erhält und ernährt, und das ist der Altar, dieser unversiechliche Brunnen der Gnade und der heiligen Liebe, auf welchem das allerheiligste Sacrament ruht und das Kreuz steht. Sie bringen Licht und Schatten diesem mystischen Leben: die Nacht des Kreuzes und den Sonnentag der Eucharistie“ (des Abendmahls). Da haben wir eine Probe des sprachlichen Schwulstes und der gräflichen Mystik.

Zwei Jahre später wurde sie nach Wien eingeladen, wo man ein Kloster „vom guten Hirten“ hauptsächlich in der Absicht zu gründen wünschte, um die Anstalten für weibliche Sträflinge in die Hände der Ordensschwestern zu bringen. Kaiser Franz Joseph nahm huldreich die Bittschrift an, welche ihm die Gräfin über diesen Gegenstand überreichte, und gewährte sie. Auch sämmtliche Minister jener Zeit, Baron Bach, Graf Thun, Baron Kraus und General von Kempen, gingen bereitwilligst darauf ein, und im Sommer kamen die Frauen „vom guten Hirten“ nach Neudorf bei Wien, wo sie bis zur Stunde einer großen Strafanstalt vorstehen.

Die Gräfin aber kehrte nach Mainz zurück, wo auf ihre durch ihre Schriften gewonnenen Kosten ein Kloster für die Frauen „Vom guten Hirten“ erbaut worden war. Sie richtete das Kloster ein und übergab es den Klosterfrauen, damit diese in demselben ihrem schweren Beruf, der Besserung der Verwahrlosten und Gefallenen, nachkommen möchten. Doch wer erklärt auch hier wieder den Zwiespalt der Natur? Die Gräfin selbst nämlich schloß sich in keiner Weise der Congregation an, sondern machte nur die Bedingung, für sich ein Zimmer im Kloster zu bewohnen. Dort lebt sie vollkommen frei und unabhängig bis auf diese Stunde, mit literarischen Arbeiten und Werken der Wohlthätigkeit beschäftigt. Um indessen der Möglichkeit irgend eines Conflictes mit dem Mutterhause in Frankreich vorzubeugen, wurde einige Jahre später das Kloster und dessen Dotirung an das Bisthum Mainz als Diöcesananstalt abgetreten und erhielt als solche von der Staatsregierung Corporationsrechte.

Der Gräfin einzige noch lebende Tochter starb unvermählt im Jahre 1856. Dafür war sie so glücklich bei ihrem Bruder und dessen Familie, einem mecklenburgischen Edelmann, der Besitzungen zu Neuhaus in Holstein hat, Propaganda zu machen. Auch er trat im Jahre 1858 zur katholischen Kirche über.

Außerordentlich gesteigert hat sich seitdem die literarische Fruchtbarkeit der Gräfin, und man kann sie die bedeutendste Publicistin der katholischen Kirche nennen; keine in der Gegenwart auftauchende Frage, die mit dieser Kirche in Berührung steht, hat sie ohne literarische Erörterung gelassen. So hat sie in vier Bänden mit „hoher bischöflicher Approbation“ „Bilder aus der Geschichte der Kirche“ erscheinen lassen. Doch ihrer alten Liebe, dem Romane, hat sie nicht untreu werden können, und zwar füllen die Romane: „Maria Regina,“ „Doralice“, „zwei Schwestern“, „Peregrin“, mit den Beisätzen „Erzählungen oder Familiengemälde aus der Gegenwart“, stets zwei Bände, wie sie auch gegen Ernst Renan ein Phantasiegemälde „Ben David“ gerichtet hat. Auch die zur Krisis sich drängende Frage von der „weltlichen Macht des Papstes“ hat sie in ihrem neuesten historischen Romane „Eudoxia, die Kaiserin. Ein Zeitgemälde aus dem fünften Jahrhundert“, natürlich im Gegensatz zu Döllinger in München zu Gunsten der weltlichen Macht, motivirend dahin zu beantworten gesucht, daß der Papst weltlicher Souverain bleiben müsse, um als geistlicher Fürst frei zu sein, und daß Rom nie die freie Hauptstadt des freien Italiens werden dürfe. „Rom muß der Mittelpunkt der geistlichen Welt bleiben,“ sagt sie, „weil die heilige Kirche ein menschliches Element hat, und weil die Menschen die Träger ihrer Heiligkeit sind; so bedarf sie für diese Nachfolger der Apostel einer Freistatt, die nicht unter der Botmäßigkeit von Kaisern und Königen steht. Seitdem die christliche Kirche besteht, war Rom ihre Freistatt. Diejenigen, welche versuchten, es ihren Sceptern botmäßig zu machen, gingen einer nach dem anderen zu Grunde und Rom ging wie die Sonne immer auf. Es giebt Sonnenfinsternisse, – ja, ihre Folge ist tiefer Schatten auf Erden.“ So geschrieben am 29. November 1866 nach dem großen deutschen Kriege an dem Sitze des heiligen Bonifacius in der zweiten katholischen Metropole des Rheinlandes, zu Mainz. Hat sich diese, trotz vieler Bischöfe, wie eine Heldin mit der Oriflamme für die katholische Kirche, zu der sie übergetreten, streitende Heldin nicht ein Anrecht auf Heiligsprechung erworben? Wir begnügen uns vom protestantischen Standpunkt aus mit den Worten des frommen katholischen Pascal zu schließen: „La dévotion est une manie qui vient surtout aux femmes d’un certain âges comme une maladie ou comme une mode qu’il faut suivre.“ (Die Frömmigkeit ist eine Manie, welche besonders die Frauen eines gewissen Alters wie eine Krankheit überkommt oder wie eine Mode, die man mitmachen muß.)

H. Künzel.



  1. WS: 2. Kor. 7,10