Epistel-Postille (Wilhelm Löhe)/Himmelfahrtstag

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Am Himmelfahrtstage.

Apostelgesch. 1, 1–11.
1. Die erste Rede habe ich zwar gethan, lieber Theophile, von alle dem, das JEsus anfieng, beides zu thun und zu lehren, 2. Bis an den Tag, da Er aufgenommen ward, nachdem Er den Aposteln (welche Er hatte erwählet) durch den heiligen Geist Befehl gegeben hatte, 3. Welchen Er Sich nach Seinem Leiden lebendig erzeigt hatte durch mancherlei Erweisungen, und ließ Sich sehen unter ihnen vierzig Tage lang, und redete mit ihnen vom Reich Gottes. 4. Und als Er sie versammlet hatte, befahl Er ihnen, daß sie nicht von Jerusalem wichen, sondern warteten auf die Verheißung des Vaters, welche ihr habt gehöret (sprach Er) von mir. 5. Denn Johannes hat mit Waßer getauft: Ihr aber sollt mit dem heiligen Geist getauft werden nicht lange nach diesen Tagen. 6. Die aber, so zusammen gekommen waren, fragten Ihn und sprachen: HErr, wirst Du auf diese Zeit wieder aufrichten das Reich Israel? 7. Er sprach aber zu ihnen: Es gebühret euch nicht zu wißen Zeit oder Stunde, welche der Vater Seiner Macht vorbehalten hat; 8. Sondern ihr werdet die Kraft des heiligen Geistes empfangen, welcher auf euch kommen wird; und werdet Meine Zeugen sein zu Jerusalem und in ganz Judäa und Samaria und bis an das Ende der Erde. 9. Und da Er solches gesagt, ward Er aufgehaben zusehens, und eine Wolke nahm Ihn auf vor ihren Augen weg. 10. Und als sie Ihm nachsahen gen Himmel fahrend, siehe, da standen bei ihnen zween Männer in weißen Kleidern, 11. Welche auch sagten: Ihr Männer von Galiläa, was stehet ihr und sehet gen Himmel? Dieser JEsus, welcher von euch ist aufgenommen gen Himmel, wird kommen, wie ihr Ihn gesehen habt gen Himmel fahren.

 MErkwürdig ist es, meine lieben Brüder, daß sowohl am Himmelfahrtstage, als am Pfingsttage die Festevangelien nicht die Geschichte des Tages abhandeln, sondern von der Kirche ganz in der Absicht gewählt zu sein scheinen, den Sinn der großen Gottesthaten anzugeben, welche an beiden Festtagen gefeiert werden. Das Pfingstevangelium redet nicht von der Ausgießung des heiligen Geistes am ersten Pfingsttag, sondern von dem immerwährenden bleibenden Pfingsten, welches der HErr durch Seine Einwohnung und persönliche Gnadengegenwart in den Herzen Seiner Auserwählten feiert. Das heutige Evangelium erzählt gleichfalls nicht von der Auffahrt Christi, oder fertigt dieselbe wenigstens bloß mit fünf Worten ab, während der ganze übrige Text voll ist von den letzten Befehlen und Verheißungen des HErrn. Dagegen aber ist an den beiden genannten Festtagen die zweite Lection, welche man insgemein die epistolische zu nennen pflegt, aus keiner Epistel genommen, sondern aus der Apostelgeschichte, und handelt an beiden Tagen ganz von dem geschichtlichen Vorgang, den man feiert. Es zeigt sich dadurch, daß die Kirche vor allen Dingen den Sinn der hohen Feier, die göttlichen Absichten der göttlichen Thaten ihren Kindern einprägen will; die großen Ereignisse sollen mit ihren herrlichen Früchten und ja nicht ohne diese vor die Augen der Gemeinde treten, und die Größe und Herrlichkeit des Festes soll dadurch nur zunehmen. Wir können gewis mit der Textwahl der Kirche vollkommen zufrieden sein; wir dürfen treulich den Rath, der sich darinnen ausspricht, annehmen, Gottes Thaten nicht bloß äußerlich anzuschauen, sondern die herrliche Pracht ihrer Früchte und Absichten zu erkennen und uns zuzueignen. Dennoch aber erfordert es unsere Aufgabe bei diesem Texte, der euch so eben verlesen ist, mehr auf die Thatsache einzugehen, so wie sie uns in der epistolischen Lection erzählt wird, und so bekannt euch allenfalls die Geschichte bereits sein mag, so hoffe ich doch, daß eine abermalige aufmerksame Betrachtung in dieser Stunde euch förderlich sein kann. Laßt uns also unsere selige Unterhaltung über den Text getrost| beginnen, der Segen und Geist unsres ewigen erhöheten HErrn und Heilandes möge mit uns sein.

 Wie ihr sehet, besteht unser Text aus den elf ersten Versen des ersten Kapitels der Apostelgeschichte. Die drei ersten Verse sind eine Einleitung des heiligen Schriftstellers in die ganze Schrift, welche er über die Thaten der Apostel verabfaßt hat. Durch diese einleitenden Verse schließt sich der heilige Lucas an sein erstes Werk, an das heilige Evangelium an, welches er auf Anregung und unter Leitung des heiligen Geistes geschrieben hat. Mit der Erzählung der Himmelfahrt des HErrn hat er sein Evangelium beschloßen, mit einer Erzählung von eben demselben Ereignis eröffnet er nach den ersten Eingangsversen die Apostelgeschichte: wie diese große Thatsache im Evangelium als Schlußpunkt des Lebens und persönlichen Wirkens JEsu auf Erden erscheint, so erscheint sie in der Apostelgeschichte als Anfangs- und Ausgangspunkt der großen und gesegneten Thätigkeit, welche unser HErr JEsus Christus durch Seinen heiligen Geist und durch Seine zwölf Boten über die Erde hin eröffnen sollte und wollte. Der heilige Schriftsteller hat also bei der Erzählung der Himmelfahrt im Evangelium eine andere Absicht verfolgt, als bei der in der Apostelgeschichte, und je nach der verschiedenen Absicht hat er an den beiden verschiedenen Orten aus den Umständen derselbigen großen Thatsache verschiedenes hervorgehoben und erzählt. Kein Widerspruch ist zwischen den beiden Erzählungen, sondern die eine ergänzt die andere, so daß wir erst durch Zusammennahme beider ein vollkommeneres Bild von der Auffahrt JEsu bekommen. Hier in diesem Vortrag sehen wir die Auffahrt unsers HErrn textgetreu, nicht als Schlußpunkt des sichtbaren Lebens und Wirkens JEsu auf Erden an, sondern ganz als eine offene Pforte für die große reiche Zeit der Wirksamkeit, welche JEsus Christus durch Seinen Geist und Seine Apostel begonnen hat. Laßt uns sie nach unserem Texte betrachten, ohne daß wir die drei Eingangsverse des Capitels ausführlich besprechen, es wird vielleicht im Laufe des Vortrags Gelegenheit geben, diejenigen Einzelheiten, welche sich auf die Festgeschichte beziehen, aus diesen Eingangsversen hervorzuheben und an ihrem Orte bemerklich zu machen.

 Uebersehen wir den Text, so weit er den Vorgang der Auffahrt JEsu erzählt, so finden wir, daß vom vierten bis zum achten Verse Vorbereitungen zur Auffahrt Christi stehen, im neunten und zehnten Verse die Auffahrt selbst erzählt wird, der letzte elfte Vers aber die Botschaft der Engel von der Wiederkunft Christi enthält. Die Vorbereitungen zur Auffahrt zerfallen wieder in zwei Stücke, nämlich in den letzten Befehl und in die letzten Verheißungen des HErrn.

 Der letzte Befehl an Seine Jünger war der, von Jerusalem nicht zu weichen, sondern auf die Verheißungen des Vaters, welche ihnen JEsus Christus verkündigt hatte, zu warten, dann aber Seine Zeugen zu werden in Jerusalem und in dem ganzen Judäa und in Samaria und bis ans Ende der Erde. Die letzten Verheißungen des HErrn hängen auf das engste mit den letzten Befehlen zusammen, sie beziehen sich auf die schon erwähnte Verheißung des Vaters, die ihnen Christus verkündigt hatte. Wie Johannes mit Waßer getauft habe, so würden sie nach wenigen Tagen mit dem heiligen Geist getauft werden; die Kraft des heiligen Geistes würde über sie kommen. Der HErr befahl also ein Warten in Jerusalem bis zur Ausgießung des heiligen Geistes. Dieser Befehl muß an seiner Stelle gewesen sein; man erkennt aus ihm, daß ohne denselben die Jünger, welche von den Engeln im elften Verse als galiläische Männer angeredet werden, nach der Auffahrt Christi sich nicht mehr in Jerusalem würden aufgehalten, – sondern sich in ihre Heimath zurückbegeben haben. Aber nicht das allein erkennt man, sondern noch etwas anderes und ein drittes. Der HErr hätte ja auch in Galiläa Seinen Geist über die Jünger ausgießen können, da Er ja selbst, sogar nach Seiner Auferstehung, gerne in diesem Seinem Heimathlande war und den Seinigen dort so viele und geistliche Wohlthaten während Seines irdischen Wandels erzeigt hatte. Aber siehe, das will Er nicht, Er will Seinen Geist über sie in Jerusalem ausgießen, Er unterscheidet auch in Seinem verklärten Leben die irdischen Orte, sie sind Ihm nicht gleichgiltig, Er hat Jerusalem ausersehen vor allen Orten der Erde, wie daselbst zu sterben und von den Todten aufzustehen, so auch Seinen heiligen Geist über Seine Jünger auszugießen. Für das Gesetz der Berg in der Wüste, dagegen aber für die großen Thaten des| Heils Jerusalem und deßen nächste Umgegend: so hat Ers bestimmt und so muß es geschehen. Seine Hand zeichnet Jerusalem, damit auch unsere Herzen und unsere Augen sich dorthin richten, und wie vorher alle Erwartung, so hernach alle heilige Erinnerung an Jerusalem hafte. – Das dritte, was wir aus diesen vorbereitenden Versen zu merken haben, ist folgendes: Der HErr fuhr an dem Tage, an welchem Er redete, hinauf in die ewigen Höhen und verhieß die Ausgießung des heiligen Geistes nach wenigen Tagen, – nach zehn Tagen, wie wir das alle wißen. Hätte Er nicht ebensowohl Seinen heiligen Geist noch an dem Tage der Himmelfahrt über die Jünger ausgießen können? Warum wartete Er zehn Tage? Ist es deshalb gewesen, weil gerade an dem jüdischen Pfingstfeste das christliche Pfingsten eintreten sollte, damit die Verheißung und die Erfüllung zu Einer Zeit zusammen träfe? Hatte Er von Anfang und von Ewigkeit her bestimmt, daß wie das alttestamentliche Passah mit dem neutestamentlichen an einem Tage geschlachtet werden, so auch das alttestamentliche Pfingsten mit dem neutestamentlichen zusammentreffen sollte? Hat Er das alttestamentliche Pfingsten nach vorbedachtem Rathe schon von allem Anfang her auf den Tag verlegt, an welchem Er Seinen Geist über die Kirche ausgießen wollte? Oder hat es tiefere und höhere Gründe neben den bereits fragweise angedeuteten? Mußte der HErr in Seinem Himmel, wollte Er an dem Orte Seines ewigen König- und Priestertums noch himmlische Vorbereitungen auf die Ausgießung Seines Geistes machen, bedurfte Er die zehn Tage, um in der Ewigkeit Werke zu wirken, ohne deren Vollbringung der Geist Gottes nicht ausgegoßen werden konnte? Hie fragt man mehr, als man zu beantworten vermag; es läßt sich vieles vermuthen und ahnen, wovon wir keine Offenbarung, keine Kenntnis, keine Gewisheit haben. So viel aber sehen wir deutlich, daß der HErr, wie Er auch in Seinem verklärten Zustande die Orte unterscheidet, ebenso die Zeiten unterscheidet, und daß Er für alles Zeit und Stunde festgesetzt hat und einhält. Das sehen wir ja auch noch an einer andern Stelle dieser vorbereitenden Verse. Der HErr hatte den Jüngern gesagt, sie sollten in Jerusalem auf die Verheißung des Vaters warten; sie meinten, die Verheißung des Vaters werde ihnen nun gegeben werden, weil das Reich Gottes und Israels, das Licht am Abend der Welt, die Verherrlichung des Volkes Gottes vor dem Ende der Welt eintreten sollte. Der HErr aber sah dieses Ereignis und die Aufrichtung des herrlichen Reiches Israels noch in weiter Ferne, ganz andere Geschäfte waren noch zu vollbringen, nicht wie mit einem Schlage sollte die Kirche in ihrer Vollendung dastehen, sondern erst am Ziele einer langen Arbeit Seiner Knechte, am Ende aller Werke Seiner heiligen Mission sollte das Reich der Glorie Israels eintreten; deshalb sagte Er: „Es gebührt euch nicht zu wißen Zeit oder Stunde, die der Vater Seiner Macht vorbehalten hat.“ Also hat der Vater Zeit und Stunden, also behält Er sie vor und gibt eine jede zu seiner Frist; also unterscheidet der ewige Vater, wie der verklärte Sohn Zeiten und Stunden, Orte und Räume, und begabt Zeit und Raum mit Seiner mannigfaltigen Gabe nach vorbedachtem Rath. Uns aber wird das kund gethan, damit auch wir Zeiten und Stunden, Orte und Räume unterscheiden und achten und aufmerken, was uns der HErr an jedem Ort, zu jeder Zeit an Gnade schenken will.
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 Zu diesen drei Bemerkungen aus dem Bereiche des ersten vorbereitenden Theiles haben wir noch eine vierte zu machen, oder wenn ihr lieber wollt, einen gelegentlich schon geäußerten Gedanken noch besonders hervorzuheben, wie er es verdient. Es ist euch, meine lieben Brüder, bekannt, daß die ersten Christen eine baldige Wiederkunft des HErrn JEsus Christus erwartet haben; noch in ihren Zeiten glaubten sie, würde der Edle, der an Himmelfahrt über Land zog, wiederkommen, um die Arbeit Seiner Knechte zu beschauen. Wenn in der heiligen Schrift die Rede davon ist, daß der Edle verziehen würde, wiederzukommen, so hinderte sie das keineswegs in ihrer Hoffnung; sie hielten einen Verzug von Jahrzehnten für lang und beschwerlich genug, und waren ja auch von dem HErrn Selbst angeleitet, täglich und stündlich auf Ihn zu warten. Nun könnte man freilich aus unsrem Texte gegen eine so nahe Erwartung der Wiederkunft Christi etwas aufbringen, was wenigstens scheinbar einige Wichtigkeit haben könnte. Man könnte nämlich sagen, der HErr habe doch nicht undeutlich zu verstehen gegeben, daß das Zeugnis von Ihm zuvor zu allen Völkern, ja bis ans| Ende der Erde dringen müße, ehe des Vaters Zeit und Stunde erscheinen konnte, Seinen Sohn zum zweiten Mal zu senden und das Reich Israel aufzurichten; ja es gehe nicht einmal aus dem Texte hervor, daß unmittelbar nach der Ankunft des Zeugnisses JEsu am Ende der Erde auch alsbald die Herrlichkeit des Endes hereinbrechen müße, zwischen dem vollendeten Zeugnis JEsu und dem Beginnen des Endes könnten lange Zeiten liegen, der HErr habe genau genommen nichts weiter gesagt, als daß jedenfalls vor vollendetem Zeugnis Seine Wiederkunft nicht eintreten könnte. Allein diese ganze Einwendung trägt so, wie sie lautet, das Gepräge unserer Zeit an sich. Denn einmal ist es allerdings ganz richtig, daß zwischen dem vollendeten Zeugnis und der Wiederkunft Christi, dem Wortlaut der heiligen Schrift nach, lange Zeiten mitten inne liegen können; andererseits aber kann es auch scheinen, wie wenn die Vollendung des Zeugnisses in eine viel spätere Zeit, als die apostolische zu setzen wäre, wie wenn bis zur Stunde das Zeugnis nicht vollendet wäre. Allein die ersten Christen konnten einmal nicht wißen, was bei uns freilich jedes Kind wißen kann und auch weiß, daß das Zeugnis so lange fortgehen werde, so wie ihnen auch der Gedanke nicht kommen konnte, daß zwischen dem Zeugnisse und dem Ende noch lange Zeiten sein könnten. Dagegen aber wußten und betonten sie etwas, was wir kaum wißen, geschweige betonen wollen: nämlich daß ja der HErr zunächst nicht zu der Kirche im allgemeinen, sondern zu Seinen Aposteln persönlich sagte, sie sollten Seine Zeugen sein bis ans Ende der Erde, daß die, welche bis zum Ende der Erde zeugen sollten, keine andern sein konnten, als die, welche in Jerusalem zeugen sollten, daß der HErr in unsrem Verse Anfang und Ende der apostolischen Wirksamkeit bezeichnet habe. Sie glaubten und wußten, daß die apostolische Wirksamkeit von dem Centralpunkt Jerusalem zu der Peripherie des Endes der Erde mit einer großen Kraft und Schnelligkeit vorwärts drang. Sie beurtheilten auch wohl die Wirksamkeit der Apostel nicht nach deren Füßen, sondern nach ihrer Stimme: so weit ihre Stimme und ihre Lehre vorwärts drang, so weit sahen sie die Apostel selber vorwärts gedrungen, so wie man an allen Orten, bis zu welchen der Schein der Sonne dringt, die Sonne gegenwärtig, kräftig und wirksam erkennt. Ganz in diesem Sinne sagt ja auch der Apostel Paulus Röm. 10, 18, es sei der Schall der Wahrheit über die ganze Erde hinausgegangen und ihre Worte bis an die Grenzen der bewohnten Welt. Wenn nun aber die ersten Christen davon eine Kenntnis hatten, die wir nicht haben können, und eine Ueberzeugung, zu deren Begründung uns die geschichtliche Einsicht fehlt, so konnten sie allerdings ganz leicht auf den Gedanken kommen, die Zeit des Zeugnisses sei geschloßen, oder könne wenigstens geschloßen sein, die Wiederkunft Christi stehe vor der Thür. Haben sie nun auch in dieser Vermuthung geirrt, so waren sie doch so richtig und richtiger daran, als wir, wenn wir nach achtzehnhundert Jahren den Schluß des Zeugnisses JEsu in eine weite Ferne stellen und eben damit auch die Wiederkunft des HErrn. Wenn die ersten Christen nach ihrer Kenntnis der apostolischen Wirksamkeit denken konnten, das Zeugnis sei bereits zu Ende, wie viel mehr werden wir nach achtzehnhundert Jahren die Möglichkeit des Endes und der Nähe der zweiten Wiederkunft Christi zugeben müßen. Ist es uns auch eine reine Unmöglichkeit, geschichtlich nachzuweisen, wie weit in jedem Jahrzehnt oder Jahrhundert sich die Stimme der Predigt verbreitet habe, so können wir uns doch selber leicht sagen, daß von dem, was je und je geschehen, gar vieles zu unsrer Kenntnis nicht gekommen, daß die Geschichte nicht plan und vollständig vor uns liegt und wir aus dem wenigen, was wir wißen, keine sicheren Schlüße ziehen können. Der Fortschritt der Zeit und der Gnade Gottes und unsere große Unwißenheit kann uns die Möglichkeit eines nahen Schlußes des Zeugnisses und der vorhandenen Wiederkunft JEsu Christi sehr wohl lehren und uns anleiten, wie die Knechte täglich zu warten auf den Anfang des Endes und auf alle die Dinge, durch welche sich unsere Weltperiode vollenden soll. Nicht daß wir berechneten, was wir nicht berechnen können, nicht daß wir wüßten oder lehren könnten, was uns verborgen ist, aber daß wir die Möglichkeit erkennen und die Lampen bereit halten, dem Bräutigam entgegen zu gehen.
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 Das ist es, meine lieben Brüder und Schwestern, was ich als vierte Bemerkung zu dem vorbereitenden Theile unsres Textes hervorheben wollte. Hiemit treten wir zum zweiten Theile oder zur Beschreibung der Himmelfahrt| selbst. Faßen wir unsern Text ins Auge, so können wir uns aus demselben die Frage lösen, was denn die Himmelfahrt des HErrn gewesen sei. Wir alle wißen die lutherische Lehre, daß der HErr durch Seine Himmelfahrt keineswegs aufgehört hat, auf Erden zu sein. Wenn Er einmal sagt: „Wo zwei oder drei in Meinem Namen versammelt sind, da bin Ich mitten unter ihnen“; oder ein anderes Mal: „Siehe, Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende“, so kann Er das nicht bloß von Seiner göttlichen Allgegenwart meinen, weil Er nicht bloß als zweite Person der Gottheit, sondern als das mensch- und fleischgewordene Wort, als Immanuel und Gottmensch von sich redet. Er redet von Seiner göttlich-menschlichen Allgegenwart, deren größtes, wunderbarstes und bekanntestes Zeugnis die Allgegenwart JEsu im Sakrament des Altares ist. Wenn nun aber der HErr allenthalben, namentlich in Seinem Sakramente gegenwärtig ist, so könnte man sagen, Er habe also in Seiner Himmelfahrt die Erde nicht verlaßen, weil Er noch allenthalben gegenwärtig sein könne und gegenwärtig sei. Allein so vollkommen richtig das ist und so fest in den Worten der heiligen Schrift gegründet, so dürfen wir doch keinesfalls die Lehre von der Allgegenwart der Menschheit JEsu, namentlich in Seinem Sakramente, in Gegensatz zur Wahrhaftigkeit Seiner Himmelfahrt setzen. Kein Mensch kann die Stellen des göttlichen Wortes von der Himmelfahrt lesen, ohne den unmittelbaren Eindruck und die Ueberzeugung zu bekommen, daß die heiligen Schriftsteller von einer wirklichen Ortsveränderung reden, von einer Auffahrt in die Höhe, über die Region der Wolken hinaus, ja über alle Himmel. Was bei allen andern Leiblichkeiten ein reiner Widerspruch wäre, das darf bei der Leiblichkeit des Gottmenschen, deßen Menschheit nach dem Zeugnisse der heiligen Schrift Theil an den göttlichen Eigenschaften hat, nicht als widersprechend genommen werden. Der Himmel ist ein Ort, ein Ort der Offenbarung Gottes, ein Heiligtum des HErrn; dort hinein zieht JEsus an Seinem Heimfahrtstage, als in den Ort Seiner ewigen Ehren und Seiner Offenbarung; Seine sichtbare, leiblich begränzte Gegenwart ist zur Zeit nicht mehr auf Erden, sondern in der Höhe; dabei aber ist Seine unsichtbare, wunderbare und sakramentliche Allgegenwart auch kein Mährchen, sie ist gleichfalls auf unwidersprechliche und klare Worte der heiligen Schrift gegründet, und zufolge der heiligen Schrift kann man daher nicht anders als beides festhalten, eine wirkliche Himmelfahrt, einen Aufenthalt JEsu in den ewigen Höhen und eine wahrhaftige Allgegenwart der Leiblichkeit unsers HErrn allenthalben, namentlich im Sakrament. Ob wir beides zusammen reimen und vereinigen können oder nicht, das ist für denjenigen eine sehr gleichgiltige Sache, der in allen Stücken schriftmäßig sein will und daher beflißen ist, im Glauben aufzufaßen und zusammenzufaßen, was Gott der HErr spricht. Der HErr wird dermaleins in keine Verlegenheit kommen, vor der geschaffenen Vernunft alle Seine Wege im Zusammenklang zu zeigen; wer Ihm in Einfalt glaubt, wird am Ende die Herrlichkeit Gottes schauen und es ewig nicht bereuen, alle Vernunft unter den Gehorsam des Glaubens gefangen genommen zu haben. Wir können diese Worte in dem Falle, von dem wir reden, desto ruhiger führen, weil bei gemachtem Unterschied zwischen unsrer Leiblichkeit und der gottverlobten Leiblichkeit unsres HErrn ein Widerspruch zwischen einer besonderen und sichtbaren Gegenwart Christi im Himmel und einer unsichtbaren Allgegenwart nicht einmal besteht. Im Gegentheil, diese himmlische Gegenwart und irdische Allgegenwart des Leibes JEsu geht so eng zusammen, daß die eine mit der andern gewißermaßen gleichzeitig ins Leben tritt. Die Zeit, in welcher der HErr gen Himmel fährt, ist dieselbe, in welcher Er auch Seine göttlich menschliche Allgegenwart offenbart und antritt; diese hängt von jener ab und ohne die wahrhaftige Auffahrt JEsu gäbe es auch wohl keine wahrhaftige Allgegenwart JEsu; Er würde bei uns nicht allezeit sein, nicht überall sein, wo zwei oder drei in Seinem Namen beisammen sind, wenn Er nicht aufgefahren wäre und sich zur Rechten der Majestät in der Höhe gesetzt hätte. Wirkliche Auffahrt, wahrhaftige Allgegenwart des HErrn, beides hängt innigst zusammen: die Himmelfahrt ist eine wahre Auffahrt und zugleich der Eintritt JEsu in den Stand der Erhöhung, vermöge welcher auch Sein Leib allgegenwärtig wird. – Doch können wir auf unsre Frage, was die Himmelfahrt des HErrn sei, aus unsrem Texte auch noch andre Antwort geben.
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 Der HErr fährt auf über alle Himmel und ist| doch auch allenthalben auf Erden bei den Seinen gegenwärtig. Wozu ist Er aufgefahren in die Höhe, und in welcher Absicht hat Er Sich auf den Thron Seines Vaters gesetzt, wenn es nicht geschehen ist, um das Regiment des Himmels zu ergreifen, das Reich der Herrlichkeit und das Reich der Natur im Namen Seines Vaters zu regieren? „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden“, so spricht Er selbst mit Beziehung auf Seine Auffahrt. Also ist die Himmelfahrt der Tag Seiner Einsetzung, wenn auch noch nicht in das Reich Seines Vaters David, so doch in das Reich Seiner göttlichen Macht und Herrlichkeit. Dazu ist es bekannt, wenn auch nicht aus unserer Textesstelle, doch aus anderen, daß der HErr am Tage Seiner großen Ehren mit Seinem eigenen Blute eingegangen ist in das Heiligtum und Seine hohenpriesterliche Thätigkeit im Himmel begonnen hat. Er lebt immer und bittet für uns und gebraucht Sein theures Blut zum Heile der erlösten Sünder in einer Art und Weise, welche wir allerdings nicht zu erkennen vermögen, von deren Dasein und seliger Wirkung wir aber dennoch in der heiligen Schrift die sichersten Zeugnisse haben. So beginnt also mit der Himmelfahrt zugleich die göttliche Thätigkeit JEsu Christi im Regimente des Himmels und der Welt und Seine hohenpriesterliche Wirksamkeit zum Heile der Seinen. Weil Er Sein Leben zum Schuldopfer gegeben hat, so lebt Er nun in die Länge und ohne Ende, und des HErrn Werk geht durch Seine Hand fort. Es ist etwas außerordentliches, daß uns die heilige Schrift zugleich von dem Eintritt JEsu in Sein ewiges Priestertum und in das göttliche Regiment berichtet. Allmächtig wirkt Er als König der Welt und doch betet Er auch als Hoherpriester. Dies wunderbare Beten eines Mannes, der Gott ist und allmächtig wirkt, deutet nicht bloß darauf hin, daß Seine Menschheit die allmächtige Kraft nicht ewig beseßen, sondern empfangen hat, nicht bloß auf das ewige Bewußtsein der Abhängigkeit des menschlichen Willens JEsu von dem göttlichen, sondern auch auf den großen Unterschied, der zwischen dem Reiche der Herrlichkeit und der Natur einerseits, und zwischen dem Gnadenreiche andrerseits ist. Das Gnadenreich erstreckt sich über Sünder, die nicht verdienen, selig zu werden und doch zur Seligkeit geführt werden sollen. Dies letzte ist aber keine Sache der puren Allmacht; da muß die Gerechtigkeit des HErrn zufrieden gestellt, der gerechte Zorn Gottes, die gerechte Strafe des Allerhöchsten beseitigt werden, ehe die Mittel der Allmacht zur Seligkeit verlorner Sünder angenommen werden können. Eben deshalb muß der ewige Menschensohn, der wohlwollende König der ewigen Herrlichkeit, die Kinder des ewigen Todes im himmlischen Heiligtum kraft Seines Blutes erst entsündigen, ehe Er sie zu den verheißenen Hütten der ewigen Ruhe führen kann durch Seine Macht. Sonne, Mond und Sterne regiert Er mit Seiner königlichen Hand, die Menschenseelen aber und ihre Leiber kann Er nicht ohne versöhnende Thätigkeit selig machen, obwohl Er allmächtig ist. So groß ist unsre Sünde und ein solches Hindernis unserer ewigen Vollendung, daß ein ewiger König, der nicht zugleich ein ewiger Hoherpriester wäre, uns nicht zu helfen vermöchte. Nur in der Vereinigung der ewigen Macht und der priesterlichen Versöhnung gründet unsre Ruhe, unsre Seligkeit. Diese Vereinigung aber feiern wir eben an dem Himmelfahrtstage, in ihr sehen wir Ziel und Absicht der Auffahrt in die ewigen Höhen. – Wozu aber ist Christus allgegenwärtig auf Erden? Das sehen wir völlig klar, wenn wir jener Stelle gedenken, welche aus dem Munde des auffahrenden HErrn Matth. 28, 18–20 berichtet wird. Wie der HErr in unsrem Texte Seinen Jüngern sagt, sie sollten Seine Zeugen sein bis ans Ende der Erde, so befiehlt Er ihnen auch dort, in alle Welt hinauszugehen und zu allen Völkern, sie zu taufen und sie zu lehren. Vorher aber sagt Er ihnen, es sei Ihm alle Gewalt im Himmel und auf Erden gegeben; kraft dieser Gewalt sendet Er die Jünger in alle Welt und verheißt ihnen dann zum Schluße: „Siehe Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ Dieser Satz zeigt uns in seinem Zusammenhang die Absicht der Allgegenwart des HErrn. Er ist bei den Seinen, um ihnen zum Werke zu helfen. Im Himmel regiert Er die Welt zum Besten Seiner Kirche und übt Sein schützendes Hohenpriestertum für die Seinen aus; auf Erden aber beginnt Er am Himmelfahrtstage oder doch in Folge der Himmelfahrt vom Pfingstfeste an weit und breit Seine selige Thätigkeit als Hirte und Bischof der Seelen, der unsichtbar bei Seiner Heerde ist und ihr sichtbarlich hilft, der sich durch Seine Auffahrt nicht also verbirgt, daß| Er nicht eben sowohl als in den vierzig Tagen zwischen Ostern und Himmelfahrt an vielen Zeichen als gegenwärtig erkannt würde. So feiern wir also am Tage der Auffahrt JEsu nicht bloß Seine Inthronisation auf den Stuhl der göttlichen Macht, auch nicht bloß Seine himmlische Thätigkeit als Hoherpriester, sondern auch den Beginn Seines bischöflichen Amtes auf Erden und den Beginn der seligen Führung Seiner Kirche durchs Thränenthal zu der ewigen Heimath.

 Dies alles, meine lieben Brüder, so wenig auch die schwachen Worte der großen Sache entsprechen, ist dennoch Grundes genug, zu sagen, daß die Himmelfahrt JEsu der Eingang sei in Sein eigenes allerhöchstes Glück. Wie groß ist der, der auffährt zu Seiner ewigen Herrlichkeit, aber auch wie selig ist Er! Niemand ist größer als Er; es ist aber auch niemand seliger als Er. Es kann ja freilich niemand seliger sein, als er nach der Kraft und Macht seines angeschaffenen Wesens das Glück des ewigen Lebens faßen und tragen kann. Wenn es einen seligen Wurm gäbe, so würde er eben so selig sein, als er es vermöge seiner Natur sein könnte; in dem seligen Leben ist alles so selig, als es zu sein vermag, aber es mag dabei gehen, wie mit den Waßersammlungen, die Gott auf Erden gemacht hat: Alle faßen sie Gottes Waßer, jede so viel als sie kann, aber der See faßt mehr als der Teich und der Ocean mehr als der See; ein Element ist es, das in allen ruht, aber nicht ruht in einer so viel wie in andern. So sind alle Seligen selig, aber je nach der Macht und Anlage, die einem jeden gegeben ist, faßt der eine die Seligkeit mehr als der andere; es gibt keine Stufen der Seligkeit, alle sind gleich selig, dennoch aber ein jedes nach dem Maße seiner Fähigkeit. Das Maß aber unsers HErrn in Seiner Auffahrt ist ein wie großes, ja unermeßliches. Sein Leib, Seine Seele, Sein Geist verbunden mit und durchströmt von der ewigen Gottheit, faßet die Herrlichkeit der ewigen Seligkeit mehr, als alle andern Wesen. Herrlicher als alle andern, ist Er auch so selig, daß niemand unter allen andern Creaturen die klaren Tiefen Seiner Seligkeit auch nur durchschauen könnte. In diese Seligkeit aber ist Er am heutigen Tage eingegangen und Sein Himmelfahrtstag ist, wie gesagt, auch der Eingangstag zu Seiner ewigen Seligkeit.

 Mit dieser Erinnerung, meine lieben Brüder, schließen wir die Betrachtung der Himmelfahrt des HErrn. Als der HErr auffuhr, da sahen Ihm Seine Jünger staunend nach, und ihre Blicke hiengen auch da noch an den obern Regionen, als ihnen der Gegenstand ihrer Bewunderung durch die Wolken des Himmelfahrtstages bereits entzogen war. Aehnlich könnte es unserer Seele gehen, wenn sie die Bedeutung der Himmelfahrt betrachtet und den HErrn in Seiner Heimfahrt innerlich begleitet hat. Von diesem Wege in die Höhe kehrt der anbetende Gedanke nur langsam zurück. Es merkt sich, daß das eigentlich der Heimweg ist; wer den einmal betreten und kennen gelernt hat, der kehrt ungern zur Erde zurück, selbst wenn Engel winken. Den heiligen Aposteln mußte die sichtbare Auffahrt JEsu trotz dem, daß der HErr sie schon mehrfach darüber unterrichtet hatte, überaus erstaunenswerth und überraschend sein. Vor wenigen Minuten stand Er noch in ihrer Mitte und redete zu ihnen, nun aber ist Er ihren Augen entzogen, nicht durch Tod und Grab, sondern durch eine Himmelfahrt. Das war ein ganz anders Abschiednehmen, als am Kreuze auf Golgatha, mußte auch einen ganz andern Eindruck auf sie machen, – einen nicht minder gewaltigen und starken, aber einen der Art und dem Gefühle nach, das gewirkt wurde, ganz verschiedenen. Himmlisch, freudig, selig, hingerißen, muthig mußten sie sich fühlen, eine Lust mußte in ihnen erwacht sein, denselben Weg zu nehmen; dennoch aber fehlte ihnen der leichte Flug, die Kraft, sich zu erheben, nur ihre Seele und eine kleine Weile ihr Auge konnte Christo folgen. Sie sollten nicht damals schon den Weg in die ewige Heimath wirklich und wesentlich betreten; ihr irdischer Lauf war noch nicht geschloßen, im Gegentheil, die herrlichste und gesegnetste Strecke desselben lag noch vor ihnen. Nicht der aufgefahrene Christus, sondern Der, welcher ihnen Seine Gegenwart für ihre Wirksamkeit verheißen hatte, sollte ihnen zunächst vor Augen schweben. Ihre Seele sollte sich dem heiligen Berufe zuneigen, der ihnen geworden war und sich an die Erde gewöhnen. Ihr Herz sollte voll Freude und Begier an Jerusalem, Judäa, Samaria und die Enden der Erde denken, ihr Fuß sich zu fernen Wegen, ihre Zunge zur evangelischen Verkündigung stärken, zur mühevollen Arbeit sollten sie sich rüsten, der Aufgefahrene aber sollte von nun an ihre Hoffnung, Sein Angesicht und Sein Anschauen ihr Heimweh| und ihre Sehnsucht werden. Darum traten auch zwei Engel zu ihnen, zwei aus den Chören, die Christum heimgeleiteten, zwei Männer in hellem leuchtendem Gewande und brachten durch ihren Zuruf bei den Aposteln die rechten Gedanken in Gang. „Ihr Männer von Galiläa, was stehet ihr hier und schauet gen Himmel? Dieser JEsus, der von euch aufgenommen ist in den Himmel, wird ganz in derselben Weise wiederkommen, wie ihr Ihn habt zum Himmel fahren sehen.“ Also ist da nichts mehr zum Himmel zu sehen, man soll Ihm nicht nachfahren wollen, Er kommt ja wieder gerade so, wie Er aufgefahren ist, mit des Himmels Wolken in der Herrlichkeit des HErrn. Das soll man erwarten, deßen sich würdig machen und bis zur Zeit, da Er wieder kommt, so lange man kann, auf Erden das Werk vollbringen, welches Er befohlen hat, mit den Pfunden wuchern, die Er zurückgelaßen, und unter den Völkern Segen stiften, unter welchen Er Seine Kirche bauen will. Da haben wir, meine Geliebten, zwei ächte Himmelfahrtsgedanken: auf die Wiederkunft Christi warten und bei solchem Warten den heiligen Erdenberuf der Kirche vollbringen. Mit diesen beiden Gedanken schließt der Text und auch mein Vortrag, nicht mit einem von beiden, sondern mit beiden. „Selig sind die Knechte, die auf ihren Herrn warten“, sagt eine Stelle der heiligen Schrift, eine andre aber: „Selig ist der Knecht, welchen der Herr, wenn er kommen wird, also wird finden thun.“ Warten und thun, dem wiederkommenden JEsus entgegen hoffen und entgegen arbeiten, das sind Himmelfahrtsgedanken, Himmelfahrtsgeschäfte. Zu ihnen ruft der HErr und für ihr mächtiges und glückliches Vollbringen bereitet Er ein Pfingsten. Wer den doppelten Entschluß fest ins Herz faßt und seine Augen nach der Hilfe richtet und um sie betet, dem wird sie auch gegeben werden: die Verheißung des Vaters, die Kraft des heiligen Geistes wird über ihn kommen, daß er kann, wozu er sich entschloßen hat, und daß er ein Wegbereiter mehr wird für Den, der wieder kommen wird über ein Kleines. Amen.


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