Eugenie John-Marlitt (Gartenlaube 1899)

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Autor: Moritz Necker
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Titel: Eugenie John-Marlitt
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 5, S. 144–152, 186–192
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1899
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger G. m. b. H. in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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[144]
Eugenie John-Marlitt.
Mit bisher ungedruckten Briefen und Mitteilungen. Von Moritz Necker.

Eugenie John-Marlitt hatte ihr Leben lang eine eigene Scheu davor, persönlich Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit zu sein. Das ging ihr gegen die Natur, sie empfand es geradezu als eine Pein. In der Jugend, wo sie als Opernsängerin debütierte, litt sie unter den Qualen des Lampenfiebers dermaßen, daß sie erkrankte. Im Alter, als sie schon die berühmte Erzählerin der „Gartenlaube“ war, ließ sie sich vor jedem fremden Besucher verleugnen. Auch die Wahl eines Pseudonyms für ihre Romane war eine Folge dieser Scheu. In ihrem ganzen Leben ließ sie sich nur zweimal photographieren. Auf diese übergroße Bescheidenheit ist es zurückzuführen, daß bisher keine Biographie der Marlitt geschrieben werden konnte, die uns Einblick in ihre innere Entwicklung, in ihr Privatleben gewährte.

Zu ihren Lebzeiten konnte natürlich keine Rede davon sein; was damals über sie gedruckt wurde, ging über die äußerlichsten Mitteilungen nicht hinaus. Aber auch die Biographie, welche ihr Bruder, der Oberlehrer Alfred John, schrieb, und die den zehnten Band der Gesamtausgabe ihrer Werke abschließt, [146] ist zurückhaltend gerade an jenen Stellen, wo man mehr Auskunft wünschte: in der Geschichte der Jugend, in der Schilderung des Privatcharakters der Dichterin.

Diesem Mangel soll nun in der folgenden Darstellung abgeholfen werden. Sie schöpft aus einer großen Anzahl von Briefen, welche E. Marlitt schrieb oder empfing, aus Aufzeichnungen ihrer Schwägerin Ida John, Alfreds Gattin, und brieflichen Mitteilungen der Gräfin Zintha v. Topor-Morawitzky in Reichenhall, des Oberamtsrichters Kern in Marbach, des Dr. Arnold von Franque in München und des Professors Carl von Lemcke in Stuttgart an den Verfasser. Eine Dichterin, welche den weitesten Leserkreis zu fesseln verstand, ist einer solchen Darstellung würdig. Repräsentiert sie doch ein Stück deutscher Kulturgeschichte.

Das litterarische Urteil über E. Marlitt darf man heute, zwölf Jahre nach ihrem Tode (22. Juni 1887), wohl als abgeschlossen erachten. Das bedeutsamste und zutreffendste Wort über sie ist uns von Gottfried Keller durch einen zuverlässigen Zeugen überliefert worden.

Es war in der Tonhalle zu Zürich, wo der würdige Staatsschreiber gelegentlich gern bei einer Flasche Wein am „Professorentisch“ mit Johannes Scherr, Gottfried Kinkel u. a. abends zusammensaß.

Einmal kam die Rede auf die „Schriftstellerei aus Damenfedern“ und Kinkel spielte höchst ungalant auf die Retterinnen des Kapitols an. Da fuhr Gottfried Keller dazwischen: „Was, Geschnatter! es ist wahr, es schreiben viele, und sie werden die Männer bald ins Gedränge bringen – aber, das ist eben der Teufel, sie können was. Da will ich euch ’mal eine Geschichte erzählen, wie es mir hierbei ergangen:

Ich hörte einmal einen gewissen Autor entsetzlich auf die Marlitt schimpfen – er schrieb selbst Romane“ – setzte Keller mit einem boshaften Lächeln hinzu. „Wenn man derartig gegen jemand loszieht, muß etwas an der niedergedonnerten Person sein, dachte ich mir und ließ mir einen Band von der ‚Gartenlaube‘ kommen. Es stand die ‚Goldelse‘ darin. Nun, ich habe“, fuhr Keller nachdrücklich fort, „nicht allein diese Geschichte, sondern auch noch manche andere von ihr gelesen, und zwar von A bis Z, und habe keine Langeweile verspürt, im Gegenteil, ich habe das Frauenzimmer, die Marlitt, bewundert. Das ist ein Zug, ein Fluß der Erzählung, ein Schwung der Stimmung und eine Gewalt in der Darstellung dessen, was sie sieht und fühlt – ja, wie sie das kann, bekommen wir alle das nicht fertig. Wir wollen nur nicht ungerecht sein und der Schwächen wegen, die sie auch hat, ihr das Wegstreiten! –

Und dann noch eins!“ sprach Keller in großem Ernste weiter – „es lebt in diesem Frauenzimmer etwas, das viele, schriftstellernde Männer nicht haben, ein hohes Ziel; diese Person besitzt ein tüchtiges Freiheitsgefühl und sie empfindet wahren Schmerz über die Unvollkommenheit in der Stellung der Weiber. Aus diesem Drang heraus schreibt sie. In allen Romanen, die ich von ihr gelesen habe, war immer das Grundmotiv, einem unterdrückten Frauenzimmer zu der ihr ungerechterweise vorenthaltenen Stellung zu verhelfen, ihre Befreiung von irgend einem Druck, damit sie menschlich frei dastünde – und hierin besitzt die Person, die Marlitt, eine Kraft, das durchführen zu können, eine Macht der Rede, eine Wortfülle, eine Folgerichtigkeit in der Entwicklung ihrer Geschichten, daß ich Respekt vor ihr bekommen habe. – Setzt die Marlitt nicht herunter,“ schloß Keller die für ihn so ungewöhnlich lange Rede. „In dem Frauenzimmer steckt etwas von dem göttlichen Funken, und das erkennen alle an, die reinen Herzens sind, vorab die Jugend.“

Den wesentlichen Kern, auf den es in allen Marlittschen Romanen ankommt: den Kampf eines Weibes um seine Freiheit, hat Gottfried Keller hier so treffend herausgehoben, daß es keiner besser vermöchte.

1.

„Ich hänge mit inniger, fast möchte ich sagen, fanatischer Liebe an meinen Angehörigen, zu der sich, meinem Vater gegenüber, noch eine tiefe Verehrung gesellte.“ So schrieb Eugenie John an eine Freundin, als sie ihr für den Ausdruck der Teilnahme nach seinem Tode dankte. Wenn schon in der Lebensgeschichte jedes bedeutenden Menschen die Kenntnis seiner Herkunft und Familie von Wichtigkeit ist, so ist sie es doppelt in der Geschichte einer dichtenden Frau, denn des Weibes Schicksal wird noch mehr als das Leben des Mannes von seiner Familie bestimmt.

E. Marlitt hatte in ihrem ganzen Leben keinen höheren Wunsch als den, ihre Angehörigen durch die Bethätigung ihrer Fähigkeiten sorgenfrei und angesehen zu machen; alle Zärtlichkeit, die in ihrem jungfräulichen Herzen in reichem Maße wohnte, hatte sie zuerst den Eltern, dann den Geschwistern, dann den Kindern dieser Geschwister gewidmet.

Eugeniens Vater, Ernst John, geboren 1793 in Arnstadt, gestorben 19. Juni 1873 daselbst, war der Sohn eines angesehenen Kaufmanns und wurde selbst Kaufmann. Doch hatte er zu allem mehr Talent als zu diesem Beruf. Ein Mann von geistigen Bildungsbedürfnissen und künstlerischen Neigungen, eine einfache, edle, strebsame, aber auch verschlossene und in sich abgerundete Natur, interessierte sich Ernst John viel mehr für Sternkunde, Litteratur und insbesondere für Malerei als für den Handel.

„Er war begabt nach vielen Seiten hin“ – schrieb die Tochter über ihn – „und deshalb freilich von manchen seiner Zeitgenossen, den Ackerbürgern seiner Vaterstadt, als ein Genie scheu von der Seite angesehen. Ein Spaziergang neben ihm, in den Zeiten seiner Rüstigkeit, war für mich der höchste Genuß – es gab viel Anknüpfungspunkte zwischen uns …“ Am 29. März 1823 heiratete er die schöne und auch geistig begabte Johanna Böhm, Tochter eines der angesehensten Kaufleute in Arnstadt. Ihr Vater war Meister vom Stuhl der Freimaurerloge dieser Stadt, als Mann von Charakter allgemein geachtet. In der Franzosenzeit (1813) hatte er aber sein Vermögen eingebüßt; was die Familie noch besaß, gehörte seiner Gattin. Mutter Böhm war eine schöne, aber stolze und kalte Frau. Sie hatte ihre Tochter auf großem Fuß erzogen, auch musikalisch ausbilden lassen, und für die Verbindung mit Ernst John, die erst nach längerer Werbung mit schwerem Herzen zugestanden wurde, war sie nicht sehr eingenommen: ihre Tochter war zu höheren Zielen erzogen worden. Als sich nun bald nach der Heirat, beim Anwachsen der Familie, materielle Sorgen im Johnschen Hause fühlbar machten, da hatte die gestrenge Großmutter lange kein Erbarmen und half nur sehr spärlich in der Not.

Sie ist das Urbild der harten Frau Helbig im „Geheimnis der alten Mamsell“.

Eugenie kam am 5. Dezember 1825 in Arnstadt, als zweite Tochter, zur Welt. Die erste hieß Rosalie. Es kamen dann noch drei Brüder nach: Hermann, Alfred und Max. Alle Kinder hatten von den Eltern teils die musikalischen, teils die dichterischen oder künstlerischen Talente geerbt. Rosalie verfiel aber später in Nervenleiden. Hermann und Max wurden Techniker, Alfred Philolog. Nach der Geburt des zweiten Sohnes Alfred machte Vater John Bankrott, und damit war sein finanzieller Ruin öffentlich kundgeworden.

Zu jener Zeit bedeutete Bankrott nicht bloß Not, sondern auch Schande. Nun thaten sich die Verwandten Johns zusammen und verhalfen ihm dazu, sich in der geliebten Malerkunst so weit auszubilden, daß er sich durch sie einen Erwerb sichern könnte. John ging nach Dresden, studierte dort, indes seine Familie in Arnstadt zurückblieb. Als er zurückkam, konnte er Porträts in allen Größen, in Oel- und Wasserfarben, auf Leinwand und Elfenbein malen, aber in dem kleinen Arnstadt war nicht viel Kundschaft für künstlerische Aufträge, und selbst die Malerei von Ladenschildern war nicht einträglich. Es kamen viele Jahre bitterer Not für die Familie. In einem kleinen Gartenhäuschen, dessen dünne Mauern nicht genügend Schutz gegen Kälte und Feuchtigkeit boten, mußte sie sich lange Zeit bequemen. Oft fehlte es den Kindern an warmen Kleidern.

Um nicht zu sehr zu frieren, pflegte die kleine Eugenie in die Schule mehr zu laufen als zu gehen. Sie war ein auffallend schönes und liebenswürdigen Kind: die dunklen Haare ringelten sich in natürlichen Locken, die Augen waren blau, und immer war sie munter, zu Schelmereien aufgelegt, anstellig und behend. [147] Bis zu ihrem zwölften Jahre, so erzählt uns Frau IdaJohn nach Familienerinnerungen, verstand sie nicht, ruhig zu gehen. Immer hüpfend und trällernd, stets umherspähend, „ob nicht etwas käm’“, brachte sie die gute Mutter manchmal in Zorn, wenn sie kurz vor Mittag schnell noch etwas zum Essen Nötiges einholen sollte und dabei die Zeit vertändelte oder gar etwa die Kaffeebohnen aus der Tüte rinnen ließ.

Eugenie hatte eben immer an andere wichtige Dinge zu denken: ob wohl auch eine vergessene Nonne in dem Kloster neben der Liebfrauenkirche auftauchen könne? oder ob der längst vermauerte unterirdische Gang in ihres Großvaters Weinkeller wirklich die zwölf Apostel in Silber verberge? So oft es anging, packte sie ihren nie fertigwerdenden Strickstrumpf und ein Stück Schwarzbrot ein und ging auf die Wanderschaft: in die Einsamkeit entlegener Gärten, nicht mehr benutzter Gartenhäuser oder in den Wald und hielt Zwiesprach mit Steinen, Bäumen und Tieren. Oder sie fuhr ihr jüngstes Brüderchen Max langsam und vorsichtig in den Alleen umher, bedeckte den kleinen Wagen mit grünen Lindenzweigen und sang ihm selbstgedichtete und selbstkomponierte Lieder vor.

Am liebsten wandelte sie zwischen den Grabdenkmälern des Friedhofs umher und bemühte sich, die Inschriften zu entziffern. Auf solch einsamen Wanderungen machte sie mitunter merkwürdige Entdeckungen. So fand sie Zutritt zu vermauerten Räumen, wo man vergilbte Papiere oder verrostete Eisenstücke aufbewahrte. Wo es was zu schauen gab: Hochzeit oder Begräbnis, war das phantastische Mädchen gleich dabei, und dann konnte sie im Kreise von Geschwistern und Gespielinnen beim Mondenschein unter irgend einem Thorbogen sitzen und ihnen lange Geschichten von alten verfallenen Schlössern, vergrabenen Schätzen, Rittern und Elfen und Zwergen erzählen, bis es Schlafenszeit ward.

Früh trat auch schon ihre musikalische Begabung zu Tage. Sonnabends war Singstunde. Da pflegten sich die Schüler der anderen Schulen, Bürgerfrauen und Bauern vor dem Schulgebäude aufzustellen, um die „kleine John“ singen zu hören: ihre glockenhelle Stimme tönte aus dem ganzen Chor hervor …

So wirkte die frische Kraft der Jugend dem Druck der Not entgegen. Aber die traurigen Verhältnisse in der Familie John wirkten doch auch auf das kindliche Gemüt ein. Herabgekommener Wohlstand wird immer schmerzlicher als ererbte Not empfunden. Eugeniens Mutter, so lieb sie ihren Gatten hatte, verschmerzte nie das Leid über ihr enttäuschtes Leben. Sie litt zwar still, aber doch sichtbar. Sie erlebte nicht mehr den glänzenden Glückswechsel in ihrem Hause, denn sie starb schon am 31. August 1853. Der Vergleich mit dem großväterlichen Hause mußte daher immer schmerzliche Betrachtungen erregen.

Von dieser Jugendzeit an setzte sich das eigentümliche Mißtrauen, der Stolz verschämter Armut in Eugenie fest, der sie später noch zuweilen unliebenswürdig erscheinen ließ. Aber schon damals auch wurde der Stachel des Ehrgeizes in ihr geschärft, der sie zu rastloser Arbeit trieb und frühzeitig auf die Notwendigkeit eines Broterwerbs hinwies. Auch zur Gicht, unter der Eugenie und ihre Brüder später so viel leiden sollten, hatten diese Jugendjahre in der feuchten Gartenwohnung den Keim gelegt.

Indes ward es bald klar, daß dieses frische und phanlasiereiche Mädchen zu einem höheren Berufe erzogen werden mußte.

Ihre schöne Stimme und ihr gutes musikalisches Gehör fanden am Kantor Stade, dem Singlehrer der Arnstädter Schule, einen verständnisvollen Gönner. „Sie hat Millionen in ihrer Kehle,“ versicherte der Herr Kantor, der Eugenie schon in Konzerten seines heimischen Singvereins öffentlich auftreten ließ. „Ihre künstlerische Ausbildung muß möglich gemacht werden.“ Damals war die Blütezeit der Primadonnen und Virtuosen in Deutschland. Warum sollte nicht Vater John hoffen dürfen, daß das an ihm vorbeigegangene Glück sich durch die Gesangskunst seiner Tochter einfangen ließe? … Da entschloß er sich zu einer Eingabe an die als großherzige Fördrerin der Künste und Wissenschaften allgemein verehrte junge Landesmutter, die Fürstin Mathilde von Schwarzburg-Sondershausen: sie möchte sich seiner als sehr begabt anerkannten Tochter annehmen. In der That berücksichtigte die Fürstin das Gesuch in auffallend kurzer Zeit und entsandte den Bassisten Krieg vom Hoftheater in Sondershausen nach Arnstadt zur Prüfung des gerühmten Singvogels.

„Auf einem Spinett,“ so erzählt Eugeniens Bruder, „schlug er einzelne Töne an, die sie mit voller Kraft nachsingen mußte – wie erstaunt fuhr da der Examinator herum: Man meint, eine solche Fülle käme eher aus diesem mächtigen Ofen als aus einer so zierlichen Figur’, sagte er. Damit war der heiße Wunsch der Eltern erfüllt; hinfort stand die Tochter unter dem Schutze einer gütigen Hand – und ,nun muß sich alles, alles wenden!’“

2.

Fürstin Mathilde von Schwarzburg-Sondershausen war eine sehr interessante Persönlichkeit, die nur die engen Verhältnisse ihres Ländchens und widrige Schicksale daran gehindert haben, zu größerer Bedeutung zu gelangen. Eine Tochter des Fürsten Friedrich August Karl zu Hohenlohe-Oehringen, kam sie am 3. Juli 1814 zur Welt und trat, mehr dem väterlichen Gebot, als innerer Neigung gehorchend, mit achtzehn Jahren in die Ehe mit dem Fürsten von Schwarzburg-Sondershausen. Mehrere Kinder entsproßten dieser schmerzensreichen Verbindung. Die fehlende Liebe stellte sich auch später nicht ein. 1847 wurde das gelockerte Band der Ehe in aller Form getrennt, angeblich darum, weil die Fürstin zu viel Geld verschwendete. Sie hatte allerdings die wahrhaft fürstliche Lust am Schenken und Spenden.

Ihr schwebte vor, in ihrem kleinen Sondershausen so etwas wie ein kleines Ferrara zu schaffen. Sie unterstützte Künstler und Gelehrte, zog sie in ihre Umgebung, und dem kleinen Hoftheater in Sondershausen widmete sie ihre besondere Neigung, denn sie war auch selbst dichterisch begabt. Gelegenheitsverse von Geist und Anmut flossen ihr leicht aus der Feder; ihre Briefe sind von echt weiblichem Esprit; auch die kleinsten geschäftlichen Aufträge und Mitteilungen schrieb sie in einem persönlichen Stil. Unter dem Pseudonym M. Dornheim ist die Fürstin mit lyrischen Gedichten (in Anthologien) und 1857 mit einem Drama in Versen, „Jadwiga, Königin von Polen“, in die Oeffentlichkeit getreten (Stuttgart, Hallberger). Das Schauspiel hat bezeichnenderweise den Konflikt einer Königstochter zwischen Neigung und politischer Pflicht zum Thema. Jadwiga bringt aus Frömmigkeit das Opfer ihrer Liebe zu ihrem Jugendfreunde Wilhelm von Oesterreich; weil Jagiello, der Großfürst von Litauen, der um sie wirbt und vom Volke unterstützt wird, verspricht, mit seinem Stamme zum Christentum überzutreten, wenn er Jadwigas Hand erhält.

Die lyrischen Gedichte der Fürstin ragen über den landläufigen Dilettantismus hinaus … Jedenfalls konnte eine Frau mit so edlen geistigen Interessen an den Aeußerlichkeiten des Hoflebens kein Genüge finden. Ueber die Vorurteile ihres Standes war sie erhaben. Gewicht auf ihre Würde legte sie erst in den Jahren ihres Alters und ihrer Vereinsamung. Mit ihrer außerordentlichen Güte wäre sie bei einem ungestörten häuslichen Glück eine wahre Landesmutter geworden, sich und dem Fürstentume zum Heile. Doch sollte ihre Güte gerade von Menschen mißbraucht werden, denen man es am allerwenigsten zugetraut hätte, und eine Fülle von Leiden sich über ihr zartes Haupt entladen. –

Als die sechzehnjährige Eugenie John in Arnstadt die Prüfung vor dem musikalischen Vertrauensmann der Fürstin so glücklich bestanden hatte, ließ die hohe Frau sie nach Sondershausen kommen und nahm ihr Schicksal in hochherzigster Weise in die Hand. Eugenie kam zu einer guten Familie in Pension, erhielt allgemeinen Bildungs- und speziellen Musikunterricht; sie wohnte sogar der französischen Sprachstunde bei, die den fürstlichen Kindern im Schlosse gegeben wurde. Das zierliche Lockenköpfchen des begabten Mädchens eroberte rasch das Herz der Fürstin, und es verging kein Geburtstag, kein Weihnachtsfest in den nächsten drei Jahren (1841–1844), die „Jenny“ (wie sie im Familienkreise und auch von der Fürstin genannt wurde) in [148] Sondershausen verbrachte, ohne daß sie mit Geschenken überreich bedacht worden wäre.

Ein Bericht Jennys an die Eltern über eine solche Bescherung (leider nicht datiert) liegt uns auf einem grünen vergilbten Blättchen vor, und da er die damalige Situation lebhaft vergegenwärtigt, auch die stilistische Gewandtheit der jungen Sängerin hübsch bezeugt, so darf er hier seinen Platz finden.

Er lautet: „An meinem Geburtstag, dem 5. Dezember, wurde ich zur Fürstin gerufen. Als ich in das Zimmer trat, kam sie mir entgegen, wünschte mir recht herzlich Glück und führte mich zu einem Tisch, auf welchem ein wunderschöner Mantel, drei Paar Glacéhandschuhe, ein gestickter weißer Kragen und ein Halstuch lagen. Daneben stand eine prächtige Torte, auf welcher mein Name J. aus Zuckerguß stand. Das J. bedeutet Jenny, denn so ruft mich die Fürstin. Auch überreichte sie mir ein wunderschönes Sträußchen aus feinen, natürlichen Blumen. Ich war ganz glücklich! –

Am Weihnachtsabende ließ sie mich durch einen Bedienten holen. Als ich kam, kam mir die ganze fürstliche Familie entgegen, führte mich in ein Nebenzimmer, wo bereits meine Weihnachtsgeschenke lagen. Auf einem Tische brannten 8 hohe Wachskerzen, und daneben lag nun mein Weihnachten. Es bestand: aus 2 Kleidern, ein wunderschönes kattunes, mit 2 Röcken, und ein Ginghamkleid für das Haus. Ferner: eine wunderschöne, weiße, gestickte Pelerine mit rosa Atlasstreifen. 5 Paar lange und kurze Glacéhandschuhe; ein ganzes Dutzend feine, und das ganz feine, weiße, leinene Taschentücher, in welchen mein Name E. J. mit gothischen Buchstaben und weiß gestickt ist; dann weiße gestickte Manschetten; ein Paar niedliche, ganz ächte goldene Ohrringe mit rothen Steinchen; ein Halsbändchen mit Sammet, mit goldenem Schloß, welches ebenfalls mit rothen Steinen besetzt ist; ferner: ,Nösselts Weltgeschichte’. Es ist prächtig eingebunden und soll 5 Thaler kosten. Dann ein Liederbuch in rothen Saffian eingebunden; auf dem Umschlage steht der Name Eugenie mit großen goldenen Buchstaben. 2 Dutzend vergoldete Stahlfedern, einen ganzen Stoß feines Papier, einen silbernen Federhalter, einen Schnürleib, welcher elastisch ist, ein mächtiges Schütchen Aepfel, Nüsse und Zuckerwerk. Von der Frau Collaboratorin erhielt ich einen Kragen und ein Schütchen, und von Emma einen Haarhalter. Bin ich nicht reichlich beschenkt worden? –

Neulich schenkte mir meine Fürstin einen prächtigen Operngucker, der über und über vergoldet ist. Sie sagte, als sie ihn gab: ‚Hier, liebe Jenny, haben Sie etwas für das Theater; Sie können sich viel auf dieses Geschenk wissen, denn es ist mir selbst theuer und für mich ein werthes Andenken, dafür sollen Sie es aber auch nur haben.‘ Denkt Euch nur einmal diesen Engel, wie lieb sie mich hat! Auch hat sie mir eine sehr schöne, mit Silber beschlagene Lorgnette geschenkt, für das Concert.

Gestern bekam ich eine feine Stahlbrille, die sie mir aus Leipzig verschrieben hatte, denn ich kann die Noten beim Klavierspielen nicht mehr erkennen. – Ich habe ein Partout-Billet auf die Rangloge von der Fürstin bekommen, da kann ich jeden Abend ins Theater gehen und brauche das Billet nur vorzuzeigen. Auch die Frau Collaboratorin erhielt eines dergl., damit, so sagte mir die Fürstin, ich nicht allein ins Theater und nach Hause gehen müßte. Ich bin schon jedesmal dort gewesen, seitdem es hier spielt.“

Der lange Brief schließt mit der Mitteilung:

„Eben war ein Schuhmacher hier und nahm mir im Namen der Fürstin, wie er sagte, das Maß zu einem Paar neumodischen feinen Pariser Stiefeln, aber, sagte der Schuhmacher, die Fürstin hätte gesagt, er solle sie geradeso machen, wie die ihrigen.“

Eugenie mußte sich nach solchen Gunstbezeigungen wie in eine andere Welt versetzt fühlen.

Aber es trat darum doch keine Entfremdung ihres Gemütes von ihren Eltern ein, das muß bemerkt werden. Den ganzen Glückswechsel betrachtete dieses junge Mädchen nur als die endlich erlangte Möglichkeit, sich auf einen Beruf vorzubereiten, in dem sie für die Ihrigen sorgen könnte. Dieser Gedanke nahm vollständig Besitz von ihr. Was sie schon jetzt erübrigen konnte, schickte oder brachte sie bei den zeitweiligen Besuchen nach Arnstadt ins Vaterhaus. Die Brüder, die Schwester, den Vater überraschte sie immer mit irgend einem Geschenk, das sie doch selbst geschenkt erhalten hatte. Und in einem Briefe vom 5. Juli 1844 findet sich die bemerkenswerte Nachschrift:

„Werfet alle Eure Sorgen auf mich, meine Schultern werden jetzt wieder breit genug, um sie zu tragen.“ Es war keine Phrase, dieses Wort, das uns verrät, woher die Erzählerin E. Marlitt das Urbild zu ihren trotzig selbstherrlichen Mädchengestalten nahm; sie selbst war ein solcher Charakter, als sie mit dem stürmischen Idealismus der Jugend ins Leben trat. E. Marlitt bildete ihre Ideale nach dem eigenen Wesen, das ihr eingeboren war, wie sie aus ihren eigenen Kindererlebnissen den Inhalt ihrer Mädchengeschichten schöpfte.

Auch auf ihren Entschluß, Opernsängerin zu werden, hatte gewiß nicht weniger der heiße Wunsch, die Eltern aller Not zu entheben, als die Phantasie eingewirkt, welche der Glanz des Bühnenlebens locken mochte. Als Lehrerin oder Gouvernante hätte sie nicht viel erwerben können. Die Fürstin war nicht ohne Bedenken wegen dieser Neigung ihres geliebten Schützlings. Sie hatte Eugenien nahegelegt, daß ihre Zukunft gesicherter wäre, wenn sie eine bescheidene Wahl träfe, sich etwa zur Gouvernante oder Lehrerin ausbildete.

Aber das junge Mädchen, das sich nun schon seit drei Jahren in den Gedanken, Opernsängerin zu werden, hineingelebt hatte, zauderte nicht lange, sich zu entscheiden, als sie vor die Wahl gestellt wurde. In dem eben erwähnten Briefe aus Sondershausen schrieb sie am 5. Juli 1844 an ihre Eltern:

„Was habt Ihr Euch wieder für unnöthige Sorgen gemacht! Ich versichere Euch und kann es Euch zuschwören, daß ich Sängerin werde. Zwar ist es wahr, daß mir die Fürstin die Wahl freigestellt hat, es ist nur aus diesem Grunde geschehen, weil sie glaubt, mein künftiges Glück wäre da gesicherter; doch glaubt Ihr denn nicht, daß ich die Pflichten kenne, die ich meinen Erhaltern schuldig bin? Ihr habt mir von Kindheit an so unsäglich viel Gutes gethan, habt den letzten Bissen mit mir getheilt! Und ich sollte nicht alle meine Kräfte aufbieten, Euch ein sorgenfreies Leben zu verschaffen? Aus Deinem Briefe, lieber Vater, geht hervor, daß Du mich gar nicht kennst, indem Du mir meine Pflichten vorhältst, die ich doch selbst zu gut kenne. Die Fürstin stellte mir die Wahl frei, und ich wollte nicht in dem Augenblick, da sie es mir sagte, selbst bestimmen, obwohl im Herzen längst die Entscheidung ausgesprochen ist. Euch wollte ich davon Nichts schreiben, weil ich wußte, daß Ihr Euch unnöthig ängstigen würdet.

Doch nun sage ich Euch noch Eins, wenn Ihr von Herrn Consistorialrath gefragt werdet, so sagt ihm nur, daß Ihr mir die Wahl auch ganz freigestellt hättet, und daß Ihr Euch gar nicht sträuben würdet, wenn ich Gouvernante würde. Hört Ihr? Und daß Ihr ja nur mein Glück wolltet, möchte es nun sein, auf welche Weise es wolle. Werfet nur Alles auf mich. Ich werde es schon machen …“

Die Fürstin legte denn auch den Wünschen Eugeniens keine Hindernisse in den Weg; sie blieb ihrer Großmut getreu, stattete ihren „Liebling“ für die Reise nach Wien reichlichst aus – bis auf den Regenschirm und Kamm und Bürste – und übernahm alle Kosten ihres Aufenthalts und ihrer Ausbildung in der großen Kaiserstadt, die damals als Metropole der deutschen Musik galt.

3.

Nach vielen Jahren schrieb Eugenie an eine Freundin: „Mein Wiener Aufenthalt ist und bleibt das goldene Zeitalter meines Lebens, eine Oase voll Grün und Sonnenschein, auf der mein Blick erquickt ausruht, wenn er sich rückwärts wendet.“

Bis ans Ende ihres Lebens schwärmte sie für Wien – so mächtig war der Eindruck, den die schöne Stadt in ihr hinterlassen hatte.

Der Gegensatz zwischen dem Leben in Sondershausen und dem Leben in Wien war aber auch in der That mächtig genug. Zu [150] Hause war Eugenie John schließlich doch nur die arme Malerstochter, die um der außerordentlichen Gunst willen, die ihr von der Fürstin zu teil geworden, sehr beneidet wurde. In Wien war sie das schöne Mädchen in der ersten Lebensblüte, die hoffnungsvolle Sängerin, deren Ausbildung eine souveräne deutsche Fürstin sich so viel kosten ließ. Das allein bewirkte schon eine starke Verschiebung in ihrer sozialen Stellung. Und welch ein Gegensatz zwischen der ängstlichen Art norddeutscher Kleinstädterinnen und dem lebensfreudig übersprudelnden Temperament der Wienerinnen! Vollends in jenen Jahren vor der Revolution, wo das Wiener Bürgertum mächtig emporstrebte und die Stadt der Gemütlichkeit in Musik schwelgte! Kein Wunder, daß Jenny schon nach wenigen Wochen das wienerische Nationallied des Vormärz anstimmte: „’s giebt nur a Kaiserstadt! ’s giebt nur a Wien!“

Sie war auf großen Umwegen im Herbst 1844 nach Wien gekommen. „Durch halb Böhmen sind wir gereist. In dem wunderschönen Marienbad, in Leipzig, Eger, Franzensbrunn (Franzensbad), überall haben wir uns aufgehalten, und in Linz sind wir gar vier Wochen geblieben.“ (Brief vom 8. November 1844 an die Eltern.) Die Dame, deren Schutz sie anvertraut war – „die Mutter der Marra“ nennt Eugenie sie in einem anderen Briefe, der Erinnerungen an ihre Ankunft in Wien enthält – „behandelte mich empörend lieblos, und so kam ich in Frau von Hubers Haus, und in mißtrauischer Angst fürchtend, die ‚befreundete‘ Dame, zu welcher die alte Baronin mich brachte, möge ihr ebenbürtig an Herzenskälte und Bosheit sein.“ Aber es kam ganz anders, und das war die erste große Ueberraschung. Diese Frau von Huber, Gattin eines höheren Wiener Hofbeamten, welcher die Amtswohnung im schönen Augarten innehatte, war eine prächtige, herzenswarme Frau, Mutter von mehreren Kindern, Knaben und Mädchen, die tüchtig schalten und walten konnte und im Schutze der angesehenen Stellung ihres Mannes ein fröhliches, sorgenloses Dasein führte. In wenig Tagen hatte Frau von Huber das Herz der mißtrauischen Arnstädterin gewonnen, die doch in Wahrheit so sehr nach Liebe dürstete. „Mit Inbrunst und Enthusiasmus“ schloß sich das Mädchen an ihre neue „Pflegemutter“ an. Die Freundschaft mit ihr und ihren Kindern – insbesondere der Tochter Leopoldine, späteren Frau von Nischer, Gattin des Polizeihofrats von Nischer – wurde fürs ganze Leben geschlossen.

Leider sind wir über Eugeniens Erlebnisse in diesen ersten zwei Jahren ihres Wiener Aufenthalts nur spärlich unterrichtet. Briefe aus jener Zeit haben sich bis auf zwei Ausnahmen nicht erhalten, und Aufzeichnungen darüber hat die Dichterin auch nicht hinterlassen. Wir wissen nur im allgemeinen, daß Eugenie unter dem Schutze der Frau von Huber in die besten Kreise der Wiener Gesellschaft eingeführt, mit maßgebenden Persönlichkeiten der Wiener Theater- und Musikwelt bekannt gemacht wurde, Theater, Konzerte, Bälle besuchte, den Sommer mit den Hubers in Laxenburg, dem romantischen kaiserlichen Schlosse nahe bei Wien, verbrachte und fleißig Singunterricht nahm. Der einzige Brief Eugeniens aus dieser Zeit wurde im Nachlasse der Frau von Huber gefunden und der Dichterin zurückgestellt; so hat er sich erhalten. Als Dokument aus dem „goldenen Zeitalter“ der Marlitt hat er seinen besonderen Wert, weil er uns den Ton, in dem Eugenie in Wien verkehrte, mit aller Unmittelbarkeit vergegenwärtigt. Er lautet:

„Freitag, am 9. Mai 1845.

Theuerstes Pflegemütterchen!

Wie sehr mich Ihr liebes, wenn auch kleines Briefchen erfreut hat, kann ich Ihnen nicht beschreiben. Sie versichern mich Ihrer herzlichen Liebe, welche Versicherung mich glücklich macht. Ich weiß es nicht, womit ich diese Gnade von Gott verdient habe, daß er mir so oft das Wohlwollen der besten, edelsten Menschen zu Theil werden läßt.

Wie ich mit Bedauern vernommen habe, so ist Ihr Augenübel hartnäckiger, als man früher geglaubt hat. Ich habe deswegen große Besorgnis und wünsche Nichts sehnlicher, als Sie, bestes Mütterchen, wieder in unserer Mitte zu haben, wo es Ihnen an treuer kindlicher Pflege gewiß nicht fehlen würde. – Auch ich war krank und habe, um einer ernsten Halsentzündung vorzubeugen, den Herrn von Müller holen lassen; es war ihm nicht unlieb, daß ich mich gleich seiner helfenden Hand anvertraut hatte, da Halsweh in jetziger Zeit gefährlicher ist; doch jetzt, Gott sei Dank, bin ich wieder gesund. Mein Appetit ist so unermeßlich groß, daß durch mich eine Hungersnoth in Wien zu befürchten ist. Sie fragen mich, ob ich noch keine neue Partie einstudire? Ich muß leider mit ,nein’ antworten, da mir das Singen, des Halses wegen, untersagt wurde; ich werde aber nun mit erneutem Eifer meine Studien beginnen. An meine gute Fürstin habe ich geschrieben und zwar einen recht großen Brief. Ist es Ihnen recht? Von meinen guten Eltern, Geschwistern und sonstigen Verwandten bekam ich kürzlich einen Brief, worin vieles für mich Erfreuliches, aber auch Komisches stand. Z. B. sagt man in Arnstadt, ich debütire hier als eine Baronesse v. (den Namen hat der Vater vergessen) mit dem glänzendsten Erfolge. Ist das nicht zum Lachen? Ich und debütiren! Das wäre schön; ich glaube, ganz Wien liefe davon, sobald mein Brüllen erhallte. Uebrigens lasten sich die Meinigen Ihnen bestens empfehlen.

Etwas Neues: Marie H… hat den Hrn. K… (gemeinsamen Gesangslehrer) fast kriechend um Lectionen für den Monat Mai gebeten und er hat sie bewilligt. Das ist Kesselflickerswaare! Man möchte vor Ekel an diesen charakterlosen Menschen sterben. –

Ich war neulich mit Frl. Lori (Tochter der Frau v. Huber) bei Lejars (Cirkus). Da habe ich aber Augen gemacht, so groß, daß mir der Sand hineingeflogen ist! Es war aber auch wirklich schön anzusehen! Nein, wahrhaftig, so etwas ist mir noch nicht vorgekommen. Sie können sich mein Erstaunen nicht denken, das ich über alle die Kunstsprünge äußerte. Ich bin wie im Taumel aus dem Cirkus gegangen und kann mich jetzt kaum davon erholen. Ja, ja, das hat man in Wien; man darf nur wohin blicken, da sieht man auch schon etwas Neues, Ueberraschendes. Ich habe mir vorgenommen, Ihnen diesmal recht viel zuschreiben; doch ich muß jetzt schließen; denn es ist Zeit, den Brief abzugeben. Wäre der italienische Lehrer nicht dazwischen gekommen, dem ich übrigens Ihre Grüße ausgerichtet habe, so wäre ich auch weiter gekommen. Ein anderes Mal mehr.

Mit aller Hochachtung bin ich Ihre Sie innig liebende Pflegetochter E. John.

Ich fragte neulich den Franzi, was ich der Großmama schreiben sollte? Etwas von ihrem Rabunzel, war die Antwort.“

Auf demselben Blatt, auf der ersten Seite schrieb der Sohn der Frau v. Huber an seine Mutter und teilte u. a. von Eugenie mit: „Sie machte uns mit einem neuen Talent bekannt und wird Dich bei Deiner Rückkunft mit einer Galanterie-Buchbinderarbeit überraschen. Sie ist überhaupt so lieb und gut, daß ich sie wie eine Schwester liebe.“

In den Briefen nach Arnstadt wurde sie indessen nicht müde, zu betonen, daß sie ihren großen Zweck nicht aus den Augen verliere; die Erinnerung an die Not im Elternhause, die fortdauernd frisch erhalten wurde, war der dunkle Hintergrund ihrer Lebenslust in Wien. So schrieb sie am 7. Jan. 1845 den Eltern:

„Wie geht es diesen Winter mit der Arbeit, mit Miethe, Holz und Kleidung? Ich bitte Euch, schreibt mir darüber recht ausführlich, aber ja lauter Gutes. Geht es mir doch auch so wohl; warum (fragt sie ganz naiv) sollt es denn Euch dann schlechter gehen und ich einen Vorzug haben. Nun wartet nur, bald kömmt der Zeitpunkt, wo ich sagen kann, nun kommt Alle her; ich bin im Stande, für Euch und mich ehrlich und redlich zu sorgen; Noth und Kummer, die beiden fürchterlichen Gäste, die uns öfter heimsuchten, müssen erschreckt fliehen, und ein neues Leben, eine neue Welt thut sich uns Allen auf. Ich habe Gott sei Dank ein Recht, das Alles mit Gewißheit Euch versprechen zu können; denn Gott, unser gütiger Vater, hat mir ein fast seltenes Talent zur Bühne und zum Gesang verliehen, das jetzt immer glänzender hervortritt. Meine Lehrer haben die besten Hoffnungen und ich gründe all’ mein Streben darauf. Theilt aber dies Niemand mit, man möchte mich für anmaßend und arrogant halten.“

Ach, es sollte noch lange dauern, bis Eugenie dieses Ideal ihrer Jugend, „für Alle ehrlich und redlich zu sorgen“, erfüllen konnte! Und in einer Form, die sie zu der Zeit, als sie diesen Brief schrieb, sich nicht einmal im Traume einfallen ließ. Vorerst mußte sie ihre Erfahrungen mit der Bühne machen, die sie so schwer enttäuschen sollten.

[151]
4.

Nach zweijährigem Studium in Wien kehrte Eugenie in ihre Heimat zurück. Sie sollte nun das Gelernte praktisch verwerten. Auf Wunsch der Fürstin trat sie 1847 in Leipzig auf, und über dieses Debüt besitzen wir von Ernst Pasqué, einem der Mitwirkenden, der späterhin ebenso wie die Marlitt ein beliebter Schriftsteller wurde, einen hübschen Bericht (im Feuilleton der, „Frankfurter Zeitung“ vom 10. Oktober 1884), dem wir folgende Einzelheiten entnehmen.

„Es war im März des Jahres 1847, ich wirkte damals als Bariton auf der Leipziger Bühne, da trat eines Tages unser Chef, Dr. Schmidt, als Direktor reicher an Sorgen wie an Freuden, in den Probesaal, und teilte uns mit, daß die Fürstin von Sondershausen in Leipzig angekommen sei, in deren Gesellschaft sich eine junge Sängerin befände, die sie ihrer schönen Stimme, ihres Talentes halber habe ausbilden lassen. Fräulein Eugenie John (sie führte damals nur ihren Familiennamen) habe in Linz mit Glück debütirt und wünsche nun hier in Leipzig als Gast aufzutreten. Er, Dr. Schmidt, kenne zwar die junge Dame als Künstlerin nicht, doch, von der Frau Fürstin empfohlen, könne und wolle er deren Wunsch nicht entgegen sein; die angehende Sängerin scheine ihm nur ein wenig zu ängstlich und deshalb empfehle er sie dringend den Herren des Personals, mit denen sie zu singen haben würde, sowie dem Herrn Kapellmeister. Ihre erste Rolle würde die Gabriele in Kreutzers ,Nachtlager’ sein. Stegmayer, der damalige Kapellmeister, ebenso gutmütig wie jovial, meinte schmunzelnd, sie möge nur kommen, in unserem lustigen Künstlerkreise (und es ging damals bei der Leipziger Oper sehr, fast zu lustig zu!) würde ihr die Schüchternheit schon vergehen, und habe sie wirklich Talent, so brauche sie sich vor unserem Publikum erst recht nicht zu fürchten. Mir, der ich den Prinz-Regenten, also meistens mit ihr, zu singen hatte, empfahl Dr. Schmidt die junge Dame ganz besonders. Dann wurde die Probe sowie der Tag der Aufführung der Oper festgesetzt und die nötigen Vorbereitungen des Gastspiels waren getroffen.

Auf der Probe erschien ein einfach gekleidetes junges Mädchen (Frl. John zählte damals etwa 21 Jahre), von fast zierlicher Gestalt mit hübschen freundlichen, etwas gebräunten Zügen, schwarzen Ringellocken und dunklen Augen, deren Aufleuchten sich jedoch meistens hinter den halbgesenkten Lidern barg. Direktor Schmidt hatte nicht zuviel gesagt, als er sie schüchtern genannt. Vor dem Orchester stehend, bebte sichtlich die ganze Gestalt und kaum ein voll hörbarer Ton ihrer Arie, mit der die Oper beginnt, wollte sich ihren Lippen entringen. Es bedurfte der ganzen gutmütigen Freundlichkeit Stegmayers, sie über diese erste Klippe hinwegzuleiten. Und es ging! Die Stimme war hübsch, auch ausreichend und ihre musikalische Sicherheit wie ihre Gesangsfertigkeit ließen nichts zu wünschen übrig – wenn sie nur imstande gewesen wäre, dies alles von sich zu geben und zur Geltung zu bringen! Die zweite Nummer, das Duett mit Gomez, vom Tenor Stritt, einem älteren Sänger gesungen, ging schon bester, denn Stritt, ein frischer lebensfroher Rheinländer, faßte die schüchterne Debütantin kräftig, wohl etwas allzukräftig an und riß sie mit sich fort. Dann nahte ihre Hauptscene mit dem Prinz-Regenten. Ich hatte die junge Debütantin von ihrer ersten Note an beobachtet und fühlte wahrhaft Mitleid mit ihr, besonders da in den Coulissen bereits allerlei Bemerkungen laut geworden waren, die, hätte Fräulein John sie hören können, ihr auch den letzten Rest ihres Mutes genommen haben würden. Ich gelobte mir im stillen, ihr nach besten Kräften beizustehen und fing dies ganz anders an als mein alter lieber Kollege und Freund Stritt. Mit größter Ruhe und nur mit halber Stimme sang ich zu, blickte sie freundlich, aufmunternd an, drückte beruhigend ihre Hand, und in den Pausen sprach ich ihr leise Mut ein, forderte sie auf, aus sich herauszutreten, und – ihr Auge leuchtete zum erstenmal auf! Ein Blick traf mich so voll innigen Dankes, daß ich ihn bis heute nicht vergessen habe. Auf ihren Wangen zeigten sich ein paar allerliebste Grübchen und nun erklang auch die Stimme voll und schön. Das langatmige, doch hübsche Duett ging ganz vortrefflich zu Ende und die Hauptarbeit war gethan. Was sie weiter noch zu singen hatte bis zu dem Schlußterzett, ging ohne den geringsten Anstoß vorüber – die Generalprobe war zu Ende.

Am anderen Tage kündete der unscheinbare graue Theaterzettel vom Montag, 8. März 1847 (er liegt vor mir) Kreutzers Oper: ,Das Nachtlager in Granada’ an, und unten stand zu lesen: ,Gabriele – Fräul. John, Fürstl. Schwarzb.-Sondersh. Kammersängerin, als Gast.’

Der Abend kam heran, und hier wiederholte sich leider, was wir in der Generalprobe erlebt hatten, nur in noch weit höherem – gefährlicherem Grade. Angst und Aufregung raubten der armen jungen Sängerin vollständig die Fähigkeit, ihre Stimme, ihr Talent auch nur zum kleinsten Teile geltend zu machen, und die beiden ersten Nummern der Oper gingen – ich darf es nicht verschweigen – spurlos vorüber. Doch bei unserm Duett änderte sich dies – Frl. John hätte unter gleichen Umständen ihre Partie auch kaum durchführen können. Ich nahm all meine Kraft zusammen, die ,Lust und auch den Schmerz’, mein Beispiel, mein leisgeflüstertes Zureden wirkte wie ein Wunder auf die arme Gabriele, und sie gab diesmal wirklich ihr Bestes. Rauschender Beifall folgte dem hübschen Ensemble-Andante, und der Sieg war endlich glänzend errungen – wenn auch leider nur für diese Nummer. Im Verlauf der Aufführung, trotzdem Gabriele fast nur noch Lieder zu singen hatte, kehrte die ängstliche Scheu zurück und lähmte der Debütantin bestes Können und Wollen. Als am Schluß der Vorstellung stürmisch gerufen wurde, der Vorhang sich hob, standen wir drei: Gomez, Gabriele und der Prinz-Regent, in der Coulisse, doch Frl. John wollte nicht mit hervortreten. Da faßte ich sie energisch bei der Hand und zog sie fast gewaltsam auf die Scene vor das Publikum, das uns alle drei mit lauten Beifallsbezeugungen empfing. Dann war alles vorüber – vorüber auch für immer – wenn ich nicht irre – die Bühnenthätigkeit der jungen Sängerin.“

Pasqué irrte in der That, denn Eugenie gab trotz dieses aufregenden Abends, von dem sie später einmal selbst sagte: „er war ein scharfkantiger Markstein meines Lebens, der mich verwundete“ – die Bühne noch nicht auf. Sie kehrte zunächst nach Sondershausen zurück, und hier, auf der kleineren Hofbühne, sollte sie sich nun in aller Gelassenheit einüben, ein Repertoire schaffen und nach fest gewonnener Sicherheit neuerdings den Ausflug in die weite Welt wagen. Die Ehescheidung der Fürstin im Jahre 1847 beschleunigte diesen Ausflug, und im Herbst 1848 war Eugenie wieder in Wien, bei der Familie Huber, nun dringender nach einem Engagement ausspähend. Das war im Revolutionsjahr, wo die Theater leer standen, natürlich sehr schwer. Der berühmte Tenorist Erl von der Wiener Hofoper interessierte sich für das Fräulein Eugenie Arnstädt, wie sich unsere Dichterin auf dem Theaterzettel nannte, und auf seine Veranlassung kam sie im Januar 1849 nach Olmütz, wo der Wiener Hof sein Lager hielt und Wiener Hofschauspieler und Hofopernsänger vor dem Kaiser Franz Joseph spielten. Eugenie trat als Alice an Erls Seite in „Robert der Teufel“ in der ersten Februarwoche auf; nach ihrem eigenen Bericht (vom 16. Februar 1849 an Frau von Huber) mit Erfolg: „Nach der ersten Arie am Kreuz habe ich Applaus gehabt und bin am Schluß mit Erl gerufen worden … Nach jeder gelungenen Stelle flüsterte Erl mir zu: Sie haben ausgezeichnet gesungen. Auch mein Spiel fand man über alles Erwarten … Ich habe namenlose Angst gehabt, so daß ich kein Glied habe still halten können. Ich habe übrigens wenig Fehler gemacht, so daß durch mich nicht die geringste Störung eingetreten ist. Wenn es Erl glückt, mich im Kärnthnerthore anzubringen (er hat erklärt, daß meine Stimme größer als die der Hasselt war), so bin ich so glücklich, die liebe theure Hubersche Familie wiederzusehen.“

Das glückte aber nicht, auch nicht das Engagement beim Direktor Mühling in Frankfurt a. M., worüber unterhandelt wurde, und Eugenie kehrte in die Heimat zurück, ohne Wien, wiedergesehen zu haben. Von Arnstadt aus machte sie in Begleitung ihrer Mutter in den folgenden Jahren Kunstreisen in österreichische Provinzstädte, bis nach Krakau und Lemberg, wo sie in ihrem Fache als Primadonna auftrat, und wer weiß, wie sich noch ihr ganzes Leben gestaltet hätte, wenn nicht eine allmählich eingetretene Schwerhörigkeit der ganzen Bühnenlaufbahn schon nach zwei Jahren ein Ende bereitet hätte. Das Leiden war eine Folge der Ueberanstrengung beim Singen und der großen Aufregungen und der Angst, welche Eugenie jedesmal beim Auftreten auf der Bühne befielen, ohne daß sie ihrer Herr werden konnte. [152] Die Gemütsstimmung, in welche Eugenie nach diesem schweren Schicksalsschlag verfiel, war die trübste ihres Lebens. „Ich brauchte ohne Erfolg verschiedene Kuren,“ erzählte sie später einmal in einem Briefe an Frau von Nischer; „diese medizinischen Versuche im Verein mit dem schmerzlichen Bewußtsein, daß ich nie die Früchte meiner Jugendbestrebungen ernten würde, wirkten äußerst nachtheilig und deprimirend auf mich; den finsteren Gedanken und der momentanen körperlichen Schwäche gegenüber reichte meine moralische Kraft nicht aus, und so verfiel ich auf länger der trübsten Gemüthsstimmung.“

In dieser Not bewährte sich aber die Liebe ihrer fürstlichen Pflegemutter gerade aufs schönste. Sie berief Eugenie zu sich, nach Oehringen, auf das väterliche Schloß Friedrichsruhe, wo sie seit dem Abschied von Sondershausen residierte, bestellte sie als „Vorleserin“ und versprach neuerdings, alle Pflichten der Pflegemutter zu übernehmen; nur mußte sich Eugenie der Bedingung fügen, daß sie auch im Falle ihrer gänzlichen Wiederherstellung die Bühne nie betreten werde. So war sie nach dem Zusammenbruch ihrer leuchtenden Jugendideale doch wieder geborgen. Leicht fiel ihr die Entsagung allerdings nicht; noch bis zum Jahre 1859 hegte sie die Hoffnung, von ihrem Uebel geheilt zu werden. Die Fürstin schickte sie im Oktober dieses Jahres zu einem jungen Nervenarzt Dr. Otto von Franque nach München, der ihr Vertrauen bei Behandlung ihrer eigenen Leiden gewonnen hatte. Eugenie wohnte beim Dichter Friedrich Bodenstedt und wurde in dieser Zeit mit seiner Gattin Mathilde – die er als „Edlitam“ so sehr feierte – und deren Schwester innig befreundet. Aber auch Dr. von Franque konnte Eugenie nicht heilen. Nun erst begrub sie endgiltig ihre musikalischen Hoffnungen. Von da ab faßte sie das Ziel, sich litterarisch zu bethätigen, das ihr insbesondere Bodenstedt mit beredtestem Nachdruck gewiesen hatte, ernstlich ins Auge. Er hatte sich erboten, alles, was sie schreiben werde, anzubringen, und auf sein Betreiben schrieb Eugenie ihre erste Erzählung „Schulmeisters Marie“, die freilich nicht „anzubringen“ war und erst nach ihrem Tode gedruckt wurde.

Ueber den Charakter ihrer Schwerhörigkeit ließ sich Eugenie in einem Briefe an Frau von Nischer (aus München, 11. Januar 1862) so aufklärend aus, daß wir diese Stelle wohl nicht zurückhalten dürfen. Sie schrieb:

„Was nun Deine theilnehmende Frage bezüglich meines Gehörleidens betrifft, so muß ich sie leider dahin beantworten, daß mir die Heilung bis jetzt versagt blieb, was ich zeitweise schmerzlich empfinde; am meisten dann, wenn die Fürstin einen kleinen geistvollen Zirkel um sich versammelt. Sobald ich mich nicht speziell mit dem Einen oder Anderen unterhalte, wobei Alle so liebenswürdig sind, mir mein Uebel möglichst wenig fühlbar zu machen, dann geht mir im Gewirr der Stimmen der Faden des Gesprächs verloren, und ich büße Vieles ein, was für mich vom höchsten Interesse sein würde. Es ist sonderbar, ich höre die leiseste Hebung und Senkung der Stimme, aber was gesprochen wird, verwischt sich vor meinem Ohr, wie die Gegenstände vor dem Auge des Schwachsichtigen verschwimmen. Die Musik dagegen höre ich, z. B. im Salon, noch genau so wie früher; das feinste Detoniren, der leiseste unreine Hauch an der menschlichen Stimme entgeht mir nicht, und auch mein eigenes Organ, sowohl im Sprechen wie im Singen, höre ich nach wie vor ganz unverändert. Sämmtliche Aerzte, die ich gebraucht, haben mir einstimmig erklärt, ich würde mit der Zeit wieder in Besitz des Gehörsinnes gelangen, gebe es Gott! – Du willst es wissen, und deshalb sage ich Dir, daß nach Ausspruch Aller, die mich früher gehört, meine Stimme an Fülle und Biegsamkeit eher zu- als abgenommen hat. Meine Coloratur wird sehr gelobt, und das freut mich, denn ich habe unsägliche Mühe darauf verwendet.“ … In der That blieb der Gesang der Marlitt rein und kräftig bis in ihr Alter, und sie konnte sich und Andere durch ihn erfreuen. [186] In den Jahren von 1853 bis 1863, welche Eugenie als Vorleserin der Fürstin teils in Oehringen und Friedrichsruhe, auf den Schlössern von deren Vater, teils in bayrischen Sommerfrischen, schließlich in München verbrachte, muß man die stille Bildungszeit ihres dichterischen Talentes erkennen. Da sammelte sie jene Kenntnisse von Welt und Menschen, von Adel und Bürgerschaft, von Städtern und Landvolk, von Gelehrten und Ungelehrten, die sie in ihren Erzählungen später verwertete. Mit ihrer Fürstin, von der sie die „Juno“ genannt ward – nicht darum, weil Eugenie von junonisch großer Gestalt gewesen wäre, sie war eher zierlich und klein als junonisch groß zu nennen; sondern der Familienname John wurde in den mythologischen verwandelt – mit der Fürstin gestaltete sich das Zusammenleben zur größten Vertraulichkeit. Die „Juno“ ward nicht bloß ihre Vorleserin, sondern auch ihr Sekretär, ihr Ratgeber und ihre Pflegerin, wenn sie krank war. Die Fürstin war es auch selbst, die sie zu litterarischem Schaffen ermunterte. Auf einen Zettel, der für eine Tombola bestimmt war, schrieb sie „für Juno, die sich Eugenie schreibt,“ folgende charakteristische Worte:

„Durch Erfahrung, Schweigen, Beobachten häufen sich Schätze im innersten Leben – Du bist reich – was aber hilft der Schatz im tiefen Schacht vergraben? Theile ihn mit der Welt – gib Form und Gestalt – es legte Dir die Muse liebevoll den Griffel in die Hand.“

Und einzig und allein durch einige Verse der Fürstin an ihre „Juno“ erhalten wir eine Andeutung von Liebesschmerzen, welche die Dichterin geplagt haben; denn sie selbst hat jede Spur verwischt, die auf herzliche Beziehungen zu dem einen oder dem anderen Mann schließen ließen. Auch ihren nächsten Anverwandten vertraute sie nichts dergleichen an; und diese waren zu zart, Bekenntnisse herauszulocken, die nicht freiwillig gemacht wurden. „Sie soll einige Wochen oder nur Tage mit einem Manne verlobt gewesen sein,“ schreibt uns ihre Schwägerin, „dessen Stellung und Namen ich nie erfahren; nur um ihren Geschwistern das Weiterstudieren zu ermöglichen, hat sie die Verlobung rückgängig gemacht. Ehe sie einem Manne, selbst dem geliebtesten, nur das kleinste äußere Zeichen ihrer Huld gegeben hätte, lieber wäre sie ins Wasser gegangen.“

Nach dem folgenden Gedicht der Fürstin muß man aber annehmen, daß Eugenie nicht ohne Schmerzen entsagte. Es ist aus Lauterbach bei Füßen im Königreich Bayern vom 20. Juli 1862 datiert und lautet:

„Was hoffst Du noch? Gieb Dich zufrieden.
Sind Lenz und Jugend Dir geschieden,
Darfst Du auf Wort und Schwur nicht bauen,
Darfst rückwärts nicht, mußt vorwärts schauen,
Und nah’n die Bilder früh’rer Tage,
Flieh’ ihren Zauber und beklage
Nicht Deiner Jugend, Deiner Liebe Grab
Entschlossen nimm den dornenvollen Stab,
Erklimme mutig, jedem Leid zum Hohn,
Den letzten steilen Pfad: ,Resignation’.“

Auf diese spärliche Andeutung bleibt unsere Neugier nach dem, wie man vermuten möchte, interessantesten Teil der Marlittschen Lebensgeschichte beschränkt. Die Romandichterin entbehrt in ihrem eigenen Leben eines Romans. Wenn man aber daran denkt, daß sie nach wenigen Jahren schon von der Gicht so gelähmt wurde, daß sie sich nicht mehr frei bewegen konnte, so muß man es als eine glückliche Fügung des Schicksals bezeichnen, daß sie unvermählt blieb. –

Die finanzielle Lage der Fürstin verschlimmerte sich von Jahr zu Jahr. Schon ihre Uebersiedlung nach München war eine Folge davon. In ihrem dortigen Palais in der Schellingstraße war ihr Personal vermindert worden. Sogar zwei liebenswürdige langjährige Gesellschaftsdamen mußte sie bei der dringend gewordenen Sparsamkeit entlassen; nur Eugenie, ihre Pflegetochter, hatte sie behalten. Das machte zwar am Hofe von Sondershausen keinen guten Eindruck, denn Fräulein John war eine Bürgerliche, und die Hofschranzen in der Heimat rächten sich an dieser Bevorzugung durch arge Verleumdungen des Fräuleins. Diese konnte sich in Zeiten der Verstimmung wohl sehr darüber aufregen; die Fürstin aber lachte dazu, denn sie wußte, was sie an ihrer „Juno“ hatte. Unter dem Druck der traurigen Familienerlebnisse war sie so krank geworden, daß sie längere Zeit geradezu geistesverwirrt war. Eugenie blieb bei ihr, pflegte sie zwei Jahre lang bei Tag und Nacht, folgte ihr in einsame Alpendörfer, wohin sie sich in ihrer Menschenscheu auch den Winter über geflüchtet hatte, und schließlich wurde sie bei dieser hingebungsvollen Pflege selbst krank. In früheren Jahren, in Oehringen, in Friedrichsruhe, war die „Juno“ die Vertraute aller Hausgenossen, weil sie der stärkste Geist und Wille unter ihnen war, und sich die Schwachen gern an sie anlehnten. Man schätzte ihre stets gleichmäßig gute Laune, ihre charaktervolle Verschwiegenheit, ihren Witz und feinen Takt, der in dem immerhin anspruchsvollen Getriebe des kleinen Hofes nötig war. „Sie war liebenswürdig, geistvoll, ganz besonders energisch bei neckischem Streit über Frauenrechte,“ teilt uns Carl von Lemcke mit, der sie 1859 bei Bodenstedts kennenlernte und mit ihr im Hause der Fürstin öfter zusammenkam; „sie war überhaupt recht stramm im Wesen und Auftreten, schwärmend für ihre Fürstin, die sie hatte für Musik ausbilden lassen.“ Nun bekam auch sie den Stich ins Altjüngferliche; sie wurde reizbar, zuweilen sogar heftig. Niemand aber erkannte den Grund davon in ihrer Ueberanstrengung, denn sie war zu stolz zur Klage. Man schob es auf ihre am Schreibtisch verbrachten Nachtstunden, denn sie hatte schon – von so vielen Seiten ermuntert – angefangen, sich als Erzählerin zu versuchen. Allerdings ohne Erfolg. Bodenstedt hatte sich einen Korb geholt, als er ein Manuskript Eugeniens an Jankes „Romanzeitung“ geschickt hatte, und es gelüstete ihn nicht nach neuen Körben. Natürlich förderte das auch nicht Eugeniens gute Laune, und sie lebte schon recht verstimmt in München, bis Anfang 1863 eine neue finanzielle Katastrophe in der fürstlichen Familie ihre Trennung von der geliebten Herrin unvermeidlich machte. Die Fürstin mußte ihren Haushalt noch mehr einschränken, und wenn Eugenie ihre eigene Zukunft sichern wollte, so war es höchste Zeit, sich anderwärts umzusehen.

Noch fühlte sie sich jung und elastisch genug, ein neues Leben anzufangen, mochte es als Gesangslehrerin oder als Schriftstellerin sein. Eine kleine Pension von seiten der Fürstin blieb ihr ja immer noch zugesichert. So trennte sie sich Ende März 1863 schweren Herzens von ihr, der sie so viel vom Besten zu verdanken hatte, was sie besaß, der sie aber auch die schönsten Jahre ihres Lebens in kindlicher Hingabe gewidmet hatte. Eugenie kehrte nach Arnstadt zurück, die Fürstin hat sie nie mehr wiedergesehen.

5.

Als Eugenie ihrem Bruder Alfred John in Arnstadt die erste Mitteilung ihres Entschlusses, sich von der Fürstin zu trennen, machte, da schrieb sie so kleinlaut, als wäre sie sich einer Schuld bewußt. So hatte sie es denn auch nicht weiter gebracht als so viele Frauenzimmer, die nicht heiraten: sie mußte schließlich Zuflucht zur Familie nehmen, ins Vaterhaus zurückkehren, aus dem sie einst mit so großen Versprechungen gegangen war.

Man muß sich diesen ganzen Stolz und Ehrgeiz Eugeniens vor Augen halten, um die tiefe Niedergeschlagenheit zu begreifen, in die sie nun verfallen war. Da aber hatte ihr der Bruder sofort geschrieben: „Ja, meine theure Jenny, endlich ist die Zeit gekommen, da ich Dir eine Stütze sein darf, leider ist’s mir nicht vergönnt, für Dich zu darben. Meine süße Jenny! Was Du vom Gnadenbrode fabelst, Kind, so versichere ich Dich, daß ich’s auf der Stelle und ohne das geringste Bedenken aus Deiner Hand nehmen würde, und ich bin ein Mann und habe auch ein verdammt [187] bettelstolzes Herz. Aber,“ setzte der Treue boshaft hinzu, „Du willst bei mir nicht bleiben, weil Du glaubst, Dich zu langweilen etc. Na, vorerst komm nur, mein prächtiges Lockenköpfchen … Hurrah, fröhliches Wiedersehen!“ (Arnstadt, 26. Febr. 1863.)

Nun fielen alle Bedenken weg, Jenny kam nach Arnstadt, um es nie mehr wieder zu verlassen.

Der Entschluß, in der Vaterstadt zu bleiben, war für unsere Dichterin weit bedeutungsvoller, als sie selbst ahnen mochte. Seitdem sie fortgezogen war, hatten sich die Verhältnisse gründlich geändert. Zunächst in der eigenen Familie. Zwar war 1853 die Mutter gestorben und die ältere Schwester Rosalie, ein schönes und auch künstlerisch veranlagtes Mädchen, war so krank geworden, daß man sie niemals ohne Aufsicht lassen konnte; sie lebte noch bis 1866, und Eugenie nahm treulich einen Teil der schweren Pflicht auf sich. Aber alle drei Brüder waren doch zu tüchtigen Männern herangewachsen; Hermann als Künstler in der Porzellanfabrik, Max als Techniker; Alfred war seit mehreren Jahren schon Oberlehrer an der Realschule in Arnstadt und seit 1860 glücklich verheiratet mit der begabten Tochter Ida seines Schuldirektors. Vater John tummelte sich noch rüstig und nun erst allgemach freudig aufatmend, da sich die Last seiner Sorgen endlich doch verringert hatte. Er lebte noch bis 1873 und konnte sich als Greis im Ruhme seiner Tochter sonnen.

Aber auch die Stadt Arnstadt hatte Fortschritte gemacht. In jener Zeit – den ersten sechziger Jahren – ging ein mächtiges Streben durch die ganze Welt und insbesondere durch Deutschland, sowohl auf wirtschaftlichem als mich auf politischem Gebiete. Das Eisenbahnnetz wurde ausgebaut, der Verkehr in ungeahnter Weise gehoben. Fabriken aller Art entstanden allerorten. Bisher abseits gelegene Nester gerieten ins europäische Getriebe und rieben sich, wie aus einem Jahrhunderte langen Schlaf erwachend, die Augen. Und andrerseits geriet die deutsche Einheitsbewegung, die seit den Befreiungskriegen und vollends seit dem Achtundvierziger Jahre das deutsche Gemüt mit ungestillter Sehnsucht erfüllte, endlich in Fluß, als der Streit um die Herzogtümer Schleswig-Holstein ausgefochten wurde.

An dieser großen Bewegung ihrer Nation nahm unsere Dichterin lebhaftesten Anteil. Solange sie selbständig denken konnte, hatte sie sich für die politischen Vorgänge interessiert, die ja auch öfter in ihr eigenes Schicksal eingegriffen hatten; so damals als sie Engagement bei der Oper suchte und während der Revolutionszeit keines finden konnte. Am Hofe der Fürstin Mathilde mußte doch auch viel politisiert werden, da das Gedeihen ihres Hauses mit den politischen Ereignissen innig verknüpft war. Im täglichen Umgang mit dem eifrig national gesinnten Bruder Alfred und bei fleißiger Lektüre der Tageslitteratur konnte sich Eugenie fortdauernd in Kenntnis der öffentlichen Zustände erhalten.

Sie war eine „Gothaerin“, bekannte sich zu den Grundsätzen des Nationalvereins. Im dänischen Kriege standen ihre Sympathien auf preußischer Seite, und zwar so lebhaft, daß sie in den zwei Jahren 1864–1865 nach Wien keine Zeile schrieb. Im deutschen Bruderkrieg des Jahres 1866 verfolgte sie jedoch die preußischen Siege nur mit geteilter Freude. Ihr Herz bewahrte noch die schönen Erinnerungen an Oesterreich und blutete bei der welthistorischen Auseinandersetzung der deutschen Großmächte auf dem Schlachtfelde. Da hielt sie es auch nicht länger mit dem Schweigen aus, und nach dem Prager Frieden schrieb sie nach Wien (16. Sept. 1866):

„Euch Allen mag jetzt wol sein, als sei ein schwerer Traum voll blutiger Bilder abgeschüttelt. Wollte Gott, er hätte kein anderes Gefolge, als den Rückblick auf die Menschenopfer, die der, wenn auch kurze, doch furchtbare Krieg gefordert hat – aber über dem Hause Habsburg ist’s dunkel, und das, was zu kommen droht, ist wol nicht weniger trostlos, als das jüngst Geschehene. Der große Staatsmann an der Spree, plötzlich an die User der Donau versetzt, würde freilich das alte Reich aus den Angeln heben – er wäre kühn genug, der ,todten Hand’ zur Ader zu lassen und mittels dieser gewaltigen Silberströme einen frischeren Herzschlag in den kranken Staatskörper zu bringen.“ … Eine Verehrerin Bismarcks ist E. Marlitt immer geblieben.

Ihre Niederlassung in der Vaterstadt hatte aber insbesondere für die Entwicklung ihres dichterischen Geistes die bedeutsamsten Folgen. Von Antäus erzählt die Mythe, daß er bei jeder Berührung mit dem Boden der Mutter Erde an Kräften wuchs. Die eigentlich Marlittsche Poesie gedieh erst, als die Dichterin die Stätten ihrer Jugend wiedergefunden hatte.

Nach dieser Richtung lehrreich ist ein Vergleich ihrer ersten zwei thüringischen Erzählungen „Schulmeisters Marie“ und „Die zwölf Apostel“, von denen die erste zu ihren Lebzeiten keinen Drucker finden konnte, indes die zweite sofort den Beifall Ernst Keils gewann, der sie im Jahrgang 1865 der „Gartenlaube“ erscheinen ließ und die ihn noch überdies veranlaßte, den Einsender – denn er hielt „E. Marlitt“ für einen Mann – zu weiterer Einsendung von Erzählungen zu ermuntern. Woran lag nun dieser Unterschied im Urteil? „Schulmeisters Marie“ ist eine ganz respektable Talentprobe. Die Heimkehr der unschuldig verdächtigten Schulmeisterin just mitten in den Jubel der Hochzeit im Wirtshaus ist schon eine jener dramatischen Scenen, auf welchen später ein gut Teil der großen Wirkung der Marlittschen Romane beruhen sollte. Aber unsere Dichterin bedient sich hier einer Räuberromantik, die doch schon auch damals, vor mehr als dreißig Jahren – zur Zeit Gustav Freytags, Otto Ludwigs, Gottfried Kellers – veraltet war.

An Stelle dieser Romantik tritt nun in den „Zwölf Aposteln“ eine andere Poesie, für die Marlitt kein litterarisches Vorbild brauchte, weil sie sie aus ihrem eigenen Leben schöpfen konnte.

Da wird das Arnstädter ruinenhafte Nonnenkloster mit der Liebfrauenkirche, in deren Welt sich schon die Phantasie der jungen Eugenie eingenistet hatte, zum poetisch verklärten Schauplatz der Erzählung: der alte Turm mit dem weit und breit berühmten Glockengeläute, der dunkle, kaum je beschrittene Gang, der schließlich in den Garten führt, und daneben gleich der Wäschetrockenplatz der „Seejungfer“, deren Horizont nicht Weiler als über ihren Zaun hinausreicht. In solchen Kontrasten wurde die Poesie E. Marlitts lebendig. Dazu noch die Gestalt des Welt- und menschenscheuen Lenchens, des ersten mädchenhaften Trotzkopfes in der Marlittschen Dichtung, dem eine ganze lange Reihe von gleichen und verwandtern Charakteren folgen sollte.

Damit erst war die Eigenart der Marlittschen Muse zum ersten Male durchgebrochen, und sofort fand sie eine mehr als freundliche Begrüßung.

Man muß auch die beiden Charaktere der Schulmeister-Marie und des Lenchens näher betrachten, um den innersten Kern der Wandlung der Dichterin zu erfassen. Marie ist nichts weniger als trotzig. Als sie erfährt, daß die Mutter ihres Geliebten die Zustimmung zur Verbindung nicht geben will, ist sie sofort bereit mit Berufung auf das Gebot: Ehre Vater und Mutter, zurückzutreten. Das ist nicht unweiblich, aber es ist noch nicht marlittisch. Schon hier läßt die Erzählerin den Geliebten zornig sagen: „Wenn sich die Verhältnisse dieser Liebe nicht gleich anpassen wollen, so streift man sie ab, wie einen Rock, den der Schneider nicht recht gemacht hat … vielleicht hast du auch über Nacht dein Gelöbnis bereut – schwach sind die Weiber alle!“ Diese Schwäche Mariens hat in den späteren Erzählungen der Marlitt keine ihrer Heldinnen. Im Gegenteil! Sie nehmen den Kampf mit den Verhältnissen für ihr gutes Recht, für ihre Ehre, für die Anerkennung ihrer Persönlichkeit mutig auf. Typisch ist, was Agnes, „Amtmanns Magd“, und zwar wie es ausdrücklich heißt „nicht ohne einen gewissen Trotz“ sagt: „Es soll dem tückischen Schicksal schwer werden, mich niederzuwerfen. Noch weiß ich nicht, was Seelenmüdigkeit ist, und dazu fühle ich die Kraft der Jugend in meinen Händen. Und ansehen soll mir’s gewiß keiner, wenn das bischen Selbstgefühl einmal nicht so parieren will, wie es soll und muß!“ So denken alle Marlittschen Heldinnen.

Dadurch also, daß sich Eugenie in der Stadt ihrer Jugend niederließ und unwillkürlich dem Zuge ihres Herzens folgend, sich ins Wunderland ihrer Jugenderinnerungen versenkte, gewann sie nicht bloß einen poetischen Schauplatz für ihre Geschichten – sie hat nach und nach unter mehr oder weniger leichten Verhüllungen ganz Arnstadt geschildert – sondern es gestaltete sich auch ihr Mädchenideal bei dieser Versenkung ins Paradies der Vergangenheit aus, und sie bildete es nach dem Geschöpf, das sie einmal [188] selbst im kurzen Kleide gewesen war. Dazu noch der sich aufdrängende Vergleich von einst und jetzt, denn Arnstadt war ja auch nicht stehen geblieben und modernisierte sich. Durch das Solbad, das Ende der sechziger Jahre darin errichtet wurde, kam es als Sommerfrische in Mode und wurde viel besucht. Mit dem Gemüt hing die Dichterin am Alten, mit dem Geist aber am Neuen, am Fortschritt. Alte Gebäude und alte Menschen, zumal Leute aus dem Volke, verklärt sie überall mit ihrer Poesie. Der Kontrast allein war schon Poesie; das ganze Zeitalter des Uebergangs, zu dem die Marlitt gehört, hat diese Poesie empfunden. Wie schön hat Hans Hopfen sie im „Alten Praktikanten“ dargestellt! … Die Poesie stimmungsvoller Kontraste finden wir in allen Marlittschen Romanen. Am schönsten in der „Goldelse“, wo sich die verarmte Familie in dem ruinenhaften Schlosse einnistet und unter Trümmern neues Leben bereitet. Dann im „Geheimnis der alten Mamsell“: das alte Hellwigsche Haus, die Wohnung des alten Fräuleins. Und so weiter fort, bis auf den farbenprächtigen Kontrast in der „Zweiten Frau“, wo sich neben dem alten Schlosse im französischen Stile das indische Gartenhaus wie ein tropisches Märchen im kalten Norden erhebt …

Wir sind mit Erwähnung dieses Romanes dem Gang der Marlittschen Lebensgeschichte etwas vorangeeilt. Aber wir haben doch nur scheinbar einen Sprung gemacht. Unsere Dichterin trat nämlich, sobald sie die Feuertaufe durch den Druck der „Zwölf Apostel“ erhalten hatte, als fertiger Schriftsteller in der Oeffentlichkeit auf.

Als sie diese Erzählung an die „Gartenlaube“ abgeschickt hatte, lag schon die „Goldelse“ druckreif im Schreibtisch, und diese ihre erste große Schöpfung, die nach dem Urteil Friedrich Kreyßigs (Vorlesungen über den Deutschen Roman der Gegenwart. Berlin, 1871. S. 295) „selbst neben Immermanns köstlicher Lisbeth (Oberhof) nicht zu viel verlieren dürfte“, hat die Marlitt später nicht übertroffen. Sie hat noch Fortschritte in der Technik, im Stil, in der Charakteristik gemacht, sie lernte die Farben noch leuchtender mischen, Uebergänge schaffen, nicht bloß Engel und Teufel ohne Vermittlung einander gegenüber zu stellen; sie wurde knapper und kräftiger im Stil, ihre Kunst zu spannen steigerte sich im Laufe der Jahre – allein die erste Frische hat einen besonderen Zauber, wie Spielhagen seine „Problematischen Naturen“, Marie Ebner-Eschenbach ihre „Božena“ später auch nicht übertroffen haben. Bei der Marlitt kam noch überdies hinzu, daß sie durch ihr körperliches Schicksal auf das poetische Ausmünzen der Erinnerungen und bisher erworbenen Eindrücke eingeschränkt war. Vom Jahre 1863, wo sie nach Arnstadt zurückkam, bis an ihr Lebensende griffen keine neuen Erlebnisse in ihre dichterische Persönlichkeit ein, die ihre Muse auf neue Bahnen geführt hätten. Ihre Entwicklung war abgeschlossen und vollendet.

Die Verbindung mit Ernst Keils „Gartenlaube“, die für die Dichterin und ihren Verleger so segensreich werden sollte, brachte einen völligen Umschwung in Eugeniens Verhältnissen hervor. Beiläufig bemerkt, hatte sie selbst nicht den Mut gefunden, ihr Manuskript der angesehenen Zeitschrift zuzuschicken; sondern ihr Bruder Alfred hatte sich desselben mit Gewalt bemächtigt und es auf eigene Faust unter dem von der Schwester angenommenen Pseudonym nach Leipzig geschickt. Keil war einer jener seltenen Herausgeber, die ihrem Blatte das Gepräge ihrer Persönlichkeit aufzudrücken und die Mitarbeiter daran zu fesseln verstehen. Die volkstümliche Begabung E. Marlitts hatte er sofort herausgespürt und richtig geschätzt. Als ihre ersten zwei Beiträge – „Zwölf Apostel“ und „Goldelse“ – gefielen, erhöhte er aus eigenem Antriebe das Honorar der Dichterin auf fast das Doppelte und sicherte ihr ein Jahresgehalt von 800 Thalern zu. Der Erfolg der „Goldelse“, die im ersten Halbjahr 1866 abgedruckt wurde, war aber auch in der That durchschlagend.

Die Marlitt arbeitete nun mit einer Schaffensfreude und einem Fleiße, die an sich bewundernswert sind. Denn kaum war die „Goldelse“ zu Ende gedruckt, so konnte schon die thüringische Erzählung „Blaubart“ erscheinen, und im folgenden Jahre konnte der zweite große Roman „Das Geheimnis der alten Mamsell“ – die Geschichte des verwaisten Cirkusreiterkindes Felicitas – veröffentlicht werden, deren Wirkung den Erfolg der „Goldelse“ noch weit übertraf. Im Februar 1868 lag schon die Buchausgabe dieses Romans vor. Und so ging das in den nächsten Jahren fort: 1869 die „Reichsgräfin Gisela“, 1870 die „Thüringer Erzählungen“, 1871 „Das Heideprinzeßchen“, 1874 „Die zweite Frau“ … Hoch und nieder, Hausfrau und Stubenmagd lasen Marlitts Romane, ins Französische, Englische, Italienische, Russische, Polnische, Spanische wurden sie übersetzt, drüben selbst, in China und Japan wurden sie begehrt und nachgedruckt, und was nur mit den berühmtesten Erzählungen Auerbachs oder der Currer Bell geschehen war: sie wurden auch für die Bühne bearbeitet. Die Marlitt hatte ja den Dramatisierern vorgearbeitet, die Höhepunkte ihrer Erzählungen sind immer dramatisch bewegte Scenen. Aber eine Freude an den rohen Dramatisierungen hatte sie nicht. Sie konnte sich aber damals noch nicht gegen sie schützen.

Diese Erfolge lassen sich nur begreifen, wenn man sich die Stimmung jener Jahre unmittelbar vor und nach der Gründung des Reiches vergegenwärtigt, aus der heraus Eugenie John mit naiver Unmittelbarkeit ihre Erzählungen schrieb. Sie war sozusagen identisch mit dem Zeitgeist, sie war ihm nicht vorausgeeilt, aber auch nicht hinter ihm zurückgeblieben. Man denke beispielsweise an die Frauenfrage, die damals noch in ihren Anfängen war. Dem zunächst noch unklaren Idealismus jener Zeit, der heutzutage von vielen Seiten angegriffen wird, entsprach das Ideal der Marlittschen Frauendichtung in vollkommenster Weise. Sie stellte den Kampf der Geschlechter noch nicht als einen Lohnkampf oder als einen Kampf um politische oder soziale Rechte dar, sondern in rein idealistischer Weise als einen Kampf um die Anerkennung der weiblichen Persönlichkeit, z. B. in der „Zweiten Frau“: die Frau soll nicht mehr als „eine Sache“ betrachtet werden. Weiter als bis zu dieser gewiß bescheidenen und gerechten Forderung war das allgemeine Bewußtsein der deutschen Frauenwelt auch nicht gekommen.

Zur selben Zeit (1865), als E. Marlitt in der Stille ihrer Arnstädter Zurückgezogenheit an der „Goldelse“ schrieb, tagte in Leipzig der erste Allgemeine deutsche Frauenkongreß. Die denkwürdige Resolution, die er annahm: „Wir erklären die Arbeit, welche die Grundlage der ganzen neuen Gesellschaft sein soll, für eine Pflicht und Ehre des weiblichen Geschlechts, nehmen dagegen das Recht der Arbeit in Anspruch und halten es für notwendig, daß alle der weiblichen Arbeit im Wege stehenden Hindernisse entfernt werden“ – diese Resolution, die sich von den modernen politischen Forderungen der Frauenbewegung noch recht fern hält, hätte die Marlitt sehr wohl mit unterzeichnen können. Für das Recht auf Arbeit – und nicht bloß der Frauen – trat sie überall ein, am nachdrücklichsten wohl in der „Reichsgräfin Gisela“. Die Partei der Armen hat sie immer ergriffen. Die Schilderungen des Volkes bilden in allen ihren Romanen die frischesten und muntersten Partien. Sie lebte in ihrer Zeit, mit ihrer Zeit und für ihre Zeit.

Aber freilich dürfen auch ihre Schwächen nicht verhüllt werden, die wesentlich künstlerischer Art waren. Zu sehr schrieb sie ihre Romane auf den äußeren Effekt der Spannung. Die Charaktere entwickeln sich nicht immer von innen heraus; so wie sie im Anfang sind, bleiben sie auch zumeist im Verlauf der Geschichte: nur das eine Paar von Mann und Weib, das sich anfänglich mißversteht oder trotzig meidet, macht den bekannten Prozeß der Klärung und des Weicherwerdens durch. Auch hat die Marlitt nicht immer die volle Kraft der Individualisierung. Doch über diese Schwächen, die zumeist aller volkstümlichen Kunst anhängen, reißt sie den Leser durch ihre Kraft zu spannen hinweg. Sie läßt ihn nicht aus, mag er noch so viele Bedenken haben. Und sind auch die Zeichnungen der Charaktere nicht innerlich genug, so sind sie doch so bestimmt und klar, daß die Leser immer eine Freude haben, wenn die sympathischen Figuren auf den Plan treten. Menschen ihres thüringer Volkes läßt die Marlitt immer so frisch und unterhaltend reden, daß man wohl begreifen kann, warum sich das Volk selbst an diesen treuen Spiegelbildern seiner Art nicht satt lesen konnte. Diese Wirkung werden die Schriften der Marlitt auch schwerlich jemals einbüßen.

[190]
6.

Wenn man nun bedenkt, unter welchen mühseligen Bedingungen E. Marlitt überhaupt schuf, dann muß sich der Respekt vor der Energie ihres Willens nur noch steigern. Das Gichtleiden, das sich schon in den ersten Jahren ihres neuen Arnstädter Lebens hemmend und schmerzlich fühlbar machte – in knollenartigen Verdickungen an den Hand- und Kniegelenken – verschlimmerte sich so weit, daß seit 1868 die Dichterin nicht mehr gehen konnte. Keine der vielen Kuren, die versucht wurden, half etwas. Eugenie blieb ans Bett oder an den Rollstuhl gefesselt, und nur wenn sich das (infolge dieser Bewegungshindernisse entstandene) Magenleiden besonders fühlbar machte und sie auch am Schreiben hinderte, kamen Klagen über ihre Lippen.

Sonst war sie die stets heitere und witzige „Tante Jenny“, die von ihrem Platz aus das ganze Haus regierte; nach und nach hatte es sich nämlich mit Neffen und Nichten gefüllt. Seit dem 29. Juli 1871 bewohnte sie mit den Ihrigen ein eigenes Haus, das „Marlittheim“, welches sie sich aus dem Erträgnis ihrer Bücher und einem hochherzigen Geschenke Ernst Keils erbauen lassen konnte. Es wurde ganz nach ihren Plänen eingerichtet, jede Einzelheit mußte ihr vorher unterbreitet werden, und während des Baues ließ sie sich oft hinfahren, um ihn zu besichtigen. Eine mächtige Lebensfreude war über sie gekommen: die kühnsten Träume ihrer Jugend erfüllten sich mit diesem Bau. Zwischen den leeren unfertigen Wänden ließ sie bei solchen Besuchen laut singend ihre schöne Stimme erschallen und bewirtete jedesmal die Arbeiter mit einem Freitrunk und Imbiß. Es war dieselbe Zeit, in der die Begeisterung über die ersten Siege gegen Napoleon durch ganz Deutschland erbrauste. Die Marlitt nahm so lebhaften Anteil daran, daß sie gar nicht schreiben konnte. Bis tief in die Nacht hinein saß sie mit den Ihrigen zusammen, der Depeschen harrend, die sie selbst laut vorlas und dann oft noch bis in den grauenden Morgen hinein besprach.

In diesem Sommer und Herbst entstand ihr „Heideprinzeßchen“ … Allerdings mußte sie Tage solcher Aufregung hinterdrein teuer bezahlen, denn ihr Leiden verschlimmerte sich darauf. Es stand in einem unaufgeklärten Zusammenhang mit ihren Nerven. Nach heftigen Gemütsbewegungen traten die Schmerzen, die Geschwülste an Händen, Hals und Knien, sowie die Unbeweglichkeit der Arme und Füße immer sehr schwer auf und ließen dauernde Verschlimmerung zurück. Das war ein Grund mehr für ihren oft peinlichen Abschluß vom Verkehr mit fremden Menschen. Sie mußte Erschütterungen vermeiden, nach der Uhr leben und durfte nicht aus der Ordnung kommen. Nur um doch neue Anschauungen, Originaleindrücke für ihre Beschreibungen zu gewinnen, entschloß sie sich in schönen Sommertagen zu Ausflügen in die nächste Umgebung, nach Elgersburg, Ohrdruff, Ilmenau, Kammerberg; sie waren immer mit Mühe und Umständlichkeit verbunden, da die Dichterin den Wagen, in den sie gesetzt worden war, nicht mehr verlassen durfte. So konnte sie von ihren Exkursionen doch nicht viel neue Eindrücke heimbringen und blieb in ihrer Produktion auf ihre Phantasie angewiesen.

Die Vollendung eines neuen Romanes wurde in der Familie fast so wie die eines neuen Hauses gefeiert. Während der Arbeit bewahrte die Dichterin die äußerste Diskretion über ihr Thun. Nichts war ihr peinlicher, als wenn ein fremder Blick ihr über die Schulter ins Manuskript gucken wollte. Den Schlüssel zu ihrem Manuskriptkästchen trug sie immer um den Hals gehängt. Wenn sie aber fertig war, dann wurde Leseabend angekündigt, der drei, vier Tage hintereinander dauerte. An solchen Abenden lag feierliche Stille über dem ganzen Hause. Die Kinder spielten in einem entfernt liegenden Zimmer Lotto und erhielten dazu hübsche Gewinste, Chokolade, Kuchen, Obst. Die Dienstboten desgleichen in ihren Stübchen. Das Lesezimmer, Eugeniens Arbeitszimmer, wurde in ihrer Abwesenheit mit Palmen, Blumen, Lampen geschmückt, ihr eigener Sitz bekränzt und der Platz für den Bruder Alfred – den wichtigsten Zuhörer – so bequem hergerichtet, daß „kein irdischer Wunsch den Hochgenuß des Zuhörens stören konnte.“ Die besten Cigarren wurden ihm bereitgestellt, daneben Bier, Thee, Bäckerei. Seine Frau – „Idus“ nannte sie die dichtende Schwägerin – mußte eine Handarbeit nehmen, konnte aber doch nur scheinbar sticken, denn das leiseste Geräusch störte die Dichterin, die selbst mit lauter, klangvoller Stimme und höchstem Ausdruck ihr neues Werk vorlas, ab und zu einen Schluck warmen Thee nehmend. Gegen 12 Uhr, also nach ungefähr vier Stunden, schlug sie den Manuskriptkasten zu, und nun begann die Debatte zwischen ihr und dem Bruder, indes die anderen zuhörten. Aenderungen des Geschriebenen wurden aber nach solchen Leseabenden nicht vorgenommen. Sie hatte nicht früher zu schreiben begonnen, als bis die ganze Geschichte im Kopfe fix und fertig war. Ein starkes Gedächtnis unterstützte sie bei dieser Arbeit; sie pflegte keine Entwürfe vorher niederzuschreiben, weil sie ihrer nicht bedurfte, und war der Text fertig, so konnte sie eingreifende Veränderungen nicht mehr machen.

Von ihren Nichten und Neffen wurde „Tante Jenny“ förmlich vergöttert. Sie unterhielt sie auch so gut in jenen Mußestunden am späten Nachmittag, wenn sie die Feder weggelegt hatte, erzählte Märchen, arrangierte Spiele. Je älter die Kinder wurden, um so schöner und bedeutsamer konnten die Spiele werden. Im Marlittheim gab es später ein schönes Haustheater, das Tante Jenny mit Lust dirigierte. Die Kinder hingen bald mehr an ihr als an der eigenen Mutter. Die Tante war aber auch immer so freigebig und erfinderisch im Schenken; zu einer wahren Kunst hatte sie es ausgebildet. Geburtstage, Weihnachtsfeste wurden in jenem Stile gefeiert, den einst die Tante selbst im fürstlichen Schlosse zu Sondershausen jubelnd kennengelernt hatte. Es gab für die Tante keinen höheren Genuß, als an der Freude beschenkter Menschen teilzunehmen. Um sie zu erhöhen, bereitete sie oft harmlos maliziöse Überraschungen und weidete sich an den enttäuschten Gesichtern, die rasch wieder ins Gegenteil umschlugen, wenn dann doch die Freude kam. Wäre die Welt mit Geschenken glücklich zu machen, so hätte unsere Dichterin ganze Wälder von Christbäumen aufgerichtet. Kein Bittender klopfte vergeblich an ihre Thüre; sie übte im stillen eine weitgehende Wohlthätigkeit.

Nur mit der litterarischen Welt pflegte sie auffallend wenig Beziehungen. In München war sie doch in persönliche Berührung mit einzelnen Dichtern von Rang und Namen gekommen. Bodenstedt hatte sich ihretwegen redlich bemüht; und hatte er keinen Erfolg, so war es doch gewiß nicht seine Schuld. Aber die Marlitt hat ein eigenes Mißtrauen gegen Schriftstellerkollegen nie überwinden können. Das Urteil des Publikums über ihre Erzählungen, das sich in der Form der mächtig anschwellenden Auflagen der „Gartenlaube“ äußerte, stand doch in einem merkwürdigen Kontrast zum Urteil vieler litterarischer Menschen, die ihren Anfängen kaum ein bißchen Talent zugestehen mochten. Es ist auch bemerkenswert, daß man weder in den Briefen noch auch in den Erzählungen jemals einen Autornamen oder eine litterarische Anspielung findet, indes doch sicher feststeht, daß sie viel las und sich mit der zeitgenössischen Litteratur auf dem Laufenden erhielt.

Man kann dies aus dem sehr merkwürdigen Briefwechsel erkennen, den sie im Jahre 1868 mit dem 82jährigen Fürsten Pückler-Muskau führte. Diese Briefe wurden schon zu Lebzeiten der Marlitt (1873) von der indiskreten Ludmilla Assing im ersten Bande der „Briefwechsel und Tagebücher von Hermann Fürst Pückler-Muskau“ veröffentlicht und erregten damals nicht wenig Aufsehen. Denn ganz unerwartet – ohne die Dichterin auch nur um Erlaubnis zur Veröffentlichung ihrer Briefe gebeten zu haben – hatte Ludmilla Assing den von der Marlitt ängstlich gehüteten Schleier des Geheimnisses, der ihre vielbesprochene Person noch vielfach verhüllte, weggezogen, um nicht zu sagen: weggerissen. Es waren Mitteilungen der persönlichsten Art, selbstbiographische Bekenntnisse, welche Fräulein John nur darum niederzuschreiben sich überwunden hatte, weil sie an einen – wie sie vermeinte – nicht bloß hochgeborenen (denn darauf hielt sie bekanntlich nicht viel), sondern auch geistig vornehmen und vor allem: ganz einsamen Mann gerichtet waren … Aber schließlich hatte die ängstliche Eugenie diese Indiskretion doch nicht zu bedauern, denn in den Briefen an den Fürsten Pückler erscheint sie in der That als ein freier und großer Mensch, als eine Frau von feinstem Takte, die mit der Ruhe der Reife und [191] der Ueberlegenheit des innerlich festgefügten Geistes in die Welt hineinschaut. Sie hat sich über die großen Lebensfragen auch ihre eigenen Gedanken gemacht, doch trägt sie diese ohne irgend welchen Anspruch vor; sie will weder belehren, noch bekehren, sondern einfach bekennen, was sie fühlt und denkt. Ihre Verschiedenheit vom Empfänger der Briefe, den sie schon seit ihren Jugendtagen rühmlich nennen hörte, reizt sie gerade, sich ihrer eigenen Ueberzeugungen im Schreiben bewußt zu werden. Gewandt und anmutig polemisiert sie gegen seine Aeußerungen, und hinter allem leuchtet die Güte eines gesunden Frauenherzens durch.

Es war die beste Zeit der Marlitt, in der diese Briefe geschrieben wurden: die Jahre des Aufsteigens und stark sprudelnder Produktion. Darum müssen wir in dieser Lebensgeschichte der Dichterin etwas dabei verweilen. Die Briefe sind übrigens mitsamt den Schriften des Fürsten, in die sie eingeschoben sind, in Vergessenheit geraten und kaum noch Litterarhistorikern bekannt, sonst könnten unmöglich so herbe Urteile über E. Marlitt gedruckt werden, wie es zuweilen geschieht.

Pückler-Muskau wurde schon im Jahre 1830 durch seine in glänzendem Stile geschriebenen „Briefe eines Verstorbenen“ als Schriftsteller bekannt; später gab er einige Werke heraus, in denen er über seine weiten Reisen in Nordafrika und Vorderasien berichtete; auch that er sich als genialer Landschaftsgärtner hervor und die von ihm geschaffenen Anlagen in Muskau erfreuten sich eines weiten Rufes.

Als Eugenie mit Pückler in Briefwechsel geriet, da konnte sie nicht wissen, daß es eine der vielen Passionen dieses schriftstellernden Aristokraten war, sich auch mit dichtenden Frauen in Verkehr zu setzen. Fünfunddreißig Jahre zuvor hatte er mit der genialen Bettina von Arnim in einem sehr lebhaft bewegten Briefwechsel gestanden. Mitte der vierziger Jahre hatte er mit der geistreichen Gräfin Ida Hahn-Hahn eine Korrespondenz geführt. In seinem höchsten Alter hatte er noch mit der Marlitt angeknüpft, und mit ihr hat der Verkehr – nur sehr viel schneller als mit den zwei genannten Dichterinnen – sein Ende in derselben disharmonischen Weise gefunden wie in den früheren Fällen. Fürst Pückler-Muskau war nämlich ein zwar geistreicher, in jungen Jahren sogar interessanter Mann, der auch gewiß seine Verdienste als Gartenkünstler hatte; in der Litteratur aber war er doch nur das, was man heutzutage einen gewandten Feuilletonisten nennen würde. Er wußte pikant zu schreiben, und ein schriftstellernder Fürst war vor sechzig Jahren in Deutschland noch eine Seltenheit, das „zog“ auch. Pückler gab sich demokratische Allüren, kokettierte nicht wenig mit seinem Liberalismus, und das schaffte ihm ein großes Publikum im Vormärz. Er kokettierte aber auch mit seinem Weltschmerz, mit der Lebensmüdigkeit, mit der Blasiertheit, und seine Gartenkunst gab ihm im Kontrast dazu einen dichterischen Schimmer. Im Grunde aber war er ein ausgemachter Egoist, und mit der Güte fehlte ihm auch der Humor bis auf die letzte Spur. Alle drei genannten Frauen waren ihm sowohl an echtem Geist als auch an Güte des Herzens und an Humor weit überlegen. Der gute Fürst war zudem noch sehr eitel. Ein Meister in der Kunst zu schmeicheln, übte er diese Kunst doch nur in der Erwartung, daß man ihm seine Schmeicheleien in gleichem Maße zurückerstatten werde. Täuschte er sich in dieser Erwartung, dann konnte Fürst Pückler recht zänkisch werden. In der Einsamkeit von Schloß und Park Branitz langweilte er sich sehr; zum Zeitvertreib schrieb er lange geschwätzige Briefe, natürlich am liebsten an begabte Frauen, und er wurde nicht müde, Gäste nach Branitz zu laden, welche ihm die Einsamkeit erträglich machen sollten.

Dies alles konnte Eugenie John im einsamen Arnstadt zu der Zeit, als sie den ersten, überaus liebenswürdigen Brief Pücklers (vom 8. Febr. 1868) – nach seiner Lektüre des „Geheimnisses der alten Mamsell“ – erhielt, natürlich nicht wissen, und sie antwortete dem „Verfasser der Briefe eines Verstorbenen“, wie sich der Fürst unterzeichnete, innerhalb einer Woche mit der gleichen Liebenswürdigkeit.

Pückler hatte ihr den Brief durch Keil zukommen lassen, denn er kannte damals weder den Familiennamen, noch den Wohnort von E. Marlitt. Als er die Antwort erhielt, drang er darauf, daß sie sich demaskiere. Da gerade zur selben Zeit ihre privaten Verhältnisse durch einen Zeitungsartikel bekannt wurden, so konnte sie schicklicherweise nicht lange dem Wunsche des Fürsten widersprechen und gab ihm einige Auskünfte über sich, die sie mit folgenden Worten begleitete:

„Bezüglich des Festhaltens an meinem Pseudonym muß ich Ihnen ferner sagen, daß ich, bei dem lebhaften Wunsche, nur mit dem Schriftsteller, dem Verfasser der „Briefe eines Verstorbenen“, in geistigen Verkehr zu treten, der Ansicht war, auch eine gewissermaßen objektive Stellung einnehmen zu müssen, so daß lediglich E. Marlitt, die Schriftstellerin, Ihre Korrespondentin würde. Nun freilich, wo mir ein unbekannter und sehr unberufener Biograph das Visier aufgeschlagen, müssen Sie, wohl oder übel, auch die Eugenie John mit in den Kauf nehmen …“

Aber das Unglück war, daß Pückler trotz seiner 82 Jahre, mit denen er sich bei der Marlitt eingeführt hatte, an dem rein litterarischen Gedankenaustausch kein Genüge finden mochte. Er drang auf die weitestgehende Aufrichtigkeit, Wahrheit und Fülle von Mitteilungen über ihre Person. Sie kam ihm so weit entgegen, als eine Frau von Geist und Takt, die vom Empfänger ihrer Briefe die beste Meinung hat, nur entgegenkommen kann. Sie sprach von ihrer Arbeit, von ihren politischen und religiösen Ueberzeugungen, gewährte ihm auch Einblick in ihr Heim, wo sie mit dem alten Vater, dem jüngst verheirateten Bruder Alfred bescheiden, aber glücklich wohnte; ja sie hing seine Photographie, die er ihr geschickt hatte, im Arbeitszimmer auf. Aber das war ihm alles nicht genug, auch nicht die aufrichtigen Worte der Teilnahme an seinen Leiden, von denen er schrieb. Er drängte immerfort zu einer persönlichen Begegnung, er wollte die Marlitt in Branitz haben. Aber je artiger und motivierter sie diesen Besuch ablehnte, indem sie auf ihren eigenen zu einer Reise untauglichen Zustand – gebannt in den Lehnstuhl, schwerhörig, hilfsbedürftig, wie sie war – hinwies, um so leidenschaftlicher wurde der Fürst. Wie ein gekränkter Liebhaber benahm er sich. Als schließlich Eugenie denn doch zu lachen anfing, da wurde er gar bös, weinerlich empört – und da blieb ihr natürlich nichts übrig, als ihm gar nichts mehr zu schreiben.

Diese Thorheit Pücklers muß nun der Biograph der Marlitt doppelt bedauern, weil sie in dem mit ihm geführten Briefwechsel sich von so vorteilhafter Seite zeigt und bei einiger Bescheidenheit und Verständigkeit des Fürsten wohl noch viele schöne Briefe von ihr wären geschrieben worden. So aber müssen wir uns mit den wenigen begnügen, die in den acht Monaten (vom Februar bis zum Oktober 1868) entstanden sind.

In den Briefen spricht die Marlitt öfter von ihrem zum Mißtrauen geneigten Gemüte, und merkwürdig ist es, wie ihr das Schicksal recht gab. Gerade was sie vermeiden wollte, mußte sie erleiden. Ihr persönlich lag nichts ferner als der Neid. Aber sie – die arme Tochter eines falliten Kaufmanns, die gescheiterte Sängerin – wurde viel vom Neide verfolgt, schon als Kind, wo sie im Fürstenschlosse zu Sondershausen mit den Fürstenkindern gemeinsamen Unterricht erhielt, dann in ihrer Stellung als Vertrauensperson der Fürstin Mathilde, und nun gar bei ihren ungewöhnlichen Erfolgen als Erzählerin der „Gartenlaube“! Je weniger sie sich persönlich in die Oeffentlichkeit hinauswagte, um so übler wurde ihr mitgespielt.

Als sich die Angriffe gegen ihre Kunst in den ersten achtziger Jahren mehrten und beim Durchbruch der litterarischen Revolution grobe Formen annahmen, da stand die Marlitt fast ohne litterarische Freunde da. Nur sehr wenige wurden ihr gerecht; so griff z. B. Rudolf von Gottschall zur Feder, um ihr volkstümliches Talent zu schützen, wie er schon zehn Jahre zuvor, einer der ersten Kritiker von Rang, eine gerecht abwägende Charakteristik der Marlitt veröffentlicht hatte. (Vollständig abgedruckt in Marlitts Werken, Illustr. Ausgabe, X, S. 416 u. ff.). Es ergriffen aber auch noch andere angesehene Schriftsteller das Wort für sie, von denen wir nur nennen Woldemar Kaden in Kürschners „Schriftstellerzeitung“ (1885, Nr. 8) und Josef Victor Widmann im Berner „Bund“ (1885, Nr. 70). Als Gottfried Keller den letzteren Artikel las, drückte er dem Verfasser in einem Briefe vom 22. März 1885 seinen lebhaften Beifall aus. [192] Zur selben Zeit, wo sich in der deutschen Litteratur jene Angriffe auf die älteren Schriftsteller und also auch auf die Marlitt einstellten – wie Sturmvogel, die einer neuen Zeit voranflogen – hatte ein verhängnisvoller Zufall die Dichterin für längere Dauer arbeitsunfähig gemacht. Seit der „Zweiten Frau“ (1873), die man wohl als den Zenith ihres Schaffens und ihrer Popularität betrachten kann, hatte Marlitt noch die Romane „Im Hause des Kommerzienrats“ (1876), „Im Schillingshof“ (1879) und „Amtmanns Magd“ (1881[WS 1]) geschrieben und war eben in der Arbeit an der „Frau mit den Karfunkelsteinen“. Da ereignete sich am Abend des 28. Juli 1883 ein schweres Unglück.

Sie war am Nachmittag mit einer neuen, auf der Hygieinischen Ausstellung in Berlin besonders gelobten Tragbahre auf das Plateau ihres Aussichtsturms im „Marlittheim“ getragen worden und sollte nun zurücktransportiert werden. Bei diesem Transport brach aber eine Tragstange, und Eugenie in ihrer Hilflosigkeit fiel so unglücklich nach vorn, daß sie ein ganzes Jahr lang an den Folgen dieses Sturzes aufs schmerzlichste zu leiden hatte.

Von Arbeit konnte unter diesen Umständen natürlich keine Rede mehr sein. Der berühmte Chirurg Volkmann in Halle (als Dichter der Märchen von Richard Leander in allen deutschen Landen wohlbekannt) stellte sie endlich so weit wieder her, daß sie ohne allzuviel Schmerzen schreiben konnte, und Ende November 1884 hatte sie ihren Roman von der „Frau mit den Karfunkelsteinen“ doch vollendet. Daß zwischen Anfang und Ende dieser außerordentlich spannenden Geschichte (die frei von den gerügten Sensationsmotiven der „Zweiten Frau“ ist und eine der liebenswürdigsten Individualisierungen des Marlittschen Trotzköpfchens und eine ganze Anzahl prächtiger Gestalten aus dem Volke enthält) so viel Schmerzen lagen, merkte man dem Buche nicht an. Es hatte wieder den großen Erfolg wie die früheren Marlittschen Romane und wurde vom Publikum verschlungen.

Aber es war auch das letzte Buch der Erzählerin, den Roman „Das Eulenhaus“, der den Jahrgang 1888[WS 2] der „Gartenlaube“ eröffnete, konnte sie nicht mehr zu Ende schreiben; er wurde im Geiste der Marlitt mit Geschick von W. Heimburg vollendet. Am 11. Oktober 1886 erkrankte Eugenik John jählings an einer Pleuritis (Rippenfellentzündung), und das wurde ihre Todeskrankheit. Sie litt monatelang unsäglich viel Schmerzen; die Morphium-Einspritzungen konnten sie ihr nur auf kurze Zeit lindern. Am 22. Juni 1887, 7 Uhr morgens, ward sie endlich von allen Leiden erlöst. Am 25. wurde sie unter großem Geleite der gesamten Bevölkerung Arnstadts zu Grabe getragen.

  1. Vorlage: 1882
  2. Vorlage: 1887