Evangelien-Postille (Wilhelm Löhe)/Exaudi

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Am Sonntage Exaudi.

Evang. Joh. 15, 26. − 16, 4.
26. Wenn aber der Tröster kommen wird, welchen Ich euch senden werde vom Vater, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgehet; Der wird zeugen von Mir. 27. Und ihr werdet auch zeugen, denn ihr seid von Anfang bei Mir gewesen. 1. Solches habe Ich zu euch geredet, daß ihr euch nicht ärgert. 2. Sie werden euch in den Bann thun. Es kommt aber die Zeit, daß, wer euch tödtet, wird meinen, er thue Gott einen Dienst daran. 3. Und solches werden sie euch darum thun, daß sie weder Meinen Vater noch Mich erkennen. 4. Aber solches habe Ich zu euch geredet, auf daß, wenn die Zeit kommen wird, daß ihr daran gedenket, daß Ich es euch gesagt habe. Solches aber habe Ich euch von Anfang nicht gesagt, denn Ich war bei euch.

 ES ist eine alte Sitte der morgenländischen Kirche, in den öffentlichen Versammlungen der Christen während der Zeit zwischen Ostern und Pfingsten die Apostelgeschichte vorzulesen. Das geschah und geschieht, wo es noch geschieht, zur vorläufigen Weißagung auf Pfingsten und die Zeit hernach. In das Thun und Leiden der Kirche Gottes nach Pfingsten soll der Blick schon voraus eröffnet werden. Denselben Blick in dieselbe Zeit gewährt uns das heutige Evangelium, indem es uns über das Zeugnis von JEsu und die Aufnahme desselben in der Welt belehrt.

 Das Zeugnis von JEsu ist nach unserm Texte ein gedoppeltes, das Zeugnis des heiligen Geistes und das Zeugnis der Apostel. „Der heilige Geist wird zeugen von Mir, und ihr werdet auch zeugen.“ Beiderlei Zeugnis ist dem Inhalt nach eins, denn es ist Zeugnis von JEsu, von Seiner Person, Seinem Amte, Seinem Werke, Seinem Reich und Seiner Kirche. Sonst, in andern Stellen, erscheint dieß einmüthige Zeugnis des Geistes und der Apostel als eins auch der Form nach: der heilige Geist zeuget durch die Apostel, ihr Zeugnis ist das des heiligen Geistes Selber. Hier aber, in unserem Texte, wird zwischen beiden ein Unterschied gesetzt, der auch in der That leicht festzuhalten ist. Was zum Zeugnis des heiligen Geistes zu rechnen ist, fällt in die Augen; erinnert euch an den brausenden Schall, welcher an Pfingsten vom Himmel fiel, an die feurigen Flammen, an das Zungenreden, an die Gabe der Weißagung, an die Wunder der Apostel, an die Eingebung der göttlichen Wahrheit u. dgl. Und eben so augenfällig ist auch, was zum eigenen menschlichen Zeugnis der Apostel gehört, nemlich was sie gehört haben, was sie gesehen haben mit ihren Augen, was sie beschauet haben, was ihre Hände betastet haben vom Worte des Lebens, mit Kurzem: das Zeugnis ihrer Sinnen von dem Auferstandenen, wie auch der HErr Selbst sagt: „Ihr werdet auch zeugen, denn ihr seid von Anfang bei Mir gewesen.“ Indes ist das göttliche und menschliche Zeugnis nicht durchaus so augenfällig unterschieden, sie begegnen einander im innersten Wesen; denn wenn die Apostel von JEsu zeugen, menschlich zeugen, so wacht über ihren Reden der heilige Geist, verhütet Irrtum, reinigt, läutert, gibt Stärkung des Gedächtnisses, verleiht heilsame Worte, − und während jeder Apostel ganz in seiner Eigentümlichkeit redet, ist er doch ganz vom Geiste durchdrungen. So wird ein und dasselbe Wort zugleich als göttlich und menschlich erkannt; erscheinend als eines, läßt es sich dennoch erkennen als zusammengefügt aus zweien − und des Gottmenschen gedoppelte, unterschiedene Natur in einer Person spiegelt sich in dem einen gedoppelten, zugleich göttlichen und menschlichen Zeugnis, in einem und demselben Wort Seiner heiligen Apostel. Alles ist göttlich und menschlich zugleich, was sie reden. Zuweilen − je nachdem eben grade die Seele erregt und empfänglich ist − ist es einem, als vernähme man in dem heiligen Worte lauterlich und allein „den| Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht;“ zuweilen aber ist es einem wieder, als hörte man die treuen und wahrhaftigen Menschen, die Apostel JEsu, wie sie ganz in menschlicher Einfalt und Redlichkeit den Mund aufthun und zeugen.

 Ihr erinnert euch, liebe Brüder, daß am Auffahrtstage Christi darauf aufmerksam gemacht wurde, wie die Jünger von dem HErrn um deswillen gescholten werden, weil sie dem menschlichen Zeugnis der Weiber keinen Glauben schenken. Der HErr ehrt also auch das menschliche Zeugnis, und im heutigen Evangelio unterscheidet Er es ausdrücklich vom Zeugnis des heiligen Geistes. − Es ist zu verwundern, daß der HErr das Zeugnis Seiner Apostel, ihr persönlich-menschliches Augenzeugnis, so werth hält, es neben dem Zeugnis des heiligen Geistes zu nennen. Das Zeugnis des heiligen Geistes, der vom Vater ausgeht, ist ein erhabenes, neben welches kein anderes sich selbst zu stellen wagen darf. Und doch stellt nun der HErr Selbst das Zeugnis menschlicher Augen daneben, versteht sich, nicht als gleichwürdig, aber doch neben an. Wir sind so mistrauisch: wie mancher hat schon gefürchtet, daß ihn nicht bloß sein Auge trügen möchte, sondern auch die erscheinende und tönende Welt und Creatur! Gegenüber solcher Anfechtung beut uns unser Evangelium den großen Trost, daß der HErr das Zeugnis menschlicher Augen zur Wahrheit stempelt und uns ihm trauen heißt. Es ist also überhaupt die Sinnenwelt kein trüglicher Spiegel der göttlichen Eigenschaften, deren Bild sich in ihr zeigt; trotz dem, daß sie sich mit uns sehnt, vom Dienste der Eitelkeit frei zu werden, lügt sie doch nicht, sondern wir vernehmen aus ihr, so weit sie klares Licht und deutlichen Ton gibt, rechte, von Gott gegönnte Wahrheit. Insonderheit ist es also, wenn sich zum Licht der Creatur so fromme Augen, zum Ton derselben so treue Ohren finden, wie Apostel sie hatten. Was die Apostel aus dem leiblichen Leben Christi wahrgenommen und uns überliefert haben, das ist ein Sinnenzeugnis, würdig erachtet, vom heiligen Geiste verklärt und zum Gotteszeugnis erhoben zu werden.

 Das gedoppelte Zeugnis des heiligen Geistes und der Apostel erweist sich verschieden. Während das menschliche Zeugnis auch nur menschlich lockt, überzeugt und bewegt, hat das göttliche eine übernatürliche Kraft bei sich, welche dem menschlichen nicht einwohnt. Das menschliche wirkt durch Begriffe und Urtheile auf die Erkenntnis der Zuhörer und von dieser in angeborener, naturgemäßer Weise auf die übrigen Seelenvermögen. Auch das göttliche wendet sich auf gleichem Wege dem Menschen zu, erfaßt ihn gleichfalls zuerst durch Erkenntnis und wirkt von der Erkenntnis weiter; aber es zieht auf derselben Straße in einer ganz andern Macht und Majestät einher, es kommt in Erweisung des Geistes und der Kraft.

 Beide Arten von Zeugnis hinterläßt der HErr in unserm Evangelium der Welt. Mit doppeltem, mit göttlichem und menschlichem Zuge zugleich, begehrt der HErr die Welt zu Sich zu ziehen. Beides gab Er in den ersten Tagen, beides gibt Er auch jetzt. Noch immer ist das Zeugnis des heiligen Geistes nicht bloß möglich, sondern auch wirklich da, wenn gleich der Zeiten Unglaube Hindernisse in den Weg wirft und die Erweisungen des Geistes nicht mehr so reich und voll sein können, als zuvor. Und noch immer ist das Zeugnis der Apostel da in menschlicher und zugleich göttlicher Gestalt, fürs Auge sichtbar in der Schrift, fürs Ohr hörbar aus dem Munde der Prediger; sofern sie nur wieder sagen, was die Apostel gesagt haben. Wollte Gott, es würde das gedoppelte Zeugnis von JEsu in der rechten Weise aufgenommen!


 Es findet aber freilich eine sehr verschiedene Aufnahme in der Welt. Wir wißen, daß es durch die einwohnende Kraft des heiligen Geistes seligmachend ist, und es wäre darum schlimm, wenn sich niemand dadurch selig machen ließe. Dann gäbe es keine Bewohner für den Himmel auf dieser Erde, die ganze Menschheit wäre eine verderbte, dem Verderben geweihte Masse. Es gibt aber, Gott Lob! doch eine Anzahl solcher, die sich selig machen laßen. Zwar sind sie verglichen mit der Zahl derer, die verloren gehen, nur wenige; aber an und für sich sind ihrer doch auch eine große Zahl, denn St. Johannes sah ja am Throne des HErrn eine unzählbare Schaar. Allein, meine Brüder, von dieser letzterwähnten Schaar ist in diesem Evangelium zunächst nicht die Rede, sondern von der andern.

 Es gibt Menschen, welche das Zeugnis des Geistes und der Apostel von JEsu nicht aufnehmen, und ihrer sind nicht wenige; aber es ist unter ihnen| ein Unterschied zu machen. Die einen laßen es bei der Nichtannahme des Evangeliums bewenden und gehen in stolzer, sicherer und selbsterwählter Unwißenheit dahin. Sie erkennen weder den Vater, noch den Sohn, und können deshalb keine Ueberzeugung oder Erfahrung davon haben, wie arm man ist, wenn man beide nicht erkennt.

 Andere hingegen laßen sich nicht daran genügen, von Christo selbst nichts zu wißen; sondern sie wollen auch nicht haben, daß andere etwas von dem Vater und dem Sohne kennen lernen. Sie verfahren gerade so, als wäre das Zeugnis von JEsu etwas Böses, das ein guter Mensch nicht leiden dürfte. Nur von dieser letzteren Menschenklasse redet der HErr in unserm Evangelium, denn dasselbe hat nicht den Zweck, im Allgemeinen eine Belehrung über die Aufnahme des Evangeliums zu geben, sondern von einer besondern Art von Aufnahme, von der schlechten Aufnahme spricht es, welche ohne des HErrn Weißagung den Jüngern ganz unverhofft würde gekommen sein. Die Apostelgeschichte gibt uns zu allem, was der HErr von dieser schlimmen Aufnahme sagt, die Belege und zugleich den starken Beweis, daß die Apostel, was ihnen der HErr gesagt, ganz wohl begriffen und in getreuem Andenken behalten haben. Ihretwegen hat es der HErr hier geoffenbart, auf daß sie sich nicht ärgerten, wenn es käme; und sie haben sich auch in der That nicht geärgert, als es kam.

 Die Jünger JEsu waren ohne Zweifel die rechten Juden, welche den Zweck des alten Testaments, Weißagung und Erfüllung am besten begriffen hatten; an sie mußte sich jeder rechte Jude anschließen. Wer sich an sie nicht anschloß, mußte in Bann gethan und von der Gemeinschaft des alten Bundes ausgeschloßen werden, wenn Gerechtigkeit Bann und Ausschließung handhabte. Aber wie ganz anders kam es! Die Menge der Juden gab sich nach dem fleischlichen Rechte der Mehrzahl für die wahre Kirche alten Testamentes aus und bannte die Apostel, auf daß diesen die nothwendige Aus- und Absonderung ja erleichtert würde.

 So war es, und noch weiter gieng es. Der Haß gegen Christum und die Seinigen gieng so weit, als Haß auf Erden überhaupt gehen kann. Des Haßes äußerste Grenze und volleste Betätigung ist Mord; über das Leben hinübergreifen kann kein Haß, weder im Himmel, noch in der Hölle hat der noch sterbliche Mensch eine Einwirkung; es ist genug, und übergenug, daß ihm das zeitliche Leben des Nächsten erliegen kann. So weit aber, bis zu dieser äußersten Grenze des Haßes in dieser Welt, bis zum Morde gieng man gegen die Jünger, das weißagte ihnen der HErr, − Er zeigte deutlich an, daß ihnen der Märtyrertod bevorstehe. Ach, wie abscheulich ist der Haß, der Vater des Todes, der in der Hölle wohnt! Und doch, wenn er nur aufträte, so wie er ist, in seiner völlig wahren Gestalt, daß man vor ihm fliehen könnte! Aber das ist eben der Gipfel aller Abscheulichkeit, daß die Lüge das Gewand der Wahrheit, der Haß die Gestalt des heiligen Eifers, die Synagoge den Schein der Kirche annehmen kann! Es kann kommen, daß man, während man eilend ist, Blut zu vergießen, während man in den Fluch immer mehr hineinwatet, während sich Wolken göttlichen Zornes über einem sammeln, andere glauben macht und selbst im Wahne steht, daß man ganz recht thue und Gott gefalle. „Es kommt die Zeit, spricht Christus, daß wer euch tödtet, wird meinen, er thue Gott einen Dienst daran.“ Das ist schrecklich − und wahrlich, gegenüber solchem Gräuel und Moder des Fanatismus ist das Loos der Jünger doch viel schöner, die dahin geopfert werden sollen, wie die Schlachtschafe. −

 Es ist eine traurige Enthüllung, welche uns unser Text gethan hat. Er fieng so schön an − vom Zeugnis des Geistes und der Apostel, und fährt nun so jämmerlich fort. Das herrliche Zeugnis, was folgt ihm, was hat es für Wirkung? Haß, Streit, Bann, Mord und Tod, − und davon redet der HErr im Evangelium so ruhig, als verstände sichs von selbst, als müßte es so sein! Er redet, als müßte es so sein, − und allerdings, es muß und kann und darf nicht anders sein. Die Kirche muß, so lange sie hienieden ist, streiten, leiden, sterben, und das ist es, was wir jetzt reiflicher überlegen wollen.


 Wenn ihr, geliebte Brüder, ein Haus annehmet, in welchem Eltern und Kinder, Schwäher und Eidam, Schwieger und Schnur, Bruder und Bruder, oder gar fremde einander nicht verwandte Menschen zusammenleben; so müßet ihr immer zugleich annehmen, daß ein solches Haus voll Menschen nicht allezeit einig sein werde. Nehmet ihr nun statt eines Hauses eine| Gasse, ein Dorf, eine Stadt, ein Land an; je weitere Kreiße ihr ins Auge faßet, eine desto größere Unwahrscheinlichkeit des Friedens werdet ihr finden. Und diese Unwahrscheinlichkeit wird sich fast als Unmöglichkeit zeigen, wenn ihr den verschiedenen Sinn, den so verschiedenen Vortheil und die zahllos unterschiedenen eigennützigen Absichten und Zwecke der Menschen bedenket. Da geht immer der Sinn und Vortheil des einen wider Sinn und Vortheil der andern, es heißt oft wie bei Ismael: seine Hand ist wider jedermanns Hand und jedermanns Hand wider ihn. Streit und Streit und nichts als Widerstreit findet man gegeben. Und die Unmöglichkeit eines dauernden Friedens wird sich im Leben bestätigen, so wie man nur hineinsieht, Erfahrung und Geschichte befragt. Welches einzelne Leben, welches Volkes Leben hätte sich anders entwickelt, als in Satz und Gegensatz und in Widerstreit? Nichts ist wahrer, als daß jedes Leben ein Kampf ist. Die Welt ist voll Künste, aber es ist keine Kunst erfunden und wird auch keine erfunden werden, durch welche das Leben aufhörte ein Kampf zu sein. Es gibt viele Tugenden und Kräfte, aber keine Tugend ist so hell, keine Kraft so gewaltig, daß der Kampf dadurch beseitigt würde. Nichts auf Erden, nichts im Himmel ist, das nicht seinen Gegensatz hätte. Es gäbe darum auch gar keinen Weg, den Kampf zu vermeiden, als den, nicht geboren zu sein, und der ist selbst nicht möglich, und so bleibt nichts übrig, als sich in die Nothwendigkeit zu ergeben und neben jede Wiege geruhig ein Schwert zu legen.

 Man könnte nun freilich sagen: Aber ist denn die Kirche nicht ausgenommen, ist sie denn nicht ein Friedensreich, und ihr König ein Friedenskönig? Fragen könnte man so, aber nicht durchweg mit Ja antworten. Die Kirche ist ein Friedensreich, sie hat Frieden mit Gott, führt alle verlorenen Schafe zu dem Frieden JEsu, soll und will es, will also auch gar nichts als den allgemeinen Frieden aller Schafe. Aber gerade das, gerade ihr kräftiger Entschluß, alle Menschen zum Frieden JEsu zu führen, bringt ihr Unfrieden. Es gibt so viele, die von JEsu und Seinem Frieden nichts wißen wollen, nichts davon begehren, die es für eine Anmaßung erkennen, daß die Kirche und ihre Diener andere leiten und führen wollen, und wär es gleich zum Frieden, zum allgemeinen Glück. Ihnen gilt ein Seelenfreund und ein Feind ganz gleich, und sie glauben Fug und Recht zu haben, den Gotteskindern, den Friedensstiftern, JEsu Zeugen und Friedensboten auf das heftigste zu widerstreben. Natürlich! Biete den Frieden JEsu an, so verachtest du ja den Frieden der Welt! Nöthige hereinzukommen ins Friedensreich, so nöthigst du, die gewohnte Bahn und den gewohnten Aufenthalt zu verlaßen; du hältst also das gewohnte Leben für unvollkommen, sündlich, schlecht, und schiltst und tadelst den, der sich dabei so lange beruhigen konnte. Und meinst du, so etwas werde dir der ein- und angeborene Hochmuth verzeihen? Meinst du, der eigenliebige Dünkel werde es dulden, wenn die Zeugen JEsu den Weg zum Leben beßer wißen wollen, als er? Meinst du, die eitle Selbstgerechtigkeit der Sünder werde nicht im Innersten empört werden, werde sich des Zornes erwehren können, wenn jemand eine beßere Gerechtigkeit haben oder gar predigen will? Nein, nein, das hoffe nur nicht, das geschieht gewis nicht. Die Römer ließen alle heidnischen Religionen gelten, weil keine die andere aufhob; aber die Religion JEsu? Mit nichten! diese straft ja alle andern Lügen und ließ keine andern gelten. Gegen diese mußte der Römer als gegen eine selbst unduldsame Sekte mit aller Schärfe verfahren, sie anfechten, unterdrücken und ausrotten. So gieng es der Kirche immer. Sie ist ja keine Partei unter den Parteien, obwohl ihr das schon Streit gebären würde. Aber sie ist ja eine Partei über allen Parteien oder vielmehr gar keine Partei, sondern ein Sammlungsort der aus allen Parteien Geretteten und Genesenen. Sie ist drum wider allen und allerlei Weltsinn und alles Weltthun, und jedermanns Sinn und Hand ist drum wider sie. So war es, so ist es, und es kann auch nicht anders werden, es wird immer so sein. Die Weltgeschichte ist ein Kampf, und die Kirchengeschichte ist auch ein Kampf − und wie sich Pilatus und Herodes wider Christum verbanden, so werden und wurden allezeit und überall die streitenden Parteien der Welt nur einig, wenn es wider die höchste Einigkeit, wider JEsum und Seine Braut angeht. Wie Gideon mit wenigen Streitern wider eine zahllose Schaar streiten mußte, so liegt die heilige Kirche der Welt gegenüber wie zwei Heerdlein Ziegen und es ist ein unabläßiger, heißer, leidenvoller Krieg.

 Daß es so ist und aus Gründen des Verstandes| und der Erfahrung auch so sein muß, ist gewis. Aber was sagt der Herr Herr, das Haupt der Kirche, ist es Ihm auch so recht? Oder hat man sich aus Seinem Munde Bedenken zu nehmen, daß es also ist? Wir wißen, daß geschrieben ist: „Ists möglich, so viel an euch ist, so habt mit allen Menschen Friede.“ Aber hält es denn der HErr für möglich, daß zwischen Kirche und Welt Friede sei? Daß die Kirche friedfertig ist und gerne alle Streitenden zum Frieden versammeln möchte, wißen wir. Aber wenn denn doch allenthalben Streit entbrennt! Ists dann doch vielleicht der Kirche Schuld, daß es so ist? Was werden wir antworten? − Es ist möglich, daß es einzelne Glieder der Kirche versehen, daß sie nicht thun, was an ihnen ist, um Frieden zu halten; aber auch abgesehen von der menschlichen Schwachheit und Sünde aller Heiligen ist es doch gewis, daß Der, welcher alle Dinge weiß, einen Frieden der Seinen mit der Welt nicht für möglich gehalten hat. Ich will nichts davon sagen, daß der HErr selbst mit der Welt weder Frieden hatte, noch hielt, sondern als das himmelschreiendste Opfer ihres Haßes am Kreuze starb. Ich will nicht erinnern an Sein Wort von jenem Feuer, von welchem Er wollte, es brennete schon; nichts von jener bestimmten Anforderung an die Seinen, Ihm das Kreuz nachzutragen, nichts von so vielen, vielen Stellen einschlägigen Inhalts. Ich will nur unser heutiges Evangelium reden laßen. Es steht vor Pfingsten und weißagt von Pfingsten und von dem, was die Jünger nach Pfingsten würden zu thun und zu leiden haben. Und was sagt nun dieß Evangelium, und in ihm der HErr? Wir haben es schon erwähnt zu anderem Zweck. Der HErr sagt: „Sie werden euch in den Bann thun. Es kommt aber die Zeit, daß wer euch tödtet, wird meinen, er thue Gott einen Dienst daran. Solches habe Ich geredet, auf daß, wenn die Zeit kommen wird, auf daß ihr dran gedenket, daß Ichs euch gesagt habe. Solches aber habe Ich euch von Anfang nicht gesagt, denn Ich war bei euch.“ Wenn nun der HErr den Seinigen das voraussagt, mit so vielen Worten und großem Nachdruck voraussagt: was willst du dann sagen? Bist du ein Christ, so mußt du es über dich ergehen laßen, mußt mit hineingehen ins Kreuz und von den der Kirche Gottes verordneten Leiden Christi deinen Antheil tragen. Es kann nicht anders sein, der letzte Zweifel an der Nothwendigkeit des Kampfes und der Leiden wird durch JEsu Wort niedergeschlagen. Was auch komme, wie es auch gehe; wenn du ein Christ bist, so sei es dir gesagt, so sei es von dir für alle deine Lebenswege zur Norm und Richtschnur angenommen: „Hie ist Geduld der Heiligen!“

 Entrinnen also kann ein Christ, ein Kind der Kirche, diesem Loose nicht. Der HErr hats vorausgesagt, also kann man sichs nicht zur Schmach rechnen; Er hat es vorausgetragen, dadurch wird es zur Ehre; Er hat es zu einem Zeichen der Seinen gemacht, dadurch wird es zur Erwartung, und weil man Ihm selber darin ähnlich wird, so wird aus der Erwartung Hoffnung. Millionen haben es schon getragen und alle treuen Kinder Gottes tragen es jetzt noch, so daß wir uns geruhig fügen und ergeben und reichen Trost genießen. Von unserm Trost in Kampf und Leid laßet mich noch einiges sagen, − und wenn, was ich sage, an bereits Vorgekommenes erinnert, so vergeßet nicht, daß es durch die tröstende Absicht, die ich habe, neu und anders wird.

 Der Grund, um des willen ein Christ den Unwillen und Haß der Welt sich auflädt, ist das Zeugnis von JEsu, welches er ablegt. In der Art und Weise, das Zeugnis abzulegen, kann ein Christ freilich fehlen, und für diesen seinen Fehl wird ihm sein Gewißen schlagen, und was er deshalb trägt, trägt er durch eigene Schuld. Aber wenn und soweit er dabei nicht fehlt, sondern redlich thut, wozu ihn die Liebe treibt, hat er des reichen Trost; denn sein Zeugnis ist eins mit dem Zeugnis der Apostel und des Geistes JEsu, V. 26. 27. Die Welt verachtete einst das Zeugnis der heiligen Apostel, warum soll es uns befremden, wenn sie unser Zeugnis verachtet? Durch die Apostel zeugte der heilige Geist, und die Welt verachtete das Zeugnis des heiligen Geistes, was Wunder, wenn sie das deinige verachtet? Ist dein Zeugnis dem Munde der Apostel entnommen, so ist dein Zeugnis in gewissem Maße selbst des Geistes Zeugnis: so wirst du also nicht bloß wie der heilige Geist, sondern mit Ihm verachtet. Willst dus denn für etwas Schweres erkennen, mit den Aposteln, und nun gar mit dem heiligen Geiste, d. i. mit Gott Selbst, zu leiden? Mit Ihm − und mit JEsu − und mit dem Vater − und mit allen, die des dreieinigen Gottes sind, das| Gleiche zu erfahren, das kann nicht schwer sein; in solchem Leid liegt selbst schon reicher Trost.

 Als David ins Heerlager gieng, woselbst er den Riesen erschlug, schalten ihn seine Brüder um der Kühnheit und Wagnis willen, die sie an ihm merkten. Er aber trug ihr Schelten mit leichtem Muthe, denn er konnte ihnen antworten: „Was habe ich denn nun gethan? Ist mirs nicht befohlen?“ So ist auch uns befohlen, von JEsu zu zeugen, und die Leiden des Zeugnisses, die Dornen der heiligen Rose, sind uns geweißagt, und wir sollten nicht ruhig sein? Eigensinn macht unruhig und Leiden für eigene Schuld drückt gleichfalls die Seele nieder, aber nach Gottes Willen handeln und leiden, das macht die Seele stille. Wer um des Zeugnisses JEsu willen leidet, dem widerfährt nichts als der Christen Zeichen von oben her; je getroster ers hinnehmen kann, desto gewisser kann er sich in Gott beruhigen. Für ihn betet die heilige Kirche als für einen Bekenner. Himmlische Glückwünsche der Engel und Palmen der Ewigkeit werden für den bereitet, der treu und still bleibt bis ans Ende im Zeugnis und in deßen Leiden.


 Alles streitet auf Erden, Streit und Kampf ist allgemein; aber nicht alle haben einerlei Grund und Ursach des Streites. Die Welt streitet um irdische Dinge, oft um Kleinigkeiten: Die Kirche streitet um die Ehre Gottes und um das Heil der Welt durch ihr Zeugnis und Bekenntnis. Was braucht sie sich zu schämen? Es ist der Mühe werth, da zu streiten, wo Gott streitet, für das ewige Heil der Menschen, fürs Augenmerk aller seligen Geister zu streiten. Also streite und leide dich und sei ruhig im verordneten Kampf. In solchem Kampfe hat man Gottes Segen und Beifall und die Gemeinschaft aller Heiligen.


 Als unser HErr am Kreuze erhöhet wurde, als das Kreuz in die Grube sank, in der es feststehen sollte, als Seine Wunden vom Stoße rißen, als heftiger Schmerz Seine heiligen Glieder durchdrang, da rief Er laut: „Vater, vergib, sie wißen nicht, was sie thun;“ − und als Er den Seinigen ihre Leiden und ihr Kreuz ankündigte, da sagte Er in gleichem Sinn: „Sie werden euch solches darum thun, daß sie weder Meinen Vater, noch Mich erkennen.“ Mit Gott, auf Seinen Befehl, um des besten, göttlichsten Grundes willen leiden und streiten, ist eine getroste, friedenvolle Arbeit. Aus der Ruhe und dem Frieden könnte man allenfalls bloß fallen, wenn man sähe, daß die Leiden von Menschen kommen. Wenn man nun aber so bestimmt hört, daß die Menschen gar nicht wißen, was sie thun, − daß das Leiden durch der Menschen Hände nur rinnt, wie durch den Kanal das Waßer, − wenn man die Menschen nur als blinde Handlanger von Gott gegönnter, mit Gott zu tragender, heiliger Lasten erkennen muß: da zürnt man auch nicht mehr mit den Menschen, die uns zum Leiden dienen, und es wird leicht, sich nicht an eigenen Leiden und nicht an fremden Leiden gleicher Art zu ärgern, sondern vielmehr getrost die edle steile Bahn zu gehen, so lange es Gott gefällt.


 Mit diesen Erinnerungen an kommende Leiden beginnen wir die Woche vor Pfingsten. Von Freudenfest zu Freudenfest sind wir seit Weihnachten gegangen. Das Pfingstfest soll unsre Freude vollkommen machen. Am Gedächtnisfeste der Ausgießung des heiligen Geistes sollen wir selbst erfüllt werden mit den Freuden und Kräften der zukünftigen Welt, von welcher hernieder aller Segen des N. Testamentes kam. In Hoffnung und Erwartung so großen Segens ists gut an den Wermuthtropfen zu gedenken, der den Freudenkelch nicht trüben, nicht verbittern und verderben, sondern nur würzen und desto schmackhafter machen kann. Gott sei gelobet für allen Pfingstsegen, der da kommt, durch welchen wir den Streit und alles Leid so leicht überwinden! Er sei gelobet für Streit und Leid, wodurch wir gedemüthigt werden, daß wir uns der hohen Offenbarung nicht erheben, und im höchsten Glück der Kirche noch Sinn und Sehnsucht für den Himmel behalten, wo wir für leidlos Glück und streitlose Ruhe reif und empfänglich sein werden! Amen.




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