Evangelien-Postille (Wilhelm Löhe)/Gründonnerstag 2

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II.
(1857.)

 AM Eingang der großen Woche liest man in der Kirche Gottes von Alters her die Geschichte der Fußwaschung JEsu, nicht weil sie sich am Sonntag dieser Woche zugetragen, sondern weil sie so wohl an diese Stelle sich schickt und JEsus vor den Füßen Seiner Jünger, beflißen, ihre Füße zu waschen, wie ein bedeutungsvoller Ausleger alles deßen erscheint, was Er in dieser großen Woche gelitten und gethan hat. Laßt uns, meine theuren Brüder, nach der Leitung der Kirche miteinander die Geschichte in Erwägung ziehen, die wir vernommen haben. Verleihe uns der HErr von Seinem Himmel zur Betrachtung einen stillen Geist, und daß wir, was St. Johannes schreibet, zu desto größerer Erbauung in der Ordnung faßen mögen, in welcher er selber geschrieben hat. Diese Ordnung aber ist leicht erkennbar. Ihr zu Folge erwägen wir zuerst die Zeit, in welcher die Geschichte geschehen ist, darauf die Gemüthsverfaßung JEsu, in welcher Er gehandelt hat, sodann die heilige Handlung selber, von welcher die Geschichte redet, weiter den inneren Sinn der Handlung und endlich ihre Absicht. Das ist die Ordnung unseres Textes, das sei die Ordnung unserer Rede und Betrachtung, welche Gott uns segne.

 Von der Zeit der Handlung sagt der heilige Johannes, sie sei eingetreten vor dem letzten Osterfeste Christi, da bereits die Stunde gekommen war, den Weg aus der Welt zu Seinem Vater anzutreten, während einer Mahlzeit, da der Teufel bereits dem Juda Simonis Ischariot den verfluchten Gedanken ins Herz geschleudert hatte, daß er den HErrn verrathen sollte. Damit ist allerdings der Tag nicht genau bezeichnet, an welchem die herrlich schöne That geschehen ist, sie könnte den Umständen zufolge ebensowohl am Mittwoch als am Donnerstag der Leidenswoche geschehen sein. An beiden Tagen saß der HErr nach Erzählung der heiligen Evangelien mit Seinen Jüngern zu Tische; am Mittwoch wie am Donnerstag wußte Er, daß Seine Zeit des Heimgangs vorhanden war; auch weiß Jedermann, daß Judas Ischariot bereits am Mittwoch den höllischen Gedanken des Verraths gefaßt hat und mit den Priestern um 30 Silberlinge eins geworden ist. Ja wenn man die Worte „vor dem Fest der Ostern“ besonders betonen wollte, so könnte man versucht sein, mehr auf den Mittwoch als auf den Donnerstag zu schließen, weil das Mahl am Donnerstage nicht vor dem Fest der Juden, sondern am Beginn des Festes selber steht, zum Fest gehört, ja des Festes Gipfel ist. Indes mag dem sein wie es will, in beiden Fällen war so ernste Zeit, daß seit jener ersten Versuchungsstunde im Paradiese ihresgleichen nicht gewesen war. Die alte Schlange hatte sich zum Kampf gerüstet, des Menschen Sohn aber wußte auch, was es galt, kannte Seine nahende Stunde, wußte auch, daß die Stunde Seiner Feinde und die Macht der Finsternis gekommen war: wie war Seine Seele bewegt ob solcher Stunde! Kann man sagen, daß Ihn Freudigkeit und Siegeslust durchdrang? Ihn, der nun bald von einer Traurigkeit Seiner Seele, und von einer Bangigkeit bis zum Tode redete? Ha was für eine ernste, schwere Zeit für Ihn hereingebrochen war, eine Zeit, da man sich nur wundern muß, Ihn so klaren Urtheils zu finden über Seinen Weg; denn Er weiß mitten in tiefer Betrübnis, daß Er aus der Welt zum Vater gehe, daß Sein Gang ist Sieg und deßen Ende Triumph und Herrlichkeit. In dieser schweren, betrübten Zeit hat der HErr gethan, wovon der Text erzählt, sicher eine ernste, bedeutungsschwere Handlung. Der nie Geringes that, hat am wenigsten in der größten Zeit Seines Lebens etwas| Geringes gethan: zu jener Stunde schickt sich nur Großes, Wichtiges, Bedeutungsvolles. Darum wohlan meine Brüder, die Herzen in die Höhe, daß ihr des HErrn Thun recht faßet und erwäget.

 Doch leg ich nicht sofort die heilige Handlung JEsu Christi vor eure Augen, ihr sollt für dieselbe durch noch eine Betrachtung vorbereitet werden, nemlich durch Betrachtung des Gemüthszustandes JEsu. Wenn die Betrachtung der Zeit achtsam machen kann, so kann viel mehr die Erwägung der Gedanken, die JEsum bei der folgenden Handlung durchdrangen, alle Zerstreuung verjagen und das Herz zur Andacht wenden.

 Der heilige Apostel Johannes beginnt mit dem 13. Kapitel seines Evangeliums einen neuen Abschnitt desselbigen und das so kenntlich, daß er für denselben sogar eine besondere Einleitung schreibt. Diese Einleitung ist feierlich und hoch getragen, wie sich ein Jeder überzeugen kann, der sie liest; in derselben finden wir die bereits abgehandelte Zeitbestimmung der heiligen Handlung, neben derselben aber auch die beiden Züge von dem inneren Zustand unseres HErrn, die wir nun zusammenhalten und in deren vereintem Lichte wir die heilige Handlung betrachten wollen, die unser Text erzählt. Der erste ist ein Zug jener unaussprechlichen Liebe, welche uns im Verhalten des HErrn gegen die Seinen allenthalben ins Auge leuchtet. „Wie Er hatte geliebt die Seinen, die in der Welt waren, so liebte Er sie bis ans Ende.“ Der zweite Zug aber ist ein Zug großer Majestät. „JEsus wußte, daß der Vater alles in Seine Hände gegeben hatte, und daß Er von Gott ausgegangen war, und zu Gott gieng.“ Also Liebe gegen die Seinen, die in der Welt waren, treue, unwandelbare, durch nichts unterbrochene Liebe, und dabei das Bewußtsein göttlicher Allgewalt, mit welcher Er auf dem Heimweg zu Seinem Vater begleitet war, erfüllten die Seele unseres HErrn: Liebe und Macht herrschten in Ihm. Diese Liebe erscheint uns um so größer und wunderbarer, wenn wir die Umstände erwägen, unter welchen sie sich erweist. Die Stunde war gekommen, daß der HErr aus der Welt zu Seinem Vater gienge; da konnte Er vor Freud und Andacht zu Seinem Vater, vor Sehnsucht und Verlangen nach Seiner ewigen Herrlichkeit die Seinen, die in der Welt waren, vergeßen: was sind die Seinen gegen den Vater im Himmel, gegen den Himmel und die Glorie der Engel? Dennoch aber vergißt Er die Seinigen nicht, die in der Welt waren, sondern liebte sie bis ans Ende, ja bis in die Ewigkeit hinein, und diese Liebe gibt Ihm die Handlung ein, die unser Text erzählt. Ferner: schon hatte der Teufel dem Judas ins Herz gegeben, seinen HErrn zu verrathen, das Herz Juda hatte den Gedanken aufgenommen, der Teufel hatte den großen Bundesgenoßen gefunden, den er bedurfte, nun rüstete sich der alte Drache zum großen Entscheidungskampfe. Ha welch ein Kampf, wer kann es sagen, was für Macht und List, welche Höllenkräfte nun daher traten gegen den einzigen Menschensohn! Da war es Diesem wohl nöthig zu wißen, daß der Vater Alles in Seine Hände gegeben hatte, und daß Er zum seligsten Ziele vorwärts drang; nun mußte Er sich ohne Zweifel Seiner Kraft bewußt werden, und des Ortes zu dem Er sich durchschlug. Aber was Wunder, wenn Er jetzt nur des Feindes, nur des heißen Kampfes, nur des Sieges, nur Seiner eigenen Erhöhung und Herrlichkeit gedacht, und Seine arme sterbliche Braut in dieser Welt vergeßen hätte. Es ist ja die Schlange, die alte, die Ihm den Zahn weist und die Zunge, und in verzweifelter Tollkühnheit ihr Haupt wider Ihn erhebt, ihre feurigen Blicke nach Ihm zielet. Nicht irgend ein geringer Teufelsengel, Lucifer ist vorhanden! Aber sieh da, wie groß ist die Majestät und Kraft des HErrn! Wie Ihm die Liebe zum Vater und Seiner seligen Heimath die Seinen nicht in den Hintergrund stellt, so vermag auch die Hölle und ihre Wuth die Seele Christi denen nicht zu entwenden, die Er auf Erden die Seinen nennt. Nicht Himmel nicht Hölle, nicht Gott nicht Teufel, nicht Macht, nicht Ohnmacht und Leiden, nicht Hohes noch Tiefes kann das Herz des Erlösers von den Seinigen scheiden. Nur für sie fühlt Er Seine Majestät und Gewalt, ihnen zu Nutz und Dienst wird Er sie erweisen, die Liebe zu ihnen wird Seine allmächtige Hand regieren und ihnen zeigen jetzt und in den Stunden, die da kommen sollen, was alles Er den Seinen thun muß.

 Und was wird Er denn nun zunächst thun, was wird Er thun, den Himmel und Hölle von den Seinen nicht scheidet und dem der Vater Alles in Seine Hand gegeben hat? Wird Er wie ein anderer Simson die Säulen faßen an der Höllen Pforten und den Bau über allen Teufeln und Verfluchten auf ewig zusammenwerfen, damit die Seinen ewig Ruhe haben, oder| will Er etwa des Himmels Säulen und der Erde Gründe faßen und Alles zusammenwerfen in seinen Staub und den Seinen einen neuen Himmel und eine neue schönere Erde zur seligen Heimath bauen? Gewis, nicht geringere Dinge hat Er vor, und es wird kommen, daß Er thut, wie ich gefragt; aber jetzt, jetzt thut Er ein Anderes; und nachdem hochgetragnen Anfang der Erzählung St. Johannis schauen wir verwundert eine Handlung, die wir nicht vermuthet haben. So rein das Gegentheil von Majestät und Allmacht des Gottessohnes, so menschlich und gering erscheint sie vor den Augen derer, die ihren Blick vom Anschauen Seiner Liebe trunken und in Betrachtung Seiner Majestät scheu und furchtsam gemacht haben. Er wäscht den Seinen die Füße. Nein, an so etwas zu denken, während der ewige Vater mit Millionen Freuden zur Heimath winkt, während der böse Feind die Zähne fletscht: mitten inne zwischen Himmel und Hölle in der Nachbarschaft der allergrößten, wohlbewußten Noth den armen Jüngern die staubigen, schmutzigen Füße waschen. Hier sinne, wer sinnen kann; da muß ein großes Geheimnis verborgen sein, vermöge dessen sich eine Fußwaschung den letzten Thaten der großen Woche würdig anreihen und würdig die großen Ereignisse der letzten Stunden einleiten soll. Ich will das Geheimnis suchen. Laßt uns mit einander suchen gehen und beten: „Oeffne mir die Augen, daß ich sehe Deine wunderbaren Gedanken in Deinem geringen Füßewaschen.“
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 Die Erzählung, auf die wir nun unser Auge richten, ist wunderbar anschaulich und zeigt in der Genauigkeit, mit welcher sie gegeben ist, beides: die Achtsamkeit der Jünger, und die große Wichtigkeit, welche sie dem Vorgang müßen beigelegt haben. Der HErr sitzt also beim Mahle, Seine Stunde ist vorhanden, in Ihm regt sich Liebe zu den Seinen und das Bewußtsein Seiner Majestät. Ohne Zweifel wird die innerliche Regung auch das äußere Bezeigen des HErrn durchdrungen haben, Liebe und Majestät wird von Ihm gestrahlt haben, und siehe, mit solcher Gebärde erhebt Er sich vom Mahle. Sagt mir nicht: Du gehst darauf aus, zu der geringen Handlung einen mächtigen Gegensatz in der Gebärde JEsu aufzufinden, und denkst dir nun eben einen JEsus wie du Ihn willst. Es kann ja doch nicht anders sein, der HErr war ja doch nicht, wie so viele Gleisner, die mit der äußeren Gebärde das Innere nur verhüllen; innerhalb voll Liebe und Majestät kann der vollkommene Mann, der HErr, auch äußerlich nicht anders, als strahlend von Majestät und Liebe erschienen sein. Ob aber auch wirklich ein Mensch noch zweifeln könnte, so horche er doch auf alle Reden, die der HErr während der Handlung und darnach geführt hat, und er wird allenthalben Majestät und Liebe finden im Verein. „Was Ich jetzt thue, das weißest du nicht, du wirst es aber hernachmals erfahren. − Werde Ich dich nicht waschen, so hast du keinen Theil mit Mir − Ihr heißet Mich Meister und HErr, und ihr thut recht daran, denn Ich bins auch“: welche Reden von unverkennbarer Majestät und leicht zu findender Liebe. Gewis, wo das Innere und die Rede so durchdrungen ist von dem Bewußtsein der Liebe und Majestät, da kann, ich wiederhole, auch die Gebärde nur von Liebe und Majestät geleuchtet haben. Und so also steht Er vom Mahle auf, die Augen der Jünger folgen dem Majestätischen, begierig zu schauen, was nun kommt, und da steht Er nun in Seiner ganzen Größe und beginnt die Kleider abzulegen, ein Stück nach dem andern: es ist, wie wenn da im äußerlichen Vorgang gezeigt werden sollte, was der HErr bei Seiner Menschwerdung wunderbar gethan hat, was der Apostel schreibet in den Worten: „Er hat Sich Seiner Herrlichkeit entäußert“. Das Auge der Jünger haftet an dem Entkleideten, und sieh, da greift Er nach einer Leinwand, einem Schurze und gürtet Sich damit. Offenbar will Er eine Arbeit vornehmen, die Er in den Kleidern nicht wohl vornehmen kann, für die sie sich nicht schicken, von der sie nur verderbt würden, zu welcher sich diese Gestalt, ein Stück von umgürteter Leinwand, ein leinener Schurz viel beßer eignet; es muß eine geringe Arbeit sein, das zeigt der Anzug, denn versinnbildlicht sieht man da jene Worte des Apostels: „Er nahm Knechtsgestalt an“, die Gestalt des Sklaven nahm Er an. Sofort schüttet Er Waßer in das Waschbecken, das da steht und begann die Füße Seiner Schüler zu waschen, und wenn Er sie einem gewaschen hatte, trocknete Er sie auch mit dem Schurze ab, den Er um Sich gegürtet hatte. Wenn Er die Füße wusch, mußte Er Sich zu den Füßen niederbeugen, vor den Jüngern niederknieen, die staubigen Füße ergreifen mit Seinen heiligen Händen, im Waßer sie reinigen vom Staub und Schmutz,| und dann wieder das Naß von den gewaschenen Füßen mit der Leinwand nehmen. Diese Handlung also hat der HErr in majestätischer Liebe vorgenommen, dazu ist Er von dem Mahle aufgestanden. Ich kann mir’s denken, wie die überraschten Jünger sich einer nach dem andern die Waschung gefallen ließen und den HErrn thun und machen ließen, wie Er wollte: es nahte in solcher Demuth eine majestätische Liebe, die keinen Widerspruch vertrug. Ich kann mir’s aber auch denken, daß nach dem ersten Erstaunen Petrus, als die Reihe an ihn kam, den Gefühlen Aller − ob nicht auch denen Ischariots, der doch innerlich zermalmt sein mußte? − die Worte lieh und herausbrach: „HErr, Du mir die Füße wäschest?“ Ich kann mir’s denken, wie die gewaltige Antwort Christi ihn dahin brachte, die Füße zurückzuziehen, aufzuspringen und zu rufen: „Du sollst meine Füße in Ewigkeit nimmermehr waschen“. Es kann doch Keiner bei gesunden Sinnen einen solchen HErrn zum Sclaven nehmen, sich von einem solchen Manne so bedienen laßen; so Größe wie Würdigkeit dieses Dieners wirft in den Staub darnieder. Dann kann ich mir aber auch wieder denken, wie in demselben Manne Petrus, der erst in Ewigkeit den Dienst des HErrn nicht leiden wollte, die schnelle Umwandelung und Umstimmung vorgieng, daß er rief: „HErr, nicht die Füße allein, sondern auch die Hände und das Haupt“! Hört er doch aus dem Munde des großen Königs, der vor ihm knieete: „Du hast kein Theil mit Mir, wenn Ich dich nicht wasche.“ Mit Dem kein Theil haben sollen, bei und mit welchem man doch ewig sein und Ein Loos theilen möchte! Da kam die Ehrfurcht vor dem hohen Diener in Streit mit der Liebe, die von Ihm strahlte und die Petrus zu Ihm hatte. Und die Liebe siegte und entbrannte, daß ihm die maßlose Rede ausbrach, durch welche die Liebe des HErrn überboten, also getadelt werden mußte. Ha wie da Petrus umher schwankte zwischen den Extremen, bis ihm am Ende doch nichts anderes überblieb, als nach des HErrn gütigem Bescheid die Füße herzugeben und sich anbetend waschen zu laßen von dem Gott und HErrn, der vor ihm auf Seinen Knieen lag. So wurde es durchgeführt, so wusch der HErr Allen und Jedem die Füße von Judas bis zu Petrus, und die geringe Handlung des Majestätischen prägte sich den Jüngern dermaßen ein, daß daraus die genaue Beschreibung folgte, die wir lesen, und daß sie sicher im ganzen Leben den HErrn die Füße waschen sahen, so oft sie der Handlung gedachten.

 Nachdem wir nun also die Handlung des Fußwaschens JEsu betrachtet haben, ist uns gewis die Frage nach der Absicht ein wahres Bedürfnis geworden. Indem wir aber uns im Texte selber umsehen, Antwort auf unsere Frage zu suchen, finden wir uns überrascht, eine doppelte Antwort zu finden. Ganz offenbar legt der HErr am Schluße der Handlung, da Er mit den Seinen wieder bei Tische saß, die nächste Absicht vor; während der Handlung selbst aber, im Zwiegespräch mit Petro, verkündet Er mit Seinem Thun einen tieferen Sinn, den er Seinen Jüngern nahe zu legen gewis auch die Absicht hatte. Ich weiß, meine theuren Brüder, daß Viele mit Aufsuchung und Darlegung eines tieferen verborgeneren Schriftsinnes sich auf jämmerliche Irrwege begeben haben, und daß die edle Lehre von der Deutlichkeit und Klarheit des göttlichen Wortes kaum durch etwas mehr angefochten worden ist, als durch den mannigfachen Sinn, welchen man dem göttlichen Worte unterzulegen wagte; daher glaube ich auch immer beim Lesen der heiligen Schrift ganz Auge und Ohr sein zu müßen, um nur den eigentlichen Sinn, den Wortsinn, aufzufinden. Dennoch aber kann ich ja nicht leugnen, daß es Gottes und Seines Geistes ganz würdig ist, in das theure Wort eine harmonische Mannigfaltigkeit vieler Gedanken niederzulegen, und wo daher die Schrift selbst durch unzweifelige Gründe oder gar durch ausdrückliche Weisung, wie in unserem Texte, einen mehrfachen Sinn darbietet, da ziemt es mir und Allen, dankbar anzunehmen, was der HErr geben will und den Reichtum der göttlichen Güte nicht zu verkürzen. So ist es hier bei unserm Texte. Das Fußwaschen JEsu hat eine kenntliche Absicht und hat dazu einen tieferen Sinn, deßen Darlegung die zweite Absicht JEsu Christi ist. Und weil denn der HErr eher den tieferen Sinn Seiner Handlung andeutet, als die nächste Absicht Seines Thuns erklärt, so wollen auch wir Seinem Gange folgen und uns voran den inneren Sinn Seiner Fußwaschung zum Bewußtsein bringen.

 „Was ich thue, das weißest du jetzt nicht, du wirst es aber hernach erfahren,“ spricht der HErr. Das kann unmöglich heißen, Petrus wiße nicht, daß| der HErr nun den Jüngern die Füße wusch. Das sah er ja, das brauchte er nicht erst hernach zu erfahren. Der HErr mußte also von einem verborgeneren, tieferen Sinn der Fußwaschung sprechen. „Werde Ich dich nicht waschen, so hast du kein Theil mit Mir,“ spricht der HErr im weiteren Verlaufe des Zwiegesprächs, und damit beginnt Er die Enthüllung des tieferen Sinnes Seiner Worte. Petrus, die Seinen alle sollen mit dem HErrn Theil haben − woran denn? Doch offenbar an Seinem ewigen Loose und an Seiner himmlischen Herrlichkeit. An diesem Loose, an dieser Herrlichkeit aber bekommt man keinen Antheil, wenn der ewige König die Waschung an einem nicht vornimmt, es kommt auf die Waschung JEsu an. Kannst du dir nun aber denken, daß es auf die Waschung mit Waßer ankommt, so müßtest du auch, so gewis als JEsus Christus Theilnehmer, viele Theilnehmer an Seinem ewigen Loose haben will, fordern, daß Er entweder selbst, oder durch Stellvertreter alle die Seinen wasche, du könntest auf dem Wege dieser Gedanken zur Taufe kommen und könntest, wie wenn du den inneren Sinn der Handlung JEsu gefunden hättest, freudig ausrufen: „Es hat keinen Theil mit JEsu, wer nicht getauft wird.“ Allein, wenn man auch mit den Worten JEsu: „Werde ich dich nicht waschen, so hast du kein Theil an Mir,“ den Sinn verbinden könnte, weil der HErr hier im Allgemeinen nur vom Waschen und nicht vom Fußwaschen spricht, so erlaubt doch der Fortgang der Handlung nicht, ja er verbietet, an die Taufe zu denken. Die Taufe wäscht Füße und Haupt und Hände, sie wäscht den ganzen Menschen, sie reinigt ihn von allem Schmutz der Sünde und stellt ihn rein und gerechtfertigt vor das Angesicht des HErrn. Der HErr aber will ausdrücklich diese allgemeine Waschung in der Taufe vom Fußwaschen unterschieden haben. „Wer gewaschen ist, hat kein Bedürfnis weiter als die Füße zu waschen, sondern er ist im Ganzen rein, und ihr seid rein, jedoch nicht alle.“ Damit sagt ja der HErr nichts anderes als, die Jünger stünden in der Taufgnade, und seien dadurch rein, der einige Ischariot habe sich durch Hingebung an den Satan über und über wieder beschmutzt und die Gnade seiner Taufe verloren. Doch aber bedürften auch die Getauften einer theilweisen Reinigung. Gleichwie ein Mensch, der ganz gewaschen ist, doch seine Füße vor Staub und Schmutz nicht behüten kann, und deßhalb diese öfter waschen muß als den ganzen Leib, so wird auch ein Getaufter durch den täglichen Wandel theilweise immer aufs Neue beschmutzt und bedarf einer oftmaligen, einer täglichen Reinigung von den oftmaligen Sünden des täglichen Lebens. So deutet denn der HErr mit der allgemeinen Waschung auf die Taufe und mit der besonderen auf die tägliche Vergebung, die wir brauchen, und auf die Absolution, und der innere Sinn der Handlung ist daher kein anderer, als der, daß Christus, der uns mit Seinem Sacrament der Taufe am ganzen Leibe wäscht, Sich auch nicht schämt, uns täglich wieder zu dienen durch Vergebung unserer Sünden. Ja wie Er vor den Jüngern niederkniet und ihnen dient zum leiblich geringen Werke, so bietet Er uns auch demuthsvoll und bittend, als wäre Er nicht der allmächtige HErr, sondern ein geringer Diener, die tägliche Reinigung an, und will Sich ebensowenig abweisen laßen mit Seiner großen Gabe der täglichen Vergebung, als Er Sich bewegen läßt, die Taufe zu wiederholen. Er will keine Ischariots, welche die gesammte Gnade der Taufe unnütz machen und sich dem Satan ergeben, aber Er weiß auch, daß Er keine andern Heiligen und Täuflinge in der Welt hat, als solche, die in Schwachheit täglich sündigen und bei redlichem Willen im Ganzen dennoch die ewige Ruhe nicht erreichen würden, wenn Er nicht durch die Absolution täglich fortsetzte, was Er im Allgemeinen mit der Taufe begonnen hat. Sieh da, den inneren Sinn der Handlung und welche Gedanken den HErrn bewegten, wie Er all unsere Bedürfnisse im Auge hatte, und all unser Heil und Wohl bis ans Ende bedachte, äußerlich ein demüthiger Diener der Seinen wurde und ihnen innerlich den größten wohlthätigsten Dienst alltäglich leistet.
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 Nun aber, lieben Brüder, laßt uns unsere Gedanken auf die nächste, die eigentliche Absicht Christi bei der Fußwaschung richten. Groß, hehr und feierlich erscheint einem jeden der innere Sinn der heiligen Handlung; dagegen aber erscheint überaus einfach die eigentliche Absicht JEsu. Weit wichtiger und nöthiger ist ja allerdings für uns Alle der Dienst, den uns Christus leistet, und sehr unbedeutend ist gegen Seinen Dienst derjenige, den wir den Brüdern zu leisten vermögen: was ist all unser Thun| im Vergleich mit dem Seinen? Der HErr Selbst nennt uns, wenn wir Alles gethan haben, doch nur unnütze Knechte; dennoch aber ist die Heiligung dem Menschen nöthig, und von allem unserm Thun auf Erden doch nichts nöthiger und wichtiger als unser Fleiß, den Willen Gottes zu thun und Ihm wohlzugefallen, und es bleibt doch der Mensch des Namens eines Jüngers JEsu nicht würdig, welcher irgend eine seiner Angelegenheiten höher anschlägt als diese. Sei die Antwort, welche wir dem Verdienste Christi durch unsern Fleiß in der Heiligung geben, immerhin eine geringe, sie ist ja doch die beste, die wir haben, und unterlaßen werden darf sie nicht, so lieb uns unsere Seligkeit ist. Gewinnen wir die ewige Seligkeit durch unser Thun nicht, so können wir sie durch dasselbe doch verlieren. Insofern haben wir alle Ursache, auf unser Thun zu achten und uns aufmerksam und achtsam, treu und willig zu erzeigen, wenn uns der HErr darüber einen Unterricht ertheilt. Das aber thut Er in unserem Texte, und zwar zu bedeutungsvoller Zeit mit eben so großer Majestät als Demuth, in der eindringlichsten Weise, und so, daß die Beigabe eines symbolischen Sinns für die äußerliche Handlung all die Gründe, die wir haben, um darauf zu achten, nur vermehren und verstärken muß. Als Er den Jüngern die Füße gewaschen hatte, zog Er Seine Kleider wieder an und legte Sich wieder zu Tische. Und das Ablegen der Kleider und das Anlegen sind alle beide geeignet, uns etwas Ungewöhnliches anzudeuten. Der HErr hat gethan, was Er nicht immer thut, Sein Thun ist an und für sich selbst auffallend, und Er hat es überdieß darauf angetragen, es auffallender zu machen, indem Er durch den Wechsel der gewohnten und ungewohnten Kleidung die Seinen zur Aufmerksamkeit reizt. Und wie durch die That, so hebt Er auch durch die Worte Seine Handlung hervor. „Wißet ihr, was Ich euch gethan habe“, sagt Er. Was liegt in den Worten anders, als eine Anregung des Nachdenkens; der HErr will, daß über Seine Handlung gedacht werde, man soll etwas aus ihr lernen. Was wird es sein? − Die Jünger wißen nicht zum Ziel zu kommen, da wird der HErr der Leiter ihrer Gedanken. „Ihr nennet Mich Lehrer und HErr und saget wohl daran, denn Ich bin es“, mit diesen Worten, mit diesem Bekenntnis bringt Er den Jüngern Seine Größe zum Bewußtsein. Er lehrt sie auf die Höhen der Berge sehen, damit die Tiefe der Thale recht erkannt werde. „Wenn nun Ich eure Füße gewaschen habe, der HErr und Meister, so sollt auch ihr einander die Füße waschen.“ Wenn der HErr der Herrlichkeit Sclavendienste thut beim Bewußtsein Seiner Majestät, aus großer Liebe, wie viel mehr sollen die, welche wißen, daß sie einander gleich sind an Niedrigkeit, die eingebildete Höhe und allen Hochmuth verlaßen, und einander in Liebe thun, was ihrem Stande und Berufe mit nichten widerstreitet. „Ein Beispiel hab Ich euch gegeben in der Absicht, daß auch ihr einander thut, wie Ich euch gethan habe.“ Hiemit ist also die Absicht JEsu offenbar geworden. Das hat Er gewollt, gewollt von Seinen hohen Aposteln, also auch von allen andern, das will Er noch, das soll Seiner heiligen Gemeine unter dem liebenswürdigsten aller Gründe eingeprägt sein, unter dem Grunde Seines Beispiels. Er ist ein Diener Seiner Knechte und Mägde, mit Waßer und Blut, mit Fußwaschen und Blutvergießen, Seine Apostel sollen unter einander Diener sein. Alle Seine Heiligen sollen sich unter einander bedienen, verworfen und verdammt sollen sein in Seinem Reiche alle Hochmuthsgründe, die das dienen hindern, alle Liebe, die anders lieben will, als durch selbstverleugnenden Dienst; wie Er die Liebe erweiset, so, grade so sollen die Seinen sie äußern; wer Liebe haben will ohne dienen, der kennt die Liebe nicht; die Liebe dient, und wie die Liebe des Gesetzes Erfüllung ist, so ist auch dienen des Gesetzes Erfüllung, denn es gibt kein Lieben ohne Dienen, Dienen und Lieben ist eins; wer ein Glied sein will am Leibe Christi und nicht dienen will, beweist eben damit, daß er nur in seiner Einbildung ein Glied am Leibe ist, aber nicht in Wahrheit, denn die Glieder am Leibe dienen einander, und dem ganzen Leibe Alle. Ein Jedes hat einen anderen Beruf, ein anderes Werk zum Heil des Ganzen auszuüben, aber alle Werke sind Werke des Dienstes, und so wahr ein Glied Glied ist, und zum Ganzen gehört, ihm eingefügt und gesund ist, so gewis geht es im Dienste des Ganzen. Der nicht dem Ganzen dient, sehe wohl zu, wie er dem schrecklichen Looße entgehen will, vom Leibe abgeschnitten zu sein.
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 Meine theuren Brüder, am Anfang der Leidenswoche| JEsu, in welcher wir der hohen Dienste gedenken, welche uns Gottes Sohn zu unserer Seligkeit gethan hat, in welcher wir unseres Verdienstes, das heißt, unserer Sünden gedenken, gedenken wir auch der heiligen Pflicht dankbarer Nachfolge JEsu. Wir können nicht hingehen und auch eine Welt erlösen, darin können wir dem HErrn nicht nachfolgen, das hat Er ganz allein gethan, wie Er es auch ganz allein thun konnte; der Wurm im Staube hat den Leib nicht, und nicht die Kraft, dem Adler nachzufliegen, welcher sich zur Sonne schwingt. Es ist genug, wenn er im Staube kriecht, und sich langsam bis zu den Höhen irdischer Hügel und Berge bewegt. Wenn ihn die Lust zum Adler und zu seinem Fluge nur dahin bringt, daß er dieselbige Richtung nimmt, so thut er was er soll. Der HErr dient uns alle Tage mit Seinem Blute und einmal mit dem Fußwaschen, wir kehren es um und dienen einander und dem HErrn Selber in unsern Brüdern mit geringen kleinen Erdendiensten, die man dem Fußwaschen vergleichen kann; wir waschen immer die Füße, nimmer die Seelen, üben den hohen Sinn der Liebe unermüdlich im Niedrigen und Kleinen, und haben dabei die Beruhigung zu thun nicht bloß, was wir durch Gottes Barmherzigkeit können, sondern auch, was dem HErrn von uns am allerbesten gefällt, was Ihm von uns das Liebste ist. Wohlan, so sei’s auch, es gibt keine andere Kirche, als die da liebt und dient. Ein Verein freiwilliger, gegenseitiger Diener, getrieben durch Liebe und Anbetung JEsu, ist die Kirche; ihr wollen wir angehören, so entschließen wir uns also zum Dienste und dieser Entschluß und ein seliger Beginn der Ausführung desselbigen bezeichne diesen Tag und diese Woche. Der HErr aber schenke uns kräftigen Fortgang und selige Vollendung und mache uns allzumal groß im Dienen und gebe einem Jeden, bei solchem Thun und in solchem Thun selig zu sein. Amen.




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