Evangelien-Postille (Wilhelm Löhe)/Marien Verkündigung

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Evangelien-Postille (Wilhelm Löhe)
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Marien Heimsuchung »
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Am Tage der Verkündigung Marien.
Luc. 1, 26–38.
26. Und im sechsten Monat ward der Engel Gabriel gesandt von Gott in eine Stadt in Galiläa, die heißt Nazareth. 27. Zu einer Jungfrau, die vertrauet war einem Manne, mit Namen Joseph, vom Hause Davids; und die Jungfrau hieß Maria. 28. Und der Engel kam zu ihr hinein, und sprach: Gegrüßet seyst du, Holdselige, der HErr ist mit dir, du Gebenedeiete unter den Weibern. 29. Da sie ihn aber sahe, erschrack sie über seiner Rede, und gedachte: Welch ein Gruß ist das? 30. Und der Engel sprach zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria, du hast Gnade bei Gott gefunden. 31. Siehe, du wirst schwanger werden im Leibe und einen Sohn gebären, deß Namen sollst du JEsus heißen. 32. Der wird groß, und ein Sohn des Höchsten genennt werden, und Gott der HErr wird Ihm den Stuhl Seines Vaters Davids geben; 33. Und Er wird ein König sein über das Haus Jakobs ewiglich, und Seines Königreichs wird kein Ende sein. 34. Da sprach Maria zu dem Engel: wie soll das zugehen? Sintemal ich von keinem Manne weiß. 35. Der Engel antwortete, und sprach zu ihr: Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum auch das Heilige, das von dir geboren wird, wird Gottes Sohn genannt werden. 36. Und siehe, Elisabeth, deine Gefreundte, ist auch schwanger mit einem Sohn, in ihrem Alter; und gehet jetzt im sechsten Monat, die im Geschrei ist, daß sie unfruchtbar sei. 37. Denn bei Gott ist kein Ding unmöglich. 38. Maria aber sprach: Siehe, ich bin des HErrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast. Und der Engel schied von ihr.

 DUrch Fügungen, welche wir nicht kennen, waren Sproßen der Familie Davids nach Galiläa, in die Stadt Nazareth und in große Armut gekommen. Die Menschen, so sehr die Weißagungen auf die Nachkömmlinge Davids hinwiesen, achteten des heruntergekommenen und klein gewordenen Geschlechtes nicht, aber Gott wollte Seine Barmherzigkeit und Seine Verheißung nicht vergeßen. In den Tagen, da Herodes König und Augustus Kaiser war, lebte zu Nazareth in Galiläa eine Jungfrau, jung an Jahren, und wie die Schrift sagt, die verlobte Braut eines frommen Mannes aus dem Hause David, des Zimmermanns Joseph. Diese war von aller Ewigkeit her ausersehen, die Mutter des Heilands zu werden: sie war durch Gottes Wahl das Weib, deren Same der Schlange den Kopf zertreten sollte, und die Jungfrau, von welcher Jesaias (Cap. 7.) weißagt. Zu ihr kam im sechsten Mond nach der Erscheinung, welche Zacharias im Tempel beim Räuchern gehabt hatte, der Engel Gabriel. Er kannte sie und kannte sie mit Namen, ihr Name und, was Gott mit ihr beschloßen, war also im Himmel kund, ehe sie wußte, was ihr geschehen sollte. Gabriel war zu ihr gesandt − und da er kam, der Jungfrau ihr heiliges Loos zu verkündigen, da redete er nicht in überlegener Majestät, sondern mit einem Gruße und mit einer Einleitung die Demüthige an, welche nicht bloß sie in Verwunderung setzte, daß sie dachte: „Welch ein Gruß ist das?“ sondern welche bis zu dieser Stunde alle Welt in Erstaunen setzt. Nie wurde von Engeln ein Menschenkind so, mit solcher Ehrerbietung angeredet. „Gegrüßet seist du, spricht der Engel, welcher vor Gott steht, zu dem Jungfräulein. Gegrüßt seist du, Holdselige, Selige in Gottes Huld und Gnade, Reichbegnadigte.“ Also in den Augen der Himmlischen war dieser Lebensberuf, diese Mutterschaft, welche nun Marien zu Theil werden soll, eine reiche, große Gnade und Gnadenfülle, und wir armen Menschenkinder schätzen sie also auch nicht zu hoch, wenn wir mit Preis und Ehre davon reden. „Gegrüßt seist du, Holdselige,“ spricht der Engel. „Der HErr ist mit dir,“ fährt er fort, und wie ist Er mit dieser Jungfrau, wie vereint Er sich mit ihr, wie wirkt Er in ihr und aus ihr, wie hilft Er ihr! Also, daß es kein Wunder ist, wenn sie von Gabriel nach der Tiefe und Wahrheit seiner engelischen Erkenntnis „die Gebenedeite unter| den Weibern“ genannt wird. „Der HErr ist mit dir, du gebenedeite unter den Weibern.“ Alle Frauen in Israël hungerten und dursteten nach der hohen Ehre, die Mutter des Messias zu werden, alle erkannten diese Mutterschaft für den höchsten Ruhm. Bei allen Weibern groß und hochgebenedeit, von allen Israëliten, von Propheten und Priestern hochgerühmt und gepriesen war, noch ehe ihr Name bekannt war, das Loos Marien! − Schauer der andern Welt durchdringt Marien beim Gruß des Engels; sie erschrickt − weniger über die Person, die da redet, als über die Rede, welche aus des Engels Munde gehet. „Welch ein Gruß ist das“ − und wer ist die, welche von den höchsten Engeln so gegrüßt wird! − Der Engel redet weiter, und wie viel, wie Großes redet er! Mit wem vorher haben Engel so Großes und Herrliches geredet! „Fürchte dich nicht, Marie, du hast Gnade bei Gott gefunden.“ − Gnade, denn dies Loos kann kein Verdienst, kann nur Gnade sein. Nichts verdient ein Mensch, ein menschlich Weib, wie soll das größte, gnadenreichste Loos, Gottes Mutter zu werden, ein Verdienst sein können? „Siehe du wirst schwanger werden im Leibe“ − also wirklich, das beneidete, einzige Glück, das keiner zweiten widerfahren kann, widerfährt Marien. Denn bei diesen Worten mußte die fromme, in Gottes Wort und Verheißung aufgewachsene Jungfrau den Hauptsinn der ferneren Rede Gabriels bereits ahnen. „Du wirst einen Sohn gebären, deß Namen sollst du JEsus heißen“ − also JEsus, JEsus ist der Name des Ersehnten, − „JEsus, JEsus“, ehe Er empfangen wird, kann die heilige Mutter den schönsten Namen des heiligsten Sohnes nennen, sie kann mit Namen nennen Den, welcher Seiner Menschheit nach noch nicht ist. „JEsus, JEsus“ − heißt der Sohn der Jungfrau. „Der wird groß und ein Sohn des Höchsten genannt werden, und Gott, der HErr, wird Ihm den Stuhl Seines Vaters David geben, und Er wird ein König sein über das Haus Jakobs ewiglich, und Seines Königreichs wird kein Ende sein.“ Ha, was alles liegt in diesen Worten für eine Gnadenfülle: „ewiges Königreich, ewiger König, Sohn des Höchsten, groß!“ Und Maria wird die Mutter dieses Sohnes: ist sie die Gebenedeite unter den Weibern, ist sie selig in Gottes Huld und Gnade oder nicht? − Selig von Huld und Gnade erscheint sie aber dennoch in der Würde hoher Einfalt und in nüchterner Ruhe. Laß Andern Engel erscheinen und sieh zu, wie sie verstummen oder vergehen vor den leuchtenden Angesichtern aus der andern Welt. Diese Jungfrau aber redet mit dem Engel aus der Höhe, wie wir bei der Ueberraschung durch wichtige Botschaften kaum mit gewöhnlichen Boten zu reden vermögen. Eine hohe Seele ist gefaßt in großen Augenblicken. Wer aber ist gefaßter, als Maria, die Jungfrau. Mutter soll sie werden, Mutter des Heiligen Israël, des Hochgelobten, aber wie? „Wie soll das zugehen, sagt sie, sintemal ich von keinem Manne weiß?“ Sie ist mit Joseph verlobt, aber sie weiß nicht von ihm, und weiß nicht, wie Gottes Rath ist mit ihm und mit ihr. Da kommt die Antwort des Engels. Sie weiß von keinem Manne, und soll von keinem Manne wißen. Obwohl von dem Geblüt der Gebenedeiten, soll doch der Heilige Israëls nicht von dem Willen des Fleisches, noch von dem Willen eines Mannes geboren werden. Wie der erste Adam von Gott aus einem Erdenklos, so soll der zweite von Gott in Maria wunderbar bereitet werden. „Der heilige Geist wird über dich kommen, spricht Gabriel, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten. Darum auch das Heilige, das von dir geboren wird, wird Gottes Sohn genannt werden.“ Das ist die Antwort auf Mariens Frage, worauf ihr alles fernere Wie und jede Frage erstirbt. Es wird ihr zur Stärkung ihrer ohnehin glaubenswilligen Seele ein Zeichen gegeben, auf die ähnliche Lage der alten Gattin des gleichfalls alten Priesters Zacharias, ihrer Verwandtin hingewiesen, und versichert, daß kein Ding bei Gott unmöglich sei. Da neigt sie sich und betet an. Groß und hehr ist das Wort, welches sie in heiliger, seliger Ruhe und tiefer Demuth spricht. „Siehe, spricht sie zum Engel, ich bin des HErrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast.“ Der HErr der Herrlichkeit erfordert zum größten aller Wunder ein bereitetes, gläubiges Herz, − einen heiligen, ergebenen Willen. Einwilligung vom innersten Seelengrund, vollkommene Ergebung findet der HErr bei Marien.
 Man redet von Seiten der Römischen von Verdiensten Mariens und erhebt sie in einer Weise, welche niemanden misfälliger sein wird, als ihr selbst, der größten, der holdseligsten, gebenedeitesten aller Frauen.| „Du hast Gnade bei Gott gefunden“, spricht der Engel zu ihr und deutet damit an, daß sie von Natur andern Menschen gleich, in Sünde geboren, der göttlichen Schonung und Gnade bedürftig ist. Das war und blieb sie, sie, von deren Unvollkommenheit auch später die Schrift berichtet und wie durch weise Absicht und Vorsicht des heiligen Geistes so von ihr spricht, daß wir nie vergessen können, sie sei aus unserem sündigen Orden entsprungen. Aber wenn gleich gewis ist, daß man schriftgemäß niemals redet, wenn man von Mariens Verdiensten spricht, − niemals, wenn man sie anruft, als wäre sie eine Helferin der Sterblichen in ihren Nöthen; so ist doch im Gegentheil auch das gewis, daß die Protestanten gewöhnlich zu gering von ihr, der Mutter unsers Erlösers, denken und reden. Wenn die Denkart der meisten Protestanten von Marien die rechte wäre, so müßte die Denk- und Ausdrucksweise des Engels Gabriel im heutigen Evangelium eine falsche sein, − eine Behauptung, die niemand thut, und die, würde sie gethan, allen Abscheu verdiente. Das Maaß, wie wir von Marien zu denken haben, von ihrer Stelle und Stellung im Reiche Gottes und von ihrer inneren, wie man sagt, religiösen und sittlichen Vollendung, − zeigt uns unser Evangelium. Sie ist eine Jungfrau − und wird Mutter ohne Mannes Zuthun: an sich eine Auszeichnung, durch welche sie einzig unter allen Frauen steht. Sie wird zur Mutterschaft bereitet durch den Heiligen Geist, sie wird Mutter durch Ueberschattung der Kraft Gottes, d. i., wie die Alten deuten, des Sohnes Gottes. Dadurch steigt die Einzige in unserer Würdigung. Sie ist eine Wohnung, eine Werkstätte, ein Paradies des HErrn, darin Er Seinen zweiten Adam schafft. Wenn sie auf gleichem Wege ein gewöhnlich Menschenkind empfangen und geboren hätte, wäre sie wunderbar über alle Frauen erhaben. Aber sie empfängt und gebiert ein Heiliges, einen Gottessohn, den Sohn des Höchsten, − und doch ein Menschenkind, einen König, der unsterblich ist und ein unvergänglich Reich regieren, auf dem Stuhle Seines Vaters David sitzen und JEsus d. i. Seligmacher Seines Volkes sein und heißen soll. Der Frauen Ehre ist ihre Mutterschaft; wenn eine einen ausgezeichneten Sohn gebiert, wird sie selbst eine ausgezeichnete Mutter. Wie ausgezeichnet, wie begnadigt, holdselig und gebenedeit vor allen Weibern muß Maria sein, welche empfängt und gebiert den König, den Christ, den Seligmacher, den Heiligen, den Unsterblichen, den Seligmacher, − ja den Gottmenschen, den, auf welchen Eva umsonst gehofft hatte, „den Mann, den HErrn, den Mann Jehova.“ Das Altertum hat in heißen Kämpfen behauptet und bewiesen, daß man Marien eine Gottesmutter und Gottesgebärerin nennen müße und die lutherische Kirche hat sich dem Zeugnis des Altertums mit vollem Herzen angeschloßen. Man meint mit dem Ausdruck „Gottesmutter, Gottesgebärerin“ nicht, daß die Gottheit von der Menschheit und von der menschlichen Mutter ihre Abstammung habe: solchen Unsinn und solche Lästerung muß man der Kirche, der Jüngerin des wahrhaftigsten Lehrers, nur nicht zutrauen. Aber das meint man, sagt man, bekennt und behauptet man als ewige unumstößliche Wahrheit und als einen Artikel des Glaubens, bei deßen bewußter Verwerfung man nicht selig werden kann, daß die Kraft des Höchsten, der Sohn Gottes Marien nicht bloß überschattet habe, um in ihrem Mutterschooße ein heilig Menschenkind schöpferisch zu bilden, sondern um Sich Selbst mit diesem Menschenkindlein auf ewig in der Einheit einer allerheiligsten Person zu verbinden. Das behauptet man, daß das Kindlein, welches die heilige Jungfrau empfangen hat, schon von dem ersten Augenblick seines Daseins in die Gottheit aufgenommen wurde und mit der zweiten Person der Gottheit Eine Person ausmachte, daß Mariens Kind schon, als es noch unter ihrem Herzen lag, ja im ersten Augenblicke der Empfängnis Gott und Mensch gewesen, daß sie ein Kindlein empfangen habe und geboren, welches zwei Naturen, göttliche und menschliche, von Anfang an gehabt, daß sie also eben sowohl sagen konnte, sie habe Gott, als, sie habe ein Menschenkind geboren. Was ist das aber anders, als was in den Ausdrücken liegt: „Gottesmutter, Gottesgebärerin“? Nicht zunächst um der Mutter willen, deren Würde mit dieser Behauptung steht und fällt, sondern um des HErrn, um Seiner Ehre und um unsers Heiles willen muß das anerkannt, nachgesprochen und bestätigt werden. Wie kann das auch anders sein? Das Heilige, was aus Marien geboren wird, soll Davids Sohn sein, David wird vom Engel Sein Vater sein; so ist Er ja ein Mensch. Aber der Engel sagt auch zwei Mal, daß er Gottes Sohn sein soll. „Er wird groß und ein| Sohn des Höchsten genannt werden“, spricht er, und „das Heilige, das von dir geboren wird, wird Gottes Sohn genannt werden.“ Meint man etwa, Gottes und des Höchsten Sohn heiße Christus nur wegen der unmittelbar göttlichen Empfängnis Seiner Menschheit? Dann wäre der Engel von Maria und den Aposteln und allen Heiligen misverstanden worden, welche alle, wie die Schrift Zeuge ist, in jenen Ausdrücken das Zeugnis der göttlichen Natur des HErrn erkannten. Ist Er aber Gott und Mensch, so ist Er’s in einer Person − und das Kindlein, das aus Marien kommt, ist Gott und Mensch, − in Folge deßen aber, ohne thörichten Misverstand, im kirchlichen Verstand Maria eine Gottesmutter. − Läßt sich nun, meine Lieben, denken, daß die Auswahl Gottes ein an sich unheiliges, gewöhnliches, geringes Mädchen traf? Ist etwa Mariens Loos und Stellung eine hohe, ihre Seele aber, ihre geistliche und geistige Begabung das Gegentheil? Widerstrebt uns nicht die ganze Seele, wenn wir versuchen, den Gedanken aufzunehmen, daß die größte aller Frauen eine unbekehrte, ungeheiligte und dazu gemeine Person gewesen sei? Welcher Zusammenhang ist inniger und zarter, als der zwischen dem Kindlein, das unter dem Herzen der Mutter liegt, und der Mutter selbst: und es sollte wahr sein, daß der Heilige Gottes eine Mutter gehabt habe, wie sie hinter allen Zäunen gehen, daß Maria eine gewöhnliche und geringgesinnte Jungfrau gewesen sei? Die, welche Engel so fragen und Engeln so antworten kann, wie Maria, deren Antwort an den Engel das heiligste Beispiel und der vollendetste Ausdruck einfältiger Ergebung an Gott ist, kann, abgesehen von allem andern, was wir von ihr lesen und wißen, keine andere, als eine Heilige Gottes, ein von Gottes Geist bereiteter Tempel und heiliger Pflanzort Immanuels gewesen sein. Es gilt die Begegnung, welche sie von Gott und Seinen Engeln erfährt, zunächst und vor allem ihrer Mutterschaft, aber sie würde eine andere gewesen sein, wenn diese Jungfrau nicht sittlich rein und heilig, nicht eine Magd des HErrn vom Herzensgrund gewesen wäre. Sie hat Gnade bei Gott gefunden − der Geist kommt über sie − die Kraft des Allerhöchsten überschattet sie − den Immanuel gebiert sie: jedes Wort des Engels faßt sie, glaubt sie, bewegt sie, − und Einen Ton des Lebens behält sie. Ihr gebührte hier auf Erden und dort im Himmel der Gruß, der hohe, ehrenvolle des Engels; auch wir werden sie dermaleins so grüßen, − und ihr danken für all ihr heilig Beispiel, dem HErrn aber für all die Gnade, beides, der hohen Stellung und der inneren Vollendung, welche Er der demüthigsten Seiner Mägde aus dem Abgrund Seiner Güte geschenkt hat.

 Wenn man heute nicht so von Marien spräche, an ihrem hohen Ehrentage, wann wollte und dürfte man es denn thun? − Als die Kirche reformirt wurde, fanden die Reformatoren Marientage und Marienfeiern genug und über genug vor. Es mußte − auch zu Ehren der Mutter Gottes, die ja fast zum Götzen oder wirklich und ganz und gar zum Götzen gemacht wurde, − ausgefegt werden. Die Kirche, der wir angehören, behielt deswegen nur solche Marientage bei, welche zugleich Feste JEsu waren. Unter diesen beibehaltenen Tagen aber gab es keinen, der herrlicher gehalten worden wäre, als der heutige, der Tag der Verkündigung Marien. Man behielt die Marientage bei, welche zugleich Feste JEsu waren, nicht daß man Marien’s Andenken hätte ungefeiert laßen wollen, wenn man anderes von Maria gewußt hätte, als was Beziehung auf JEsum hat. Warum sollte denn die Kirche, die doch den Magdalenentag so gerne feierte und dem Täufer sogar zwei Gedächtnistage, einen darunter von großer Feier, widmete, nicht der frommen Magd, der heiligen Mutter, auch um ihrer selbst willen gedacht haben? Doch nicht etwa, um dem Misbrauch der Römischen entgegenzutreten, da man ja weiß, daß Misbrauch den Gebrauch nicht aufhebt und daß durch rechten Gebrauch der Misbrauch mächtiger gestraft wird, als durch Nichtgebrauch! Aber man weiß ja außer dem, was die Schrift enthält, von Maria nichts Sicheres − nichts von ihrer Geburt, nichts von ihrer Heimfahrt. Alles, was wir sicher wißen, ist aus der Schrift genommen − und das steht auch alles in der innigsten Verbindung mit JEsu Selbst und mit Seiner Geschichte. Darum feiern wir so manchen schönen Marientag nach der Schrift − keinen ohne Schrift − am liebsten aber den heutigen, den Verkündigungstag, der zugleich Empfängnistag Christi ist und als solcher nicht mit Unrecht die „Wurzel der Zeiten“ genannt wurde, denn alle unsre seligen Zeiten und Ewigkeiten wurzeln in ihm.

 Heute also feiern wir genau genommen das Fest| der Menschwerdung Christi, an Weihnachten aber das Fest der Offenbarung, Erscheinung und Einführung des Menschgewordenen in die Welt; was man an Weihnachten von der Menschwerdung zu singen und zu sagen pflegt, gehört in der That auch für diesen Tag. Es ist leicht zu ergründen, wann in der Textgeschichte die Mutter und der Engel mehr hervortreten, als Er Selbst, der HErr. Es ist ja Sein Empfängnistag, ein Tag, der Gewisses weiß, Tiefes bedenkt, aber schweigsam und stille ist, bis der Weihnachtstag Lied und Zunge mächtig löst und das Wunder Gottes in weite Kreiße bringt. So stille aber der Empfängnistag gewesen, so eingehüllt er war in seliges Geheimnis: jetzt ist es doch anders. Man predigt zwar, indem man den Text auslegt, viel von Marien und Gabriel, aber sie selbst predigen und reden von Ihm − und wenn wir ihr Reden und Ergehen darlegen, ist es doch auch nur ein stillverdecktes, heiliges, verblümtes Reden allein von Ihm, dem Sohne Mariens. Es ist ja weit mehr daran gelegen, wer empfangen wird, als wer die Mutter wird und wer die Empfängnis verkündigt. Was ist Maria und Gabriel, ihr Reden, Thun und Ergehen ohne Ihn? Nicht allein matter wird ihr Schimmer, sondern in eitel Nacht zergeht er, wenn Er fehlt. Wie groß ist Maria − um Seinetwillen, wie herrlich Gabriel, wenn er Ihn verkündigt! Aber Maria − nicht Mutter Gottes − Gabriel nicht Bote JEsu? Denn sind sie’s nicht, die wir lieben, ehren und besingen, − dann ist alles anders. Es kommt alles auf JEsum an, und Marien Verkündigungstag hat seine ganze Glorie darin, daß er JEsu Empfängnistag ist.

 Richte, Hörer, richte deine Sinnen in Einfalt auf den Text und laß mich dir in wenigen ernsten, kurzen, starken Worten, halb schweigend, halb redend, leise und laut zugleich, denn es gilt ein göttliches Geheimnis, das alle Engel gelüstet zu schauen und das keiner ergründen kann, − laß mich dir leise, stille, die Augen zum Himmel gerichtet sagen und wiederholen, was wir heute feiern.

 Heute ist ER von einer Jungfrau in unverletzter Keuschheit empfangen, daß Er ein Jungfrausohn würde. − Keinen menschlichen Vater hat Er, auf daß nicht Adams Sünde auf Ihn fortgepflanzt würde; denn Er soll Adams Sünde büßen. − Der heilige Geist kommt über die Mutter, ER weiß aus ihr das Sündliche zu scheiden, und nimmt, ungeirrt von ihrer eigenen befleckten Empfängnis, zum Tempel Gottes nicht der Sünde Zuthat, sondern die reine Creatur des HErrn, Heiliges von der geheiligten Mutter. ER, der Schöpfer, weiß bei der Schöpfung des zweiten Adams das, was Er geschaffen, von dem sündigen Beiwesen zu scheiden. − Ein Heiliges wird empfangen, ein völlig reines Menschenkind von der Mutter, die selbst sündig empfangen ist. Wunderbarer Geist Gottes! − Die Kraft des Höchsten überschattet die vom Geiste Gottes geheiligte Mutter und vollzieht im Augenblicke, da Christi Menschheit geworden, die ewige Vereinigung mit der Gottheit und der Gottheit mit ihr. Was empfangen wird, ist Gott und Mensch, Gottes Sohn, des Höchsten Sohn. − Der HErr ist in Seinem Tempel. Bei Ihm ist kein Ding unmöglich. Tiefes Geheimnis ruht über allem, aber warte, bald werden die Himmel blühen und die Herrlichkeit Gottes erscheinen und die Engel singen, was Gott gethan. − Gott ist Mensch geworden, − und dein König ist empfangen, Israël! Dein Gott ist König. Und Gott, Sein Gott, wird Ihm geben das Reich Seines Vaters David und Seinen Thron in Ewigkeit. Ein König großer Hoffnung ist empfangen − und nun auch längst geboren.

Heiliger, Heiliger, Heiliger HErr Gott Sabaoth!
Voll sind Himmel und Erdreich Deiner Ehren!
Hosianna dem Sohne Davids!
Gelobet sei Marien Sohn, der da kommt im Namen des HErrn!
Selig macht Er uns in der Höhe!
 Halleluja! Amen.




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