Evangelien-Postille (Wilhelm Löhe)/Trinitatis 13

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
« Trinitatis 12 Wilhelm Löhe
Evangelien-Postille (Wilhelm Löhe)
Register der Sommer-Postille
Trinitatis 14 »
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Für eine seitenweise Ansicht und den Vergleich mit den zugrundegelegten Scans, klicke bitte auf die entsprechende Seitenzahl (in eckigen Klammern).
|

Am dreizehnten Sonntage nach Trinitatis.

Evang. Luc. 10, 23–37.
23. Und Er wandte Sich zu Seinen Jüngern und sprach insonderheit: Selig sind die Augen, die da sehen, das ihr sehet. 24. Denn Ich sage euch: viele Propheten und Könige wollten sehen, das ihr sehet, und haben es nicht gesehen; und hören, das ihr höret, und haben es nicht gehöret. 25. Und siehe, da stand ein Schriftgelehrter auf, versuchte Ihn und sprach: Meister, was muß ich thun, daß ich das ewige Leben ererbe? 26. Er aber sprach zu ihm: Wie stehet im Gesetz geschrieben? wie liesest du? 27. Er antwortete und sprach: Du sollst Gott, deinen HErrn, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüth; und deinen Nächsten als dich selbst. 28. Er aber sprach zu ihm: Du hast recht geantwortet; thue das, so wirst du leben. 29. Er aber wollte sich selbst rechtfertigen und sprach| zu JEsu: wer ist denn mein Nächster? 30. Da antwortete JEsus und sprach: Es war ein Mensch, der gieng von Jerusalem hinab gen Jericho und fiel unter die Mörder; die zogen ihn aus und schlugen ihn und giengen davon und ließen ihn halb todt liegen. 31. Es begab sich aber ohngefähr, daß ein Priester dieselbige Straße hinab zog; und da er ihn sahe, gieng er vorüber. 32. Desselbigen gleichen auch ein Levit, da er kam bei die Stätte und sahe ihn, gieng er vorüber. 33. Ein Samariter aber reisete und kam dahin; und da er ihn sahe, jammerte ihn sein, 34. Gieng zu ihm, verband ihm seine Wunden und goß drein Oel und Wein; und hob ihn auf sein Thier und führete ihn in die Herberge und pflegte sein. 35. Des andern Tages reisete Er und zog heraus zween Groschen und gab sie dem Wirth und sprach zu ihm: Pflege sein; und so du was mehr wirst darthun, will ich dirs bezahlen, wenn ich wiederkomme. 36. Welcher dünkt dich, der unter diesen dreien der Nächste sei gewesen dem, der unter die Mörder gefallen war? 37. Er sprach: Der die Barmherzigkeit an ihm that. Da sprach JEsus zu ihm: So gehe hin und thue desgleichen.

 DAs heutige Evangelium stellt uns einen zweifachen Weg zur Seligkeit vor, den Weg der Werke und den Weg des Glaubens. Der letztere ist mit wenigen Worten geschildert, der erstere hingegen genauer vorgelegt. Wie unser Text, so die Predigt. Wir wollen den Weg der Werke weitläufiger besprechen und kürzer von dem Wege des Glaubens reden.

 Der HErr wendet sich am Eingang des Evangeliums an Seine Jünger und preist die Seligkeit, welche ihnen durch das gläubige Schauen Seiner allerheiligsten Person und Werk, sowie durch das gläubige Hören Seiner Worte zu Theil werden könne. Könige und Propheten wollten schauen und hören, was die Apostel hörten, ihre sehnsüchtigen, glaubensbegierigen Herzen wären davon satt geworden; aber ihnen wurde die Sättigung nicht zu Theil, welche die Apostel ohne ihr Verdienst durch göttliche Gnade fanden. − So sprach der HErr zu Seinen Jüngern und belehrte sie damit von dem Wege zum ewigen Leben, von welchem wir am Schluße weiter reden wollen. Da trat ein Schriftgelehrter auf, versuchte Ihn und sprach: „Meister, was muß ich thun, daß ich das ewige Leben ererbe?“ Er hatte entweder von der Seligkeit derer, welche JEsum schauen und hören, nichts vernommen, oder er faßte es nicht so scharf und streng mit Ausschluß der Werke auf; er saß in dem Gedanken fest, daß man durch Werke selig werden müße, und konnte sich gar nicht denken, daß der wunderbare JEsus einen ganz andern Weg, als den der Werke sollte vorschlagen können. Höchstens eine neue Art der Werke, aber doch Werke vermuthete er von dem HErrn gepriesen zu hören. Er mußte deswegen nicht wenig überrascht sein, als er aus der Antwort und dem Gespräche des HErrn durchaus keinen neuen Weg der Werke vernahm, durchaus keine Neuigkeit, sondern den innigsten Anschluß an die bestehende Lehre. „Wie steht im Gesetz geschrieben? sprach der HErr, wie liesest du?“ Was wollte der HErr mit diesen Worten anders sagen, als: „Ich bin nicht gekommen, das Gesetz aufzulösen; wenn es aufs Thun ankommt, so bin ich ganz mit dem alten Testamente einverstanden.“ Der Schriftgelehrte beantwortete die Frage ganz bedächtig mit einer trefflichen Zusammenfaßung des Inhalts der beiden Gesetzestafeln (5. Mos. 6, 5. 20, 12. 3. Mos. 19, 18). „Du sollst Gott, deinen HErrn, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüth, und deinen Nächsten als dich selbst“ sprach er, − und der HErr bekräftigte mit neutestamentlichem Ansehen des Schriftgelehrten alttestamentliche Weisheit. „Du hast recht geredet, spricht ER, − thue das, so wirst du leben.“

 In dieser Antwort beobachtete der HErr dieselbe Art und Weise, welche ER auch sonst in ähnlichen Fällen beobachtete. So oft ein Mensch kam, der redlich oder doch mit einem gewissen Grade von Redlichkeit seine Meinung merken ließ, als könne man auf gesetzlichem Wege selig werden, − wurde er von dem HErrn nicht weggestoßen, im Gegentheil, der HErr gieng mit ihm auf seine Meinung ein und offenbarte ihm die Wunder und Herrlichkeit des Gesetzes also, daß dem armen Menschen wohl die Erkenntnis kommen mußte, der Weg des Gesetzes sei zur Seligkeit für ihn ein unmöglicher. So that Er bei dem reichen Jüngling, so bei dem Schriftgelehrten unsers Textes. Seine Methode ist die Methode der Vollkommenheit. Alle, welche durchs Gesetz zum Leben geleitet werden wollen, können durchaus keine andere Meinung, als die haben, daß sie durch Erfüllung| desselben das Leben erlangen wollen. Durchs Gesetz selig werden und durch Erfüllung des Gesetzes selig werden wollen ist Eins. Diese Meinung aber, dieser Wahn beruht auf einem Mangel an Erkenntnis sowohl der Höhe des Gesetzes, als der Tiefe des eigenen Verderbens, wie wir das auszusprechen so oft schon Gelegenheit und Aufforderung hatten. Was kann man also solchen Leuten Beßeres thun, als ihnen zeigen, wie weit entfernt ihr Ziel und wie ohnmächtig sie selbst sind, es zu erreichen? Und wie wird man ihnen das beßer und erfolgreicher zeigen können, als durch Ermunterung zu Versuchen? So lang ein Mensch zu Versuchen Lust behält, gibt er zwar immer zu erkennen, daß ihm der Versuch noch nicht gelungen ist; aber anderer Seits beweist er auch, daß ihm durch alle Versuche noch nicht die Ueberzeugung beigebracht werden konnte, daß es mit Thun und Wirken nicht zu erlangen sei, das Leben der ewigen Seligkeit. Ein Mensch werde nur fürs erste recht ernst und redlich in der Arbeit des Gesetzes, so wird er bald erkennen, daß die Ermunterung: „Thue das“ und die Verheißung: „So wirst du leben“ durch eine unausfüllbare und unübersteigliche Kluft menschlicher Schwäche und Ohnmacht geschieden sind. Könnte einer thun, was unser Evangelium gebietet, so würde er freilich das Leben haben. Aber wir sind durch die Erbsünde gebunden und regiert und müßen deshalb in einem besondern Sinne von uns das Wort gelten laßen: „Wenn wir alles gethan haben, so sind wir unnütze Knechte.“

 Manchen Menschen klingen die zehn Gebote so gering − und erscheinen ihnen als ein so gar kleines Register von Gott befohlener, guter Werke, daß sie, weit entfernt, sie als unerreichbar für menschliche Kräfte zu erkennen, dieselben immer noch zu überbieten streben. Denen geht es, wie manchmal einem Wanderer, dem in der Ferne ein Bergesgipfel gar nicht sonderlich hoch erscheint, dem er aber, je näher er ihm kommt, desto beschwerlicher zu erklimmen wird. Ein Berg ist Gottes Werk − und das Gesetz ist Gottes Wort. Man kann schon daraus schließen, daß beide nichts Kleines, sondern etwas Gottes Würdiges, Erhabenes, Herrliches sein werden; man kann es schließen, ehe mans erfahren hat. Wer die gegentheilige Meinung hegt, kann nicht gut schließen und hat wenig Erfahrung. Solchen Menschen gegenüber steht JEsus Christus. Er weiß freilich, was am Gesetz ist. Darum weist er alle, die am Gesetze Helden geworden sein wollen, immer wieder auf dasselbe hin. Er kennt nichts Höheres, als die Vollkommenheit der zehen Gebote. Drüber hinaus liegt ihm keine Vollkommenheit mehr. Denkst du anders? Suchst du vielleicht jenseits die betrogene, selbst erwählte Tugend, die sichs selber mit eigenen Werken möglichst schwer macht, weil ihre Füße nicht auf Gottes steilem Pfade gehen? Gib dir nur keine Mühe, eitler Thor, die zehen Gebote werden an dir und deiner Kraft nicht zu Schanden werden. Versuch dich nur! Die alttestamentliche Vollkommenheit ist eine wahre Vollkommenheit, drum wird sie vom Neuen Testamente bestätigt. Sie erfordert große Kraft und ist schwer zu erreichen; darum machts nicht wie die Kinder, die lieber wider der Eltern Befehl auf Mauern steigen, als nach ihrem Willen auf ebenem Boden gehen. Diese Kinder unternehmen auch das scheinbar Schwerere, weil sie das scheinbar Leichtere, im Grunde aber schwerere nicht können: gehorchen. Gehorsam, mein Freund, ist der beste Gottesdienst und beßer als Opfer, und zwar der Gehorsam, den du von Kind auf im ersten Hauptstück gelernt und bis in deine grauen Jahre noch nicht dargebracht hast.

 Der Schriftgelehrte freilich scheint der Meinung gewesen zu sein, die auch der reiche Jüngling hatte, − als hätte er nämlich das alles gethan. Denn er wollte sich rechtfertigen, das heißt, er wollte sich als einen Gerechten darstellen, welcher die ihm bekannten göttlichen Gebote wirklich vollbracht und aus diesem Grunde die Frage gestellt hätte: „Was muß ich nun ferner thun, auf daß ich selig werde?“ Darum fragte er auch ganz in diesem Sinne weiter: „Wer ist denn mein Nächster?“ als hätte er sagen wollen: „Meister, das erste von den zweien Geboten habe ich erfüllt, und das zweite könnte mir bloß dann noch etwas zu thun übrig gelaßen haben, wenn ich nicht verstünde, wen ich für meinen Nächsten zu halten habe. Darum sage mir: wer ist mein Nächster?“

 Und wahrlich, die Frage war sammt der rechten Antwort auf sie, zwar nicht, um ihn zu rechtfertigen, aber desto mehr, um ihn zum Bewußtsein seiner großen Mangelhaftigkeit zu bringen, vollkommen geeignet. Denn allerdings wurde die Selbsttäuschung, Gottes Gebot erfüllt zu haben, zum Theil durch seine| eigene falsche Antwort auf die Frage: „wer ist mein Nächster?“ begründet. Die Juden pflegten nemlich blos ihre Mitjuden, also ihre Stammesgenoßen für ihre Nächsten zu halten, und denen thaten sie deshalb ungleich mehr zu Lieb und Nutz, als andern. Wer nicht ihr Stammesgenoße war, an dem giengen sie, und wenn sie ihn mit blutenden Wunden fanden, oftmals kalt vorüber. Kann sein, geliebte Brüder, daß unter uns mancher die beschränkte Ansicht vom Nächsten nicht hat, wie die Juden; aber prüft euch, ob eure Ansicht nicht noch enger und beschränkter ist. Die Juden hielten doch alle Juden für Nächste, die man wie sich selbst zu lieben schuldig sei; demnach hättet ihr alle Leute unsers Stammes und Volkes für eure Nächsten zu halten und wie euch selbst zu lieben. Thut ihr das? Zu wie vielen Stammes- und Volksgenoßen habt ihr vielleicht schon gesprochen: „Was gehst du mich an?“ d. i. „Bist du etwa mein Nächster?“ Wie vielen mögt ihr damit die Liebe aufgekündigt haben, die ihr ihnen nach jüdischen, geschweige nach christlichen Begriffen schuldig waret! Denn das werden wir gleich aus unserm Text ersehen, was der christliche Begriff des Nächsten ist.

 Der HErr gibt seine Belehrung im Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Kurz zusammengefaßt ist der Inhalt dieser: Ein Jude gieng von Jerusalem den gefährlichen Weg hinab nach Jericho. Räuber ziehen ihn aus, schlagen ihn, laßen ihn halbtodt liegen. Ein Priester und ein Levite ziehen dieselbe Straße, sehen ihn liegen, eilen erschreckt vorüber. Ein Samariter kommt hernach, leistet ihm die augenblickliche nöthige Hilfe, setzt ihn auf sein Thier und führt ihn behutsam zur Herberge, wo er bis zur völligen Genesung auf Samariters Unkosten gepflegt wird. − Der HErr erzählt die Geschichte und beschließt sie mit der an den Schriftgelehrten gethanen Frage: „Welcher dünket dich, der unter diesen dreien der Nächste sei gewesen dem, der unter die Mörder gefallen ist?“ Der Schriftgelehrte hätte ganz einfach und kurz antworten können: „Der Samariter“. Aber dazu war er zu stolz. Er mag wohl die Gesinnung JEsus Sirachs gehabt haben, welcher 50, 27. 28. sagt: „Zweierlei Volk bin ich von Herzen feind; dem dritten aber bin ich so gram, als sonst keinem: den Samaritern, den Philistern und dem tollen Pöbel zu Sichem.“ Denn er nimmt nicht einmal den Namen des verhaßten Samariters in den Mund, sondern spricht nur: „Der die Barmherzigkeit (an dem unter die Mörder Gefallenen) that.“ Der HErr aber schonte die Scheu des Pharisäers und Schriftgelehrten, welche bei ihm nicht am rechten Orte war, so wenig, daß Er im Gegentheil den Samariter ihm zum Beispiele aufstellte, und sprach: „So geh hin und thu desgleichen.“

 Wenn wir nun aus dieser Geschichte die Lehre ziehen und die Frage des Schriftgelehrten: „Wer ist mein Nächster?“ ganz einfach, wenn auch mit Anwendung auf den Schriftgelehrten beantworten wollen, wie lautet die Antwort? Sie lautet also. Dein Nächster ist der, dem du der Nächste bist. Dein Nächster ist der, welcher dein bedarf, welcher ohne dich nicht aus seiner Noth gerißen wird. Ja mehr noch, dein Nächster ist, deß Noth dir kund wird; jeder Leidende, welcher dir offenbar wird, ist dein Nächster. Wenn der Samariter hätte denken wollen, wie die Juden, daß nur die Stammesgenoßen die nächsten seien, so wäre er vorübergegangen und hätte damit nach pharisäischer Sittenlehre ganz recht gethan, denn Pharisäer handelten ja eben so. Der Samariter aber hatte Liebe im Herzen statt pharisäischer Grundsätze, darum übte er ganz einfach Nächstenliebe und zeigte durch sein Beispiel, daß die Nächstenliebe nicht nach der Abstammung fragt, sondern nach der Noth. Unter allerlei Volk, wer dich brauchen kann, wem du nützen kannst, der ist dein Nächster, − und je mehr er dich braucht, je mehr du ihm nützen kannst, desto mehr ist er dein Nächster und du seiner. Der Samariter wußte, daß der unter die Mörder Gefallene ein Jude, also sein Feind war; aber er half dennoch, er bewies also, daß Haß, seis auch Religionshaß, auf die Bestimmung der Frage: „Wer ist mein Nächster?“ keinen Einfluß habe. Freund oder Feind, Jude oder Samariter − unter allerlei Religion, ohne Unterschied, ob du Gleiches zu hoffen habest oder nicht: der ist dein Nächster, der dich braucht, dem du nützen kannst. Das zeigt des Samariters Beispiel. Dagegen das Beispiel des Priesters und Leviten zeigt, daß der Grundsatz, nur Stammes- und Religionsgenoßen seien Nächste, nicht wahr und überdies ein solches Gewächs ist, welches am Ende auch den Stammes- und Volks- und Religionsgenoßen keine Frucht bringt. Wer die Nächstenliebe so eng begränzt, der hat am Ende gar keine wahre Nächstenliebe,| er liebt den Nächsten nicht, wie sich selbst, er zieht seinen Nutzen, sein Wohlsein, sein Leben dem des Nächsten vor.

 Wenn nun der Schriftgelehrte diese sich unläugbar und unwiderstehlich empfehlende Wahrheit aufnahm, so mußte er freilich einen höheren Begriff von der Nächstenliebe bekommen und einen desto geringeren von dem Maße der Nächstenliebe in seiner eignen Brust. Der Wahn, die Gebote erfüllt zu haben, mußte ihm zusammenstürzen. Seine eingebildete, dünkelhafte Gerechtigkeit mußte ihm sehr lückenhaft und löcherig erscheinen, − und überwiesen mußte er sein, daß er das zweite seiner schön angeführten Hauptgebote nicht verstanden, geschweige erfüllt habe. Wie wahrscheinlich mußte es ihm nun werden, daß er auch mit dem ersten Gebote, welches ein Jude schon deshalb gehalten zu haben glaubte, weil er geschnitzte Bilder nicht anbetete, daß er auch mit diesem es zu leicht genommen habe! Hatte er das leichtere Gebot nicht verstanden, wie viel eher konnte ein Gleiches bei dem schwereren Statt finden. Es gibt einen tieferen Sinn der Gebote, welcher wie wahrer Sonnenglanz von gemaltem, so von pharisäischer Auffaßung sich unterscheidet. Nach diesem tieferen Sinn versteht JEsus das „Thue das, so wirst du leben.“ Nach diesem tieferen Sinne wird ER alle Menschen einst richten − und welcher Mensch wäre so thöricht, zu hoffen, daß er nach einer solchen Auslegung vor Ihm gerecht bestehen werde?

 Jedoch, meine Brüder, wir wollen einmal nur bei der Nächstenliebe bleiben und wollen sie enger, als je ein Mensch im Ernste sie begränzte, auffaßen. Wir wollen nicht sagen: Nächste sind, die uns brauchen, − nein, wir wollen sagen: Nächste sind, die leiblicher Weise keine andern Verwandten haben, als uns, − ja, wir wollen es noch enger faßen: Nächste sind die leiblichen Brüder und Schwestern. Ich frage euch, wenn die allein Nächste wären, wenn die Nächstenliebe gar kein anderes Ziel hätte, als sie, hättet ihr dann Nächstenliebe geübt? Oder, noch weniger zu verlangen, so will ich nicht sagen und fragen: habt ihr gegen eure leiblichen Brüder und Schwestern Nächstenliebe geübt; sondern ich will fragen: seid ihr jetzt fähig, sie an ihnen zu üben, wie der Samariter sie am Juden übte? Ich setze den Fall, es wäre bei uns ein Wald, in dem Räuber hauseten, ihr kämet eilend des Wegs und fändet euern leiblichen Bruder, eure leibliche Schwester halbtodt liegen. Würdet ihr stehen bleiben, würdet ihr vom Pferde steigen, verbinden, aufs Pferd heben? Würdet ihr nicht für euer Leben mehr als für das des Bruders fürchten, würdet ihr nicht zu schwach sein, euch seinetwegen auf dem gefährlichen Wege aufzuhalten? Und wenn nun erst daheim Weib und Kind auf euch warteten, euertwegen in Sorgen wären, wenn ihr vielleicht mit dem Bruder nicht einig gelebt hättet, wenn er euch etwa, wie der Jude den Samariter, für einen Gott- und Heillosen erkannt und ausgegeben hätte? Wie dann? − Von Pflege im Hause, von unentgeldlichem, uneigennützigem Auswarten nichts zu sagen: was würdet ihr nur im Walde thun? − Die Hand aufs Herz! Vielleicht nicht dem Bruder, geschweige einem jeden, den ihr fändet, geschweige dem Juden − würdet ihr Liebe erweisen! − Ach, es klingt so schön: „Geh hin und thu desgleichen,“ − und es ist so schwer. Die Liebe ist klein, die Gebote üben auf uns keine Kraft, sie laßen uns kalt und todt, sie zeigen bei einer jeden Vergleichung nur unsre Schande, unsre Blöße, unsern Schmutz, unsre Sünde, unsre Schuld, unsre große Schuld. − Da ist nichts für uns, − auf dem Wege der Werke! Wir haben da nichts, als ein je länger, je schlimmer werdendes Gewißen zu erwarten! Wir werden nur immer angstvoller werden − und endlich wird der Richterspruch des ewigen, gerechten Richters uns tödten. − Drum kehren wir so gerne zum Anfang des Evangeliums, zu der Seligkeit zurück, von welcher der HErr spricht: „Selig sind die Augen, die da sehen, was ihr sehet. Denn ich sage euch: viele Propheten und Könige wollten sehen, was ihr sehet, und habens nicht gesehen, und hören, das ihr höret, und habens nicht gehört.“ − Der HErr sagt nicht: „Selig sind die Augen, die da sehen, was meine Zeitgenoßen unter dem jüdischen Volke sehen“; sondern Er sagt: „Selig sind die Augen, die da sehen, was ihr, Meine Jünger, sehet.“ Der Schriftgelehrte, der Ihn mit Augen sah, Caiphas, Pilatus, Herodes, die Ihn alle mit leiblichen Augen sahen, werden nicht mit selig gepriesen. Sie sahen zwar auch Ihn, aber sie glaubten nicht von Ihm, was die Jünger glaubten, sie sahen Ihn bloß natürlich an, nicht sahen sie in Ihm den, der ER war. − So hörten Ihn auch viele außer Seinen Jüngern, aber doch gilt es nur| von Jüngern: „Selig sind die Ohren, die hören, was ihr höret.“ Denn andere hörten es kritisch, zweifelnd, nicht als Gottes Wort an, ohne Glauben, ohne Hingabe an Ihn. Von denen gilt natürlich keine Seligpreisung; von denen steht geschrieben: „Sie haben Augen und sehen nicht.“ Die Propheten und Könige, ja, die hätten Ihn gesehen und gehört, wie Jünger: sie dürsteten längst nach Ihm, ER wäre ihrer Seelen Labung und Speise geworden, wenn sie Sein hätten inne werden können. Sie werden deshalb auch nicht verworfen, sie stehen am Todesabend JEsu von ihren Gräbern auf, sie schauen Ihn am Ostertage, sie begleiten Ihn an Himmelfahrt in die Heimat, − sie hatten bei des ersten Leibes Leben die Glaubenssehnsucht und das Glaubensverlangen und werden nun erhöht, erfüllt, gestillt am Tage der Erhöhung JEsu, da sie in auferstandenen Leibern Ihn heimgeleiteten zu Seiner Herrlichkeit! Sie sind drum auch selig zu preisen.

 Wie nun die Propheten Ihn nicht sahen, aber sehen wollten, so sehen und hören auch wir Ihn nicht, aber wir wollen Ihn sehen, uns verlangt nach Ihm. Aber wir haben einen Vorzug vor Propheten und Königen. Wir sehen Ihn zwar nicht, aber Seine Jünger und Sein Geist erzählen uns von Ihm, daß wir Ihn im Geiste schauen, wie ER den Jüngern erschien, ja, schöner, als sie Ihn drei Jahre lang sahen. Denn wir sehen Ihn immer vor den Augen unsrer Seele, wie sie Ihn nur am Tage Seiner Vollendung, am Tage der Himmelfahrt sahen. Wir kennen Ihn nicht nach dem Fleisch, wir sehen Ihn so wenig mit Fleischesaugen, als die Jünger nach Seiner Auffahrt; aber mit Glaubensaugen sehen wir Ihn, sehen Seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit, als des Eingeborenen vom Vater. Simeon sah ein Licht der Heiden und einen Preis des Volkes Israel − und hatte doch nur ein armes Windelkind auf seinen Händen. Wir sehen nur Buchstaben und Worte, die Ihn bedeuten, in der Schrift, − aber Er ist uns dennoch hell und klar, ein Licht der Heiden, ein Preis Seines Volkes Israel. − Wir hören Ihn nicht. Wir hören nicht den süßen, holdseligen Ton des Menschensohnes. Aber der wars auch nicht, welcher selig machte. Die Worte, die ER sprach, waren ihrem Inhalte nach Worte des ewigen Lebens, Geist und Leben. Und das sind sie auch jetzt noch. Es nehme sie in den Mund, wer sie wolle, − wer sie ungefälscht ausspricht, spricht Seine ewigen, durch Menschen unverderbbaren Worte, kräftige, allmächtige Worte, die sich an allen Herzen beurkunden, welche wie Propheten und Könige, wie Jünger und Jüngerinnen sie hören, vertrauend, hungrig, durstig nach dem lebendigen Gotte und Seinem Heile. Wir vernehmen Seine Worte also − und wer sie also hört, der spricht: „Viele Propheten und Könige wollten hören, was wir hören und habens nicht gehört. Selig sind die Ohren, die da hören, was wir hören, − selig die Augen, die da sehen, was wir sehen!“

 Warum selig, warum? Wer wie ein Jünger hört, der hört aus JEsu Munde nur Erbarmung, nur Gnade für reumüthige Sünder, nur holdselige Worte, voll Liebe Gottes zum verlorenen, menschlichen Geschlechte. Wer wie ein Jünger hört, der hört aber nicht allein den süßen, beifallswürdigen Inhalt, sondern er hört also, daß ers glauben kann, daß eine feste Zuversicht von der Gnade Gottes, eine heimatliche, kindliche Freude an Ihm und zu Ihm entsteht. Wer Seine Worte wie ein Jünger hört, der wird durchs Wort von Gottes Geist in seinem Geist versiegelt, daß er Gottes Kind sei − umsonst, durch Vergebung, durch pure Gnade! − Wer wie ein Jünger sieht, der sieht in JEsu nur die Ursache seiner Seligkeit, sein Opferlamm, das angenommen, seinen Priester, der unaufhörlich und erhörlich für ihn betet, seinen König, der mit mitleidiger Allwißenheit alle Dinge zu seinem Besten lenkt, − der sieht in Ihm einen Fels des Heils, einen Brunnen des Lebens, aus dem er Gnade um Gnade schöpft. Einem solchen wirds der Feinde wegen nicht mehr bang, er ist in Christo versöhnt. Der Tod verliert die Schreckenskraft, denn das Leben, das Er erworben, kommt durch den Gebrauch des Wortes immer näher und wirkt immer mehr Freudigkeit zum letzten Kampf. Ein solcher geht still und hoffend auf der schmalen Bahn dem ewigen Heile zu.


 Wie schön ist dieser Weg! Zwar ist er unmöglich für menschliche Kraft, aber der HErr leitet uns zu ihm und bewahrt uns auf ihm. Er befreit, die ihm nicht widerstreben, durch die Kraft des Wortes von eigener, falscher, trügerischer Werkgerechtigkeit| und führt uns in Erkenntnis unserer Sünde, in der Demuth, der erstgeborenen Tugend des erlösten Sünders, zu der Genüge, die man in Christo hat. HErr, leite uns also! HErr, bewahre uns auf Deinem Wege! HErr, stärke uns den Glauben um JEsu willen! Amen.




« Trinitatis 12 Wilhelm Löhe
Evangelien-Postille (Wilhelm Löhe)
Trinitatis 14 »
Für eine seitenweise Ansicht und den Vergleich mit den zugrundegelegten Scans, klicke bitte auf die entsprechende Seitenzahl (in eckigen Klammern).