Fahrende Schüler

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Textdaten
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Autor: Friedrich Helbig
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Titel: Fahrende Schüler
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 39, S. 644–647
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1879
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Fahrende Schüler.
Etwas aus der Flegelzeit des deutschen Schülerwesens.


In der Geschichte des deutschen Volkscharakters begegnen wir immer zwei mächtigen Trieben von total gegensätzlicher Wirkung. Der eine ist der Trieb corporativer Geschlossenheit, der ein seßhaftes Beharren voraussetzt; der andere treibt wieder hinweg von der gemeinsamen Scholle und lockt mächtig hinaus zum freien Wandern. So hat sich im Gegensatz zu der stillen Clause des Mönchs, der wallumschienten Burg des Ritters und dem mauergehüteten Stadtbann die deutsche Landstraße schon frühzeitig mit allerlei seltsamen Gesellen, fahrendem Volke, bevölkert. Ritterliche Abenteurer und gemeine Stegreifritter, fahrende Fräuleins, Sänger und Lautenschläger, Tabuletkrämer und Hausirer, Gaukler und Künstler, Bettler mit allerhand wirklichen oder fingirten Gebresten ziehen da in buntem Wechsel vorüber. Wie der seßhafte Bürger seine Markthalle und Zunftstube, der Ritter seine Burg, der Bauer seinen umfriedeten Hof, so nehmen sie die Landstraße als ihr Privileg in Anspruch. Zu ihnen gesellt sich mit dem Aufblühen des Zunftlebens der wandernde Handwerksbursch, und am Ende des eigentlichen Mittelalters und mit dem Eintritt der Reformation die seltsame Species des „fahrenden Schülers“.

Die Gelehrsamkeit hatte den Bann der Klöster durchbrochen und sich, wenn auch noch vielfach im Sold und Schutze der Kirche, auf ihre eigenen Füße gestellt. Auf dem bewegten Forum des städtischen Lebens hatte sie ihre Sitze aufgeschlagen; Universitäten, Stadt- und Rathsschulen waren ihre Pflegstätten geworden; freie und unabhängige Gelehrte schlugen ihre Lehrzelte auf und riefen gleich den werbenden Feldherren alle Wissensdurstigen zu ihren Fahnen. Und wie bei keinem anderen Volke der Drang nach gelehrter Bildung ein so tief in die untersten Schichten hinabgehender ist, wie bei dem deutschen, so war die Masse derer, welche nach jenen Stätten der Weisheit hinstrebten, besonders damals eine große, wo die Weisheit eine ganz neue Welt vor den staunenden Blicken aufschloß, wo die vergrabenen Schätze des classischen Alterthums auf einmal in goldenem Zauber zu Tage traten. Wie aber sollte der arme kaum neun- oder zehnjährige Junge, den der Wissenstrieb aus seinem weltabgelegenen Dorfe nach der oft viele Meilen fernen Stadt führte, welche eine berühmte Schule in sich barg – wie sollte er, der kein anderes Zehrgeld besaß, als vielleicht den Goldgulden, den er dem Mitleid einer wohlhabenderen Pathe verdankte, ungefährdet dahin gelangen und noch mehr: ungefährdet dort verweilen?

Die Zeit schuf dafür Rath. Sie übertrug den Geist des Zünftigen von dem Handwerk auf die Schule. So begegnen wir hier der zünftlerischen Dreitheilung von Meister (Schul- oder Kindermeister), Gesell und Lehrling. Und wie der wandernde Handwerksgesell, so zogen auch die Schulgesellen wandernd von Schule zu Schule. Man nannte sie deshalb „Bacchanten“ (von bacchari: schwärmen; doch ist der Ursprung des Wortes nicht ganz sicher; vielleicht ist „Bachanten“ zu schreiben). Ihnen nun schlossen sich die Lehrschüler, die jungen Anfänger als „Schützen“ an, ein Name, der noch in unsern „ABC-Schützen“ fortlebt. Der ältere Bacchant, welcher sich bereits mehrere Jahre an den Brüsten der Weisheit genährt hatte, machte es sich zur Aufgabe, die ihm folgenden Schüler an die Stätten der Gelahrtheit zu führen, ihnen sein eigenes Wissen einzuprägen, sie zu schützen

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Die Gartenlaube (1879) b 645.jpg

Fahrende Schüler im Lager.
Nach einem Gemälde von H. Heim.

[646] und zu erziehen. Dafür aber fiel den Schülern die Pflicht zu, für den Unterhalt ihres Bacchanten zu sorgen und ihm allezeit willig zu dienen.

Aber gerade in diesem Punkte lag das Verhängniß des ganzen Verhältnisses, welches dasselbe seiner Entartung unabwendbar entgegentrieb. Der Mutter- oder Pathenpfennig des kleinen Schützen, den er gewissenhaft dem Bacchanten übergab, war nur zu bald verzehrt, der Bacchant aber verlangte gebieterisch seinen Zoll. Da blieb dem Schüler kaum etwas Weiteres übrig, als, wie es in der Zunftsprache hieß, „zu heischen“ und das Erbettelte oder sonst Gewonnene dem Bacchanten zu „präsentiren“. Mit der Zeit wurde nun für die Bacchanten, welche einen Stolz drein setzten, recht viele Schützen zu haben, das Unterrichten Nebensache und das Sichnährenlassen Hauptsache. Sie führten ein wahres Lotterleben, nahmen von der Beute des Tages immer den Löwenantheil, wo nicht das Ganze, und ließen die armen Schützen hungern und darben oder warfen ihnen von dem verzehrten Brode höchstens die verschimmelte Rinde hin. Wenn die Schützen ihnen nichts brachten, so erhielten sie Schläge, und wenn sie gar merkten, daß ein schlauer Schüler heimlich die erbettelten Bissen selber verzehrte, schlichen sie ihm nach und hießen ihn „sich den Mund mit Wasser ausspülen und dasselbe in eine Schüssel ausspucken, um darin die Spuren des Genossenen zu entdecken“.

So lebten die Schützen in beständiger Furcht und litten lieber so argen Hunger, daß sie wohl gar den Hunden die Knochen abjagten oder die Brosamen auflasen, welche in der Schule in die Ritzen der Dielen gefallen waren. Das Heischen selbst war ein geduldetes Privileg, ähnlich dem Heischen des Geschenks bei den Handwerksgesellen. Die Schützen zogen frank und frei mit ihren gestrickten Netzen auf dem Rücken, wohinein sie das Erbettelte steckten, in den Straßen umher. Um den Anschein einer Gegengabe zu gewinnen, sang ein Theil von ihnen vor den Thüren geistliche und weltliche Lieder ab.

Zu der ursprünglichen Harmlosigkeit trat freilich bald ein bedenkliches Raffinement. So lesen wir in Pauli’s „Schimpf und Ernst“, wie ein solcher Schüler die Dummheit und den Aberglauben einer mit einem Augenleiden behafteten Frau sich zu Nutze macht, indem er ihr gegen einen Goldgulden ein Brieflein aufschwatzt, bei dessen Tragen ihr kein Auge mehr weh thäte. Oft trägt die Sache auch einen Beigeschmack von Humor. So schildert uns die Selbstbiographie des weiland Schulrectors Thomas Platter in Basel, die derselbe hochbetagt im Jahre 1573 niederschrieb und welche zugleich die vornehmste Quelle für das geschilderte Treiben bildet, wie ein junger Schüler beim Weggange aus dem väterlichen Hause ein Stück Tuch mit bekommt, um sich daraus ein Röcklein machen zu lassen, und nun der fürsorgliche Bacchant dieses Tuch an sich nimmt und dazu benutzt, in jeder Stadt, die er mit seinen Schützen passirt, für dasselbe Haus für Haus das Macherlohn heischen zu lassen. Zuerst geschieht es in Ulm. Nach Ablauf eines Jahres kommen sie auf ihrer Rundreise wieder dahin zurück. Noch immer führen sie das Tuch bei sich, ohne daß dasselbe seine Wandlung zum Rocke inzwischen angetreten hätte. Nun macht es von Neuem um des Macherlohns willen die Runde in der Stadt, bis zuletzt doch ein etwas gedächtnißstarker Bürgersmann zu dem heischenden Schützen meint:

„Potz Marder, ist der Rock noch immer nicht gemacht? Ich glaube, Du gehst mit Bubenwerk um.“

„Zogen dann,“ erzählt der Biograph, „weiter; ich weiß aber nicht, wo das Tuch hingekommen und ob der Rock gemacht worden ist oder nicht.“

Wenn in den Städten die geheischte Nahrung oft eine so reichliche war, daß die Schüler sich, wie Platter einmal in Breslau erlebte, sogar überaßen, so war sie auf der Wanderschaft um so dürftiger, denn der Bauer war zähe im Geben und jagte die jugendlichen Bettler wohl gar mit Hunden vom Hofe. Dann sah sich die wandernde Schaar lange Zeit beschränkt auf den Genuß roher Zwiebeln, die nur mit etwas Salz bestreut wurden, auf gebratene Eicheln, Holzäpfel, Birnen und die Rüben, welche das Feld trug. Doch vervollkommnete sich der einfache Speisezettel oft noch durch einen ganz besonderen Leckerbissen: das war eine von der Heerde wegstibitzte Gans. Dieses Gänsestehlen war so allgemein im Brauche unter Bacchanten und Schützen, daß man von dem „Schießen“ oder Werfen der Gänse den Namen Schütze herleiten zu müssen glaubt. Denn die Bacchanten nahmen an dem Raube nur als die Verzehrenden Theil; sie sandten die Schützen zum Raube aus, von denen der eine nach der Gans warf, die anderen sie an sich nahmen und forttrugen.

In Meißen und Schlesien, so ging die Rede unter den Schülern, sei es erlaubter Brauch, Gänse und Enten und andere solche Speise zu nehmen, und geschähe dem, der glücklich entronnen und nicht auf frischer That ertappt sei, nichts. Den Bauern im Lande schien jedoch diese Sitte nicht zu Sinne zu sein, denn als Platter in einem Dorfe bei Meißen denselben Brauch in Ausübung bringen will und eine Gans im Haufen mit einem Steine todt wirft, sie dann aufnimmt und unter den Rock steckt, der freilich so kurz ist, daß Kopf und Füße des geflügelten Opfers darunter hervorsehen, kommt der Gänsehirt und schreit im Dorfe aus: „Der Bub’ hat mir eine Gans geraubt.“ Da kommen die Bauern mit Hellebarden aus den Häusern und verfolgen die flüchtigen Schützen, sodaß diese in der Angst die Gans wieder fahren lassen. Inzwischen saßen die Bacchanten gemüthlich im Wirtshause.

Gewöhnlich schlug die Schaar ihr Lager im Freien vor dem Orte auf, und die Schützen gingen allein hinein zum Requiriren und Fouragiren. So vergegenwärtigt auch das diesem Artikel beigefügte Bild von H. Heim ein solches Lager von fahrenden Schülern im grünenden Hag. Besonders drastisch ist darin der Gegensatz ausgeprägt zwischen dem süßen Nichtsthun der spielenden Herren Bacchanten und dem geschäftigen Treiben ihrer gnomenhaften Diener, deren Fehdezug in’s Reich der gefiederten Gelbschnäbel diesmal von günstigem Erfolge begleitet ist und darum mit einem bacchantischen Halleluja begrüßt wird. Nur der eine der Schützen, den seine noch gut erhaltene Schülerkleidung als einen erst vor Kurzem zur Schaar gekommenen Neuling kennzeichnet, vermag seine Furcht vor einem lauernden Hirten oder Dorfbüttel nicht zu bemeistern.

Eine Stelle in Platter’s genannter Selbstbiographie liefert zu der ganzen Scene einen so treffenden Commentar, daß wir es uns nicht versagen können, sie in Uebertragung hier anzufügen.

„Von da,“ erzählt der weiland fahrende Schüler, „zogen wir unser acht wieder hinweg auf Dresden zu. Da wir indessen unterwegs großen Hunger litten, beschlossen wir, uns einen Tag zu theilen. Etliche sollten nach Gänsen gehn, Etliche nach Rüben und Zwiebeln, Einer nach einem Hafen (Topfe), wir kleineren aber in die Stadt zum Neumarkt, der nicht weit von der Straße lag, und sollten da nach Brod und Salz auslugen. Auf den Abend wollten wir vor der Stadt wieder zusammenkommen, außer derselben das Lager aufschlagen und kochen, was wir dazu hätten. Da war ein Büchsenschuß von der Stadt ein Brunnen; dort wollten wir die Nacht bleiben, aber wie man in der Stadt das Feuer sah, schoß man zu uns heraus, traf uns jedoch nicht. Da wichen wir hinter einen Rain zu einem Wässerlein und Wäldlein. Die großen Gesellen hieben Stangen ab und machten eine Hütte. Ein Theil rupfte die Gänse, deren wir zwei hatten; Andere rösteten die Rüben in dem Hafen und thaten den Kopf, die Füße und die Gedärme hinein. Wieder Andere machten hölzerne Spieße und fingen an zu braten. Und als das Fleisch ein wenig roth war, hieben wir’s am Spieße ab und aßen’s, ebenso auch die Rüben. In der Nacht hörten wir etwas schnältern. Da war neben uns ein Weiher, den man am Tage abgelassen, und sprangen die Fische herum auf dem Moore. Da nahmen wir von den Fischen, so viel wir in einem Hemde an einem Stecken zu tragen vermochten, und zogen davon bis in ein Dorf. Dort gaben wir einem Bauern etliche Fische, daß er uns die andern in Bier kochte.“

Auch die Kleidung der kleinen Schützen war in den meisten Fällen eine so dürftige, wie sie unser Bild wiedergiebt. Als z. B. der junge Platter von Hause fortging, hatte er keine Hosen und nur sehr „böse“ Schuhe. Dies benutzt sein Bacchant Paulus Summerwetter, ihn, wenn er nicht laufen will, mit einer Gerte an die bloßen Beine zu schlagen. Und später noch klagt er, daß ihm die Schuhe gänzlich fehlten und ebenso ein Barett, ferner daß sein Wams zu kurz und ohne Falten sei.

Auch sonst macht sich die Uebermacht der Bacchanten über ihre jüngeren Pflegebefohlenen allenthalben geltend. Wenn die Schaar in ein Wirthshaus kommt, eine Wohlthat, die ihr nur nach einer guten Ernte zu Theil wird, so nehmen die Bacchanten die Betten im Voraus in Beschlag und ihre kleinen Zuträger müssen [647] in den Roßställen schlafen. Oft wird ihnen das Quartier in den Städten ganz verweigert; dann suchen sie ein Unterkommen in den Schragen (Fruchthallen), wo ihnen die Kornsäcke zum Nachtlager dienen. Auch da, wo große Schulgebäude mit besondern Unterschlupfen für die fremden Schüler waren, wie es z. B. im Stift zu Sanct Elisabeth in Breslau deren allein etliche hundert gab, nahmen die Bacchanten sofort von denselben Besitz und die Schützen mußten sich mit einem gemeinsamen Lager am Herd begnügen. War es Sommer, dann richteten sie sich auf den Kirchhöfen ein Nachtlager her, indem sie das Heu zusammentrugen, das man in den Herrengassen des Sonntags vor die Häuser zu breiten pflegte, und es dann in einer Ecke der Kirchhofsmauer aufschichteten. Fällt in der Nacht Regen, so laufen sie rasch in die nahgelegene Schule. Breslau scheint von den fahrenden Schülern wegen seiner guten Schuleinrichtungen ganz besonders heimgesucht worden zu sein; es bestand dort sogar ein eignes Schulspital mit einem Arzte. Oft waren dort etliche Tausende bei einander, die sich alle von Almosen nährten, so daß zuletzt, wie unser Gewährsmann berichtet, die Nahrung ausging. Die Stadt war in sieben Pfarrbezirke getheilt, deren jeder seine Schule hatte, und „durfte kein Schüler in eines Andern Pfarre gehen und dort heischen und singen“, sonst wurde er mit Worten und Schlägen hinausgewiesen. Auch anderswo litt man nicht, daß die fremden Schüler besondere Landsmannschaften gründeten und auf eigne Faust sangen und heischten. So erging in Naumburg an Platter und seine schweizerischen Landsleute, welche dort schon mehrere Wochen lagen, das Gebot, sich der städtischen Schule anzuschließen, und als sie dem nicht nachkamen, zog der Schulmeister mit seiner ganzen Schule wider sie aus, und da sie sich in einem Hause verschanzt hatten, begann man sie mit Steinen zu bombardiren, bis sie Abzug nahmen.

Den Schützen kam aufs ihren besonders zur Winterszeit recht harten Gängen vielfach das lebendige Mitleid entgegen. Barmherzige Frauen führten sie in die Häuser, wärmten den vor Frost Zitternden die Füße und kochten ihnen ein warmes Süpplein oder ein Habermus. Einer solchen Pflegerin begegnete bekanntlich auch der junge Martin Luther in der Frau von Cotta, als er in Eisenach vor den Thüren sang. Auch Doctor Faust holte seinen späteren Famulus Christoph Wagner von der Straße herauf, wo er, übel gekleidet und fast erfroren, das Responsorium sang. Andere traten zeitweise ganz in die Dienste von Handwerkern. So trat Thomas Platter eine Zeitlang bei einem Seifensieder ein und half da freilich dem Meister mehr seifensiedern und die Asche von den Dörfern holen, als er in die Schule ging. Trotzdem hörte er nicht auf, in der Stadt zu heischen und seinem Bacchanten mancherlei Beute zu präsentiren, denn dieser läßt die Schützen so leicht nicht aus dem Garne. Sie bilden so die Pfründe, welche ihn ernährt. Selbst wenn der Schütze dem harten Zwange durch die Flucht sich entzieht, verfolgt er seine Spur von Stadt zu Stadt und tritt ihm eines Tags mit drohendem Bakel (Stock) wieder entgegen. Und dabei zog das arme Schülerlein oft nicht die geringste geistige Ernte aus dem ganzen Verhältnisse. „Fünf Jahre,“ klagt Platter, „zog ich schon mit meinem Bacchanten herum, und er hatte mir noch nicht einmal lesen gelernt.“

Vergebens hätte man auch bei den meiste Bacchanten nach dem Besitze eines gedruckten Buches geforscht. Nur in den Händen des seßhaften Schulmeisters, der sich übrigens oftmals selbst nicht scheute, von der Tagesbeute des heischenden Schülers zu genießen, fanden sich bereits einzelne Exemplare der freilich damals noch seltenen und kostspieligen Ausgaben lateinischer Autoren. Die Bacchanten schrieben das aus den Büchern Vorgetragene zu oft umfangreichen Heften in den Lehrsälen nach.

Und was, fragen wir billig, war das Ende dieses fahrenden Treibens? Stand an dem Wegziele wirklich der Lehrstuhl eines würdigen Meisters von der Schule in seinen drei Rangstufen des Baccalaureus, Cantors und Rectors? Mußte dieser Weg nicht nothwendig im Sumpf und Moraste enden? Vielfach war dies letztere in der That so. Nur eine gesunde, starke und in sich gefestete Natur konnte den Einflüssen eines solchen physischen und moralischen Elends ohne Gefahr für ihr besseres Selbst auf die Dauer widerstehn. Aber es fehlte in jener bedeutenden Zeit, welche durch die Namen eines Reuchlin, Erasmus, Melanchthon, Hutten un|d Luther getragen wird, keineswegs an solchen energischen Charakteren. So finden wir auch unsern Thomas Platter schließlich als wohlbestallten Rector der Lateinschule zu Basel. Aus dem armen Schüler, der einst zerlumpt und barfuß auf die Schulwanderung zog, war jetzt ein wohlangesehner und begüterter Mann geworden, der seinen Sohn Felix wohlvorbereitet auf die berühmte Arztschule in Montpellier schicken konnte, ohne ihn den Unbilden schülerischen Wanderlebens aussetzen zu müssen. Freilich war der Weg, der unsern Gewährsmann bis zu diesem Ziele gebracht, immer noch reich an Mühen, Rauhheiten und Abenteuern von oft seltsamer Art.

So treffen wir ihn am Schlusse seiner Schülerfahrten in der Werkstatt eines Seilers, wo er die losen Druckbogen des Plautus, den ihm ein zugeneigter Druckherr verehrt hat, beim Spinnen des Hanfes auf die Gabeln gesteckt hat und im Hinter- und Vorsichgehn fleißig studirt. In den Nächten lernt er Hebräisch und giebt am Feierabend einer Anzahl Studenten in seinem „Seilerschürzlein“ Unterricht in der hebräischen Grammatik. Dann ist er eine Zeitlang in einem Schweizerdorfe ehrsamer Seilermeister und würdiger Ortsschulmeister zugleich, bis ihn sein alter Wandertrieb von da wieder fort nach Basel führt, wo er, wie viele seines Gleichen, Corrector in einer Druckerei und dann erst Schulrector wird.

Viele von dem großen Haufen der fahrenden Schüler, die einst nach der Palme des Gelehrtenruhms getrachtet, gründen ihre Heimstätte zeitlebens auf dem goldenen Boden des Handwerks, der ihnen meist weit reichere Früchte trägt, als der dürre Boden des Lehramts. So verstand mancher schlichte Handwerksmeister des sechszehnten Jahrhunderts nicht nur seinen Donatus, sondern war auch wohlbewandert im Terenz und den Reden des Cicero.

Somit entkeimte der üblen Frucht des schülerischen Nomadenthums der Segen einer allgemeinen Verbreiterung der neuen humanistischen Bildung. Inzwischen wurde die Schule mehr und mehr seßhaft, der alte Wandertrieb verschwand aber nur, um auf andern Gebieten und in andern Formen desto mächtiger wieder hervorzubrechen.
Fr. Helbig.