Friedrich Christoph Schlosser

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Textdaten
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Autor: unbekannt
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Titel: Friedrich Christoph Schlosser
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aus: Die Gartenlaube, Heft 47, S. 741–743
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1860
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Friedrich Christoph Schlosser.

Mit freudigem Stolze nennt Deutschland, das sich im Reiche des Wissens so mancher Großgeister rühmen kann, den Altmeister deutscher Geschichtschreibung, Schlosser, als den ersten seiner Historiker, „so weit die deutsche Zunge klingt“, und wohl kann die kühne, aber vollkommen begründete Behauptung aufgestellt werden, daß die reiche deutsche Literatur erst in Schlosser einen Geschichtschreiber gefunden hat, den sie den größten, ruhmgekröntesten aller Völker und Zeiten zur Seite zu stellen vermag, ja, der sie in den meisten Punkten noch überträfe, wäre seine Darstellung, vor allem die Sprache an so manchen Stellen nicht etwas zu locker und ungefeilt. Für diese kleinen Nachtheile entschädigt er aber seine Leser auf das Reichste durch sein tiefes Quellenstudium, vor allem aber durch den Geist der Wahrheit und des strengen sittlichen Ernstes, der alle seine Schriften durchweht.

Der große Haufe unserer Historiker machte und macht die Geschichte nur zu oft zur bereitwilligen Dienstmagd der irdischen Größen, und der Glanz, welcher die Kronen umstrahlt, blendet dergestalt ihre Augen, daß sie in ihrer Blödigkeit das Recht nicht vom Unrecht zu unterscheiden vermögen. „Die Wahrheit setzt sich nur auf den Sarg der Könige!“ Darum wird sie nur zu dienstbeflissen bei den Lebenden verhüllt und das Schlechte bemäntelt, wo es sich in den Kreisen zeigt, auf welche das Volk aus seiner Tiefe hinaufblickt. Ganz anders bei Schlosser: die tiefste Entrüstung gegen alles Schlechte und Gemeine, der männlichste Freimuth, die unerschütterlichste Ueberzeugungstreue, die unbestechlichste Gradheit, das muthigste Herz, das rücksichtslos die Tyrannei beim rechten Namen zu nennen und offen für Wahrheit, Freiheit und Recht in die Schranken zu treten wagt – das sind die großen Vorzüge, die uns aus allen Werken Schlossers entgegenleuchten. Von der reinsten Liebe zur Menschheit erfüllt, ein echter Hoherpriester der Humanität, begeistert sich Schlosser für alle Fortschritte im Leben der Völker, und wie weiß auch die Zeit sein Haar gebleicht hat, das Herz ist ihm bis heute jung geblieben. Das deutsche Volk aber drückt dem trefflichen Greise, in ihm sich selbst ehrend, den schönsten seiner Kränze in das langwallende schneeige Gelock und küßt dankbar die hohe Greisenstirne, hinter welcher die erhabensten Gedanken thronen!

Ueber sein Leben hat Schlosser selbst in den bei Brockhaus erschienenen „Zeitgenossen. Biographien und Charakteristiken. (Neue Reihe. Fünfter Band. Heft XX.)“ eine treffliche Selbstbiographie veröffentlicht, die jedoch nur bis in den Anfang der zwanziger Jahre reicht und mit seiner Reise nach Paris endigt. Am 17. November 1776 in Jever, einem nicht volle zwei Stunden von der Nordsee an der äußersten Nordspitze des Oldenburgischen gelegenen Städtchen, geboren, war Friedrich Christoph Schlosser das jüngste von zwölf Kindern und der zehnte Sohn. [742] „Meine Mutter“ – so erzählt er selbst – „war aus einer sehr alten und reichen Familie unseres Landes, eine ungemein kräftige Frau, ohne andere Bildung als die, welche sie sich später selbst verschaffte, ohne Fertigkeit das Deutsche zu sprechen oder ihren Ausdruck im Plattdeutschen zu wählen. Dies hinderte sie indeß nicht, juristische Consultationen den Plattdeutschen plattdeutsch zu geben, dabei alle juristischen Kunstausdrücke richtig anzuwenden; woraus ich schließe, daß ihre natürlichen Fähigkeiten sehr ausgezeichnet müssen gewesen sein. Dasselbe zeigte ihr ganzes Benehmen und die Art, wie sie in den bedrängten Umständen ihren Stolz behauptete. Unglücklicherweise hatte ihr Vater sie nach alter Weise mit Prügel und nur mit Prügel erzogen; sie wandte diese rüstringische Manier auch auf alle ihre Kinder an und verdarb sie alle ohne Ausnahme durch die unvernünftige Strenge. Auch auf meinen Charakter wirkte dies sehr nachtheilig ein, erst spät konnte ich durch viele Mühe und Aufmerksamkeit auf mich selbst die Folgen dieser Art von Erziehung weniger schädlich machen, vertilgen werde ich sie nie. Mein Vater hatte einen sehr ausgezeichneten Verstand, ungemeine Kenntnisse, war im Lateinischen und Französischen Meister und der Gelegenheitsdichter seiner Zeit. Ihn hatte aber, wie tausend Andere, das verwünschte Treiben deutscher Universitäten verdorben, wo man Handwerksburschen zwar Knoten schilt, aber doch ihr Saufen, ihr Brüllen, ihr Gebot zur Lade, ihr Altgesellenwesen, ihre Versammlungen in den Schenken, ihre blauen Montage nachahmt und an die Stelle ihrer Prügeleien ein elendes Duellwesen setzt. Er hatte sich duellirt, er hatte sich das Trinken angewöhnt, er setzte dies zu Hause fort, wo er die lieben Genossen von Marburg, Jena und Göttingen, wo er studirt hatte, wiederfand. Als ein gewandter, witziger, feiner Mann gewann er die Gunst meiner Mutter und heirathete sie wider den Willen des alten geizigen Großvaters, dessen Geld ihm und seiner jungen Frau eine geraume Zeit hindurch ein lustiges Leben verschaffte. Von dieser Zeit erhielt ich keine Kunde mehr; als ich zur Welt kam, war Alles traurig und für mich noch trübere Aussichten. Mein Vater war Advocat; er hatte aber zu seinem Geschäft keine Lust, er beschäftigte sich mit schönen Wissenschaften, und im Mißmuthe hatte er sich ganz dem Trunke hingegeben. Die kräftige Mutter hatte aus dem Schiffbruche ihres ansehnlichen Vermögens zwei Gütchen gerettet, die sie mit Löwenmuth gegen ihn vertheidigte; daher dann und über das Trinken ewiger Zank und Zwist.“

In seinem sechsten Lebensjahre ward ihm dieser Vater durch den Tod entrissen und seine weitere Erziehung einer auf dem Lande lebenden Verwandten übertragen. Schon hier entwickelte sich sein Drang zum Bücherlesen, der durch den Schulmeister des Orts möglichst genährt wurde und sich später, als er das Gymnasium seiner Vaterstadt besuchte, in gesteigertem Maße fortsetzte. Zumeist zogen ihn Reisebeschreibungen, ethnographische, geographische und Erziehungs-Schriften jener pädagogischen Zeit gewaltig an, und in seinem funfzehnten Jahre konnte er sich rühmen, mehr als 3000 Bücher dieser Art durchlaufen zu haben. Bald überzeugte er sich jedoch von der Nutzlosigkeit dieses Verfahrens und legte sich nun mit um so größerem Eifer auf das Studium der Geschichte, Mathematik und Physik, wie auf alte und neue Sprachen. Im Jahre 1794 bezog er die Universität Göttingen, um dort Theologie zu studiren; Kästner, Spittler, Plenck, Eichhorn, Heeren und Meiners – Alles gefeierte Namen jener Zeit – waren seine Lehrer, denen er bis in spätere Tage eine dankbare Achtung bewahrt hat. Nach beendigten Studien führte er ein ziemlich wechselvolles Leben; nachdem er eine kurze Zeit als Candidat im Waldeckschen fungirt hatte, kehrte er 1796 wieder nach seiner Vaterstadt zurück, trat aber bald darauf als Hauslehrer in das Haus des Grafen von Bentinck-Rhoone ein, der damals die Grafschaft Varel unter oldenburgischer Hoheit, die Herrschaft Knyphausen aber als unabhängiger Herr, ohne alle Verbindung mit dem deutschen Reiche besaß und seit 1795 als Gefangener in Holland lebte, jedoch bald nach Schlossers Eintritt in sein Haus zurückkehrte. An einem leichtfertigen Höfchen unterrichtete er zwei Jahre hindurch zwei junge Grafen und eine Comtesse von dreizehn Jahren. „Leichten Ton“ – so erzählt er – „Verdorbenheit, falsche Empfindsamkeit, prahlerische Wohlthätigkeit, scheinbare Feinheit, wahre Rohheit, oberflächliche Bildung, Verachtung aller Gründlichkeit und Gelehrsamkeit als Pedanterie, die Züge des elenden Geschlechts, von dem ich als der nouvelle cour angehörig im Gegentheil der ancienne cour dort so viel reden hörte, lernte ich hier im 21. Jahre an der Quelle kennen.“

Nachdem Schlosser zu Varel sich besonders mit Philosophie, namentlich mit dem Studium des Plato und Kant, beschäftigt hatte, gab er 1798 diese Stelle wieder auf und verrichtete einige Zeit die Geschäfte eines Hülfspredigers auf dem Lande. Ohne Aussicht, ein Pfarramt zu erhalten, beschloß er jetzt nach Rußland zu gehen, mußte jedoch dieses Unternehmen bald aufgeben, da um diese Zeit Kaiser Paul das Reisen nach Rußland unmöglich oder doch ungemein schwierig gemacht hatte und der in Altona residirende russische Minister ihm die Ausfertigung eines Passes verweigerte. Er nahm daher die Stelle als Lehrer bei den Kindern eines Kaufmanns an, der in Hamburg fallirt und sich nach dem Dörfchen Othmarschen bei Altona zurückgezogen hatte. Hier lebte Schlosser vom October 1798 bis zum Mai 1800, wo er nach Frankfurt am Main ging, und beschäftigte sich zunächst mit dem Studium der neueren Philosophie und der griechischen Classiker. In Frankfurt widmete er sich ganz der Erziehung und dem Unterricht und gerieth dabei in eine „Studirwuth“, eine Art Krankheit, in welche er auch seine Zöglinge mit hinein zog. „Wir lasen“ – so berichtet er – „den größten Theil der classischen Autoren, trieben Mathematik, Physik, Chemie, besonders mehrere Jahre lang Botanik. – Ich selbst las alle berühmten neuern Historiker von Hume und Rapin an bis auf Heinrich, Schmidt, Voltaire und Johannes von Müller.“ Schon hier begann er an einem „Leitfaden der Geschichte nach den Quellen“ zu arbeiten. Wir bemerken nur flüchtig, daß er im Jahre 1808 einen Ruf als Conrector an der Schule zu Jever annahm, dieses Amt jedoch im Interesse seines Studiums schon im folgenden Jahre wieder aufgab und sich nach Frankfurt zurück wendete, woselbst er einige Lehrstunden am Gymnasium übernahm und dabei den Unterricht der jüngsten Kinder desselben Mannes leitete, in dessen Familie er 1800 als Lehrer eingetreten war.

Bereits im Jahre 1807 begann Schlosser als Schriftsteller aufzutreten. Sein erstes Werk, das er veröffentlichte, führte den Titel: „Abälard und Dulcin“ und war, wie das 1809 erschienene „Leben Beza’s und des Peter Martyr Vermili“, eine Frucht seiner kirchenhistorischen Studien. Im Jahre 1812 folgte seine „Geschichte der bilderstürmenden Kaiser des oströmischen Reichs“, deren Herausgabe ihn mit dem Fürsten Primas Karl von Dalberg, Herrn von Frankfurt, der selbst ein Gelehrter war, in Verbindung brachte und ihm die Berufung als Professor an dem neuerrichteten Lyceum zu Frankfurt verschaffte. Allein schon nach zwei Jahren ging in Folge der über Deutschland brausenden politischen Wirren das junge Lyceum wieder ein; Schlossers Tüchtigkeit war aber allseitigt anerkannt worden, und so übertrug ihm der Rath von Frankfurt mit Einwilligung der Bürgerschaft die Stelle eines Stadtbibliothekars, welche eigentlich nach dem Gesetz nur ein Frankfurter Doctor der Rechte erhalten sollte. Aber schon im Jahre 1817 folgte er einem Rufe als Professor der Geschichte an der Universität zu Heidelberg, welches Amt er bis heute noch bekleidet.

Vorübergehend erwähnen wir noch, daß Schlosser im Jahre 1822 eine wissenschaftliche Reise nach Paris unternahm, um die dort vorhandenen Quellen zu seiner Geschichte des achtzehnten Jahrhunderts, welche später auch in’s Französische übertragen wurde, zu vergleichen. Zwei Jahre später erhielt er den Titel Geheimer Hofrath, den nachher der Titel Geheimer Rath ersetzte, während ihm sein Landesfürst die Brust mit dem Commandeurkreuz des Ordens vorn Zähringer Löwen schmückte.

Während der langen Reihe von Jahren, innerhalb welcher Schlosser mit ungebeugter Kraft und Lebensfrische Tausende und Abertausende von Jünglingen in die Hallen der Geschichte einführte und für alles Große und Herrliche im Menschen- und Völkerleben zu begeistern strebte, war er nicht minder thätig, durch viele der trefflichsten Geschichtswerke unsere deutsche Literatur zu bereichern und seine tiefen Weltanschauungen durch die Presse zum Gemeingut des Volkes zu machen. Wir nennen zuerst seine „Weltgeschichte in zusammenhängender Erzählung“, deren erste Auflage von 1819 bis 1824 zu Frankfurt in 3 Bänden erschien, während die zweite Auflage vier Theile in 9 Bänden (1839–1841) enthält. Diesem trefflichen Werke folgte (1826–34) die „Universalhistorische Uebersicht der Geschichte der alten Welt und ihrer Cultur“, in welcher er nach Heinrich Kurz’ Worten „ganz besonders [743] mit ausgezeichnetem Scharfsinn und klarem Geiste den Einfluß der rein geistigen Bestrebungen auf die Entwickelung nicht blos der sittlichen, sondern auch der bürgerlichen und politischen Zustände nachweist.“ Wir gedenken ferner seiner so außerordentlich berühmt gewordenen „Geschichte des achtzehnten Jahrhunderts“, deren erste Auflage 1823 in 2 Bänden erschien, während wir jetzt eine vollständig umgearbeitete und reich vermehrte vierte Auflage davon besitzen, welche zugleich die Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts bis zum Sturze des französischen Kaiserreichs enthält; dann die Schrift: „Zur Beurtheilung Napoleons und seiner neuesten Tadler und Lobredner, besonders in Beziehung auf die Zeit von 1810 bis 1813“, welche er in drei Abtheilungen von 1832–35 veröffentlichte.

Schlossers Hauptwerk ist jedoch unstreitig seine „Weltgeschichte für das deutsche Volk“, an welcher sich besonders bis zum achten Bande der bekannte Frankfurter Geograph Dr. G. L. Kriegk, namentlich was die Schreibart betrifft, betheiligt hat. Das war eine deutsche That, wie sie uns nicht leicht ein anderes Volk nachthun wird. Mit ihr hat der hochwürdige Greis, wie Humboldt mit seinem Kosmos, sein Leben zum glorreichsten Abschluß gebracht. In diesem Werke besitzt das deutsche Volk, nach dem wahren Urtheile eines deutschen Publicisten, einen unerschöpflichen Bildungs- und Belehrungsschatz, aus dem es sich, wie aus wenigen anderen Büchern, die politisch und sittlich gesundeste, thatenwirkende Nahrung für seine nationale und geschichtliche Entwickelung ziehen kann. Und wenn wir dereinst wieder den Rang erobert haben, der uns unter den großen geschichtemachenden Nationen zukommt, dann werden wir mit Dank und Liebe uns erinnern, was wir unserm großen Lehrer in der Geschichte zu verdanken haben. – Aus der hochherrlichen Trias Alexander von Humboldt, Ernst Moritz Arndt und Friedrich Christoph Schlosser hat der Tod die beiden Ersten abberufen; auch die Lebenstage des Letztgenannten sind gezählt, wie reich sie immer an wohlverdientem Ruhm und Ehren waren; aber so lange von einem deutschen Volke und von deutscher Sprache geredet werden wird in den fernsten Jahrhunderten, werden die Namen dieser deutschen Geistesfürsten neben den leuchtenden Sternen der deutschen Dichtkunst genannt werden von Volk zu Volk, und das Urtheil der Weltgeschichte, das Urtheil des Weltgerichts, lautet schon jetzt:

„Sie leben unsterblich fort bis an das Ende der Zeiten!“

Damit sich der Leser selbst ein Urtheil über Schlosser’s Anschauung der Geschichte und seine Schreibweise bilden könne, werden wir später einen kurzen Abschnitt aus seiner Geschichte des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts mittheilen.