Giftjagd

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Textdaten
Autor: Walther Kabel
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Titel: Giftjagd
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aus: Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens, Jahrgang 1914, Fünfter Band, Seite 234–237
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Erscheinungsdatum: 1914
Verlag: Union Deutsche Verlagsgesellschaft
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Erscheinungsort: Stuttgart, Berlin, Leipzig
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[234] Giftjagd. – Unserer Damenwelt, die sich nur zu gern mit kostbarem Pelzwerk schmückt, dürfte kaum bekannt sein, auf welch besondere Art und Weise ein großer Teil der natürlichen Lieferanten des vielbegehrten Rauchwerks erlegt wird, damit die Felle ganz unbeschädigt bleiben und ihren seidigen Glanz in voller Stärke behalten.

„Die Ansicht, daß die meisten Pelztiere in Fallen gefangen werden, ist überaus irrig,“ sagte Doktor Akimoff, der zwei Winter hindurch die sibirischen Jagdreviere bereist hat. „Die von den großen Pelzgeschäften in die nördlichen Einöden entsandten Jäger pflegen nur in der ersten Zeit, sozusagen als Neulinge ihres Handwerks, sich der Tellereisen und der Kastenfallen zu bedienen. Sehr bald eignen sie sich jene Jagdmethode an, wie ich sie bei den Tungusen, Jakuten und den an der Kältegrenze hausenden Kirgisenstämmen gefunden habe. Diese hat vor allen übrigen Fangarten nach übereinstimmender Ansicht aller Jäger, mit denen ich auf meinen Wanderzügen zusammentraf, den großen Vorteil, daß dabei auch nicht ein einziges Fell verdorben wird. Gerät ein Tier zum Beispiel in ein Tellereisen, so wird es regelmäßig bei seinen verzweifelten Befreiungsversuchen sein Haarkleid an den Kanten des eisernen Fanggerätes mehr oder weniger scheuern, wodurch der Pelz erheblich an Wert verliert. Nicht viel besser verhalt es sich mit den Kastenfallen, die man für die kleinsten Pelzträger, wie Hermelin, Zobel und Nerz benützt. Jedes darin festgehaltene Tier sucht sich mit Krallen und Zähnen durch das Holz einen Ausweg zu bahnen, rast in seiner Todesangst in dem engen Behälter umher und verdirbt hierbei sein kostbares Haarkleid sehr häufig derart, daß der Pelz nur noch als Ware zweiter Güte in den Handel gebracht werden kann.

Alle diese Nachteile vermeidet man bei der sogenannten Giftjagd, die unter den sibirischen Jägervölkern schon seit undenklichen Zeiten üblich ist. Es handelt sich nicht etwa um eine bloße Tötung der Tiere durch ein schnellwirkendes Gift, sondern [235] um eine fraglos erst nach längeren Versuchen ausgeklügelte Methode, die vierbeinigen Pelzträger zu lähmen und zwar durch ein Mittel, das nicht wie die meisten übrigen Gifte den Balg glanzlos macht und späteren Haarausfall herbeiführt. Dieses Mittel besitzen die Eingeborenen Sibiriens in dem süßlichen Safte der Wurzel des sogenannten Buscheppastrauches, der hauptsächlich auf Moorboden wächst, aber nicht allzu häufig ist. Der Saft der Buscheppa trocknet an der Luft zu kleinen, harzigen, völlig geschmacklosen Klümpchen zusammen und wirkt ähnlich wie das bekannte Kurare, das Pfeilgift der südamerikanischen Indianer, das heißt, er lähmt, sobald er auch nur in ganz geringen Mengen in die Blutbahn gerät, die Bewegungsnerven, ohne jedoch sofort zu töten.

Hat man es nun auf die kleinsten Pelztiere abgesehen, so werden kleine Fleischstückchen durch an beiden Seiten angespitzte, unsichtbare Eisenstacheln zusammengeheftet. In die Mitte dieses Köders steckt man geringe Mengen des Giftes. Die so zurechtgemachten Brocken läßt man dann, um den Geruch der menschlichen Hände, durch den das Raubzeug leicht abgeschreckt wird, zu vertreiben, einige Zeit in Tierblut liegen, worauf die Fleischstückchen mit Stäbchen herausgefischt und in einen gleichfalls mit Blut ausgeschmierten Lederbeutel getan werden. Sodann wartet der Jäger einen frostklaren Tag ab, an dem Schneefall nicht zu befürchten ist, und begibt sich mit dem Köderbeutel frühmorgens in sein Revier, wo ihm die Standorte und die Wechsel der Pelztiere genau bekannt sind. Dort werden an den aussichtsreichsten Plätzen oft gegen sechzig solcher Giftbrocken, wieder mit Hilfe von Holzstäbchen, ausgelegt.

Der Erfolg der Jagd hängt nun ganz von der Beständigkeit der Witterung ab. Bleibt der Himmel den Tag und die nächstfolgende Nacht über klar, so steht gute Beute in Aussicht. Schneit es dagegen, dann ist meistenteils die Mühe umsonst gewesen, ja der Jäger wird dann nicht einmal seine Köderstückchen wiederfinden, eine herbe Einbuße, da die Eisenstacheln mit verloren gehen und daher neue hergestellt werden müssen.

[236] In der Nähe des Städtchens Sion am Janaflusse hatte ich einmal Gelegenheit, einen Pelzjäger zu begleiten, als er nach zwei schneefreien Tagen sein Gebiet absuchte. Wir fanden im ganzen sieben kleine Räuber auf, die regungslos dalagen und die mein Begleiter dann durch einen scharfen Schlag auf den Kopf erst vollends tötete. Darunter waren zwei Hermeline, ein seltener Glücksfall, wie mir der Jäger schmunzelnd erklärte.

Bei einigen Tieren habe ich das Maul genauer untersucht, um mir die Verletzungen anzusehen, die die Eisenstacheln beim Hineinbeißen in den Köder verursacht hatten. Es waren zumeist kaum bemerkbare Wunden. Das Buscheppagift muß also, da die Tiere, wie aus den Fährten hervorging, kaum noch dreißig Schritt gelaufen waren, fast augenblicklich gewirkt haben. Allerdings sind die meisten dieser kleinen Räuber, wie mir mein Begleiter zu sagen wußte und ich später auch selbst gesehen habe, so gierig nach den blutigen Fleischstücken, daß sie trotz der Stacheln häufig weiterfressen und diese entweder wieder ausspeien oder mit hinunterwürgen.

In ähnlicher Weise geht man auch dem sibirischen Fuchs, ja sogar, wenn man Pulver und Blei vermeiden will, dem Bären zu Leibe, nur daß man für diese Raubtiere die Stacheln und die Fleischstücke großer wählt. In einzelnen sibirischen Gouvernements ist diese Fangart neuerdings jedoch verboten und unter Strafe gestellt worden, wahrscheinlich deswegen, weil die Regierung eine zu schnelle Ausrottung des wertvollen Raubwildes durch die professionellen Jäger der Pelzexporthäuser befürchtet, eine Besorgnis, die nicht ganz unberechtigt ist, da nachweislich bei der Fallenjagd nicht halb so viel Beute gemacht wird wie bei dem Giftfang.

Überall gestattet ist aber noch heute die grausame Ausrottungsmethode, wie sie von den Bewohnern Sibiriens gegen die Wölfe, besonders in harten Wintern, angewendet wird. Auch hierbei finden mittelgroße Fleischstücke, wie sie ein Wolf bequem hinunterschlingen kann, Verwendung, in denen man an beiden Enden angespitzte, eng zusammengerollte Fischbeinstäbe verbirgt. In der eisigen Kälte gefrieren die Fleischstücke [237] sehr bald und halten die elastischen Fischbeinstäbchen in ihrer Lage fest. Würgt nun ein heißhungriger Wolf einen solchen Köder hinunter, so taut das Fleisch im Magen auf, der Fischbeinstab schnellt auseinander und durchbohrt die Magenwand, so daß das Tier unter furchtbaren Qualen eingeht. Tungusen haben mir versichert, daß Wolfsrudel, die einige Tiere auf diese Weise verloren haben, von panischem Schrecken ergriffen werden und schleunigst in ein anderes Revier überwechseln. Auch dieses ebenso primitive wie unmenschliche Vernichtungsmittel dürfte schon alten Datums sein. Es wird zum Beispiel bereits in einem 1814 in Moskau erschienenen Werke Tatuscheffs erwähnt.“

Auch dem Silberreiher, der seiner Schmuckfedern wegen, aus denen die wertvollen Reiherbüsche zusammengestellt werden, eifrig gejagt wird, geht man in den Ländern um das Kaspische Meer, wo er am häufigsten zu finden ist, mit Gift zu Leibe, da bei der Anwendung der Schußwaffe es nur zu häufig geschieht daß die kostbaren Federn beim Sturze auf die Erde geknickt werden. Man verwendet mit Strychnin vergiftete Fische, die in der Nähe der Reiherhorste ausgelegt werden. Merkt der Vogel die Wirkungen des Giftes, so läßt er sich auf die Erde nieder und geht dort sehr bald ein, ohne daß sein Federschmuck irgendwelchen Schaden erleidet.

W. K.