Kodadad

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Textdaten
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Autor: Johann Andreas Christian Löhr
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Titel: Kodadad
Untertitel:
aus: Das Buch der Maehrchen für Kindheit und Jugend, nebst etzlichen Schnaken und Schnurren, Band 2, S. 372–388
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Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: [1820]
Verlag: Gerhard Fleischer d. Jüng.
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Kinder- und Jugendbibliothek München und Commons
Kurzbeschreibung:
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[372]
29. Kodadad.

Ein König von Babylon war gewaltig mächtig, denn er war ein König und hatte viele Titel, und das ganze große Land, welches nach seinem Bedünken blos für ihn geschaffen war, stand ihm mit allen Menschen und Schätzen zu Gebote. Also wollt er überall seinen Willen haben, eben sowohl als der liebe Gott, oder noch ein Bißchen mehr. Uebrigens war er, bis auf die ungnädigen Launen, ein sehr gnädiger Herr, und seine Unterthanen liebten ihn, und waren unmenschlich patriotisch. Auch war ihnen der Patriotismus zu allem Ueberfluß noch anbefohlen.

Er hatte von seinen Gemahlinnen neun und vierzig Prinzen, die schönsten, scharmantesten und liebenswürdigsten jungen Herrn in [373] der Welt. Er wollte aber nun durchaus funfzig Prinzen haben, damit das halbe Hundert voll sei, und als die zuletzt genommene Gemahlin ihm auf seinen Befehl den funfzigsten nicht brachte, fing er an sie zu verabscheuen, und verstieß sie nicht nur als eine Ungehorsame und Widerspenstige, sondern wollte auch die Erde von solch einem Ungeheuer gesäubert wißen, und der Großvezier hatte alle Beredsamkeit nöthig ihr nur das Leben zu retten, und ihr einen Aufenthalt bei dem König Samer, ihrem Verwandten, zu bewirken.

Sie war aber wirklich guter Hoffnung von ihrem Gemahl und brachte einen Prinzen, zehnmal so schön und liebenswürdig vom ersten Lebenstage an, als seine Brüder allzumal. Als das der König von Babylon erfuhr, war er sehr froh, denn sein Wille war ja geschehen. Er befahl ihn Kodadad zu nennen, und ihn bestens zu erziehen, bis er ihn zu sich fordern würde.

Kodadad lernte Alles, was ein Prinz wißen muß, reiten und fechten, schwimmen und jagen und schießen und so zierlich und hofmanirlich und fürstlich seine Worte und Redensarten setzen, daß er schon im achtzehenten Jahre ganz vollkommen und allgemein bewundert ward. Vor Allem aber zeichnete sich sein edler, angestammter Heldenmuth aus.

Eines Tages trat er vor seine Frau Mutter und redete also: „Gnädigste Frau! mir ist es hier schon lange zu enge. Ich fühle, daß ich aus königlichem Blut stamme und es unrühmlich für mich ist, hier der Ruhe zu pflegen, indeßen der König, mein Herr Vater, von seinen neidischen Nachbarn angefallen wird. Meine Brüder werden den Ruhm seiner Schlachten mit ihm theilen; aber warum würdigt er mich nicht an seiner Seite zu fechten? – Ich will als ein Unbekannter meine Dienste ihm anbieten; er wird sie annehmen, und wenn ich tausend ruhmwürdige Thaten werde gethan [374] haben, dann wird er seiner mich werth finden, und dann erst will ich mich ihm entdecken.

Diese Rede machte auf seine Mutter und auf den König Samer gewaltigen Eindruck und sie ließen ihn ziehen, obwohl die Mutter viel Thränen weinte.

Kodadad ritt ein milchweißes Pferd mit Zügel und Hufeisen von Gold, und blauer Atlasdecke mit Perlen überstreut. Der Griff seines Schwerdts war ein einziger Diamant, und Rubinen besetzten die silberne Scheide. Köcher und Bogen, die er auf den Achseln trug, waren mit Steinen und Perlen besetzt. Nur waren nach seinem ungemeinen Scharfsinn die Schneide des Schwerdts und die Spitze der Pfeile nicht damit besetzt.

In diesem Aufzuge sahe man gleich, was für eine Art Prinz er war, und so konnte es keine Schwierigkeit haben, dem Könige von Babylon vorgestellt zu werden, welcher von seiner schönen Liebenswürdigkeit, von seinem milchweißen Pferde, von seinen prächtigen Waffen und von seinen tapfern Redensarten so bezaubert wurde, daß er ihm eine hohe Anstellung in seiner Armee gab.

In der nächsten Schlacht hatte er sich mit Heldenruhm bedeckt; er war mit seinem Geschwader überall gewesen, wo es mißlich stand; er hatte seine Soldaten zum Muth mit gewaltiger Stimme angefeuert; ja, er hatte kühnlich auf sie eingehauen, wenn sie nicht auf den Feind einhauen wollten; mit einem Worte, Ruhm und Glück des Tages gehörten ihm am meisten an. Aber zu erkennen gab er sich noch nicht, denn sein edles Gemüth hatte sich selbst noch nicht genug gethan.

Er wurde der Liebling des Königs, seines Vaters, der sich nicht mehr von dem lieblichen Angesicht und von den geistvollen Reden dieses Angesichts trennen konnte. So ward er denn auch der [375] Liebling des Hofes, deßen erste Minister ihn täglich besuchten, sich seines Wohlseins zu versichern und ihre Ergebenheit ihm zu bezeugen; so ward er der Liebling des Heeres und des Volks. Der König vertraute ihm sogar die Oberaufsicht über die neun und vierzig Prinzen, seine Brüder, und glaubte ihn dadurch am höchsten zu ehren.

Daß der König ihn so sehr liebte, verdroß schon die Prinzen, aber als er nun gar ihr Hofmeister wurde, fingen sie an höchst erbittert auf ihn zu werden, um so mehr, da er nicht nur eben so jung war als sie, sondern auch aufs Hofmeistern sich recht gut verstand.

Wie sollten sie seiner nun los werden? – Gern hätten sie ihn ermordet, aber das war nicht thulich. „Laßt uns ihn mit List ins Verderben locken,“ sprach der Eine, der von den Hofpagen und Kammerjunkern und Offiziren der Leibwache mancherlei List gelernt hatte. Wir bitten den Oberhofmeister um Erlaubniß zur gefahrlosen Jagd; er gewährt sie, wir aber wenden uns zu einer entfernten und unbekannten Stadt und verweilen dort eine Zeitlang. Der König wird unseres Ausbleibens wegen unruhig; er wird ängstlich; er wird grimmig gegen unsern Herrn Aufseher, und läßt er ihn nicht hinrichten, welches am vernünftigsten wäre, so jagt er ihn doch gewiß zum Popanz, und wir sind ganz unschuldig!“

Die Brüder erstaunten über den Witz dieses Anschlags und priesen denselben, und erbaten sich Erlaubniß zur Jagd, die sie unter dem Versprechen deßelben Tages wieder zu kommen erhielten.

Sie waren drei Tage abwesend, als der König nach ihnen fragte und Kodadad ihm sagte, sie hätten auf Einen Tag Erlaubniß zur Jagd erhalten. Der König wurde zwar unruhig, jedoch meinte er, neun und vierzig wohlbewaffneten starken jungen Leuten könnte eben kein großer Unfall begegnen. Als er jedoch am siebenten Tage [376] die Prinzen noch nicht wiedersahe, wüthete er auf den Oberinstructions und Edukationsmeister ein und sagte: „Du Hund von einem Fremdling, mußt du Königssöhne so ziehen laßen, ohne sie zu begleiten. Mißbrauchst du also meiner Gnade? Schaffe sie in Kurzem herbei, oder dein Verderben soll gewiß sein.“

Kodadad eilte aus der Stadt und suchte die Verlornen allenthalben, zwischen Bergen und in Thälern, in Städten und Dörfern, in Palästen und Hütten und fand sie nicht, und war untröstlich darüber.

Nach einigen Tagen Umherirren kam er in eine große Ebene, in deren Mitte sich ein Palast von schwarzem Marmor erhob. „Dort sind sie vielleicht,“ hoffte er, und eilte dem Palaste zu, der überall mit ehernen Thoren dicht und fest verschloßen war, und in demselben wohnte die traurige Stille des Todes. Aber an einem Fenster erblickte er eine Dame von hoher Schönheit, so schön wie in einem Mährchen, aber mit Haaren, die verwirrt bis über die Mitte des Leibes herabhingen und mit zerrißenen Kleidern. „Flieh, Jüngling, flieh! rief sie ihm zu; flieh eilends. Erblickt dich der scheußliche Negerriese, so ists um dein Leben geschehen. Er säuft Menschenblut und frißt die Armen, die in seine Hand fallen, und hat einen Tigerkopf mit gräßlichen Zähnen.

„Seid unbesorgt, schöne Dame, sagte Kodadad, und sagt dagegen mir nur, wer Ihr seid?“

Wie eilig die Eil auch war, Unheil abzuwenden, konnte sie doch dem hübschen Milchbart die Antwort nicht versagen. Sprechen ist doch gar zu süß, und Sprechen von sich selbst am allersüßesten.

„Ich bin eine vornehme Jungfrau aus Kairo, sprach sie, [377] und wollte nach Bagdad, aber unweit dieses Schloßes traf mich der Schwarze, schlug meine Leute todt, fraß zweie davon auf und führte mich hieher. Und nun verlangt das Ungeheuer, ich soll ihn zum Gemahl erwählen, oder sterben. Was soll ich Aermste thun? – – Aber rette dich doch! Was säumest du hier? Der Neger kommt gleich zurück.“

Der Neger war schon zurück und erschien so eben auf einem großen schwarzen Pferde, und der Prinz entsetzte sich über den Unhold, aber er floh nicht, sondern zog kühn sein Schwerdt.

„Ergib dich, kleiner Sperling, sagte der Neger; ich thue dir nichts, ich will dich blos freßen, und das erkenne als Wohlthat. Sieh! ich habe alle Unterthanen meines Reiches aufgefreßen und sie haben es Alle als Gnade erkannt, weil ich es also verlangte.

„Heran, du witzelnder Bösewicht, rief Kodadad, dein Leben zu vertheidigen. – Sie trafen an einander und der Riese empfing eine tiefe Wunde über das Knie, die so sehr schmerzte, daß er ein lautes Gebrüll erhob, von welchem Wald und Ebene bebten.

Er nahm seinen Säbel, um mit aller Kraft dem Gegner solch einen Hieb zu versetzen, daß ein zweiter nicht nöthig wäre; aber der Prinz, im geschickten Ausbeugen aller Art, vom Hofe her, sehr geübt, beugte aus; der Säbel sauste durch die Luft, und ehe der Riese denselben zum zweitenmale erheben konnte, lag sein Arm mit dem Säbel auf der Erde, und der Neger stürzte so laut nieder, daß Alles umher erbebte, und ehe er sich aufraffen konnte, hatte der mannliche Held Kodadad den Tigerkopf vom Rumpfe abgehauen.

Die Dame, die dem Kampfe ja hatte zusehen müßen, erhob ein Freudengeschrei und rief ihm zu: „Wahrhaftig, Ihr müßt ein Prinz sein, so hoch und gewaltig ist Eure That. Vollendet Eure hochherzige Edelthat; nehmt die Schlüßel des Palastes und der Gefängniße [378] aus den Taschen des Ungeheuers und gebt uns Allen die Freiheit.

Er schloß die Pforte des Eingangs auf, wo ihm die Dame schon entgegen kam und mit kniendem Dank vor ihm niederfallen wollte, welches er freilich nicht zugestand, weil er wohl gelernt hatte, was sich schickte und ziemte.

Indem sie im Gespräch begriffen waren, hörte der Prinz ein Jammern und Wehklagen, und man berichtete ihm, es seien die an Ketten liegenden, im finstern Kerker schmachtenden Gefangenen, von welchen das Ungeheuer sich täglich Einen herausgeholt hätte zum Fraß.

Er nahete sich mit seinen Schlüßeln und hörte das Geheul nun entsetzlich werden, denn Jeder von den Eingesperrten fürchtete, ihn möchte das traurige Loos treffen, von dem Wüthrich verzehrt zu werden. Als sie aber einen menschenfreundlichen Erretter fanden, da verwandelte sich das Geschrei in einen Freudenruf und in Ausbrüche des Entzückens. – O! das läßt sich ja denken!

Wie erstaunte der Prinz, unter den Gefangenen, als sie erst ans Licht gekommen waren, alle seine Brüder zu finden, und keinen anders als ungefreßen.

O! mit welchen schönen Worten bezeigte er ihnen seine Freude, sie aber dagegen ihre Dankbarkeit; Alle aber erhoben die Tapferkeit und Großmuth des Erretters.

Jetzt wurden die Raubschätze des Negers, deren unermeßlich viel waren, aufgesucht und hervorgebracht, und Jedermann nahm, was ihm gehört[1] hatte. Kameele, Pferde und Esel, die ebenfalls der Neger geraubt hatte, waren in Menge vorhanden, um die Waaren fortzuschaffen.

Sie zogen ab, nach allen Erdgegenden zu, mit tausend Danksagungen [379] gegen den Prinzen, nur die Dame blieb zurück. Kodadad fragte dieselbe, wohin sie wünsche, denn er werde sie nimmermehr ziehen laßen, ohne sie zu begleiten. Daßelbe versicherten die übrigen neun und vierzig Prinzen.

Da fing die Dame jämmerlich an zu jammern und sagte: sie wünsche eigentlich aus der Welt, denn sie sei eine vertriebene Königstochter, und habe nun gar keine Heimath, und wiße nirgends hin; man möge sie ihrem unglücklichen Schicksal überlaßen. Kodadad erwiederte, eine Dame von ihrer Schönheit und von solchen vortrefflichen Eigenschaften werde überall eben so viel Liebe als Verehrung finden, und die Achtung der Welt gewinnen; aber wenn sie die Hand ihres Befreiers nicht zu gering hielte, so könnten sie ja sogleich Hochzeit machen in dem Schloße des Negers, und die Prinzen könnten Zeugen sein.

Also geschahe es, denn die Dame liebte nicht viele Umstände. Küchen und Keller waren im Negerschloße wohl versehen und überhaupt fehlte nichts, um ein Freuden- und Ehrenmahl auszurichten.

Nachdem sie sich alle so satt gegeßen und getrunken hatten, daß sie nicht mehr konnten noch mochten, rasteten sie eine Nacht, sich von allem Ungemach zu erholen. Am andern Morgen nahmen sie ein leichtes Frühstück, packten so viel Vorräthe auf, als sie fortbringen konnten und vergaßen insonderheit der Weinschläuche nicht.

So zogen sie lustig und wohlgemuth fort und waren nur noch eine Tagereise von Babylon. Da lagerten sie sich in einer schönen und anmuthigen Ebene, und weil sie große Liebhaber von Naturfreuden waren, indem in der schönen und lieblichen Natur alle Speisen und Getränke lieblicher schmecken, so ließen sie es sich recht [380] wohl sein und sprachen den Schläuchen so oft zu, bis der letzte Tropfen geleert[2] war.

Da konnte es Kodadad nicht über das Herz bringen, sich seinen Brüdern länger zu verheimlichen und glaubte, sie würden unendlich froh sein, wenn sie in ihm den funfzigsten Bruder fänden. O! er hätte noch einen Tag schweigen sollen, bis sie wieder an dem Hofe des Vaters gewesen wären, aber er war ja von Liebe und Wein berauscht. Weil er die Prinzeßin besaß, und Wein genug getrunken hatte, vergaß er, daß er eigentlich seinem Vorsatze gemäß noch 998 rühmliche Thaten zu vollbringen gehabt hätte, ehe er sich entdecken durfte.

Des Nachts, als Kodadad und seine Gemahlin in ihrem Gezelte schliefen, hielten die Brüder heimlichen Rath ihn zu erwürgen. „Es bleibt uns, sagten sie, nunmehr nichts Anders übrig. Der König liebte ihn so schon mehr als uns; wie wird er ihn jetzt lieben, wenn er ihn als einen Sohn erkennt, und als einen solchen Sohn, der allein einen Riesen besiegte, welchen wir neunundvierzig zusammen zu bewältigen, nicht glaubten im Stande zu sein. Gewiß macht er ihn zum Erben seiner Krone, zur beschimpfenden Erniedrigung für uns Alle, die wir uns dann an den Stufen seines Thrones in den Staub werfen müßen.“

Die Brüder eilten in Kodadads[WS 1] Zelt und durchbohrten ihn mit vielen Stichen, zogen davon und kamen an den Hof des Vaters, der über die schon verloren gegebenen Söhne hoch erfreut war.

Sie sagten dem Vater von dem Riesen eben so wenig als von Kodadad, sondern wandten zur Entschuldigung des langen Ausbleibens nur das vor, daß sie der Begierde nicht hätten widerstehen können, die Welt ein wenig zu besehen, und baten den Vater um Verzeihung [381] und erhielten dieselbe in der Freude, in welcher er war, sehr leicht.

Indeßen lag Kodadad in seinem Blute, und seine Gemahlin erfüllte die Luft mit ihren Jammerklagen. „O du armer Kodadad, rief sie, warum hast du dich mit mir verbunden? Ich habe dich mit in das Unglück verstrickt, zu dem ich einmal geboren bin. O, der heillosen, undankbaren Brüder! wie konntet Ihr einen Bruder ermorden, der Euch das Leben errettet hat. Wie höllenschwarz müßen Eure Seelen sein!“

So klagte sie mit mancherlei Worten, allein sie war verständig genug zu wißen, daß alles Klagen keine Hülfe schafft, die hier vielleicht doch noch möglich sein konnte, indem der Verwundete noch einigermaaßen zu athmen schien.

Sie lief nach einem großen Dorfe, welches in der Nähe war, suchte einen Wundarzt und fand einen, einen erfahrnen und gutmüthigen Mann, mit welchem sie zurückeilte. Aber, welch ein neuer Jammer! Kodadad war fort. Sie glaubte, ein wildes Thier habe ihn fortgeschleppt und zerrißen, und erneuerte ihr Wehgeschrei so schmerzlich, daß es dem guten Wundarzt das Herz zerriß. Er nahm die arme Verlaßene in sein Dorf und in sein Haus mit zurück, und begegnete ihr mit Sorgfalt und Achtung. Sie blieb mehrere Tage in ihrem stillen seufzenden Gram, oder in ihrem lauten Jammer, und wenn der gutherzige Wirth sie trösten wollte, wurde ihr Schmerz nur noch wilder. Der gute Mann, obwohl er ein Wundarzt war, bedachte nicht, daß manche Wunden erst ausbluten müßen, ehe sie anfangen zu verheilen, und daß der Schmerz seine Zeit hält.

Er fing es anders an. Er bat sie, sich ihm zu vertrauen, und ihm ihr ganzes Schicksal zu offenbaren. Vielleicht ergäben sich Mittel [382] der Hülfe oder der Rache – und sie erzählte ihm Alles. Das war das rechte Mittel ihrer Quaal eine Linderung zu schaffen. Das Herz fühlt sich immer erleichtert, wenn es mitleidigen Seelen seine Noth erzählen darf, und jedes Stück der Erzählung nimmt ein kleines Stück des Jammers mit fort.

Sie hatte ihm Alles eröffnet. Darauf sagte er: „Ihr müßt Euren Gemahl an diesen Buben rächen. Ziehet an den Hof des Königs; ich bin überzeugt, Ihr findet Gehör und Gerechtigkeit, und, wenn Ihr es wünscht, so begleite ich Euch als Euer Stallmeister und auch als eine Art Zeuge.“

Sie zogen fort und herbergten in der ersten Karavanserei der Königsstadt. Man fragte den Wirth, wie es bei Hofe zugehe? „Da geht es jämmerlich und erbärmlich zu, antwortete dieser. Der König hat einen Sohn gehabt, der längere Zeit unbekannt an seinem Hofe lebte und unbekannt der Oberhofmeister der andern Prinzen war. Die Mutter deßelben, die lange Zeit bei einem ihrer Verwandten gelebt hat, ist jetzt bei ihrem Gemahl, unserm König. Beide Aeltern haben den Sohn in aller Welt suchen laßen, aber nirgends von ihm nur eine Spur aufgefunden, und Beide sind untröstlich. Es sind zwar noch neun und vierzig Prinzen da, allein das sind hämische Bengel, welchen Niemand gut ist. Gott sei uns gnädig, wenn einmal Einer davon auf den Thron kommt. – Jedoch davon darf man nicht sprechen, denn die Herren am Hofe befehlen schon, was ein Unterthan sprechen und was er nicht sprechen muß. Also! reinen Mund gehalten!“

Nach diesem Berichte des Wirthes sahe der Wundarzt wohl, wie verschwiegen man sein müße, damit die Herren Prinzen nichts erführen, welchen es nach dem Brudermord um ein Paar Mordthaten mehr wohl eben nicht ankommen mochte.

[383] Er ging an den Hof, besahe sich, unter dem Vorwande seine Neugier zu stillen, Dieß und Das und sprach mit Dem und Jenem. Da kam eben Kodadads Mutter, Pirusen genannt, mit ihrem Gefolge daher, um in den Tempel zu gehen, und dort zu beten und Allmosen auszutheilen. Der Wundarzt folgte ihr, und bei der Rückkehr aus dem Tempel trat er zu einem Sklaven und sagte: „Bruder! ich habe der Königin ein Geheimniß zu offenbaren; könnte ich nicht durch Euch zu ihr geführt werden?“ – „Ja! antwortete der Sklav, wenn Euer Geheimniß den Prinzen Kodadad betrifft, sonst aber gewiß nicht; denn sie will von nichts Anderem in der Welt hören, als nur von ihm.“ – „Eben von ihm möchte ich mit ihr sprechen,“ versetzte der Wundarzt. Darauf erwiederte der Sklav: „So folgt mir nur dreist, ich werde Euch melden.“

Der Wundarzt erhielt sogleich Zutritt und erzählte der Königin die traurige Geschichte. Als diese von dem Meuchelmord des Sohnes hörte, erblaßte sie und fiel wie todt nieder. Mit großer Mühe erholte sie sich wieder, besann sich einige Augenblicke und sagte zum Wundarzt: „Gehet wieder zu der Prinzeßin, der Gemahlin meines unglücklichen Sohnes, und meldet ihr, der König werde sie bald als Schwiegertochter erkennen: Eure Treue aber soll nicht unbelohnt bleiben.“

Pirusen überließ sich nun ihrem Jammer ohne Rückhalt, und klagte laut um ihren Sohn. Die Heftigkeit ihres Schmerzes hatte sich noch nicht gemildert, als der König in ihr Gemach trat und bald genug die schreckliche Geschichte ausführlich berichtet erhielt!

„Die Ungeheuer, rief er, die teuflischen Ungeheuer! Brut der Hölle! ich will euch euer Gift nehmen!“

Im höchsten Grimm herrschte er dem Vezier zu, tausend Trabanten zu nehmen, die Prinzen zu verhaften, und in den Thurm [384] zu sperren, welcher das Gefängniß der Mörder war. „Haßan, sagte er zu dem Vezier; du haftest mit deinem Kopfe, daß keiner von ihnen entkomme.“

Der Befehl war vollzogen, und der Vezier mußte nun die Gemahlin Kodadads auf einem weißen Maulthier im prächtigen Gefolge herbeiführen. Der Wundarzt mußte sie auf einem prächtigen Tartarpferde auch mit begleiten. Man kann sich schon denken, daß Alles vergoldet, verdiamantnet und verrubint war; daß das Volk jubelte und jauchzte, und alle Welt über die sonnenstrahlende Schönheit der Dame fast erblindete, und braucht das nicht eben allemal besonders erzählt zu werden, weil es sich ohnedieß allemal also gehört.

Wie es ihrem Range gebührte, so wurde die Prinzeßin von dem Könige empfangen, der ihr schon an der Pforte des Palastes entgegen kam. Dennoch war es ein trauriger Empfang. Die junge Königin warf sich dem Könige zu Füßen, benetzte dieselben mit Thränen und schluchzte; Pirusen wehklagte laut und der König sahe mit stummen, starrem Schmerze wie ein Verzweifelnder zu. Die junge Fürstin faßte sich zuerst und forderte Gerechtigkeit gegen die Mörder ihres Gemahles, obwohl sie Prinzen vom Geblüte wären.

„Mörder sind Mörder! sagte der König, und solches Gezücht muß von der Erde vertilgt werden. Uebrigens will ich meinem Sohn, obwohl uns sein Leichnam fehlt, erst ein Leichenbegängniß halten laßen.“

Es wurde ein Dom in einer großen Ebene erbauet und unter einem Gewölbe ein Grabmal errichtet zum Andenken des Verstorbenen, mit einem Bildniße darauf, welches ihn vorstellen sollte.

In kurzer Zeit war der Dom fertig, denn man hatte viel Arbeiter angestellt. Der Tag des Traueraufzugs erschien, der König [385] voran und die Großen seines Hofs hinter ihm. Sie gingen in den Dom und lagerten sich auf den schwarzen goldgeblümten Atlasteppich, mit welchem der Fußboden belegt war. Hierauf eilt eine Schaar Trabanten mit Trauerfloren dreimal um den Dom mit gesenktem Haupte und klagte: „O du Held, warum können dir unsere Schwerdter nicht mehr nützen? Ach, warum hat der König der Könige geboten, und der Todesengel hat ihm gehorcht! O Kodadad!“

Es kamen nun hundert Greise mit ehrwürdigen weißen Bärten und ritten auf schwarzen Maulthieren. Einsiedler waren es und fromme Heilige, deren Jeder ein heiliges Buch auf dem Haupte trug, das er mit der einen Hand hielt. Sie ritten dreimal um den Dom und klagten: „Ach warum bist du nicht so alt geworden als wir? Warum können dich unsere Gebete nicht mehr erwecken? Aber der Herr des Lebens hat dich gerufen! O! Kodadad!“

Es kamen hundert Jünglinge und Jungfrauen auf weißen Pferden und ritten dreimal um den Dom und sagten weinend: „Ach, warum lebst du nicht mehr, wie wir, und blickst deine Brüder und Schwestern nicht an? Aber die Jugend verblüht und die Stärke schlief ein. O Kodadad!“

Es kamen hundert Kinder, Knaben und Mädchen, mit Kränzen von Zypreßen und Rosen, und zogen dreimal um den Dom und klagten: „O wer soll unser Vater sein, da du bist hingegangen in die Tiefe? Aber die Blätter verwelken und die Blumen verblühn bald. O Kodadad.“

Darauf erhob sich der König mit seinem Hof und sie gingen dreimal herum, aber der König konnte nur jammern und weinen und rufen: „O mein Sohn! mein Sohn Kodadad!“ [386] Vierzehn Tage dauerten die Todtengebete um den Entschlafenen in den Tempeln. Am funfzehnten sollten die gefangenen Prinzen hingerichtet werden, und das Volk wartete mit Ungeduld darauf, und die Gerüste wurden schon errichtet. Aber in der Nacht liefen schlimme Nachrichten ein, und der König berief seinen Divan (Staatsrath). Noch in der Nacht bekamen die Vezire und Emirs Befehl mit ihren Soldaten aufzubrechen und mit dem frühesten Morgen zog der König mit seinen Hauptleuten und Armeen selbst aus. Es hatten sich nämlich die von Kodadad besiegten großen und kleinen Fürsten aufs neue gegen den König von Babylon verbunden und hatten Alles so heimlich gehalten, daß sie nur noch vier starke Tagereisen von der Hauptstadt entfernt waren.

Es kam bald zu einer Hauptschlacht. Muth und Tapferkeit waren von beiden Seiten einander gleich; des Würgens war viel, und der Sieg schwankte bald auf dieser Seite und bald auf jener. Zuletzt wandte er sich auf die Seite der Feinde, und Babylons Macht war beinahe so umwickelt, daß der größte Theil der Armee sich hätte ergeben müßen, als große Schaaren Reiter dem Feinde in den Rücken fielen und ein entsetzliches Metzeln und Würgen unter den Erschrockenen begann. Die Verwirrung wurde bald bei dem Feinde allgemein.

Der König von Babylon, deßen Heer durch die unerwartete Hülfe neuen Muth bekam, griff wieder mit frischem Feuer an und in kurzer Zeit war die Niederlage vollendet.

Der König bewunderte die Reiter, deren Muth er den Sieg verdankte und war begierig den Anführer kennen zu lernen. Dieser kam ihm bald entgegen und es war Kodadad! Der König wurde stumm und stark vor Schrecken und Freude, [387] einen geliebten Menschen zu sehen, deßen Todtenfeier er schon begangen hatte. Er fiel ihm laut schluchzend in die Arme und rief: „O mein Sohn! mein lieber Sohn! O Kodadad!“ Dann rief er: „O, wie hat mich der Himmel so lieb, daß ich dich an mein Herz drücken kann. Ich weiß Alles, mein Sohn! Alles! deine Tapferkeit, deinen Edelmuth und die Schändlichkeit deiner Brüder, die aber, sobald wir zurück sind, ihren Lohn empfangen sollen. – Und wie wird deine Gemahlin sich freuen, die bei deiner Mutter in meinem Palaste ist!“ Als Kodadad das hörte, ward er entzückt.

Der König sandte fliegende Boten voraus, und das Gerücht von dem, was sich begeben hatte, war in zwei Stunden im Palast und in der Stadt verbreitet.

Als sie nach einigen Tagen in die Stadt einzogen, rief das jubelnde Volk: „O Kodadad! O Heil dir! Heil dir Kodadad! Und der König ließ dem Volke die herrlichsten Freudenfeste veranstalten.

In dem Palaste war ein lautes Getümmel, als sie ankamen. Die Freude und die dazu gehörigen Thränen floßen in Strömen. Nachdem der Rausch der ersten Entzückungen vorüber war, mußte Kodadad erzählen, wie er gerettet worden sei, und wie er im rechten Augenblick habe können zu Hülfe kommen?

„Ein mitleidiger Bauer, erzählte Kodadad, sieht mich blutend in dem Zelte liegen, nimmt mich auf sein Maulthier und führt mich in sein Haus. Wirksame Heilkräuter sucht er, quetscht sie und legt sie auf meine Wunden. In acht Tagen war ich wieder hergestellt. Ich blieb bei ihm und zeigte ihm meine Erkenntlichkeit durch einige Diamanten. Bald war ich mit den gutmüthigen Bewohnern in der Umgebung bekannt, und weil ich [388] noch Edelsteine genug hatte, um ihnen wohlzuthun, auch beliebt. – Zufällig drangen die Gerüchte von dem Bündniße der Fürsten gegen meinen Herrn und Vater bis zu uns; ich stellte Kundschafter aus, und da ich die Anstalten erfuhr, welche die Fürsten machten, wurden mir die Gerüchte bald zur Gewißheit.

Jetzt gab ich mich zu erkennen. Ich fand viel Liebe, denn man hatte von meinem Glücke in der ersten Schlacht, und von der Erlegung des gefürchteten Riesen gehört. Ich reiste umher; ich feuerte die jungen Leute an; sie stellten sich willig zur Vertheidigung des Vaterlandes, und bald fanden sich mehr, als ich nöthig zu haben glaubte. – So ist der Verlauf der Sache.“

Neue Entzückungen, Bewunderungen, Lobpreisungen! aber auch neuer Grimm des Königs gegen die Prinzen. Morgen sollten sie hängen. Aber Kodadad und seine Mutter baten sie mit dringenden Bitten beim Könige vom Tode los.

Er schenkte ihnen das Leben; ließ sie aber in einem wohlverwahrten Schloße unter Aufsicht. Sie durften überall umhergehen, wohin sie wollten, aber nur daß die Wache bei ihnen war, und sie dem Vater nie vor Augen kommen durften.

Das Volk fluchte ihnen, wo es sie sahe; es folgte ihnen mit Verwünschungen und Steinregen nach; es rief: „Mörder! Höllenbrut! schändliche Brüder!“

Mehrere von ihnen vergifteten sich; einige starben vor Aerger oder vor Gram; die meisten entflohen in einem günstigen Augenblicke, aber wohin sie sich auch zerstreueten, waren sie wie geächtet und fanden nirgends Hülfe und Dienst. Sie quälten das Leben so hin. Aber der ehrliche Wundarzt blieb bei Kodadad, der den Thron erbte.


  1. Verbeßerungen S. 471: st. nahm was ihm behört l. gehört
  2. Verbeßerungen S. 471: st. Tropfen gelernt l. geleert

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Kodadas