RE:παίγνιον

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band XVIII,2 (1942), Sp. [1942 2396]–[1942 2398]
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παίγνιον. Grundbedeutung des Wortes ist ‚Spielzeug‘, es ist attischer Ersatz für außerattisches, auch ionisches ἄθυρμα Plat. leg. VII 803 c (vgl. I 644 d): ἄνθρωπον ... υεοῦ τι παίγνιον εἷναι ∼ Herakleit. frg. 70: παίδων ἀθύρματα νενόμικεν εἷναι τὰ ἀνθρώπινα δοξάσματα, daraus mit leichtverständlichem Bedeutungsübergang deliciae, wie Plut. Anton. 59 ausdrücklich angibt, seit Aristoph. Eccl. 921, Anaxandrides FCA II 138, 9. Eine andere Färbung zeigt den Sinn ‚Spiel, Tanz‘: Plat. leg. VII 796 e: Κουρήτων ἐνόπλια παίγνια, bis herab zu ‚Kunststück‘: Euphron FCA III 318, 1, 35: ἐκεῖνο δρᾶμα, τοῦτο δ’ ἐστὶ παίγνιον, Theokrit. XV 50 (vgl. Schol.) und noch [Lukian] Asin. 47.

Als literarische Bezeichnung erscheint π. zuerst Gorg. Helen. 21: ἐβουλήθην γράψαι τὸν λόγον Ἑλένης μὲν ἐγκώμιον, ἑμὸν δὲ παίγνιον, ähnlich wird man sich die π. zu denken haben, die Thrasymachos nach Suidas (Diels-Kr. Vorsokr, II 319) geschrieben hat. Botrys von Messina (s. o. Bd. III S. 793, 3) soll als erster (Athen. VII 322 a) π. in Prosa (Polyb. XII 13 nennt sie ὑπομνήματα), also wohl Novellen in der Art des Parthenios, nur lasziver, verfaßt haben. Pap. Mag. Lond. CXXI 167 = PGMag II 7 überschreibt scherzhafte [2397] Rezepte Δημοκρίτου παίγνια. Das Spielerische als Gegensatz zum σπουδαῖον ist allen diesen Bezeichnungen gemeinsam. Darum reiht auch Platon die Komödie unter die π. ein leg. VII 816 e ὅσα μὲν οὗν περὶ γέλωτά ἐστιν παίγνια, ἃ δὴ κωνῳδίαν πάντες λέγομεν, und die Dichter bezeichnen selbst ihre Werke so: Ephippos FOA II 254, 7: κοινωνεῖ ... ἡ ’ν τοῖσιν αὐλοῖς μουσικὴ κἀν τῇ λύρᾳ τοῖς ἡμετέροισι παιγνίοις, ebenso die Komödie, deren Schluß der sterbende Augustus (Suet. Aug.) anführt: εἰ δέ τι ἔχοι καλῶς τὸ παίγνιον, κρότον δότε. Daß dieser Ausdruck von der Literaturwissenschaft aufgenommen worden ist, zeigt Athen. XIV 638 d: ὁ δὲ τοὺς εἰς Χιωνίδην ἀναφερομένους ποιήσας Πτωχοὺς Γνησίππου τινὸς μνημονεύει παιγνιογράφου τῆς ἱλαρᾶς μούσης, wo Gnesippos, gleichgültig ob mit Recht (s. o. Bd. VII S. 1479), als Komödiendichter aufgefaßt ist.

In der späteren ästhetischen Terminologie bedeuten π. ‚poetische Kleinigkeiten‘, so wenn es in der Homervita bei Suidas heißt, daß man Homer neben den größeren Dichtungen unter anderem π. (vgl. Iulian or. II 60 d) zugeschrieben habe, die in der ps.–herodoteischen Vita 24 als Κέρκωντες, Βατραχομυομαχία, Ψαρομαχία, Ἑπταπακτική, Ἐπικιχλίδες erläutert werden, oder wenn Suid. III 531, 254 Adl. der Grammatiker Homeros, Σέλλιος χρηματίσας, als Dichter von π. δι’ ἐπῶν genannt wird. Ebenso werden von Aratos π. erwähnt (Suid. s. Ἄρατος). Das bestätigt Polyb. XVI 21, 12, wenn er von dem am Hofe Ptolemaios’ V. zeitweise allmächtigen Tlepolemos (s. u. Bd. VIA S. 1618, 6) sagt, dieser sei durch alle Art Schmeichelei geschwollen gewesen, ἔτι δὲ (πυνθανόμενος) τὰς ἐπιγραφὰς καὶ τὰ διὰ τῶν ἀκροαμάτων εἰς αὐτὸν ᾅδόμενα παίγνια, also wohl skolienartige Liedchen. Insbesondere scheinen auch alle bukolisohen Dichtungen π. genannt worden zu sein. Denn zu Ailian. hist. an. XV 19: Θεόκριτος ὁ τῶν νομευτικῶν παιγνίων συνθέτης stimmt Meleagros’ Anrede an die Zikade Anth. Pal. VII 196, 6: ἀλλά, φίλος, φθέγγου τι νέον δενδρώδεσι Νύμφαις παίγνιον und ebenso werden die aus diesen Kreisen hervorgegangenen metrischen Kunstfertigkeiten, wie sie Ausonius auf seine Weise noch spät verfertigt und die er S. 156 Peip. Technopaignia nennt, π. genannt (Hephaist. 62, 5 Consbr.: τὸ ᾠὸν τὸ Σιμίου καὶ ἄλλα παίγνια, vgl. Leonidas Alex. AP VI 322), Während sich die π. des Philetas von Kos (s. u. Bd. XIX S. 2168), von denen Stobaios zwei erhalten hat, von anderen spielerischen Epigrammen der Zeit für unser Ohr nicht unterscheiden. Sie sind erklärt von Kuchenmüller 61ff.

Einen besonderen Typus des σπουδαιογέλοιον scheinen die frühen Kyniker mit π. bezeichnet zu haben. Wenigstens berichtet Diog. Laert. VI 3, 82 von dem Syrakusaner Monimos: γέγραφε δὲ παίγνια σπουδῇ λεληθυίᾳ μεμιγμένα und aus den π. seines Lehrers Krates sind uns durch Iulian elegische Verse erhalten (Anth. lyr. I 1, 120 D.), die eine seltsame Mischung von Parodie Solons mit gravitätisch-kynischem Ernste verbinden. Auch eine Hexameterreihe auf den Bettelsack in homerischem Stile (ebd. frg. 6) wird von Diog. Laert. VI 5, 85 als π. bezeichnet.

Weniger klar ist schließlich ein Bericht des Athen. VII 321f.: Σάλπη ... ἐστὶ δὲ ποικίλος ὁ [2398] ἰχθύς• ὅθεν καὶ τὸν Λοκρὸν ἢ Κολοφώνιον Μνασέαν συνταξάμενον τὰ ἐπιγραφόμενα παίγνια διὰ τὸ ποικίλον τῆς συναγωγῆς Σάλπην οἱ συνήθεις προσηγόρευον. Νυμφόδωρος (s. o. Bd. XVII S. 1625, 6) δὲ ὁ Συρακόσιος ἐν τῷ τῆς Ἀσίας Περιπλῳ Λεσβίαν φησὶ γενέσθαι Σάλπην ⟨τὴν⟩ τὰ παίγνια συνθεῖσαω. Ἄλκιμος (s. o. Bd. I S. 1543. 18) δ’ ἐν Σικελικοῖς ἐν Μεσσήνῃ φησὶ τῇ κατὰ τὴν ωῆσον Βότρυν (s. o. Bd. III S. 793, 3) γενέσθαι εὑρετὴν τῶν παραπλησίων παιγνίων τοῖς προσαγορευομένοις Σάλπης. Über Botrys ist oben gesprochen. Nymphodoros scheint, wegen des lasziven Inhaltes der Sammlung des Mnaseas (s. o. Bd. XV S. 2250), aus dem Übernamen des Verfassers eine Dichterin Salpe (s. u. Bd. IA S. 2007) aus Lesbos (vielleicht διὰ τὸ λεσβιάζειν, vgl. Polyb. XII 13) gemacht zu haben, so daß wir uns nur an die Tatsache zu halten brauchen, daß Mnaseas eine bunte Sammlung erotischer π. – ob nur eigener oder auch fremder, erfahren wir nicht – herausgegeben hat.

Welcher Art das ποικίλον dieser Sammlung war, können wir noch mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit feststellen. Von dem römischen Dichter Laevius (um 100 v. Chr., Schanz-Hosius⁴ I 268ff.) sind Reste von mindestens sechs Büchern Ἐρωτοπαίγνια erhalten (FPL 55ff. Mor.). Auch in ihnen herrschte das ποικίλον: verschiedenste Metra, auch Technopaignia, mythische und zeitgenössische Stoffe wechselten einander ab. Von Mythischem ist sicher zugehörig eine Tändelei Hektors mit einem von Andromache geflochtenen Kranze (Buch V frg. 4) und das Technopaignion Pterygium Phoenicis (frg. 22). Daß auch die Titel Adonis, Alcestis, Centauri, Helene, Protesilaudamia, Sirenocirca Teile der Erotopaignia bezeichnen, ist mindestens wahrscheinlich. Nach diesem Typus werden wir uns die π. des Mnaseas rhythmisch und inhaltlich vorstellen dürfen. Ob sie unmittelbar das Vorbild des Laevius waren, können wir nicht mehr wissen.

Literatur. Kuchenmüller Philetae Coi reliquiae, Diss. Berl. 1928, 70ff. 61ff. Schanz-Hosius⁴ I 268ff.