RE:Ἀττικιανά

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band II,2 (1896), Sp. 22372239
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Ἀττικιανά (τὰ), mit zu ergänzendem ἀντίγραφα oder ἀπόγραφα; nur einmal (Galen. fragm. com. in Tim. Plat. p. 12 Daremberg) steht ersteres Wort dabei (s. indes unten). Es sind Abschriften, die im Altertum sich offenbar eines gewissen Ansehens erfreuten und bei Harpokr. s. ἀνελοῦσα (Demosth. XXII 25), ἀργᾶς (Aischin. II 99), ἐκπολεμῶσαι (Dem. I 7. III 9), Θύστιον (Aischin. III 122) und ναυκρατικά (Dem. XXIV 14), ferner von Galen a. Ο. (Plat. Tim. 77 C) und in der Unterschrift des Cod. Marc. 416 (M oder F) und daraus in B (Monac. 85) zu Demosth. XI (διώρθωται ἐγ δύο Ἀττικιανῶν) erwähnt werden. Aus Harpokr. hat Photios Lex. s. ναυκραρία die gleiche Erwähnung wiederholt. Bei Harpokr. s. ἀνελοῦσα und ἐκπολεμῶσαι sowie bei Galen haben die Hss. allerdings τοῖς ἀττικοῖς, bezw. ἀττικῶν, und bei Harpokr. s. Θύστιον zum Teil ἀττικισμοῖς, doch dürfen wir darin mit um so weniger Bedenken die falsche Auflösung einer Abkürzung sehen, als bei Harpokration die längere Form doch an mehreren Stellen teils allein, teils in einzelnen Hss. überliefert ist und bei Galen die ausdrückliche Berufung auf eine ἔκδοσις (κατὰ τὴν τῶν ἀττικῶν ἀντιγράφων ἔκδοσιν) die Änderung empfiehlt; vgl. Anecd. Hemsterhus. I 244 (Dobree in) Phot. Lex. ed. Person S. 470 und zuletzt H. Usener Nachr. d. Gött. Ges. d. W. 1892, 195. Das Wort ἀντίγραφα (s. d.) kennzeichnet die Abschriften als revidierte, möglichst diplomatisch getreue. Das Adjectiv . hat zum Grundwort den Eigennamen einer Person (Attikos; über die lat. Adjectiva auf -ianus s. Reisig-Haase Vorl. üb. lat. Spr. § 109 u. Anm. 193), auf welche die betreffenden Abschriften zurückgehen, und wir scheinen daher wohl berechtigt, wie seit Hemsterhuis a. O. geschieht, Ἀττικός, welchen Lukian an zwei Stellen seiner Schrift πρὸς τ. ἀπαίδ. 2 und 24 als berühmten Bücherschreiber anführt, als den Urheber eben der . anzusehen; c. 2 werden seine Abschriften ebenso in Bezug auf sorgfältige Ausführung gelobt wie die des Kallinos wegen ihrer schönen Ausstattung: ἵνα δέ σοι δῶ αὐτὰ ἐκεῖνα nämlich βιβλία) κεκρικέναι, ὅσα ὁ Καλλῖνος ἐς κάλλος ἢ ὁ ἀοίδιμος Ἀττικὸς σὺν ἐπιμελείᾳ τῇ πάσῃ γράψαιεν, σοὶ τί ὄφελος, ὧθαυμάσιε, τοῦ κτήματος οὔτε εἰδότι τὸ κάλλος αὐτῶν u. s. w., und in gleichem Zusammenhang später (c. 24), nachdem er von βιβλιοκάπηλοι gesprochen, auf welche der Angeredete seine Hoffnungen nicht setzen sollte: σὺ δ’ οἴει συνήγορον κοινὸν καὶ μάρτυρα ἔχεσθαί σοι τὸν Ἀττικὸν καὶ Καλλῖνον τοὺς βιβλιογράφους; c. 1 sind ihre Abschriften wohl mit unter den alten und teueren Büchern einbegriffen, deren Wert der Held des Gespräches nach den Wurmlöchern bemisst sowie [2238] c. 25 unter den βιβλία πολυτελῆ, für welche der Held des Gespräches eine Leidenschaft hat. H. Usener hat ferner (a. O. 197ff.), nachdem bereits W. Christ (Abh. Akad. Münch. XVI 3, 172ff) die Vermutung ausgesprochen hatte, dass die . aus der ihren Urheber überdauernden Fabrik des bekannten Atticus hervorgegangen seien, sie entschieden auf eben jenen T. Pomponius Atticus zurückgeführt, den wir als eifrigen und mit bestem Erfolg thätigen Buchhändler, d. h. Verleger (bibliopola), kennen. Lukian kann kaum an ihn gedacht haben (s. Christ, 172f.) da er seinen Attikos als Bücherschreiber bezeichnet und mit Kallinos, von dessen Ruhm wir sonst nichts wissen, zusammenstellt. Entweder geschah also jene Bezeichnung aus Irrtum (so Usener 197), wenn wir auch Lukians βιβλιογράφοι uns als Leiter von Schreibstuben denken können und sie nicht alle unter ihrem Namen vertriebenen Exemplare selbst geschrieben zu haben brauchen, oder sein Attikos ist nicht der Urheber der ., oder endlich die . haben nichts mit dem Freunde Ciceros zu thun. Dass sie in Ansehen standen, lehrt allein schon ihre mehrfache besondere Erwähnung und ihre Verwendung zur Correctur anderer Hss. (s. o.). Wenn J. H. Lipsius (Ber. d. Sächs. Ges. d. W. 1893, 1ff.) dagegen meint, Galen habe von ihnen keine besondere Meinung gehabt, da er auf die Variante anderer Hss. eine eigene Conjectur zu Platons Timaios gründe, so ist zu erwidern, dass Galen zunächst auf die von den . gebotene Lesart die ganze Erklärung der Stelle gründet und jene Conjectur (ἔξω ἑαυτοῦ aus ἐξ statt ὑφ’ αὑτοῦ nur hinterher als einen Gedanken anführt, auf den er durch die Variante gekommen sei (αὕτη μὲν ἡ ἐξήγησίς μοι γένονε κατὰ τῆν τῶν ἀττικῶν ἀντιγράφων ἔκδοσιν, ἐν ἑτέροις δ’ εὑρὼν γεγραμμένον ,δοὰ τὸ τῆς ἐξ αὑτοῦ κινήσεως‘ ἐνενόησα λείπειν τὸ ω στοιχεῖον u. s. w.). Useners Hypothese, gegen welche O. Immisch Berl. Ph. Woch. 1892 Sp. 1123f. sich ausgesprochen hat, findet eine gewisse Stütze darin, dass auch Fronto, nur wenig älter als Lukian und ein sehr unterrichteter Zeuge, Hss. kennt, und zwar lateinische, die von Atticus – nach dem Zusammenhang ohne Zweifel dem T. Pomponius Atticus – höchstwahrscheinlich emendiert (nicht geschrieben) waren (epist. 7 g. E. p. 20 Nab.: contigisse quid tale M. Porcio aut Quinto Ennio ... quid M. Tullio tale usu venit? quorum libri pretiosiores habentur et summam gloriam retinent, si sunt Lampadione aut Staberio aut... Aelio [correctore subscripti?] ... aut Attico aut Nepote. mea oratio extabit M. Caesaris manu scripta). Auch Cicero (ad Att. I 14, 3) bezeichnet den Atticus als Aristarch seiner Reden, und wenn auch dies Lob zunächst nur eine aus persönlicher Freundschaft jenen Schriften Ciceros gewidmete Mühewaltung betrifft, so legt es doch mittelbar für die Richtung und Haltung seines Verlages Zeugnis ab. Darauf dass nur von attikianischen Abschriften, nicht von Ausgaben die Rede ist, dürfte weniger Gewicht zu legen sein als von Usener (S. 197) geschieht. Der Name eines grossen und anerkannten Verlegers (oder Verlages) charakterisiert auch die von ihm veranlassten, durch andere vorbereiteten Ausgaben und wird von diesen ganz gewöhnlich geführt, wie in neuerer Zeit z. B. von den Bipontiner- und [2239] Tauchnitzausgaben. Für seinen griechischen Verlag bediente sich Atticus nach Usener (202ff.) vor allem der Hülfe des Tyrannion und durch diesen auch der hsl. Schätze, welche mit der Bibliothek des Apellikon (s. d.) durch Sulla nach Rom gekommen waren; diese hätten für Isokrates, Plato und Demosthenes die Möglichkeit geboten, über die Textrecensionen der Alexandriner hinauszugehen, und hätten selbst die Textgestaltung eines Teiles der erhaltenen Hss. beeinflusst (Urbin. des Isokrates, Bodl. und Paris. A des Plato, Σ des Demosthenes). Für Demosthenes vgl. über den Zusammenhang des Cod. Σ mit den . bereits H. Sauppe Ep. crit. 49f., dessen Aufstellungen durch F. W. Schneidewin Philol. III 116f. wesentlich eingeschränkt worden sind. Gegen jene Hypothese Useners, welche H. Weil Journ. des sav. 1892, 632f. noch auf Thukydides (wegen des Cod. Vatic.) vermutungsweise ausdehnen wollte, hat O. Immisch a. O. kurz, aber eindringend gehandelt und Lipsius a. O. nachgewiesen, dass im Demosthenes eine doppelte Überlieferung dieser Art, von welcher die bessere erst durch die ἀ. aufgekommen sei, nicht vorliege; ferner – zum Teil nach dem Vorgange anderer, besonders Schneidewins a. O. – mit Berufung auf Harpokr. s. ἀνελοῦσα, ἀργᾶς und Θύστιον, dass überhaupt die uns bekannten Lesarten der ἀ. sich nicht durch besondere Güte auszeichnen. Die ἀ. können also nur relative Güte unter den Abschriften ihrer und der nächsten Zeit in Anspruch nehmen, anderes dürfen wir aber auch von Ausgaben, die – abweichend von den Arbeiten der Alexandriner – im Grunde nur auf Verlegerunternehmungen zurückgingen, nicht erwarten.