RE:Aischines 15

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band I,1 (1893), Sp. 10501062
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15) Der Redner, Sohn des Atrometos und der Glaukothea aus Athen. Ein über die Massen unsauberes Zerrbild im Stil der attischen Komödie entwirft von den Verhältnissen der Eltern Demosthenes in seiner Rede vom Kranze, XVIII 129f. 158f. Verdächtig wird dasselbe aber schon dadurch, dass Demosthenes in der dreizehn Jahre früher und mit kälterem Blute geschriebenen Rede περὶ παραπρεσβείας, so wenig er auch dort den A. schont, doch in Betreff der persönlichen Verhältnisse desselben einen weit gemässigteren Ton einhält und auf seine Familie nicht viel Erhebliches zu bringen weiss. Des Demosthenes Verfahren findet höchstens darin eine Art von Rechtfertigung, dass er von A. durch ähnliche Ausfälle gereizt war (Aisch. III 51f. 171f.). An der bürgerlichen Abkunft beider Eltern ist nicht zu zweifeln. Sein Vater Atrometos war aus dem Demos Kothokidai (Demosth. XVIII 180) und gehörte zu einer Phratrie mit dem alten, priesterlichen Geschlechte der Eteobutaden. 437 v. Chr. geboren, büsste er im peloponnesischen Kriege sein Vermögen ein, verliess unter den Dreissig seine Vaterstadt und begab sich über Korinth nach Asien, wo er als Söldner Dienste that. Aisch. II 78f. 147f. Danach ist zweifelhaft, ob er, wie A. berichtet, an der Befreiung Athens durch Thrasybulos teilgenommen. Zurückgekehrt erwarb er seinen Unterhalt durch Unterrichtgeben (Demosth. XIX 249) und lebte in Athen bis in sein 95. Jahr (Ol. 109, 3 = 342. Aisch. III 191), nachdem er noch das Jahr zuvor in dem Gesandtschaftsprocesse als Fürbitter für seinen Sohn vor Gericht aufgetreten war. Aisch. II 179. Auch die Mutter war von guter Herkunft, Tochter des Glaukos aus Acharnai, Schwester des Strategen Kleobulos, der nebst Demainetos den spartanischen Nauarchen Chilon in einer Seeschlacht besiegt hatte (Aisch. II 78), doch mag sie Priesterin eines Geheimkults gewesen sein, wie sie damals in Athen im Gange waren und gewinnsüchtig ausgebeutet wurden. Demosth. XIX 200. 249. 281. Jedenfalls waren die Eltern verarmt und lebten in beschränkten Verhältnissen, bis die Familie durch die Söhne wieder gehoben wurde. Denn der älteste, Philochares, war im J. 343 bereits im dritten Jahre Strateg, der jüngste Aphobetos war als Gesandter zum Perserkönig geschickt worden und hatte an der Spitze der Finanzverwaltung gestanden. Aisch. II 149. Α. selbst endlich, der zweite Sohn, war ums J. 390 = Ol. 97, 2–3 geboren (I 49). Wahrscheinlich genoss er als Knabe den Unterricht des Vaters: auch ist sehr glaublich, dass er in einem [1051] Alter, wo andere noch lernten, denselben schon im Lehren der Elemente unterstützte (Demosth. XVIII 265), ohne gleichwohl die herkömmlichen Übungen in den Gymnasien darüber zu versäumen. Mit 18 Jahren unterzog er sich dem vorschriftsmässigen Wachtdienst (Aisch. II 167f.), ebenda gedenkt er auch seiner späteren wiederholten Teilnahme am Kriegsdienste, wie bei den Expeditionen nach Phlius im J. 366, nach dem Peloponnes 362, wo er in der Schlacht bei Mantineia mitfocht, und nach Euboia 357 und 350, bei welcher letztern er sich in der Schlacht bei Tamynai rühmlich auszeichnete und mit der Überbringung der Siegesbotschaft nach Athen beauftragt wurde; inzwischen hatte er sich, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, als Schreiber bei gewissen Unterbehörden vermietet. Demosth. XVIII 261. Ein so mechanisches Geschäft mag dem lebhaften Geiste des A. auf die Dauer nicht zugesagt haben: seine Neigung zog ihn nach der Bühne. Er ward Schauspieler und gab sich diesem Berufe, wenn er es auch nicht weiter als bis zu untergeordneten Rollen brachte (z. B. gab er den Kreon in der Antigone des Sophokles, Demosth. XVIII 180. XIX 246; den Thyestes in den Kreterinnen des Euripides, Demosth. XIX 337; im Kresphontes desselben Dichters und im Oinomaos des Sophokles die Titelrolle, Demosth. XVIII 180), doch mit vieler Liebe hin, und bei seiner schönen und volltönenden Stimme (Demosth. XVIII 259. 285. 313. XIX 337 u. ö.) auch nicht ganz ohne Erfolg: sonst würden ihn schwerlich Meister des Fachs wie Theodoros und Aristodemos als Tritagonisten an ihrer Seite geduldet haben. Demosth. XIX 246. Ein ärgerlicher Vorfall indes – es begab sich nämlich, dass er als Oinomaos im gleichnamigen Stücke des Sophokles bei der Verfolgung des Pelops auf unanständige Weise hinstürzte, so dass er aufgehoben werden musste (Dem. XVIII 180. Demochares beim Biogr. des Aisch. p. 246 Bk.) – scheint ihm die Bühne verleidet zu haben. Er kehrte zur Feder zurück und nahm aufs neue Schreiberdienste, diesmal bei namhaften Männern, wie Aristophon und Eubulos, die damals an der Spitze der Staatsverwaltung standen. Ihrer Vermittlung hatte wohl auch er nebst seinem Bruder Aphobetos die Beförderung zum Staatsschreiber zu verdanken (Demosth. XIX 249), die letzte Stufe, durch welche er ins politische Leben übertrat. Er heiratete die Tochter des Philodemos aus Paiania, eines angesehenen und wohlhabenden Mannes. Aisch. II 150. Demosth. XVIII 312. Über die ganze Jugendgeschichte des Α. s. besonders A. Schäfer Demosth. und seine Zeit I 191–232.

A. schloss sich gleich von vornherein der Partei an, an deren Spitze Eubulos stand, einer Partei, die damals allmächtig war durch die Bereitwilligkeit, womit sie das Staatsvermögen dem begehrlichen und genusssüchtigen Volke preisgab, eben dadurch aber den Staat unfähig machte, seine Stellung den übrigen griechischen Staaten gegenüber mit Ehren zu behaupten. Die letzten ziemlich bitteren Früchte dieser Politik zur Zeit, wo von dem ersten öffentlichen Auftreten des A. berichtet wird, waren der Abfall der bedeutenderen Bundesgenossen, der Verlust einer Reihe von Besitzungen [1052] Athens im Norden und die Eroberung von Olynthos durch Philipp von Makedonien gewesen. Das letztere Ereignis, das die ernstesten Mahnungen des Demosthenes abzuwenden nicht vermocht hatten, veranlasste die Partei, doch etwas einzulenken. Auf Antrag des Eubulos, den A. durch hochtönende Reden im Rat und in der Volksversammlung unterstützte (Demosth. XIX 302ff.) ward Ol. 108, 1 = 348 eine Gesandtschaft an die griechischen Staaten zum Aufruf gegen Philipp beschlossen. A. selbst ging damals als Führer der Gesandtschaft nach dem Peloponnes, um mit der arkadischen Bundesgemeinde zu verhandeln, und eiferte bei dieser Gelegenheit heftig, wiewohl erfolglos, gegen die makedonische Einmischung in die griechischen Angelegenheiten (Demosth. XIX 10f. 304). Immerhin mag er es mit diesem patriotischen Ergusse aufrichtig gemeint haben: aber um so weniger gerechtfertigt erscheint die Schwenkung, die er gleich darauf machte, und die ihn viel weiter führen sollte als Eubulos jemals zu gehen gesonnen gewesen war. Philipps Erbieten, Frieden mit Athen zu schliessen, war nicht nur der herrschenden Partei, welche Frieden um jeden Preis zu machen bereit war, sondern unter den Umständen, wie sie eben waren, auch den wahren Patrioten, selbst Demosthenes, willkommen. Auf Antrag des Philokrates, eines Gesinnungsgenossen des Eubulos, ward eine Gesandtschaft zur Anknüpfung der Verhandlungen mit Philipp beschlossen und in diese er selbst nebst A. und Demosthenes und sieben anderen gewählt. Gleich dieses erste persönliche Begegnen mit Philipp war für A. entscheidend. Denn wollte man auch seinen eigenen Bericht über den Verlauf jener Mission mit allen seinen gegen Demosthenes gerichteten Gehässigkeiten (II 20ff.) für richtig anerkennen, widerlich auf jeden Fall bleibt die Zudringlichkeit, mit welcher er sich bei der Audienz gebärdete und vor den übrigen Gesandten ins Licht zu stellen suchte. Freilich hatte Philipp mit gewohntem Scharfblick seinen Mann erkannt und danach sein Benehmen berechnet. Nur Demosthenes hatte sich nicht verblenden lassen: die Übrigen und vor allen A. waren bezaubert von der Huld und Gnade, die ihnen widerfahren, und flossen, nach Athen zurückgekehrt, in ihren Berichten ans Volk von Lobeserhebungen Philipps förmlich über (Aisch. II 47ff. Demosth. XIX 308). Es würde unbillig sein, jetzt schon dem A. hochverräterische Absichten unterschieben zu wollen, sicher aber war jetzt der erste Schritt dazu gethan und weitere folgten bald nach. Vielleicht wäre die Sache ohne schlimme Folgen verlaufen, hätten nicht gleichzeitig auch alle die andern Anhänger des herrschenden Systems derselben Richtung sich angeschlossen. Auch von ihnen hatte wohl keiner die Tragweite dieses Schrittes ermessen: ihr nächster Zweck war Friede, mochte dann kommen was da wollte; und dass Philipp, der eben auch Frieden brauchte, nicht knauserte, sondern sie nebenbei noch etwas Erkleckliches verdienen liess, war ihnen gerade recht. So schamlos freilich war keiner wie Philokrates, der sich der erhaltenen Bestechung offen rühmte (Demosth. XIX 114. 119. 145. 245): weit gefährlicher die, welche insgeheim nahmen und [1053] öffentlich die Scheinheiligen spielten, wie A. (Demosth. XVIII 41. XIX 145. Schol. Aisch. I 3). So kam es, dass die makedonische Partei in kürzester Frist und wie auf einen Schlag als eine compacte Masse fertig dastand. Ihre Seele war A. Der Friede, welchen Philipp anbot, war ein schimpflicher für Athen: seine Grundlage sollte der Status quo bilden, Athen also auf Amphipolis und alle andern im Laufe des amphipolitanischen Kriegs verlorenen Teile seines Gebiets ohne weiteres verzichten, von den athenischen Bundesgenossen aber die Phokier und Halier ausgeschlossen bleiben. In diesem Sinne stellte Philokrates den Antrag. Stürmisch waren die Debatten, die sich darüber in der Volksversammlung entspannen (über das Einzelne, namentlich mit Beziehung auf die einander widersprechenden Angaben des Demosthenes und Α., s. A. Schäfer Demosth. und seine Zeit II 195ff. und Hartel Demosth. Studien II 89f.): vergebens protestierten Demosthenes und andere Gleichgesinnte gegen solche Schmach, A. wusste durch Einschüchterungen (der Inhalt seiner Rede bei Demosth. XIX 15. 307. 311ff. und bei Aisch. II 75ff.) das Volk mürbe zu machen – blos die Stelle wegen der Phokier und Halier wurde zum Schein gestrichen, obgleich die makedonischen Gesandten nicht zustimmten – und Eubulos erzwang schliesslich die Annahme durch das durchschlagende Argument, der erste Schritt, den die Ablehnung nach sich ziehen würde, sei die Notwendigkeit wieder zu den Waffen zu greifen und somit die Aussicht, Kriegssteuer zu zahlen, und der Wegfall der Theorika (Demosth. XIX 291). Die Athener leisteten den Friedenseid und wählten nun Gesandte, um auch ihrerseits Philipp zu vereidigen. Es waren dieselben, die schon das erste Mal an Philipp abgeordnet gewesen waren. Vergebens trieb Demosthenes, Schlimmes ahnend, zur Eile an, vergebens beantragte er, man solle zu Schiffe gehen und geraden Weges nach dem Hellespont steuern, wo dem Vernehmen nach Philipp sich befände. Die Gesandtschaft reiste gemächlich zu Lande nach Makedonien, und als sie nach 23 Tagen zu Pella angekommen Philipp dort nicht antraf, blieb sie, anstatt ihn aufzusuchen, in Erwartung seiner Rückkehr noch weitere fünf Wochen daselbst müssig liegen. Philipp war inzwischen in das Reich des mit Athen verbündeten thrakischen Fürsten Kersobleptes eingedrungen; ein fester Platz nach dem andern fiel, die athenischen Besatzungen wurden zum Abzug, Kersobleptes selbst zur Capitulation gezwungen, und die ganze Seeküste von Thrakien bis nach der Propontis hin kam in Philipps Gewalt. Dann erst kehrte er zurück und traf in Pella mit den athenischen Gesandten zur Ratification des Friedens zusammen. Was A. dabei sprach (Aisch. II 113ff.) ist eher eine versteckte Vollmacht, nach Belieben zu verfahren, als ein Protest. Kurz, Philipp beschwor den Frieden in der ursprünglich von ihm selbst vorgeschlagenen Form, mit Ausschluss von Phokis und Halos, und entliess endlich, nachdem er alles zu dem beabsichtigten Schlage gegen die Phokier vorbereitet, die athenischen Gesandten von Pherai aus in Begleitung eines Schreibens, in welchem er von dem Geschehenen Meldung that und die Gesandtschaft [1054] ihres langen Ausbleibens wegen entschuldigte (Demosth. XIX 36. 175. Aisch. II 124). Nach erfolgter Rückkehr deckte sofort Demosthenes das ganze Complott im Rate auf, in der Volksversammlung aber ergriff A. zuerst das Wort und log den Athenern vor, er habe Philipp für Athen gewonnen, und wegen seines Anmarsches konnten sie ganz ausser Sorgen sein; in kurzem werde sichs ausweisen, dass er gekommen sei, nicht um die Phokier zu unterwerfen, sondern um die verhassten Thebaner zu demütigen, und dem Vernehmen nach werde er ihnen, den Athenern, Euboia, vielleicht auch Oropos zurückgeben, Boiotien von Thebens Herrschaft erlösen, Thespiai und Plataiai wiederherstellen, und was der schönen Dinge mehr waren (Demosth. V 9f. VI 30. XIX 20f. 112. 220. 324ff.). Zwar versuchte darauf Demosthenes, dem bethörten Volke die Augen zu öffnen, jedoch vergebens, er fand nur Hohn und Unglauben, und A. und Philokrates liessen ihn nicht zum Worte kommen (Demosth. a. a. O. u. XIX 45f.). Das Volk glaubte was es wünschte, und genehmigte in seinem Taumel sogar den Antrag des Philokrates, den Frieden und das Bündnis auch auf die Nachkommen Philipps auszudehnen, für den Fall aber, dass die Phokier ihre Pflicht nicht thun und den Amphiktyonen das delphische Heiligtum nicht übergeben würden, mit gegen sie zu marschieren. Eine dritte Gesandtschaft ward ernannt, um diesen Beschluss an Philipp zu überbringen. Demosthenes lehnte die auf ihn gefallene Wahl sofort ab, A. nahm die seinige anfangs an, liess sich jedoch, da inzwischen im Volke Zeichen des Misstrauens sich zu erkennen gaben und zur Bekämpfung desselben sein Bleiben erwünscht schien, im Augenblick der Abreise krank melden. Diese Gesandtschaft erreichte ihr Ziel nicht. Unterwegs traf sie die Nachricht, dass Philipp ungehindert die Thermopylen passiert, das phokische Söldnerheer auf die Nachricht von den Vorgängen in Athen capituliert habe und Phokis ohne Schwertstreich den Makedoniern unterlegen sei. Mit dieser Nachricht kehrten die Gesandten schleunigst nach Athen zurück. Gross war dort die Bestürzung, allein man beschloss, die Gesandten sollten sich gleichwohl an den Ort ihrer Bestimmung begeben, um bei Philipp und beim Rate der Amphiktyonen zu Gunsten der Phokier zu vermitteln und auch sonst das athenische Interesse wahrzunehmen. Auch diesmal lehnte Demosthenes ab, A. hingegen, der plötzlich gesund geworden, schloss sich an. Mag er dort, wie er behauptet (II 142), den nicht beteiligten Phokiern das Leben gerettet und das von den Oitaiern verlangte Blutgericht abgewendet haben; das war das Mindeste, was er zur Sühnung des begangenen Verrates thun konnte. Wie wenig indes ihm und seinen Mitgesandten das geschehene Unglück zu Herzen ging, bewiesen sie dadurch, dass sie nicht Anstand nahmen an Philipps Tafel als Gäste das Siegesmahl mitzufeiern (Demosth. XIX 128. Aisch. II 162). In Athen sah man die Sache anders an, man machte sich auf einen Angriff Philipps gefasst und setzte die Stadt in Verteidigungszustand. Die Rückkehr der Gesandten zerstreute diese Besorgnis. Philipp begnügte sich damit, ein strenges Strafgericht über die Phokier zu halten und [1055] an ihrer Statt sich in den Amphiktyonenrat aufnehmen und zum Anordner der pythischen Spiele ernennen zu lassen. Athen beschickte die kurz darauf von ihm im Herbst Ol. 108, 3 = 346 gefeierten Pythien aus Ingrimm nicht, und Philipp sah sich genötigt, zur Anerkennung seiner Aufnahme eine besondere Aufforderung der Amphiktyonen dorthin ergehen zu lassen. Das Volk wollte anfangs nichts davon wissen und liess Α., welcher unbedingte Unterwerfung forderte, gar nicht zum Worte kommen, erst der Ansprache des Demosthenes in der Rede vom Frieden gelang es, die aufgeregten Gemüter zu beruhigen und ein Abkommen dahin zu treffen, dass man unter den obwaltenden Umständen wenigstens den eben geschlossenen Frieden aufrecht hielt. S. über diese Vorgänge A. Schäfer Demosth. und seine Zeit II 180–287.

In der folgenden, nach aussen hin verhältnismässig ruhigen Zeit, brachte Demosthenes in Gemeinschaft mit Timarchos (Dem. XIX 257) seine Klage παραπρεσβείας gegen A. an. A. suchte dieselbe dadurch, wenn nicht zu beseitigen, doch wenigstens zu verzögern, dass er wider Timarchos die ἐπαγγελία δοκιμασίας erhob, indem er ihm, als wegen Unzucht und Vergeudung des väterlichen Erbteils der Atimie verfallen, das Klagerecht bestritt. Seine Rede in dieser Sache ist noch vorhanden. Politische Beziehungen sind in ihr absichtlich fern gehalten. Und mag Timarchos auch kein Tugendheld gewesen sein, so ist doch die Rede selbst durch die Geflissentlichkeit und Selbstgefälligkeit, womit die längst verjährten Jugendsünden des Angeklagten zur Schau gestellt und andere achtbare Männer, natürlich von der entgegengesetzten Partei, in diese Partie der Chronique scandaleuse von Athen mit hineingezogen werden, über die Massen widerlich. Sie erreichte indes ihren Zweck: Timarchos ging seiner bürgerlichen Rechte verlustig. Dies geschah um die Mitte Ol. 108, 3 = 345. Nicht lange darauf, und bevor noch die gegen A. selbst schwebende Klage zum Austrag kam, ward gegen seinen Genossen Philokrates durch Hypereides, welchen Demosthenes unterstützte, eine Eisangelie wegen genommener Bestechung und wegen zum Schaden des Staats dem Philipp geleisteter Dienste eingebracht. Einen solchen Angriff zu parieren war ein so offenkundiger Verräter wie Philokrates der Unterstützung des A. ungeachtet nicht im stande, er ging freiwillig ins Exil, ehe noch der auf Tod lautende Urteilsspruch ergangen war (Hyperid. f. Euxen. c. 39. Demosth. XIX 116f. Aischin. II 6. III 79). Α. dagegen hatte sein Gewebe zu fein gesponnen und rechnete zu sicher auf den Beistand seiner Partei, als dass er ein gleiches Schicksal hätte fürchten sollen. Liess er doch selbst im Angesichte der Gefahr nicht ab, das makedonische Interesse in ostensibler Weise zu vertreten. Es war in jener Zeit (Ol. 108, 4), dass ein vor kurzem als Pseudobürger ausgewiesener Athener, Antiphon, der aus Rache bei Philipp die Flotte und Werfte der Athener in Brand zu stecken sich verdungen hatte, über diesem Anschlag von Demosthenes in seinem Versteck ergriffen und vor das Volk gestellt wurde. Laut protestierte A. gegen diese Gewaltmassregel und ertrotzte die Freilassung [1056] des Antiphon; doch unbekümmert um solche Parteidemonstration liess der Areopag denselben aufs neue festnehmen und nach geschehener Folterung hinrichten (Demosth. XVIII 132f.). Und ganz im Einklang hiermit steht das Mißtrauensvotum, das eben dieser Gerichtshof Ol. 109, 1 gegen A. abgab, als dieser zur Wahrung des von den Deliern in Frage gestellten Eigentumsrechtes der Athener am delischen Heiligtum vom Volke als Sachwalter beim Amphiktyonenrat bestellt worden war; der Areopag cassierte in letzter Instanz diese Wahl und übertrug die Verteidigung der athenischen Interessen in dieser Sache dem Hypereides (Demosth. XVIII 134). Nach mancherlei Weiterungen, welche A. herbeizuführen gewusst, kam endlich (Ol. 109, 2) im Sommer 343 der von Demosthenes gegen ihn anhängig gemachte Gesandtschaftsprocess zur gerichtlichen Verhandlung, und noch liegen die Reden vor, welche von beiden Teilen in dieser Sache gesprochen wurden. Dem strengen Rechte nach, und das haben wohl nur wenige der Zeitgenossen sich verhehlt, hätte A. das Schicksal des Philokrates teilen müssen. Wenn es anders kam, so geschah das nicht, weil er die gegen ihn erhobenen Anschuldigungen wirklich entkräftet hätte – denn seine Rede, so künstlich angelegt und schlau ausgeführt sie auch ist, ist doch nichts weniger als eine Widerlegung der Anklage im wahren Sinne – sondern es war das Ergebnis von Umständen, die ausserhalb der Sache lagen. Mag auch das scheinheilige Gebahren des Α., mag der Mangel an aktenmässigen Beweisen in der Rede des Klägers, deren Herbeischaffung ihm geflissentlich erschwert wurde, bei schwachen Seelen seinen Eindruck nicht verfehlt haben, stärker wirkte bei der Mehrzahl der Geschworenen die Zeit, welche seit jenen Händeln bereits vergangen war und der Erinnerung an dieselben ihre Bitterkeit genommen hatte, stärker die Besorgnis, gegenüber der mächtigen makedonischen Partei die Sache nicht zu weit zu treiben, am stärksten aber die Umtriebe dieser Partei selbst, die, nachdem sie in Philokrates bereite ein Opfer gebracht, ernstlich entschlossen war, ein abermaliges nicht zu bringen, und alles aufbot, den ihr so unentbehrlichen A. zu retten. Schon vor Beginn der Gerichtssitzung versäumten seine Gesinnungsgenossen kein Mittel, die öffentliche Stimmung zu bearbeiten und die Geschworenen, sei es im Guten oder durch Einflüsterungen, für sich zu gewinnen (Demosth. XIX 1. 238f. 296); dann, als Demosthenes sprach, unterbrachen sie ihn durch ordnungswidriges Zischen und Dazwischenreden (Aischin. II 4. 153. Schol. Demosth. XIX 197 und Schol. Aisch. II 1); endlich am Schlusse von A.s Rede fiel die Verwendung von Männern wie Eubulos, Phokion, Nausikles u. a. zu seinen Gunsten sicher schwer ins Gewicht. Kurz, A. ward freigesprochen, wenn auch, was einer Niederlage ziemlich gleichsieht, mit der geringen Majorität von nur 30 Stimmen (Idomeneus bei Plut. Dem. 15. Leb. d. zehn Redn. 840 B). Denn unhaltbar ist die von Plutarch aus dem Stillschweigen beider Redner über diese Angelegenheit in den späteren Kranzreden abgeleitete Ansicht, die Sache sei gar nicht gerichtlich verhandelt und die Gesandtschaftsreden [1057] selbst nur schriftlich von den Parteien in Umlauf gesetzt worden, vgl. F. Franke proleg. in Dem. or. de fals. leg., Misen. 1846. M. Schmidt quaest. de Dem. et Aesch. or. de fals. leg., Bonn 1851. A. Schäfer Demosth. und seine Zeit II 358–390.

In den nächsten Jahren hören wir nur von einer von A. um Ol. 109, 4 = 340 gegen Demosthenes geplanten Eisangelie, welche durch die Enthüllung seines Einverständnisses mit Philipps Spion Anaxinos vereitelt wurde (Demosth. XVIII 137. Aisch. III 223). In den Vordergrund tritt A. erst wieder Ol. 110, 1 = 339. Es kam nämlich darauf an, dem Philipp, dessen Einfluss in Griechenland durch den langwierigen thrakischen Feldzug sowohl als durch das energischere Auftreten der Athener bedeutend vermindert war, durch Anstiften neuer Wirren Gelegenheit zu erneuter Einmischung in die griechischen Angelegenheiten zu geben. Als Werkzeug hiezu ward A. ausersehen. Er selbst erzählt (III 107ff., vgl. Demosth. XVIII 149ff.), wie er, zum Pylagoren für die amphiktyonische Frühjahrsversammlung 339 gewählt (schon seine Wahl aber war abgekartet, Demosth. a. a. O. 149), dort gegen die Lokrer von Amphissa, angeblich gereizt durch eine feindselige Demonstration von ihrer Seite gegen Athen und in augenblicklicher Aufwallung (aber seine Rede war sorgfältig vorbereitet, Demosth. a. a. O.), Beschwerde geführt habe wegen eines Stückes zum delphischen Heiligtum gehörigen Landes, das jene sich angemasst und widerrechtlich angebaut hätten; wie darob erzürnt tags darauf die Amphiktyonen selbst hinüberzogen und die dort aufgeführten Baulichkeiten zerstörten und in Brand steckten, auf dem Rückweg aber, von den Amphissern mit gewaffneter Hand überfallen, sich kaum zu retten vermochten; wie dann dieselben eine ausserordentliche Versammlung der amphiktyonischen Staaten anberaumten, um wegen Bestrafung der Frevler zu beraten, und auf dieser beschlossen wurde, die Amphisser mit Krieg zu überziehen. Als aber damit nichts auszurichten war und die Amphisser die ihnen auferlegte Geldbusse nicht zahlten, wurde ein zweiter Krieg beschlossen und dessen Führung dem Philipp übertragen. Das war es, was er gewünscht, der Auftrag, den begangenen Gottesfrevel zu rächen und somit das Recht, mit gewaffneter Hand inmitten von Griechenland zu erscheinen. Darauf folgte sein Einmarsch durch die Thermopylen im Spätjahr 339, die Unterdrückung der Amphisser, die Besetzung von Elateia, und der letzte Entscheidungskampf der nun vereinigten Athener und Thebaner bei Chaironeia am 2. August 338. So entscheidend der hier errungene Sieg für die makedonische Sache im ganzen war, den Parteigängern Philipps galt er für einen halben nur, so lange nicht auch die Führer des Volks, vor allen der gehasste und gefürchtete Demosthenes, mit in den Sturz hineingezogen waren. Ihre Rachepläne scheiterten jedoch an der festen Haltung des nunmehr vollständig ernüchterten Volks, welches nicht nur dadurch, dass es die Anklagen mit Verachtung abwies, die gleich nach jener Katastrophe durch das Geschmeiss der im makedonischen Solde stehenden Sykophanten in Masse [1058] gegen Demosthenes erhoben wurden (Demosth. XVIII 249), zu seiner Politik entschieden sich bekannte, sondern auch darin ihm einen Beweis besonderen Vertrauens gab, dass es, obgleich A. und andere sich zudrängten, ihn zum Sprecher der Gedächtnisrede am Grabe der bei Chaironeia Gefallenen erwählte (Demosth. XVIII 285ff.). Nur in die Gesandtschaft ward A. mitgewählt, die von Athen zur Unterhandlung wegen der Kriegsgefangenen und zur Anbahnung günstiger Friedensbedingungen an Philipp damals abging (Demosth. XVIII 282. Aisch. III 227).

Philipps Tod (Ol. 110, 4 = 336) änderte in A.s Stellung zum makedonischen Hofe nichts; wie zu ihm, so hielt er auch fest zu Alexander (Demosth. XVIII 51, vgl. Aisch. II 66). Indes nahm A. auch jetzt, wie er überhaupt aus Grundsatz zu thun pflegte (Demosth. XVIII 307ff.), nur selten Gelegenheit, als Verfechter der makedonischen Interessen persönlich aufzutreten. Ob hierher erst sein Angriff gegen das hierarchische Gesetz des Demosthenes gehört (Demosth. XVIII 312. Aisch. III 222) steht dahin: Jedenfalls erfolgte derselbe erst nach beendigtem Kriege mit Philipp (Boeckh Staatsh. d. Athen. I² 745. A. Schäfer Dem. II 493). Nur geringfügig aber erscheint dieser Angriff im Vergleich mit dem Hauptsturme, den er schliesslich gegen Demosthenes heraufbeschwor. Es war in den ersten Monaten des J. 336 (Ol. 110, 4), als Ktesiphon wegen der Freigebigkeit, die kurz vorher Demosthenes sowohl bei Ausführung der von ihm selbst beantragten Wiederherstellung der Festungswerke von Athen als auch in seiner Eigenschaft als Vorstand der Theorikenkasse bewiesen, und weil er überhaupt in Wort und That das allgemeine Beste stets gefordert, an den Rat den Antrag brachte, das Volk wolle ihn deshalb beloben und mit einem goldenen Kranze ehren und diese Auszeichnung im Theater an den grossen Dionysien durch den Herold zur öffentlichen Kunde bringen lassen. Der Rat genehmigte den Antrag; als jedoch die Sache vor das Volk kam, erhob sich A. dagegen mit der Erklärung, der Antrag sei ungesetzlich und er selbst werde deshalb den Ktesiphon belangen. Die Klagschrift reichte er unmittelbar darauf und noch bei Philipps Lebzeiten ein; gleichwohl verzögerte sich die gerichtliche Verhandlung darüber mehr als sechs Jahre lang (nicht zehn, wie Plut. Dem. 24 irrtümlich annimmt und wie auch Cic. de opt. gen. or. 7 gerechnet haben muss, indem er die Sache vier Jahre vor Philipps Tode anhängig werden lässt) bis zur Zeit des Archon Aristophon (Plut. a. a. O. Dionys. Hal. ep. ad Amm. I 12. Theophr. Char. 7), Ol. 112, 3 = 330. Eine derartige Verzögerung ist auffällig und ihre Gründe sind nicht mit Sicherheit nachzuweisen. Vgl. Baerwinkel de lite Ctesiphontea, Sondershausen 1878, 2–19. Die Rede ist von A. bei der Herausgabe mit Rücksicht auf die Verteidigung des Demosthenes mehrfach durch Zusätze erweitert worden. Vgl. Westermann Quaest. Demosth. III 61ff. Schäfer Demosth. III, Beil. 75f. Guttmann de ratione quae Aeschinis Ctesiphonteae cum eius commentariis intercedit, Breslau 1883. A. Rabe Die Redaktion der Aeschineischen Rede gegen Ktesiphon, Berlin 1891. Reich Die Frage der sogenannten 2. Redaktion [1059] der Reden vom Kranze, München 1891. Sie beschränkt sich keineswegs auf den Rechtspunkt, wo Ktesiphon einen Formfehler dadurch begangen hatte, dass er die Bekränzung des Demosthenes vor abgelegter Rechenschaft beantragt hatte, und wo auch die Verteidigung (Demosth. XVIII 111f.) ungenügend erscheint (vgl. Baerwinkel a. a. O. 19ff.). Es galt ihm vielmehr den Versuch, an dem verhassten Gegner gründliche Rache zu nehmen und ihn wo möglich mit einem Schlage zu vernichten. Und somit ist es, von dem privaten nicht zu reden, das ganze öffentliche Leben des Demosthenes, das er einer Kritik von seinem Standpunkt aus unterwirft, um zu zeigen, dass ihm allein die Athener ihr ganzes Unglück zu verdanken haben. Sei es nun, dass ihn die Leidenschaft verblendete, oder dass er seine eigenen Kräfte überschätzte oder zu sehr auf die Leichtgläubigkeit und den Leichtsinn des Volkes rechnete oder auf das Übergewicht seiner Partei pochte, kurz er verdarb in seinem blinden Eifer sich selbst das Spiel. Dass in seinem Munde jene Würdigung der gegnerischen Politik unparteiisch und der Wahrheit gemäss ausfallen werde, das hatte natürlich niemand erwartet; allein eine so masslose Invective wie er sie über seinen Gegner ergehen liess, ein so roher Erguss von Schmähungen und Beleidigungen und geflissentlichen Verdrehungen der Wahrheit war selbst den Athenern zu stark, die sich doch sonst etwas der Art bieten liessen, und musste wohl sein Ziel verfehlen und eine Sache, welche zu ihrer Verteidigung solcher Waffen bedurfte, als eine verzweifelte erscheinen lassen. Zwar hatte Demosthenes, der als der persönlich Angegriffene für Ktesiphon in die Schranken trat, bei alledem kein leichtes Spiel, und die Gesinnungsgenossen des A. werden auch jetzt kein Mittel unversucht gelassen haben, die öffentliche Meinung zu seinen Gunsten umzustimmen; aber die Kraft der Wahrheit, womit Demosthenes sprach, war wahrhaft überwältigend und brachte jede andere Rücksicht zum Schweigen. A. erhielt nicht den fünften Teil der Stimmen und ward demzufolge in die verfassungsmässige Strafe von 1000 Drachmen verurteilt. Moralisch vernichtet und unfähig, den Anblick des verhassten Siegers zu ertragen, ging er freiwillig ins Exil nach Asien, und zwar zuerst nach Ephesos, um dort die Rückkehr Alexanders zu erwarten, nach dessen Tode aber nach Rhodos, und endlich nach Samos, wo er (angeblich im 75. Lebensjahr, Apollon. Leb. d. Aisch. p. 16) sein Leben beschloss. Plut. Dem. 24. Leb. d. 10 Redn. 840 CD. Anon. Leb. d. Aisch. 11. Die von den meisten seiner Biographen überlieferte Nachricht, dass er zu Rhodos mit Unterricht in der Redekunst sich abgegeben – dazu noch die oft wiederholte Anekdote über die dortige Vorlesung seiner Rede gegen Ktesiphon, Leb. d. 10 Redn. 840 D. Philostr. vit. Soph. I 18, 4. Phot. bibl. 61. Schol. Aisch. II 1. Cic. de or. III 213. Valer. Max. VIII 10 ext. Plin. n. h. VII 110. Plin. ep. II 3. IV 5. Quintil. XI 3, 7 – wurzelte so tief, dass man ihn späterhin unbedenklich, wenn auch mit Unrecht, als unmittelbaren Stifter der rhodischen Rednerschule betrachtete (Leb. d. 10 Redn. 840 D. Philostr. a. a. O. Quintil. XII 10, 18f.).

[1060] Woher A. seine rednerische Bildung habe, darüber hat man im späten Altertum gar viel herüber und hinüber geraten. Demetrios der Phalereer machte ihn zu einem Schüler des Sokrates und Platon (Schol. Aisch. II 1. Apollon. vit. Aesch. p. 14); den letztern nennt als seinen Lehrer auch Photios bibl. 61; Isokrates substituieren dem Erstem Philostr. vit Soph. I 18, 3 und der Biograph der zehn Redner 840 Α; dem widersprachen mit Recht Idomeneus, Hermippos und Caecilius, von denen der Letzte vielmehr den Redner Leodamas zu seinem Lehrer macht (Leb. d. 10 Redn. a. a. O.), und zwar offenbar durch einen falschen Schluss, den er aus Aisch. III 138 gezogen hat; Suidas endlich und Photios a. a. O. (bei welchem natürlich Ἀλκιδάμαντι statt Ἀνταλκίδᾳ zu schreiben ist) nennen den Elaiten Alkidamas als seinen Lehrer. Das alles ist unbegründet. A. hat nie methodischen Unterricht in der Redekunst genossen; was er als Redner leistete, verdankt er nicht der Schule, sondern seiner natürlichen Begabung (er selbst deutet II 11. III 228 darauf hin) und der eigenen Anstrengung, womit er diese aufs kräftigste unterstützte. Ob er irgend einem bestimmten Vorbild nachgeeifert habe und welchem, dürfte schwer zu sagen sein: sicherlich wenigstens nicht einem so zierlichen wie Isokrates, oder einem so schlichten wie Lysias. Sein Geschmack war mehr das pathetische Genre. Eben dieser Geschmack hatte ihn zur Bühne hingezogen und von dort wieder neue Nahrung empfangen: dort hatte er seine Stimmittel erprobt und ausgebildet, von dort her schreibt sich die Eindringlichkeit des Vortrags, die Gravität in Gesten und Mienen, die Fülle des affectvollen und bis zum höchsten Pathos sich steigernden Ausdrucks, die ihren Eindruck bei einem empfänglichen Publicum nicht leicht verfehlte. Meister ist er überall, wo es gilt, zum Gemüte der Zuhörer zu reden, ihre Leidenschaften in Bewegung zu setzen und mit sich fortzureissen: verstandesmässige Überzeugung hingegen, klare, bündige, logische Beweisführung ist seine Sache nicht, und in diesem Punkte steht der schäumende und wirbelnde Strom seiner Rede hinter dem klaren und tiefen Spiegel der demosthenischen eben so weit zurück, als seine Gesinnung hinter der des Demosthenes. Und eben diese seine Gesinnung ist es auch, die seine rednerischen Erfolge wesentlich beeinträchtigte. Es fehlte ihm nicht an Schärfe des Verstandes, und was er sagt, ist alles fein und schlau berechnet: aber er diente einer schlechten Sache, ohne den Mut zu haben, sich offen zu ihr zu bekennen. Seine Rede ist daher, ausser wo gerade die Wahrheit in seinen Kram passt, eitel Lug und Trug und nimmt keinen Anstand, den Thatsachen geradezu ins Gesicht zu schlagen. Wie anerkennenswert also auch sonst der Reichtum seiner rhetorischen Mittel sein mag, so macht er doch immer den Eindruck eines Redners, der sein Publicum nicht überzeugen, sondern beschwatzen und bethören, und seinen Gegner nicht widerlegen oder überführen, sondern durch eine Flut von Worten gewaltsam niederreden will: kurz, es fehlte seiner Rede wie seinem Charakter der sittliche Gehalt. Das Bildnis des A. ist uns in mehreren Büsten, darunter [1061] einer vaticanischen mit Namensinschrift, sowie in einer vorzüglichen Statue aus Herculaneum, jetzt in Neapel, erhalten. Visconti Mus. Pio-Clem. VI 36; Icon. gr. I 29. Mus. borb. I 50. Clarac Mus. des sculpt. 843, 2136. Baumeister Denkm. I 33; vgl. Welcker Akad. Kunstmuseum, 2. Ausg. S. 48. Eine andere Statue erwähnt Christodor. Ecphr. 14 (Anal. II p. 456).

Ausser den drei Reden, die nach Photios a. a. O. mit dem Namen Χάριτες bezeichnet wurden, verfasste A. in seiner Jugend (vgl. A. Schäfer Demosth. I 216) Liebeslieder, zu denen er sich (I 136) selbst bekennt. Die zwölf ihm zugeschriebenen Briefe, gegen die Philostr. I 18, 6 kein Bedenken hat, von denen aber Photios nur neun unter dem Namen Μοῦσαι kannte (zuerst in Aldus Briefsammlung 1499, dann als gewöhnliche Zugabe zu den Reden oft herausgegeben), sind nicht von ihm. Die Reden sämtlich erschienen zuerst in der Sammlung der griech. Redner von Aldus Manutius, Venet. 1518; mit lat. Übers. von Hier. Wolf nebst denen des Demosthenes, Basil. 1572 und Francof. 1604; in der Sammlung der Redner von H. Stephanus, Paris 1575; mit den Noten von Wolf, Taylor, Markland und eigenen von J. J. Reiske, Lips. 1771; zuerst mit umfänglicherem kritischem Apparat von Imm. Bekker (Orat. att. vol. III), Berol. 1823; mit erklärenden Anmerkungen von J. H. Bremi, 2 voll. Turici 1823; mit den Lesarten des cod. Hafn. zur ersten Rede von W. Dindorf, Lips. 1824; in der Gesamtausgabe der attischen Redner von J. G. Baiter und H. Sauppe, daraus auch besonders abgedruckt, Turici 1840; in der Sammlung der griech. Redner von C. Müller vol. II, Paris (Didot) 1858; ed. F. Franke, Lips. 1851, ed. II 1860; ed. scholia ex parte inedita adiecit F. Schultz, Lips. 1865; ed. A. Weidner, Berol. 1872. Ausgaben einzelner Reden: in Timarchum ed. Franke, Cassel 1839; in Ctesiphontem ed. Weidner, Lips. 1872 und Berlin 1878. Übersetzungen von J. H. Bremi, Stuttgart 1828, griechisch und deutsch v. Benseler, Leipzig 1855.

Über die Hss. vgl. Weidner in der lateinischen Ausgabe der Ctesiphontea und de Aeschinis emendatione ad Cobetum epistola, Gissae 1874. Büttner Quaest. Aesch., Gera 1878. Adam de cod. Aesch., Berol. 1882. Ortner Krit. Untersuchungen zu A.s Reden, Münch. 1886. Über den Wert der drei Handschriftenklassen, die aus einem Archetypus stammen, herrschte lange Streit. Zwei Papyrusblätter von Faijûm, mitgeteilt von W. v. Hartel Über die griechischen Papyri Erzherzog Rainer, Wien 1886, enthaltend III 178–186, stehen mit unserer Überlieferung in Übereinstimmung, begünstigen aber innerhalb derselben die Hss. e k l Bekkers. Zur Textkritik: Franke Quaest. Aeschineae in Acta soc. graec. vol. II und Progr. Fulda 1841; lectiones Aeschineae, Philol. Suppl. I und Meissen 1867. Dobree adv. I 315–334. Hillebrand Progr. Weilburg 1868. Rosenberg Progr. Hirschberg 1878. Baeker Diss. 1875. Pabst Diss. 1880. Klinke Diss. 1887. Tschiedel Diss. 1887. Ortner Progr. München 1886. Poutsma Diss. Amsterdam 1888. Über den Sprachgebrauch: Finsterwalder De coniunctivi et optativi usu, Diss. 1878. [1062] Trentepohl Diss. Argentorati 1877. Über die Scholien: Schultz in Jahrb. f. Philol. 93 und 97. A. Schäfer ebd. 93. Freier in Leipz. Stud. V. Opitz Progr. Dortmund 1888. Im allgemeinen vgl. neben dem Hauptwerk von A. Schäfer: Stechow de Aesch. oratoris vita, Berol. 1841. Marchand Charakteristik des Redners Aeschines, Jena 1876.

Nachträge und Berichtigungen

Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
Band S X (1965), Sp. 7–8
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     S. 1051, 21 zum Art. Aischines 15):

Seine szenische Tätigkeit war den alten Schriftstellern gut bekannt; vgl. Cic. rep. IV 11 etc. etc.