RE:Alexandros 90a

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band S VI (1935), Sp. 35
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S. 1452, 45 zum Art. Alexandros:

90 a) Ein Seefahrer des Indischen Ozeans, von Ptolem. I 4, 8 erwähnt. Ihn hat Ptolemaios lediglich aus Marinus von Tyrus (s. d.) in Erfahrung gebracht, aber nie sein Segelbuch (σταδιασμός oder wie es sonst geheißen haben mag) eingesehen. Auch seine Zeitstellung ist nicht bekannt. Ganz unmöglich ist eine ältere Annahme, daß Alexander d. Gr., dessen Verdienste um die Erforschung der Erdkunde auch in wissenschaftlicher Hinsicht und nicht bloß wegen des praktischen Zwecks für Militär und Politik außerordentliche sind, diese Fahrten sei es selbst angestellt sei es angeregt hat. Liegt doch diese Gegend erheblich außerhalb der Landkreise, von denen Alexander d. Gr. je erfahren hat oder erfahren konnte. Für ihre Datierung ist meines Erachtens von hervorragender Bedeutung, daß alle Schriften, die Ptolemaios im ersten Buch [4] seiner Geographie zitiert, auf Marinus zurückgehen oder (in wenigen Fällen) noch älter sind.

Das war wohl ein Teil der neuen Literatur, auf die sich Marinus bei seiner διόρθωσiς τοῦ γεωγραφικοῦ πίνακος gestützt, und deren Aufstöberung und Zitierung gewiß ein unbestreitbares Verdienst seiner Forschung gebildet hat. Zu diesem Kreis gehören auch, um gar nicht der Expeditionsberichte aus *Septimius Flaccus und des *Iulius Maternus (I 8, 4. 10, 2) zu gedenken, *Diodorus von Samos in seinem ,3. Buch‘ (mit Sternchen * sind jene Namen hervorgehoben, die nicht als Quellen für den fernen Osten in Betracht kommen) Ptolem. I 7, 6; *Diogenes I 9, 2; *Dioskoros I 9, 3. 14, 2 und 3; Maes Titianius I 11, 7. *Philemon I 11, 8; *Theophilos I 9, 2ff. Marinus braucht nicht diese Schriftsteller persönlich gekannt zu haben, und sie müssen nicht einmal alle, wie P. Schnabel zeigte, dem Marinus schon vor Abfassung der letzten Ausgabe (ἔκδοσις) seiner διόρθωσις zugänglich gewesen sein. Schnabel trennt vielmehr A. von dieser Gruppe, wenn er sich zu der Behauptung versteigt, daß die Fahrt A.s nach Kattigara (s. d.) erst unter Marc Aurel erfolgt sein könne ,und mit jener Gesandtschaft aus Groß-Ts’in zu identifizieren sei, die im Auftrag des Kaisers An-tun im J. 166 n. Chr., also des Marcus Aurelius Antoninus, nach chinesischen Annalen am kaiserlichen Hof von China erschienen‘. Es ist ganz unmöglich, Marinus als Quelle für Ptolemaios bis in die Zeit des Marcus hinzuziehen. Dazu gesellen sich noch andere Hindernisse, besonders
1. daß überhaupt Roms Beziehungen zu China sehr umstritten sind.
2. Daß, wie A. Herrmann (wohl zuerst) nachgewiesen hat, die ohnehin auch schon von früheren Gelehrten als verwirrt angesehene Route vom Goldenen Chersonnes nach Kattigara, entweder durch Verschulden des Marinus oder erst des Ptolemaios, zweimal eingetragen ist (die alten Verkehrswege zwischen Indien und Südchina nach Ptolemaios, Ztschr. Ges. f. Erdk. Berl. 1913, 771ff.). A. Herrmann (Bd. XI S. 47): ,Dieser Fehler rührt daher, weil Marinus den Magnus sinus an falscher Stelle eingesetzt hat; er wußte nicht, daß dieser Meerbusen bereits an der Goldenen Chersones beginnt und daher eigentlich mit der Küstenlinie A.s übereinstimmt, die hier am Perimulischen Golf beginnt und im Osten am Großen Kap aufhört. Mit andern Worten, Ptolemaios hat den Golf von Siam zweimal dargestellt, einmal nach A. als Perimulischen Golf bis zum großen Kap, das zweite Mal nach der indischen Quelle als Magnus sinus. Das wird auch dadurch bestätigt, daß die an beiden Küstenstrecken eingetragenen Ortsnamen fast wörtlich übereinstimmen.‘ – Dazu Schnabel 243 im wesentlichen übereinstimmend, aber die Gleichung von Rhabana und Zabai abändernd.

3. Auch das Verhältnis in Marcianus’ (s. den Art. unten) Περίπλους τῆς ἔξω θαλάσσης zu Ptolemaios ist trotz aller Bemühungen zu wenig geklärt, so daß die Bestimmung der antiken Küstenorte von Indochina nicht aufgehellt ist. Vgl. Berthelot L’Asie ancienne an verschiedenen Stellen. Es sei außerdem noch besonders auf Abb. 14 S. 369 bei Berthelot hingewiesen, [5] die nach Fahrtbüchern des 18. Jhdts. (S. 370, aber auch hier unterläßt Berthelot wie so oft in seinem Buch Angabe von Zitaten und weiterführende Angaben) graphisch darlegt, zu welch ungeheuerlichen Umwegen die Segelschifffahrt im Indischen Meer infolge der atmosphärischen, aber regelmäßigen Verhältnisse an diesen Küsten gezwungen wird.

Ptolem. I 14 verhält sich A. gegenüber ungewöhnlieh gereizt, weil, wie er aus Marinus entnommen hatte, A. zwischen der Goldenen Chersones und Zabai 20 Tage Seefahrt und zwischen Zabai und Kattigara bloß ἡμέρας τινάς angesetzt hatte, statt eine bestimmte Zahl zu nennen oder πολλάς zu schreiben. Wir können vielleicht den Grund dieser Gereiztheit nachfühlen, wenn wir sehen, daß des A.s Bericht bei Ptolemaios für die Frage, ob der Indische Ozean offen oder ein Binnenmeer sei, entecheidende Bedeutung hatte. Ptolemaios fühlt sich im Nebel seiner Quellenauffassung verwirrt und wird ein Opfer dieser instinktiven Verwirrung. Für uns ist dieser Seefahrer A. eines der heikelsten Kapitel der ganzen Ptolemaios-Überlieferung und um so schlimmer, als ein gToßer Teil der ptolemaischen Editionen und Hilfstafeln heute noch (!) fehlen, keine Indizes außer antiquierten und sehr unvollständigen uns zu Gebote stehen und keine Studie über den Sprachgebrauch des Ptolemaios vorliegt, so daß wir also vielfach keinen Schritt ohne die Gefahr des Straucheins wagen können.

Literatur. A. Herrmann Art. Kattigara Bd. XI S. 46. A. Berthelot L’Asie ancienne centrale et sud-orientale d’apres Ptolémée (1930) 410 und überhaupt das ganze Kapitel: ,Les Sines‘ 409-417.