RE:Aphthonios 1

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band I,2 (1894), Sp. 27972800
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Aphthonios (Ἀφθόνιος). 1) Lehrer der Beredsamkeit, als solcher gewöhnlich σοφιστής, selten ῥήτωρ genannt, stammte aus Antiocheia (Schol. cod. Rhedig. zuerst veröffentlicht von Schaefer 3. Georg. Pleth. VI 548 W.). Aus der Anlage seiner Progymnasmen geht hervor, dass er nach Theon und Hermogenes gelebt hat (Hoppichler 26f.). Da er Schüler der Sophisten Libanios und Phasganios war (Schol. cod. Rhedig.), so wird man seine Blüte in die 2. Hälfte des 4. Jhdts. zurücksetzen, vielleicht sogar bis ins 5. Jhdt. hinabgehen müssen. In den Anfang des 5. Jhdts. setzte schon Heffter Ztschr. f. Alt.-Wiss. VI 1839, 389 auf Grund von prog. 12 p. 48, 20. 32 Sp. die Blüte des A. Über seine sonstigen Lebensumstände lässt sich mit Sicherheit nur wenig ermitteln. Dabei kommt insbesondere Liban. epist. 985 in Betracht, wonach A. fern von Antiocheia als Jugendlehrer wirkte, viele Bücher schrieb und mit einem dem Libanios engbefreundeten Redner Eutropios regen Verkehr pflegte. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist der hier genannte Eutropios identisch mit dem Verfasser des breviarium ab urbe condita (Schaefer 20–25. Seeck Symmachus p. CXXXII), den A. vermutlich von Antiocheia her kannte, wo Eutropios sich in den J. 355–362 aufhielt (Seeck a. O.). Ob A. gleich seinem Lehrer Libanios am Glauben der Väter festgehalten oder sich wie andere Libaniosschüler zum Christentum bekannt hat, lässt sich nicht entscheiden (Schaefer 25f.). Von den zahlreichen Schriften, die er verfasst hat, sind nur Progymnasmata und eine Sammlung von 40 Fabeln unter seinem Namen auf uns gekommen. Seine μελέται, gewöhnlich Declamationen auf fingierte Themata, las noch Photios (Bibl. 133 p. 97 a 25). Schaefer 28f. vermutet in ihnen eine Sammlung von Musterbeispielen zu den Progymnasmen und hält die Fabelsammlung für einen Teil der μελέται. Die auf die Überlieferung einer Rhetorik in einer Madrider und Baseler Hs. bezüglichen Angaben Iriartes Bibl. Matrit. cod. gr. mss. I 151ff. und Haenels Catal. libr. mss. 516 beruhen auf einem Irrtum (Schaefer 29f. Finckh 2).

Die Progymnasmen, welche die Elemente der Rhetorik als Vorbereitung zu der eigentlichen Unterweisung in der rhetorischen Kunst enthalten, werden in den Hss. überliefert unter dem Titel: Ἀφθονίου σοφιστοῦ προγυμνάσματα (so auch Doxop. II 127f. 78, 6). Die Zusätze im Etym. M. s. Ἀρναῖος (προγυμνάσματα τῆς ῥητορικῆς, auch sonst, s. u.) und bei Suid. s. Ἀφθόνιος (εἰς τὴν Ἑρμογένους τέχνην προγυμνάσματα, ebenso cod. Matrit. εἰς τὴν ῥητορικὴν Ἑρμογένους, s. Iriarte 154), sowie der Umstand, dass in fast allen Hss. die Progymnasmen des A. den rhetorischen Schriften des Hermogenes vorausgeschickt werden, weisen zur Genüge darauf hin, dass des A. Progymnasmen fast allgemein die Vorschule zu der Rhetorik des Hermogenes bildeten, dessen Progymnasmen durch die des A. in den Hintergrund gedrängt allmählich in Vergessenheit gerieten (wohl deshalb fehlt bei Suid. s. Ἑρμογένης eine Erwähnung der Progymnasmen des Hermogenes). Des Hermogenes Progymnasmen galten nach Schol. cod. Rhedig. für ἀσαφῆ πως καὶ δύσληπτα, besonders weil [2798] Musterbeispiele fehlten (ἀπαραδειγμάτιστα, s. auch Doxop. II 131); daher veröffentlichten viele Rhetoren neue progymnasmatische Schriften, unter denen die des A. am meisten Anklang fand. Und in der That dient das Schriftchen des A. den Zwecken des elementaren Unterrichts vortrefflich. Es ist unleugbar ein Vorzug seines Elementarbuches, dass im Anschluss an den ὅρoς jedes Progymnasma ausgeführte Beispiele zur Erläuterung folgen (Tzetz. chil. XI 131ff.). In dem ὅρoς beschränkt sich A. bei allem Streben nach Kürze nicht auf die Mitteilung der Definition, die ihrerseits öfters verbunden erscheint mit der Ableitung des Begriffs und der Unterscheidung von verwandten Begriffen, sondern er giebt zugleich die Einteilung (διαίρεσις) und Methode der Bearbeitung (ἐργασία) jedes Progymnasma an. Die 12 Übungsweisen des Hermogenes hat er um zwei vermehrt, die er indes nicht neu erfunden hat; vielmehr hat er nur die ἀνασκευή und καταασκευή, die bei Hermog. prog. 5 vereint erscheinen, gesondert behandelt und dem ἐγκώμιον nach dem Vorgange anderer (s. Theon prog. 8) den ψόγος, dessen Hermog. prog. 7 Erwähnung thut, zur Seite gestellt (Schol. cod. Rhedig. Doxop. II 353. Georg. Pleth. a. O. Tzetz. chil. XI 119–130). Da auch Libanios zu denselben 14 Progymnasmen Musterbeispiele geliefert hat, liegt die Vermutung nahe, dass A. hierin dem Vorgange seines Lehrers gefolgt ist, wie er manches mit ihm sachlich und sprachlich gemein hat und häufig mit ihm von den Scholiasten verglichen wird (Schaefer 14ff.). Inwieweit und ob überhaupt A. den Theon direct benützt hat, lässt sich bei seinem Schweigen über seine Quellen und dem Zustande der Überlieferung des Theon nicht klarstellen. Dagegen unterliegt es keinem Zweifel, dass er bei Anfertigung seiner Schrift die Progymnasmen des Hermogenes, wenn auch wahrscheinlich nicht in der erhaltenen Gestalt, vor Augen gehabt hat; geradezu einen ,Nachtreter‘ des Hermogenes nennt ihn Christ Gesch. d. griech. Litt.² 626 (vgl. auch Hoppichler 14). Über seine Sprache gehen die Ansichten auseinander. Doch wird man zugeben müssen, dass er im ganzen einfach (Doxop. in Hermog. bei Cramer Anecd. Oxon. IV 166) und rein schreibt. Thomas Magister und Eustathios citieren ihn als Muster attischer Schreibweise, Doxopatres beobachtet bei ihm Ἀττικὸν ἔθος (II 365, 14. 410, 10. 29) oder συνήθεια Ἀττική (441, 12). Er selbst betont den Ἑλληνισμὸς τῶν ὀνομάτων so sehr, dass er ihn für die Erzählung an Stelle der μεγαλοπρέπεια geradezu fordert (prog. 2. Tzetz. chil. XI 144–147. XII 583–589). Hierüber Schaefer 14f. Wegen ihrer Schulmässigkeit fanden die Progymnasmen eine so aussergewöhnliche Aufnahme und Verbreitung, dass sie bis in die neueste Zeit hinein das Studium der Rhetorik beherrschten und noch im 16. und 17. Jhdt. allgemein auf Schulen und Universitäten als Compendium bei rhetorischen Vorträgen benützt, teilweise auch weiter ausgebildet und vermehrt wurden (vgl. z. B. Gottsched Ausführl. Redekunst, Leipzig 1759⁵, 247ff.); noch heutzutage werden sie, besonders die aphthonianische Chrie, dem Unterrichte vielfach zu Grunde gelegt (z. B. Seyffert Scholae latinae II³, Leipzig 1872, bes. 7ff.). Für das Ansehen des A. im Mittelalter spricht u. a. [2799] das bei Doxop. II 127 (= I 120. III 728 W.) mitgeteilte alte Distichon. In einer Aufzählung berühmter Redemuster wird er von Jos. Rhakend. III 521 W. unmittelbar nach Libanios genannt. Abhängig sind von A. der Progymnasmatiker Nikolaos und viele späteren Rhetoren; vielfach, zum Teil wörtlich benützt findet er sich bei dem Anonym. bei Walz III 588–609. Eine grosse Anzahl von Auszügen und Commentaren zu A. ist uns überliefert worden, von denen einige bei Walz abgedruckt sind: I 121–126 Ματθαίου τοῦ Καμαριώστου (15. Jhdt.} ἐπιτομὴ εἰς τὰ τῆς ῥητορικῆς προγυμνάσματα; I 127–135 Ἀνωνύμου περὶ τῶν τοῦ Ἀ. προγυμνασμάτων (Auszug); II 1–68 anonyme προλεγόμενα εἰς τὰ τοῦ Ἀ. τῆς ῥητορικῆς προγυμνάσματα, die sog. aldinischen Scholien, die einzigen, die Aldus veröffentlicht hat, Rhet. Gr. 1509; vermutlich von Max. Planudes aus Doxopatres excerpiert , S. 1–4 ausser Beziehung auf die Progymnasmen, S. 5–9 von einem andern Verfasser; II 565–684 anonyme σχόλια εἰς τὰ τοῦ Ἀ. προγυμνάσματα, dieselben, aus denen Finckh die Progymnasmen des Nikolaos herausgegraben hat (Rhet. Gr. III 449–498 Sp.); II 81–564 des Doxopatres (11. Jhdt.) ῥητορικαὶ ὁμιλίαι εἰς τὰ τοῦ Ἀ. προγυμνάσματα. Die προλεγόμενα II 69–80 sind nichts als eine Einleitung zu den ὁμιλίαι des Doxopatres, aus diesen selbst von einem unbekannten Verfasser ausgezogen. Aus demselben Commentar haben ausserdem geschöpft ausser dem genannten Matth. Kamariotes und Plethon die anonymen Verfasser der προλεγόμενα τῆς ῥητορικῆς V 605ff. und der ἔκθεσις ῥητορικῆς III 724–748; letztere Schrift ist nichts anderes als eine Einleitung in die Progymnasmata des A. (728, 10. 729, 25). Unter den Commentatoren wird eine ältere Gruppe (οἱ ἐξ ἀρχῆς ἐξηγηταί, οἱ παλαιοὶ τῶν ἐξηγητῶν, οἱ παλαιότεροι z. B. II 238, 4. 362, 14. 219, 3) von einer jüngeren unterschieden. Welcher Gruppe der sonst unbekannte Antonios (II 23. 301) und der Commentator auch des Hermogenes (II 554) Sardeon (II 61. 422. 512. 521. 543) angehören, lässt sich nicht feststellen. Der vornehmste Vertreter der jüngeren Gruppe ist Geometres (10. Jhdt.), dessen ἐξήγησις εἰς τὰ προγυμνάσματα τοῦ Ἀ (Doxop. II 104, 16; öfters in Schol. in Hermog. z. B. bei Cramer Anecd. Oxon. IV 166) Doxopatres ausgiebig geplündert hat. Wer der κατ’ ἐξοχήν ἐξηγητής genannte (II 281, 26. 393, 26. 421, 10. 520, 9) Commentator ist, muss dahingestellt bleiben; nach II 520 jedenfalls nicht Geometres. Sowohl die ältere Gruppe wie Geometres erscheinen abhängig von dem Anonymus Seguerianus und Theon oder einem Theonscholiasten. Über die Commentatoren vgl. Spengel Münch. gel. Anz. 1835, 288. 1837, 96–101. Schaefer 38ff. Graeven Cornuti artis rhetoricae epitome, Berlin 1891, VIIff. XXIff. Verweisungen auf oder Citate aus A. finden sich ausser an den angegebenen Orten bei Doxop. in Hermog. VI 360 (vgl. prog. 5). Greg. Cor. VII 1164 W. Anon. bei Walz III 570 (prog. 8). III 537 Anm. 1 (prog. 1). Etym. M. s. Ἀρναῖος (prog. 4). Anon. π. γραμμ. bei Boissonade Anecd. Gr. II 352 (prog. 3). Tzetz. Schol. in Hermog. bei Cramer Anecd. Oxon. IV 5 (prog. 2). 129 (wann ταυτότης anzuwenden). 144 (prog. 1). Tzetz. chil. XI 131ff. [2800] (prog. 1). Aus der starken Verbreitung der Progymnasmata erklärt sich die verhältnismässig grosse Anzahl von Hss. (Aufzählung bei Fabricius Bibl. Gr. VI 94f. Harl.; Mitteilungen über dieselben bei Walz I 58. Klotz Jahrb. f. Philol. Suppl. I 1831, 585–593. Schaefer 42. 45f. Finckh 1) und von Ausgaben und lateinischen Übersetzungen (s. Fabricius a. O. 95ff. Hoffmann Bibliogr. Lex. I² 194ff. Schaefer 43ff.). Von älteren Ausgaben sind ausser der Editio princeps (schon 1508 im ersten Bande der Rhet. Gr. von Aldus, während die Progymnasmata des Hermogenes erst gegen Ende des 18. Jhdts. zuerst im Drucke erschienen) besonders hervorzuheben die Ausgaben von Portus (Genf 1569) und Scheffer (Upsala 1670. 1680), daneben zu nennen die von Camerarius (Leipzig 1567. 1588³), Harbart (Leipzig 1591, zuletzt 1656), Scobarius (Leyden 1597), letztere drei mit lateinischer Übersetzung. Neuere Ausgaben von Walz (Rhet. Gr. I 1832, 55–120), Petzholdt (Leipzig 1839), Spengel (Rhet. Gr. II 1854, 19–56). Die älteste und geschätzteste lateinische Übersetzung ist die des Jo. Maria Catanaeus (Rhetores von Aldus v. J. 1513. 1523; Baseler Ausg. lat. Rhet. 1521); daneben wird oft genannt die Übersetzung des R. Agricola. Beide Übersetzungen zugleich finden wir in späteren Ausgaben zu Grunde gelegt, so besonders in den Amsterdamer Ausgaben des Lorichius 1642ff. Eine deutsche Übersetzung und eingehende Interpretation von prog. 12 (Beschreibung der Burg von Alexandreia) giebt Heffter 377–389. Der Text ist, wie natürlich bei einem so vielgelesenen Schulautor, stark verderbt. Für die Kritik vgl. Petzholdt, den Spengel nicht benützt hat, Schaefer 47ff., Finckh 3–11. Im Zusammenhange mit den Progymnasmen steht die Sammlung von 40 für Schulzwecke bearbeiteten Fabeln (die erste = prog. 1), welche zuerst mit einer lateinischen Übersetzung von Kimedoncius der Ausgabe des Scobarius v. J. 1597 beigefügt war (126ff.), zuletzt vollständig erschienen ist in der Fabelsammlung von Neveletus 1660², in einer Auswahl von 23 Stücken in Furias Ausgabe der aesopischen Fabeln, Leipzig 1810, 85–91 (lat. Übers. 89–96).

Litteratur: Schaefer De A. sophista, Bresl. Diss. 1854. Finckh A. et Nicolai sophistarum progymnasmata illustrantur, emendantur, Progr. Heilbronn 1865. Hoppichler De Theone Hermogene Aphthonioque progymnasmatum scriptoribus, Würzb. Diss. 1884; dazu die Recension von Hammer Jahresber. XLVI 1886, 95f.