RE:Eirenaios 8

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
fertig  
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Band V,2 (1905), Sp. 2124–2126
Irenäus von Lyon in der Wikipedia
GND: 118555766
Irenäus von Lyon in Wikidata
Linkvorlage für WP   
* {{RE|V,2|2124|2126|Eirenaios 8|[[REAutor]]|RE:Eirenaios 8}}        

8) Bischof von Lugdunum, gestorben um 200, einer der geistigen Führer und der bedeutendste Schriftsteller der katholischen Kirche des 2. Jhdts. Hieronymus de vir. ill. 35 verlegt seine Blütezeit in die Regierung des Commodus (180–192); genauer wird bei Euseb. hist. eccl. V 4–26 seine literarische Tätigkeit den Episcopaten des Eleutherus und des Victor von Rom (c. 174–199) zugeteilt, doch nennt er ihn bereits hist. eccl. IV 21 als eine kirchliche Größe zur Zeit des Aniket und Soter (154–174). Als Bischof ist E. Nachfolger des greisen Pothinus, frühestens 177, geworden; er war damals schon eine Weile Presbyter in Lyon gewesen; zur Zeit der Christenverfolgung in Lyon befand er sich gerade mit einem Brief seiner Gemeinde in Rom (Euseb. hist. eccl. V 4, 1. 2). Die weitverbreitete Annahme, daß er von Rom nach Gallien gekommen sei, findet in den Angaben einer Moskauer Hs. zu Polykarps Martyrium (s. v. Gebhardt Ztschr. f. d. histor. Theol. 1875, 362ff.) keine genügende Stütze. Denn daß er beim Tode des Polykarp in Smyrna (155) ein in Rom erfolgreich wirkender Lehrer war, ist durch sein Alter ausgeschlossen, die Nachricht von seinem Martyrium, da Euseb nichts davon weiß, erst recht unglaubwürdig; die Empfehlung, welche die Gemeinde von Lyon ihm an den Bischof Eleutheros von Rom mitgibt (Euseb. V 4, 2) klingt aber nicht darnach, als ob E. in Rom schon eine bekannte Persönlichkeit gewesen wäre.

Seine Heimat ist Kleinasien. Dort hat er in früher Jugend, ἐν τῇ πρώτῃ ἡμῶν ἡλικίᾳ und παῖς ἔτι ὤν, wie er selber in seinem Hauptwerk adv. haer. III 3, 4 und in einem Brief an Florinus (Euseb. hist. eccl. V 20, 5) versichert, den Polykarp, der damals ein hochbetagter Mann war, kennen gelernt, offenbar wiederholt predigen gehört. Da Polykarp 155 gestorben ist, wird das Geburtsjahr des E. demnach zwischen 130 und 140 anzusetzen sein. Die namentlich von Th. Zahn (Forsch. z. Gesch. d. neutestam. Kanons IV 1891, 249ff. VI 1900, 53ff.) mit großer Zähigkeit verteidigte Datierung auf c. 115 ist unhaltbar, ein Mann von der Lebendigkeit eines E. kann auch nicht wohl erst als fast Siebzigjähriger in die schriftstellerische Arbeit für die Kirche eingetreten [2125] sein. Daß E. in Asien seine theologische Bildung empfangen hat, ist an sich wahrscheinlich und wird durch seine zahlreichen Berufungen auf ,die Presbyter‘, asiatische Apostelschüler (bei Euseb. hist. eccl. III 23, 3 aus Iren. adv. haer. II 22, 5), zu denen auch Papias von Hierapolis gehört (adv. haer. V 33, 4), bestätigt. Von Asien mag damals bei den Handelsbeziehungen zwischen dem Orient und dem Rhonegebiet der Übergang des angesehenen Theologen in die junge gallische Kirche leicht gewesen sein; vielleicht hat ihn auch Missionseifer dorthin getrieben, von dessen Erfolgen man später (so Gregor. Tur. hist. Franc. I 29) ganz übertriebene Vorstellungen gehabt hat. Als Oberhaupt der gallischen Gemeinden erscheint er bei Euseb. hist. eccl. V 23, 4. 24, 11; doch ist damit eine Metropolitenwürde für ihn nicht gesichert (zur Debatte darüber Duchesne Fastes épiscopaux de l’ancienne Gaule I 1894, 36ff. Harnack Die Mission und Ausbreitung d. Christ. 1902, 323ff. 506ff. O. Hirschfeld S.-Ber. Akad. Berl. 1895, 381ff.). Von den Werken des E. ist uns nur ein Hauptwerk, aus fünf Büchern bestehend, ἔλεγχος καὶ ἀνατροπὴ τῆς ψευδωνύμου γνώσεως erhalten, doch auch dies nur in einer glücklicherweise sehr alten und in ihrer ängstlichen Wörtlichkeit höchst zuverlässigen lateinischen Übersetzung; große und kleine Fragmente des Urtextes sind bei Hippolyt, Eusebius, Epiphanius, auch in Catenen zu finden. Das Werk ist in verschiedenen Absätzen niedergeschrieben worden; der anfängliche Zweck, die gnostische Ketzerei, namentlich die der Valentinianer und Marcosier, zu entlarven, tritt mehr und mehr hinter dem apologetischen, einer Darlegung und Begründung der kirchlichen Lehre zurück; E. wird, trotz mancher zurückbehaltenen archaistischen Elemente, der erste große Vertreter der Prinzipien der katholischen Kirche. Buch III 3, 3 nennt als Bischof von Rom zur Zeit des Schreibers den Eleutheros (174–189); der Rest kann später fertig geworden sein. Eine Widerlegung des Marcion hat E. in adv. haer. zu liefern versprochen, Euseb zufolge hist. eccl. V 8, 9. IV 25 auch geschrieben; starke Wirkung hat sie keinenfalls erzielt. In die gleiche Kategorie gehören die an die Adresse des zu gnostischen Irrlehren neigenden Presbyters Florinus gerichteten ,Briefe‘ περὶ μοναρχίας und περὶ ὀγδοάδος (Euseb. hist. eccl. V 20, 1), auch wohl der dem Marcian gewidmete Tractat εἰς ἐπίδειξιν τοῦ ἀποστολικοῦ κηρύγματος (Euseb. hist. eccl. V 26) und das βιβλίον διαλέξεων διαφόρων (ebd.). Hohes Lob erfährt bei Euseb ein λόγος περὶ ἐπιστήμης, an die Heiden gerichtet (hist. eccl. V 26); sonst kennt er noch von E. ein Schreiben an Blastos, einen römischen Christen, περὶ σχίσματος und mehrere Briefe an den Papst Victor sowie an andere Bischöfe anläßlich der Osterstreitigkeiten um 190 (Euseb. hist. eccl. V 23, 3. 24, 11–17), in denen E. die römische Praxis bezüglich des Ostertermins und der Osterfasten entschieden verteidigt, aber den Kirchenfrieden mit den dissentierenden Asiaten nicht gebrochen wissen will.

Von den durch Euseb bekannten kleineren Schriften des E. und von einigen anderen sind eine leidliche Anzahl von Fragmenten, großenteils in syrischer (und armenischer) Übersetzung erhalten; [2126] die vollständigste Sammlung bei Harvey 2 Bände, Cambr. 1857. Die Ausgabe von Stieren, Leipz. 1853 hat, obwohl minder vollständig, durch gelehrte Beigaben vor der Harveyschen noch manche Vorzüge; eine neue Edition ist dringendes Bedürfnis. Verschiedene dem E. zugeschriebene Fragmente sind zweifellos unecht; bei den vier sog. Pfaffschen Fragmenten hat A. Harnack 1900 in den Texten und Untersuchungen Neue Folge V 3 die Fälschung und ihre Motive schlagend nachgewiesen; andere sind irrtümlich auf den alten Kirchenvater übergeschrieben worden. Eine allseitig befriedigende Monographie über E. fehlt noch; außer den betreffenden Abschnitten in den Lehrbüchern der Dogmengeschichte, der Patrologie, der altchristlichen Literaturgeschichte und in den Encyklopädien von Harnack, Bardenhewer, Lipsius, Zahn, Loofs ist zur Orientierung geeignet Ziegler Ir. der Bischof v. Lyon, Berlin 1871.