RE:Iulius 346

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band X,1 (1918), Sp. 674–675
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346) Iulius Martialis (der Gentilname nur bei Dio LXXVIII 5, 3), der Mörder Caracallas. Über die militärische Charge, die er bekleidete, gehen die Autoren stark auseinander. Dio a. a. O. sagt ἔν τε τοῖς ἀνακλήτοις στρατευόμενον, das wäre also evocatus (vgl. Magie De Romanor. vocab. sollemnib. in Graecum conversis 138), und dazu paßt auch die Anwartschaft auf den Centurionat (s. v. Domaszewski Die Rangordnung des röm. Heeres, Bonn. Jahrb. CVII 78), der ihm dann allerdings nicht verliehen wurde, während er bei Herod. IV 13, 1 (= Ioann. Antioch., Exc. hist. Const. III. De insidiis 97, 52 De Boor) einfach als ἑκατοντάρχης bezw. ἑκατόνταρχης (centurio) τῶν σωματοφυλάρχων bezeichnet ist; ebenfalls als ἑκατόνταρχης bei einer zusammengehörigen Reihe byzantinischer Autoren der Kaisergeschichte, wie Kedren. I 449 Bekker. Leo Gramm., Anecd. Gr. Paris, II 287 Cramer (vgl. Patzig Byz. Ztschr. III 470-497. Praechter ebd. V 484–537. Boissevain in seiner Dio-Ausgabe vol. II p. XVIIIf., vol. III p. IX). Hist. aug. Carac. 6, 7 nennt Martialis in der uns vorliegenden Überlieferung zwar ohne seine militärische Stellung, aber v. Domaszewski Rh. Mus. LVII 507f. (vgl. auch M. Bang Die Germanen im röm. Dienst, 1906, 75f.) hat die sehr ansprechende Vermutung geäußert, daß sein Name vor dem Satz qui equitibus extraordinariis praeerat ausgefallen sei. Ob deshalb die Angabe selbst richtig ist, folgt daraus allerdings noch nicht, v. Domaszewski hält diese equites extraordinarii für die barbarische Leibwache, die nach Dio a. a. O. 6, 1 Σκύθας (= Goten, oder Carpen?) καὶ Κέλτους (= Germanen) enthielt und der Caracalla sehr vertraute; einer der ,skythischen‘ Leibwächter hat dann auch den Mörder gerächt (Dio 5, 5; nach Herod. IV 13, 6 waren es die Γερμανοὶ δὲ ἱππεῖς). In dem Dioexzerpt des Xiphilinos (III 719 Boiss.) ist I., ohne daß sein Name genannt ist, einfach als einer (τίς) bezeichnet, den die Gardetribunen zur Mordtat aussenden; daraus macht Zonar. XII 12, 113 Dind. III, der sonst in diesen Partien Xiphilinos ausschreibt, τὶς στρατιώτης; a milite sagt auch Epit. de Caes. 21, 6.

Auch das Motiv für die Tat des I. wird verschieden angegeben. Nach Dio war es verletzter Ehrgeiz, weil ihm der Kaiser nicht die angestrebte Stellung eines Centurionen verlieh, hingegen nach Herodian, weil sein Bruder infolge einer falschen [675] Anklage auf Befehl Caracallas wenige Tage vorher hingerichtet worden war (in seltsamer Weise vermengen damit Kedren und Leo Gramm. die von Dio LXXVIII 7, 1 [danach Xiphil., Zonar. und FHG IV 590, 134 nach den salmasischen Exzerpten, die früher irrtümlich als Fragmente des Ioann. Antioch. angesehen wurden, vgl. Boissevain Herm. XXII 161–178, in dessen Dio-Ausgabe III 766 dieses Fragment abgedruckt ist, und De Boor ebd. XXXIV 298–304] berichtete Szene, wie Septimius Severus seinem Sohn im Traum erscheint, indem sie die drohenden Worte des Severus dem Centurio in den Mund legen) und er selbst vom Herrscher, um dessen Person er sich befand, als unmännlich und feige verhöhnt wurde (zur Ähnlichkeit mit Cassius Chaerea s. v. Domaszewski a. a. O. 506, 1); so konnte sich Macrinus seiner umso leichter als Werkzeug ehrgeiziger Pläne bedienen und sich zugleich dadurch vor dem sicheren Untergang bewahren, Dio a. a. O. Herod. 13, 1. 2. 7. Über die näheren Umstände des Mordes berichten Dio 5, 4. Herod. 13, 4. 5. Hist. aug. Carac. 6, 6; 7, 1. 2; Macrin. 4, 7; vgl. v. Domaszewski 507f.

Caracalla wurde ermordet, als er sich auf dem Weg von Edessa nach Carrhae befand; so sagt Dio 5, 4 (Xiphil. Zonar.; vgl. die Σύνοψις χρονικὴ ed. Sathas Μεσαιωνικὴ βιβλ. VII 1894, 33). Genauer ist Herod. IV 13, 3 (= Ioann. Antioch. a. a. O.), durch den wir erfahren, daß der Kaiser von Carrhae aus einen Abstecher zu dem berühmten Tempel der dort besonders verehrten Mondgottheit machte; ähnlich Hist. aug. Carac. 6, 6; 7, 1. 3–5 (über diesen semitischen Mondgott auch Ammian. Marc. XXIII 3, 2; vgl. Roscher Myth. Lex. II 2, 3127. Drexler ebd. 2729. Ed. Meyer Gesch. d. Altert. I² 606, § 433. 679 § 469); die späteren Epitomatoren inter Edessam et Carras (Chronogr. 354, Mommsen Chron. min. I 147. Euseb.[-Synkell. 672 πρὸς Καρίαις καὶ Ἐδέσσῃ]-Hieron. p. 213 g Helm. Oros. VII 18, 2. Cassiodor., Mommsen a. a. O. II 145) und apud Edessam (Eutrop. VIII 20, 2. Epit. de Caes. 21, 6 [cum Carras iter faceret]. Vict. Caes. 21, 5. Ruf. Fest 21).

Auch der Zeitpunkt dieses Ereignisses läßt sich genau bestimmen. Dio a. a. O. datiert es auf den Tag genau: 8. April 217 n. Chr. Allerdings gibt Hist. aug. Carac. 6, 6 den 6. April als Caracallas Geburts- und Todestag an, aber beides ist unrichtig, der Zusatz ipsis Megalensibus zu wenig genau, da dieses Fest vom 4.–10. April gefeiert wurde (vgl. Wissowa Religion und Kultus der Römer² 318. 455. 475). Als Geburtstag Caracallas kennen wir den 4. April (Dio 6, 5; vgl. Dessau Prosop. imp. Rom. III 203, 321 und dazu CIL III 1063. VI 1054), zu dem angegebenen Todesdatum aber paßt es, daß nach Dio 11, 6 (Xiphil. a. a. O. 720. Zonar. a. a. O. 114) Macrinus am vierten Tag nach Caracallas Tode die Herrschaft antrat und daß dies gerade der Geburtstag des Septimius Severus gewesen sei (vgl. auch Dio 17, 1); als solcher ist uns aber der 11. April bezeugt (Belege bei Dessau a. a. O. 213, 346, dazu CIL V 4449. VI 1063. 1064). Daß der Geburtstag Caracallas ganz kurz vor seinem Tode gefeiert wurde, geht auch aus Dio 5, 1 hervor.

Als Mörder Caracallas wird I. auch Dio 8, 2 (Xiphil.) und 18, 3 erwähnt.