RE:Persius 5

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band XIX,1 (1937), Sp. [1937 1036]
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5) A. Persius Flaccus s. die Supplemente.

Nachträge und Berichtigungen

Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band S VII (1940), Sp. 972979
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S. 1036, 1 zum Art. Persius:

5) A. Persius Flaccus, Satiriker.

Quellen. Auf uns gekommen ist eine Vita de commentario Probi Valerii sublata, die in den Ausgaben abgedruckt ist, z. B. Bücheler-Leo 64, auch in Reifferscheids Sueton 73 und bei J. Aistermann De Val. Probo (Bonn 1910) XVII (frg. 53). Einen Zweifel an Probus’ Autorschaft deutete Casaubonus an; Körtge Dissert. Halens. XIV 228 schrieb sie mit Begründung dem Sueton zu, und F. Gläser Quaest. Suetonianae (Bresl. 1911) 3ff. versuchte, das eingehend zu beweisen (Bd. IV A S. 605f.); der Probuskommentar hat schwerlich existiert (u. S 978). Uns geht hier nur an, daß die Biographie auf guten Quellen beruht.

Leben. Der Dichter wurde am 4. Dezember 34 n. Chr. in Volterrae geboren und starb am 24. November 62. Sein Vorname Aules ist etruskisch (W. Schulze Eigenn. 134), ebenso der Name seiner Mutter (Fulvia) Sisennia. Sein Vater, ein reicher römischer Ritter, starb, als P. 6 Jahre alt war. P. genoß den ersten Unterricht in seiner Heimat, ging aber mit 12 Jahren nach Rom und studierte bei dem Grammatiker Remmius Palaemon und bei dem Rhetor Verginius Flavus. d. h. er erhielt die beste mögliche Erziehung. Mit 16 Jahren schloß er sich an den Stoiker Annaeus Cornutus an (Bd. I S. 2225. R. Reppe De Ann. Cornuto [Lpz. 1906] 5), dessen Einfluß für ihn bestimmend wurde und dem er seinen von Herzen kommenden Dank in der 5. Sat. ausspricht; durch ihn wurde er mit Lucanus, Claudius Agathinus (so wohl zu lesen; s. Bd. I S. 742. 745. M. Wellmann Die pneumat. Schule 11) und Petronius Aristocrates (Bd. II S. 941) bekannt, quos unice miratus est et aemulatus, cum aequales essent Cornuti, minor ipse. Befreundet war er auch mit Caesius Bassus (Bd. III S. 1312), dem er die letzte Satire gewidmet hat. Seneca lernte er spät kennen, bewunderte ihn aber nicht. Dem Paetus Thrasea, dessen Gattin Arria eine Verwandte von ihm war, stand er nahe und reiste bisweilen mit ihm. Sein Charakter wird gerühmt (morum lenissimorum, verecundiae virginalis, famae pulchrae, pietatis erga matrem et sororem et amitam exemplo sufficientis). Sein erhebliches Vermögen hinterließ er seiner Mutter und seiner Schwester, dem Cornutus ein Legat et libros circa septingentos Chrysippi sive bibliothecam suam omnem.

Dichtung. P. dichtete nur selten und langsam. Es gab Jugendversuche von ihm, eine Praetexta *uescio (man sucht einen Namen wie Decius dahinter) und *opericon librum unum (man verbessert ὀπωρικῶν, ὁδοιπορικῶν, oschophoricon) und Verse auf die ältere Arria (Bd. II S. 1259): alles das wurde auf Cornutus’ Rat vernichtet. Das unvollendete Satirenbuch verbesserte Cornutus leviter und ließ es durch Bassus herausgeben.

Die erste Satire eifert gegen das nichtige Treiben und die κενοσπουδία der sei es gewerbsmäßigen sei es dilettantischen Literaten. Dabei tritt die Prosa zurück; sie wird in v. 13 gestreift, [973] und v. 83–91 geißeln das eitle Gebaren der Advokaten. Alles übrige geht auf die Dichtung, die stolz auf die erreichte vollkommene Technik – der Hexameter gewinnt damals durch Lucan seine höchste Glätte – Nichtigkeiten oder was dem Stoiker als solche erscheinen muß behandelt; von ‚alexandrinisch‘ zu reden (Reitzenstein Hellenist. Wundererzählungen 22. 28; Herm. LIX 5 u. ö.) ist nur berechtigt, wenn man es in weitestem Sinne faßt (Reitzenstein Rh. Mus. LXIII 616. Villeneuve 208): dann paßt es aber auf die gesamte Dichtung in den höheren γένη. Besser aber ist, sich von vornherein klar zu machen, daß es P. nicht einfällt, als literarischer Kritiker aufzutreten. Wohl stößt ihn auch das Epigonenhafte der modernen Literatur ab; aber der Hauptanstoß für ihn ist die Nichtigkeit und Eitelkeit der Literaten (v. 14ff. 51–62. Villeneuve 242) und ihrer Gegenstände; ein Tadel der üblichen Erziehung liegt nur implicite darin (vgl. 3, 44ff.). Es handelt sich also nicht um den Streit der Alten und der Modernen; Accius, Pacuvius und Vergil (v. 76f. 96) werden nicht eigentlich als mustergültig genannt, sondern deshalb, weil sich der Dichter über ihre Geringschätzung durch die Modernen ärgert. P. beginnt mit dem demokriteischen Lachen über die Zwecklosigkeit der menschlichen Bestrebungen im Allgemeinen, beschränkt aber dieses Thema bald auf die Literatur, weil er seinen Entschluß ankündigen will, im Sinne des Lucilius und Horaz, d. h. von ethischen Gesichtspunkten aus zu dichten. Besonders widerwärtig ist ihm das äußere Auftreten der Schriftsteller und ihre raffinierte, auf die Sinne wirkende ὑπόκρισις. Eine Beziehung auf Nero, von der die Scholien fabeln, liegt hier so wenig vor wie sonst (Haguenin Rev. de Phil. XXIII 301). Was den Dichter besonders aufbringt, ist einerseits der Dilettantismus alter, auf ihren Reichtum pochender Narren (v. 51), anderseits die hochtrabenden Verse von Jüngelchen, die noch nicht einmal das Handwerkliche gelernt haben (v. 69 treffend erklärt von Reitzenstein Wundererz. 154). Falls Pedius v. 85 der Pedius Blaesus von Tac. ann. XIV 18 ist (bezweifelt von Cartault 71), so ergibt sich eine Datierung nach J. 59; eine gewisse Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß dieses programmatische Gedicht zuletzt verfaßt ist (anders Villeneuve 175). Aber wir wissen gar nicht, ob P. das Buch mit den 6 Satiren abschließen wollte. Teilweise anfechtbar Cartault Rev. de Phil. XLV 66.

War auch hier schon das literarische Treiben von ethischer, nicht von kunstrichterlicher Warte aus betrachtet, so sind die übrigen Gedichte rein ethischen Inhalts, διατριβαί in poetischem Gewande, in denen P. sich als Nachfahre des Lucilius und Horaz fühlt, wenn er auch mehr in dieselbe Reihe wie Phoinix, Musonius, Epiktet gehört. Die zweite Satire behandelt (wie Iuven. X) die törichten Wünsche und Gebete der Menschen; die älteste Erörterung des Themas, Platons zweiter Alkibiades, wirkt direkt kaum ein (doch vgl. v. 39f. mit p. 143 a; v. 71 mit p. 149 e). Es handelt sich um ein Modethema; vgl. etwa R. Schütze Iuvenalis ethicus (Greifsw. 1905) 46. [974] H. Schmidt RVV. IV 1. Villeneuve 249. Die Anknüpfung an den Geburtstag des Plotius Macrinus bedeutet nicht mehr als eine Aufmerksamkeit für diesen. Das Gedicht, das schon im ersten Teil Ausfälle gegen die δεισιδαιμονία enthält (v. 15. 29. 39), wendet sich von v. 52 an zur Bekämpfung kostspieliger Götterverehrung; es komme nur auf ein reines Gewissen an. Vgl. dazu außer Platon etwa Cic. parad. 11. Horat. carm. III 23 (Wien. Stud. XXXVII 229). Spezifisch stoisch (Villeneuve 261) ist das nicht.

Die dritte Satire kann als ein προτρεπτικὸς πρὸς φιλοσοφίαν bezeichnet werden; nur darf man keine systematische Argumentation erwarten. Ausgegangen wird von einer konkreten, mit dramatischer Lebendigkeit ausgemalten Situation: ein junger Mann (wohl P. selbst: s. findor v. 9 und Housman Class. Quart. VII 16) hat den guten Willen, an seiner Vervollkommnung zu arbeiten, bringt aber die dazu nötige Energie nicht auf. Diese Situation wird aber im weiteren Verlauf nicht innegehalten, wenn auch v. 58 einmal darauf zurückgegriffen wird. Die Einheit des Ganzen besteht ausschließlich in dem gemeinsamen Endzweck der Teile; es ist daher verständlich, wenn Hendrickson Class. Philol. XXIII 340 in v. 88–118 zwei unverarbeitete Entwürfe sehen will; richtig ist es schwerlich. Wenn Iuppiter gebeten wird, die Tyrannen dadurch zu strafen, daß er ihnen die Schönheit der von ihnen aufgegebenen Tugend zeigt (v. 35–43); wenn der kindische Unverstand kontrastiert wird mit der Einsicht, die der προκόπτων haben sollte (v. 44–76, mit der predigtähnlichen Paränese v. 66); wenn das Bild des törichten Philisters in der Person eines Centurio gezeichnet wird (v. 77–87); wenn endlich in ausgeführter παραβολή die Aufgabe des Philosophen mit der des Arztes verglichen wird (v. 88–118), so sind das vom künstlerischen Standpunkt disiecta membra, aber sie dienen alle dem Zweck, eine gewisse ziemlich einfache Wahrheit einzuhämmern.

Die vierte Satire behandelt den Satz γνῶθι σαυτόν. Sie geht aus vom ersten Alkibiades Platons, wo Sokrates dem Jüngling klarmacht, daß er ohne die rechte Einsicht nicht versuchen dürfe, das Volk zu lenken. Aber diese Situation wird eigentlich schon bei v. 14 aufgegeben, obwohl Dinomaches v. 20 noch einmal an Alkibiades erinnert. Es wird gegen die Überschätzung äußerer Güter, gegen die Sucht, fremde Fehler zu tadeln, gegen Habsucht und Verweichlichung geeifert; den Schluß bildet die Warnung davor, sich durch das Urteil des Volkes über die innere Brüchigkeit täuschen zu lassen.

Das fünfte Gedicht setzt ein mit einem poetischen τόπος (Hom. Il. II 489), um in ein warmes Bekenntnis der Freundschaft und Dankbarkeit für Cornutus einzulenken, das aber zur Schilderung der verschiedenen ἐπιτηδεύματα und zur παραίνεσις zur baldigen inneren Einkehr Gelegenheit bietet. Diese mündet aus in eine Erörterung der wahren Freiheit, die von der juristisch-bürgerlichen verschieden ist: dieser Kontrast wird v. 73–131 breit ausgemalt. Sie beruht in der Freiheit von avaritia und luxuria [975] (v. 131–175), von ambitio und superstitio (V. 176–188). Den Schluß bilden drei Verse, die den Gegensatz zur Anschauung der – wiederum durch Centurionen vertretenen – Masse scharf zum Ausdruck bringen.

Die unvollendete sechste Satire (versus aliqui dempti sunt ultimo libro, ut quasi finitus esset Vita) beginnt mit freundschaftlichen Erörterungen, die an Caesius Bassus gerichtet sind, um dann zu einer Diatribe über den richtigen Gebrauch des Reichtums überzugehen, worüber man seinem Erben keine Rechenschaft schulde, im Grunde nur eine Erweiterung von Horat. epist. II 2, 190ff. P. predigt die Einhaltung der μετριότης (v. 15–24). In der langen Unterhaltung mit dem Erben wird auch das Thema der Wertlosigkeit des Adels gestreift (v. 57ff.).

In PL vor, in α hinter den Satiren stehen 14 Choliamben, die der Scholiast als prologus bezeichnet. Die ersten sieben führen den Gedanken aus, daß P. nicht die übliche Dichterweihe empfangen habe, und schließen: ipse semipagunus ad sacra vatum carmen adfero nostrum. Die v. 8–14 drücken aus, daß Dichter und Dichterinnen durch dolosi spes nummi zum Dichten veranlaßt werden. Der Gedankensprung zwischen v. 7 und 8 wäre in der Art des P., und beide Gedanken könnten ihm durch Horaz nahegelegt sein; aber weder kann er im Ernst von sich sagen, daß ihn die Armut zum Dichter gemacht habe, noch steht das wirklich da. Sollten die Verse eine Einleitung zu den Satiren sein, so sind sie mindestens unvollendet, und das verschiedene Versmaß spricht nicht dafür (direkte Beziehungen zu Sat. 1 sucht Reitzenstein Herm. LIX 1 mit Unrecht). Es liegen offenbar Entwürfe des P. vor, die Cornutus für eine geeignete Einleitung zu dem Buche hielt. Leo Herm. XLV 48. Gerhard Philol. N. F. XXVI 484.

Vorbilder. Nach dem Zusatz zur Vita wäre P. durch Lucilius zur Satirendichtung angeregt worden: mox ut a schola magistrisque devertit, lecto Lucili libro decimo vehementer saturas componere instituit. cuius libri principium imitatus est, sibi primo, mox omnibus detrectaturus. Ferner sagt Schol. 1, 1 (o curas hominum, ο quantum est in rebus inane): hunc versum de Lucili primo (principio Reitzenstein) transtulit. Leztere Tatsache wird nicht zu bezweifeln sein (Marx Lucil. II. 6. Cichorius Stud. zu Lucil. 233); ferner stellt P. selbst 1, 114f. die παρρησία des Lucilius als Vorbild für sich hin. Mehr als diese beiden Fakta hat man schwerlich gewußt; die Nachricht der Vita ist mit Skepsis aufzunehmen (Marx II p. 145. Cichorius 298). Die beiden Dichter sind so gründlich verschieden, daß der Einfluß nicht sehr stark gewesen sein kann. Übertreibend G. C. Fiske Transact. XL 121; Harv. Stud. XXIV 1.

P. ist nur verständlich, wenn man sein Verhältnis zu Horaz im Auge hat. Das zeigt sich nicht nur in der Anlehnung an Motive und Ausdrücke, die durch alle Gedichte hindurchgeht und seit Casaubonus Persiana Horatii imitatio 523–558 oft behandelt worden ist (z. Β. Th. Werther De Persio Horatii imitatore. [976] Halle 1883. Wageningen XIVff.); er erwartet geradezu, daß sein Leser den Horaz im Kopfe hat und etwa bei Natta 3, 31 sofort an den des Horaz denkt, bei der συναστρία 5, 45 an carm. II 17. Er beruft sich 1, 116 auf sein Vorbild: omne vafer vitium ridenti Flaccus amico tangit und denkt an ridentem dicere verum (sat. I 1, 24): er meint wohl, in jeder Hinsicht ein Fortsetzer des Horaz zu sein, und ist sich vielleicht über den Unterschied nicht klar geworden. Er liegt – abgesehen von der geringeren dichterischen Begabung – einmal in der Verengung des Begriffes satura (Bd. II A S. 196); dann, was damit zusammenhängt, in dem Mangel an Humor. Vgl. auch Nisard 247ff.

Hatte Horaz unter dem Einflüsse der Bionei sermones (im weitesten Sinne) gestanden, so ist der Ton von P.’ Satiren noch stärker durch die Popularphilosophie bestimmt. Das zeigt sich in der Anlehnung an die Volkssprache, die zu dem gesteigerten und künstlichen Charakter seiner Ausdrucksweise nicht stimmt (z. B. Deminutiva), und im Gebrauch derb obszöner Worte, der der κυνικὴ παρρησία entspricht. Vocabula sordida wie papare 3, 17 werden ebenso zugelassen wie Barbarismen (vetavit 5, 90) und Solözismen: so wird ut 5, 73 als Relativum gebraucht (Löfstedt Vermischte Studien 7) und der Pleonasmus censoremve tuum vel quod trabeate salutas 3, 29 ist zu ertragen (Löfstedt Beiträge 37). Sprichwörter, drastische Vergleiche gehören zu diesem Stil. In diesen ist er oft glücklich, versteht es überhaupt, Einzelheiten wirkungsvoll auszumalen; s. 1, 15ff. 32ff. 71ff. 3, 73. 5, 70. 159. 6, 27. Was aber besonders bezeichnend für P.’ Art ist, das ist die ebenfalls aus der populären Philosophie hergenommene plötzliche Einführung eines interlocutor, der nur selten etwas schärfere Umrisse gewinnt (3, 7 unus ait comitum); wie gleichgültig ihm die Person dieses Zwischenredners ist, zeigt 1, 44 quisquis es, ο modo quem ex adverso dicere feci. Sat. 3 und 5 beginnen mit einer dramatischen Situation, die aber nicht lange festgehalten wird. A. Eichenberg De Persii satirarum indole. Bresl. 1905. Die Verteilung der Worte unter die beiden Personen ist eines der schwierigsten Probleme der P.-Kritik; in 1 spricht der Gegner bisweilen so im Sinne des Dichters, daß Hendrickson Class. Phil. XXIII 102 den dialogischen Charakter überhaupt leugnen konnte. Hier hat die Kunst des P. versagt; schon der Vergleich mit Horaz genügt das zu zeigen.

Daß auch der Inhalt auf das Stärkste von der ‚Diatribe‘ bestimmt ist, läßt sich nicht verkennen. P. ist nicht umsonst bei Cornutus in die Lehre gegangen; was er vorträgt, verträgt sich mit dem Dogma des damaligen Stoizismus, ohne daß man ihn deshalb einen orthodoxen Stoiker nennen könnte (Villeneuve 242ff. übertreibt etwas nach dieser Richtung). Schon deshalb nicht, weil Alles auf das Verständnis des unphilosophischen Lesers zugeschnitten ist, den für die stoischen Heilslehren zu gewinnen die ernsthafte Absicht des P. ist. Mommsen R. G. I 232 hat ihn deshalb hoffärtig genannt: er ist es nicht mehr als jeder von der Güte seiner Sache überzeugte Prediger. Man kann am ehesten Epiktet und [977] Μ. Aurel vergleichen; der Unterschied liegt hauptsächlich im Stil.

Für die Kenntnis des Lebens seiner Zeit gibt P. nicht allzuviel aus. Er ist ein Doktrinär und kein Beobachter; er stellt absolute Forderungen auf, die schließlich zu allen Zeiten, wo es Stoiker und Moralprediger gab, dieselben waren, ganz gleich wie die sittlichen Zustände aussahen. Ohne Übertreibung ging es dabei nicht ab; so hat er dazu beigetragen, daß uns jene Zeit in schwärzeren Farben erschien als sie verdiente, während anderseits Vieles, was er rügen konnte, unberücksichtigt blieb, weil die Stoa sich nicht darum kümmerte; vgl. etwa die farblose Deklamation gegen die Tyrannen 3. 35ff. Der Ausfall gegen die ambitio 5, 176ff. paßt nur in die republikanische Zeit. Personen der eigenen Zeit nennt er äußerst selten.

Sprache und Technik. P. dichtet im Hexameter: das bedeutet Abhängigkeit nicht nur von seinem Abgott Horaz, sondern auch von den anderen Klassikern des epischen Verses. Auf Anklänge an Vergil machen schon die Scholien aufmerksam (z. B. zu 3, 6. 66. 99.); über solche an Ovid s. Wageningen XXIf. Der erste Vers quantum est in rebus inane erinnert an eine bei Lukrez häufige Wendung; 6, 3 primordia vocum an Lucr. 4, 531. Lesefrüchte sind überhaupt zahlreich (1, 43. 99 Catull): man sieht, daß P. hochgebildet ist. So ist seine ganze Sprache mit Tradition belastet und auf Leser berechnet, die mit der traditionellen Dichtersprache vertraut waren. Macht nun schon deren Mischung mit allerlei Derbem und Vulgärem einen buntscheckigen Eindruck, so tritt bestimmend noch ein dritter Einfluß hinzu: das Streben nach pointierter Kürze, wie es jene Zeit liebte. Wenn die Vita sagt sero cognovit et Senecam, sed non ut caperetur eius ingenio, so haben wir das zu glauben; aber die Vorliebe für Kürze teilt er mit ihm. Aber sie beruht nicht auf dem Streben nach sententiae, sondern auf der Auslassung der logischen Bindeglieder und auf der Zusammendrängung des Ausdrucks, bei der die Anwendung gangbarer Bilder eine große Rolle spielt (Studien zum Verständnis 269f.). Wenn es 1, 104 von den weichlichen Versen eines Modedichters heißt summa delumbe saliva hoc natat in labris, so schieben sich zwei Bilder durcheinander; ebenso I, 64 ut per leve severos effundat iunctura ungues. Man wird geneigt sein, vieles als Katachresen zu bezeichnen, was dem P. nicht als solche erschien, da es durch irgendeine Autorität geheiligt schien (Studien 94f.). Vgl. etwa 5, 7 grande locuturi nebulas Helicone legunto; 6, 36 seu ceraso peccent casiae ‚ob der Zimt durch Kirschholz verfälscht ist‘; 3, 92 modice sitiens lagoena ‚eine Flasche von mäßiger Größe‘ usw. Gewagte ἐναλλαγαί wie 5, 57 tunc alea decoquit; 5, 184 recutita sabbata und Wendungen wie tunc crassos transisse dies lucemque palustrem 5, 60 werden schon den Zeitgenossen Kopfzerbrechen gemacht haben; 5, 103 perisse frontem de rebus heißt ‚daß die Bescheidenheit aus der Welt verschwunden ist‘. – Manches Gute bei M. Schönbach De Persii sermone et arte (Lpz. 1910). Wertvoll die Bemerkungen von Housman Class. Quart. VII 12–32.

[978] Metrik und Prosodie. Die gut fließenden Verse des P. verraten, daß er eine treffliche Schule durchgemacht hat. Aber nach der formalen Glätte des lucanischen Hexameters zu streben verbot das γένος und das Vorbild des Horaz, dem er in Zäsuren, Elisionen und Zulassung einsilbiger Worte am Versschluß folgt. A. Kusch De saturae Rom. hexametro. Greifsw. 1915. Wageningen XXXVIIff.

Prosodisch müssen wir mit Freiheiten rechnen. Unbeanstandet sind rogăs 5, 134 und vidĕsis 1, 108; Pasquali Stud. Ital. N. S. I 297 verteidigt mit guten Gründen auch auro ŏvato 2, 55 und rūdere 3, 9, beides wohl volkstümlich; auch den Hiatus discite ο miseri 3, 66 (vgl. 2, 13) wird man nicht antasten.

Nachleben. Daß P.’ Dichtung bald Aufsehen erregte, geht aus den Bemühungen des Bassus und Cornutus um sie hervor; auch Lucan soll sie günstig beurteilt haben. Quint. X 1, 94 stellt ihm das Zeugnis aus multum et verae gloriae quamvis uno libro P. meruit; auch Mart. IV 29, 7 bezeugt, daß er viel gelesen wurde. Von Kommentaren spricht ohne Angabe eines Autornamens Hieron. c. Ruf. I 16 (II 472 V.); nach der Überschrift der Vita hätte schon Probus einen Kommentar verfaßt; das ist wenig wahrscheinlich. Aber der dunkle Text muß früh Erklärungen nötig gemacht haben, der Niederschlag liegt in den Scholien und Glossen vor, die zuerst Jahn 1843 halbwegs ausreichend edierte; eine geschickte Auswahl (nicht mehr!) in seiner kleinen Ausgabe. Die Scholien werden in einigen Hss. seit karolingischer Zeit als commentum Cornuti bezeichnet; darauf ist Nichts zu geben. Zitiert wird 2, 56 Acron (Bd. VII S. 2840); neben Resten von Gelehrsamkeit findet sich viel Verfehltes (Mißdeutungen auf Nero, besonders zu 1, 121; vgl. Zusatz zur Vita p. 66, 13 Leo. S. auch zu 1, 99); wir müssen uns damit abfinden, daß P. schon früh mißverstanden wurde. Aber seine ethische Grundhaltung und teilweise wohl gerade die Interpretationsschwierigkeiten machten ihn bei Schulmeistern beliebt. Über das seit Jahn erheblich vermehrte hsl. Material s. Wessner bei Teuffel II⁷ 259. Anführungen Scr. hist. Aug. Al. Sev. 44, 9, bei Kirchenvätern und Grammatikern (Censor. 2, 1. Charisius usw.). In neuerer Zeit fand er einen Bewunderer und Nachahmer an Boileau; vgl. Nisard 201.

Überlieferung. Eine Recensio hat erst Jahn geschaffen. An erster Stelle steht der berühmte, auch Iuvenal enthaltende Pithoeanus (Montepess. 125) saec. IX. Ihm stehen gegenüber die Vertreter der ‚Sabinusrecension‘ (α), Α = Montepess. 212 saec. X und Β (Vatic.) saec. IX(?); hier bezeugt ein Flavius Iulius Tryfonianus Sabinus v. c. protector domesticus, daß er im J. 402 temptavi emendare sine antigrapho meum et adnotavi Barcellone; in Α steht eine ähnliche Unterschrift aus demselben Jahr, aber aus Tolosa, hinter dem Noniustext, wird aber von Lindsay (Ausg. I p. XXIV) auf P. bezogen. Übertriebene Vorstellungen darf man sich in diesem und ähnlichen Fällen von der Tätigkeit des Sabinus nicht machen; die α eigentümlichen Lesarten wird Sabinus meist vorgefunden und in der Hauptsache Schreibfehler verbessert haben. Dazu kommt, daß [979] sicher in Β, anscheinend aber auch in Α diese Subscriptio erst nachträglich zugefügt worden ist (Lindsay Class. Rev. XXIX 112), wir also gar keine Sicherheit haben, daß α den ‚Text‘ des Sabinus darstellt. – Daneben gibt es zahlreiche andere Hss.; so hat Leo 1910 einen von Ramorino Riv. Fil. XII 229–260 hervorgezogenen Laurent. 37, 19 saec. XI berücksichtigt; s. z. B. D. M. Robathan Class. Philol. XXVI 284. Über zwei englische Hss. saec. X G. R. Scott Class. Rev. IV 241. Daß im allgemeinen P. den Vorzug verdient, hat J. Βieger De Persii codice Pithoeano (Berl. 1890) erwiesen, nachdem Bücheler die Neigung gezeigt hatte, Lesarten von α aufzunehmen. Überraschungen sind von einer Heranziehung weiterer Hss. kaum zu erwarten, und um die Anwendung seines iudicium in jedem strittigen Falle kommt der Kritiker nicht herum.

Daß die Überlieferung vortrefflich ist, hatte Bücheler Kl. Schr. III 110 gesagt; von den Fällen, an denen er eine Verderbnis annahm, kommen noch einige in Wegfall (Bieger 1 ff.). Vor völliger Vertrauensseligkeit zu warnen ist 1, 97 geeignet, wo die Hss. praegrandi bieten, das bessere vegrandi nur durch die indirekte Überlieferung gerettet ist; auch 1, 111 macht Schwierigkeiten. Aber Leo Herm. XLV 43 emendiert unnötiger Weise; s. auch Funaioli in Scritti per il XIX Centenario di P. (1936). Daß die Änderungen, die sich besonders in α finden, auf Grammatiker guter Zeit zurückgehen, zeigt ihre Überlegtheit, die selbst einen Bücheler täuschen konnte; s. etwa quo 1, 14. sese 1, 129. namque est P.² 2, 13. haec 2, 65. dicas 3, 9. et insano 3, 46. 4, 26 oberrat L usw.

Literatur (die Quantität erheblicher als die Qualität). M. H. Morgan Α bibliography of P. ²Cambr. 1909. S. die Berichte von Lommatzsch Bursian 139, 225. 175, 103. 204, 219. 235, 148. S. auch Teuffel⁷ § 302. Schanz-Hosius II 477.

Ausgaben. Grundlegender Kommentar von I. Casaubonus Paris 1605; mit Zusätzen neu abgedruckt von F. Dübner Lpz. 1833. Mit Scholien, Wortindex und reichem Kommentar von O. Jahn Lpz. 1843; handlicher Text mit Apparat und Auswahl der Scholien von Jahn, zuletzt ⁴ von Bücheler-Leo Berl. 1910. Aus der Masse der übrigen nenne ich die kommentierten Ausgaben von Wageningen Groning. 1911 (Wortindex II 108–129); Némethy Budap. 1903; Conington-Nettleship Oxf. 1893 und die Texte von Consoli³ Rom 1913. Owen² Oxf. 1907. Vieles Gute in C. F. Heinrichs Kommentar (Lpz. 1844).

Eingehende Erörterung aller Fragen bei Villeneuve Essai sur P. Paris 1918. Sonst etwa W. S. Teuffel Studien und Charakteristiken² 520–534. D. Νisard Etudes sur les poètes latins de la décadence⁵ I 199–257. G. F. Hering P. Gesch. seines Nachlebens in d. dtsch. Liter. Berl. 1935.