RE:Salomo-Psalmen

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band I A,2 (1920), Sp. 20012003
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Salomo-Psalmen (Psalter).

Zur Literatur

Vgl. Beer in Realencycl. f. prot. Theol. u. Kirche XVI³ 235.

1. Die griechische Übersetzung.

De la Cerda 1626. Ryle und James ψαλμοὶ Σολομῶντος 1891. Swete The old Testament in Greek III² 1894; Ders. The psalms of S. and the Greec fragments of the book of Enoch 1906. v. Gebhardt ψαλμοὶ Σ. (Texte u. Unters. z. Gesch. d. altchristl. Litt. XIII 2) 1895.

2. Die syrische Übersetzung.

Harris The odes and psalms of S. 1909. 1912 ².

3. Deutsche und andere Übersetzungen.

Wellhausen Pharisäer u. Sadduzäer 1874. Kittel (in Kautzsch Apokr. u. Pseudepigr. II) 1900, 177ff. Viteau Les Ps. de S. 1911. Gray (in Charles The Apocr. and Pseudep. of the O. T. II) 1913, 625ff.

4. Zur Kritik.

Beer a. a. O. 235–237.

I. Der Text.

Die 18 Psalmen Salomos sind ein spätjüdisches Pseudepigraph, das in den alttestamentlichen Kanonverzeichnissen bald den Antilegomenis, bald den Apokryphen eingereiht [2002] wird. Das Original in hebräischer Sprache abgefaßt ist bis jetzt verschollen. Erhalten ist nur die griechische Übersetzung, die 1626 von de la Cerda herausgegeben wurde. Dieser Editio princeps folgten dann die auf bessre Handschriften gestützten Ausgaben von James und Ryle, Swete und in abschließender Weise von Gebhardt 1895. Letzterem schließt sich Kittels deutsche Übersetzung an. Aus der griechischen Übersetzung ist der von Harris veröffentlichte syrische Text geflossen.

Wie der kanonische Psalter, mit dem er auch gewisse Überschriften und das διάψαλμα = סלה‎ gemeinsam hat, was auf einstmaligen liturgischen Gebrauch der Lieder weist, ist auch der Salomo-Psalter in dem bekannten Parallelismus membrorum gedichtet; Rhythmik und Strophik werden ebenfalls die gleichen wie in dem älteren Liederbuch sein. Von lyrischen Gattungen begegnen u. a. Dankpsalmen (13. 15), Klagelieder (7), Rachepsalmen (4). Ein ,Ich‘ wechselt mitunter mit ‚Wir‘. Auffallend ist die Berührung von Ps. 11 mit Bar. 5. Die Ableitung der Psalmen von Salomo wird sich aus dem Bedürfnis nach einem berühmten Autornamen als Titel erklären, wofür ‚Salomo‘ am ersten in Betracht kam, da ‚David‘ mit dem kanonischen Psalter verbunden war. Anonyme oder pseudonyme Schriftstellerei war in jenen Zeiten Stilmode.

II. Inhalt und Zeitlage.

Der Sal. Psalter setzt eine Zerklüftung des Judentums in 2 Parteien voraus. Auf der einen Seite stehen die Gerechten δίκαιοι (צדקים‎) 2, 35; 3, 3 u. ö. oder die Frommen ὅσιοι (= חסדים‎) 8, 23) und die den Herrn Fürchtenden οἱ φοβούμενοι τὸν κύριον (= יראי י״‎). Sie nennen sich auch die Armen πτωχοί (= עניים‎) 5, 2. Auf der andern Seite stehen die Sünder ἁμαρτωλοί (= חטאים‎) 2, 34 oder ἄδικοι (= רשעים‎) 12, 1; die Menschenknechte ἀνθρωπάρεσκοι 4, 7f. Dieser sozial-religiöse Gegensatz durchzieht auch den kanonischen Psalter (z. B. Ps. 1). Er datiert seit der Einführung des Gesetzes unter Esra-Nehemia ca. 430, wächst sich dann aber erst gründlich aus unter dem Einfluß des Hellenismus, der auch auf das Judentum zersetzend wirkte und hier die Altgläubigen oder dem väterlichen Gesetz Treuen von den Modernen, dem Fremdenkult Ergebenen schied. Wir stehen aber im Psalter Sal. nicht erst in den Anfängen der Parteibildung, sondern in den Zeiten des schärfsten und offnen Gegensatzes, der sich an die Namen Pharisäer und Sadduzäer, Gesetzestreue und Anomisten, Nationalisten und Weltbürger oder Griechenfreunde knüpfte. An der Spitze des Judentums steht ein Geschlecht, das zu Unrecht den Thron Davids innehat, 17, 4ff. Das sind die Hasmonäer, die seit 142 die politische Selbständigkeit von den Fremden erlangt und seit 104 den Königstitel angenommen haben. Aber schon ist das verdiente Gericht über sie gekommen durch Pompeius. Denn niemand anders als dieser ist gemeint mit dem ἁμαρτωλός 2, 1, dem ἄνθρωπος ἀλλότριος γένους ἡμῶν 17, 7, dem gewaltigen Stößer, der vom Ende der Erde kam, Jerusalem und das übrige Land mit Krieg überzog 8, 15, mit dem Widder die festen Mauern der Stadt berennen und Heiden auf Jahwes Altar steigen ließ [2003] 2, 1f. Die ἄρχοντες τῆς γῆς, die ihm 8, 16 freudig entgegen gingen, ja selbst dem Feinde die Stadttore öffneten, hernach aber als Gefangene ἐπὶ δυσμῶν 17, 12 geschleppt wurden, sind Aristobul II und Hyrkan II; mußte doch Aristobul II mit seiner Familie, darunter seine Söhne Alexander und Antigonus dem Sieger nach Rom folgen. Mit den Hasmonäern sind auch ihre Parteigänger, die Sadduzäer von der Strafe ereilt werden. Hat doch Pompeius die Führer und Weisen in der βουλή 8, 20 hingerichtet. Die Gegenpartei, die im Psalter Sal. zu Worte kommt, sind die Pharisäer. Je länger je mehr sind ihnen die weltlichen Ziele der Hasmonäer offensichtlich und verhaßt geworden. Sie stellen sich auf die Seite der gesetzlichen Frommen und der durch die Hasmonäer und Sadduzäer vergewaltigten ,Armen‘. Sie sind politische Quietisten 12, 5, erwarten wie der Verfasser der Danielapokalypse vom Himmel, nicht von weltlicher Macht, die Hilfe. Das gegenwärtige nationale Leid ertragen sie als eine Züchtigung 14, 1; 16, 11ff. Sie wappnen sich mit Geduld und erhoffen die Vergeltung, soweit sie nicht schon hier auf Erden eintritt, von der kommenden Welt 13, 9ff. 14, 3; ihre Gegner sind dem ewigen Verderben verschrieben 15, 10ff. Das Endgericht bringt die Generalabrechnung zwischen Frommen und Gottlosen. Inzwischen sorgt aber der Herr durch gelegentliche Strafgerichte, wie z. B. durch das Gericht über die Hasmonäer und Sadduzäer im J. 62, vor allem aber auch durch den schmachvollen Tod des Pompeius selbst, des frechen Heiden, der sich an Jerusalem vergriff, dessen Leichnam an der brandigen Küste umhertrieb (48, September), daß seine Frommen nicht zweifeln, daß noch Gerechtigkeit auf Erden herrscht 2, 26f. Israel bleibt eine herrliche Zukunft vorbehalten. Gott hält seine Verheißungen 12, 6. Insbesondere hoffen die Pharisäer auf das Kommen des wahren Gesalbten 18, 5ff., des rechten Davididen, der sündlos, 17, 36, nicht auf Roß und Reiter, Gold und Silber, sondern auf seinen Herrn sich verlassend 17, 34, in Jerusalem seine Herrschaft errichtet und die Heiden innen und außen vernichtet 17, 23f.‚ auch die jüdische Diaspora wieder mit dem Mutterland vereint 11, und über ein Weltreich gebietet 17, 25ff.

Auf Grund der historische Anspielungen enthaltenden Ps. 2. 8 und 17 läßt sich die Entstehungszeit der Psalmen Sal. in die mittleren Dezennien des letzten Jahrhunderts v. Chr. ansetzen. Die kleine Sammlung hat ihren Wert als Pharisäerlieder und ist von Bedeutung für die Kenntnis des religiösen Sektenwesens in Palästina kurz vor der großen Religionswende.

[Beer.]