RE:Theugenes 2

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band VI A,1 (1936), Sp. [VI_A,1 252]–[VI_A,1 257]
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2) (Θευγένης; so und Θεογένης die authentischen Namensformen auf der delphischen Inschrift; früher nach einem Fehler der meisten Hes. Theagenes genannt) aus Thasos, einer der berühmtesten Athleten und sogar (Plut. praec. reip. ger. 15, 7) περιοδονίκης, geboren um 500 v. Chr., dessen Andenken erstaunlich lange, 1500 Jahre, bis zu Suidas (s. u.), fortlebte. Hoefer Myth. Lex. V 542, in den Zitaten, wie immer, sehr kenntnisreich, in der Darstellung ganz dürr. Mezö Gesch. d. ol. Spiele, passim (dort einiges ungenau). Eine Beschäftigung mit T. lohnt vielfach, wegen textkritisch, sportlich, religions- und volkskundlich wichtiger Ergebnisse.

T. erhielt in Delphoi und Olympia Siegerstatuen aus Bronze. Die in Olympia war nach [253] Pausanias (s. u.) ein Werk des Aigineten Glaukias. Dieser war nach dem Buchstabencharakter einer seiner Künstlerinschriften (Löwy Inschr. gr. Bildh. nr. 28; s. auch Robert o. Bd. VII S. 1400) Zeitgenosse des T.; wenigstens dessen Statue in Olympia wird also wohl gleich nach seinen dortigen Siegen errichtet worden sein und gehört jedenfalls noch ins 5. Jhdt. und in die Lebenszeit des T. Beide Statuen sind heute verloren. Nach Waldstein Journ. hell. stud. I 199 ist der Apollon Strangford im Britischen Museum eine Kopie davon; aber dieser wird jetzt von Pryce Catal. Sculpt. Br. M. B 475 auf 500-490 datiert, was zur Zeit der Siege des T. nicht paßt. Erhalten dagegen sind die Basen der beiden Statuen und auf der olympischen (B) noch geringe Bruchstücke der Inschrift, die sich aber nach der delphischen (A) mit Sicherheit ergänzen läßt und in Prosa eine katalogartige Aufzählung der Siege des T. in den vier großen Nationalspielen enthält, Syll. I³ nr. 36 B (Pomtow); Abb. bei Löwy nr. 29; über etwas abweichende Datierungen von Treu und Weil s. Löwy a.E.; über die Pomtows s. u. Die ersten zwei Zeilen, mit dem Namen des T., sind verloren; Treu wies die Basis trotzdem der Statue des T. zu, was von Foucart Bull. hell. XI 1887, 289-296. Fredrich IG XII fasc. 8 p. 77. Dittenberger-Purgold Inschr. v. Olympia nr. 153 bezweifelt, aber durch den Fund von A bestätigt wurde (in der Syll. hat Pomtow die Irrtümer im Olympiawerk stillschweigend korrigiert). Auf dieser, der delphischen Basis, die äußerst schwer, aber sicher lesbar ist (Pomtow Berl. Phil. Woch. XXIX 1909, 252), ist der genannte Katalog vollständig, mit der Überschrift, erhalten und außerdem ein Lobgedicht auf T. in sechs Distichen, Pomtow nr. 36 A. Sie zeigt eine Einsatzspur für einen Fuß, in der Länge von 30 cm. Daraus schloß richtig Pomtow, T. sei 2,10 m groß gewesen, denn die Siegerstatuen waren lebensgroß (Lukian. pro imag. 11). War wenigstens die olympische, oder waren beide Statuen, wie anzunehmen, den Siegen des T. in Olympia und Delphoi gleichzeitig, so müssen doch die Basen später sein, wenn vielleicht auch nicht mit Pomtow um viele Jahrzehnte; denn die Inschriften geben eine Übersicht über das gesamte sportliche Leben des T., aus dem er sich nach 22jähriger Betätigung zurückzog; offenbar zwecks Anbringung dieser Übersicht hat man die Basen erneuert. Die Überschrift der Inschrift, auf A erhalten, und die Verse auf A nennen als Vater des T. Timoxenos (anders manche Pausanias-Hss., s. u.). Die Kataloge in Prosa nennen folgende Siege des T.:

     bei den Olympia 1mal im Faustkampf, 1mal im Pankration, und zwar nach dem Wortlaut der Inschrift an zwei verschiedenen Olympiaden s. u.);

     bei den Pythia 2mal im Faustkampf, 1mal desgl. ἀκονιτί, d. h. so, daß der Gegner gar nicht antrat und also T. ohne Kampf als Sieger anerkannt wurde, s. Reisch o. Bd. I S. 1178;

     bei den Isthmia 8mal im Faustkampf, 1mal desgl. und bei denselben Spielen im Pankration; diesen Doppelsieg errang T., wie die hierin [254] genauere Inschrift B lehrt, bei seinem dritten Auftreten bei diesen Spielen;

     bei den Nemeia 9mal im Faustkampf;

     dazu fügt A noch einen Sieg bei den Hekatomboia in Argos im Langstreckenlauf (δόλιχος). Von den Versen auf A sind 1, 2 fast ganz verstümmelt. 3, 4, über die Siege in Olympia, widersprechen den Angaben des Katalogs nicht. Sie besagen nicht, es habe sonst nie ein und derselbe Mann bei ein und derselben Olympiade, sondern es habe sonst nie ein und derselbe Mann überhaupt in Olympia im Faustkampf und auch im Pankration gesiegt (die Kämpfer spezialisierten sich also für einen bestimmten Sport); tatsächlich ist ein solcher Fall erst sehr viel später einmal eingetreten: Kleitomachos siegte in der 141. Olympiade im Pankration, in der 142. Olympiade im Faustkampfe, Paus. VI 15, 3. Vers 5, 6, über die Siege in den Pythia, sind fehlerhaft (s. Pomtow), die Angaben in 7-10 über die Siege in den Isthmia und Nemea sind richtig. 11, 12 fügen hinzu, T. habe in 22 Jahren 1300mal (anders die Autoren, s. u.) gesiegt; im Faustkampfe sei er überhaupt nie besiegt worden. — Auf einer Inschrift aus Thasos, Roussel Rev. Et. anc. XIV 1912, 377, s. auch Picard ebd. XV 1913, 31, ergänzte Roussel sehr glücklich ... ενει.πιφανεῖ zu Θεαγ]ένει [ἐ]πιφανεῖ; Herrn Roussel danke ich bestens für den gütigen Hinweis auf dieses neue Zeugnis über T. Es zeigt uns diesen als Heilgott (s. u.); ein A. Licinius erfüllt ihm zum Danke für eine Epiphaneia ein Gelübde. — Aus einer weiteren thasischen Inschrift IG XII 8, 278 C 31 lernen wir dank dem Scharfsinn Bechtels und Herzogs Herm. L 320, daß T. einen Sohn hatte, den er in der Freude über seine zwei olympischen Siege Δισολύμπιος nannte (daß dieser gleich nach dem 2. Siege 476 geboren wurde, ist wohl aus der Inschrift nicht zu erschließen; T. kann ja den Stolz über diese Siege zeitlebens empfunden haben).

Außer diesen Inschriften verdanken wir Pausanias genaue Nachrichten über T. Über die Athletenstatuen in Delphoi berichtet dieser nichts, wohl aber ausführlich über die olympische des T. und über den Mann selbst (VI 6, 5f. 11. 15, 3). In allen Hss. des Pausanias und auch denen mancher anderen Autoren steht die Namensform Theagenes; die richtige, Theugenes, weil durch das Metrum geschützt, bei Athen. X 412 d. Die Statue des T. in Olympia stand laut Pausanias nicht weit von der Stelle, wo die Basisfragmente gefunden wurden, im Westen des südlichen Teils der byzantinischen Ostmauer (Dittenberger Arch. Ztg. XXXV 1877, 189. Treu ebd. XXXVII 1879, 22f. Gardiner Olympia 183). Als Vater des T. nennen manche Pausanias-Hss. Timosthenes, andere Timoxenos, dies nach der delphischen Inschrift richtig. Die Thasier gaben aber als seinen Vater den thasischen Herakles an, der in der Gestalt des Timoxenos, eines Priesters dieses Herakles, die Mutter des T. befruchtet habe. Als Achtjähriger schleppte T. auf dem Wege von der Schule nach Hause vom Markte ein bronzenes Götterbild, das ihm gefiel, auf der Schulter heim, sollte deswegen zum Tode verurteilt werden, [255] wurde aber auf den Rat eines alten, angesehenen Mannes freigesprochen für den Fall, daß er das Bild wieder auf den Markt trage; das tat er, und schon damals sprach sich sein Ruhm in ganz Hellas umher. (Ein Grund, diese Geschichte nur als Gerede der Fremdenführer in Olympia anzusehen, besteht nicht; auch geregelter Schulunterricht etwa im J. 490 v. Chr. auf Thasos ist denkbar.) Bei der 75. Olympiade (480) besiegte T. Euthymos im Faustkampf, strengte sich aber dabei so an, daß er dann zum Pankration, wozu er sich auch gemeldet hatte, nicht antreten konnte, sondern dem Dromeus ἀκονιτί (Paus. VI 11, 4) unterlag. Deswegen wurde er zur Zahlung eines Talents an den Gott verurteilt, ferner, weil er mit Euthymos [nicht aus rein sportlichem Interesse, sondern] aus Mißgunst gekämpft habe, zur Zahlung eines weiteren an diesen; so richtig gegenüber früherer Deutung Förster Die olymp. Sieger, Progr. Gymn. Zwickau 1891 nr. 191. (Wenn man ihm diese Zahlungen überhaupt aufbürden konnte, wird er entweder von Haus aus sehr reich oder schon 480 ein berühmter Athlet mit sehr reichem Einkommen gewesen sein; es waren ja durchaus nicht alle Preise nur ideell wertvoll wie der olympische). Bei der 76. Olympiade (476) zahlte T. das Geld an den Gott; den Euthymos aber entschädigte er dadurch, daß er sich am Faustkampfe nicht beteiligte; so blieb diesem die Möglichkeit dieses Sieges, den er auch gewann. (Es fällt auf, daß T. später nie wieder in Olympia aufgetreten ist; bei seiner Körpergröße, d. h. bei entsprechender Länge seiner Arme, war ihm ja da in jedem Boxkampf der Sieg sicher. Vielleicht hielt man in Olympia auf anständigen Sport, d. h. auf Kampf zweier annähernd gleichwertiger Gegner, wie er mit T., eben infolge seiner Körpergröße, von vornherein nicht möglich war; und vielleicht sollte ihm die Bestrafung recht deutlich nahelegen, er sei in Olympia unerwünscht. Sehr stolz auf seine beiden olympischen Siege war aber T. doch, s. o.). Die olympischen Siege und die bei den anderen großen Spielen bietet Pausanias so wie die Baseninschriften, d. h. er schrieb sie von der olympischen Basis getreu ab; die Jahre fügte er aus der offiziellen elischen Siegerliste hinzu, die er einsah (Trendelenburg Paus. in Olympia 55). Den Sieg im Dauerlauf in Argos nennt er nicht, sondern dafür einen solchen in Phthia; das ist kein Beweis gegen seine Glaubwürdigkeit, denn das eine schließt das andere nicht aus. Statt der insgesamt 1300 Siege der delphischen Verse gibt er und nach ihm Suidas (s. u.; die Korruptel ist also alt) 1400, dagegen Plut. praec. reip. ger. 15, 7 1200 (dazu Fuhr Berl. Phil. Woch. XXII 1597 Anm.) an. Sicher braucht der Fehler nicht bei Pausanias und Plutarch selbst, sondern er kann bei den Abschreibern liegen (Pomtow). Denn in allem Sachlichen wird ja Pausanias durch die Baseninschriften bestätigt. So kann auch glaubwürdig sein, was er VI 11, 6ff. erzählt. Nach dem Tode des T. schlich sich einer seiner (politischen; s. u.) Feinde allnächtlich zur Statue des T. auf Thasos und prügelte sie. Die Statue stürzte aber eines Nachts auf den Mann und schlug ihn tot. Sie wurde darauf [256] von dessen Kindern wegen Mords verklagt und von den Thasiern mit Versenken ins Meer bestraft, und zwar nach einem Gesetze Drakons, das ein solches Verfahren auch gegen leblose Gegenstände vorsah, die umfielen und jemanden erschlugen. Es entstand jedoch Mißwachs auf Thasos, was man als Rache des T. auffaßte. Seine Statue wurde also wieder aus dem Meere gefischt und wieder auf ihren alten Platz gestellt und genoß seitdem göttliche Verehrung. Das klingt zwar alles sehr anekdotenhaft, besonders, da Pausanias der Statue auch noch die Absicht zuschreibt, umzufallen und den Mann zu erschlagen (andere anders, s. u.). Aber abgesehen davon kann die ganze Geschichte wahr und auch die Anschauung von der Absicht der Statue, umzufallen, volkstümlich gewesen sein; die Vorstellung, die Macht eines Geistes wohne in seinem Bilde, ist auch sonst bezeugt [und besteht ja sehr lebendig bis heute]. Das drakontische Gesetz gegen Lebloses hat es wirklich gegeben, Rohde Psyche 193f.; ein Teil dieser Gesetze wurde noch 409 neu aufgeschrieben, war also im 5. Jhdt. in Kraft, Lipsius Das attische Recht I 17. 23. Schließlich sagt Pausanias, er kenne auch viele andere Bilder des T. bei Hellenen und Barbaren, die Ehren genößen und sogar Kranke heilten, und auch das wird uns von anderen bestätigt, s. o. (Inschrift von Thasos) und unten.

Eine dritte Quelle über T. bilden für uns gelegentliche Bemerkungen anderer Schriftsteller, die ich chronologisch ordne. Ein Epigramm des Poseidippos bei Athen. X 412 e gibt einen Witz auf eine Statue des T. mit einer vorgestreckten Hand; das deutete man, T. habe infolge einer Wette einen ganzen Ochsen aufgegessen, aber noch Hunger und verlange noch mehr. Die Verse sind korrupt, aber in der deutschen Übersetzung der Anthologie von Thudichum 611 einigermaßen sinnvoll wiedergegeben. Dion Chrys. or. XXXI p. 617f. R. 339f. M. 337 Dd. kennt irrig 3 olympische Siege des T.; nach ihm war dieser nach dem Rücktritt vom Sportsleben auf Thasos als Staatsmann tätig, und zwar sehr verdienstlich, zog sich aber dabei den Haß des Mannes zu, der seine Statue schlug; diese fiel zufällig oder δαιμονίου τινὸς (also nicht des T.) νεμεσήσαντος um. Plutarch tadelt praec. reip. ger. 15, 7 den maßlosen Ehrgeiz des T., der einst beim Leichenschmause am Feste eines Heroen, als jeder Gast schon wie gewöhnlich seine Portion hingesetzt erhalten hatte, aufsprang und jeden der Reihe nach (δια-) im Pankration niederkämpfte, ‚als ob in seiner Gegenwart keiner Sieger sein dürfe‘. Wie Plutarch weiterhin zu dem Urteil kommt, von den 1200 (s. o.). Siegen des T. seien die meisten wohl συρφετός, wertlos, gewesen, bleibt unklar. Lukian kennt hist. conscr. 35 T. als berühmten Athleten, deor. conc. 12 die Heilwirkung seiner Bilder gegen Fieber; schwerlich hat er das nur aus Pausanias. Oinomaos bei Euseb. praep. ev. V 34, 9-15 erzählt die Geschichte von der Statue, die κατά τινα, ὡς ἔοικε, δαιμονίαν μέριμναν umfiel, in einer Weise, daß man daraus schließen muß, er habe sie als allgemein bekannt vorausgesetzt. Athenagoras suppl. pro Christ. 14 p. 62 Otto [257] weiß, daß die Thasier den T. als Gott verehrten, der doch bei den olympischen Spielen einen Mord begangen habe. Von einem solchen ist jedoch nichts bekannt (s. die älteren Erklärer bei Otto); und dann hätte natürlich T. in Olympia keine Siegerstatue erhalten. Geffcken Zwei griech. Apologeten 188 vermutete, Athenagoras meine nicht einen eigentlichen Mord, sondern das Umfallen der Statue. Aber das steht nicht da; ferner stand die umfallende Statue auf Thasos, Athenagoras redet aber ausdrücklich von einem Morde bei den Olympischen Spielen. Also liegt entweder ein Irrtum des Athenagoras vor, der aber auf die von Geffcken vermutete Weise zustande gekommen sein mag, oder eine Textverderbnis (Lücke; so Schwartz in seiner Ausg. d. Ath.). Bei Cramer Anecd. Paris. II 155, 23 ist statt Μεταγένης vielmehr Θεαγένης zu lesen, denn es gibt keinen Metagenes, der im Faustkampf unzählige Siege errang; ferner lies ῥώμην. Doch lehrt diese Stelle über T. nichts Neues. Wichtig ist schließlich Suidas s. Εὔθυμος und s. Νίκων. Zwar sind das sicherlich nur Auszüge aus Pausanias, die uns also nichts Neues bieten. Wenn aber Suidas sie brachte, so lehren sie uns, daß er Interesse für T. immer noch voraussetzen konnte; es läßt sich anderweit wahrscheinlich machen, daß er bei der Auswahl seines Stoffs so verfuhr (o. Bd. XIII S. 1912, 13-20). Nun nennt er in dem einen Artikel T. nicht so, sondern Nikon. Küster und Bernhardy waren schnell mit dem Vorwurfe der supina negligentia und pinguis Minerva bei der Hand. Ich möchte annehmen, Nikon sei Kurzform zu περιοδονίκης oder zu Νικηφόρος , und noch im 10. Jhdt. habe das griechische Volk mit diesem Kosenamen von einem seiner Lieblingshelden und -heiligen gesprochen.