Reichenbach im Voigtland und dessen Umgebung in industrieller Hinsicht

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Titel: Reichenbach im Voigtland und dessen Umgebung in industrieller Hinsicht
Untertitel:
aus: Album der Sächsischen Industrie Band 1, in: Album der Sächsischen Industrie. Band 1, Seite 166–168
Herausgeber: Louis Oeser
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Louis Oeser
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Erscheinungsort: Neusalza
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Reichenbach im Voigtland und dessen Umgebung
in industrieller Hinsicht.


Wir betreten das Voigtland, dessen regsame Bewohner sich theils mit Ackerbau und Viehzucht – wir erinnern an die rühmlich bekannte voigtländische Rindviehrace –, theils mit Fabrikarbeit und dergleichen beschäftigen. Wir finden hier eine bedeutende Anzahl Spinnereien, mechanische Webereien und Manufakturwaarenfabriken, sowie in den höher gelegenen Gegenden aber ansehnliche Eisenwerke und nicht ohne Erfolg betriebenen Bergbau. Ehemals gab es hier selbst Goldwäschereien, namentlich in der Göltzsch, welche von diesen Wäschereien ihren Namen erhielt. Bekannt ist auch die Perlenfischerei bei Oelsnitz, welche jetzt allerdings nicht mehr so einträglich ist, aber doch oft schöne Produkte liefert, von welchen einzelne bisweilen selbst den orientalischen Perlen nahe kommen. Außerdem giebt das Spitzenklöppeln, die Holzwaaren- und Instrumentfabrikation u.s.w. zahlreichen Händen mehr oder minder lohnende Beschäftigung, und endlich giebt es hier auch viele Papiermühlen, Schneidemühlen, Pechsiedereien u.s.w., vieler andern kleinern Industriezweigen nicht zu gedenken.

Uns vorbehaltend, auch auf die übrigen in industrieller Hinsicht wichtigen Städte und Gegenden des Voigtlandes zurückzukommen, besuchen wir zuerst Reichenbach, welches mit seiner Umgegend einen unsere Aufmerksamkeit vorzüglich in Anspruch nehmenden Bezirk bildet.

Reichenbach gehört unstreitig zu den wichtigsten Fabrikstädten Sachsens, und die Mehrzahl seiner Bewohner ist bei den in der Stadt selbst, theils auch in nächster Umgebung befindlichen gewerblichen Etablissements thätig. Es liegt in schöner, etwas rauher Gebirgsgegend am Abhange eines Berges und an dem der Göltzsch zufließenden Seifenbach; in der Nähe führt die sächsisch-baierische Eisenbahn vorüber und vermittelt gleich den übrigen hier zusammenlaufenden Straßen den raschen Verkehr nach allen Richtungen. Reichenbachs Einwohnerzahl ist in Folge der immer mehr sich ausbreitenden industriellen Thätigkeit und dadurch bedingten vermehrten Arbeitskräfte, von Jahr zu Jahr im Wachsen begriffen und während es zu Anfang dieses Jahrhunderts kaum 3,500 Bewohner hatte, welche Zahl 1843 auf 6,699 und 1851 auf 7,308 gestiegen war, zählt es jetzt deren 9,127 in 928 bewohnten Gebäuden.

Reichenbach gehörte schon früher zu den wichtigsten Fabrikstädten unsers Vaterlandes und seine Erzeugnisse waren allbekannt, zum Theil selbst berühmt. – Es ist eine uralte Stadt und verdankt seine Entstehung den einst hier sich befundenen reichhaltigen Eisengruben, in deren Nähe sich Bergleute ansiedelten; auch der Seifenbach zog Bewohner an, denn in seinem Sande fand man Goldkörner, welche hier, wie in der Göltzsch, gewaschen (geseift) wurden. Wahrscheinlich hat die Stadt selbst ihren Namen von dem ehemaligen Goldreichthum des Baches, welcher jetzt allerdings gleich dem übrigen Erzreichthum der Gegend spurlos versiegt ist, kaum daß sich noch einige seltnere Minerale zerstreut vorfinden, wie grüne Topose, Granaten u.s.w.

Aus der alten, schon zu Anfang des vierzehnten Jahrhunderts der Stadt von ihrem damaligen Oberherrn, dem Grafen von Reuß ertheilten Privilegien ersieht man, daß Reichenbach schon damals ein für jene Zeit ansehnlicher und eines gewissen Wohlstandes sich erfreuender Ort sein mußte, dessen Hauptnahrungszweige außer dem Bergbau, der Feldwirthschaft und der Viehzucht, besonders Tuch- und Zeugfabrikation und Schönfärberei waren. Auch der spätere Besitzer, Kaiser Karl IV., ertheilte der Stadt mehrere ihren Handel und ihre Fabrikation betreffende Privilegien.

[167] Durch die Landesherren begünstigt und aufgemuntert war die Fabrikation Reichenbachs fortwährend im Steigen und damit auch der Wohlstand der Bewohner, so daß dieselben wohl den Verlust des nach und nach gänzlich versiegten Bergsegens nicht allzu sehr empfinden mochten. In den späteren Jahren lieferte Reichenbach ausgezeichnete Tuche, namentlich Scharlach, welche Farbe durch den hier geborenen Adam Meier eingeführt wurde. Dieser Meier hatte Theologie studirt, sich aber auch stets mit Vorliebe mit Chemie beschäftigt, vielleicht, nach dem Geschmack der damaligen Zeit, bisweilen auch mit Alchymie, und wußte seine so erlangten Kenntnisse nutzbar anzuwenden, denn als er später nach Holland kam und einige Zeit in Amsterdam lebte, erlernte er daselbst die geheim gehaltene Bereitungsart der Scharlachfarbe, wegen welcher Holland damals weltberühmt war. Nach der Rückkehr in sein Vaterland lehrte Meier seinen Landsleuten dieses Geheimniß und wendete dadurch seiner Vaterstadt große Vortheile zu. Dieser verdiente Mann starb als Diakonus in Schneeberg.

Reichenbachs Scharlachtuche wetteiferten nun bald an Güte und Schönheit mit den besten holländischen und fand in halb Europa Absatz. Ein zweiter berühmter Artikel war das Flöckeltuch, welches namentlich stark nach Ungarn ging. – Später fertigte man besonders Casemirs, Köper und Flanell, welche sich eines guten Rufes erfreuten, und in neuerer Zeit zeichnete sich Reichenbach vorzüglich durch seine Merinos und Thibets und ähnliche Modewaaren aus, welche sogar den französischen und englischen Erzeugnissen vorgezogen und in großen Quantitäten selbst auf überseeischen Märkten abgesetzt werden. Nicht minder ist die hier verfertigte sogenannte plauensche Waare – Mousselin, Mull, Battist, Jaconnet u.s.w. – vorzüglich.

Die Stadt wurde von zahlreichen Unglücksfällen heimgesucht. 1429 wurde sie von den Hussiten auf die barbarischste Weise verheert; der dreißigjährige Krieg brachte nicht minder viele Leiden über sie, und namentlich hat sich da der wilde Holke, der im August 1632 hier und in der Umgegend hauste, eine traurige Berühmtheit erworben. Am 30. April 1681 brannten über zweihundert, am 20. August 1720 fünfhundert und beide Kirchen und am 7. Juni 1773 zweihundertvierundachtzig Häuser und eine Kirche ab. Am 2. Juni 1838 wurde Reichenbach durch Feuer abermals fast ganz vernichtet, denn es verzehrte fünfhundertfünf Häuser, beide Kirchen und das Rathhaus. Aber alle diese Unfälle konnten die Stadt wohl momentan niederbeugen, jedoch nicht auf Dauer, denn nach kurzer Zeit hob sie sich durch die Macht ihrer Industrie zu neuer und schönerer Blüthe. Es soll damit allerdings nicht gesagt werden, daß die Folgen des letzten großen Brandes so leicht und bis jetzt gänzlich verschmerzt wären.

Gegenwärtig befinden sich in der Stadt wie in deren Vorstädten zahlreiche und mitunter sehr bedeutende Spinnereien, welche theils Kammgarne, theils Vigogne- und Streichgarne liefern, z. B. die Spinnerei von H. Albert, Bechler, C. Bonitz, Ciriak u. Co., Dietrich und Wunderlich, M. Feustel, Jacob u. Paul, Illing, W. Keßler, Kupfer u. Co., Paul und Schreiterer, Paul u. Co., Schaarschmidt und Schreiterer, J. Seyferth u. Co., Schneider u. Co., R. Tröltzsch u. Jacob, C. G. Tröltzsch u.s.w. Viele dieser Etablissements beschäftigen sich zugleich mit der Herstellung von Manufacturwaaren, welche aber auch von vielen anderen oft sehr ansehnlichen Etablissements ausschließlich betrieben wird, unter Anderen von J. G. Beck, Brodbeck u. C., J. H. Fiedler jun., C. F. Förster, C. Gerber (Fabrik wollener gedruckter und gefärbter Shawls und gedruckter Tischdecken), Gloß u. Sohn, Franz Hoffmann, F. W. Keßler jun., Th. Liskowsky, Mahn u. Co., G. Ringk, Simon u. Streller (feine wollene Châles), Stiebert u. Sohn, W. Speck u. Co. u.s.w. – Ausgezeichnete Maschinen liefert die Fabrik von J. C. Braun, außerdem giebt es noch zwei Maschinenbauwerkstätten, die von Kießhauer und Söhne und von Schlosser und Oberländer.

Auch in der Umgegend befinden sich zahlreiche gewerbliche Etablissements, deren Besitzer zum Theil in Reichenbach oder in dem benachbarten Städtchen Mylau wohnen. In dem nur eine halbe Stunde von Reichenbach entfernten Mylau finden wir die ansehnliche Brücknersche Baumwollenspinnerei, die bis 1836 die größte aller sächsischen Spinnereien war, weiter abwärts der Göltzsch, an der berühmten [168] Göltzschthalbrücke begegnen wir dem Etablissement der Gebrüder Tröltzsch und dem von F. L. Winkelmann. Von Mylau aufwärts begegnen uns an dem Hirschstein die Etablissements von Franz Merkel, der Gebrüder Schilbach und weiter hin noch die von Petzold und Ehret, J. G. Gloß sen., Ferdinand Bonitz u.s.w.

Dieser kurze Ueberblick wird genügen, günstiges Zeugniß von der in dieser Gegend herrschenden Regsamkeit abzulegen und werden wir mehrere der hier genannten Etablissements späterhin ausführlich besprechen.