Tollwutepidemien

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Textdaten
Autor: Walther Kabel
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Titel: Tollwutepidemien
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aus: Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens, Jahrgang 1914, Sechster Band, Seite 230–233
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Erscheinungsdatum: 1914
Verlag: Union Deutsche Verlagsgesellschaft
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Erscheinungsort: Stuttgart, Berlin, Leipzig
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[230] Tollwutepidemien. – Im Frühling des Jahres 1822 trat in dem damals noch dänischen, jetzt zur Provinz Schleswig-Holstein gehörigen Dorfe Jägerup eine solche auf. Der Hund des Schäfers erkrankte zuerst und übertrug die Ansteckung auf die übrigen Dorfhunde, von denen im Laufe von drei Wochen fünfundzwanzig Personen, darunter vierzehn Kinder, ferner die meisten auf der Weide befindlichen Rinder und Schafe gebissen wurden. Zunächst schenkte man der Sache jedoch wenig Beachtung. Die tollen Hunde tötete man, wo man ihrer habhaft wurde, und die Bißwunden der Menschen und des Viehs wurden gleichmäßig durch Essigwaschungen behandelt. Erst als die Tollwut bei den Schafen und kurz darauf bei den Rindern zum Ausbruch kam und die Tiere eine nie gekannte Bösartigkeit zeigten, berichtete der Dorfälteste darüber an das zuständige Amt nach Hadersleben. Zwei weitere Wochen vergingen, bevor bei der damaligen langsamen Geschäftsführung in Jägerup ein Regierungskommissar eintraf.

Inzwischen waren bereits acht Personen unter furchtbaren Qualen gestorben und auch ein Teil des gebissenen Viehs auf ebenso schreckliche Weise eingegangen. Niemand von den Dorfbewohnern wagte sich mehr unbewaffnet auf die Felder. Überall trieben sich dumpfbrüllende Rinder und widerwärtig blökende Schafe umher, die jeden Menschen, der ihnen in den Weg kam, beißwütig anfielen. Auch auf die benachbarten Güter, besonders auf die große Besitzung des Barons v. Benson hatte die Epidemie übergegriffen.

Nachdem von dem Regierungskommissar der schreckenerregende Umfang, den die Seuche in so kurzer Zeit angenommen hatte, und damit die Größe der Gefahr für die ganze Gegend erkannt worden war, traf man sofort energische Gegenmaßregeln. In Jägerup mußten sämtliche Tiere, ob sie gebissen waren oder nicht, getötet werden. Bei den Menschen kam leider jede Hilfe zu spät. Von den Gebissenen, deren Zahl mittlerweile auf zweiunddreißig gestiegen war, genasen nur zwei. Auch der Baron v. Benson, zwei seiner Söhne und drei Knechte, die von tollen Hunden auf dem Hofe des Gutes verletzt worden waren, starben.

[231] Monatelang lastete es noch auf der ganzen Gegend wie ein furchtbarer Alp. Immer wieder zeigten sich bei diesem oder jenem Tiere die Erscheinungen der Tollwut. Das Dorf Jägerup war infolge des Verlustes des ganzen Viehbestandes völlig verarmt, so daß den Bewohnern auf Regierungskosten neues Vieh geliefert werden mußte.

Fünfzehn Jahre später kam eine ähnliche Epidemie in dem preußisch-russischen Grenzdorfe Wirballen vor und raffte außer zahlreichem Vieh, unter dem sich dieses Mal auch verschiedene Pferde befanden, einundzwanzig Menschen im Laufe von drei Monaten dahin. Fast gleichzeitig mußten in dem in der Normandie gelegenen, durch seine Schafzucht berühmten Städtchen Falaise auf Befehl der Behörden nicht weniger als 1532 Schafe, die gesamten Herden dreier Züchter, getötet werden, weil ein großer Teil von der Tollwut befallen war und die Gefahr nahe lag, daß die Krankheit auch auf die übrigen Herden übergreifen würde.

Die Epidemie von Falaise zeigte deutlich, daß jedes von dem Tollwutgift infizierte Tier von einer unwiderstehlichen Sucht zum Beißen ergriffen wird. So übertrugen die erkrankten Schafe den wie bei allen tollwütigen Tieren im Speichel befindlichen Ansteckungsstoff auf ihre Artgenossen, indem sie unter Verleugnung ihrer sonstigen friedfertigen Natur diesen mit den Schneidezähnen tiefe Bisse beibrachten.

In neuerer Zeit sind derartige Anhäufungen von Tollwuterkrankungen immer seltener geworden. Es kam wohl noch hie und da zu einem stärkeren Auftreten der gefürchteten Krankheit, doch nahm diese nie mehr epidemieartigen Charakter an. Nur in dem böhmischen Dorfe Jahornitz sollte in dem Kriegsjahr 1866 eine wie immer so auch hier durch tolle Hunde hervorgerufene Tollwutseuche unter dem Weidevieh, hauptsächlich den Rindern, schwere Opfer fordern. Menschenleben hatte man dabei jedoch nicht zu beklagen, da die amtlicherseits sofort getroffenen Gegenmaßregeln die Bevölkerung genügend zur Vorsicht mahnten und bewirkten, daß jedes auch nur verdächtige Stück Vieh aus sicherer Entfernung erschossen wurde.

Erwähnt seien hier jedoch noch zwei weitere in Europa vorgekommene [232] Tollwutepidemien, die insofern bemerkenswert sind, als sich bei ihnen die Krankheit fast ausschließlich auf eine bestimmte Tiergattung beschränkte. In den Monaten September bis Dezember 1852 mußten in Madrid sämtliche Katzen getötet werden, da eine erst recht spät als Tollwut erkannte Krankheit sich immer mehr unter ihnen ausbreitete und dadurch die Gesundheit der Bewohner der spanischen Hauptstadt schwer gefährdete. Zu Anfang des Jahres 1853 hatte man in ganz Madrid vergebens eine Katze gesucht. Auch heute noch darf nach einem damals erlassenen Gesetz nur in je einem Hause einer Straße eine Katze gehalten werden. Madrid dürfte daher so ziemlich die katzenärmste europäische Stadt sein.

Im Winter 1872 brach unter den Wölfen im Gouvernement Saratow in Südrußland eine Tollwutepidemie aus. Ganze Ortschaften, besonders das Städtchen Kljudschi, wurden infolgedessen wochenlang von jedem Verkehr abgesperrt. Da man der Bestien anders nicht Herr werden konnte, wurden mit Hilfe zahlreicher Kosakenabteilungen überall Treibjagden abgehalten, so daß das Gouvernement auf Jahre hinaus von Wolfen gesäubert war. Trotzdem tauchten noch im Jahre 1875 in der Nähe der Gouvernementshauptstadt Saratow fünf wutkranke Wölfe auf, die zahlreichen Spaziergängern verderblich wurden und eine wahre Panik unter der Einwohnerschaft hervorriefen.

Bedeutend ärger jedoch als in Europa hat der Orient unter Tollwuterkrankungen, besonders der von Hunden, zu leiden, was hauptsächlich auf die mangelnden gesetzlichen Schutzvorschriften und die Gleichgültigkeit der dortigen Bevölkerung zurückzuführen ist. Nach einer ganz oberflächlichen Statistik des von der türkischen Regierung 1903 nach Konstantinopel berufenen Tierarztes Doktor Vollert sterben in Kleinasien allein jährlich sechs- bis siebenhundert Menschen an den Folgen der Bisse tollwütiger Hunde. Die Berufung des genannten Tierarztes hat ebenfalls eine recht traurige, für den Schlendrian in der türkischen Verwaltung aber recht bezeichnende Vorgeschichte. 1889 nämlich hatte die Tollwut unter [233] den berüchtigten Straßenhunden Konstantinopels derart überhand genommen, daß auf Stadtkosten überall vergiftete Fleischbrocken ausgestreut wurden, um die Zahl der Hunde zu verringern. Auch zu diesem recht unpraktischen Mittel gegen eine Weiterverbreitung der Mensch und Tier in gleicher Weise gefährdenden Krankheit entschloß man sich erst auf die energischen Vorstellungen der Vertreter der europäischen Staaten hin. Gleichzeitig versprach die Regierung, daß ein Tierarzt angestellt werden würde, der sich hauptsächlich mit geeigneten Maßregeln gegen die Tollwut befassen solle. Ganze zwölf Jahre später wurde jedoch dieser Tierarzt erst in der Person Doktor Vollerts berufen. Vor einigen Jahren sind bekanntlich sämtliche Straßenhunde aus Konstantinopel nach einer felsigen Insel geschafft worden, wo die Tiere infolge Nahrungsmangels längst eingegangen sein dürften.

Durch die von Pasteur erfundene Schutzimpfung gegen die Folgen des Bisses wutkranker Tiere hat die Tollwut in den Kulturländern viel von ihren Schrecken verloren. In Deutschland ist sie unter das Viehseuchengesetz gestellt worden, dessen strenge Bestimmungen außerdem ein Umsichgreifen der Krankheit so gut wie unmöglich macht.

W. K.