Vom Luxus

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Titel: Vom Luxus
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aus: Die Gartenlaube, Heft 21, 32 37, S. 313-315, 458-460, 527-529
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[313]
Vom Luxus.
Etwas Volkswirthschaftliches.

„Das ist Luxus“, ruft sowohl der Reiche wie der Arme, ruft Hoch und Niedrig, und welch’ verschiedenen Begriff verbindet nicht nur jeder Einzelne mit diesem Wort, sondern jeder Stand, jedes Volk, jedes Zeitalter. – Was das eine für entbehrlich hält, das erhebt schon das folgende zum nothwendigen Bedürfniß, sobald der Gebrauch, der Genuß desselben längere Zeit sich bis auf die weitesten Kreise der Bevölkerung erstreckt hat.

Mit dem Fortschreiten der Cultur erwacht überall und zu jeder Zeit auch der Luxus, mit ihm die Streitfrage, ob er verderblich oder nützlich sei. Diese Frage ist also so alt, wie die Cultur selbst, und so finden wir sie denn bereits bei den alten Griechen, bei denen das „Für“ und „Wider“ förmliche Secten hatte: die kyrenaische und kynische, die Epikuräer und Stoiker, jene in froher Lebensauffassung sich den Genüssen und Freuden des Daseins zuneigend, diese mit Strenge gegen sich selbst der Enthaltsamkeit und Mäßigkeit folgend.

[314] Wer kennt nicht den Diogenes in seiner Tonne, der, als er von dem ihn besuchenden Alexander sich eine Gunst erbitten sollte, nichts anderes wünschte, als daß er ihm aus der Sonne gehen möge; der, als er einst ein Kind aus hohler Hand Wasser trinken sah, auch noch seinen Trinkbecher wegwarf, als ein entbehrliches Luxusgeräth, über dessen Ueberflüssigkeit ihn erst ein Kind habe belehren müssen. Herakleides dagegen, der Aristoteliker, erklärte den Luxus als die Quelle alles Edelmuthes, der Tapferkeit, als die Ursache des Sieges der Athener bei Marathon, denn vom Luxus begeistert hätten sie den Feind niedergeworfen.

Theologen und zelotische Staatsmänner haben dem Luxus meist geflucht, und ihn als von der strafenden Hand des Schicksals verfolgt dargestellt. So erzählt Dandolus in seiner Chronik Venedigs, daß eines Dogen Frau einstmals so übermüthig gewesen, daß sie, anstatt mit den Fingern, mit goldenen Zweizacken – Gabeln – gegessen habe, dafür aber auch später noch bei Leibesleben stinkend geworden sei. – Ein englischer Geschichtsschreiber klagt in seiner Chronik von 1577 über den Luxus Englands, wo man seit Kurzem so viele Kamine errichte, und statt hölzerner Schüsseln irdene und zinnerne einführe.

In späterer Zeit treten Filangieri, Voltaire, Hume als Lobredner des Luxus auf, schreiben ihm die Blüthe einer ausgedehnten Industrie nach innen und außen, die Beschäftigung eines großen Theils der arbeitenden Classe, die Verschönerung des Lebens und Milderung der Sitten, die mit Wärme und immer neuem Leben erfüllende treibende Kraft im Staatskörper zu; als Gegner Warburton und Rousseau, die ihn einen verderblichen Gebrauch der den Menschen von der Vorsehung verliehenen Güter nennen, durch ihn die Macht und Stärke des Staates, die Vaterlandsliebe und Tugenden seiner Bürger gefährdet sehen, und die Ausschweifung der Reichen, das Elend der Armen, den endlichen Verfall der Gesellschaft von ihm verursacht glauben. – Und so geht die große Streitfrage durch alle Zeiten und Völker, durch alle Stände bis in die niedersten Schichten, in denen auf dem abgelegensten Dörfchen wohl ein altes Mütterchen über den Verfall der Sitten, über das Verschwinden der „alten guten Zeit“ klagt, wenn sie Sonntags auf dem Kirchwege vielleicht ein schmuckes junges Mädchen in neuerer Tracht, mit vielfachem Tand geputzt vor sich hergehen sieht. Sie klagt, denkt aber nicht, daß sie auf ihrem alten Haupte eine theure Fehmütze mit goldgesticktem Deckel, oder eine mit reichen Fältelungen gezierte Radhaube von wohl drei Ellen des äußern Umfanges trägt, welche von dem ihr vorangegangenen Geschlecht mit derselben Klage begrüßt worden ist. Der Luxus der Gegenwart ist nach vielen Seiten billiger. Das Frisiren, Pudern der Männer, das Tragen von kostbaren Spitzen und Schuhschnallen, Degen, goldgestickten Kleidern ist abgekommen. Die Industrie ist im Erfinden wohlfeiler Ersatzmittel für kostbarere Gegenstände sehr weit, wie z. B. in Baumwollensammet, Battistmusselin, plattirten Waaren, Argentan etc.

So ist denn der Begriff „Luxus“ ein ganz relativer, ein nach den verschiedenen Zeit-, Lebens- und Standesverhältnissen verschiedener. Es ist irrig und falsch, den Luxus schlechtweg zu loben oder zu verdammen. Denn er kann statthaft, ja er kann sittlich, aber auch unstatthaft, unsittlich und verderblich sein. Es ist irrig, ihm allein den Untergang Roms oder früher Athens Schuld zu geben, da sich durch die Geschichte nachweisen läßt, daß der ungeheure und zuletzt verderbliche Luxus in vieler Hinsicht erst wieder Ursache zu manch’ anderer Verschlechterung wurde. Diese Wechselwirkung ist natürlich eine nothwendige. – Bei einem gesunden Volke ist auch der Luxus gesund, bei einem sinkenden krank und verderblich. Er ist statthaft, wenn er auf die Behaglichkeit, den Comfort innerhalb der Grenzen der Ersparnisse des Volkes, gerichtet ist, und gerade der heutige Luxus ist dadurch charakterisirt, daß er auch in den Haushalt des gemeinen Mannes dringt, und dieser jetzt so Manches genießen kann, was vor einem Jahrhundert selbst dem Reichen nicht vergönnt oder wohl gänzlich unbekannt war. Er kann sittlich sein und von veredelndem Einfluß auf das ganze Volksleben, wenn er die schönen Künste zum Ziel hat, Musik, Bildhauerei, Malerei, Poesie; aber auch unstatthaft da, wo das Unentbehrliche um des Entbehrlichen willen leidet, wie einst in Athen, wo die jährlichen öffentlichen Feste mehr kosteten, als die Unterhaltung der Flotte kosten durfte, wo die Aufführung der Euripideischen Trauerspiele höher zu stehen kam, als der Krieg gegen die Perser; unsittlich endlich, wenn nur den Begierden des Körpers gestöhnt, wenn das Vergnügen Weniger durch das Elend Vieler erkauft wird, oder die Befriedigung von Genüssen wohl geradezu der Moral entgegentritt. Die Römer aßen zu Verres’ Zeit Singvögel oder nur ihre Zungen, die Rennpferde mußten aus Spanien, die Hunde aus Phrygien, die Pfauen aus Samos, die Kraniche aus Melos, die Thunfische aus Chalcedon, die Hechte aus Pessinus, die Austern aus Tarent, die Datteln aus Egypten, die Nüsse aus Thasos, die Kastanien aus Bätica sein, und so durch die Kostspieligkeit des Transports oder große Schwierigkeit der Erlangung ungeheure Summen kosten, um noch Werth zu haben, oder beziehentlich den Gaumen des durch den Ueberfluß und die Genüsse übersättigten Volkes bei großen Gastmählern zu reizen. – Bei dem enormen Aufschwung unserer heutigen Industrie, bei der Annäherung der entferntesten Erdtheile durch Locomotive und Dampfschiff ist es jetzt für den Mann selbst des Mittelstandes kein verschwenderischer Luxus, Kaffee aus Arabien, Thee aus China, Caviar aus Rußland, Zucker aus Ostindien, Ruin aus Westindien, Wein aus Ungarn, Frankreich oder Spanien, Tabak aus der Türkei, Cigarren aus Havannah auf einem Tische zu haben.

Der Luxus ist eine unvermeidliche Folge des Fortschreitens in den Gewerbekünsten und der Ansammlung von Vermögen, somit eine Frucht der höheren Entwickelung, eine der stärksten Triebfedern zur Erwerbung sachlicher Güter, ohne welche der Mensch weit weniger arbeiten würde.

Und bei dieser heutigen Entwickelung ist er deshalb so freudig zu begrüßen, weil auch der bessere Luxus, weil Erzeugnisse der Kunst und Wissenschaften vermöge der tausendfachen Vervielfältigung derselben selbst dem unbemittelteren Bürger zugänglich sind, der sich ihrem versittlichenden Einfluß nicht entziehen kann und wird.

Hier entsteht Angesichts der geschichtlichen Beispiele des Unterganges der Griechen und Römer die große Frage, ob einst auch unserem Volk im Weiterschreiten seiner Handels- und gewerblichen Entwickelung, im zu erwartenden Umsichgreifen des immer mehr sich erweiternden, immer leichter zugänglichen Luxus ein solches Ende bevorstehe? Die Antwort kann beruhigend lauten. Bei jenen Völkern würde der Luxus allein den Sittenverfall nicht haben bewirken können, wenn nicht andere Ursachen dagewesen wären, von denen der ungezügelte Luxus selbst wieder Wirkung und Symptom war. – Es gelten hier also keine Folgerungen. Wir können die ermuthigende Hoffnung hegen, daß bei der neueren Organisation der Gesellschaft, unter dem Einflüsse einer erhabeneren Religion für unsere Staaten, deren Wohlstand auf dem eigenen Fleiße ihrer Bürger ruht, ein solches Ende nicht zu befürchten steht!


I. Der Luxus roher Zeiten.

Der Luxus roher Zeiten ist durch den Hang zu grobsinnlichen Reizen charakterisirt. Die Wirtschaft, der Haushalt eines Volkes entwickelt sich wie der des Individuums im Einzelnen. Die Preise haben das Eigenthümliche, daß die der Ackerbauerzeugnisse bei wachsender Cultur steigen, die der Gewerbs- und Industrie-Erzeugnisse herabgehen. Der Handel eines Volkes auf noch niedriger Culturstufe ist gering und auch räumlich engbegrenzt, daher fehlen ihm die Producte ferner Länder, die Gewerbe haben geringe Ausbildung und so sind auch deren Erzeugnisse von geringer Bedeutung und beschränkter Menge. Aus diesem Grunde wirft sich der Luxus auf massenhafte Consumtion der Speisen und Getränken bei Fest- und Speisegelagen, auf überzahlreiches Gefolge, Kriegs- und Jagdtroß, während das ganze Schmuckgeräth in Nichts mehr als glänzenden Waffen und kostbarem Trinkgeschirr besteht. Die eine Domäne Karl’s des Großen hatte an Leinenzeug nicht mehr als zwei Betttücher, ein Hand- und ein Tischtuch aufzuweisen. Bei dem Silbergeschirr ist es auch bei weitem die Schwere, welche ihnen den größten Werth verleiht, nicht die Kunst der Arbeit, sowie auch die Wohnungen weit mehr massen- und dauerhaft sind, als bequem und elegant. Die alten, noch erhaltenen Burgen haben durchgängig Mauern von gewaltigem Durchmesser, aber keine wohnlich-behaglichen Zimmer, die gewöhnlich dunkel und winkelig sind. Im Palast Alfreds des Großen mußte man wegen des durchziehenden Windes die Wände mit Decken behängen und die Lichter in Laternen tragen. – Dagegen gehört der Dienertroß zum Standesaufwande. Der Herzog Alba hatte in seinem Palast in Madrid keinen angemessenen Saal, wohl aber 400 Bedientenkammern, die zugleich die Frauen und Kinder der Dienerschaft beherbergten. Er bezahlte monatlich 1000 Pfd. Sterling Lohn, der Herzog von Medina-Celi 4000 Pfd. Sterling. – In Rußland hielt vor 1812 noch mancher Adelige 1000 Diener, von denen vielleicht Mancher nur eine Verrichtung [315] des Tages hatte. Gelage, Hochzeiten brachten meist einen ungeheueren Aufwand mit sich, vornehmlich was die enormen Massen von Speisen und Getränken betrifft. Auf der Hochzeit Wilhelms von Oranien wurden 4000 Scheffel Weizen, 8000 Scheffel Roggen, 13,000 Scheffel Hafer, 3600 Eimer Wein, 1600 Fässer Bier verzehrt. Die Hochzeitsgäste hatten allein 5647 Pferde mit. Der Sultan Bajazeth hielt sich 7000 Falkoniere. Unter Jakob I. von England gab es noch Gesandte, welche 500 Diener hatten, und doch besaß er selbst nur ein Paar seidene Strümpfe, die er seinem Minister lieh, um die Audienz des französischen Gesandten annehmen zu können. – Bei der Hochzeit Eberhard’s von Würtemberg im Jahre 1474 erschienen 14,000 Gäste. Bei der Hochzeit Ulrich’s von Würtemberg 1511 wurden 136 Ochsen, 1800 Kälber, 2759 Krammetsvögel verzehrt. Das merkwürdigste Beispiel ist die Hochzeit Wilhelm von Rosenberg’s mit Anna Maria von Baden vom 26. Januar bis 1. Februar 1576. Consumirt wurden 1100 Eimer ungarischen und deutschen Weins, 40 Pipen spanischen Weins, 903 Fässer Bier, 40 Hirsche, 50 Gemsen, 20 wilde Schweine, 50 Fässer gesalzenes Wildpret, 2130 Hasen, 250 Fasanen, 30 Auerhähne, 2050 Rebhühner, 150 Mastochsen, 20,688 kleine Vögel, 561 Kälber, 2308 Würste, 654 Schweine, 450 Hammel, 395 Lämmer, 20 geräucherte Ochsen, 40 geräucherte Hammel, 330 Pfauen, 5235 Gänse, 18,120 Karpfen, 13,029 Hechte, eine Unzahl Fische, 30,943 Eier, 490 Scheffel feines Korn, 42 Ctr. Butter, 29 Ctr. Schmalz.

Neben dieser Massenconsumtion und hierbei gewöhnlichen Unmäßigkeit, welche, wie dies eben Merkmal der untern Culturstufe ist, nur bei einzelnen Gelegenheiten ausbricht, geht in den Zwischenzeiten die größte Einfachheit nebenher. – Die Entwickelung nimmt, wie wir schon bemerkten, im Haushalte des Einzelnen denselben Gang, wie beim ganzen Volke. Daher stehen häufig einzelne Stände in der Gegenwart noch im Mittelalter, während die allgemeine Culturstufe des ganzen Volkes schon eine höher entwickelte ist. Solche Zustände finden sich unter Anderen noch heute auf Bauerdörfern der Lausitz. Noch im vorigen Jahre wurden zur Hochzeit der Tochter eines Bauers 2 Rinder, 6 Kälber, 3 Schweine und 15 gemästete Gänse geschlachtet. Die Art der Bewirthung ist eine dieser massenhaften Zurüstung entsprechende. – Ein jeder Gast erhält bei jedem Gericht seine Portion von nicht knapper Quantität gleich von vornherein auf dem Teller abgetheilt vorgesetzt. Mehrere derselben zu bewältigen würde unmöglich sein. Es hat daher der Gast sich vorsorglich mit einem größeren Topfe versehen, in den er sämmtliche Portionen der nach einander folgenden Gänge hineinschüttet, unbesorgt darüber, daß die verschiedensten Speisen, die keine Küche der Erde sonst zusammenmischt, in dieser Olla potrida eigentlichen Sinnes ein merkwürdiges Ragout werden.

Die nicht geladene nahe und fernere Nachbarschaft hat sich übrigens nicht umsonst in der Kirche zur Trauung am Tage eingefunden, denn Abends geht sie fein „Fenstergucken“, d. h. an die Fenster des Hochzeitshauses und weiß hier durch Bekannte oder Gönner ihrer Scherze einen Theil des Tafelüberflusses sich herauszulocken. – Mit dem Vorübergehen eines solchen Festes tritt die alte Einfachheit wieder ein, ein noch ganz patriarchalisches Verhältniß zwischen Herrn und Knecht, und ich selbst war es in meiner Kindheit nie anders gewöhnt, als neben meinen Eltern mit dem Gesinde an einem und demselben Tische aus einer und derselben Schüssel zu essen.

Diese Einfachheit in der Lebensweise hat ihren Grund theils in einer gewissen Schlichtheit der Sitte, in der Anspruchslosigkeit und Mäßigkeit, theils aber auch in der Unkenntniß höherer, feinerer Genüsse und in der mangelhaften, erst in ihren Anfängen begriffenen Entwickelung der Gewerbe und des Handels. Wenn daher Lobredner des Mittelalters die große Selbstbeherrschung der Völker auf unentwickelterer Stufe hoch erheben, so ist dies wie mit der Apologie mancherlei anderer Zustände dieser Culturstufe, es ist durchaus falsch. – Die alten Deutschen hatten ungeheuere Gefolge. Die Völkerwanderung ergoß ihre Horden – zum Theile aus derartigem Troß bestehend – über das blühende Italien bis hinüber nach Afrika. Sie warfen Alles vor sich her nieder, aber der Ueberfluß nie gekannter Genüsse, denen sie sich maßlos ergaben, warf sie wiederum nieder und sie gingen unter. – Die Homerischen Könige speisen immer nur Fleisch, Brod und Wein; in den isländischen Heldensagen kommen als Tafelgerichte nur Hafermus, Milch, Butter, Käse, Fische, Hausthierfleisch und Bier vor. Anna von Boleyn, die Gemahlin Heinrich VIII., pflegte, wie wir noch wissen, nur Speck und Bier zu frühstücken. Die Gemahlin Karl’s VII. soll ihrer Zeit die einzige Französin gewesen sein, die zwei leinene Hemden besaß. Es ist bekannt, daß der Mittelstand noch im Zeitalter der Reformation nackt zu Bette ging.

Allmählich aber geht dieses Zeitalter im Fortschreiten der naturgesetzlichen Entwickelung vorüber, der Gewerbfleiß hebt sich, die Handelsverbindung mit fremden Völkern erweitert sich, die Städte blühen auf und werden die Stapelplätze für einheimische und fremde Natur- und Kunsterzeugnisse, die Kirche schreitet voran und sucht zuerst die Heiligkeit der gottgeweihten Stätten durch Prunk, durch Musik, Gemälde, Sculpturen, ausländischen Weihrauch, bunte Gewänder und kostbare Geräthe zu erhöhen, die Vergnügungen, Genüsse legen den tobenden oder grobsinnlichen Charakter ab und verfeinern sich, der ungeheuere Dienertroß verschwindet, aus ihm werden wohl allmählich eine Anzahl selbstständiger Handwerker, der Luxus wird billiger, wird besser, dringt in immer weitere Kreise der Bevölkerung, auf’s platte Land, und erst jetzt beginnt der Mensch die schöne Wahrheit des englischen Sprüchworts: The man’s house is his castle: „mein Haus meine Burg“ zu fühlen und nach seiner Verwirklichung zu streben; er baut eine, baut seine kleine Welt um sich aus, es gilt, ihr die Behaglichkeit, den Comfort zu verleihen, welchen Handel und Gewerbekünste eines blühenden Volkes ermöglichen. Ueber diese Periode nächstens.



[458]
II. Der Luxus eines blühenden Volkes.

Der Haushalt eines Volkes hat im Großen ganz dieselben Grundlagen und Bedingungen, wie der Haushalt einer Familie im Kleinen. Der Aufwand hängt vom Einkommen ab und ist, wenn er von diesem bestritten wird, daneben aber einige Ersparnisse möglich sind, unschädlich. Wenn auf solche Weise ein Volk neben dem nothwendigen und entbehrlichen Aufwande durch derartige Ersparnisse wohlhabender wird, so entsteht ein Nationalcapital, und dieses ist die Grundlage der ungeheuren Unternehmungen unsers Jahrhunderts. Da wo ein Volk nicht spart, müssen diese nothwendig unterbleiben. Die Vereinigung der in den Händen der Einzelnen angesammelten Capitalien hat jene großen Werke möglich gemacht, die dem Handel und Verkehr den nie geahnten Aufschwung gegeben haben. Nur durch die vereinte Macht der Einzelcapitale wurden – wenn wir von Staatsbauten absehen – die Eisenbahnen, Canäle, Brücken. Häfen, Schiffswerften, Schiffe und jene zahllose Menge der Maschinen zu dem verschiedensten Betriebe geschaffen. Hier zeigt es sich, welche Wichtigkeit die Sparsamkeit des Einzelnen für das Ganze, dessen Wohl und Gedeihen gewinnt, zeigt sich, wie der Einzelne, wenn er einen wahren Vortheil für sich selbst verfolgt, auch stets für die Allgemeinheit arbeitet. Es würde leicht sein, zu zeigen, daß jene großartigen industriellen und technischen Schöpfungen auch dem Geringsten in dem entferntesten Dörfchen zu Gute kommen. Deshalb ist jener socialistische Haß des Proletariers gegen den Vermögenden nur in der Unwissenheit begründet, die nicht ermessen kann, wie weit unsere Culturzustände ohne jenes Nationalcapital ohne jenes Zusammenwirken desselben zu einem Zwecke in withschaftlicher Hinsicht zurückliegen würden. – Diese wirthschaftliche Sparsamkeit des Volkes ist wiederum Folge der allgemeinen Cultue und Segen des Handels- und Gewerbefleißes. Sie findet sich bei minder cultivirten Völkern nicht oder kann, wo sie auftritt, nur von geringem Erfolge sein. Geringe Cultur und Armuth gehen mit der Unfreiheit meist Hand in Hand. Man nehme die Völker Asiens und Afrika’s. Da, wo sich große gewerbliche Anstalten oder technische Werke bei ihnen vorfinden, sind es durch gängig Werke der Abendländer.

[459] Fleiß, Kunsteifer, Ordnung sind die Begleiter der nationalen Sparsamkeit, höherer Arbeitslohn, reichlicherer Gütergenuß und Anwachs der Bevölkerung die erfreulichen Folgen der Ersparung neuer Capitalien. Nur dasjenige Volk, welches nicht Alles, was es erwirbt, dem Genusse opfert, sondern einen Theil aufspart, gelangt Zum höheren Genusse seines Lebens, ein armes geht dessen verlustig und nur allzuleicht auch seiner Freiheit.

Der Luxus ist deshalb innerhalb maßvoller Grenzen eine segensreiche Folge der wirthschaftlichen Cultur, er ist satthaft und als sittlich veredelnd von großer Bedeutung für das innere Volksleben. Wenn die von der Capitalmacht geschaffenen Riesenwerke der Verkehrsmittel und großartigen Handelsanstalten den Wohlstand mehr und mehr heben, die Behaglichkeit des Lebens immer weiter auszudehnen ermöglichen, die höheren Zwecke des Daseins mittelbar in Kunst und Wissenschaft fördern, so ist der sich alsdann ausbreitende Luxus besonders deshalb so freudig zu begrüßen, weil auch die arbeitende Classe sich Genüsse verschaffen kann, die ihr Erholung gewähren, ihre Gefühle veredeln, ihre Denkraft üben und den Kreis ihrer Erkenntnisse erweitern, so daß sie ihre Arbeit nicht im bloßen dumpfen Hinbrüten mechanisch verrichtet. Das Denken steigert die Geschicklichkeit und nur der denkende Arbeiter arbeitet schnell. froh und gut zugleich.

Der Luxus eines blühenden Volkes richtet sich mehr auf solide Behaglichkeit des Lebens, als bloßem Scheinglanz und Flitter, mehr aus wahren Genuß, als bloßes Genügen der Eitelkeit, ... Die goldgestickten oder mit kostbarem Pelzwerk ausstaffirten Kleider, Puder, Zopf, dreieckige, mit reichen Tressen versehene Hüte sind aus der Mode. Die Herrenkleidung ist im Vergleich zu früheren Jahrhunderten unendlich einfach. Steht man die durch die Herbeiziehung der Wissenschaft, der Chemie erzeugten Prachtfarben, welche jetzt unser Handel in seinen Artikeln auf den Markt bringt, so könnte man wohl einen Augenblick versucht sein, zu fragen, ob es nicht bedauernswürdig sei, daß die Kleidung des Mannes so wenig heitere Farben hat. Wir überlasten sie aber dem leichteren und veränderungsfroheren Sinne des Weibes, und tragen einen schwarzen Rock oder Frack und Hut und nur in der Feinheit des Stoffes liegt der mindere oder größere Aufwand. Es gilt deshalb für uns das Wort Shakespeare's:

„Die Kleidung kostbar, wie's Dein Beutel kann,
Doch nicht in's Grillenhafte; reich, nicht bunt,
Denn es, verkündigt oft die Tracht den Mann.“

Man sehe alte Portraits aus früheren Jahrhunderten, und man wird sich der ungemein großen Vereinfachung dann recht bewußt werden.

Ein Muster ganz allgemeiner und solide Einfachheit ist England. Die französische Küche hatte eine Unzahl zusammengesetzter Saucen und Confituren. An ihre Stelle sind einfache, aber kraftvolle Fleischgerichte getreten. - Die Landstraßen sind vortrefflich unterhalten, wenn auch weniger breit. Im Innern der Städte finden sich Trottoirs und Alles dient, anstatt überflüssiger Zierrath zu sein, einem praktischen Zwecke. - Der rohe Wilde schmückt sein Haar noch mit bunten Federn und Farben, Lippen, Nase und Ohren mit Metallringen und Korallen. Im Mittelalter herrschte Bombast und Prunksucht, die auch die äußerste Unbequemlichkeit in Tracht und Steifheit, im Ceremoniell ertrug; erst auf höherer Culturstufe kehrt der Mensch zur natürlicheren Kleidung und Sitte zurück. Die Kleider passen sich den Formen des Körpers wieder mehr an, und feines Linnenzeug wiegt in der Haushaltung mehr als Goldstickerei und Spitzen. Selbst auf dem Gebiete der Künste ist diese Umkehr sehr entschieden und tief eingreifend. Ich erinnere hier auch an den Gartenbau. Welche Veränderung des Geschmacks ist in demselben eingetreten! Während früher alle Anlagen im Versailles-Harlemer Styl hergerichtet waren, hat jetzt die Vorliebe für die Schönheit der unverkümmerten Natur den englischen Styl in ganz allgemeine Aufnahme gebracht. Das Streben nach Einfachheit ist ein allgemeines. Die Athener legten in der Blüthezeit ihres Staates die sie sonst stets begleitenden Waffen ab und hörten auf, in den Haaren goldnen Schmuck zu tragen.

In dieser zweiten Entwicklungsperiode ist denn auch die Blüthezeit der Bürgertugenden. Die Sparsamkeit des Volles gibt ihm die Mittel an die Hand, einem edleren Luxus zu folgen, und so das ganze innere wie äußere Leben zu heben. - Die Zeit ist alsdann längst vorbei, wo der Fürst wohl gar das Vermögen und Einkommen Aller als eigentlich ihm gehörig ansieht, wie dies Ludwig XIV. ganz offen aussprach, und in den Grundsätzen seines Besteuerungssystem zu einem Theil in's Leben übersetzte. So erklärt sich auch sein Wort: „Ein König gibt Almosen, wenn er verschwendet.“ - Jetzt gehören die Früchte des Fleißes dem Bürger, der sie errungen hat. Die Schweiz, nach dem vorjährigen Berichte des belgischen Consuls, im Verhältniß ihrer Einwohnerzahl zu ihrer Industrie der erste Handelsstaat der Welt, auch England nicht ausgenommen, zeichnet sich durch eine nationale Sparsamkeit aus. Die reichste Stadt ist Basel, und ein dortiger Bürger läßt gegenwärtig, nach einem neulichen Zeitungsberichte, eine Kirche mit einem Kostenaufwand von drei Millionen Francs bauen. Es herrscht noch viel patriarchale Sitte, Selbst reiche Familien weisen ihre Töchter auf den Ertrag ihrer Weißstickereien, also den Ertrag des eigenen Fleißes anstatt des Taschengeldes an; die Sohne erhalten vom Hause wenig, und müssen sich meist erst durch eigne Thätigkeit ihren Hausstand gründen. Nach Tisch kehrt man ohne Scheu vor den Gästen die Krumen sorgsam zusammen, um sie noch anderweit zu Suppen zu verwenden. - Der Luxus dieser Periode sucht nicht nur das Gute und Dauerhafte, sondern verzichtet vor Allem auf den eitlen Alleinbesitz und das dünkelhafte Voraushaben vor Anderen. Dies ist eine wichtige Erscheinung für unsere ganze Industrie. Sie kann nunmehr die Erzeugnisse der Mode massenhaft und in gleicher Form, somit aber nicht nur billiger, sondern auch besser herstellen. Daher datirt theilweise der bei manchem Artikeln zu Verwundern niedrige Preis, wie denn mit dem technischen und mercantilen Aufschwung die Preise der bei weitem meisten Artikel eine entsprechende Erniedrigung erfahren haben. Dies hat die Lage der ärmeren Classen gegen frühere Jahrhunderte ganz bedeutend gebessert, Schuhe, Strümpfe, Tuchkleidung, Kaffee, Beet und ein wohnliches Zimmer sind heut zu Tage das Bedürfniß auch der Aermsten. Der Arbeiterstand hält jetzt Manches für unentbehrlich, was vor einigen Menschenaltern kaum der Reiche besaß und genoß. Deshalb ist auch jene Klage des älteren Geschlechts über das Verschwinden der „alten guten Zeit“ so töricht, das nicht ahnt, was Alles in den tausendfachen Verhältnissen des bürgerlichen Lebens unsere Voreltern entbehrten.

Der wohlfeile Luxus unserer Zeit durchdringt alle Bedürfnisse des Haushaltes, auch des Unbemittelten, Man nehme nur allein den wichtigsten Consumtionsartikel der niedern Clasen in heutiger Zeit gegen die Vergangenheit an: das Brod. Im Jahre 1700 gab es Frankreich nicht mehr als 33 Procent der Bevölkerung Weißbrodesser, im Jahre 1791 schon 37 Procent, im Jahre 1839 dagegen 60 Procent. in England aß unter Heinrich VIII. eigentlich nur der Adel Weizen. um 1758 gab es hier und in Wales etwa 6 Millionen Menschen, von denen 3 3/4 Millionen von Weizenbrod, 739,000 von Gerste, 888,000 von Roggen, 623,000 von Hafer lebten. In Irland rechnete man noch 1839, daß von 8 Millionen Einwohnern 5 Millionen Kartoffeln und 2 1/2 Mill. Haferbrod als Hauptnahrung genossen. Auch die alten Völker lebten auf der niedern Culturstufe meist von Haferbrod. Das Bier unserer Altvordern war ebenfalls aus Hafer gebraut.

Die Prunkgegenstände haben einen auch dem gemeinen Mann zugänglichen Ersatz durch plattirte Waaren, Argentan, Baumwollensammt etc. gefunden. Man denke an die tausendfache Vervielfältigung von Kunstwerken durch Stahl- und Holzstiche, durch Abguß in Gyps und Metall, durch Galvanoplastik und Lichtbildnerei. Unter dem veredelnden Luxus steht neben der Verbreitung gemeinnütziger, durch die Schnellpressen außerordentlich billiger Schriften die Musik obenan, Welche Ausdehnung haben die Gesangvereine gewonnen, zu welcher Pflege ist die Musik nicht durch die zahllosen Pianofortefabriken deren eine in London täglich 40 Stück Pianoforte liefert - gelangt! Es ist nicht nur für den Musikfreund, es ist auch für den Patrioten eine erfreuliche Erscheinung, daß das deutsche Volk bis in die kleinsten Gauen seine Meister kennt und der Name Beethovens auch auf Dörfern längst aufgehört hat, unbekannt zu sein, dass deutsche Musik die fremdländische zumeist verdrängt und jenseits des Rheins, jenseits des Canals und Oceans den Sieg bereits entschieden hat.

Mit dem Wachsen der Cultur, mit der Verbreitung des Luxus nimmt auch die Reinlichkeit des Volkes zu. Ein sehr beweiskräftiges Beispiel ist England. Noch zur Zeit des Erasmus wart dasselbe nach dessen Zeugniß, ein höchst schmutziges Land. Erasmus lebte dem Jahre 1467 - 1536. Erst im Jahr 1520 entstand daselbst die erste Seifensiederei. Heut zu Tage hat es die bedeutendste Seifenconsumption [460] welche 1807 für den Kopf 4,84 Pfd., im Jahre 1845 bereits 9.65 Pfd. betrug. Die niedrigst cultivirten Völker sind auch die unreinlichsten. Der Anstand verbietet, manche Gewohnheiten der Tungusen und Korjäken anzuführen. An den Hottentotten und Buschmännern ist die natürliche Hautfarbe nur unter den Augen noch sichtbar, wo die vom vielen Rauch ihrer Hütten erzeugten Thränen die sonst den ganzen Körper überdeckende Schmutzkruste hinwegwaschen. Auf höherer Culturstufe wird die Reinlichkeit zum unabweislichen Bedürfniß, auch der Arme sorgt in seinem Hause für Sauberkeit. Noch im vorigen Jahrhundert mußten die Abtritte unter Androhung von Strafen anbefohlen werden.

Die wachsende Bildung des Volkes ist das beste Mittel gegen die Uebervölkerung. Mit der Verallgemeinerung der Kenntnisse, der Veredelung des Sinnes zieht sich des Menschen Neigung von der Befriedigung der Sinnlichkeit ab, sucht höhere Genüsse, der Wille erstarkt mit dem Geiste und die Enthaltsamkeit und freiwillige Selbstbeschränkung sind die Frucht der Hebung des inneren Volkslebens. Dies zeigte sich recht deutlich, als mit dem ungeheueren Handelsaufschwunge in England die Arbeitslöhne bedeutend stiegen. Der Engländer wandte die Ersparnisse der Behaglichkeit des Lebens und höheren Genüssen zu. Der Irländer nützte die Zeit und den damals vermehrten Kartoffelbau nur dazu, die Volksmenge zu vermehren. Freilich war der Engländer schon frei, der Ire noch Sclave einer unbarmherzigen Aristokratie und unduldsamen Kirche. Der Freie nur ist auf die Zukunft bedacht, der Sclave hält sich an die Genüsse des Augenblicks. In der Zeit des Mittelalters eines Volkes fällt die Armenpflege und der Unterricht meist den milden Stiftungen und der Kirche zu. In der Blüthezeit eines Volkes ist der Staat hinlänglich erstarkt, Beides aus der Hand der Kirche zu nehmen, die meist nur ihr dienende Zwecke verfolgt. Die gleichzeitige Blüthe der schönsten Bürgertugenden zeigt sich auch darin, daß jetzt der Einzelne am bereitesten ist, zur Abhülfe der Noth darbenber Mitmenschen und zur Förderung des Gemeinwohles Opfer an die Allgemeinheit zu bringen.

Die rohe Massenverschwendung, der kolossale Prunk weicht einem unendlich einfacheren Aufwande. Selbst an den Höfen wird das Leben weit einfacher und doch weit fürstlicher, als in früheren Zeiten. Das sittllche Leben gewinnt immer festeren Boden in der Allgemeinheit, und an die Stelle nutzloser Luxusverbote traten Vereine zu demselben Ziele. Die englische Regierung machte vor Jahrzehnten ungeheuere Anstrengungen gegen das Laster des Branntweintrinkens. Die Folgen waren einfach die, daß die Steuern und Zölle sich minderten und der Schmuggel aufwucherte, während das Uebel das alte blieb. Da traten später Mäßigkeitsvereine auf, die Trunksucht minderte sich bedeutend, mit ihr der Schmuggel, die Zolleinnahmen zeigten allerdings einen großen Ausfall, der jedoch schon im nächsten Jahre durch den Mehrertrag der Einfuhrabgabe auf Colonialwaaren bis zur Hälfte aufgehoben wurde. Der Consum hatte sich also vom Branntwein auf die Colonialwaaren übertragen. Es ist dies eine allgemeine, nicht unwichtige Erscheinung. Auch Liebig macht die Bemerkung, daß man die Cultur eines Volkes an dem Verbrauchsquantum der Colonialwaaren ersehen könne. Es mag deshalb hier eine Consumtionsübersicht aus einem früheren Jahre über Colonialwaarenverbrauch in Deutschland folgen.

Oestereich verbrauchze jährllch für 2,410,000 Thlr. Kaffee, nach Verhältniß seiner Einwohnerzahl per Kopf 2 Silbergroschen, ferner für 6,207,000 Thlr. Zucker. per Kopf für 5 1/6 Silbergroschen; endlich für 327,000 Thlr. Gewürze. per Kopf für 2 2/3 Silbergroschen.
Der Zollverein für 13,241,000 Thlr. Kaffee, per Kopf 141/9 Silbergroschen; für 12,173,000 Thlr. Zucker, per Kopf 131/2 Silbergroschen; für 1,051,000 Thlr. Gewürze, per Kopf 105/7 Silbergroschen.
Der Steuerverein für 2,000,000 Thlr. Kaffee, per Kopf 30 Silbergroschen; für 2,300,000 Thlr. Zucker, per Kopf 34½ Silbergroschen; für 2,600,000 Thlr. Gewürze, per Kopf 36 Silbergroschen.
Das Verhältniß dieser drei Staatsverbände ist also beim Kaffee wie 1 : 7 : 15, beim Zucker 3 : 8 : 20; beim Gewürz 2 : 8 : 27.

Ein edler Luxus unserer Zeit sind die Pferde. Ich spreche hier nicht von Luxuspferden im gewöhnlichen Sinne des Wortes, sondern von Arbeitspferden. Fast der sämmtliche Ackerbau wird in Deutschland mit Ausnahme der sandigen Strecken des nordöstlichen Sachsens und Preußens mit Pferden betrieben, im Mittelalter dagegen fast durchgängig mit Ochsen. Nach altdeutscher Mythologie fuhren die Götter mit Stieren und noch die Merovingischen Könige bespannten ihre Staatscarossen mit solchen. Auf den Domänen Karls des Großen gab es sehr wenig Pferde. – Viele Küchengewächse und Früchte sind ebenfalls noch nicht allzulange verbreitet. Die Engländer haben erst nach dem Jahre 1660 Artischocken, Spargel, Bohnen und Salat kennen gelernt; die mittleren Classen in Frankreich erst seit dem Anfange des vorigen Jahrhunderts die feineren Obstsorten. – Ein schöner Luxus ist seit 1804 die Beleuchtung durch Gas. Der Luxus in Seidenroben hängt vom Wohlstande und der industriellen Stufe eines Landes ab. England verbraucht allein über halb so viel Seide, als das ganze übrige Europa, ein Engländer fünf bis sechs Mal mehr, als ein Franzose. Ein glänzendes Zeugniß der späteren römischen Kaiserzeit ist es, daß Seidenzeuge auch bei den unteren Ständen Bedürfniß waren, obwohl sie zu Lande aus China geholt werden mußten.

In dieser Periode, der Blüthezeit eines Volkes, sind die Güter noch gleicher vertheilt, der Luxus ist noch ein Gemeingut, ist für das äußere Volksleben eine reiche Quelle der Behaglichkeit, für das innere versittlichend und hebend, er wird der stärkste Hebel der Gewerbekünste und des Handels, Millionen danken ihm ihr ausreichendes Brod, Alle ihm die Verschönerung und tausendfache Freuden des Daseins und gerade die niederen Stände ihren verhältnißmäßigen Antheil an den Genüssen des Geistes auf dem Gebiete der Wissenschaften und Künste. Begrüßen wir ihn deshalb freudig!



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3. Der Luxus eines sinkenden Volkes.

Schon die Ueberschrift sagt, daß es eine Grenze gibt, bei deren Ueberschreitung der Luxus verderblich zu werden beginnt, moralisch verderblich, sobald er die Gesinnungen der Menschen zu beherrschen anfängt, die Kraft der Selbstbeherrschung lähmt und den Geist von großen Gedanken und edlen Entschlüssen ab zu entnervenden Vergnügungen niederzieht. Die Entsittlichung reißt dann wie ein schwellender Strom alle Schranken in verheerender Ausbreitung nieder und ist nicht blos eine theilweise innerhalb der höheren Stände, sondern eine ganz allgemeine. Es braucht zur Schwelgerei und Unmäßigkeit nicht kostbarer Prunkgeschirre. Die Ausschweifung herrscht im Palast wie in der Strohhütte. Nur die Form ihres Auftretens ist eine verschiedene. Werden die Menschen unmäßig und träge, so rührt dies von der Erschlaffung anderer edlerer Bestrebungen, von dem Widerwillen gegen andere Beschäftigungen her, wie Ferguson bemerkt, und Sallust schon sagt von dem späteren Römerstaate, dem großartigsten Beispiele eines verfallenden Volkes: „Nachdem man angefangen hatte, in Reichthümer eine Ehre zu setzen, und dieselben Ruhm, Herrschaft und Macht in ihrem Gefolge hatten, begann die Tugend und Tapferkeit abzunehmen, die Armuth für eine Schande, die Unbescholtenheit für Heuchelei gehalten zu werden. Daher kam aus dem Reichthum die Schwelgerei und die mit Stolz gepaarte Habsucht der römischen Jugend.“ – Der ungezügelte Luxus Rom’s ist aber nicht allein als Ursache des Sinkens anzusehen, denn er selbst ist erst wieder Wirkung und Symptom desselben.

Der Luxus verschlingt alsdann das ganze Volkseinkommen, er wird unklug und unsittlich. Auf eingebildete Genüsse und erkünstelte Sinnenreize werden enorme Summen verwendet. Unnatur tritt an die Stelle maßvoller Schönheit und eines wahren Genusses, Verweichlichung an die Stelle der Tüchtigkeit und Enthaltsamkeit. Die große Seltenheit einer Sache oder bedeutende Schwierigkeit ihrer Erlangung gibt schon an sich und häufig einzig den Reiz, sie zu begehren. Ein murrhinisches Waschbecken kostete dem Kaiser Nero 300 Talente (412,500 Thlr.); Sclaven der Kaiser besaßen Fischteiche in einem Areal den sieben Morgen Ackerlandes. Diese hatten einstmals dem ältesten römischen Bürger zur Erbauung der nöthigen Feldfrüchte genügt. Ein verschwenderischer Luxus wurde in menschengroßen Metallspiegeln getrieben, und nicht selten war der Werth eines einzigen solchen Spiegels der Maitresse eines Freigelassenen größer, als der der Aussteuer, welche der römische Senat der Tochter des großen Scipio gegeben hatte.

Die Ueppigkeit brachte die dünnen serischen Kleider in Mode, welche nach Seneca den Körper eigentlich nicht mehr verhüllten. Die Gastmahle boten die seltensten Speisen aller Länder der damals bekannten Erde. Ein Admiral des Kaisers Claudius erwarb sich durch die Kunst der Uebersiedelung von Seefischen aus entfernten Meeren an die italienische Küste besondern Ruhm. Der Seefisch Mullus schillerte beim Sterben in allen Farben. Der Feinschmecker Apicius erfand zur Erhöhung dieses Farbenspiels, womit der Römer seine Tafelgäste zu entzücken pflegte, eine eigene Brühe. Dieser Apicius nahm später den Giftbecher, als er nur noch eine halbe Million hatte und dies nach dem Begriff eines römischen Wüstlings damaliger Zeit nicht mehr zum Weiterleben genügte. Der Kaiser Heliogabalus ließ bei einer einzigen Mahlzeit 600 Straußengehirne serviren. Dem berühmten Tragöden Aesopus kostete eine einzige Schüssel, welche auf die Tafel kam, 6000 Louisd’or. Man staunte, fragte und erfuhr, daß sie nur Zungen von solchen Vögeln enthielt, die zum Singen oder Sprechen abgerichtet worden waren. Man aß die Zunge der Nachtigall wegen ihres Gesanges, des Flamingo wegen seiner Farbenschönheit. Auf Dächern gab es Gärten und Fischteiche. Hortensius begoß seine Bäume mit Wein. Tausende reißender Thiere, aus den Wäldern und Wüsten Asien’s und Afrika’s erst herbeigeholt, mußten die Schaulust des entarteten Geschlechts bei den öffentlichen Kampfspielen reizen. Man ließ selbst Rehe kämpfen, Elephanten tanzen, fuhr mit gezähmten Löwen, Tigern, ja sogar wilden Schweinen, und hielt sich purpurgefärbte Schaafheerden, Cleopatra löste kostbare Perlen in Wein auf, nur um seinen Werth auf eine enorme Summe zu steigern. Caligula that das Gleiche und ließ, um seinem Uebermuth zu fröhnen, Berge ab- und an einem andern Orte auftragen. Nur das Seltsame, Unnatürliche hatte noch Reiz. – Man wechselte damals bei Tafel die Kleider häufig elf Mal. Zu jedem einzelnen tägliche Dienst hielt der Römer einen besonderen Sclaven und ließ sich ans Essen, Baden, ja selbst ans Schlafen erinnern.

Das war dasselbe Volk, das einstens seinen Dictator zur Rettung des Vaterlandes halb nackend am Pfluge fand und von diesem hinweg in die Schlacht rief, dasselbe Volk, von dem einst Pyrrhus gesprochen hatte, seine Stadt, Rom, sei ein Tempel und sein Senat eine Versammlung von Königen!

Wie in dem Leben des einzelnen Menschen gewisse Erscheinungen der Kindheit im höheren Alter wiederkehren, so sieht man bei einem sinkenden Volke die gröberen Ausschweifungen der mittelalterlichen niederen Culturstufe sich wieder den raffinirten Genüssen der höheren Cultur beigesellen. Les extrêmes se touchent. Bedientenschwärme, Zwerge, Narren, Castraten, Zwitter, Geistesbeschwörer und Zeichendeuter kommen wieder zur Aufnahme. Schmaußereien und sonstige Feste mit maßloser Massenverschwendung, greller Prunk und staatsgefährliche Söldnerbanden treten von Neuem als Luxus der Reichen und Großen auf. Cäsar bewirthete bei seinem Triumphessen das ganze römische Volk. Als Nero seine Gemahlin [528] Poppäa Sabina begrub, wurde mehr Weihrauch und Cassia verbrannt, als ganz Arabien in einem Jahre nachwachsen lassen konnte. Plinius erzählt von gemalten und polirten Scheiterhaufen, und während in dem alten Gesetz der XII Tafeln nur ein einziger Scheiterhaufen zur Verbrennung einer Leiche erlaubt war, brannten bei der Todtenfeier Sulla’s deren sechstausend.

Nach den bisherigen in drei Abhandlungen eingetheilten Betrachtungen sehen wir den Luxus der ersten Periode, der niederen Culturstufe, in noch roher Weise auftreten; er ist grobsinnlich, geht nur auf das Massenhafte oder äußerlich Prunkende und leistet gewöhnlich blos dem Müßiggange Vorschub. In der zweiten Periode, der Blüthezeit eines Volkes, nimmt auch der Luxus den schönsten Aufschwung. Er fördert alsdann, indem er zur Nachahmung anspornt, die Production mächtig, Millionen finden durch ihn ihr genügendes Brod in der Werkstätte der zahllosen Artikel, mit denen der Handel und die Industrie die höheren Bedürfnisse erweitern, den Comfort, die Behaglichkeit des Lebens vergrößern und dem Wechsel des Geschmacks und der neuerungssüchtigen Mode zuarbeiten. Schon Colbert erkannte dies und ermunterte den Luxus überall. Auch die arbeitende Classe gelangt in dieser Zeit zu einem größeren Genusse des äußeren Daseins und erhält ihren Antheil an dem höheren Geistesleben der Nation.

Interessant ist es nun, einen Blick in die Luxusgesetzgebung der einzelnen Jahrhunderte zu thun. Sie tritt natürlich durch die mittelalterliche Periode hindurch als Bekämpferin des Luxus auf und die angedrohten Strafen gehen vielfach bis zur Todesstrafe. Es spiegelt sich also in dieser Zeit durchaus der sittliche Grund in ihnen wieder und erst gegen das Ende derselben schaut aus ihnen die Absicht heraus, das alsdann mächtig aufblühende Bürgerthum in seinem Aufwande, namentlich in seiner Tracht niederzuhalten, um der schon sinkenden Aristokratie, welche außer der Prätension höherer Abkunft bald Nichts mehr voraus hat, im Luxus überhaupt, zumeist aber in der Kleidung, noch einen unterscheidenden Vorzug zu wahren.

Bei den Griechen richtete sich zuerst die lykurgische Gesetzgebung gegen den Luxus. Niemand solle ein Haus oder Hausgeräth besitzen, das mit feineren Werkzeugen als Beil und Säge verfertigt wäre. Bei Speisen dürfen außer Salz und Essig keine Gewürze gebraucht werden. Namentlich gegen die Leichenpracht und die Putzsucht der Frauen wendeten sich seine Verbote und waren über letztere besondere Aufseher gesetzt, die gleichzeitig auch die Gastmähler controlirten. Die solonischen Gesetze erlaubten der Braut als Mitgift nicht mehr als drei Kleider und einige wohlfeile Gefäße. Der altitalische Gesetzgeber Zaleukos verbot, ungemischten Wein zu trinken, und wollte den Uebertretungsfall mit dem Tode bestraft wissen.

In Rom bestanden gegen den Begräbnißluxus schon einige Königsgesetze, Sulla verschärfte sie und verbot gewisse Speisen, sowie die Glücksspiele. Der Standesunterschied der Ritter und Senatoren zeigte sich in den nach bestimmten Vorschriften gearbeiteten Ringen. Nach dem oppischen Gesetz dem Jahre 215 v. Chr. Geb. sollte keine Römerin mehr als eine halbe Unze Goldes noch bunte Kleider besitzen. Später gelang es den Frauen unter dem Consulate des älteren Cato, die Rücknahme dieses Gesetzes zu erwirken.

Wenn schon bei den Griechen nach Vorschrift der solonischen Gesetzgebung die öffentlichen Köche die Größe der bei ihnen bestellten Mahlzeiten der Obrigkeit anzeigen mußten und Niemand mehr als dreißig Gäste laden sollte, so erließ später der Tribun Orchius im Jahre 187 v. Chr. Geb. die Verordnung, daß zur Erleichterung der Controle alle Gastmähler bei offenen Thüren abgehalten werden sollten, wozu die Lex Fannia im Jahre 161 v. Chr. Geb. das erlaubte Maximum der Kosten eines Gastmahls bestimmte.

Derselbe ältere Cato verbot nachmals den römischen Frauen alle theuern Schmucksachen und Equipagen, wie von ihm schon früher fremde Salben und kostbare griechische Weine untersagt worden waren. Im Jahre 161 v. Chr. Geb. wurde ferner auch bestimmt, nicht mehr als 100 Pfund Silbergeschirr auf die Tafel zu setzen, während früher ein Consul von der Senatorenliste gestrichen worden war, weil er mehr als zehn Pfund Silbergeschirr besaß.

Unter den gesetzlich verbotenen Delicatessen sind bei dem Tafelluxus auch die damals in Mode gekommenen Spitzmäuse und ausländischen Muscheln genannt. Unter dem Kaiser Heliogabalus tagte - ein charakterisirendes Zeichen der Zeit - der weibliche Senat unter dem Vorsitz der Kaiserin Mutter behufs der Niedersetzung einer Kleider-Ordnung und anderer den Umgang betreffenden Bestimmungen. Die Tracht wurde in derselben streng nach den Ständen abgestuft und sogar über das Küssen Vorschriften gegeben. Bekannt ist das einfache Schwarz der venetianischen Aristokratie in Tracht, Verkleidung und Farbe der Gondeln. Niemand sollte vor dem Anderen sich auszeichnen und die Blicke des Volkes auf sich ziehen. Jeder glänzende Luxus war streng untersagt und nur Fremden oder Dirnen eigentliche Kleiderpracht erlaubt. Der Aristokratie dagegen war selbst Schnitt und Stoff des Mantels vorgeschrieben und nur in den Unterzeugen konnte Aufwand entfaltet werden.

Im Mittelalter durften nur die Ritter Gold, Damast und Sammet tragen, die Knappen nur Silber, Atlas oder Tafft. Die meisten Länder des Continents hatten bereits im dreizehnten Jahrhundert Tisch- und Kleider-Ordnungen. In Frankreich ist Philipp IV. der erste Luxusgesetzgeber. Die Bestimmungen betreffen hier meistens die Kleider, in Deutschland dagegen auch neben diesen das Zutrinken. Im vierzehnten Jahrhundert eifert man namentlich gegen den Luxus in Pelzwaaren, im sechzehnten Jahrhundert gegen die Gold- und Silberpracht.

Ein braunschweigisches Gesetz von 1228 läßt bei Hochzeiten höchstens zwölf Schüsseln und drei Spielleute zu. In England verbot man später das Tragen von Seide an Hut, Mütze und Hose. Gegen das Ende unserer deutschen Ritterzeit war es nur den Reichsunmittelbaren erlaubt, Kutschen zu gebrauchen. Philipp IV. hatte in seinen Luxusgesetzen den Aufwand der einzelnen Stände streng geschieden. Die Bürger durften keine Wagen halten, kein Gold, keine Edelsteine und nur gewisse Pelzwerkarten tragen. Selbst der Preis der Stoffe war bestimmt, sowie der Termin, bis zu welchem alle über den Stand hinausgehenden Kleider abgeschafft sein mußten. Die gleichzeitige Tischgesetzgebung verordnete, daß man bei Gastmahlen nur zwei Schüsseln und eine Specksuppe auftrage, während man in England schon unter Eduard III., zwei Gänge zu drei Schüsseln gestattete mit der Erläuterung, daß Pökelfleisch als besondere Schüssel gelte. Nachdem die Geistlichkeit auf den Concilien zu Paris im Jahre 1212 und zu Angers im Jahre 1365 vergeblich gegen die Schnabelschuhe damaliger Zeit geeifert hatte, verbot sie endlich Karl V. in einem Gesetz vom Jahre 1368 gänzlich. Dagegen wurde wiederum von der Ritterschaft auf mehreren Reichstagen heftige Angriffe gegen die Schmaußereien der Geistlichkeit und Mönche gerichtet.

Ludwig XII. wendete sich namentlich gegen den Luxus von Gold- und Silbersachen, und knüpfte den Ankauf von solchen im Werth von über drei Mark an die Einholung des königlichen Consenses. Im 16. Jahrhundert erscheinen mehrere Verbote gegen den Aufwand in Pelzwaaren und Goldstoffen. Der Gebrauch der letzteren wird in einem Gesetz von 1543 nur noch den Enfants de la France vorbehalten. Später brachten es auch die Hofdamen dahin, zu diesem Luxus berechtigt zu werden. In diesem Gesetz wurde den bürgerlichen Frauen untersagt, des Titels „Damoisells“ sich gegen einander zu bedienen. Auch das Maximum des Macherlohns der Kleider für jeden Stand war besonders bestimmt. Doch wurden in dieser Zeit bei Tische bereits drei Gänge zu sechs Schüsseln erlaubt, nur nicht Fische und Fleisch bei einem Gastmahl zugleich.

Seit der Entdeckung von Amerika stiegen die Preise der Luxusgegenstände mit denen der Lebensbedürfnisse. Dies veranlaßte Heinrich III. zum Erlaß seines Luxusedicts vom Jahre 1576. Es wurde alles vergoldete Holz, Blei, Eisen und Leder außer für die königlichen Prinzen untersagt, während man später dem Luxus in feinem Linnen aus Genua und Venedig durch das gesetzliche Preismaximum von 3 Livres für die Elle, nachmals von 9 Livres, zu steuern suchte. Die Strafen gingen bis zu 3000 Livres.

Seit dem Ende des 16. Jahrhunderts findet sich ein wichtiger und zugleich interessanter Umschwung in den Motiven der Luxusgesetzgebung. Die Gesetze fassen bis dahin meist die Standesunterschiede in’s Auge, und sprechen dieses Motiv auch ganz offen aus. Allein es ist ein ganz eitles Vornehmen, die Consumtion zu überwachen. Während die Production an die Werkstätten gebunden ist, bedürfte die Controle über die Consumtion eigentlich eines Polizeimannes für jeden einzelnen Haushalt. Von der Unausführbarkeit solcher Prohibitivgesetze überzeugt sich denn endlich auch der Staat selbst, und man läßt sie stillschweigend fallen oder man drückt denjenigen Gesetzen, die man aufrecht erhalten will, entweder einen handelspolizeilichen Charakter auf, oder wandelt sie in rein finanzielle um. Der Bürgerstand ist im Laufe der Zeit erstarkt und wohlhabend [529] geworden, und die Ausgleichung der Stänbe fängt unabweislich an. Als Ludwig XIV. im Jahre 1644 die Einfuhr von Luxusgegenständen und namentlich den Aufwand von Goldstoffen beschränkte, erklärte er das Verschwinden des Goldes und Silbers als zwingenden Beweggrund, da allein zu Lyon wöchentlich 100,000 Livres edles Metall verarbeitet würden. Man verbot im Jahre 1656 die Castorhüte und für künftig jeden Hut über 50 Livres, motivirte die Maßregel aber nicht als gegen den Bürgerstand nothwendig, sondern als zum Schutz des Adels gegen dessen Verarmung genommen.

Während der Staat bei dem früheren Systeme sich gescheut hatte, die bei Uebertretungen verhängten Strafen ihrer Gehässigkeit wegen zu eigenem Nutzen zu verwenden, deshalb sie meist dem Patron, der Geistlichkeit oder milden Stiftungen zuwies, erkannte er den Luxus jetzt als eine seiner ergibigsten Finanzquellen. Er ließ ihn gewähren, erhob aber eine hohe Steuer, und stand sich dabei sehr wohl. Nur wo ein sittliches Motiv unterliegt, treten noch Verbote auf.

Eine eigenthümliche Geschichte hat der Branntwein, Tabak und Kaffee gehabt.

Der Branntwein war ursprünglich Arznei, und in Hessen durften ihn nach einem Gesetz vom Jahre 1530 nur Apotheker verkaufen. Seit dem dreißigjährigen Kriege aber wurde er ganz allgemein.

Den Tabak lernte man im Jahre 1496 in St. Domingo als Arzneipflanze kennen, und fing seit etwa 1550 an, ihn in Europa zu bauen. Sehr bald aber ging er in die allgemeine Consumtion über, und heut ist er ein so unabweisliches Bedürfniß, daß in Oesterreich die Einnahme aus dem Tabaksmonopol allein so viel betrug, als die Summe sämmtlicher übriger Zolleinnahmen. Jakob I. in England schuf eine hohe Steuer gegen den Tabak, weil die niedern Stände nach dem Beispiel der höheren Gesundheit, Luft und Boden damit verdürben. – Hier kommen sogar Enterbungen wegen des Rauchens vor. – Eine Sultans-Verordnung von 1610 gebot, daß jeder Raucher über die Straße geführt und ihm sein Pfeife quer durch die Nase gestoßen werde. Michael Romanoff setzte im Jahre 1634 der Feuergefährlichkeit halber Todesstrafe auf das Rauchen, was später in Abschneiden der Nase gemildert wurde. Papst Urban VIII. drohte im Jahre 1624 denen, welche Tabak mit in die Kirche nähmen, mit Excommunication und Innocenz XII. 1690 denen, die in der Kirche schnupften, mit dem Bann.

Im Jahre 1652 entstand das erste Kaffeehaus in England, im Jahre 1671 das erste in Frankreich. Karl II. suchte sie 1675 unter politischem Vorwande zu unterdrücken. Vom Sultan Murad IV. wurde der Kaffee 1633 bei Todesstrafe, in Hessen-Darmstadt im Jahre 1766 allen Landbewohnern bei 10 Thlr., in Hildesheim im Jahre 1768 allen Bürgers- und Bauersleuten bei 6 Gulden Strafe untersagt.

Was aber haben die Luxusgesetze nun für einen Erfolg gehabt? Sie haben, anstatt zu nützen, meist nur zu Defraude angereizt, so verschieden und complicirt auch die Controlmaßregeln und sonstigen Vorschriften waren. Selbst die Continentalsperre, jene gewaltsame Anstrengung gegen England, war fruchtlos. Franzosen trugen in echtfranzösischer Eitelkeit damals schon deshalb englische Waaren, um zu zeigen, daß sie die hohen Schmuggelpreise bezahlen könnten.

Der Staat läßt heut den Luxus frei gewähren, in dessen richtiger Würdigung als einträglicher Finanzquelle, als Hebels der Industrie und des Handels, als eines Segens der höheren Cultur und der Volkswohlhabenheit, der das Leben Aller, auch der arbeitenden Classen verschönt und hebt. Ein in der Blüthe stehendes Volk bedarf keiner verbietenden Gesetze, es weiß sich selbst zu beschränken, ein sinkendes vermögen auch die strengsten Verbote vor dem Falle nicht zu retten!