ADB:Arnulf (ostfränkischer König)

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Artikel „Arnulf, deutscher König und Kaiser“ von Max Büdinger in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 1 (1875), S. 599–605, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Arnulf_(ostfr%C3%A4nkischer_K%C3%B6nig)&oldid=2486435 (Version vom 11. Dezember 2017, 09:34 Uhr UTC)
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Band 1 (1875), S. 599–605 (Quelle).
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Arnulf, deutscher König und Kaiser, † 8. December (vielleicht 29. November) 899, entsprang einer außerehelichen Verbindung von Ludwig des Deutschen ältestem Sohne Karlmann mit Liutwinda, einer Frau edler Abkunft. Geboren wurde er frühestens 845 – denn seines Vaters Geburt fällt etwa in das Jahr 828 – und spätestens 853; denn sein Sohn Zwentibold wurde wahrscheinlich i. J. 870 getauft (Dümmler, O. F. I. 753, II. 340, 472). Ob Karlmann bereits bei Arnulf’s Geburt in standesgemäßer Ehe lebte, ist ungewiß, da sich nur sagen läßt, daß eine solche i. J. 861 mit einer Tochter des Markgrafen Ernst von der Böhmenmark bestand. Karlmann sah aber trotz des Makels seiner Geburt in Arnulf den natürlichen Erben seiner Macht, da ihm in rechter Ehe Söhne nicht geboren wurden, wie denn diesem außerehelichen Sproß der Name des Ahnherrn, des heil. Arnulf von Metz, beigelegt ward. Karlmann verlieh ihm, spätestens nach seines eigenen Vaters Ludwig Ableben (28. August 876) die Gebiete, welche er selbst früher unter väterlicher Hoheit verwaltete hatte: die Markgrafschaften von Kärnthen und Pannonien. A. erhielt somit Landschaften, in denen auf dem Grunde slawischen Lebens erst seit wenigen Menschenaltern deutsche Herrschaft und Ansiedelung entstanden war.

Sein Fürstenthum gewann aber erhöhte Bedeutung, als Karlmann im Herbste d. J. 877 gelähmt aus Italien zurückkehrte und nach Jahresfrist auch den Gebrauch der Sprache verlor. So sehr erscheint nun der, ob auch uneheliche Sohn als des Vaters Stellvertreter, daß eine Klage einiger verbannter baierischer Großen über angebliche Rechtsverletzung sich gegen Arnulf als factischen Regenten richtete (879). Die Klagenden wurden von Karlmanns Bruder, König Ludwig, durch einen Kriegszug in ihrem Besitze hergestellt und Karlmann zum Verzichte auf sein Reich genöthigt. Nach dessen Tode (22. Sept. 880) blieb doch Arnulf, der sich des Oheims und Siegers Ludwigs Gnade ergeben hatte, im Besitze seiner Ehren und Güter. Daß auch ferner Lebende schon damals auf ihn für die Zukunft des Reiches Hoffnungen setzten, beweist eine im Jahre 881 geschriebene Aufzeichnung des schwäbischen Mönches, welcher die einem Erchanbert zugeschriebene Frankengeschichte fortsetzte; Arnulf’s langes Leben als des Einzigen, der Ludwigs des Großen Haus fortsetzen könne, wird hier inbrünstig erbeten. Da aber auch sein Oheim Ludwig bald (am 30. Januar 882) [600] starb, so stieg in dem an männlichen Sprossen arm gewordenen Karolingergeschlechte seine Bedeutung. Mit besonderer Feierlichkeit, auf ein Stück des heiligen Kreuzes, leistete er, gleichzeitig mit der Huldigung der bairischen Großen, dem neuen Oberherrn, seinem aus Italien kommenden Oheime Kaiser Karl III., das Gelöbniß der Treue (Dümmler II. 299). Wenige Monate später (Sommer 882) befehligte er das bairische Aufgebot auf einem Reichszuge gegen die Normannen. Ruhm zu erwerben boten aber die Feldzüge Kaiser Karls III. keine Gelegenheit. Diesmal hatte A. sogar das Mißgeschick, eines fehlschlagenden Ueberfallversuches gegen den nordischen Feind mit dem Befehlshaber der Ostfranken zu theilen. Immerhin erschien er wieder, wie zur Zeit der Erkrankung seines Vaters, als der geborene Fürst des Baiernstammes.

In diesem Sinne wendeten sich an ihn auch die Söhne der i. J. 871 im Kampfe gegen die Mähren gefallenen Grenzgrafen der bairischen Ostmark um Herstellung in die Rechte ihrer Väter und um Hülfe gegen den inzwischen eingesetzten Grafen Aribo, welcher von dem Mährerherzog Swentopluk mit Waffengewalt unterstützt war. Indem sich A. von den Grafensöhnen den Lehnseid leisten ließ, nahm er zugleich Rechte in Anspruch, welche nur dem Könige zukamen und gerieth in Krieg mit dem ihm weit überlegenen Mährerfürsten. Dieser Schwäche seiner Macht und jener Anmaßung entsprachen denn auch die nächsten Ereignisse. Die Mährer verwüsteten in den Sommern von 883 und 884 die Markgrafschaft Pannonien ohne Widerstand, brachten zahlreiche Einwohner um und schleppten andere in Gefangenschaft; eine von A. seinen Schützlingen gesendete Hülfsschaar erlitt mit denselben eine völlige Niederlage, bei welcher zwei von den Grafensöhnen ihren Tod in der Raab fanden. Der Kaiser Karl III. aber kam im Herbste 884 zu Königstetten freundlich mit Swentopluk zusammen und bestätigte Aribo in der Grafschaft. Auch A. mußte an der Spitze der bairischen Großen den hier mit dem Mährerfürsten geschlossenen Frieden im folgenden Jahre beschwören.

Wenn auch vom Glücke nicht begünstigt, hatte A. an seinem Orte des Reiches Ehre gegen Normannen und Slawen zu wahren gesucht, während der Kaiser dieselbe gegen beide Feinde preisgab. In dessen eigener Umgebung und Familie erschien A. als der geeignete Thronfolger. Zu ihm flüchtete Bischof Liutward von Vercelli, der auf Andringen schwäbischer Großen plötzlich und schmählich entlassene geliebte Erzcaplan des Kaisers (Juni 887), sofort nach seinem Sturze. Hildegard aber, die Tochter des fünf Jahre vorher gestorbenen Königs Ludwig und mütterlicherseits dem liudolfingischen Hause von Sachsen entsprossen, dadurch in Niederdeutschland von hohem Einflusse, bereitete ihrem Vetter A. nicht am wenigsten die Wege zur Empörung gegen den gemeinsamen kaiserlichen Oheim. Gegen Ende Octobers 887 rief hierauf A. die Baiern und die Slawen seines Gebietes unter die Waffen, und zog nach Westen. Unmittelbar nahm er Königsrecht in Anspruch, indem er diejenigen, welche sich ihm anzuschließen zögerten, mit dem Verluste ihrer Lehen bedrohte. Es erfolgte ein allgemeiner Abfall vom Kaiser, der von der Pfalz zu Tribur aus durch Vermittelung des Erzbischofs von Mainz Unterhandlungen mit dem siegenden Neffen versuchte, indem er ihm das bei der Huldigung gebrauchte heilige Stück übersendete. A. soll bei dessen Anblicke in Thränen ausgebrochen sein; von dem begonnenen Unternehmen abzulassen, wurde er nicht bewogen (Wenck 28.) Hierauf (Mitte November 887) erklärte der Kaiser seinen Verzicht auf Reich und Besitz, indem er sich nur einige schwäbische Güter vorbehielt, als deren Nutznießer er nach wenigen Wochen (Jan. 888) gestorben ist. Noch in den letzten Momenten seiner Macht hatte er A. seinen natürlichen Sohn Bernhard empfohlen und dieser den Vetter als Lehnsmann angenommen. Da der so Geschonte aber im [601] Jahre 890 mit der Absicht König von Schwaben zu werden, sich in eine Verschwörung gegen A. einließ, welche, wahrscheinlich ohne Blutvergießen, unterdrückt wurde, so mußte er flüchten; im Winter 891 auf 892 ist er dann von dem Grafen von Rätien erschlagen worden; von seinen angeseheneren Anhängern waren mehrere mit Güterverlust, der Abt Bernhard von St. Gallen mit Absetzung bestraft worden (890).[WS 1]

A. aber erschien unmittelbar nach des Oheims Absetzung als unbestreitbarer Reichserbe, zunächst bei den deutschen Stämmen; schon in der nächsten Woche (27. November 887) unterzeichnete er als anerkannter König in Frankfurt Urkunden. Aus Baiern entsprungen, machte er dessen Hauptstadt Regensburg auch zu seiner wahren Residenz. Dort und in Kärnthen lebte er so oft und so lange die Regierungsgeschäfte es irgend zuließen und wahrscheinlich viel mehr, als der festen Begründung und der Erweiterung seiner Macht dienlich gewesen ist. Schon während des ersten gleich nach Erlangung der Königswürde in Regensburg gewählten glänzenden Winteraufenthaltes (887 auf 888) „wuchsen“ in dem bisherigen Frankenreiche außerhalb Deutschlands „viele Königlein“ heraus (Jahrb. von Fulda), A. ging aber keineswegs darauf aus, diese neuen, von den Großen der Lande im Westen und Süden erhobenen Könige zu beseitigen, sondern verlangte nur als einziger natürlicher Fortsetzer der von Karl dem Großen begründeten und noch von Karl III. bekleideten Macht die Anerkennung als Oberherr. Vergeblich ersuchten ihn daher im nächsten Sommer während einer geistlichen Versammlung in Frankfurt drei französische Große gegen den im Westreiche erhobenen Odo von Paris zu Felde zu ziehen. Er lud denselben vielmehr nach Worms und erkannte (Juli oder August 888) Odo’s Königthum gegen Ablegung des Huldigungseides an. Nach kurzer Bekämpfung durch schwäbische Truppen bequemte sich denn auch der Welfe Rudolf, der im Westalpenlande als König anerkannt war, zu einer Huldigung in Regensburg. Bald darauf (November oder December 888) fand sich auch der eine der beiden neuerlich aufgekommenen Könige von Italien, Markgraf Berengar von Friaul, von seinem fränkischen Rivalen Wido bedrängt, zur Anerkennung von Arnulf’s Oberherrlichkeit in Trient ein, als derselbe bis in diese Grenzstadt gekommen war, um das italische Erbe seines Vaters anzutreten. Den Abschluß dieser Bemühungen um die Oberherrlichkeit machte die Huldigung, welche im Juni des folgenden Jahres (889) Irmingard, die verwittwete Königin von Niederburgund (Arelat) für ihren minderjährigen Sohn Ludwig zu Forchheim leistete. Eben hier erhielt aber auch A. die den dort versammelten Großen seines deutschen Reiches abgenöthigte Zusage, daß sie seine natürlichen Söhne Zwentibold und Ratolf als Könige anerkennen wollen, falls seine Gemahlin Ota ihm einen Sohn nicht gebäre.

Von den beiden bedeutendsten Reichsfeinden, den Slawen und Normannen bekämpfte er dann (Juli 889) jene in dem Stamme der Abodriten zuerst, aber ohne Erfolg. Hierauf entschloß er sich im März des nächsten Jahres (890) zu einem vorläufigen Abkommen mit deren Stammesverwandten, den Mährer in einer Zusammenkunft mit Herzog Swentopluk, der seinen einst (874) geschlossenen Frieden trotz aller seiner Einbrüche für fortbestehend gehalten und die (885) A. aufgezwungene Versöhnung ernstlich genommen zu haben scheint. Immerhin konnte er dem Papste als ein geeigneter Vermittler für eine Einladung nach Rom zur Befreiung von den italienischen Gewalthabern erscheinen.

Nach der Zusammenkunft mit dem südslawischen Fürsten wendete sich A. mit Waffengewalt gegen den anderen Reichsfeind, die Normannen. Von dem Westfrankenreiche aus, in welchem sie so viele Stellungen inne hatten, vornehmlich von dem Winterlager von Noyon waren diese schon im Anfange des Jahres [602] 891 in das ostfränkische Gebiet nach dem heutigen Belgien eingebrochen. A. selbst eilte (etwa im Mai d. J.) herbei; aber die Normannen entzogen sich seinem Angriffe durch Rückzug, während er selbst nach Baiern zurückkehrte und nur eine neue Sammlung von Truppen nach Maestrich befahl. Im Rücken dieses neuen Heeres erschien aber der Feind durch eine Umgehung plündernd im Gebiete von Aachen und siegte, von den Franken angegriffen, am Geulenbache bei Meerssen. Nach einem neuen Heeresaufgebote versagten zunächst die Schwaben unter einem Krankheitsvorwande weitern Dienst, so daß A. mit erheblich verringerten, nur fränkischen Streitkräften am 1. October 891 zu Maestricht anlangte, von wo die Normannen am Schlusse des Monates sich in ein wohlbefestigtes Winterlager bei Löwen an der Dyle zurückzogen. Hier griff sie A. an; nachdem er aber den Fluß überschritten hatte, fand sich sein wesentlich aus Reiterei bestehendes Heer zwischen denselben und einem Sumpf eingeengt; er ließ deshalb den begeisterungsvollen Kampf zu Fuße beginnen. Mit der Erstürmung des Normannenlagers errang er den Sieg, der um so vollkommener wurde, als die flüchtigen Normannen haufenweise in der Dyle ihr Grab fanden. Zwei ihrer Befehlshaber königlicher Abkunft (Seekönige) fielen, sechzehn ihrer Fahnen sendete A. in seine bairische Hauptstadt Regensburg. Wie ehrenvoll der Sieg übrigens auch war, einen vollkommenen Erfolg brachte er nicht. Nach dem Abzuge des fränkischen Heeres sammelten sich die Reste der Besiegten, verstärkt durch Mannschaften ihrer Schiffe wieder bei Löwen, überwinterten dort, erschienen plündernd bei Bonn, verwüsteten das Kloster Prüm und verließen das Land erst wegen einer Hungersnoth im nächsten Herbste.

Das ganze überrheinische Gebiet seines Reiches, Lothringen nach damaliger Bezeichnung, sah A. nun freilich von dem schlimmsten äußern Feinde befreit und griff persönlich im nächsten Winter (892–93) in die dortigen unruhvollen Verhältnisse ein, indem er sich die Geistlichkeit verpflichtete. Mit Hülfe derselben gedachte er seinem natürlichen Sohne Zwentibold, den er jetzt mit großen lothringischen Lehen ausstattete, dort eine abgesonderte Herrschaft zu begründen. Dieser Absicht kam zu Statten, daß gleichzeitig (28. Jan. 893), am Todestage des gemeinsamen Ahnherrn Karls des Großen, sein Vetter Karl der Einfältige als Gegenkönig Odo’s gekrönt wurde und dessen Anhänger den Bürgerkrieg in Frankreich sogleich eröffneten. da nun Karl vor Odo’s Uebermacht im Mai 894 nach Worms entwich, wo eben ein Reichstag gehalten wurde, so empfing er von A. die Belehnung mit dem Westreiche und lothringische Truppen zu seiner Herstellung, deren Führer freilich gegen Odo nicht kämpfen mochten. Aber die Wahl Zwentibold’s zum Könige Lothringens konnte A. bei den dortigen Großen trotz dieser bedenklichen Zustände im Westen und trotz scharfer Bestrafung vornehmer lothringischer Landfriedensbrecher zunächst nicht durchsetzen. Die Versorgung seines ob auch unächten Erstgeborenen war aber für A., vollends nachdem ihm die Kaiserin Ota (Herbst 893) einen Erben, Ludwig das Kind, geboren hatte, ein Gegenstand begreiflicher Sorge.

Unbekümmert um seine neuerliche Entscheidung zu Karls Gunsten lud er, als einige gewaltthätige Anhänger desselben kirchliches Aergerniß gegeben hatten, gleichmäßig Karl und Odo als Lehnsherr nach Worms. Nur Odo erschien (Mai 895) und empfing von A., wie im Spätsommer 888, neue Anerkennung seiner Königswürde. In Odo’s Gegenwart genehmigten die überrheinischen Großen nun endlich die Erhebung Zwentibold’s zum unabhängigen Könige von Lothringen und Burgund; der neue König verlor aber bald alle Achtung bei Freund und Feind, und sein Untergang war schon bei des Vaters Tode unvermeidlich geworden, obwol dieser wiederholt des Sohnes Ungestüm und Willkür zu mäßigen gesucht hat.

[603] Die Machtverminderung Arnulf’s durch Gründung von Zwentibold’s Königreich erscheint aber um so verhängnißvoller, da auch ganz Niederdeutschland, jenen vergeblichen Abodritenfeldzug von 899 abgerechnet, seine Oberherrlichkeit nur dem Namen nach anerkannte und an seinen Reichskriegen sich nicht betheiligte. Auf Franken, Schwaben und Baiern angewiesen, selbst des Gehorsams der Schwaben, wie jener Normannenzug von 891 zeigte, niemals sicher, waren durchgreifende Erfolge nach außen fortan kaum für ihn zu erwarten. So erklärt sich der Gang seiner Kriege gegen Mähren und Italien.

In den südöstlichen Marken war sein alter Gegner Aribo im Besitze des Traungaus und der Ostmark geblieben; doch hatte A. seine früheren Schützlinge, die Söhne Wilhelms und Engelschalks durch dortige Grenzgrafschaften entschädigt, auch dem jungen Engelschalk seine Gnade bald wieder geschenkt, als der eine natürliche Tochter Arnulf’s entführt hatte. Eben ihn aber ließen die bairischen Großen bei einem Besuche in Regensburg (893) blenden; dessen Vetter Wilhelm ward darauf wegen verrätherischer Verbindungen mit dem Mährerherzog enthauptet, dessen Bruder gar als Flüchtling in Mähren ermordet. Die Güter der Unglücklichen zog A. ein oder gab sie dem Kloster Kremsmünster. Unter diesen Umständen wurden im Sommer 892 und 893 Plünderungszüge nach Mähren unternommen; beim Rückzuge von dem zweiten geriethen das Heer und A. selbst in ernstliche Gefahr. Den bedeutendsten Rathgeber Swentopluk’s gewann er freilich in dieser Zeit (Sommer 893), seinen neuen Kanzler Wiching, dem er das Bisthum Regensburg verlieh. Der Mährerherzog aber endete doch im folgenden Jahre (894) ungemindert an Macht und Ansehen durch Krankheit. Seine beiden Söhne aber schlossen noch im Herbste nach seinem Ableben mit A. einen Frieden unbekanten Inhalts. Vielleicht wurden beide Theile zu demselben durch einen Einfall der Ungarn bewogen, welche damals zuerst Mähren und Arnulf’s Grenzgebiet gleichmäßig zuerst plünderten. In Arnulf’s Dienste, bei dessen Feldzug von 892, hatte ein Heerhaufen derselben diese Lande kennen gelernt.

Wie mißlich Arnulf’s Stellung aber nach dem üblen Ausgange des mährischen Krieges war, erhellt auch daraus, daß eine Verschwörung gegen ihn entdeckt wurde, an deren Spitze mit seiner früheren Begünstigerin, der Prinzessin Hildegard, der mächtigste unter den bairischen Großen Engildeo stand. Die Prinzessin wurde wol bald wieder zu Gnaden aufgenommen; in Engildeo’s Grafschaften, und dazu in die der Söhne Wilhelms und Engilschalks, wurde aber der Ahnherr des bairischen Herzogshauses der nächsten Zeit – wie man meint, selbst der wittelsbachischen Dynastie – Graf Liutbold, den A. seinen Neffen nennt, eingesetzt und damit die Hut gegen Böhmen wie gegen Mähren ihm anvertraut (895).

Während aber damals die Söhne Swentopluk’s in Unfrieden geriethen, mährische Verbannte in Arnulf’s Reich Schutz suchen mußten, brachen die Ungarn, aus ihrer Heimath an der Donaumündung vertrieben, verzweifelt neue Wohnsitze suchend, in Mähren und selbst in Pannonien ein, wo Arnulf’s Statthalter, der Slawenherzog Brazlawo, ihnen nicht zu wehren vermochte. Das gänzliche Verderben Mährens und der bairischen Grenzlande dem ungarischen Anfalle gegenüber unzweifelhaft zu machen, trug bei, daß er jüngere von Swentopluk’s Söhnen gegen den älteren Kriegshülfe durch einen Plünderungszug von Arnulf’s Markgrafen empfing (898), sich aber trotzdem nicht behaupten konnte und unter bairischem Schutze das Land verlassen mußte, in welchem zur Vervollständigung des Nachbarzwistes nunmehr auch eine von Baiern unabhängige römisch-kirchliche Organisation hergestellt wurde. A. seinerseits strafte wegen ihres unglücklichen Eingreifens in die mährischen Händel den Markgrafen Aribo mit zeitweiliger Entsetzung und namentlich dessen Sohn Isanrich als Urheber des Fehltritts; [604] Isanrich empörte sich (899), ward freilich in seiner Veste Mautern unter des ob auch todtkranken A. Heerführung gefangen, wußte aber doch bald wieder mit mährischer Hilfe die Ostmark an sich zu reißen. – Erst wenn man mit dem freiwilligen Verluste Lothringens durch Zwentibold’s Erhebung diese Auflösung in den Verhältnissen der südöstlichen Reichs- und Lehnslande erwägt, gewinnt man das Verständniß für die Erfolglosigkeit von Arnulf’s glänzendem Eingreifen in Italien, wo er noch während des Krieges gegen Swatopluk mit einer Heeresmacht erschien. Er war von dem Papste Formosus und italienischen Großen feierlich um Befreiung von der Herrschaft Wido’s gebeten worden, der Arnulf’s Schützling Berengar besiegt, auf einen kleinen Theil der Lombardei eingeschränkt, für sich (Febr. 891) und für seinen Sohn Lambert (April 892) die kaiserliche Würde gewonnen hatte. A. hatte auf jene Ladung freilich (893) zuerst nur seinen Sohn Zwentibold gesendet, der aber unrühmlich vor Wido’s Verschanzungen bei Pavia nach einigem Zaudern umgekehrt war. So erschien mitten im Winter der Vater selbst, da seine Baiern gleichzeitig gegen Mähren zu kämpfen hatten, nur mit schwäbischen Truppen, gewann Ansehen durch erbarmungslose Erstürmung von Bergamo (1. Februar 894), empfing in Pavia die Huldigung der mächtigsten Großen, übte von Piacenza aus sein Recht als Oberlehnsherr des Landes (März 894); aber weiter konnte er sich mit seiner durch Krankheiten und Kämpfe gelichteten Streitmacht nicht wagen. Die einheimischen Großen fielen sofort wieder von ihm ab, als er den Rückzug antrat, bei Ivrea fand er sich durch Wido’s Truppen den Weg nahezu verlegt und konnte nur durch gefahrvolle Führung über Felsgebirge seine kleine Streitmacht nach Aosta retten, von wo dieselbe nach einem nicht minder vergeblichen Angriffe gegen König Rudolf von Burgund durch die heutige Mittelschweiz in die Heimath gelangte.

Da nun aber noch in demselben Jahre mit Swentopluk’s Tode der Frieden mit Mähren gewonnen ward und mit Wido’s Tode (December 894) der Widerstand Italiens seine Leitung verlor, so konnte auf eine neue Ladung des Papstes Formosus A. unter besseren Aussichten im folgenden Herbste (Oct. 895) eine neue Heerfahrt nach Italien antreten, zu der diesmal außer Schwaben auch Franken aufgeboten wurde. Berengar, der inzwischen ohne Rücksicht auf Arnulf’s oberherrliche Rechte in dem ihm gebliebenen Theile Italiens geschaltet hatte, ward jetzt trotz seiner Fügsamkeit entsetzt, die Verwaltung Oberitaliens aber den beiden Grafen von Mailand und Verona übergeben. Noch vor Weihnachten erreichte A. mit den Franken die Gegend von Carrara, während seine Schwaben über Bologna gegen Florenz mühevoll durch feindliches Gebiet zu ziehen hatten. Der immer beschwerlicher werdende Marsch nach Süden führte endlich (Februar 896) vor Rom, dessen Mauern von den Truppen des jungen Kaisers Lambert unter Befehl seiner Mutter Ageltruda besetzt waren. Die deutschen Truppen aber erstürmten die Leostadt, worauf Ageltruda auf weiteren Kampf in Rom verzichtete. Am folgenden Tage (wahrscheinlich Sonntag 22. Februar 896) zog A. feierlich in Rom ein und ward von Formosus zum Kaiser gekrönt. Das römische Volk mußte ihm förmlich volle Treue geloben. Nach der Besitznahme Roms gedachte A. mit der Besiegung Ageltruda’s in Spoleto seine Herrschaft völlig zu sichern; auf dem Wege dahin (März 896) ward er aber, wie einst sein Vater, von einem Kopfleiden und einer Lähmung ergriffen, welche ihn zu schleunigem Rückzuge nach Baiern veranlaßten. Nur vergeblich versuchte er, seinen jüngeren natürlichen Sohn Ratolf in Mailand mit Fürstenrecht an seiner Stelle auszustatten. Schon im Mai 896 trat Lambert als anerkannter Herrscher wieder auf, Ratolf mußte flüchten, und über Arnulf’s Anhänger als Lambert’s Feinde in Mailand erging im Sommer schweres Strafgericht. Mit ihm verständigte [605] sich nun auch Berengar, sein Königrecht wieder aufnehmend, indem ihm Italien ostwärts der Adda und nördlich des Pos überlassen ward; ja als Lambert im October 898 auf einer Jagd umkam, ward Berengar als alleiniger König von Italien anerkannt, ohne daß irgend Jemand für die Ansprüche Arnulf’s eingetreten wäre, die dieser auch selbst nicht geltend machte.

Wendet man sich schließlich zu Arnulf’s innerer Regierung, so erscheint für ihren Gang die Erhebung des gelehrten, scharfsinnigen und überaus gewandten Abtes Hatto von Reichenau auf den erzbischöflichen Stuhl von Mainz (891) von besonderer Wichtigkeit. Auf beiden Zügen nach Italien ist er unter Arnulf’s nächsten Rathgebern gewesen, und hat in Mailand wie in Rom dessen volle Gunst durch Rechtssprüche und Geschenke erfahren. Bei dem wichtigsten legislatorischen Acte dieser Regierung, den Beschlüssen der Reichssynode von Tribur (Mai 895), war er, schon seiner amtlichen Stellung nach der erste der drei Vorsitzenden, wol vor Allem betheiligt. Hier wurden nicht nur, nachdem A. inbrünstig seine Bereitwilligkeit ausgesprochen hatte, zu jedem frommen Beschlusse mitzuwirken, Bestimmungen zu schärferer Handhabung des Eherechtes getroffen, Unredlichkeiten, Pflichtvernachlässigungen und anstößigem Lebenswandel innerhalb des Klerus gesteuert, sondern auch eingreifende Verfügungen über das Verhältniß der Kirche zum Staate erlassen. Die Grafen[WS 2] wurden verpflichtet, bischöfliche Bannsprüche auszuführen, sei es durch Nöthigung der Gebannten zur Kirchenbuße, sei es durch weltliche Bestrafung, kein Wergeld schützt sie gegen Mord; dem Range nach, wie er sich aus der Berufung von Gerichtsversammlungen erkennen läßt, steht die weltliche Macht des Grafen der kirchlichen des Bischofs durchaus nach. – In allem Ernste faßte A. den Beruf, den er (892) als den wichtigsten seiner Regentenpflichten ansah: Sohn und Vertheidiger der katholischen Kirche zu sein. Sein eigenes sittliches Verhalten stand hiermit freilich nicht im Einklange. Wir sahen, wie er den einen seiner natürlichen Söhne zu schwerstem Schaden des Reiches in Lothringen ausstattete, die Ausstattung eines andern mit der Lombardei versuchte, die Entführung seiner natürlichen Tochter und dann die Hinrichtung des begnadigten Eidams durch seine Feinde guthieß. Seinerseits ließ er auf einer Reichsversammlung zu Regensburg (Juni 899) noch kurz vor seinem Tode eine gegen seine Gemahlin Ota erhobene Anklage auf Ehebruch durch förmliches Gerichtsverfahren und einen Reinigungseid von siebzig hochgestellten Männern zu Gunsten der Kaiserin erledigen. Nächst seinen eigenen Mißgriffen wird man die Schwäche seiner Regierung und namentlich den Zusammensturz seiner Macht in Italien seiner Kränklichkeit zuzuschreiben haben. Sein Kriegsmuth, der ihm den normannischen Sieg gebracht, ist unbezweifelt: noch kurz vor seinem Tode bewährte er ihn vor Mautern. Daß er im mährischen Kriege wie andere Hülfe nichtdeutscher Stämme, so die einer ungarischen Reiterschaar nicht verschmähte, kann ihm nicht zum Vorwurfe gemacht werden. Erst nach seinem Tode, da die Ungarn sich in Deutschland so furchtbar machten, hat sich die Sage gebildet, A. habe ihnen die Pforten nach dem Westen eröffnet.

Dümmler, De Arnulfo. Berolini 1852; Geschichte des ostfränkischen Reiches Bd. II. Wenck, Die Erhebung Arnulf’s. Leipzig 1847. Miklosich, slaw. Personennamen. S. 97.


Anmerkungen (Wikisource)

  1. schließende Klammer fehlt im Original
  2. Im Original: Grafeu