ADB:Frischlin, Nicodemus

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Artikel „Frischlin, Nicodemus“ von Wilhelm Scherer in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 8 (1878), S. 96–104, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Frischlin,_Nicodemus&oldid=- (Version vom 21. September 2019, 03:31 Uhr UTC)
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Frischlin: Nicodemus F., lateinischer Dichter und Philolog. Ein sehr begabter und sehr unglücklicher Mensch: unglücklich durch den Neid seiner Collegen, durch die Schwäche seines Fürsten und nicht am wenigsten durch sich selbst. Die Betrachtung seines Lebens führt in alle Erbärmlichkeiten der Kleinstaaterei, der Kleinstädterei und der Universitätszustände des 16. Jahrhunderts.

Frischlin’s Familie stammt aus Diessenhofen im Thurgau. Der Großvater wandte sich nach Würtemberg, stand im Hofdienste Herzog Ulrichs und ließ sich zu Balingen nieder. Der Vater (Jakob F., 1522–66), zum gelehrten Stand bestimmt, den Naturwissenschaften geneigt, nahm doch den landesüblichen Weg [97] durch das theologische Stift und wurde Diaconus in Balingen. Hier[1] ist Nicodemus F. am 22. Septbr. 1547 geboren. Hier und in Tübingen erhielt er den ersten Unterricht und kam 1560 in die Klosterschule zu Königsbronn, wo der Niederländer Jodocus Stiger sein Hauptlehrer wurde und ihn in den beiden classischen Sprachen rasch sehr weit brachte; er will schon 13jährig den 23. Psalm ins Griechische übersetzt haben. Weniger fand er sich 1562 in der höheren Klosterschule zu Bebenhausen gefördert. Aber schon im Frühling 1563 bezog er die Universität Tübingen, auch er als Zögling des Stifts, wo besonders die Vorlesungen von Schegk über Aristoteles’ Organon, von Hitzler über Cicero und Demosthenes, von Martin Crusius, (s. diesen Bd. IV, S. 633) über Ilias, Sophokles’ Philoktet, Rhetorik ihn angeregt zu haben scheinen. Rhetorik und Poetik, d. h. Philologie, war ihm die Hauptsache. Im J. 1564 Baccalaureus, 1565 Magister, wurde er nach abgelegter Probe der Lehrfähigkeit 1568 Professor der Poetik und Geschichte. Er las über Virgil und Caesar, später auch über Horaz und Lucan, über Sallust und über Sleidans Bücher von den vier Monarchien; daneben erklärte er einige Jahre lang Cicero’s Briefe und Reden im Pädagogium, vertrat gelegentlich einen Collegen in den Vorlesungen über Astronomie und leitete die sonntäglichen Disputirübungen der Baccalaureen, die sich fast auf alle Gebiete des Wissens erstreckten. Er war ein geistvoller, lebendiger, anregender Lehrer. Aber er war und blieb – Extraordinarius, wie wir heute sagen würden; er saß nicht im Senat, nicht im Collegium der Fakultät. Gleich nach erhaltener Professur hatte er sich verheirathet, seine Familie wuchs rasch: aber seine Besoldung war gering. Noth, Ehrgeiz und Selbstgefühl mußten seine Ansprüche steigern.

Die Leichtigkeit lateinischer Versification erhöhte ihn über seine Collegen. Im J. 1575 durfte er die Hochzeit des Herzogs Ludwig beschreiben, und fortan war er bei Hofe gern gesehen. Er zechte mit dem Fürsten und dem Adel. Er war kein Pedant: er war ein Lebemann und guter Gesellschafter, witzig, unterhaltend, gewandt, bequem, ganz wie der unbedeutende Jäger und Trinker, der damals Würtemberg regierte, ihn in seiner Umgebung brauchen konnte. Auch durch Komödien erhöhte er alljährlich den Glanz des Hofes und das Vergnügen seines Herrn, dessen Empfehlung ihm dafür beim Kaiser zur Würde des gekrönten Poeten und des Pfalzgrafen verhalf (1577).

Aber gelehrte Corporationen schwärmen stets für Gleichheit; je mehr einer über die Mittelmäßigkeit hinausragt, desto weniger darf er es zeigen; man wird ihn demüthigen, wo und wie man es kann. F. mußte die Hofgunst theuer bezahlen. Kränkung folgte auf Kränkung. Selbst ein auswärtiger Ruf (nach Graz November 1576) trug ihm nur Vertröstungen ein; bei einer bald eintretenden Vacanz wurde er übergangen und von neuem vertröstet (Ende 1577), ein abermaliges Gesuch abgeschlagen, die Entlassung doch verweigert, übrigens sein Gehalt erhöht (1579). F. gab dem Klatsche der kleinen Stadt vielfältigen Stoff, den man im akademischen Senat gegen ihn verwerthete. In der That, durchaus fehlt seinem Leben die Würde. Er ist hitzig, übereilt, geht, vom Moment hingerissen, leicht zu weit und möchte dann zurücknehmen, umdeuten, an Mißverständniß oder Verleumdung glauben machen. Bald überhebt er sich, bald wirft er sich weg. An den Collegen rächt er sich durch böse Reden, Anspielungen, Epigramme, durch rücksichtslose Kritik. Er droht mit neuen Lehrbüchern, Concurrenzbüchern, mit einer Rhetorik, einer Ethik. Er läßt die Feinde seine Verachtung fühlen. Aber sie wissen den Adel gegen ihn aufzuhetzen; persönliche Zwistigkeiten zwischen ihm und seinen aristokratischen Kneipbrüdern kommen ihnen zu Hülfe; in den Sommer 1580 fällt die Krisis. Eine schon früher als Einleitung in Virgil’s Hirtengedichte gehaltene Rede über den Bauernstand, welche Ausfälle gegen die Gottlosigkeit, Unmenschlichkeit und Treulosigkeit des [98] Adels und der Hofleute enthielt, wurde jetzt gedruckt, bekannt, entstellt übersetzt, und erregte einen Sturm der Entrüstung. Die schwäbische Ritterschaft erhebt sich; der fränkische Adel klagt; der Landgraf von Hessen wird gegen ihn in Bewegung gesetzt; er ist seines Lebens nicht sicher; sucht vergeblich die Sache vor den Kaiser zu bringen; soll stillschweigen, Klagen, Gegenschriften, Hausarrest ruhig über sich ergehen lassen; der akademische Senat hat den Triumph, ihm seine Sünden vorzuhalten, ihn gleichsam nur aus Gnade noch ferner zu dulden; und das Verhältniß zum Herzog ist erschüttert, schon 1581 unterbleibt die gewohnte theatralische Aufführung.

Es war natürlich, daß F. unter solchen Umständen sich entschloß, im Juni 1582 einen Ruf nach Laibach anzunehmen, die Professur aufzugeben und Schulmeister zu werden. Er hat auch in Laibach seine Berufspflicht ausgezeichnet erfüllt. Leider hielt er es, wie es scheint durch Schuld seiner Frau, nur zwei Jahre lang in der Fremde aus, wo ihm so wohl sein konnte. Und eine lateinische Grammatik, zu der ihn seine Lehrthätigkeit veranlaßte, wurde der Grund einer neuen endlosen Fehde.

Die Tübinger Fakultät war gegen den Rückkehrenden spröder als je, sie verweigerte ihm sogar das akademische Bürgerrecht. Der Herzog hatte sich stets persönlich gutmüthig und wohlwollend gezeigt, aber niemals durchgegriffen. Dreimal (1574, 78, 85) hat er sich vergeblich bei der Fakultät für F. verwendet und deren Widersetzlichkeit hingenommen. Er wollte um jeden Preis Ruhe und Frieden haben; seine ganze Weisheit bestand darin, dem F. „das Maul zu verbinden“; brach dieser das auferlegte Schweigen, so war er freilich wieder nachsichtig. Jetzt aber grub man aus dem Schmutze des Tübinger Stadtklatsches eine vor sieben Jahren passirte Geschichte aus und verklagte den Poeten wegen Ehebruchs. Der Herzog war in solchen Dingen sehr streng, F. benahm sich thöricht und verscherzte nun definitiv die Gunst seines Herrn.

Am 23. April 1587 ging er in die Verbannung. Der collegiale Haß folgte ihm überallhin. Als Hauptgegner erscheint immer, jetzt wie früher, Martin Crusius, sein ehemaliger Lehrer, ein lächerlicher aber geriebener alter Fakultätsheld, der ihn als undankbaren Schüler brandmarkte und mit allen Mitteln offenen und heimlichen Federkrieges eine unermüdliche Verfolgung gegen ihn ins Werk setzte. Sein schlimmster Feind aber war er selbst, der sich nirgends in die Verhältnisse schicken konnte. Nach einem Versuch in Prag beim Kaiser, nach Privatvorlesungen in Wittenberg, erlangte er eine Schulstelle in Braunschweig (März 1588). Aber Luft, Wasser, Bier waren ihm zuwider und durch ein tactloses Pasquill machte er sich unmöglich (Herbst 1589). Hierauf neue Wanderungen, neue Versuche, Hoffnungen, Pläne, Täuschungen, endlich die Katastrophe.

Immerfort hatte man sich in Stuttgart mit F. zu beschäftigen; wiederholt trat die Ansicht auf, man möge ihn „wiederum zur Hand bringen und dermaßen verwahren, daß männiglich seines Calumnirens sicher und überhaben wäre“. Ein unglaublich thörichtes Schreiben gegen die herzoglichen Räthe, voll knabenhaft übermüthiger Beleidigungen, erhob diese Ansicht zum Beschluß. F. wurde am 24. März 1590 zu Mainz, mit Genehmigung des Kurfürsten, verhaftet und auf Hohenurach eingekerkert. Man schien die Festung wesentlich als eine moralische Besserungsanstalt zu betrachten. Der Zweck des eingeschlagenen Verfahrens war: ihn mürbe und demüthig zu machen, ihm ein Stachelhalsband anzulegen und ihn so lange daran zu zerren, bis er zu den Füßen aller derer winselte, die ihm je im Leben übles gethan.

Die Absicht wurde doch nicht ganz erreicht. F. fühlte sich maßlos unglücklich; er entbehrte alles, was er zum Leben brauchte: auch hatte er sich tief gebeugt: aber es blieb ihm eine protestirende Ader, die zuweilen aufbrach. Lange wurde er nicht müde, zu suppliciren: zuletzt riß der Faden der Hoffnung und [99] Geduld. Bei einem Fluchtversuche brach er das Genick in der Nacht vom 29. auf den 30. Novbr. 1590 (alten Stils).

Frischlin’s alte Mutter hat den Jammer bis zuletzt angesehen. Seine Frau, eine geb. Brenz, die ihm 16 Kinder geboren hatte, wovon ihn sechs überlebten, heirathete nach zwei Jahren einen alten Handwerker; sie war ein sehr gewöhnliches Weib und für den heißblütigen Dichter nie ein Halt.

Frischlin’s Porträt zeigt einen mächtigen Kopf voll sinnlicher Kraft. Man kann sich den Mann sehr wol denken, wie er beim Trunke sitzt und auf den Tisch schlägt und laut perorirt, Lippen und Blick zu spöttischem Ausdrucke leicht bereit. An seinem Großvater und Vater rühmt er die Gabe treffenden Witzes. Dieser Witz ist sein unseliges Erbtheil geworden. Es war kein Zufall, daß er mit Satiren debütirte, daß er den Persius commentirte, daß er den Aristophanes ins Lateinische übersetzte, daß er als Komödiendichter glänzte, daß seine beste Komödie eine von nationalem Selbstgefühl getragene Satire gegen Franzosen und Italiener war, daß er in der Verhöhnung seiner Gegner höchst Ergötzliches leistete, daß sein Lästermaul, das er nicht halten konnte, ihn ins Verderben stürzte, daß er aber auch jenem aristophanischen Zeitalter Deutschlands ein hochangesehener Classiker wurde und noch lange dafür galt.

Auch uns erscheint jene beste Komödie, der „Julius Caesar redivivus“ (begonnen 1572, wiederaufgenommen 1580, vollendet 1584), als das genießbarste seiner Werke, zugleich durch die historische Stellung, die es einnimmt, als das bedeutsamste. Eifersucht und patriotische Polemik gegen die romanischen Nationen gehört zu den Inventarstücken des deutschen Humanismus seit Wimpfeling; F. aber hat den glücklichen Einfall, durch welchen die Sache den prägnantesten Ausdruck erhält und dessen Nachwirkungen bis in die Litteratur des vorigen und dieses Jahrhunderts zu verfolgen sind.

Durch Mercurius den Seelenführer werden Cäsar und Cicero aus der Unterwelt nach Deutschland versetzt, sie haben bereits einen längeren Weg gemacht und verschiedene Städte gesehen, unter denen sie Straßburg, Augsburg und Nürnberg mit besonderem Lobe bedenken. Jetzt kommen sie nach Schwaben. Ein Herzog Hermann vertritt die deutsche Kriegstüchtigkeit und setzt sie in Verwunderung durch seine Rüstung, in den äußersten Schrecken durch Abfeuerung einer Flinte: sie halten ihn für Jupiter und erfahren zu ihrem Erstaunen, daß die Deutschen das Pulver erfunden. Der Vertreter deutscher Geistesbildung ist der Poet Eobanus Hessus, durch dessen Maske man F. selbst erblickt, der in seiner Noth zu dem Kaiser (Cäsar) als Schirmherrn durchdringen will: die deutsche Kaiserherrlichkeit und wie der deutsche Cäsar sich zu dem alten Julius verhält, muß diesem erst klar gemacht werden. Dem Cicero imponirt Eobanus durch lateinische Verse, Papier und Buchdruckerkunst, welche der Deutsche Faustus erfunden habe. Hermann führt den Cäsar in ein Zeughaus, Eobanus den Cicero in eine Druckerei, wo er im Fluge alle möglichen neulateinischen Schriftsteller deutscher Nation kennen lernt und ihnen das glänzendste Zeugniß ausstellt. Ein savoyischer Krämer und ein italienischer Kaminfeger spielen daneben als Repräsentanten der romanischen Nationen eine sehr traurige Rolle: der erstere ist ein Betrüger, feig, lügnerisch, ein Mädchenjäger; der letztere ist hauptsächlich durch seine Muttersprache, die als verderbtes Latein erscheint, und durch seine niedrige Beschäftigung geschändet. Die plumpe Prahlerei, welche darin liegt, Deutschland in aller seiner Pracht auftreten zu lassen und die Romanen so in den Schatten zu stellen, war ganz im Geschmacke der Zeit; F. selbst hat sich mit seinem Gewissen durch ein Compliment des Eobanus an einige italienische Gelehrte abgefunden. Cäsar und Cicero treten nur in den drei ersten Acten auf, und die Gespräche, die sie führen, enthalten viele prosaisch-didaktischen Elemente zur Belehrung [100] des Publicums über Wohnsitze und Sitten der alten Deutschen und ihrer Nachbarvölker; auch Pulver- und Papierfabrication, sowie das typographische Verfahren werden ausführlich beschrieben. Im vierten Acte will Herzog Hermann den welschen Krämer bestrafen lassen, indem er gegen den entnervenden Luxus donnert, aber er muß dem Mercurius zugestehen, daß die Entnervung vom Schlemmen und Saufen komme. Im fünften Acte erscheint Pluto auf der Oberwelt, um sich die beiden Römer zurückzuholen und trifft mit dem Kaminfeger zusammen, den er für seinen Bruder hält, der aber nichts von ihm wissen will. Auch hier tritt Mercurius beruhigend ein und versichert, er habe die Gesuchten bereits an ihren Ort befördert.

Die Schwächen des dramatischen Aufbaues verbergen sich schon bei dieser kurzen Analyse nicht. Von Charakteristik kann nur bei den komischen Figuren die Rede sein; die Wahrscheinlichkeit wird oft gröblich verletzt; auch in der Kunst das Gespräch zu führen und das Interesse zu steigern, läßt F. vieles zu wünschen: der Dialog ist oft zerhackt und wird durch das stehende Mittel kurzer, unterbrechender, Ungeduld erregender, zum Theil sehr überflüssiger Fragen über die Wirklichkeit hinaus lebhaft gemacht; auch ein anderes beliebtes Kunstmittel, daß im Anfang der Scenen die handelnden Personen einander nicht sehen und sich dann überrascht erkennen, wird bis zum Ueberdruß gebraucht. Es gibt Dichter neben F., welche ihn an dramatischer Technik übertreffen; aber er hat gute Gedanken, glückliche Erfindungen, entschiedenes komisches Talent; und sein Publicum hielt sich ohne Zweifel an den Stoff, es war noch gröbere Kost gewohnt und damit zufrieden.

Von sämmtlichen 12 bekannten und fertig gewordenen Dramen Frischlin’s führen 7 Frauennamen im Titel; 3 Komödien, die sich kurz hinter einander (1577 u. 1579) folgen, haben ungerechte Anklagen gegen Frauen oder Frauentreue zum Gegenstande: aber nirgends gelingt es dem Dichter, die Heldinnen interessant zu machen. Interessant sind in der Regel nur die Nebenfiguren, an denen sich seine komische Kraft bewährt. In der „Rebecca“ (aufgeführt am 1. Januar 1576, sechsmal ins Deutsche übersetzt) zeichnet sich der wilde Jäger Ismael aus, der mit Fluchen und Schelten die Bühne betritt, die Bauern schindet, große Gelage abhält und seinen Vater schmäht. Diesem Abbilde der rohesten Junker sind ein gleichgearteter Diener und ein aufschneiderischer Schmarotzer, Figuren des römischen Lustspiels, beigesellt: alle ohne inneren Zusammenhang mit der Haupthandlung des Stückes, der Werbungsfahrt von Abrahams Knecht Eleazar nach der schönen Rebecca. Ein verlorenes Drama, „Der Weingärtner“ (ebenfalls aus dem J. 1576), schildert die Klagen des Landvolkes über sein Missgeschick; auch darin gab es Sprachmengung und andere Komik. In der „Susanna“ (1577) richtet sich die eingeflochtene Satire gegen Advocaten und Wirthe. Der „Priscianus vapulans“ (1578) ist ganz und gar Satire und schildert die Qualen, welche der römische Grammatiker bei dem schlechten mittelalterlichen Latein empfindet, in dem derben Stile früherer dramatisirter Spottschriften des 16. Jahrhunderts, wie der gehobelte Eck u. ä. In der „Hildegardis magna“ (1579) finden wir eine Genovefen-artige Sage lustspielmäßig abgeschwächt; der Wüstling Talandus, der dem Golo entspricht und durch das höchst undramatische Wunder plötzlicher Erblindung bestraft wird, hat neben sich einen schmeichlerischen, kupplerischen Parasiten, der haufenweis Wortspiele von sich gibt. Die „Frau Wendelgard“ (gleichfalls 1579) zeigt uns das Motiv des todtgeglaubten, aber rückkehrenden Gemahls auch in abgeschwächter Form: sie ist nicht etwa versucht, von neuem zu heirathen, sondern lebt im Kloster und übt Werke der Barmherzigkeit; der Mann tritt ihr zuerst als Bettler entgegen, und die Landstreicher geben den Stoff der Satire. Das „Phasma“ (1580) ist dann wieder rein satirische Komödie; es athmet die äußerste Intoleranz vom Standpunkt der würtembergischen [101] Orthodoxie: Luther und Brenz sind die Helden; Zwingli, Karlstadt, Schwenkfeld und das ganze tridentinische Concil werden vom Teufel geholt.

Alle diese Stücke, von der Susanna bis zum Phasma, wurden vor dem Stuttgarter Hof in den Jahren 1576–80 aufgeführt, und dieselbe Ehre widerfuhr noch dem „Julius redivivus“ im J. 1585. Dagegen sind die Tragödien „Dido“ (1581) und „Venus“ (1584) reine Schulstücke ohne selbständigen Werth, bloße Dramatisirungen des 4. und 1. Buches der Aeneide. Ganz ebenso gründen sich die zu Braunschweig verfaßten „Helvetiogermani“ (1588) auf das erste Buch von Cäsars gallischem Krieg, doch ist die Trockenheit des historischen Berichtes unterbrochen durch unflätige Scenen, worin der Feigling Thrasymachus und die Suebin Thusnelda meretrix ausführliche Bekenntnisse über ihr Lasterleben ablegen und bald auch handgreifliche Proben davon liefern. Man hat deutlich das Gefühl gesunkener dichterischer und sittlicher Kraft.

F. verzichtete auf den Ruhm eines Dichters in der Muttersprache. Der Weingärtner, Frau Wendelgard. ein verlorener Graf von Gleichen, sind Ausnahmen. Aber in seinem letzten Lebensjahre, auf der Festung, entstanden noch deutsche Dramen. Der früher gefasste Plan eines „Terentius christianus“, den gleichzeitig der Holländer Schonäus ausführte, trat wieder hervor. Das Scenarium zu drei Komödien von Joseph in Aegypten (entsprechend dem Eunuchus, den Adelphi, dem Heautontimorumenos) wurde entworfen; eine Ruth (entsprechend der Hecyra) und eine Hochzeit zu Kana vollendet. Im Joseph sollte Satire oder Posse nur ganz mäßig vorkommen; in der Ruth gaben die Schnitter, in der Hochzeit zu Kana das Küchen- und Kellerpersonal dazu Anlaß.

Drei große Tendenzen des 16. Jahrhunderts sind: das richtige Latein, der richtige Glaube, die Ehre des Vaterlandes. Diese drei Tendenzen hat F. symbolisch verherrlicht im Priscian, im Phasma, im Julius: im Priscian wird Melanchthon als Grammatiker, im Phasma Luther als Reformator, im Julius das deutsche Volk selbst als Träger der Macht und des Fortschritts gefeiert. Eine andere große Tendenz des 16. Jahrhunderts ist die Reinheit des Familienlebens: für christliche Brautwerbung und Hochzeit gewährte die Rebecca, für die christliche Ehe Susanna den typischen Stoff. Beide hat F. behandelt und der Susanna noch zwei andere Stücke verwandten Inhalts aus deutscher Sage beigesellt. So vereinfachen sich die sittlichen Ideale, von denen Frischlin’s dramatische Dichtung bewegt wird. Sie hängen mit den höchsten Bestrebungen der Epoche zusammen. Sie sind der Ausfluß einer gesammelten Zeit, welche rückblickend ihren eigenen Werth begriff. Wir dürfen sie als ein Denkmal des 30jährigen Friedens nach 1555 betrachten.

Zum Drama geht Frischlin’s natürliche Neigung. Auf der Festung verlangen seine Peiniger ganz andere Arbeiten von ihm; aber er bittet, Schauspiele verfassen zu dürfen, das wollte er auch in seinem bitteren Elend noch am liebsten.

Fast alle seine übrigen Schriften, poetische wie prosaische, verdanken äußeren Anlässen ihre Entstehung. Höchstens daß ihn der Ehrgeiz trieb, nicht blos der christliche Terenz, sondern auch der christliche Virgil zu werden. Aber sein Gedicht von der Geburt Christi („De natali Jesu Christi“, entstanden im Winter 1580 auf 81) oder seine „Hebraeis“ (die israelitische Königsgeschichte in Hexametern, 1590) kommen in ihrer Art den Dramen entfernt nicht gleich, und das umfassende Hebräerepos ist überdies auch nicht spontan, sondern auf Wunsch des Landgrafen Wilhelm von Hessen entstanden.

Blicken wir den umfänglichen Octavband durch, der Frischlin’s lyrische Gedichte enthält („Operum poeticorum Nicodemi F. pars elegiaca“ 1601): wir finden 22 Bücher Elegien, 3 Bücher Oden und 1 Buch Anagramme. Aber der Inhalt ist von erschreckender Einförmigkeit: Gebete, Psalmen, theologische Streitgedichte, Beschreibungen des Tübinger Stifts und der [102] würtembergischen Klöster, Betrachtungen über einen neuerschienenen Stern, zahllose Gedichte an und für Personen bei Hochzeiten und Todesfällen, bei fürstlichen Einzügen, bei Promotionen, beim Abschied, zu Lob, Dank oder Bitte, seltener über Bücher, ein Gedicht über die vier Monarchien, eine Allegorie übe die Trunkenheit, Beschreibung eines verheerenden Gewitters etc. Kein Liebesgedicht: etwa könnte der poetische Werbungsbrief Herzog Ludwigs von Würtemberg und die Antwort der Braut dafür gelten; es fehlt darin nicht an liebenswürdigen und anmuthigen Motiven, aber die prosaische Schwerfälligkeit überwiegt. Den beiden Hochzeiten seines Fürsten, die er beide beschrieb, hat er merkwürdig viel abgewonnen. Aber was für Stoffe, um daran sein Bestes zu thun!

Die Mehrzahl der Gedichte enthalten Thatsachen und Reflexionen; Empfindungen und Bilder sind dünn gesät. Gelegentliche Späße, wie die beliebte Verwendung des Echos (z. B. „Estne Satanae Filius Jesiuta? ita!“), gelingen am besten.

Es folgt aus dem Charakter der damaligen würtembergischen Bildung, daß F. mehr als einmal Gelegenheit fand und sie ergreifen mußte, sich als strenggläubiger Lutheraner zu bewähren. Gleich sein erstes größeres Werk, die acht Satiren gegen Jakob Rabus (1567 oder 68), sollen ein Bekehrungswerk der Jesuiten an dem Bekehrten rächen. Trotzdem zog sich F. den Verdacht zu, nicht unbedingt fest zu seiner Confession zu stehen. Da er sich zurückgesetzt fühlte und um jeden Preis vorwärts wollte, so nahm er Rücksichten, bequemte sich an und sprach, wo es ihm Vortheil bringen konnte, von dem friedlichen Boden der Wissenschaft und Dichtung. Eine Berufung nach dem katholischen Freiburg scheiterte 1579 nur an der entschiedenen Weigerung seiner Frau. Er suchte diese Schwankung nach rechts, wie es scheint, durch verdoppelten orthodoxen Eifer gut zu machen. Er gab seine gewandte lateinische Feder wiederholt in den Dienst von würtembergischen Kirchenhäuptern. Dem Abte von Maulbronn latinisirte er, obgleich mit Widerstreben, ein sonderbares Werk, worin ein ideales Concil als Gegenbild des tridentinischen beschrieben wurde. Dem Hofprediger Osiander latinisirte er zwei Schriften gegen den Straßburger Johannes Sturm in dessen Streit mit Pappus. Ja gegen den reformirten Theologen Lambert Danäus, der für Sturm eingetreten war, schrieb er selbst pro Luca Osiandro, und wies dessen Antwort mit ergötzlicher Persifflage zurück (1580 oder 81). Und in dieselbe Zeit fällt die intolerante Komödie Phasma. Aehnlich hat er sich später in Braunschweig, aus Gefälligkeit gegen den theologischen Protector, mit auflodernder Kampflust in die kryptocalvinistischen Händel eingemischt und durch lateinische wie deutsche Verse neuen Haß auf sich gezogen.

Auch Frischlin’s Lehrthätigkeit gab selbstverständlich Anregung zu vielfacher litterarischer Production. Seine Tübinger Antrittsrede über die Würde und den Nutzen der Poesie hat er in Hexametern gehalten; seine Antrittsreden zu Wittenberg und Braunschweig behandeln mehr praktische Fragen in rhetorischer Prosa. Seine Rede „De praestantia et dignitate Virgilii Aeneidos“, seine Prolegomena zur Aeneis, seine Paraphrasen des Virgil, Horaz, Persius geben einen Begriff von der Art, wie er die lateinischen Dichter dem Verständniß seiner Zuhörer nahe zu bringen, wie er daran sachlich und formell, zur Verbreitung von antiquarischen Kenntnissen und von gutem poetischen Stil zu wirken suchte, ja wie ihn auch auf die Lehrkanzel der Poesie das Zeitbedürfniß theologischer Polemik verfolgte: in der Aeneide findet er den Katholicismus wieder, die Todtenfeier des Anchises sei eine Seelenmesse, Polyphem sei das Ebenbild des Papstes u. dgl. Auch Frischlin’s Vorlesungen über Astronomie sind uns ihrem wesentlichen Gehalte nach in einem Buche („De astronomicae artis cum doctrina coelesti et naturali philosophia congruentia“, 1586) erhalten: es ist mehr philologisch als mathematisch-astronomisch, beruft sich auf Autoritäten statt auf Beobachtungen, erklärt [103] das copernicanische System für eine falsche Hypothese, bekämpft aber den astrologischen Aberglauben und wagt es, für die unter den Protestanten so verpönte Gregorianische Kalenderreform Partei zu nehmen.

Aber alle Paraphrasen lateinischer Dichter, alle Uebersetzungen der Griechen (Aristophanes, Kallimachus), aller astronomische Dilettantismus würde nicht ausreichen, um F. eine Stelle in der Geschichte der Wissenschaft zu verschaffen. Sie wird ihm nur durch seine lateinische Grammatik mit all den Begründungs- und Streitschriften, die daran hängen, gesichert. Er ist freilich nicht der Entdecker großer Wahrheiten; er hat nur für das von anderen Gefundene tapfer gekämpft. Zuerst erschienen „Quaestionum grammaticarum libri VIII“, Venedig bei Aldus Manutius 1584, umgearbeitet zur „Grammatice latina“, Tübingen 1585; dazu kamen „Grammatice graecae cum latina vere congruentis pars I.“ 1589, II. 1590 und für den Wortschatz „Nomenclator trilinguis graeco-latino-germanicus“, 1586. Die Polemik gegen das Veraltete beginnt, gleichzeitig mit dem Erscheinen der Quaest. gramm., in der „Grammatica strigilis“, 1584; es folgen, gegen Crusius, „Pro sua grammatica et strigili dialogi III“ (1586), der „Poppysmus“ (zwei Dialoge 1587, der dritte posthum 1596) und „Celetismus grammaticus“ (1588): die schlechten Grammatiker sind ihm alte dürre Gäule, die durch Striegeln gereinigt, durch Schmatzen besänftigt und endlich zum Rennen gebracht werden müssen.

Die lateinische Grammatik ist das bedeutendste unter den zahlreichen Lehrbüchern, zu deren Abfassung sich F. durch die Schulämter in Laibach und Braunschweig veranlaßt sah. Er wurde hier durch seinen Eifer für die Sache in einen Gegensatz gegen Melanchthon getrieben, zu dessen Ruhm als Praeceptor Germaniae er früher den Priscianus vapulans gedichtet hatte.

Die Lehrbücher der lateinischen Sprache hatten seit Melanchthon keine Fortschritte gemacht, sie waren voll von Fehlern in den Thatsachen, voll von Verkehrtheiten in der Auffassung, von Lächerlichkeiten in den Paradigmen. Er hatte nicht ganz unrecht von einem Augiasstall zu reden. Eigene Lectüre und ein auswärtiger Philolog halfen ihm zur richtigen Einsicht. In Laibach lernte er Scaliger’s Werk De causis linguae latinae kennen, und der Verfasser erschien ihm wie der größte Gelehrte seit Aristoteles. Frischlin’s Verdienst ist es, Scaliger’s neuen Erkenntnissen den Weg in die deutsche Schule gebahnt zu haben; er handelte dabei zugleich im Sinne des Princips, das seit dem 15. Jahrhundert die Wissenschaft beherrschte und in der Theologie so tiefe Umwälzungen bewirkte: des Zurückgehens auf die echten Quellen. F. selbst war sich dessen wohlbewußt: „Weißt du nicht – ruft er seinem Gegner zu – was deine Theologen sagen? Text her! Text her! Text her! So sage ich in der Grammatik zu dir und deinesgleichen: ihr Gesellen, Exempel her! Exempel her! Exempel her! Denn bei mir gilt Priscian’s Autorität, wenn sie dem Sprachgebrauche classischer Schriftsteller widerstreitet, nicht mehr als bei deinen Theologen die Autorität Augustins, wenn sie ihnen mit der heiligen Schrift zu streiten scheint“.

Insofern F. die aufgeschreckte Trägheit, die an überlieferten Autoritäten sclavisch haftet; insofern er die in ihren persönlichen Interessen bedrohte Gemeinheit der Concurrenten, eines Crusius, Wacker und ihrer Sippschaft, sich zu Feinden machte und dadurch seinen Sturz beschleunigte; insofern darf er, wie klein auch an sich die Gegenstände gewesen sein mögen, für die er litt, als ein Märtyrer angesehen werden für die Freiheit der fortschreitenden Wissenschaft.

Seinen Zeitgenossen erschien er wol nicht in diesem Lichte, ihnen war er vor allem der elegante Lateiner, der geläufige Versificator, der gewandte Rhetor. Und in der That, groß war die Herrschaft, welche er über die Sprache der alten Poeten und Prosaiker ausübte. Im mündlichen und schriftlichen [104] Gebrauche hatte er sich eine fabelhafte Leichtigkeit angeeignet, welche, getragen durch seine natürliche Lebhaftigkeit, wohl imponirend wirken konnte. Aber, wie es einmal in der Art des 16. Jahrhunderts liegt, alle stilistische Originalität ist unwillkürlich; das bewusste Ziel ist Nachahmung: in der Prosa des Cicero, in Elegien des Ovid, im Epos des Virgil, in der Komödie des Plautus und Terenz. Entlehnungen solcher Art lassen sich massenhaft bei F. aufweisen. Er wird dadurch, nach dem Urtheile der Zeit, nicht verkleinert. Stellt er doch selbst, wie Johannes Sturm, wie die Jesuiten, die Nachahmung der Alten als die höchste Kunst des Schriftstellers hin: „Nam in hac re omnis virtus oratoris perfecti consistit, ut apte possit verba et phrasin veterum auctorum imitari“.

F. preist gerne die Unvergänglichkeit des Genies. Ihm ist sie zu Theil geworden. Die humanistische Bewunderung seines Talents hat bis ins vorige Jahrhundert herein gedauert. Später haben landsmannschaftlicher und litterarhistorischer Antheil sein Bild unter uns neu belebt.

Biographen: C. H. Langius (Jenae 1725; Brunsv. et Lips. 1725); Conz (Frankf. und Leipz. 1791; Königsb. 1792); Zacher bei Ersch-Gruber I. 50. S. 225–244 (wo Verzeichniß der Schriften); D. Fr. Strauß (Frankf. 1856), vgl. Kl. Schriften (1862) S. 420–426. Ueber Frischlin als Dramatiker K. Th. Pabst, Progr., Arnstadt 1851. Uebersetzungen der Dramen ins Deutsche s. bei Goedeke S. 322 f. (hinzukommt die Rebecca, übersetzt durch vier Straßburger Studenten 1608); moderne Bearbeitung des Phasma „Die Religionsschwärmer“ von I. Hoch (Stuttg. 1839). Deutsche Dichtungen von Nic. F., herausg. von D. F. Strauß (Stuttg. 1857); dazu Anz. für Kunde d. d. Vorzeit 1861, Sp. 348 ff. Vgl. noch J. J. Moser, Würtemb. Bibl. (1776) S. 291.

[Zusätze und Berichtigungen]

  1. S. 97. Z. 1 v. o.: Frischlin ist in Erzingen bei Balingen geboren. (Vgl. Beschreibung des O. A. Balingen.) [Bd. 12, S. 795]