ADB:Heusinger, Johann Heinrich Gottlieb

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Artikel „Heusinger, Joh. Heinrich Gottlieb“ von Carl von Prantl in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 12 (1880), S. 335–336, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Heusinger,_Johann_Heinrich_Gottlieb&oldid=- (Version vom 19. Juli 2019, 19:22 Uhr UTC)
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Heusinger: Joh. Heinrich Gottlieb H., geb. am 1. August 1766 in Römhild bei Meiningen, gest. in Dresden am 13. April 1837, Sohn eines Diaconus, besuchte die Studienanstalten in Meiningen und Koburg, und bezog 1787 die Universität Jena, wo er zunächst Theologie, bald aber ausschließlich Philosophie studirte. Nachdem er 1789 eine Hauslehrerstelle in Ronneburg bei Gera übernommen und hierauf seit 1793 in Dresden als Privatlehrer gelebt hatte, habilitirte er sich 1795 als Docent an der Universität Jena, wo er mit Erfolg die Philosophie Kant’s vertrat, gab jedoch im Herbst 1797 diese Stellung wieder auf, um sich in Eisenach an dem von Chr. K. André geleiteten Erziehungsinstitute zu betheiligen, und siedelte schließlich 1798 nach Dresden um, wo er zunächst wieder in Privatkreisen als Erzieher wirkte und auch mehrfach Vorlesungen vor gebildetem Publikum hielt, aber nach einigen Jahren (abgesehen von der vorübergehenden Function eines Bücherauctionators) im J. 1807 eine Anstellung als Lehrer am Cadettencorps, hierauf 1808 an der Pagerie und zuletzt 1810 an der Militärakademie fand, wo ihm die Fächer der Geschichte, der Geographie, der deutschen Sprache und der Encyclopädie übertragen waren. Im J. 1831 trat er in den erbetenen Ruhestand. – Seine schriftstellerische Thätigkeit lag anfänglich auf dem Gebiete der Pädagogik, in welchem er ähnlich wie Kant sich grundsätzlich auf dem an Rousseau anknüpfenden Standpunkte Basedow’s, Campe’s und Salzmann’s bewegte. Schon 1790 hatte er gemeinschaftlich mit dem genannten André veröffentlicht „Ulrich Flaming, ein Lesebuch“, es folgten dann „Gutwill’s Spaziergänge“ (1792), „Beiträge zur Berichtigung einiger Begriffe über Erziehung“ (1794), „Versuch eines Lehrbuches der Erziehungskunst“ (1794), „Rousseau’s Glaubenskenntniß“ (1796), „Ueber den Beschäftigungstrieb der Kinder“ (1797) und hierauf das Hauptwerk „Die [336] Familie Wertheim“ (5 Bände, 1798 ff.). Bald aber waren daneben auch philosophische Leistungen getreten; es erschien nämlich seine „Encyklopädie der Philosophie“ (2 Bde., 1796), welche in Briefform eine geschmackvolle Darstellung der Grundsätze Kant’s enthält, indem nach Vorausschickung einer mehr Wolffisch gefärbten Psychologie der hauptsächliche Inhalt der Kritik der reinen Vernunft und der Kritik der praktischen Vernunft, sowie der Rechtslehre und der Religionslehre entwickelt wird. Den hiebei noch übrig bleibenden dritten Haupttheil der Kant’schen Philosophie bearbeitete er in einem „Handbuch der Aesthetik“ (2 Bde. 1797 und 1800), wobei er Kant’s Auffassung des Schönen und des Erhabenen durch die einzelnen Künste durchzuführen versuchte. Nachdem Fichte seine bekannte Appellation veröffentlicht hatte, schloß sich auch H. den Gegnern desselben an durch seine Schrift „Ueber das idealistisch-atheistische System des Professor Fichte“ (1799) und „Antwort auf Fichte’s Erwiderung“ (1800), indem er theils auf Kant’schem theils auf aufklärerischem Boden stehend eine wortspaltende Kritik an Fichte’s Wissenschaftslehre übte. Noch in seinen letzten Lebensjahren kam er auf die für ihn ursprünglich entscheidenden zwei Denker zurück, indem er in „Besuche bei Todten und Lebenden“ (1834) außer einer Erörterung der psychologischen Probleme, welche durch die Auffindung Kaspar Hauser’s hervorgerufen waren, eine in warmer Hingabe geschriebene Darstellung der Verdienste Rousseau’s und Kant’s gab. Auch für Philosophie der Mathematik darf er nicht völlig unbeachtet bleiben, insofern er in seiner letzten Schrift „Die Grundlehren der Größenkunst“ (1835) neben dem didaktischen Zwecke eines Compendiums der Mathematik auch speculative Grundsätze betreffs der Bedeutung des Zeitbegriffes in der Lehre von den variablen Größen entwickelt. Außerdem hatte er in praktischer Lehrtendenz einen „Handatlas“ (1810), eine „Geschichte der Europäer“ (1825), eine „Elementar-Geographie des Erdbodens“ (1826), sowie in der „Historischen Taschenbibliothek“ (1826) eine Uebersetzung von Bodin’s Geschichte Englands und von St. Maurice’s Geschichte der Kreuzzüge und eine neue Auflage von Wenzel’s Bildungsbuch (1834) veröffentlicht.

Neuer Nekrolog. Jahrg. 1837, S. 432 ff.