ADB:Hurter, Friedrich von

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Artikel „Hurter, Friedrich Emanuel von“ von Franz Xaver von Wegele in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 13 (1881), S. 431–444, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Hurter,_Friedrich_von&oldid=- (Version vom 23. September 2019, 06:02 Uhr UTC)
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Hurter: Friedrich Emanuel v. H., geb. den 19. März 1787 zu Schaffhausen, † den 27. August 1865 zu Graz. Sein Vater David H., einem seit langer Zeit in Schaffhausen einheimischen patrizischen Geschlechte entstammt, hatte mehrere Jahre hindurch das Amt eines Landvogtes im damaligen eidgenössischen Unterthanenlande Tessin bekleidet und nach seiner Rückkehr in die Vaterstadt zugleich mit der ererbten Buchdruckerei die Leitung der „Schaffhauser Zeitung“, oder, wie sie später hieß, des „Allgemeinen schweizerischen Correspondenten“ übernommen. Der junge H., von Anfang an unter die strenge Zucht des elterlichen Hauses gestellt, wuchs in ausschließlich conservativen Anschauungen heran, die, von seinem Vater nachdrücklich vertreten, von des Sohnes gleich gestimmter Natur mit Begierde aufgenommen und mit Zähigkeit festgehalten wurden. Von diesem einseitigen Standpunkte aus ließ er die ersten Eindrücke so großer Ereignisse, wie die französische Revolution war, schon als zarter Knabe auf sich wirken. Mit einer starken Dosis Eigensinn ausgerüstet, war er daher auch sein ganzes übriges Leben hindurch niemals im Stande, jene weltumgestaltenden Vorgänge in unparteiischem und verständigem Sinne zu beurtheilen. In gleicher einseitiger Weise, aber bald selbständiger, trat er den Einwirkungen und Umgestaltungen gegenüber, welche die französische Revolution zunächst für sein Vaterland und seine Vaterstadt und nebenher für das benachbarte deutsche Reich im Gefolge hatte. Er gewöhnte sich mit seltener Hartnäckigkeit frühe alles Bestehende für gut zu finden, weil es bestand, auch wenn es nicht mehr oder vielleicht niemals gut gewesen war. So legte sich bei ihm der Grund zu jenem sogenannten Rechtsstandpunkt, der, an sich ehrenwerth, ihn doch zu einer unfruchtbaren Einseitigkeit verurtheilte und in einen Gegensatz auch zu den vernünftigen Forderungen der fortschreitenden Zeit versetzte, welchem er eine immerhin nicht gewöhnliche Kraft preisgab. Der Drang, in die öffentlichen Dinge in seinem Sinne einzugreifen, ist bei Zeiten in H. durchgebrochen; das erwachende Gefühl seiner Kraft hat ohne Zweifel schon in jungen Jahren ihm einen größeren und anderen Wirkungskreis vorhergesagt, als ihm der enge Kreis seiner Vaterstadt bieten konnte. An geistigen Gaben fehlte es ihm nicht, wenn sie auch unter der Obmacht seiner einseitigen Charakteranlagen allmählich verkümmert und erstarrt sind. Schon früh besuchte er das Gymnasium und Lyceum von Schaffhausen und bezog dann im Herbste 1804 die Universität Göttingen, um Theologie zu studiren. H. war in der helvetischen Confession, aber zugleich unter dem Einflusse seines elterlichen Hauses in streng positiver Richtung erzogen, die mit der ihm angeborenen Grundstimmung seines Wesens in demselben Maße im Einklange, als mit der herrschenden, dem Rationalismus zugeneigten protestantischen Theologie im Widerspruche stand. Daß eine überwältigende Vorliebe ihn gerade an diesen [432] Beruf gewiesen, möchten wir nicht behaupten; war es ja doch auch nicht sein freier Wille, daß er bald in die praktische theologische Laufbahn eintreten mußte, die ihn dann beinahe ein Menschenalter lang festgehalten hat; der Wunsch der Eltern und der Einfluß mehr äußerer Umstände scheint für diese Wahl gesprochen zu haben. So kam es, daß die theologischen Berühmtheiten des damaligen Göttingen, Eichhorn, Stäudlin, Planck ihn in keiner Weise anzuziehen oder gar zu fesseln vermochten; Heyne war überhaupt der einzige von allen Professoren, der Eindruck auf ihn machte und welchem er vergleichungsweise näher trat und dessen philologisches Seminar er besuchte. Historische Studien, für welche seine Vorliebe früh erweckt war, beschäftigten ihn gerade in dieser Zeit lebhaft; er arbeitete bereits an seiner Geschichte König Theoderichs, aber von einem Verkehr mit den damaligen Vertretern der historischen Wissenschaften in Göttingen, dem alten Gatterer oder Schlözer, dem jungen Sartorius oder Heeren, bekommen wir nichts zu hören. Die politisch-kriegerischen Ereignisse dieser Jahre verfolgte H. mit Aufmerksamkeit, und es ist charakteristisch, daß er schon jetzt ebenso warme Sympathien für Oesterreich und das Haus Habsburg als lebhafte Abneigung gegen den preußischen Staat und seine Dynastie bekundet.

Mit dem Winterhalbjahr 1806 ging sein Göttinger Aufenthalt zu Ende. Die Aussicht in die praktische Laufbahn eintreten und sich dem Beruf eines Landpfarrers unterwerfen zu müssen, stieß ihn nach wie vor ab. Seine Wünsche gingen doch auf eine gelehrte Stellung, sei es als Professor der Geschichte an irgend einer Universität, und wäre es Moskau oder Dorpat, oder doch als Bibliothekar, für welch’ letztere Eventualität er schon jetzt am liebsten an Wien oder München dachte. Ja sogar in Paris oder – Rom meint er, könne er vielleicht sein Glück machen. Selbst die untergeordnete Beschäftigung an der Schaffhauser Zeitung war er bereit, fürs erste der Verweisung auf eine einsame Dorfpfarre vorzuziehen. Aber gerade dieses Loos war ihm zunächst bestimmt, und man fühlt sich versucht zu vermuthen, daß dasselbe, wie er von seiner Denkungsweise aus ja selbst auch befürchtete, auf seine fernere Entwickelung nicht am günstigsten eingewirkt und ihn in seiner bereits vorhandenen Einseitigkeit verhärtet hat. Nach einem bei Verwandten in Holland abgestatteten Besuche trat H. die Rückreise an, die ihn nach St. Blasien führte, wo der Vater eines seiner Göttinger Freunde, Ittner, gerade im Begriff war, die reiche und berühmte Abtei für den Großherzog von Baden in Besitz zu nehmen. Wir erwähnen diesen Besuch nicht ohne Grund. Hier trat nämlich H. der katholische Cultus, wenn nicht sogar der Katholicisms, zum ersten Male unter besonders imponirenden Umständen mit einer Macht entgegen, der er sich nicht entziehen konnte. Seine wenn auch noch latente innere Geistesverwandtschaft mit demselben regte sich vernehmlich und man muß sich wundern, daß er den ihn damals umstrickenden Eindrücken nicht gleich nachhaltiger nachgegeben hat. Er hätte dadurch sich und anderen viele Schwierigkeiten erspart.

Die auffallende innere Unklarheit Hurter’s über diese Frage, die weiterhin doch eine Lebensfrage für ihn geworden ist, würde bei einem Laien entfernt nicht die verhängnißvolle Bedeutung gewonnen haben, wie bei einem Manne seiner Lage, der, wenn auch nicht ohne inneres Widerstreben, eben jetzt im Begriffe war sich dem Dienste der ihm angeborenen Kirche zu widmen. In seine Vaterstadt zurückgekehrt, sah H. keine andere Wahl vor sich, als seine erwähnten höher fliegenden Wünsche vorläufig fallen zu lassen und sich der theologischen Prüfung zu unterziehen, die er trotz der diesen Studien bewiesenen Gleichgültigkeit mit Auszeichnung bestand. Zu gleicher Zeit ließ er das erste Bändchen seiner Geschichte König Theoderich’s erscheinen, dem das Jahr darauf das zweite folgte, während das dritte unvollendet blieb. Schon das erste Bändchen hatte ihm die [433] Anerkennung seines berühmten Landsmannes Johannes v. Müller eingetragen, der freilich, wie bekannt, mit ermunterndem Lob zumal jüngeren Talenten gegenüber nie zu geizen pflegte; Müller mag H. überhaupt als Muster vorgeschwebt haben, und gewiß ist, daß er, als derselbe durch Napoleons Laune auf jenen hohen Posten am Hofe Jérôme’s gestellt wurde, von dessen Gunst und Einfluß eine günstige Wendung in seiner Laufbahn erhoffte, wie sie seinen Neigungen und Fähigkeiten mehr entsprach: eine Hoffnung, die freilich mit Müller selbst bald genug zu Grabe getragen worden ist. Daß es übrigens in Hurter’s Ideenwelt damals doch noch einigermaßen gährte, dürfte aus der Vorrede zum ersten Bändchen seines Jugendwerkes mit Grund geschlossen werden; die Arbeit selbst, auf ihren wahren Werth zurückgeführt, kann nur als ein tastender Versuch auf dem historischen Gebiete betrachtet werden, der hinter der Größe der Aufgabe weit genug zurückblieb und auf die späteren Behandlungen dieses Gegenstandes keinen sichtlichen und fördernden Einfluß ausgeübt hat.

Mittlerweile hatte den nicht viel über 20 Jahre alten H. bereits das Loos getroffen, dem er vergeblich zu entrinnen gedacht hatte, und war ihm (1808) die Pfarrei Beggingen im Klettgau übertragen worden, die er zwei Jahre später mit der von Löhningen, die in nächster Nähe von Schaffhausen lag, vertauscht hat. In dieser hat er aber bis zum J. 1824 aushalten, also im Ganzen 16 Jahre seines Lebens in der bescheidenen Stellung eines Landpfarrers zubringen müssen. Gleichwol sind diese Jahre für ihn in allen Richtungen entscheidend geworden. Daß er auch innerhalb des geistlichen Berufes früh sich ein höheres Ziel gesetzt hat und nicht als Landpfarrer sterben wollte, ließ sich nicht anders erwarten und war nach Lage der Dinge auch nicht unbillig. Er nahm innerhalb dieser Grenzen sofort die Position ein, zu der ihn seine eigenste Natur drängte. Einerseits arbeitete er im Dienste strenger Orthodoxie und trat überall den Erscheinungen des Rationalismus entgegen, andererseits setzte er seine ganze Kraft für die Erhaltung des alten Kirchenwesens und die Hebung der Stellung des geistlichen Standes ein. Die hierarchische Ader, die ihm üppig schlug, kam bei diesen Bestrebungen zur Geltung, und diese hierarchischen Bestrebungen standen wieder im engsten Zusammenhang mit seiner politischen Grundanschauung, die er selbst und seine Anhänger als eine specifisch erhaltende, mit aristokratischen Neigungen versetzte bezeichnet haben. Und in der That bildet dieser sogenannte conservative Grundzug den Mittelpunkt seines Wesens und lassen sich zugleich seine langsam hervortretenden katholisirenden Tendenzen am treffendsten daraus erklären: man kann vielleicht geradezu behaupten, erst seine politische Grundstimmung hat ihn zuletzt in die Arme des Katholicismus geführt, denn wäre das religiöse Bedürfniß das maßgebende gewesen, so hätte der Uebertritt viel früher geschehen müssen. Von selbst versteht es sich so, wie mächtig H. sich zu einem Manne wie K. L. v. Haller hingezogen fühlte, eine Sympathie, die allmählich in die engste Freundschaft überging; nicht minder begreift es sich so, daß er die Restauration in der Schweiz mit der höchsten Genugthuung begrüßte. Seine publicistische Thätigkeit in diesen Jahren, die sich auf die Mitarbeiterschaft an dem „A. Schweizerischen Correspondenten“ concentrirte, bewegte sich in der angedeuteten Richtung; gerade auch Fragen, welche die unabhängige Lage der katholischen Kirche, bez. deren Ansprüche auf eine solche betreffen, hat er in jenem Blatte als ein beredter Anwalt derselben schon in diesen Jahren verfochten.

Das J. 1824 brachte ihm endlich die Erlösung aus seinem untergeordneten ländlichen Amte und führte ihn in seine Vaterstadt zurück. Am 5. Septbr. d. J. wurde er zum Triumvir, d. h. zum zweiten Vorstand der Geistlichkeit des Kantons gewählt; als solcher war er der Coadjutor des Antistes und hatte dem Herkommen nach die sichere Aussicht eventuell der Amtsnachfolger desselben zu [434] werden. Er verdankte offenbar seinem bisherigen Auftreten diese Beförderung, die zwar, und aus demselben Grunde, nicht ohne wenn auch erfolglosen Widerspruch geblieben ist. H. gesteht übrigens selbst, daß er diese Stellung vorzugsweise darum gewünscht, weil er in sich die Kraft fühlte, mit ihr und durch sie mit größerem Erfolge als mancher Andere für die Hebung des geistlichen Standes und die Befreiung desselben von dem seiner Meinung nach auf ihm lastenden unbilligen Joche der weltlichen Gewalt zu wirken. Nach diesem Grundsatz hat sich denn auch seine neue Amtsthätigkeit gestaltet und hat er nicht gezagt, seinen sogenannten conservativen Ueberzeugungen gemäß, wenn es darauf ankam, auch neuernd, ja angreifend vorzugehen. Er arbeitete mit Nachdruck für eine an sich höchst nöthige Umgestaltung des Gymnasiums, aber zugleich in der Art, daß die leitende Oberaufsicht der geistlichen Gewalt, und zwar zunächst in seiner Person, zufiel. So bot er, und zwar nicht vergeblich, seinen ganzen Einfluß auf, um die Verdrängung des Heidelberger Katechismus durch einen von freierer Fassung zu verhindern. Nicht anders war seine Haltung in anderen näher oder ferner liegenden Fragen. Als im J. 1825 in Schaffhausen die Revision der Kantonsverfassung betrieben wurde – eine offenbar nicht unverständige Forderung – trat er diesem Verlangen mit allen Kräften entgegen, weil es ein Rütteln am Bestehenden war. Dem griechischen Freiheitskampfe hatte er anfänglich seine Sympathie zugewendet, bald aber ließ er sich hierüber von seinem Vater eines besseren belehren und erblickte zuletzt darin weiter nichts mehr als eine Erscheinungsform des überall offen oder verborgen wühlenden revolutionären Geistes. Unter diesen Umständen ergibt sich von selbst, welche Stellung er zu der Julirevolution des J. 1830 und ihren Rückwirkungen auf das übrige Europa und speziell auf die Schweiz nahm. Er sah sich durch sie mit seinem sogenannten conservativen System den Boden unter den Füßen hinweggezogen. Daß das legitime Europa den Sturz der Restauration in Frankreich ruhig geschehen ließ, ohne dazwischen zu fahren, hielt er für unverantwortlich: das Prinzip der „Nicht-Intervention“ in diesem Zusammenhange erschien ihm ein „satanisches“. Es ist kein Zweifel, die Julirevolution mit ihren Folgen hat auf die Steigerung seiner von Haus aus einseitigen Anschauungen fühlbar eingewirkt und ihn immer tiefer in die Sackgasse seiner starrsinnigen Grundsätze hineingetrieben, aus welcher er sich dann nicht mehr herauszuretten vermochte. Man kann aber ebensogut sagen, diesem ihm so antipathischen Ereignisse gegenüber hat sich sein wahres inneres Wesen, herausgefordert wie es sich hielt, erst recht entwickelt. Sein Verhältniß zu K. L. v. Haller wird erst jetzt recht warm und lebendig. Ueberhaupt tritt H. seit dieser Zeit zu seinen Gesinnungsgenossen in der Schweiz und bald auch außerhalb derselben in nähere Beziehungen und lebhaften Verkehr. Die politischen Veränderungen in einer Reihe von Kantonen erfüllten ihn mit ausgesprochenstem Widerwillen. Den verwandten Umgestaltungen in der Verfassung und den Verhältnissen des Kantons und der Stadt Schaffhausen widersetzte er sich nach Kräften, ohne das Verständige und Verkehrte zu sondern und zu unterscheiden, und manche Neuerung hat er doch nicht verhindern können. Dieses sein Auftreten hatte ihm nothwendig viele Gegner erweckt. So geschah es, daß, als im Januar 1833 die Stelle des Antistes erledigt wurde, man bei der Wiederbesetzung gegen das Herkommen den Triumvir überging und ihm einen hochbejahrten Landpfarrer vorzog. H. erblickte in dieser Thatsache allerdings eine kränkende Zurücksetzung, denn sein Selbstgefühl sagte ihm, daß er sich um die Kirche und Geistlichkeit des Kantons hinlänglich verdient gemacht habe, um auf jene höchste Stelle Anspruch machen zu dürfen. Er meinte sogar, daß die Stelle mehr seiner bedürfe als er der Stelle. Bei dieser seiner Umgehung mag, von politischer Gegnerschaft abgesehen, indeß doch auch schon ein gelinder Argwohn [435] gegen seine katholischen Verbindungen mit im Spiele gewesen sein, wenn diese auch nicht im ganzen Umfange schon bekannt sein konnten. In erster Linie waren es einige Klöster, wie Muri, Rheinau etc., zu denen er schon seit Jahren in nahe persönliche Beziehungen getreten war. Nicht blos seine litterarischen Interessen, sondern zugleich seine allgemeinen Ueberzeugungen hatten ihn auf diese Seite geführt. Schon im J. 1827 hatte er eine Schrift „Ueber innere Begründung der schweizerischen Benedictinerklöster. Sendschreiben an einen Ordensgeistlichen“ erscheinen kassen. Einerseits wollte er auf diesem Wege eine größere Sicherung des Bestandes dieser Institute, andererseits die Ermöglichung größerer wissenschaftlicher Unternehmungen herbeigeführt wissen. Durch eben diese Schrift ist H. auch zum ersten Male mit der päpstlichen Nuntiatur in der Schweiz und mittelbar mit dem päpstlichen Hofe selbst in nähere Berührung gekommen, die sich dann immer lebhafter und inniger gestaltet hat. Und als im J. 1834 der erste Band seiner „Geschichte des Papstes Innocenz III.“ an das Licht trat, richtete die ganze katholische Welt mit der gespanntesten Theilnahme ihr Auge auf den protestantischen Verfasser. Wie hoch man auch das wissenschaftliche Verdienst des Werkes anschlagen mag, gewiß bleibt es, daß der Erfolg desselben zum überwiegenden Theile der protestantischen Confession und der Stellung seines Urhebers innerhalb derselben zugeschrieben werden mußte und muß. Der Plan dieses Unternehmens war in H. schon vor zwei Jahrzehnten in der Einsamkeit seiner Dorfpfarre entstanden; die Neigung zu historiographischen Arbeiten war ja alt bei ihm, jedoch war es seit den beiden ersten Bändchen über König Theoderich bei wenigen unvollendeten Versuchen geblieben. Noch Johannes v. Müller hatte ihm die Geschichte und das Zeitalter der Staufer als Thema empfohlen, das aber ohne Zweifel in F. v. Raumer den geeigneteren Bearbeiter gefunden hat. Wenn sich H. dann für Innocenz bestimmte – allerdings ein großer Moment im staufischen Zeitalter –, so war es nicht ein Zufall, der ihn für diese Wahl entschied, sondern die innere Geistesverwandtschaft, der hierarchische, theokratische Grundzug seiner Seele, der ihn dabei bestimmte, so wenig man auch von der Genialität, die man dem Papste bereitwillig zugesteht, seinem Geschichtschreiber zugestehen könnte. Im Verlaufe von 10 Jahren sind die umfangreichen Bände des Werkes zu Tage gefördert worden: ein breiter Stoff ist in demselben bewältigt, an Arbeitskraft hat es H. überhaupt nicht gefehlt. Es war eine hingebende Verherrlichung des Mittelalters und der mittelalterlichen kirchlichen Ideen und Erfolge auf ihrem Höhepunkte, die in diesem Werke geboten wurde. H. war mit einem Schlag ein berühmter Mann, die ganze katholische Welt gerieth darüber in Bewegung, während von Seiten der Protestanten meist ein gedämpfterer Ton angeschlagen wurde. Meinte doch Hurter’s Freund, K. L. v. Haller, „in diesem Buche sei kein protestantisches Wörtlein enthalten und wenn Stolberg nach seinem Uebertritte zu sagen pflegte, er habe noch zu viel protestantisches Blut, so fließe in Hurter’s Adern wahrlich schon jetzt kein Tropfen mehr darin.“ Darauf allein kam es aber zunächst doch nicht an: man hätte in erster Linie vor Allem nach dem wissenschaftlichen Werthe des Werkes fragen sollen; aber weil die Parteien sich desselben bemächtigten, gelangte man selten zu einer ruhigen Beurtheilung desselben. Als es später geschah, war das Urtheil oft ein strenges, zum Theil abweisendes. Die angebliche Unbefangenheit des Autors ist allerdings eine Fiction; er pochte darauf mitten in der dargestellten Zeit seine Stellung zu nehmen, und eben darum vermochte er nicht sich über sie zu stellen; die Sichtung des massenhaften Stoffes reicht nicht immer aus, die aufeinander gehäuften Thatsachen vertragen, sowie sie vorgetragen werden, die kritische Prüfung gar zu häufig nicht, von einer geistvollen Durchdringung des Stoffes ist keine Rede, eine [436] künstlerische Behandlung des Gegenstandes trotz aller aufgewandten Ornamentik und Malerei läßt sich vermissen. Es weht uns aus den vier dicken Bänden ein Geist entgegen, der in eine von ihm keineswegs richtig verstandene und begriffene Epoche sich litterarisch geflüchtet hat, weil er sich in seiner eigenen Zeit unbehaglich fühlte und sein Verlangen nach einer, der starrsten Autorität preisgegebenen Weltordnung nicht erfüllt sah. Wenn man auf Seite der katholischen Welt schon nach dem Erscheinen der ersten Bände rühmte, daß der Verfasser demnächst in den Schooß der Mutterkirche zurückkehren würde, so erfüllte sich allerdings diese an sich nicht unberechtigte Hoffnung keineswegs: H. blieb vielmehr vorläufig unentwegt auf der einmal gewählten Linie stehen; interessanter konnte er seinen Bewunderern auf jeden Fall nicht mehr werden, obwol eine solche Erwägung ihm sicher ferne lag. In seiner nächsten Umgebung war man allerdings über diese seine litterarische Manifestation betroffen, doch ging das nicht so tief, daß man, als im J. 1835 die Stelle des Antistes wieder erledigt wurde, sich hätte dadurch abhalten lassen, ihn nun wirklich an diese Stelle zu setzen; die conservativen Elemente im Kanton waren noch immer stark genug und überdies fehlte es offenbar an einem Manne, den man ihm hätte gegenüber stellen können.

So hatte H. denn das Ziel erreicht, das sich sein Ehrgeiz, oder doch sein Verlangen nach einem ihm zusagenden Wirkungskreise zunächst gesetzt hatte. Bezeichnend war es daher, wenn auch folgerecht, daß gerade in den katholischen Kreisen über seine Erhebung besonders lebhafte Freude herrschte. Wie nicht anders zu erwarten, entwickelte H. in seiner neuen Stellung eine Thätigkeit, wie sie seinen uns bekannten hierarchischen Gesinnungen gemäß war. Der geistliche Stand sollte in allen Richtungen selbständig gestellt, über den der Laien erhoben und auch äußerlich von ihm unterschieden werden. Und wenn gerade die katholischen Kreise seine Erhebung lebhaft begrüßt hatten, so ließ ihnen H. diese Theilnahme nicht unvergolten: es geschah wesentlich durch seine Bemühung, daß der vergleichungsweise geringen Anzahl von Katholiken in Schaffhausen und Umgegend im J. 1837 eine Kapelle für ihren Gottesdienst unter bestimmten Bedingungen eingeräumt wurde. An sich gewiß nichts tadelnswerthes und ein Zeichen löblicher Toleranz. H. that noch mehr, er bot sein Ansehen in der katholischen Welt auf, um durch Geldbeiträge die völlige Verwirklichung jenes Actes der Duldung und die Gründung einer förmlichen katholischen Pfarrei herbeiführen zu helfen, eine Bemühung, für welche ihm die lobende Anerkennung von Seiten des Nuntius in Luzern nicht entging. Wenn katholischer Seits zu Gunsten in ähnlicher exponirter Lage sich befindlicher Protestanten dieses Beispiel nachgeahmt wurde, so konnte gegen eine solche Anschauung des Antistes auch eine strenge protestantische Denkweise wenig einwenden; indessen muß man zugeben, daß gerade angesichts der offensiven Wendung, die der ultramontane Geist eben seit dem J. 1837 nahm, zu solch’ einer Gegenseitigkeit weniger als je Aussicht geboten war, und es darf uns daher nicht verwundern, wenn in der nächsten Nähe diese und verwandte Bestrebungen des Antistes mit Argwohn oder Mißtrauen betrachtet zu werden anfingen. Man hatte am Ende auch ein Recht zu fragen, stand es einem Manne in der Stellung Hurter’s so ganz an, sich die Beförderung der katholischen Interessen in so auffallender Weise angelegen sein zu lassen und alle seine Sympathien nach dieser Seite hin zu wenden, wo der Protestantismus ein so weites Feld der Thätigkeit übrig ließ? Ein protestantischer Laie befand sich mit einer solchen Stimmung in einem ganz anderen Falle; aber der geistliche Vorstand einer protestantischen Kantonsgemeinde mußte doch etwas vorsichtiger zu Werke gehen, oder, wenn seine Ueberzengung ihn in dieser Richtung trieb, – wogegen nichts einzuwenden war – so mußte er so gerecht denkend sein und die Stelle [437] niederlegen, ehe das Mißtrauen gegen ihn zum Angriffe überging. Wir möchten nicht mißverstanden sein: nicht seine hierarchischen und katholisirenden Ueberzeugungen möchten wir H. zum Vorwurfe machen, sondern daß er mit ihnen gewaltsam an einem Amte festhielt, mit welchem sie sich, wenn man billig sein will, schon nicht mehr vertrugen. Es gilt hier dasselbe, was von seinem späteren Uebertritte: nicht daß er übertrat war ein Unrecht, sondern daß er so spät übertrat. Fühlte er sich doch immer stärker nach der Seite und zu den Mächten hingezogen, auf und von welchen man manches, aber gewiß nicht eine wohlwollende Gesinnung gegen die Interessen des Protestantismus voraussetzen durfte. Von seinen näheren Verbindungen mit einer wachsenden Anzahl katholischer Notabilitäten ist schon gesprochen worden, den „historisch-politischen Blättern“, die zum Ruhme seines Innocenz nicht wenig beigetragen, hat er sich in dieser Zeit genähert und ist bald Mitarbeiter derselben geworden, noch vor seinem Amtsrücktritt, nicht blos vor seinem Uebertritt. Im Herbste 1838 machte er eine Reise nach Mailand, zu der Zeit der Festlichkeiten, die mit der Krönung Kaiser Ferdinand I. zum lombardisch-venetianischen Könige verbunden waren. Er wurde von Metternich selbst, bei dem ihm Jarcke vorgearbeitet hatte, mit auszeichnender Artigkeit aufgenommen und kehrte höchst befriedigt über die Alpen zurück. Im Sommer 1839 unternahm er eine Reise nach Oesterreich, bis Wien und Preßburg, und überall waren es die Vertreter des Systems, die Fürsten der Kirche und die stolzen Abteien des Landes, die er aufsuchte und die ihn gern als Gast begrüßten. Eine Beschreibung dieses seines „Ausfluges nach Wien und Preßburg“ (Schaffhausen 1840, 2 Bdchen.) ließ über den inneren Zug, der ihn zu dieser Reise getrieben hatte, keinen Zweifel übrig, wenn die nächste äußere Veranlassung derselben auch nur die Verbringung eines seiner Söhne in die Wiener k. k. Ingenieur-Akademie war, – doch die Aufnahme seines Sohnes in jene Anstalt war schon ein Zeichen der Gunst, welche ihm die herrschenden Wiener Kreise zugewendet hatten. Ein Exemplar dieser Schrift hat er auch der Erzherzogin Sophie von Oesterreich und dem k. Minister v. Abel in München überreicht und dafür warme Anerkennung davon getragen; mit Herrn v. Abel stand er seit dieser Zeit in immer wieder erneuter Verbindung, und es scheint, daß es nicht dessen Schuld war, daß H., als seine Stellung in Schaffhausen unhaltbar wurde, nicht in München einen Ersatz dafür fand; aber König Ludwig, dem er sich wiederholt zu nähern versuchte, hat offenbar eine weniger starke Sympathie für ihn empfunden.

Die Zeit, in welcher Hurter’s amtliche Stellung in Schaffhausen in Gefahr gerieth und zuletzt unhaltbar wurde, nahte jetzt heran. Wer von den Unbefangenen wollte sich wundern, daß das Mißtrauen in seine protestantische Gesinnung endlich durchbrach? Man kann sich eher darüber wundern, daß das so spät geschah. Manche freilich von den katholisirenden Beziehungen Hurter’s aus jener Zeit sind vielleicht nicht recht bekannt geworden; auch in seinen bez. Schriften, wie der „Antistes Hurter“ und „Geburt und Wiedergeburt“ übergeht H. doch Einiges, was zur vollkommenen Uebersicht dieser seiner Beziehungen und Anstrengungen gehört, und was wir erst durch die bez. Ergänzungen erfahren, die sein Biograph gibt – das einzige Gute, was wir der weitschichtigen und geistlosen Arbeit desselben nachrühmen können. Nach diesen authentischen Mittheilungen erstreckten sich diese Beziehungen Hurter’s ungemein weit und waren seine Bemühungen um das Interesse des Katholicismus doch ungemein hoch entwickelt. Man braucht dort (S. 325 ff.) blos zu lesen, was über Hurter’s Einmischung in die Verhältnisse der katholischen Kirche Badens in den J. 1838 und 1839 berichtet wird, um zu verstehen, was wir meinen. H. operirt gegen die liberale Partei des katholischen Klerus in Baden bei dem Nuntius in Luzern, [438] strengt sich an, den Erzbischof Demeter von Freiburg in schärfere Gangart zu versetzen, und ein nicht ohne sein Zuthun hervorgerufenes päpstliches Breve an denselben wird ihm ausdrücklich durch Hurter’s Hand zugestellt. Daß H. die Angelegenheiten der Thurgau’schen Klöster verfocht, war kein Geheimniß und konnte unter Umständen wol auch von einem Protestanten geschehen; ein anderes war es aber doch, daß es gerade von einem Manne seiner Stellung geschah, der zugleich außerdem schon so viele unverkennbare Beweise seiner lebhaften Sympathie für die katholische Sache gegeben hatte. Genug, eines war zum anderen gekommen, die politischen wie kirchlichen Gegner Hurter’s lagen auf der Lauer und eine geringfügige Veranlassung wurde Ursache, daß endlich (im Frühjahr 1840) der Sturm gegen ihn zunächst von Seiten seiner Amtsbrüder losbrach, welchem sich dann rasch die von ihm standhaft verachtete öffentliche Meinung anschloß. Die Bewegung ergriff alsbald weitere Kreise und rief zugleich die wärmste Theilnahme für den Angegriffenen von Seiten namentlich seiner katholischen Freunde hervor. Doch zeigte es sich bei dieser Gelegenheit auch, daß seine Freunde das Unhaltbare seiner Stellung richtiger beurtheilten als er selbst. K. L. v. Haller schrieb ihm dies jetzt mit dürren Worten: „Aller Augen der Katholiken sowol als der Protestanten waren seit lange auf Ihre Person gerichtet: Sie aber befanden sich in einer solchen Stellung, bei der Sie keine Ruhe haben konnten.“ Daran knüpft er dann in höchst kräftiger Weise die Mahnung, H. möge sich der katholischen Kirche anschließen. Was die „Amtsbrüder“ jetzt von H. verlangten, war – von ihrem Standpunkte aus – ein ähnliches, d. h. sie wollten eine Klärung eines unerträglich zweideutig gewordenen Zustandes herbeiführen. Sie verlangten von ihm weiter nichts als eine unumwundene Erklärung, „ob er der evangelischen Kirche noch von Herzen zugethan sei“, um so den Verdacht, der ihn des Kryptokatholicismus beschuldigte, zu zerstreuen. H. gab aber diese Erklärung nicht, bestritt die Competenz der Fragesteller und verwies auf seine 30jährige Amtsthätigkeit. Jedoch kamen die Dinge nicht gleich zum Bruche. Es fehlte auch nicht an Parteigängern Hurter’s auf protestantischer Seite, die um des lieben Friedens willen nach einem Ausgleich suchten, und die weltlichen Behörden nahmen keineswegs so schnell und entschieden Stellung zu der kritischen Frage, als die Urheber derselben wünschen mochten. So vergingen Monate, ohne daß eine Entscheidung näher rückte; mittlerweile trat H. aus seiner Zurückhaltung heraus, hob den Handschuh auf und ging unter der Form der Vertheidigung nun seinerseits zum Angriff über; denn anders kann man sich über seine Schrift: „Der Antistes Hurter von Schaffhausen und sogenannte Amtsbrüder“ nicht wol ausdrücken. Die Schrift ist in erster Linie doch apologetischer Natur und mit Leidenschaft geschrieben. Der gekränkte Stolz des Hierarchen schlägt mit gewaltiger Wucht um sich und er meint nicht anders, als die vermeinten Urheber des Angriffes zu zermalmen. H. pocht dabei auf seine Verdienste um die Schaffhauser Geistlichkeit und Kirche, aber den eigentlichen Differenzpunkt berührt er wenig und schafft er ihn jedenfalls nicht bei Seite. Im Uebrigen erklärt er sich unter bestimmten Voraussetzungen immer noch zur Versöhnung bereit. Wie der ganze Hergang, so hat namentlich auch diese Schrift viel Geräusch verursacht und auf Seite seiner Freunde und Anhänger lauten Beifall gefunden, aber gerade dieser ihn wiederum in seinem einmal eingenommenen Standpunkt womöglich verhärtet. Die aufgetauchte Möglichkeit einer Verständigung verflog darum schnell; es konnte auch nicht anders kommen, von keiner Seite fühlte man sich geneigt etwas zurückzunehmen; der sogenannte Convent der Cantonsgeistlichkeit zumal blieb fest auf seiner ursprünglichen Forderung bestehen. So wurde der Bruch perfekt und H. that den Schritt, der, früher gethan, ihm diese peinliche [439] Erfahrung erspart hätte: er legte alle seine Aemter nieder und nahm seine Entlassung, die ihm auch in würdiger Form (Ende März 1841) gegeben wurde. –

So war H. nun frei und sich selbst zurückgegeben, der Stellung los, die seinem eigensten Wesen nach dem aufrichtigen Urtheile seiner besten Freunde eine peinliche Zurückhaltung auferlegt hatte. Wenn aber nun manche hofften, er würde nun ohne Zeitverlust den Entschluß fassen, den sie ihm schon früher und öfters nahe gelegt hatten, so täuschten sie sich wiederum. Hatte H. doch erst ein Jahr vorher in seinem „Antistes“ ausdrücklich versichert, daß er sich um das katholische Dogma bislang wenig bekümmert habe; das war ja der seltsame Widerspruch dieses Zustandes: er stürzt, weil er im Verdacht des Kryptokatholicismus steht, er kennt das katholische Dogma erst aus der Entfernung und doch kann ein unbefangener Beobachter nicht sagen, daß ihm Unrecht geschehen sei! H. fuhr trotz allem Vorausgegangenen fort, seinen Aufenthalt in Schaffhausen zu nehmen. Seine auswärtigen Anhänger hofften wol da und dort ihn auf eine ehrenvolle Art aus dieser Lage befreit zu sehen; Münchener Freunde dachten sogar daran, ihn zum bairischen Gesandten bei der Eidgenossenschaft ernannt zu sehen, doch gerade dieses war nichts als ein frommer und kühner Wunsch. Die nächste Folge seiner Amtslosigkeit war, daß H. sich immer hingebender und ausschließlicher in die Förderung der katholischen Interessen vertiefte. In erster Linie nahmen die Schwierigkeiten, mit welchen die katholische Kirche in der Schweiz zu kämpfen hatte, seine Thätigkeit in Anspruch. Unermüdet stand er ihr überall mit Rath und That zur Seite. Für die eben damals aufgehobenen aargauischen Klöster trat er als eifriger und, man kann sagen, als leidenschaftlicher Anwalt auf. Es galt ihm in diesem Falle die bedrohte conservative Sache und das angegriffene Recht zu vertheidigen. Zu Metternich trat er aus der Entfernung in immer nähere Beziehungen, und seine Schuld war es nicht, wenn Oesterreich sich jetzt nicht unmittelbar und nicht blos mit diplomatischen Mitteln in die Angelegenheit mischte. Es ist nicht zu viel behauptet, ja H. gibt es selber zu, sein schweizerischer Patriotismus ist über diesen Kämpfen in die Brüche gegangen, wie kurz zuvor die Anhänglichkeit für seine Vaterstadt; da das Vaterland andere Wege einschlug als er gut hieß, so war er bereit das Vaterland preiszugeben! Und nicht blos Oesterreich, auch Frankreich hätte er gerne zu diesem Zwecke gegen die Schweiz aufgerufen. Seine Reise nach Paris im J. 1843 hatte eingestandener Maßen keinen anderen Grund gehabt. Seine Schrift über die „Befeindung der katholischen Kirche in der Schweiz“ legt seinen Standpunkt in dieser Frage hinlänglich klar. Daß er dem Nuntius nun noch näher trat, verstand sich von selbst, er stand mit ihm in ununterbrochenem engsten Verkehr. In der Jesuitenfrage, die allmählich in den Vordergrund zu treten anfing, stand er ganz auf ihrer Seite und man braucht blos die bez. Ausführungen im dritten Bande von „Geburt und Wiedergeburt“ zu lesen, um seine Anschauung in diesem Punkte authentisch kennen zu lernen. Aber auch diese Stellungnahme war nur eine Consequenz des von ihm einmal ergriffenen Systems. Mit nicht geringerem Eifer verfolgt H. in dieser Zeit den Gang der Angelegenheiten der katholischen Kirche im nahen Baden und Württemberg. Die Neubesetzung des erzbischöflichen Stuhles in Freiburg i. Br. nach Demeter’s Tode in der Person H.’s v. Vicari ist nicht ohne sein Zuthun geschehen, und man sieht nicht ganz deutlich durch, ob die Ausschließung Hirscher’s gegen oder mit seinem Willen erfolgt ist. An den Schwierigkeiten, die damals dem gemäßigt denkenden Bischof von Rottenburg, v. Keller, von Seiten der ultramontanen Heißsporne im eigenen Klerus gemacht wurden, war H. nicht unbetheiligt, er bildete das Bindeglied zwischen ihnen und dem Nuntius in Luzern. Aus der Hurter’schen Buchhandlung in Schaffhausen gingen eine Anzahl [440] Schriften hervor, die im stimulirenden Sinne die bez. brennenden Fragen behandelten. H. selbst hat in den historisch-politischen Blättern wiederholt und in gleicher Richtung geschrieben und agitirt.

Wenn H. noch immer zögerte den letzten Schritt zu thun und sich offen und ganz der Kirche anzuschließen, der er eine angesehene Stellung zum Opfer gebracht hatte, zu deren Förderung er seit Jahren alle seine Kräfte in Bewegung setzte, so mochte dies Freunden wie Gegnern mit Recht auf die Dauer unverständlich erscheinen. Und doch ist das eine gewiß: bis zu seinem Ausscheiden aus seinem Amte hat er jene Frage kaum jemals reiflich erwogen. Dieser seiner Versicherung dürfen wir unbedenklich glauben, und ohne das Vorgehen seiner Amtsbrüder wäre er nach wie vor in der seltsamen Stellung verblieben. Erst von jener Zeit an, die er als eine Zeit bitterer Kränkung und schweren Unrechts betrachtete und in der zugleich bittere häusliche Trübsal ihn heimsuchte, hat er diesen Schritt in eine immerhin noch langsame Erwägung gezogen. Das Studium von Möhler’s Symbolik, weiterhin die Reise nach Frankreich und der Aufenthalt in Paris – wo man ihm zugleich auf’s sympathischste entgegenkam – haben im Zusammenwirken mit den gemachten Erfahrungen, mit den allgemeinen Verhältnissen und seinen vielfachen persönlichen Beziehungen den entscheidenden Entschluß in ihm gereift. Was schon längst hätte geschehen können, vollzog sich zuletzt doch unerwartet rasch. Im Februar 1844 trat er die Reise nach Rom an, wo er von allen kirchlichen Kreisen auf’s schmeichelhafteste, von Papst Gregor XVI. selbst auf’s gewinnendste aufgenommen wurde. Nach einem Ausflug nach Neapel, wo er das Wunder des heiligen Januarius angestaunt hatte, legte er in Rom am 16. Juni in die Hände des Cardinals Ostini das katholische Glaubensbekenntniß ab und wurde in den Schooß der katholischen Kirche als ein willkommener Sohn aufgenommen. – –

Von dieser Zeit an verliert das Leben Hurter’s einen guten, ja den besseren Theil des Interesses, mit welchem man es bis dahin begleitet hat. Von da an ist es ein fortgesetztes Herabsteigen, die Position, die er fortan einnimmt, entbehrt des Schwunges und der Kraftäußerung, die er in den vorausgegangenen Stadien entwickelt hat. Für seine eigenen Freunde bedeutet er der Natur der Dinge nach nicht mehr das, was er ihnen Dank seiner öffentlichen Stellung vor seinem Uebertritte bedeutet hat. Unter allen Umständen ist seine Situation eine andere.

Nach Schaffhausen zurückgekehrt, fing er an die Geschichte seiner inneren Entwickelung zu schreiben, die unter dem Titel „Geburt und Wiedergeburt“ in 3 Bänden 1844–45 erschien. Die Schrift fand viele Theilnahme, wie sein Uebertritt selbst zunächst sie ja ebenfalls gefunden hatte, rief aber, wie dieser, von der gegnerischen Seite lebhafte und oft unfreundliche Erörterungen hervor. Sie hat der Reihe nach bis 1867 vier Auflagen erlebt. Die Darstellung ist indeß in Nebendingen viel zu breit und doch, wie schon angedeutet, ist einiges übergangen, was zum Gesammtbilde von Rechtswegen gehört. Manches war der Natur der Sache nach schon im „Antistes“ vorgetragen worden. Die Lage Hurter’s in Schaffhausen war jetzt übrigens noch weniger angenehm als früher, und nur eine so eigensinnige Natur wie die seinige mochte sie erträglich finden. Das Gefühl und wol auch die gewisse Hoffnung, daß seine Geduld auf eine nicht zu schwere Probe gestellt werden würde, ließen ihn nicht verzagen. Einen Antrag, als Professor der Geschichte nach Luzern zu gehen, lehnte er ab. Daneben widmete er dem Schicksale der katholischen Interessen in und außerhalb der Schweiz jetzt ein, wenn möglich noch gesteigerteres Interesse. Für die Jesuiten, deren Berufung nach Luzern eben erst in den Vordergrund gerückt wurde, trat er mit einer eigenen Schrift ein. Ganz besonders beschäftigte ihn die Errichtung [441] eines Bisthums in St. Gallen; schon während seines Aufenthaltes in Rom hatte er dafür gewirkt. Da schlug endlich die Stunde der Erlösung. Am 18. Januar 1845 erhielt H. einen eigenhändigen Brief Metternich’s, der seine Berufung nach Oesterreich einleitete. Wir erinnern uns, seit Jahren waren Hurter’s Gedanken nach Wien gerichtet gewesen; im letzten Jahrzehnt hatte er nähere Verbindungen mit der Staatskanzlei eingeleitet, manche Denkschrift von seiner Hand war dahin gewandert, mit der Erzherzogin Sophie, Erzherzog Johann, dem Kaiser Ferdinand selbst hatte er aus der Entfernung Anknüpfungspunkte gesucht oder gefunden. Mehrfache Aufmerksamkeiten waren ihm oder den Seinigen von dorther erwiesen worden. Metternich hatte, wie er selbst schreibt, schon bei der Lectüre des Innocenz in H. seinen Mann erkannt, und man mag sich nur wundern, daß er sich so lange besonnen hat den Mann sich zu holen, der ein Mann nach seinem Herzen war. Es ist auch kein Zweifel, in dem damaligen Oesterreich allein konnte H. eine Stellung finden, die ihm eine größere Perspektive eröffnete. Das Metternich’sche System und Hurter’s System ergänzten sich vollkommen. Daß Jarcke zu jenem Entschluß des Fürsten mitgewirkt, darf man nach Allem vermuthen. H. reiste sofort nach Wien und das Ergebniß der Verhandlungen war, daß er als k. k. Hofrath und Historiograph mit einem relativ ansehnlichen Gehalte in die Dienste Oesterreichs trat; die Ernennung datirt vom 1. Januar 1846.

So sah sich H. an einem längst ersehnten Ziele; ein Traum seiner Jugend war verwirklicht, wenn auch die Vermuthung nahe liegt, daß er einen praktischen Wirkungskreis, wie ihn z. B. mehrere Jahre später Bernhard v. Meyer aus Luzern ebendaselbst fand, vielleicht vorgezogen hätte. Die Aufgabe, die H. als Historiograph gestellt wurde, war eine Geschichte Kaiser Ferdinand II., – es war damit wenigstens vernehmlich angedeutet, was man von ihm erwartete. Diese Anstellung Hurter’s fand übrigens auch in Oesterreich keineswegs überall Beifall und ohne die Festigkeit Metternich’s hätte sie leicht noch im letzten Augenblicke durchkreuzt werden können. Von der politischen Seite der Sache abgesehen, sahen sich die österreichischen Gelehrten durch sie zurückgesetzt. Sind ihm die Thore der Akademie der Wissenschaften ja bis zu seinem Ende verschlossen geblieben! Dem neuen Historiographen wurden übrigens die Archive zu freiester Benutzung zur Verfügung gestellt und er begann auch sofort seine Arbeit auf einem Gebiete, das ihm bisher trotz aller Begeisterung für das Haus Oesterreich doch ein durchaus fremdes geblieben war. Nebenher behielt er die allgemeinen katholischen Angelegenheiten, zumal auch im Lande seiner Geburt, unentwegt im Auge, dessen Blick freilich immer einseitiger und beschränkter wurde. Er bildet sogar eine Art von Mittelpunkt der conservativen litterarisch-politischen Interessen in Wien und an Vorschlägen zu deren Förderung ließ er es nicht fehlen. Die Verwickelungen in der Schweiz, die mit dem Sonderbundskriege und der Niederlage der alten Kantone endigten, setzten ihn mehr als alles andere in Athem und es läßt sich denken, daß er mit der Haltung der österreichischen Regierung in dieser Frage nichts weniger als zufrieden war, er hätte ja so gerne wenigstens einen bewaffneten Einschüchterungsversuch gegen die liberalen Kantone hervorgerufen. Auch sonst erlebte er von dem herrschenden System manches, was ihm nicht behagte; machte die österreichische Censur ja sogar Schwierigkeiten, als es sich um die Veröffentlichung des ersten Bandes seiner Geschichte Kaiser Ferdinand II. handelte: daß diese Waffe eine zweischneidige sein könne, war ihm etwas ganz Neues!

Und nun kam das J. 1848; das System, das den Namen seines Meisters führte und das er hatte mit stützen sollen, brach über Nacht widerstandslos zusammen, seiner Meinung nach freilich nicht zum geringsten Theile darum, weil es sich gegenüber den Angriffen des Radikalismus und der Revolution – [442] womit er jeden Zweifel an der Recht- und Zweckmäßigkeit des Bestehenden und Ueberlieferten zu bezeichnen pflegte – zu zaghaft und nachgiebig benommen hatte. Die Rückwirkungen des Sieges der liberalen Ideen in Oesterreich gingen aber auch an ihm nicht schonend vorüber, zum deutlichen Beweise, wie übel auf dieser Seite seiner Zeit seine Berufung vermerkt worden war. Am 22. Juli 1848 wurde ihm amtlich mitgetheilt, daß er durch allerhöchste Entschließung vom 16. Mai d. J. seiner Stelle enthoben sei; doch solle ihm sein Gehalt noch für ein Jahr gewährt und zugleich gestattet werden, daß er die bereits gesammelten Materialien und gemachten Vorarbeiten für die ihm früher übertragene Geschichte Kaiser Ferdinand II. behalten dürfe und, falls er das angefangene Werk auf eigene Rechnung fortsetzen wolle, ihm hierzu auch ferner „aller thunlicher Vorschub zu leisten sei“. Auf eine solche Rückwirkung der Revolution auf sein Geschick war er kaum gefaßt gewesen; im ersten Augenblicke der Entrüstung dachte er daran, das undankbare Oesterreich ganz zu verlassen und etwa nach München überzusiedeln, doch ließ er diesen Gedanken schnell wieder fallen. Er hoffte wahrscheinlich, daß eine seinen Ansprüchen günstige Wendung der allgemeinen Lage der Dinge nicht ausbleiben könne, und durfte überdies überzeugt sein, daß der Hof ihn nicht freiwillig hatte fallen lassen: vor Allem auf die Fürsprache der Kaiserin war seine Zuversicht gebaut. Er ging daher bald daran gegen das ihm Widerfahrene zu protestiren und eine Zurücknahme seiner Absetzung zu bewirken. Doch kam er nicht so schnell, als er angesichts des beginnenden Umschwungs hoffen zu dürfen glaubte, zum Ziele. Fürst Felix von Schwarzenberg, der Chef des neuen antirevolutionären Ministeriums, bewährte, Hurter’s Meinung zufolge, seinen Reklamationen gegenüber durchaus nicht das Entgegenkommen, wie er es erhofft hatte. Erst Anfangs October 1849 wurde, nachdem H. Himmel und Erde bewegt hatte, seine Absetzung aufgehoben, ohne daß aber seine vollständige Rehabilitirung erfolgte, sondern er wurde mit einem entsprechenden Gehalte in den Ruhestand versetzt. Zugleich setzte ihm der Kaiser aus seiner Privatkasse eine Summe von jährlich 500 fl. zum Zwecke der Ausführung des ihm seiner Zeit übertragenen Geschichtswerkes aus. Das Alles war zwar keineswegs das, was H. wollte und worauf er ein legitimes Recht zu haben glaubte, aber wohl oder übel mußte er sich vorläufig damit zufrieden geben. Inzwischen traten nach einander, im J. 1858, die beiden ersten Bände der „Geschichte Kaiser Ferdinand II.“ an das Licht, der erste Band Kaiser Ferdinand I., der zweite dem Fürsten Metternich zugeeignet. Dürfen wir über das in seinen Fortsetzungen sehr bändereich gewordene Werk gleich an dieser Stelle unser Urtheil aussprechen, so können wir nicht umhin zu bekennen, daß es hinter den gehegten Erwartungen zurückgeblieben und im Vergleich zu seinem Innocenz sogar einen Rückschritt bedeutet. H. hat zwar mit ungemeinem Fleiß ein massenhaftes und vielfach prächtiges Material herbeigezogen, aber er hat den gewaltigen Stoff weder zu gestalten noch zu beseelen verstanden. Das schiefe Verhältniß, in welches er zu seiner eigenen Zeit gerathen, nimmt in diesem Werk einen für den unbefangenen Leser wahrhaft niederschlagenden Eindruck an und kommt immer wieder aufs Neue und in der peinlichsten Weise zum Ausdruck. Sein sogenannter conservativer Standpunkt und sein Rechtsgefühl haben ihm hier den schlimmsten Streich gespielt. Die Einseitigkeit und Beschränktheit, mit der er sich hier den geschilderten Ereignissen gegenüberstellt, suchen in der That ihres gleichen! Von einer künstlerischen Bewältigung des Stoffes ist ohnedem keine Rede. Man fühlt sich wol versucht zu sagen, hätte H. statt des Innocenz mit Kaiser Ferdinand II. debütirt, trotz allem und allem, er würde lange nicht eine ähnliche Wirkung damit erzielt haben. Wenn von Seiten seiner Parteigänger dem Werke zwar der übliche Weihrauch gestreut wurde, so vermochte das es gleichwol nicht besser [443] oder anziehender zu machen als es in Wirklichkeit war: der böse Geist der Verschrobenheit und der langen Weile, der es auf jedem Blatte beherrscht, ließ sich durch Beschwörungen dieser Art eben nicht austreiben. Wir können nicht helfen, es nimmt unter den von verwandter Tendenz getragenen Geschichtswerken der letzten 40 Jahre den untersten Rang ein. –

Mittlerweile vollzog sich in Hurter’s Lage aber die so lange betriebene Wendung. Fürst Felix von Schwarzenberg, den er für seinen Gegner hielt, weil dieser so klug war zu glauben, daß mit Männern wie H. dem wiederhergestellten Oesterreich nichts genützt werden könne, trat vom Schauplatze ab und Buol-Schauenstein an seine Stelle. H. hatte sich in der Zwischenzeit mit dem Gedanken getragen, Wien zu verlassen und nach Schaffhausen, das er doch nicht vergessen konnte, überzusiedeln; schon hatte er sich die Erlaubnis erwirkt dort seinen Ruhegehalt verzehren zu dürfen; nun trat, im Zusammenhange mit der allgemeinen rückläufigen Bewegung zumal in Oesterreich, in seinem Schicksale ein vollständiger Umschwung ein, der alle seine Wünsche vollauf erfüllte. Seine Gönner und Fürsprecher hatten ja nun wieder freies Terrain. Genug, H. wurde durch kaiserliche Entschließung vom 10. Mai 1852 vollständig in seiner Stellung rehabilitirt und durch ein Decret vom 24. Juli d. J. sogar in den österreichischen erblichen Adelsstand erhoben: es sollte das vermuthlich eine Genugthuung für die vorausgegangene Unbill sein. Man kann sich denken, in welchem Grade dieser Akt von allen Verehrern und Gesinnungsgenossen Hurter’s in Oesterreich, in der Schweiz und darüber hinaus getheilt wurde.

Noch 15 Jahre lang hat H. diese Befriedigung über seine amtliche Wiederherstellung genossen. Sie gehören nicht zu den interessantesten seines Lebens, er verhüllt sich immer tiefer in den Dunstkreis seines nun ultrakatholischen Pseudoconservatismus; der Spiritus ist vollends verflogen und das eitle Phlegma zurückgeblieben. Wir dürfen es uns ersparen, ihn auf diesem Wege mit einiger Ausführlichkeit zu begleiten. Daß er dem Gange der kirchlichen Reaction in Oesterreich mit voller Theilnahme folgte, braucht kaum erst ausdrücklich erwähnt zu werden; freilich leidet das Concordat des J. 1854 in seinen Augen an Halbheiten und hat zumal den Protestanten zu viele Zugeständnisse gemacht. Sein Held Ferdinand II. hat das allerdings besser verstanden! An die kirchlichen Vereine, die er hervorrief, präsidirte oder an denen er sich doch wenigstens lebhaft betheiligte und deren Wirkungskreis meist recht abgelegen war, soll des Ensembles wegen hier blos erinnert werden. Wichtiger ist, daß er bei der Gründung und Leitung der weiland Wiener katholischen Litteraturzeitung wesentlich betheiligt war, aber zugleich nicht verhindern konnte, daß sie trotz der Staatssubvention in Folge der schwachen Betheiligung der Kreise, auf die sie vor Allem berechnet war, aber auch aus Schuld einer unüberwindlichen Impotenz nach einer Anzahl Jahren zu Grabe ging. An den politischen Zeitläufen seiner letzten Jahre hat H. am wenigsten Freude erlebt: der Krieg des J. 1859, dann das liberale Ministerium von 1860 haben ihm schweren Kummer bereitet. Selbstverständlich suchte er die Gründe der Heimsuchungen, die über den Kaiserstaat hereinbrachen, auf der Seite, wo im schlimmsten Falle nur der kleinste Theil derselben lag. Seine litterarische Thätigkeit in diesen Jahren anlangend, bestand sie in der Hauptsache in der Ausführung der Geschichte Kaiser Ferdinand II., die allmählich auf 11 Bände anwuchs; nebenher liefen noch einige Monographien, die mit seinem Hauptwerke schon stofflich zusammenhängen, wie über die baierische Marie, die Mutter Kaiser Ferdinand II., über Wallenstein’s vier letzte Lebensjahre, die Friedensbestrebungen Kaiser Ferdinand II. und die Geschichte des Kammerdieners Kaiser Rudolfs II., Philipp Lang u. dgl. Ein paar andere, populäre, aber von derselben Stimmung getragene Schriften dürfen hier übergangen werden.

[444] H. hat, es ist dies nicht in Abrede zu stellen, bis in sein hohes Alter von der Basis aus, auf welche er sich einmal gestellt hatte, eine unermüdliche Rührigkeit und Thätigkeit entwickelt, allerdings fortgesetzt mit dem Gefühle kämpfend, daß die fortschreitende Zeit geneigt sei, über ihn und seine Bestrebungen ungelehrig hinwegzuschreiten. Die Frage, in welchem Verhältniß die Kräfte, über die er und seine Partei verfügten, zu ihren Entwürfen standen, und über die Natur dieser Kräfte hat er sich niemals vorgelegt. Tragisch genug, daß der ehemalige Antistes von Schaffhausen dahin gekommen war, in der Reformation den Anfang und die Quelle alles Uebels und alles Bösen in der Welt zu erblicken. Welche schlagendere Rechtfertigung hätten sich seine Amtsbrüder für die Frage, die sie vor 25 Jahren an ihn gestellt, wünschen können! Die letzte litterarische Arbeit, die H. beschäftigte, waren „Briefe über die Durchführung und Ausbreitung der Reformation“. Man kann aus der Behandlung dieses Thema’s in der Geschichte Kaiser Ferdinand II. zurückschließen, in welchem Geiste diese Schrift gehalten gewesen wäre. Schon war der Druck derselben begonnen, aber es war anders darüber bestimmt. Ende Juli 1865 hatte sich H. mit seiner Frau zum Sommeraufenthalt nach Graz begeben und am 28. August setzte ein Nervenschlag seinem Leben ein Ziel. Er hatte das 78. Jahr überschritten. Die katholische Welt hat mit ihm einen unermüdlichen, aufrichtig ergebenen, aber in seiner positiven Leistungsfähigkeit vielfach überschätzten Vorkämpfer verloren.

Ein annähernd vollständiges Verzeichniß von Hurter’s Schriften findet sich bei Wurzbach, Bd. IX S. 445–46. Ebendaselbst auch Angaben über die Litteratur über Hurter. Eine ausführliche Biographie Hurter’s in 2 Bänden hat sein Sohn „Heinrich v. H., Curatbeneficiat“, in den J. 1876 und 1877 veröffentlicht; ihr Werth beschränkt sich aber ausschließlich auf das benutzte, zum Theil mitgetheilte neue Material vorzugsweise aus der Correspondenz seines Vaters; im Uebrigen darf sie als vollständig mißlungen bezeichnet werden. Was Rosenthal in seinem Buch über die katholischen Convertiten über H. sagt, ist kaum des Mannes würdig, welchen er verherrlichen will.