ADB:Kobell, Franz Ritter von (Mineraloge)

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Artikel „Kobell, Franz Ritter von“ von Johann August Ritter von Eisenhart in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 16 (1882), S. 789–797, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Kobell,_Franz_Ritter_von_(Mineraloge)&oldid=- (Version vom 22. Juli 2019, 12:19 Uhr UTC)
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Kobell *): Dr. Franz Wolfgang Ritter v. K., Mineraloge und Dichter, geb. zu München am 19. Juli 1803, † daselbst am 11. November 1882. K., einer pfälzischen Beamten- und Künstlerfamilie entstammend, verlebte als der älteste [790] Sohn des nachmaligen Geheimrathes Franz v. K. und dessen Gattin Franziska, Tochter des kurfürstlichen Hofkammerrathes v. Burger, seine Jugendjahre im Elternhause zu München, absolvirte im August 1820 das Gymnasium daselbst und bezog im nämlichen Jahre die Universität Landshut. Dort widmete er sich chemischen und petrographischen Studien unter Anleitung des für seine Zeit bedeutenden Chemikers Johann Nepomuk Fuchs, auf welchen er als dankbarer „Schüler und Freund“ nach dessen Tode (6. März 1856) die akademische Gedächtnißrede hielt. Schon am 28. October 1823 wurde K. als Adjunct der mineralogischen Staatssammlung angestellt und erwarb am 25. Februar 1824 zu Erlangen die Doctorwürde. 1826 (3. October) finden wir den jungen Gelehrten bereits als außerordentlichen, 1834 (2. März) als ordentlichen Professor der Ludwig-Maximilians-Hochschule, welcher Ernennung alsbald jene zum Conservator der mineralogischen Staatssammlungen folgte. Am Schlusse erstgenannten Jahres, am 28. December 1826, verehelichte er sich mit seiner Cousine Karoline, der jüngeren Tochter des Staatsrathes Aegid v. Kobell (Bd. XVI, 349). Als dieser Anfangs Juli 1834 an Maurer’s Stelle zum Regentschaftsmitgliede in Griechenland ernannt worden war, begleitete ihn K. dorthin und kehrte Mitte November desselben Jahres über Sicilien und Italien nach Hause zurück. Diese Reise benutzte der strebsame Forscher gleich einer früheren nach Paris und Brüssel zur Anknüpfung von Verbindungen mit einigen Fachgenossen. In der Heimath setzte er seine Lehrthätigkeit und seine wissenschaftlichen Untersuchungen wieder fort; denn er hatte schon als Adjunct an der Weiterbildung der damals noch etwas dürftig entwickelten Mineralogie regen Antheil genommen und war auf die Richtung, in der er sich zuerst hervorthat, sein anfängliches Wirken unter Professor Dr. Fuchs nicht ohne Einfluß. K. erkannte alsbald die Einführung chemischer Principien in die Mineralogie im Gegensatze oder vielmehr zur Vervollkommnung der bis dahin herrschenden Werner-Mohs’schen rein äußerlichen Methode als ein Haupterforderniß für die Fortentwicklung seiner Wissenschaft und verfolgte dieses System mit der ganzen Energie seiner Natur. Dieser Auffassung entsprang die schon 1830 veröffentlichte „Charakteristik der Mineralien“ (Abtheilung I und II, Nürnberg bei Schrag); in hervorragender Weise aber seine „Tafeln zur Bestimmung der Mineralien mittelst chemischer Versuche“ (zuerst 1833, 11. Aufl. 1878), ein Werk, das sich in der Hand jeden Fachmanns findet und dessen eminent praktische Bedeutung sehr rasch zu mehrfachen Uebersetzungen ins Französische, Englische (dreimal), Russische, Holländische und Italienische führte; in neuerer Zeit wurde es auch ins Ungarische und soviel aus hinterlassenen Papieren ersichtlich durch Professor Th. Wolf zu Quito im Staate Ecuador ins Spanische übertragen. Kobell’s Auffassung der mineralogischen Forschung entsprachen ferner dessen zahlreiche Mineral-Analysen. Eine Reihe wichtiger, interessanter Species wurden von ihm entdeckt, viele andere neu untersucht und besser definirt. (Unter den ersteren sind die Species Pektolit, Okenit, Chonikrit, Kjerulfin, Ripidalit, Chloropal, Kreittonit, Skolopsit, Stylotyp u. v. a.) An diese Untersuchungen reihte sich eine stattliche Zahl von Arbeiten zur Feststellung neuer und Prüfung älterer mineralanalytischer Methoden und es ist für seine Forschungsweise charakteristisch, welch’ großes Gewicht er auch hier auf Genauigkeit und Einfachheit der Operation legte. Neben solcher eindringlicher Thätigkeit auf dem Gebiete der Mineralchemie erzielte er auch auf dem der Morphologie und Krystallphysik dauernde Erfolge. Die prachtvollen Erscheinungen, welche die Krystalle im polarisirten Lichte zeigen, zogen ihn mächtig an. Als Frucht seiner Untersuchungen in dieser Richtung übergab er 1855 der wissenschaftlichen Welt das Stauroskop, einen einfachen, aber höchst sinnreichen Apparat zur Bestimmung der Schwingungsrichtung des polarisirten Lichtes in [791] Krystallen, ein Apparat, der sich – wenn auch mannigfach modificirt durch die Fortschritte der physikalischen Technik – doch als unentbehrliches Hilfsmittel für die bestimmende Krystallographie eines bleibenden Werthes erfreut. – Seine Studien über die elektrischen Eigenschaften der Mineralien führten ihn 1863 zur Herstellung eines sehr empfindlichen Elektroskops aus Gemshaaren; ferner verdankt man neben Brewster ihm (1863) den ersten Hinweis auf die Bedeutung der Aetzformen in Krystallflächen. Zahlreiche Abhandlungen, wie z. B. über Systematik und Nomenclatur, über Isomorphie, Dimorphie, Polymerie, über Krystall- und Hydratwasser etc. zeigen, wie er die großen Fragen seiner Wissenschaft mit Ernst und logischer Schärfe erwog, wie es ihn in allem, was er erfaßte, nach Klarheit drängte und wie er das Erkannte mit der Wärme der Ueberzeugung vertrat.

Das Material seiner Vorlesungen gestaltete sich bald zu einem Lehrbuche der Mineralogie (zuerst 1838, Nürnberg bei Schrag, 5. Aufl. 1878 Leipzig bei Brandstetter), welches besonders im vorbereitenden Theile alle Vorzüge einer einfachen, wohlgerundeten Darstellung trägt. 1864 vollendete er die „Geschichte der Mineralogie“ (München bei Cotta, 703 Seiten), welche ein klares, erschöpfendes Bild des Entwicklungsganges dieser Wissenschaft in dem Zeitraum von 1650–1860 liefert und den zweiten Band der auf Veranlassung des Königs Maximilian herausgegebenen „Geschichte der Wissenschaften in Deutschland“ bildet. Zur Abfassung dieser Geschichte war wol Niemand mehr berufen als K., der sich auf allen Feldern seiner Wissenschaft bewegt hatte und mit seinen Erinnerungen in die erste Entwicklungsepoche der Mineralogie zurückreichte, da noch Werner und Klaproth wirkten und Berzelius im Zenithe seines Schaffens war, mit welch’ Letzterem K. in Briefwechsel stand.

Ueber die Geschichte und die wichtigsten Stücke der bairischen petrographischen Sammlung, die er als Conservator in musterhafter Ordnung erhielt, berichtet er in einer anziehenden Abhandlung der k. b. Akademie der Wissenschaften 1872. Seine Dichternatur kam in ihrer liebenswürdigen Frische und Gestaltungskraft zur Geltung, wenn es sich darum handelte wissenschaftliche Fragen in populärem Gewande darzustellen. Dafür zeugen seine „Skizzen aus dem Steinreiche“ (München, Kaiser 1850; englisch von A. Henfrey, London 1852; dänisch von Lefolii, Kopenhagen 1868): „Die Mineralogie; populäre Vorträge“, Frankf. 1862 (holländisch von van Riemsdyk, 1868); „Ueber die Farben der Mineralien“ und „Chemische Plaudereien“ (Westermann’s Monatshefte), endlich mehrere Vorträge, die er über mineralogische Gegenstände vor größerer Zuhörerschaft hielt. Hierher gehört auch die „Urzeit der Erde“ (München, Litterarisch-artistische Anstalt, 1856, 81 Seiten), ein Lehrgedicht in 6 Gesängen, in welchem der Verfasser ein hochpoetisches großartiges Bild der Schöpfungsgeschichte unseres Planeten entrollt. Da es dem Dichtergeologen gelungen, ferne von gelehrter Pedanterie wie von poetischer Ueberschwänglichkeit der dichterischen und der wissenschaftlichen Seite der Aufgabe in gleichem Maße gerecht zu werden, ist es befremdend, daß der auch von Humboldt sehr günstig beurtheilte Sang nicht jene Beachtung fand, die er nach seinem Gehalte entschieden verdiente.

Als Lehrer wirkte K. mit seiner nach Klarheit und Sicherheit strebenden Methode höchst erfolgreich; im directen Verkehre mit seinen Schülern, deren er allmählich zwei Generationen heranbildete, war er unermüdlich in Form einer eindringlichen, manchmal etwas herben Bestimmtheit, durch welche jedoch stets der wohlwollende Humor seines Wesens hindurchklang.

In den letzten Jahren seines Schaffens stand er in Opposition gegen jene Richtung, welche die Consequenzen der modernen Chemie sofort auch auf dem Gebiete der Mineralogie zur Geltung bringen wollte; doch war sein Urtheil [792] in dieser Frage stets objektiv und maßvoll gehalten. K. hat während seines langen, fruchtbaren Gelehrtenlebens eine große Anzahl von Abhandlungen aus den verschiedensten Gebieten seiner Wissenschaft geliefert; die Mehrzal derselben findet sich in den gelehrten Anzeigen und Sitzungsberichten der bairischen Akademie, ein Theil – namentlich die älteren – in Kastner’s Archiv für die gesammte Naturlehre, in Poggendorff’s Annalen und in Erdmann’s Journal für praktische Chemie, einige auch in Schweigger-Seidel’s neuem Jahrbuch der Chemie und Physik.

Außer dem Stauroskop hat man K. auf wissenschaftlichem Felde noch eine namhafte Entdeckung zu danken, jene – der Galvanographie. Durch den Herzog von Leuchtenberg von den Dr. Jakobi’schen Experimenten über Galvanoplastik näher in Kenntniß gesetzt, beschäftigte sich K. im Winter 1839/40 mit deren Wiederholung, und entdeckte hiebei eine Methode „in Tuschmanier gemalte Bilder oder Zeichnungen auf galvanischem Wege so in Kupfer vertieft zu copiren, daß sie durch druckbare Platten vervielfältigt werden können“. Er nannte diese Erfindung „Galvanographie“, und legte sie der Münchner Akademie der Wissenschaften in deren Sitzung vom 14. März 1840 vor. 1842 (München, Cotta 4°) veröffentlichte er eine diese Entdeckung näher beleuchtende Abhandlung, welche von Letsom ins Englische übersetzt und 1846 neu aufgelegt wurde. Alsbald beeilten sich Künstler, Stiche und Oelbilder auf dem angegebenen galvanischen Wege zu vervielfältigen; namentlich gab Leo Schöninger eine Reihe von Blättern heraus, darunter den bekannten Früchtenkranz von Rubens und David Wilkie’s († 1841) „Testamentseröffnung“ (eines der besten Genrebilder der neuen Pinakothek Nr. 201). Auch auswärtige Vereine (u. A. die Pariser und Petersburger Akademie) folgten mit Interesse dieser Erfindung und außer den deutschen Fachschriften brachten französische und englische Journale (so das Bulletin scientifique in Petersburg, die Bibliothèque universelle zu Genf, Sturgeons Annals of electricity, American Journal of science, Bd. 48 u. A.) theils Uebersetzungen des von K. in der Akademie gehaltenen Vortrages, theils Auszüge aus dessen Abhandlung. Die Galvanographie hätte eine bedeutendere Zukunft gehabt, wenn nicht sehr bald darauf die Photographie und dann der Lichtdruck in Aufnahme gekommen wären, durch welche künstlerische Vervielfältigungen auf bequemerem und billigerem Wege als mittels der Galvanographie hergestellt werden können.

Solch’ umfassenden Leistungen gegenüber fehlte es dem Gelehrten auch nicht an mannigfacher Anerkennung. So erkoren ihn nicht weniger als 22 naturwissenschaftliche Gesellschaften und Vereine des In- wie Auslandes theils zum ordentlichen theils zum Ehrenmitglied, u. A. die baierische Akademie der Wissenschaften (der er seit 1823 als außerordentliches Mitglied beziehungsweise als Adjunkt, seit 1842 als ordentliches und seit 1869 als Secretär der mathem.-physikalischen Classe angehörte), dann die kaiserl. Akademie der Wissenschaften zu St. Petersburg (1849), die k. k. geologische Reichsanstalt zu Wien, die mineralog. society of great Britain and Ireland (1879), sowie die neugestiftete société mineralog. en France in Paris, welche K. die Ehre erwies, ihn 1880 als Erstes ihrer statutengemäß auf zwölf beschränkten Ehrenmitglieder aufzunehmen. Ferner besaß K. acht Orden höheren Ranges und wurde wegen seiner hervorragenden Thätigkeit auf dem Gebiete der Wissenschaft mit dem von König Maximilian II. 1853 gestifteten Maximiliansorden und zwar schon im Gründungsjahre bedacht. Der schwedische Geolog J. Setterborg benannte ein Wismuth-Bleierz von Hvena in Schweden dem baierischen Forscher zu Ehren: Kobellit, und die Münchener Hochschule wählte ihn am 50. Gedenktage seiner Erlanger Promotion (Februar 1874) auch zu ihrem Doctor unter feierlicher Zustellung des Diploms nebst einer [793] Jubiläumsschrift des nunmehrigen Oberbergdirectors Dr. Gümbel. Als endlich bei der 700jährigen Regierungsfeier des Hauses Wittelsbach (1880) um Krone und Land verdiente Männer ausgezeichnet wurden, erhielt K. durch allerh. Decret vom 19. Octbr. 1880 „in wohlgefälliger Anerkennung seiner ausgezeichneten Leistungen auf dem Gebiete der Wissenschaft sowie im Lehramte“ den Titel und Rang eines geheimen Rathes. – Wir haben K. bisher als Gelehrten und Professor gewürdigt, hiemit aber nur eine Seite seiner Thätigkeit betrachtet; zum vollen Lebensbilde erübrigt noch, dessen als Dichter und Jäger zu gedenken, da K. – obwohl er der Poesie und Waidmannslust blos in seinen Nebenstunden huldigte – durch seine litterarischen Arbeiten auf diesen beiden Gebieten gleichfalls einen weit gefeierten Namen errungen hat. Der angehende Docent verbrachte die Herbstferien regelmäßig im idyllischen Gmund am Tegernsee, wo dessen Schwiegervater Aegid v. Kobell ein gastliches Tusculum besaß. Von hier aus unternahm Ersterer manche Bergfahrt, manchen Pirschgang, denn die hochwildreichen Wälder und Höhen der Voralpen weckten alsbald seine Jagdlust, welcher er bis ins hohe Alter mit jugendlicher Ausdauer nachhing. Keine Mühe, selbst keine Gefahr scheuend, erklomm er – bereits ein Siebziger die Steilwände und Joche, um sich alljährlich ein Paar Gemsen zu holen, deren er während seiner mehr als 50jährigen Jägerlaufbahn nahe an 300 geschossen hat.

Als ächter Waidmann von einem gewissen Jägeraberglauben nicht ganz frei, meinte er halb im Ernste halb im Scherze: daß es in dem Jahre zur Neige gehe, in dem er keine Gemse erlege; und in der That sein Todesjahr war nach zehn Jahren das erste, in welchem er keine Gemse als Jagdbeute verzeichnen konnte! Neben praktischer Ausübung der Jagd fesselte K. bei seinem angebornen Forschungstriebe auch das heimathliche Jagdwesen der Vorzeit. Diese geschichtliche Studien verbunden mit dem großen Vorrathe von Kobell’s Erfahrungen und Erinnerungen bildeten das Material zum „Wildanger“ (Stuttgart, Cotta 1859. 491 Seiten), welcher von Fröhlich’s Künstlerhand mit trefflichen Holzschnitten geschmückt, dem erlauchten Waidmanne König Maximilian II. gewidmet ist. Das auf gründlichen Vorarbeiten aufgebaute Werk bespricht in einzelnen Kapiteln die mannigfaltigen Arten des Waidwerkes und verwebt hiemit in freien Umrissen die Geschichte des baierischen Jagdwesens. Der Wildanger ist nicht im Stile nüchterner Belehrung geschrieben, es kommen in ihm auch Poesie und ein genialer Humor zur Geltung, weßhalb er als klassisches Werk auf dem Felde der Jagdlitteratur bei Fachgenossen wie bei Freunden des Waidwerkes gleichen Beifall gefunden hat. Neben dem Wildanger hat der erfahrene Jäger in einer kleinen Brochüre („Jagdliche Erinnerungen“, 1876) seinen Freunden und Jagdgenossen einige Erlebnisse aus seinen Jagdtagen erzählt; in verschiedenen Zeitschriften (in Westermann’s Monatsheften, in der Jagdzeitung u. a.) interessante waidmännische Mittheilungen gebracht, und außerdem in letzter Zeit gerne besuchte Vorlesungen über die Jagd und die baierische Jagdgeschichte gehalten. Solch’ eifriger Pflege der Jägerei und seinen naturwissenschaftlichen Kenntnissen hatte K. zu danken, daß ihn der höchstselige König Maximilian II. schon als Kronprinz in seine Nähe zog, und ihn stets gerne um sich sah. In kleidsamer Jägertracht bildeten K. mit Tann, Ricciardelli, Pappenheim und ein Paar weiteren Gästen das Gefolge bei jenen prächtigen Hochwildtreiben, welche der König zu Berchtesgaden oder Schwangau, im stillen Ammergrunde oder in der wildzerklüfteten Rieß abhielt, und wenn diese Jagdtage heitere Abende beschlossen, so war es hauptsächlich K., der durch Sang und Zitherspiel wesentlich zu deren Belebung beitrug. Auch bei den Symposien, welche der Monarch unter Zuziehung von Münchener Gelehrten und Dichtern bei sich veranstaltete, [794] wirkte K. als anregendes Element. Ferner begleitete er auf seinem Bukowiner „Radauz“, den er in den „Erinnerungen“ gar launig besungen, seinen königlichen Herrn auf jener denkwürdigen Reise, welche dieser gleich der Begleitung hoch zu Roß im Spätsommer 1859 der Landesgrenze entlang von Lindau bis Berchtesgaden unternahm, und welche Bodenstedt später (1871) in einem Schriftchen recht anziehend erzählt hat. In begeisterter Verehrung Maximilian II. zugethan, weihte endlich K. dem zu früh Dahingeschiedenen „Ein Gedächtnisblatt“ (1864), worin er einige hochherzige Züge aus dem Leben dieses Regenten verewigt. – Auch mit Herzog Wilhelm v. Urach, der sich gerne mit chemischen Versuchen beschäftigte, namentlich aber mit Herzog Maximilian in Baiern stand K. in nahen, ja innigen Beziehungen, was unter anderem der freundschaftliche Inhalt zahlreicher Briefe beider Fürsten bestätigt, welche sich in dessen Nachlasse vorfinden: Herzog Maximilian nicht nur Gönner, sondern auch Kenner der Litteratur und gleich K. ein warmer Verehrer altbaierischen Gebirgs- und Volkslebens, wußte Kobell’s Dichtergabe und Humor wohl zu schätzen; er lud ihn zu seinen heiteren Festen, ernannte ihn 1843, bei Gründung seiner fröhlichen Tafelrunde zum „Meistersänger“ und ermunterte ihn zu seinen Dialectpoesien. In dankbarer Anerkennung widmete dagegen K. seine oberbaierischen Gedichte dem fürstlichen Gönner und besang ihn zum öfteren wegen seines ritterlichen Sinnes und seines hinreißenden Zitherspieles.

Wie Kobell’s Ferienaufenthalt am Tegernsee dessen Jagdlust weckte, so förderte er auch diesen Vorliebe für die baierischen Alpen und deren Bewohner. Im häufigen Verkehre mit diesen lernte er nicht nur ihre Mundart kennen, sondern auch ihr Sein und Fühlen, ihr Thun und Treiben. Dies gab den ersten Anstoß zur Volksdichtung; weitere Anregung erhielt der Dichter, wie erwähnt, durch Herzog Maximilian und durch „Altengland“, eine von K. und seinen Jugendfreunden 1826 gegründete Abendgesellschaft, deren 50jährige Jubelfeier (11. Februar 1876) K. unter dem Titel „Erinnerungen an seine Freunde in Altengland“ zu einem an gesellschaftlichen Reminiscenzen reichen Festschriftchen veranlaßte. – 1839 beschenkte er seine Freunde mit einem Bändchen Gedichte, welches er, da in der Sammlung drei Mundarten – die hochdeutsche, die oberbairische und rheinpfälzische vertreten waren, nach einem drei Oxyde enthaltenden Minerale „Triphylin“ nannte τρεις drei, und φυλή Stamm, also dreistämmig). 1841 trat die Sammlung mit einer Titelvignette seines Freundes Pocci versehen an die Oeffentlichkeit (München, Cotta). Durch die günstigen Stimmen der Presse und der Freunde aufgemuntert, gab nun K. die „Gedichte in oberbaierischer Mundart“ (2. Aufl. 1844, 9. Aufl. 1882), dann jene der pfälzischen (zuerst 1844, 6. Aufl. 1876), endlich die hochdeutschen (1852) stark vermehrt in gesonderten Bänden heraus. Herzog Maximilian, Abt, Gumbert und Kunz haben einige der Kobell’schen Trink- und Liebeslieder in Musik gesetzt. Im nämlichen Jahre (1852) erschienen drei größere epische Gedichte „Der Hausl vo’ Finsterwald“; „Der schwarze Veitl“ ; „’S Kranzner-Resei“ nebst anderen in oberbairischer Mundart (München, Cotta), wozu Karl Piloty ein hübsches Titelbild lieferte (2. Aufl. 1876, neue 3. Aufl. o. J.). 1860 veröffentlichte K. „Oberbaierische Lieder mit ihren Singweisen“, welche er im Auftrage des Königs Maximilian II. für das baierische Gebirgsvolk gesammelt hatte. Zu den Bildern, mit welchen das schmucke Büchlein geziert ist, hat Arth. v. Ramberg an Ort und Stelle gründliche Studien gemacht und gehören diese Bilder zu den besten Arbeiten des reichbegabten Künstlers. Da diese „Lieder“ auf allerhöchsten Befehl an sangeskundige Burschen und Sennerinnen vertheilt wurden, findet man sie häufig selbst auf Almenhütten und entlegenen Bauernhöfen.

[795] K. besaß die seltene Gabe sich in zwei wesentlich verschiedenen Dialecten gleich gewandt auszudrücken und ist dessen Kenntniß des Pfälzischen um so überraschender, als er nie längere Zeit in der Pfalz verweilte. Unterstützt von einem angebornen Sprachentalente, hatte er dieses Idiom als Kind von seiner Wärterin und dem übrigen von „unne ruf“ gekommenen Gesinde des elterlichen Hauses rasch erlernt.

K. hat sich der Dialectdichtung zu einer Zeit zugewandt, als man auf Dialectstudien noch ziemlich geringschätzig herabblickte und von deren wissenschaftlichem Werthe eine höchst unzureichende Vorstellung hatte; deshalb sind aber auch seine Leistungen, und die überraschenden Erfolge, welche er in der Sprachbeherrschung erzielte, litterargeschichtlich um so höher anzuschlagen. Ihm gebührt das unleugbare Verdienst, das altbaierische wie pfälzische Idiom zuerst gewissermaßen zur Schriftsprache erhoben und in die Litteratur eingeführt zu haben. K. verstand aber nicht blos, den Dialect richtig wiederzugeben; mit der Eigenart des Altbaiern und des Pfälzers wohlvertraut, verstand er es auch, deren grundverschiedene Anschauungs-, Empfindungs- und Lebensweise – kurz, das ganze innerste Wesen beider Stämme in seinen Dichtungen naturgetreu darzustellen. Kobell’s Muse kennzeichnet sich zunächst durch Reichthum der Gedanken und Gemüthstiefe, durch originellen Humor und treffende Ausdrucksweise. Vor Allem aber trägt sie das Gepräge des Wahren und Unmittelbaren. Es hält bisweilen schwierig, festzustellen, was K. selbst geschaffen, was er dem Volksmunde abgelauscht, aber gerade hierdurch nähert er sich unbewußt der dichterischen Vollendung; denn je mehr der „Artist“ in den Hintergrund tritt, desto höher steigt der Werth des „Dichters“. So sind denn seine Sprüche und „Gsangeln“ längst im Volke gang und gebe, ja mehrere seiner Gedichte werden nicht blos im baierischen Gebirge, sondern auch in Steiermark, selbst in Mittel- und Unterkärnthen und zwar als vermeintlich heimische Lieder gesungen.

Unerreicht war K. im „Schnadahüpfel“, jenen leichtgefügten, vierzeiligen Reimstrophen meist launigen oder neckenden Inhaltes. Frisch und schneidig hat er deren über 300 im ächtesten Volkstone gedichtet und bereits 1847 eine Sammlung („Schnadahüpfeln und Sprücheln“) mit Bildern von Pocci (o. J. kl. 8) veröffentlicht. Eine vermehrte Auflage – bereichert mit den „Geschichteln“[WS 1] – verließ 1872 die Presse. Es war ein Hochgenuß, wenn K. bei jenen Bockpartien, die er alljährlich in seinem charakteristischen, mit Tannen und Waidwerk geschmückten Arbeitszimmer einem auserwählten Freundeskreise veranstaltete, seine Schnadahüpfeln vortrug und abwechselnd mit dem Virtuosen Petzmaier hierzu gar meisterlich die Zither spielte (Allgem. Zeitung, 1876, Nr. 146). Charles Boner hat mehrere oberbaierische Gedichte und Schnadahüpfeln im Englischen (in seinen Chamois hunting in bavarian mountains und in Literary gazette, 1846), H. v. Bourgoing ein Paar der letzteren im Französischen (Philologie universelle) wiedergegeben. –

Die oberbaierischen und pfälzischen Gedichte hatten bereits einige Auflagen erlebt, als K. mit den ersten Versuchen in Dialectprosa begann; er schrieb zuerst Volksstücke, später Erzählungen und zwar in beiden Mundarten. Der „Rauba“ und der „Roaga“ (Reiher) wurden 1847 zum ersten Male auf der Münchener Hofbühne mit Beifall gegeben, und von da an gleich dem übrigen „Gschpiel“ auf mehreren süddeutschen Theatern aufgeführt. Stehen auch diese dramatischen Genrebilder mit den Gedichten und Sprüchen nicht auf gleicher Stufe (da K. statt eines wohlgegliederten dramatischen Aufbaues mehr einzelne Scenen vorführt), so vermögen sie doch durch naturgetreue Zeichnung der Personen und genaue Wiedergabe des Localtons ansprechend zu wirken. Im Drucke erschienen diese Gschpiel (vier an der Zahl) nebst einigen Gedichten erst 1860 (Dempwolf in München). [796] 1879 wurden sie vermehrt durch „Die schö Cenzi von Mittenwald“ unter dem veränderten Titel „Oberbaierische Volksstücke“ (bei Braun und Schneider in München) neu aufgelegt. 1863 veröffentlichte K. (bei Fleischmann in München) die „Pfälzische G’schichte“ – 8 kürzere Erzählungen nebst einem einaktigen Genrebilde: „Drei Freier“, von welchen Erzählungen Ed. Hobein in seinen „Blömings un Blomen“ ein Paar im Plattdeutschen wiedergegeben hat. 1872 folgten „Schnadahüpfeln und Gschichtln“ (bei Braun und Schneider). Neben einer vermehrten Sammlung der schon obenerwähnten Schnadahüpfeln bietet der Verfasser eine fesselnde Abhandlung über Dialectpoesie mit besonderer Berücksichtigung Altbaierns, und sechs kleine Novellen in altbaierischer Mundart, von denen Dr. L. Sieber einige in die Baslersche übertragen hat.

Unter Kobell’s Prosaschriften im Dialecte nimmt unstreitig der in oberbaierischer Mundart erzählte „Brandner-Kaspar“ vermöge tiefer psychologischer Begründung und tief empfundener Darstellung den Ehrenplatz ein; die kleine Geschichte kann wegen ihrer ergreifenden Wirkung füglich den Perlen unserer erzählenden Litteratur angereiht werden. Ueberhaupt sind die altbaierischen Dichtungen – Gedichte wie Novellen – jene, in denen Kobell’s angeborenes reiches Dichtertalent am glänzendsten hervortritt; ihr Stoff lag auch seiner ganzen Individualität am nächsten. K. hing mit voller Liebe am baierischen Heimathlande und am angestammten Herrscherhause. Entzückt von der großartigen Natur der Alpenwelt und aufs engste verwachsen mit dem Fühlen und Denken seines Baiernlandes, ist er stolz auf sein Baierthum, er will nicht lassen vom alten Brauche und altererbter Eigenart und spricht dies in seinen Liedern oft und kernig aus. Indeß war er ein zu klar und hellblickender Kopf, als daß er in starrem Particularismus die großen Ereignisse von 1870/71 grollend und schmollend mißachtet hätte. Er freute sich ehrlich und aufrichtig über das blühend erstandene Reich, das wiedergewonnene Ansehen Deutschlands und gab diesen Gefühlen durch Wort und That Ausdruck. So ruft er in einem „Victoria“ betitelten Gedichte (Erinnerungen etc. S. 76) in der Schlußstrophe den deutschen Stämmen wohlmeinend zu:

„Und wie Ihr einig in des Krieges Tosen
So ein’ Euch stets ein brüderliches Band
Dann aus der blut’gen Wahlstatt blühen Rosen
Zu Schmuck und Ehr’ dem lieben Vaterland!“ –

„Im Kopfe deutsch, im Herzen baierisch“ – so lautete klar und bündig sein politisches Programm. Indeß war Politik nie seine Sache, einestheils zu sehr Jäger, anderentheils zu sehr Dichter, hatte er keine Lust, sich mit hochpolitischen Fragen eingehend und nachhaltig zu beschäftigen; unter seinen zahlreichen Gedichten ist nicht eines, welches als politisches in strengem Wortsinn gelten könnte.

Kobell’s letzte Dichtergabe sind seine „Erinnerungen in Liedern und Gedichten“ (München, Braun und Schneider, o. J.), (1882), eine bunte Sammlung aus älterer und neuerer Zeit. Hier begegnen uns u. a. Dichtergrüße an hohe Gönner und Münchener Freunde: an Königin Maria, Herzog Maximilian, Herzog Karl Theodor, an Pocci, Döllinger, Pettenkofer u. v. a.; dann Gelegenheitsgedichte, hervorgerufen durch die Stiftungsfeier der Universität und manche fröhliche Feste. Auf diese Weise spiegelt die Sammlung das höhere gesellschaftliche Leben Münchens wieder im zweiten Drittel dieses Jahrhunderts und kömmt ihr somit neben dem dichterischen Werthe auch eine kulturgeschichtliche Bedeutung, wenn auch in localer Begrenzung zu. Nebenbei belehren uns diese Erinnerungen, daß K. geistig nicht alterte, denn obwol ein guter Theil der Gedichte aus dem letzten Jahrzehnt stammt, können sie nach ihrem inneren Gehalte jenen aus des Dichters Blüthezeit unbedenklich zur Seite gestellt werden.

[797] So dichtete K. trotz der sich mehrenden Jahre munter fort, war Jahr aus Jahr ein mit gewohnter Geistesschärfe als Lehrer und Gelehrter thätig und jagte allherbstlich in den Bergen auf Hoch- und Federwild. Erst im Vorjahre (1881) verspürte der bis dahin rüstige Mann eine merkliche Abnahme seiner Körperkräfte. Ein Sommeraufenthalt im nahen Aybling und in der Alpenluft des tannenumgürteten Bades Kreuth sollte den Organismus kräftigen und stärken. Doch leider vergeblich. K. entschlief am 11. Novbr. 1882 und wurde am 14. dess. Mts. mit großem Geleite zur Erde bestattet, aufrichtig betrauert von seinen Collegen und Gönnern, von seinen Freunden und Verehrern, deren er sich so viele zu erwerben gewußt hat. Kobell’s äußere Erscheinung war schlicht, aber von eigenartigem, scharfem Gepräge. Mit seiner sehnigen Gestalt von mittlerer Größe, mit dem wetterharten, gebräunten Gesichte, welchem große, scharfleuchtende Augen, buschige Brauen und aufstrebend lockiges Haupthaar einen ernst-männlichen Ausdruck verliehen, mit dem breitkrämpigen Hute, den im Sommer ein Paar selbstgepflückte Feldblumen schmückten – glich K. mehr einem rüstigen Alpenjäger, denn einem Gelehrten. Der schlichten äußeren Erscheinung entsprach auch dessen offenes, treuherziges Wesen; er war ein Mann ohne Falsch und Arg; ein verlässiger Charakter, heiter und voll Lebenslust, neidlos in Anerkennung fremder Verdienste. Gelehrte Phrasen und eitles Jagen nach äußerer Anerkennung widerstrebten seiner Natur. Die Sache stand ihm eben höher als die Form, und wenn er in dieser bisweilen ins Schroffe streifte, so verletzte es nicht, da Jedermann Kobell’s Wohlwollen und offene Sprache kannte. Treu seinem Wahlspruche: „Carpe diem“ den er nach dem Eintritte ins achte Decennium mit „Carpe horam“ vertauschte, ließ er keine Stunde ungenützt oder müßig verstreichen; und so konnte er am Ende seines Lebens im Rückblicke auf eine reiche geistige Thätigkeit von sich sagen: „nullam diem perdidi!“ Ein fast vollständiges Verzeichniß der naturwissenschaftlichen Arbeiten Kobell’s enthält der Almanach der kgl. baier. Akad. der Wissensch., Jahrg. 1875 und 1878, auch Poggendorff’s Biograph. Handwörterbuch, Sp. 1286. – Ein Verzeichniß der belletristischen Werke Kobell’s findet man bei Brümmer, Deutsches Dichterlex. I. 451, in Verbindung mit Bornmüller, Schriftstellerlex. S. 392. – Weger in Leipzig hat nach einer guten Photographie einen gelungenen Stich und schon früher L. Schöninger nach eigener Zeichnung eine Galvanographie von K. in 4° hergestellt.

Jahrbücher der Litteratur, Wien 1846, Bd. 113, S. 230 u. ff. – Stuttgarter Morgenblatt, 1840, Nr. 93. – Historisch-politische Blätter, 1844, Bd. XIII, S. 270 u. ff. Schlesische Zeitung, Jahrg. 1874, Nr. 180, S. 3 bis 6. Tägliche Rundschau, Jahrg. 1882, Nr. 271. – The literary gazette and journal etc., Jahrg. 1846, Nr. 1516 u. ff. – Bornmüller a. a. O.

[789] *) Zu S. 357 oben.


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: kein schließendes Anführungszeichen