ADB:Kretschmann, Karl Friedrich

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Artikel „Kretschmann, Karl Friedrich“ von Erich Schmidt in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 17 (1883), S. 131–132, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Kretschmann,_Karl_Friedrich&oldid=- (Version vom 20. Juni 2019, 05:33 Uhr UTC)
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Kretschmann: Karl Friedrich K., der „Barde Rhingulph“, Dichter, geb. den 4. Decbr. 1738 in Zittau als Sohn eines gebildeten Advocaten, erzogen in der Vaterstadt, welche die pädagogischen Anregungen Chr. Weise’s, auch in der Schulkomödie, modificirt wahrte, studirte zu Wittenberg seit 1757 Jurisprudenz und schöne Wissenschaften, gehörte einer akademischen „deutschen Gesellschaft“ an und ließ einige Uebersetzungen aus Gherardi und Steele erscheinen. 1762 disputirte er, wurde Advocat in Zittau, heirathete 1764 des Rector Gerlach Tochter, verlor sie aber schon nach einigen Monaten, sammelte 1764 seine lyrischen und epigrammatischen Gedichte, um 1768 f durch „den Gesang Rhingulph’s, des Barden als Varus geschlagen war“, dem 1771 „Die Klage Rhingulph’s des Barden“ folgte, reichen, jedoch vergänglichen Ruhm zu ernten. Hermann-Arminius war u. a. von J. E. Schlegel in einem sentenziösen Drama, von Schönaich in einem vielberufenen matten Epos, von Klopstock in einer feurigen Ode gefeiert worden und der bardisch-skaldische Geschmack nahm seit Macpherson’s Ossian (1760, deutsch zuerst 1764) und Mallet (deutsch 1765) überhand. 1766 erschien Gerstenberg’s „Gedicht eines Skalden“, 1767 arbeitete Klopstock ältere Oden ins Bardische um und schuf neue voll germanischer Mythologie, 1768 Rhingulph, Denis’ Ossianübersetzung, 1769 Klopstock’s Hermannsschlacht. Im ersten Bande der Werke geht den „Bardeyen“ eine Abhandlung „Ueber das Bardiet“ voraus, Hirngespinnst gleich dem was Klopstock über den Bardiet in Tacitus und Ammianus Marcellinus hineingelesen hat. So sagt K. 1, 20, er reime wie die Barden. Er denkt sich einen bardischen Anakreon und tändelt sein altgermanisches Liebesidyll „Die Jägerin“, er denkt sich einen bardischen Kleist und besingt manierirt den Frühling oder feiert Kleist und Denis-Sined als bardischer Horaz. Auch an Gellert’s Grabe flossen einige Bardenzähren. Die fünf Lieder des „Gesangs“ und die „Klage“, in gereimten Kurzzeilen, mit Interjectionen überladene Rhapsodien, weichlich und schwülstig, sind durchaus unepisch abgefaßt. Rhingulph schwärmt von seiner Kindheit, seiner herrlichen Heimath, deutscher Sittlichkeit und Jünglingskraft, der Geliebten Irmentraud, von der Volkserhebung unter Hermann, der Befreiungsschlacht, an der er theilnahm, während sein Freund Gottschalk, ein anderer Flavus, zum Erbfeind hielt, und schließt dankend, preisend, prophezeiend; in der Klage spielt er den Lobredner Hermanns gegen die mißgünstigen Fürsten, wird als Beistand des Ueberfallenen verwundet und betrauert den Mord. Alles mit einer geschraubten emphatischen Vergegenwärtigung, deklamirend, ohne Wucht und ärgerlich modern. Gleichwol fand K. Beifall, so lange die Neuheit der bardischen Mummerei den großen Haufen und einzelne Litteratenkreise blendete. Weiße und Gleim, stets kritiklos (er dachte beim „Gesang“ sogar an Herder, dann an Möser als Verfasser, s. Klotz, Deutsche Bibliothek, Bd. 3, 15 ff.), feuerten ihn an, doch war selbst der letztere mit Kretschmann’s 1789 begonnenem, auf zwölf Bücher berechneten großen Epos auf Friedrich II. unzufrieden. Die Göttinger tranken auf sein Wohl, um ihn bald, durch Klopstock umgestimmt, zu verdammen. Herder, Wieland, Bodmer, Goethe etc. zürnten und lachten. Zur Genieperiode („brausende Kraftmänner“) und klassischen Epoche fand der Mann der alten Schule kein Verhältniß. – K. hat, abgesehen von Uebersetzungen (auch der taciteischen Germania) und zahlreichen kleineren Veröffentlichungen sechs Bände gefüllt und einen Nachtragsband folgen lassen (Sämmtliche Werke, Leipzig 1784–99). Nur der milde Zweck mag einiges in dieser mittelmäßigen Geschwätzigkeit entschuldigen. K. ging von Gleim und Gellert aus. Spielende Liederchen, witzlose Epigramme, Prosafabeln, Gespräche [132] im Reich der Todten, Briefe, Nachrufe, geistliche Lieder, Hymnen, Stücke aus Ossian, höchst langweilige platte Lustspiele, flache Novellen. Er gießt alles in den Model seiner Manier: der „Nordische Wilde“ (2, 216 f.) girrt wie ein Leipziger Celadon. K. war ein eifriger Mitarbeiter an Becker’s „Erholungen“ und der lausitzer Monatsschrift. Aus dem forcirten Barden wurde in der Zittauer Abgeschiedenheit ein bellettristischer Vielschreiber. Weiße blieb sein Liebling und Freund. 1774 zum städtischen Gerichtsactuar ernannt, 1775 zum zweiten Male verheirathet, 1797 nach längerer Krankheit pensionirt ist er am 19. Januar 1809 gestorben.

Karl Friedrich Kretschmann (der Barde Rhingulph). Ein Beitrag zur Geschichte des Bardenwesens. Von Dr. H. F. Knothe. Zittau 1858. 4°.