ADB:Pistorius, Hermann Andreas

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Artikel „Pistorius, Hermann Andreas“ von Adolf Häckermann in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 26 (1888), S. 194–196, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Pistorius,_Hermann_Andreas&oldid=- (Version vom 19. Juni 2019, 07:51 Uhr UTC)
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Pistorius: Hermann Andreas P., als treuer Seelsorger seiner Gemeinde, sowie als gelehrter und helldenkender Theolog eine Zierde des geistlichen Amtes in seiner Heimath, ward im April 1730 zu Bergen a/R. geboren, woselbst sein Vater das Diakonat bekleidete, und starb am 10. November 1795 zu Poseritz. Den ersten Unterricht empfing er in seiner Vaterstadt, bezog sodann das Gymnasium zu Stralsund, später das Collegium Carolinum zu Braunschweig und studirte auf den Universitäten Göttingen und Greifswald Theologie. Nachdem er einige Jahre zu Stralsund, Hamburg und Bergen als Hauslehrer gewirkt hatte, wurde er 1751 Pastor substitutus zu Schaprode auf der heimathlichen Insel, sodann aber am 27. April 1759 zum Pastor und Präpositus der [195] Synode nach Poseritz berufen. Neben treuer Amtsführung that er sich hier durch wissenschaftliche Strebsamkeit rühmlichst hervor. Wie sein Schwager Spalding besaß er eine gründliche und umfassende Kenntniß der englischen Philosophie, schrieb Beiträge zur „Allgemeinen deutschen Bibliothek“ und besorgte auch einen neuen Anhang zu dem schwedisch-pommerischen Gesangbuch, der theils eine Anzahl Lieder jüngerer Dichter, theils Verbesserungen alter enthielt, indessen gestatteten die Landstände die Einführung desselben nicht. Seine geistige Bedeutung und vielseitige Thätigkeit empfing jedoch dadurch ihre öffentliche Anerkennung, daß ihm nicht nur die philosophische, sondern 1720[1] sogar die theologische Doctorwürde von der Greifswalder Facultät ertheilt wurde. Auch erwähnt ihn E. M. Arndt in den „Briefen an eine Freundin“ und rechnet ihn zu den durch Kenntnisse, Sitten und Charakter ausgezeichneten Männern. Eine „Cypresse“ hat auf sein, sowie seines Schwagers Spalding Grab Karl Lappe in den „Blüthen des Alters“, Stralsund 1841, S. 160, niedergelegt.

Sein ältester Sohn, Christian Brandanus Hermann P., durch gelehrte Bildung und wissenschaftlichen Eifer namhaft, ward geboren am 12. Mai 1763 zu Poseritz und starb am 9. November 1823 zu Garz. Von seinem Vater und Privatlehrern unterrichtet erwarb er sich, ohne eine öffentliche Unterrichtsanstalt besucht zu haben, gründliche, sowie umfassende Kenntnisse und bethätigte dieselben durch eine Reihe werthvoller wissenschaftlicher Arbeiten, welche Biederstedt aufzählt. Unter denselben heben wir hervor: „Ueber den Dienst der Fetisch-Götter“, 1785. „Priestley’s Liturgie“, 1787, welche beide sein Vater mit einer Vorrede einleitete. Außerdem schrieb er Abhandlungen in verschiedenen Zeitschriften und übersetzte aus dem Englischen: Middleton’s theologische Abhandlungen, 1793; Belsham’s Versuche über Gegenstände der Philosophie, Theologie und Litteratur, 1798; Abendzeitvertreib oder Schilderungen aus dem wirklichen Leben, 1807; Riley’s Gefangenschaft und Reise in Afrika, 1817; aus dem Lateinischen: Lucan’s siebentes Buch (die Schlacht bei Pharsalus) metrisch übersetzt, mit Vorrede, Anmerkungen und beigefügtem Text, 1802; Dion. Catos moralische Distichen metrisch übersetzt und mit einem Anhange vermehrt, 1815; Persius Sat. 3. in Gurlitt’s Programm, 1812. Nach dem Tode des Vaters begab er sich in das Haus seines Bruders, des Magisters und Doctors Philipp P., Pastors zu Garz und genoß der treuen Pflege seiner Schwägerin.

Seine Schwiegertochter Henriette Charlotte Helene P., dem zweiten Sohne Johann Philipp seit dem 3. September 1797 vermählt, gehört als hochgebildete Frau und geistvolle Dichterin dem Kreise an, welcher seinen allbelebenden Mittelpunkt in E. M. Arndt hatte. Sie ward als Tochter des Pastors Pritzbuer am 5. November 1777 zu Reinkenhagen bei Stralsund geboren und starb am 14. September 1850 zu Garz auf Rügen. In ihrem 8. Lebensjahre siedelte sie mit dem Vater in dessen neuen Wirkungskreis nach Garz über und dies blieb fortan mit geringer Unterbrechung ihr Heimathsort. Trotz dürftigen und mehrfach gestörten Unterrichts entfaltete sich bei ihr auf Grund natürlicher Anlage Geist und Charakter zu immer reicherer Blüthe, und verfuhr sie zumeist autodidaktisch, so war doch das Leben im elterlichen Hause mit seiner religiösen, sowie wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Anregung von weitgreifendem und nachhaltigem Einfluß auf ihre Entwickelung. Später trat sie in enge Beziehung zu hochgebildeten Persönlichkeiten und schöpfte daraus für ihre Weiterbildung. Mit aufopfernder Treue widmete sie sich der Pflege ihrer langerkrankten Mutter und führte den Haushalt, so daß sich dadurch bei ihr ein reger Sinn, sowie Umsicht und Gewandtheit für die Praxis des häuslichen Lebens bildete. Ihre geistig-sittliche Bedeutung fand mehr und mehr die allgemeinste Anerkennung. Schon in jüngeren Jahren hatte sie Ernst Moritz Arndt kennen gelernt und die [196] gegenseitige Werthschätzung der beiden an Geist und Charakter hervorragenden Persönlichkeiten schuf ein unauflösliches Band der Freundschaft. Dem ehrwürdigen Vater Propst Pritzbuer in Garz ward zu seinem Jubeltage das schöne Gedicht „Gruß der Heimath“ gewidmet. Mit Schleiermacher und Gotthilf Schubert stand sie in regem Geistesverkehr. Das Bildniß des ersteren nahm in ihrem Zimmer die erste Stelle ein; des letzteren Reise durchs Morgenland bildete einen Theil ihrer Lieblingslectüre, der sie alle Dienstage obzuliegen pflegte. Auf den Wunsch des Vaters hatte sie sich mit dem Substituten desselben, Philipp P. vermählt. Nach 16jährigem[2] Zusammenleben löste der Tod des an einem schweren Brustübel leidenden Gemahls die kinderlose Ehe. Im J. 1819 rief der Tod auch ihren theuern Vater ab.[2] Sie zog nun in das stille Wittwenhaus; doch in ihrem reichbegabten Gemüth und weitstrebenden Geist fühlte sie eine Leere, welche ausgefüllt sein wollte. So kam ihr der Entschluß, auf unbestimmte Zeit in das Haus des verwittweten Professors Schildener nach Greifswald zu ziehen, demselben den Haushalt zu führen und seinen heranwachsenden Kindern die Mutter nach Möglichkeit zu ersetzen. Besondere Anziehung hatte auf sie der gebildete und geistvolle Ton geübt, der in diesem Hause herrschte und sie sah sich in ihren darauf bezüglichen Hoffnungen nicht getäuscht. Aber ihr Seelenleben vermochte die liebgewordene Heimath und die treuen Freunde daselbst nicht auf die Dauer zu entbehren, und sie kehrte nach einem fast zweijährigen Aufenthalte in Greifswald nach Garz zurück. Mit entfernteren Freunden und Bekannten unterhielt sie von hier aus unausgesetzt brieflichen Verkehr. Auch ward ihr einsames Wittwenhaus aus Nah und Fern vielfach aufgesucht. Gern sah sie heranwachsende Mädchen um sich und ließ sich deren geistige Entwickelung mit mütterlicher Sorgfalt angelegen sein. Auch der religiösen Erziehung und Weiterbildung der niederen Volksklassen widmete sie sich mit selbstverleugnendem Eifer und war den Armen mit Rath und That hilfreich. Den vorerwähnten Bruder ihres verstorbenen Mannes nahm sie in ihr Haus auf und pflegte ihn bis zu seinem Tode. Ihre äußere Erscheinung trug bei vorgerücktem Alter das Gepräge einer edlen Matrone, und sie übte auf alle, die mit ihr in Berührung kamen, eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus. Stets bedacht, ihren reichen Geistes- und Herzensschatz mit Freundinnen wie Freunden auszutauschen, ließ sie in zerstreuten Manuscripten eine Reihe von Briefschaften, Tagebüchern und lyrischen Dichtungen zurück, welche noch des Herausgebers harren. Sie verschied als die letzte ihres Geschlechts und ward von treuer Freundschaft zu Grabe geleitet.

Kirchenbücher von Poseritz und Garz. – Biederstedt’s Nachrichten von den jetzt lebenden Schriftstellern in Neuvorpommern und Rügen, Stralsund, 1822. – E. M. Arndt’s Briefe an eine Freundin, herausgegeben von Eduard Langenberg, Berlin 1878. – Petrich, pommersche Lebens- und Landesbilder, Hamburg 1880 (S. 412). – Selbstgeschriebene Tagebücher, durch Privatmittheilungen ergänzt und vervollständigt.

[Zusätze und Berichtigungen]

  1. S. 195. Z. 9 v. o. l.: 1790 (statt 1720). [Bd. 26, S. 832]
  2. a b S. 196. Z. 9 v. o.: statt „16jährigem“ lies „26jährigem“, da Pastor Pistorius am 2. Januar 1823 starb. – Weiterhin: „Am 14. August 1819 hatte der Tod bereits den Vater abgerufen.“ Vgl. Sonntagsbeilage der „Stralsunder Zeitung“ 1889, Nr. 150–197: „Aus Leben und handschriftlichem Nachlaß der Frau Charlotte Pistorius.“ [Bd. 30, S. 792]