ADB:Seybold, Johann Georg

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Empfohlene Zitierweise:

Artikel „Seybold, Johann Georg“ von Ludwig Julius Fränkel in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 34 (1892), S. 80–83, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Seybold,_Johann_Georg&oldid=- (Version vom 20. Mai 2019, 07:50 Uhr UTC)
Allgemeine Deutsche Biographie
>>>enthalten in<<<
[[ADB:{{{VERWEIS}}}|{{{VERWEIS}}}]]
<<<Vorheriger
Seybold, Friedrich
Band 34 (1892), S. 80–83 (Quelle).
Wikisource-logo.png [[| bei Wikisource]]
Kein Wikipedia-Artikel
(Stand Mai 2019, suchen)
GND-Nummer 128598727
Datensatz, Rohdaten, Werke, Deutsche Biographie, weitere Angebote
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Kopiervorlage  
* {{ADB|34|80|83|Seybold, Johann Georg|Ludwig Julius Fränkel|ADB:Seybold, Johann Georg}}    

{{Normdaten|TYP=p|GND=128598727}}    

Seybold: Johann Georg S., Philolog und Sprichwörtersammler, aus württembergischer Gelehrtenfamilie stammend, lebte etwa 1620–1690, im dritten Viertel des 17. Jahrhunderts nachweisbar in Schwäbisch Hall als Praeceptor Classicus an der 1655 zum Gymnasium illustre erhobenen städtischen Lateinschule. 1656 wird er als „Präceptor der dritten Klasse“ erwähnt und damals trug er auch Geometrie, Kriegsbauwesen und Geographie vor. Seine älteste Vorrede ist von 1654, die letzte bestimmte von 1677 datirt. Weiteres über sein Leben festzustellen war nicht möglich, zumal er eigentlich gar nichts über sich mittheilt (im Viridarium, Praefatio ad lectorem p. 10: Dr. Gottofredus Rabus, Pastor in agrio Comitatus Hohenloici Waldenburgico religiose fidelissimus, Fautor, Affinis et Amicus meus omnium fidelissimus et integerrimus).

S., der von kundiger landsmännischer Feder „überhaupt ein überlegener Kopf“ genannt wird, war bemüht, die Fortschritte der pädagogischen Erkenntniß seiner Zeit dem Gymnasialunterrichte in den alten Sprachen und in der Philosophie zu gute kommen zu lassen. Von diesen Hilfsmitteln, denen heute nicht [81] einmal mehr historisches Interesse zukommen mag, sind hervorzuheben: „Antibarbarus Latinus“, „Officina scholastica“, „Officina virtutum“. Das verhältnißmäßig bedeutendste ist das letzte, dessen Titel vollständig lautet: „Officina virtutum, seu praeceptiunculae morales in gratiam Tirunculorum conscriptae, et in brevium Exercitiorum formam redactae. Tugend-Schul, Das ist: Ein Bericht, wie die liebe Jugend in den Schulen zu allerhand Christlichen und GOtt wol-gefälligen Tugenden, vermittelst 186 kurtzer so genannter Argumentlein, nutzlich und erbaulich könne angeführet werden: Also von neuem eröffnet durch Johann Georg Seybold, Gymn. Halensis Praecept. Classicum. Nürnberg, In Verlegung Wolfgang Moritz Endters. Anno MDCCXX“ (XVI [unpaginirt] und 136 S. Nur diese Ausgabe lag mir vor, im Exemplar der Königlichen Bibliothek zu Stuttgart; die Vorrede ist datirt Hall, 1. März 1670). Das Werk ist eine trocken scholastisch-dogmatische Moralisterei. Ferner verfaßte S. die erste lateinische Grammatik in deutscher Sprache (um 1680; als „Erneuerte und verbesserte Grammatica“ noch 1714 neu aufgelegt) und eröffnete somit die unzählbare Legion verschiedenartiger Lehrbücher des classischen Idioms in der Muttersprache; dagegen trägt sein „Compendium grammaticae“ (z. B. Nürnberg 1698) lateinisches Gewand. Eine schon mehr litterarische Leistung stellt dar. „A. S. (= Andreas Salernitanus, Patricius olim Cremonensis) Bellum grammaticale, d. i. Eine sehr artige und kurzweilige Beschreibung deß Kriegs, den beede König der Nominum und Verborum, in der Landschaft Grammatic, um den Vorzug mit einander geführt: Allen der Grammatic und Lateinischen Sprach Liebhabern, absonderlich aber der Jugend zu gefallen, in die deutsche Sprach übersetzt und in gewisse Capita eingetheilt durch Johann Georg Seybold, Praeceptorem Classicum zu Schwäbischen Hall. Daselbsten auch gedruckt und verlegt von Hans Reinhard Laidigen 1670.“ Schon daß S. als Ordinarius an einem Gymnasium jener Zeit an die Wiedergabe eines derartigen halbsatirischen Werkes heranging, bezeichnet deutlich genug den freieren Standpunkt seines geistigen Strebens; über den bekannten Urtext sei hier nur bemerkt, daß der Verfasser, Andrea Guarna aus Salerno, sein „Grammaticae opus novum, grammaticale bellum“ zuerst 1539 ohne Namen drucken ließ. Den Uebergang zu der zweiten, ungleich bedeutsameren Seite von Seybold’s schriftstellerischer Thätigkeit bilden die stets nur knapp Frage und Antwort anführenden „Selectiora quaedam colloquia Latino-Germanica, ex optimis quibusque dialogorum libris in Tironum gratiam et usum collecta, in breves Paragraphos concisa, atque ita adornata, ut facile de quavis fere obvia materia Latine colloqui discant; opera Johannis Georgii Seyboldi, in Gymnasio Halensi Praeceptoris classici, editio nova, cui accesserunt variae et Tirunculis perquam utiles Latine loquendi formulae, in octo classes distributae“ (VIII [unpaginirt] und 396 S. Nürnberg, W. M. Endter, 1722; kaiserliches Privileg von 1719; Vorrede aus Hall ohne Datum; ältere Ausgabe nicht nachweisbar).

Wodurch und wann S. auf Sprichwörtersammeln geleitet wurde, ist nur zu vermuthen; ältere Arbeiten auf diesem Gebiete führt er der allgemeinen Sitte gemäß nirgends an. Den philologisch-gymnasialpädagogischen Ausgang verräth der den lateinischen Sprichwörtern vor den deutschen eingeräumte Vorrang als Grundlage der äußeren Reihenfolge. Uebrigens steht er mit seinen bedeutenden Vorgängern des 16. Jahrhunderts auf vertrautem Fuße, wie die greifbare Herübernahme eigenartig ausgeprägter Beispiele beweist (vgl. Fränkel, Vierteljahrschrift für Litteraturgesch. IV, 378 f., daneben auch dess. Parallelen i. d. Ztschr. f. vergleichd. Litteraturgesch. u. Renaissancelitt. N. F. IV, 89). Jedenfalls verdient Seybold’s alphabetisch angeordnete Sammlung lateinischer, durch [82] deutsche erklärter Sprichwörter die Aufmerksamkeit eines jeden Freundes alter Spruchweisheit und die vollste Rücksicht des Parömiographen, Litteratur- und Culturhistorikers. Sie erschien zuerst 1654 als „Fasciculus Adagiorum Latino-Germanicorum“ zu Ulm, dann 1665, 1669, 1678, 1689, 1698, 1711, 1723 als „Selectiora Adagia Latino-Germanica etc.“ zu Nürnberg, 1667 ebenda als „Viridarium selectissimarum Paroemiarum“, 1677 ebenda als „Viridarium selectissimis Paroemiarum et Sententiarum Latino-Germanicarum flosculis amoenissimum, … Lust-Garten, Von auserlesenen Sprüchwörtern, auch schönen und denckwürdigen Sitten- und Lehrsprüchen, etc. aus den besten sowol alten als neuen Auctoribus bestehend: So nicht nur für die Scholaren und Studiosos, sondern auch für Geistliche und Weltliche, ja für jedermäniglich, er sey gelehrt oder ungelehrt in Reden und Schrifften, überaus dienlich, also zugerichtet und eröffnet,“ in der letzteren Ausgabe nach der im Titel angedeuteten Seite hin beträchtlich und sachlich bedeutsam erweitert, bis auf 666 Seiten, während die von 1669 und so noch die von 1723 (doch hier Druckfehler 372) deren 392 zählt. Noch die letzte, 1723 erschienene Ausgabe trägt am Schlusse die Notiz: In hac priori Editione sunt Prov. 2840, In hac posteriori deprehend. 3274, Plura itaque accesserunt in hac Edit. 436. Die als „Viridarium“ bezeichnete Ausgabe ist außerordentlich reichhaltig und leistet namentlich in der Wiedergabe lateinischer antiker Sentenzen (deren Belegstellen stets genau[WS 1] angegeben sind), meist in gereimten vierfüßigen Jamben oder in fließenden Alexandrinern, äußerst Anerkennenswerthes. Der gelehrte Autor, der sich freilich öfters auf Uebertragungen anderer stützt, ist besonders bemüht, bezeichnende Ausdrücke der deutschen volksthümlichen Anschauung zu verwerthen; z. B. bringt er S. 165 extis pluit das „Schlauraffenland“ (vgl. Adagia s. v. extis), S. 181 Ficulnus homo „ein papierner Mensch“, sonst giebt er möglichst frei sinngemäß wieder, wie verba Corinthiaca et Jonica durch „prächtig stylisirte Reden“ (S. 625), und so ist auch S. 347 für Nihil amabilius quam morum similtudo hübsch gesagt „Die gleichen Humors seyn gern beysammen“. S. erweist sich nicht nur als genauen Kenner der classischen Litteratur und des lateinischen proverbium, so daß er in A. Otto’s Buch über „Die Sprichwörter und sprichwörtlichen Redensarten der Römer“ (Leipzig 1890) in umfänglicher Weise hätte herangezogen werden können, sondern weit mehr als treuen Hüter deutscher Volksweisheit in Spruch und Reim. Er hat eine außerordentlich große Fülle von sonst unbekannten, sowie zahllose Varianten geläufiger Sprichwörter erhalten, und die Ueberlieferung steht ihm in so lebendigem Flusse zu Diensten, daß er für sehr viele lateinische zwei, drei und mehr deutsche Parallelen bietet. Auch hat er sich in seiner schwäbischen Heimath selbst nach Varianten umgehört; S. 285 heißt es: „Lumen Soli mutuas, Du trägst Ablaß gen Rom, Wasser in Rhein (Kocher).“ All dies beweist seine Abkehr von jeder scholastischen Einseitigkeit, obwohl die lateinisch geschriebene Vorrede sich rein theoretisch über die alten und einige neue „Gnomologici“, besonders Erasmus, verbreitet. Hier fließen übrigens einige Beachtung verdienende Sätze über den Werth des Sprichworts und die Bedeutung der Sammlungen mit litterarhistorischen Ausblicken ein. Auch zeigt die Vorrede, noch mehr freilich die Sammlung selbst, gleich den Adagia-Ausgaben (die im ganzen als eine Art Auszug des Viridarium erscheinen) eine umfängliche Belesenheit. Von nichtantiken Autoren citirt S. mit auffälliger Vorliebe Owen, sodann Herm. Hugo, auch (Baptista) Mantuanus, Sylvius, Mich. Verinus, Kerner (welchen?), Faustus Andrelinus, Erasmus, Fr. Taubmann, Joh. Hermann (geistl. Liederdichter) u. a., ferner „Sachsen Kayser-Chr. 253 postr. part.“ Da er auf weitere Leserkreise rechnete, gibt er die Stellen aus Homer, Hesiod, Aristophanes, [83] Euripides, Thucydides, Hyperides, Aristoteles, Menander, Lucian u. s. w. lateinisch.

Für die Kenntniß von Leben, Sitte und geistigen Anschauungen in Deutschland seiner Zeit wäre vielerlei aus S. zu lernen, wenn man den gewählten Wortlaut genau durchsiebte und etwas zwischen den Zeilen läse. S. ist der letzte in der Reihe der bedeutenden deutschen Sprichwörtersammler der Renaissance. Die wiederholten Abdrücke und Umarbeitungen bezeugen die in den Jahrzehnten unmittelbar nach dem dreißigjährigen Kriege verwunderliche Thatsache, daß die Auflagen verhältnißmäßig rasch vergriffen waren und die Sammlung immer von neuem begehrt wurde. Im dritten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts schnitt diese Beliebtheit vollständig ab, bald war er vergessen, und heute besitzt die Hauptbibliothek seines Heimathlandes, die treffliche Königliche öffentliche Bibliothek zu Stuttgart, keinen einzigen Druck der Sprichwörter Seybold’s.

Von neueren Parömiographen hat zuerst Nopitsch, Literatur der Sprichwörter (1822) S. berücksichtigt. Doch nennt er (S. 48) nur „Lustgarten“ von 1677, (S. 50) „Selectiora Adagia“ von 1689 und (S. 53) „Adagia selectiora“ von 1711, trägt aber, was Duplessis, „Bibliographie parémiologique“ (1847), der S. 97 Nr. 166 und S. 336 Nr. 572 die Titel von Seybold’s Sammlungen abdruckt, S. 97 übersah, S. 273 f. auch den genauen Titel der Ausgabe von 1669 nach. Wander hat S. in seinem großen „Sprichwörter-Lexikon“ verwerthet; doch benutzte er nur das „Viridarium“ von 1677 (vgl. Wander I, S. XLIII), scheint aber Seybold’s hervorragende Bedeutung wenigstens für das lateinische Sprichwort geahnt zu haben (ebd. S. XIII Anm.). Auf sicheren Boden gestellt hat die Bibliographie Seybold’s Zacher, Die deutschen Sprichwörtersammlungen (Leipzig 1852) S. 19; vgl, dazu auch Fränkel i. d. Vierteljahrschrift f. Litteraturgesch. IV, 378, Anm. 37.

Vgl. Zedler, Gr. Universal-Lex. XXXVII, 753 („Deutscher Schulmann in der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts“); Jöcher, Allg. Gel.-Lex. IV, 546 (der S. Joh. George nennt und ihn ohne Thatsachenbeleg „zwischen 1668 und 1680“ leben läßt); Goedeke, Grundriß II2 17. Zeitschr. des histor. Vereins f. d. württembergische Franken, Heft VII für 1853 od. III. Bd. 1. Heft (Aalen) S. 34 f. (fälschlich Joh. Chr. S.); dies. Zeitschr., X. Bd. 1. Heft (Heilbr. 1875) S. 73 (verweist auf eine im „Correspondenzblatt für die Gelehrten- und Realschulen Württembergs“, 1875, Nr. 4 gegebene „ansprechende Analyse“ von Seybold’s Verdeutschung des „Bellum grammaticale“). „Das Königreich Württemberg. Eine Beschreibung von Land, Volk und Staat. Herausg. von dem Königl. statist. Landesamt“ III (1886) S. 526. Nicht erwähnt wird S. in den Mittheilungen über das Gymnasium zu Hall in: Moser, Beschreibung des Oberamts Hall (Stuttg. u. Tüb. 1847) S. 187; M. Heuß, Hall wie es war und ist (Hall 1862); Programm des K. Gymnas. zu Schwäbisch-Hall. Geschichtliches über die Anstalt (S. III–VII, von Rector Krauts[1]), Schw.-Hall 1878. – Herr Professor Th. Schott, Bibliothekar an der Königl. öffentl. Bibliothek zu Stuttgart, ist mir bei einem kurzen Aufenthalt daselbst mit Nachweisungen über S. und seine Werke hilfreich an die Hand gegangen.[2]

[Zusätze und Berichtigungen]

  1. S. 83. Z. 11 v. u. l.: Kraut. [Bd. 45, S. 672]
  2. S. 83. Z. 8 v. u. zum Art. Seybold: Weitere biographische Nachrichten liefert Professor Chr. Kolb in seiner Arbeit „Zur Geschichte des alten Haller Gymnasiums“ in der „Festschrift des königl. Gymnasiums, Schwäbisch Hall 1889/90“ auf S. 21 f. [Bd. 36, S. 791]

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: genan