ADB:Stüven, Peter von

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Artikel „Stüven, Peter von“ von Franz Ferdinand Heitmüller in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 37 (1894), S. 94–97, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:St%C3%BCven,_Peter_von&oldid=- (Version vom 5. Dezember 2019, 14:49 Uhr UTC)
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Stüven: Peter v. St., rühriger Uebersetzer französischer Classikerdramen im 18. Jahrhundert, wurde von bürgerlichen Eltern im Januar 1710 zu Hamburg geboren. Sein Vater, ein Kaufmann, hieß gleichfalls Peter, seine Mutter Anthonetta war eine geborene Widow, eine Schwester des Senators Conrad Widow, des Mitarbeiters am „Patrioten“; am Sonntag Jubilate 1709 wurden beide in Hamburg getraut (Trauregister der Petrikirche von 1701–1755). Das Taufregister derselben Kirche verzeichnet dann am 29. Jan. 1710 die Taufe des kleinen Peter. Dieser verlebt die Jugendzeit in Hamburg, besucht – am 17. März 1728 unter Michael Richey inscribirt – das akademische Gymnasium daselbst und widmet sich dem Studium der Jurisprudenz. Am 28. März 1735 promovirt er auf Grund seiner „Dissertatio inaug. de eo quod iuris est circa bona communia, post mortem unius coniugum, intuitu superstitis ac liberorum, secundum Statuta Hamburgensia“ in Utrecht zum Licentiaten der Rechte, läßt sich als Advocat in seiner Vaterstadt nieder und tritt hier in einen regen Verkehr mit dem Hamburger Dichterkreis, dessen anerkannter Mittelpunkt damals Hagedorn’s anregende Persönlichkeit war. In diese Zeit der dreißiger Jahre fällt denn auch seine fruchtbare Thätigkeit als Uebersetzer der französischen Dramatiker. Von schwerer Fieberkrankheit im August 1738 erstanden, verlobt er sich im Sommer des übernächsten Jahres mit einem Fräulein v. Bielfeld in Hamburg, der ältesten Schwester des bekannten Briefstellers und Diplomaten am Hofe Friedrich’s des Großen (s. A. D. B. II, 624). Am 20. Juni 1740 schreibt dieser aus Charlottenburg dem zukünftigen Schwager, wie er von seiner Familie aus Hamburg gehört habe, daß jener „der Freundschaft und Liebe zu Gefallen den Musen untreu geworden und seinen Pegasus auf die Weide geschickt habe“. „Mais“, fügt er hinzu, „tâchez d’accorder toujours votre belle passion avec votre raison, & que le Dieu d’hymen ne vous fasse pas faire divorce avec les Doctes Pucelles.“ In der That hat sich St. dann auch mit seinem Fortgange aus Hamburg der poetischen Reproduction enthalten, vielleicht weil ihm jetzt die nöthige Anregung fehlte; nur mit kleinen Gelegenheitsgedichten zu Geburts-, Hochzeits– und Trauerfeierlichkeiten wartet er noch bei Hofe auf. Schon im October desselben Jahres geht er nach vorübergehendem Aufenthalt in Hannover nach Berlin mit der festen Absicht, sich hier „vor beständig einen Aufenthalt zu verschaffen“. Er hat Glück und wird alsbald bei Hofe von Bielfeld dem gerade zu Besuch weilenden Markgrafen von Bayreuth vorgestellt, „qui a été si satisfait de son esprit, de son savoir, de ses talents & de ses manières, qu’il vient de l’engager à son service, & qu’il l’amenera avec lui à sa Cour.“ (Bielfeld, 15. December 1740.) Nach kurzem Verweilen in Baireuth wird er zum „Gouverneur von Christian-Erlangen“ befördert und eilt nun in Bielfeld’s Begleitung nach Hamburg, wo die Hochzeit Ende Mai oder Anfang Juni „mit weit weniger Pracht und unnützem Ceremoniell vollzogen wurde, als es sonst in unserm guten Vaterlande bey dergleichen Gelegenheiten gebräuchlich ist“. Mit seiner jungen Frau siedelt er sodann nach [95] Erlangen über, welches sein ständiges Domieil auch für die nächsten Jahre, etwa bis 1746, bleibt. Auf dem Titelblatt der Hamburger Buchausgabe einer seiner Uebersetzungen erscheint er indessen noch 1747 als „hochfürstlicher Bareuthischer Hof- und Regierungsrath“, in welcher Stellung er wohl auch geadelt sein dürfte – Bielfeld citirt ihn freilich von vornherein und stets als Herrn v. St. – und auf einem Hamburger Comödienzettel Schönemann’s vom 18. April 1747 als „geheimter Rath von Stüven“, während ihm in einem als Concept auf dem Landeshauptarchiv zu Wolfenbüttel erhaltenen herzoglichen Erlaß vom Jahre 1749 der Charakter eines „in Marggräffliche Brandenburgischen Diensten ehemals gewesenen Ghbten Legations Rath“ beigelegt ist. In dieser Wolfenbütteler Urkunde nämlich ernennt ihn der Herzog Karl am 29. Januar 1749 zum braunschweigischen Legationsrath, wohingegen doch sein Aufenthalt in Braunschweig schon im J. 1746 durch einen bezüglichen Brief Bielfeld’s gesichert erscheinen muß. Am 2. Februar 1769 scheidet er aus dem herzoglichen Dienste wieder aus: die Acten geben an, er habe sich mit einer jährlichen Pension von 400 Thalern nach Neumünster zurückgezogen. Hier aber verliert sich die Spur seines Lebens. Weder die Wolfenbütteler Urkunden, in denen mit Anfang der siebziger Jahre sein Sohn als herzoglich braunschweigischer Landdrost erscheint, noch die Kirchenbücher von Neumünster geben über den Tod des Schriftstellers eine Kunde und der Rest seines Lebens bleibt somit völlig in Dunkel gehüllt.

Was nun den Werth seiner Uebersetzungen anlangt – es handelt sich, chronologisch geordnet, um Voltaire’s „Brutus“, Racine’s „Britannikus“ und Corneille’s „Der Graf von Essex“, welche bereits bis 1735 übersetzt und auf die Bühne gebracht sind; Racine’s „Phädra“ und Voltaire’s „Alzire“ kommen noch bis 1739 hinzu –, so muß uns dieser heute gewiß recht zweifelhaft erscheinen, doch haben die Zeitgenossen ihnen vielen Beifall gezollt und sie lange Jahre hindurch auf der Bühne bejubelt. Mit vielen Andern ist es namentlich Bielfeld, der nicht müde wird, die Eleganz und Treue der Stüven’schen Uebertragungen zu betonen (Progrès des Allemands etc. S. 246), doch sind es gerade diese Eigenschaften, welche wir heute am schmerzlichsten vermissen. Die leichte Grazie und Liebenswürdigkeit des Franzosen hat nur zu viel von ihrem Zauber eingebüßt, und die polternden, schwer zu lesenden Alexandriner des Deutschen, der es mit Wortentstellungen und schiefen Bildern keineswegs genau nimmt, vermögen in ihrer versificirten Prosa oft kaum dem Sinne nach den originalen Gedanken wiederzugeben. Bemerkt zu werden verdient indessen, daß auf die Reinheit der Reime mit einer für jene Zeit doppelt anerkennenswerthen Sorgfalt geachtet ist. Im allgemeinen trifft aber Schütze, der bekannte Theaterhistoriker, den Nagel auf den Kopf, wenn er diese poetischen Leistungen „verwässert, doch für das Zeitbedürfniß brauchbar“ genannt hat. Trotz aller Mängel, die ich an anderem Orte eingehender charakterisirt und an Beispielen veranschaulicht habe, sind die Stüven’schen Uebertragungen lange Jahre hindurch auf der Bühne lebendig geblieben, und insbesondere die Neuber, welche der Hamburger Kaufmannssohn auch materiell unterstützte, konnte von Glück sagen, daß sie an solchen Werken ihre Reformideen zu erproben und mit ihrer Hülfe durchzuführen schon früh Gelegenheit gefunden hatte.

Ueber die große Zahl der Aufführungen in Hamburg und auswärts kann ich hier des Raumes wegen keine näheren Angaben machen, und nur im Vorübergehen will ich bemerken, daß der „Essex“ eine Lieblingsrolle Schönemann’s war, daß auch Schuch und Koch dieses Werk „mitunter“ noch auf ihre Bühne brachten und „Phädra und Hippolitus“ noch am 2. Januar 1766 in dem neuen Schauspielhause am Gänsemarkt in Hamburg von Ackermann einer Darstellung gewürdigt wird. Ja, noch Lessing hat zwei Aufführungen des „Essex“ auf dem [96] Hamburger Nationaltheater beigewohnt: ihm bieten sie willkommene Gelegenheit, daran die bekannte Polemik gegen den jüngeren Corneille in der Hamburgischen Dramaturgie (22. und 24. Stück) zu knüpfen.

Von allen dramatischen Arbeiten Stüven’s, die immerhin „in jener Kindheitsepoche des Deutschen Theaters“ höchst verdienstvolle Bestrebungen waren, darf indessen heute allein noch die Verdeutschung von Voltaire’s „Alzire“ Anspruch auf allgemeinere Beachtung erheben. Diese letzte und jedenfalls gelungenste seiner Uebersetzungen kam anonym im Herbst 1739 „bey Felginers Wittwe, und Bohn“ in Hamburg heraus, von des Uebersetzers Freunde Lamprecht mit einer Vorrede begleitet. Abgesehen davon, daß der Reiz und Geist des Originals sich hier keineswegs völlig verflüchtigt hatte, vielmehr sogar etwas wie ein poetischer Hauch und intime Stimmungsmalerei über manche Scenen ausgegossen erscheint, mußte auch die kraftvolle, oft leidenschaftliche Diction energisch zur theatralischen Verkörperung herausfordern. So ist es kein Wunder, wenn sich die Neuber für das ihr gleich bei ihrer Ankunft in Hamburg 1739 übergebene Manuscript der Uebersetzung begeistert und unter allgemeinem Beifall bereits am 14. Mai aufführt, und noch sechsmal in derselben Spielzeit „auf Begehren“ wiederholt. Als aber die Neuber im September zur Michaelismesse mit ihrer Truppe nach Leipzig übersiedelt, da wird St. bezw. seine Alzire-Uebertragung die unschuldige Ursache des folgenschweren Bruches zwischen Gottsched und der ihm bis dahin im allgemeinen immer dienstwilligen Comödiantenprincipalin. Bekanntlich hatte das Voltaire’sche Stück gerade eben jetzt auch durch Frau Gottsched – und vorher schon durch den Regimentsquartiermeister Johann Friedrich Kopp – eine keineswegs unerträgliche, wenn auch wortreiche und freier gehaltene Verdeutschung erfahren. Nun zögerte sie keinen Augenblick „zu verlangen, daß ihre Uebersetzung der Alzire vorgezogen werden sollte, und ihr Liebster unterstützte ihre Ansprüche kraft seines kritischen Monopolismus und des Ansehns, das er bey der Bühne erlangt zu haben glaubte“. (Reichard.) Die Neuber aber weigerte sich dessen entschieden und hat in der That auch später niemals die Gottschedische Arbeit zur Darstellung gebracht. Dieser unverhüllte Ungehorsam zerriß denn das damals immerhin schon gelockerte Band zwischen beiden vollends und Gottsched verlor somit für alle Zeiten diese thatkräftige und praktisch-gewandte Bundesgenossin seiner Bestrebungen. Stüven’s „Alzire“ aber hat durch diese Umstände eine weit über ihren ästhetischen Werth hinausgehende Bedeutung in der deutschen Theatergeschichte gewonnen, und den Namen des Uebersetzers aus der großen Schaar der zeitgenössischen Bearbeiter französischer Originale bedeutsam hervorgehoben und dem Gedächtniß der Nachgeborenen überliefert.

Zum Schluß sei noch bemerkt, daß die Originaldrucke, als deren erster die Buchausgabe der „Alzire“ anzusehen ist, heute ziemlich selten geworden sind, und der Historiker mehr oder weniger auf die späteren Drucke der „Deutschen Schaubühne zu Wienn nach Alten und Neuen Mustern“ angewiesen ist. Der „Brutus“ scheint überhaupt Manuscript geblieben zu sein.

Aus der Litteratur, in der sich verstreute Einzelheiten über St. finden, sei noch hervorgehoben: Schröder, Hamb. Schriftstellerlexikon. – Schütze, Hamb. Theatergeschichte S. 234 u. 236. Hamburg 1794. – Bielfeld, Progrès des Allemands, dans les sciences etc. S. 245 ff.; Lettres familières et autres de monsieur le baron de Bielfeld. A la Haye 1763. (Deutsche Uebersetzung u. d. T.: Des Freyherrn von Bielfeld freundschaftliche Briefe nebst einigen andern. 2. Aufl. Danzig u. Leipzig 1770.) – Hannöversches Magazin 1768. S. 373. – Reichard, Theaterjournal XIII, 56 ff. u. XIV, 53. – Löwen, Schriften IV, 27. Hamburg 1765. – Critische Beyträge XXII, 349. Leipzig 1739. – Nds. Nachr. v. gel. n. Sachen. 1735. XCIII, 805. – [97] Eschenburg, Hagedorn S. 16 u. 174. – E. Mentzel, Geschichte der Schauspielkunst in Frankfurt a. M. S. 163 ff. u. 169 ff. – Dr. F. Heitmüller, Hamburgische Dramatiker zur Zeit Gottsched’s und ihre Beziehungen zu ihm S. 34–59. Dresden u. Leipzig 1891.