ADB:Ulrich (Bischof von Halberstadt)

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Artikel „Ulrich, Bischof von Halberstadt“ von Eduard Jacobs in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 54 (1908), S. 729–732, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Ulrich_(Bischof_von_Halberstadt)&oldid=- (Version vom 17. September 2021, 23:40 Uhr UTC)
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Ulrich (Udalrich), Bischof von Halberstadt 1150–1160 und wieder 1177 bis † 31. Juli 1180. Weder über seine Herkunft noch über seinen Bildungsgang läßt sich etwas Bestimmtes sagen. Man hat in ihm einen Grafen v. Regenstein vermuthet. Gewiß fällt seine Geburtszeit noch ins Ende des 11. Jahrhunderts, da er bereits 1123 als Presbyter Mitglied des Halberstädter Domcapitels und Inhaber des Banns Unterwiederstedt, zehn Jahre [730] darnach Propst zu U. L. Frauen zu Halberstadt ist. Neben letzterer Würde bekleidet er 1148 auch noch das geistlich-richterliche Amt eines bischöflichen Vicedominus. Als am 6. October des nächsten Jahres Bischof Rudolf von Halberstadt gestorben war, wurde U., von K. Konrad empfohlen, dessen Nachfolger. Die Jahre seines Bisthums zählte er von 1150 an. Als ein die Rechte der Kirche entschieden vertretender sittenstrenger Mann konnte U. die Kämpfe, die seine Würde ihm bringen werde, wohl voraussehen, da Besitz und Rechte der Kirche durch das weltliche Fürstenthum schwer bedroht wurden. Dazu war längere Zeit durch einander befehdende Päpste die Einheit der Kirche aufgelöst. Seit dem Beginn seines Bisthums hat er fortwährend über die Zettelungen gottloser Leute zu klagen, welche Besitz und Frieden stören und die er mit Bann und sonstigen kirchlichen Strafen bedroht. Er war eifrig bestrebt, in Manns- und Frauenklöstern das gesunkene geistliche Leben wieder emporzurichten, wobei er seinen Vorgänger B. Reinhard zum Vorbild nahm und demselben auch durch regelmäßige Abhaltung von Diöcesansynoden nacheiferte. Zu Kaiser und Reich stand er treu, soweit dies nur bei seiner kirchlichen Stellung zu Papst Alexander III. möglich war. Und wenn er 1154 versäumte, dem Kaiser seiner Reichspflicht gemäß auf dem Zuge nach Italien zu folgen, so ist Grund, anzunehmen, daß eine ernstliche Rücksicht auf die Sicherheit seiner Stellung dies veranlaßte. Wir hören nämlich im Jahre vorher von einem Aufstandsversuch der Halberstädter Bürger gegen ihn. Auch mochte er schon Grund haben, sein Land bei der Abwesenheit des sächsischen Herzogs vor dessen Eingriffen zu sichern. Jedenfalls wurde der Friede mit dem Könige, der Anfang Mai 1156 zur Sicherung des Landfriedens in Halberstadt erschien, bald wiederhergestellt und blieb hinfort fest und unerschüttert bestehen. Nach dem letzteren Jahre trat wohl das einzige Mal zur Zeit seines bischöflichen Regiments ein solcher Ruhepunkt ein, daß U. es wagen konnte, im Januar 1158 mit Markgraf Albrecht dem Bären von Brandenburg und mit dessen Gemahlin Mathilde eine Pilgerfahrt durch das griechische Reich nach Jerusalem zu unternehmen. Nicht gar lange war er von dieser Fahrt zurückgekehrt, als die von 1159–1177 andauernde Kirchenspaltung Kämpfe heraufbeschwor, in die er alsbald verwickelt wurde. Da er sich nämlich mit der streng kirchlichen Minderheit in Deutschland dem Candidaten der Mehrheit im Cardinalcollegium, Alexander III., anschloß, so wurde er vom Cardinallegaten des Gegenpapstes Victor IV. mit willigst gewährter Hülfe Herzog Heinrich’s von Sachsen abgesetzt und excommunicirt. Von Seiten Alexander’s III. auch forthin als Bischof von Halberstadt anerkannt, behielt er auch in seinem Stift manche Anhänger, vollzog einzelne kirchliche Acte, hielt sich aber meist in Salzburg auf. Für seinen natürlichen Widersacher Herzog Heinrich von Sachsen war Ulrich’s Absetzung sehr erfreulich, denn dieser fand in dem Nachfolger Gero ein gefügiges Werkzeug für seine Absichten und erlangte von ihm die Halberstädter Lehen, die U. nicht hatte vergeben wollen.

Infolge der Vereinbarungen von Anagni und des Friedens von Venedig 1177 wieder als Bischof von Halberstadt eingesetzt und hier mit allen Ehren empfangen, entsetzte er die von Gero geweihten Geistlichen ihrer Würden, während die Abgesetzten zu ihren Kirchen zurückkehrten. Auch gelang es U., entfremdete Besitzungen wieder ans Stift zurückzubringen, wie Schloß Alvensleben und Gatersleben. Alles andere trat aber als unbedeutender zurück hinter der Abrechnung, die mit dem Sachsenherzoge gehalten werden mußte. Unmöglich konnte U. die Halberstädter Lehen in dessen Händen lassen, die er dem Vorgänger abgenöthigt hatte. Als der Bischof sie zurückforderte, Herzog Heinrich aber die Herausgabe hartnäckig verweigerte, während Ulrich’s [731] Forderung der durch den Frieden von Venedig erfolgten Restauration gemäß war, bannte der Bischof den Herzog, der nun seinerseits zum Kampfe schritt. Wiederholt wurde in den verwüstenden Kämpfen die bischöfliche Grenzfeste Hornburg a. d. Ilse zerstört und wieder aufgebaut. Um seine Hauptstadt zu sichern, baute U. in deren Nähe auf einer niederen Stufe des Hoppelbergs die Feste Bischofsheim, auch die neue Burg genannt, deren Lage man noch heute nachweist. Aber auch diese die Bischofsstadt deckende Feste wurde vom Herzog zerstört, doch von U. mit Hülfe seiner Bundesgenossen Markgraf Otto von Meißen und Herzog Bernhard von Anhalt wiederhergestellt. Beide, die allerdings in gleicher Weise von dem Welfen bedroht wurden, standen mit Erzbischof Wichmann von Magdeburg treu zu Bischof U., zugleich standen sie auch fest zum Kaiser. Weniger Ehre brachte dem Bischof das Bündniß mit Erzbischof Philipp von Köln, der, ebenfalls von Herzog Heinrich gekränkt, sich eng an U. anschloß und im J. 1178 mit ihm in Kassel zusammentraf. Denn des Erzbischofs brabantische Hülfsvölker erwarben sich durch ihre wilde Raubgier einen bösen Ruf, so daß es zu besonderem Segen gereichte, daß Ulrich’s Freund Wichmann einen Waffenstillstand vermittelte. Auch als nach Abzug der Verbündeten die Feste auf dem Hoppelberge abbrannte und man den welfischen Herzog für den Urheber dieses Zerstörungswerkes ansah, gelang es den Bemühungen desselben Kirchenfürsten, die Wiederaufnahme des Kampfes zu verhüten, indem er im Verein mit den übrigen verbündeten Fürsten seine Mithülfe bei einem abermaligen Aufbau der Burg zusicherte, was auch gehalten wurde. Als nun der sächsische Herzog, um den Bau zu hindern, den Pfalzgraf Adalbert von Sommerschenburg mit einem Heere gegen die das Werk schützenden Fürsten entsandte, erlitt dieser durch Graf Bernhard in einem nicht weit vom Hoppelberg vor dem Harz gelegenen Bruche (dem Westerhäuser) empfindliche Verluste, so daß U. nun ungehindert seine Grenzfeste Hornburg wieder aufbauen konnte. Die erlittene Schlappe und der die kriegerischen Unternehmungen hemmende Winter veranlaßten den Herzog, vielleicht aus politischen Erwägungen, sich mit einem angemessenen Geleite nach Halberstadt aufzumachen und durch demüthige Unterwerfung hier vom Bischof die Lösung vom Bann zu erlangen. Da diese Demüthigung aber keine innerliche war, so gab der Herzog bald neue Gelegenheit zum Streit und der Kampf wurde rücksichtsloser als zuvor geführt. Während von dem eben wiedererstandenen Hornburg aus Einfälle ins Braunschweigische gemacht wurden, entsandte Herzog Heinrich seine Scharen ins Halberstädtische, wo die fast offene Bischofsstadt ohne wirksamen Widerstand erobert und entsetzlich geplündert wurde. Trotz der Vorsicht der Bürger gelang es dem Kriegsvolk, die Stadt anzuzünden, worauf dann die Feuersgluten den Dom, das U. L. Frauenstift und fast sämmtliche Kirchen, Stifte und Klöster verzehrten. Die entmenschten Kriegsleute wütheten gegen Geistliche und Weltliche, Männer und Frauen mit einer solchen gemeinen Lustgier und Rohheit, daß die Zeitgenossen glaubten, unmittelbare Einflüsse dämonischer Mächte, welche die, wie der Erfurter Annalist sagt, von den Furien aufgestachelten Krieger bethörten, annehmen zu müssen. Der Annalist von Kremsmünster mißt dieses Blut- und Zerstörungswerk, das sich in den Morgenstunden des 23. September 1179, eines Sonntags, vollzog, statt den Genossen des eigenen Volkes den Slaven bei. U., ein hochbetagter Greis mit völlig weißem Haar, wurde in der bischöflichen Burg, wohin er sich zurückgezogen, mit zahlreichen anderen Geistlichen und weltlichen Getreuen gefangen genommen. Bis zuletzt hielt er die Reliquien seines Hauptherrn S. Stephan in den Händen, offenbar um damit der Zerstörung durch die Flammen zu wehren. Aber mit den halbverkohlten Heilthümern wurde er [732] gefesselt vor den Welfen geführt, der sich über das gelungene Vernichtungswerk freute und den bischöflichen Greis weiter nach Artlenburg an der Elbe abführen ließ. Nach der Darstellung des für ihn handgreiflich parteiischen Arnold von Lübeck soll er trotzdem beim Anblick des ermatteten alten Bischofs, seines geistlichen Oberherrn, geweint haben. Seine Gemahlin Machthild aber versah den Gefangenen mit angemessener Gewandung. Als Heinrich in Lüneburg Weihnachten feierte, ließ er dorthin den Bischof vor sich führen, nöthigte ihn zur abermaligen Lösung vom Bann und schrieb ihm die Bedingungen seiner Freilassung vor, die freilich vom Papst und Kaiser als erzwungen nicht anerkannt wurden.

Gegen Anfang des Jahres 1180 in sein Bisthum zurückgekehrt, wirkte U. noch etliche Monde in demselben Sinn und Geiste wie vom Beginn seines oberhirtlichen Waltens an. Dann begab er sich gegen Ende Juni nach dem von ihm besonders gehegten Kloster Huisburg, wo er am letzten Tage des Juli, etwa 85 Jahre alt, verschied und wo auch seine irdischen Reste zur Ruhe gebettet wurden. Heinrich der Löwe überlebte seinen Hauptgegner fünfzehn Jahre. Wieviel aber die Beschwerden, welche Bischof U. wider ihn hatte und die Zerstörung der Bischofsstadt zu seinem Sturze beitrugen, ist theils an sich, theils aus der merkwürdigen Erklärung Kaiser Friedrich’s I. über die Gründe für die Verurtheilung des Herzogs bestimmt zu entnehmen. U. war von Jugend auf ein entschiedener und feuriger Vertreter des mittelalterlichen Kirchenthums im Sinne eines Gregor VII. und seines eigenen Vorgängers Bischof Reinhard, und sein scharfer Gegensatz zu Herzog Heinrich ist durchaus nicht aus einer besonderen persönlichen Gereiztheit und Leidenschaft zu erklären. Wenn er aber am späten Abend seines Lebens erklärt, daß die Kämpfe und Empörungen, die ihn vom Beginn seines bischöflichen Waltens an unaufhörlich schreckten, ihn nicht abhalten könnten, als ein treuer Hirt sich der ihm anvertrauten Herde anzunehmen (26. Juni 1180), so zeugen zahlreiche Urkunden dafür, daß er diesem Grundsatze gemäß handelte.

Gesta episcopor. Halberstadens. M. Germ. SS. 23, 107–109; G. Schmidt, Urkdb. d. Hochstifts und der Bischöfe von Halberstadt, besond. Nr. 229–270; 278–293; vgl. 158, 169, 171, 184, 198, 213 f., 221 ff. Ann. Pegav. M. Germ. SS. 16, 260–263; ann. Palid. das. 84–95; ann. Magdeb. das. 191, 194 f.; ann. S. Petri Erfordens. das. 20, 22, 24; ann. Stederb. das. 213; Arnold, chron. Slavorum M. Germ. SS. 21, 134–136; chron. mont. Sereni M. Germ. SS. 23, 151, 156–158; ann. Cremifanens. M. Germ. SS. 9, 546; ann. S. Rudberti Salisburg. breves M. Germ. SS. 9, 758. – Sächs. Weltchronik und Braunschw. Reimchronik, Deutsche Chroniken II, 221 f., 230 f., 498 f. – Giesebrecht, Gesch. d. deutschen Kaiserzeit, 5. Band (vgl. d. Register). – Philippson, Gesch. Heinrich’s d. Löwen II, 215 f., 217 f. – Hans Prutz, Heinrich d. Löwe, besond. III S. 305–324; Derselbe, Kaiser Friedrich I. I, 37, 58, 128, 324; II, 160, 266, 291; III, 32 ff., 36, 69 ff. – Lentz, Halberst. Stiftshistorie, S. 82. – Zeitschr. d. Harzvereins f. Gesch.- u. Alterth.-Kunde IV, 374; V 324 (Angaben vom Ableben und Begräbniß Bischof Ulrich’s im Morilogium Huisburgense). – L. Weiland, Forschungen zur deutschen Geschichte VII, 181 (wo versucht wird, die Demüthigung Herzog Heinrich’s vor Bischof Ulrich als Erdichtung hinzustellen).